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Full text of "Sitzungsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin"

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SITZUNGSBERICHTE 



DER 



KÖNIGLK !H PREUSSISCHEN 



AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 



ZU BERLIN. 



JAHRGANG 1890. 



ZWEITER HALBBANI). JUNI BIS DECEMBER. 



STÜCK XWI11 — LIII MIT DREI TAFELN, DKM VERZE1CHNISS DER EINGEGANGENEN DRUCK- 
SCHRIFTEN, NAMEN- UND SACHREGISTER. 



BERLIN, 1890. 

VERLAG DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

I\ ii IMMISSION HEI GEORG REIMER. 



AS \8z 



INHALT. 



Seite 

Köhler: Über die Diadochengeschichte Arrian's 557 

Jahresbericht über die Thätigkeil des Kaiserlich deutschen archaeologischen Instituts 589 

Kayseb und Rungi : Über die Spectren der Alkalien 599 

Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Fortsetzung) G01 

Weinhold: Über den Mythus vom Wanenkrieg r>ll 

von Siemens: Über das allgemeine Windsystem <lcr Erde V>'1'.) 

du Bois-Reymond : Über seeundär -elektromotorische Erscheinungen an den elektrischen Geweben. 

(Fortsetzung) 639 

Rammelsberg: Über die chemische Natur der Turmaline 679 

Khonecker: Über orthogonale Systeme. (Fortsetzung) 691 

Klein: Krystallographisch - optische Untersuchungen, vorgenommen an Rhodizit, Jeremejewit , Ajialcim, 

Chabasit und Phakolith 703 

Auerbach: Zur Kenntniss der thierischen Zellen 7-'!ö 

DU Bois-Reymoxd: Festrede zur Feier des LsiBNlzischcn Gedäclitnisstagos 753 

Zeller: Bericht über die Vollendung der akademischen Ausgabe von Leibniz' philosophischen Schriften 774 

Engler: Antrittsrede 77ö 

in Bois-Reymond: Antwort an Hi'n. Engler 778 

Weinhold: Antrittsrede 780 

min der Gabelentz: Antrittsrede 782 

Ci i ins: Antwort an Hrn. Weinhold und Hrn. ms der Gabelentz 786 

Harnack: Antrittsrede 788 

Mommsen: Antwort an Hrn. Harnack 791 

Steiner'scher Preis 793 

Preisaufgabe aus dem min MiLOSZEWSKi'schen Legat 7'.M 

Preisaufgabe der philosophisch -historischen Classe 796 

Thiesen: Beitrage zur Dioptrik 799 

Bhunner: Über absichtslose Missethat im altdeutschen Strafrechte 815 

Möniis: Über die Bildung und Bedeutung der Gruppenbegriffe unserer Thiersysteme 845 

von Helmholtz: Die Energie der Wogen und des Windes 853 

Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Fortsetzung) 873 

Schneider: Nein- histologische Untersuchungen über die Eisenaufuahme in den Körper des Proteus 

(hierzu Taf. V) . 887 

Weber: Die Griechen in Indien 901 

Dümmler: Über Christian von Stävelot und seine Auslegung zum .Matthäus 935 

II. E. .1. (i. du Bois und Rubens: Brechung und Dispersion des Lichts in einigen Metallen (hierzu Taf. VI) 955 

Arons: Beobachtungen an elektrisch polarisirten Platinspiegeln 969 

Dilthey: Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Aussen- 

welt und seinem Recht 977 

Kronecker: Zur Theorie der elliptischen Functionen. (Fortsetzung) I' 1 ' 1 



Inhalt. 

Seite 

Jesse: Untersuchungen über die sogenannten leuchtenden Wolken (hierzu Tat'. VII) . . .... 1031 

Schimpeb; Ober Schutzmittel des Laubes gegen Transpiration, besonders in der Flora Java's . 1045 

Kronecker: Über orthogonale Systeme (Fortsetzung) 1063 

Kronecker: l ber die Composil (Irr Systeme von r? Grössen mit sich selbst 1081 

Adresse an den General -Feldmarschall Grafen von Meiner. 1090 

Kirchhoff: Bemerkungen zu Thukydides 5 , 21 — 24 1091 

Dames: Ober die Schichtenfolge der Silurbildungen Gotlands und ihre Beziehungen zu obersilurischen 

Geschieben Norddeutschlands 1111 

Schwendener: Nochmals über die optisch anomale Reaction des Traganth- und Kirschgummis . 1131 

I i ktiüs: Studien zur Geschichte des griechischen Olymps 1141 

Rinne: Über die Umänderungen; welche die Zeolithe durch Erwärmen l>ei und nach dem Trübewerden 

erfahren 1103 

Braun: Beobachtungen über Elektrolyse 1211 

Kronecker: Algebraische Reduction der Schaaren bilinearer Formen 1225 

Liebreich: Dritte Abhandlung über den teilten Raum bei chemischen Reactionen 1239 

b \ : Zur Entwicklung der Allen 1257 

von lim mann: Neue Untersuchungen über die Athylenbasen 1267 

Gabriel: Zur Kenntniss bromhaltiger Amine aus der Fettreihe 128! 

von Bezold: Zur Theorie der Cyklonen 1295 

Schrader: Die Datirung der babylonischen sogenaimten Arsacideninsdhrifteii 1319 

l'.i rieht des Prof A. Brückner über seine von der Königlichen Akademie subventionirte Reise 1889 1890 1335 

Dillmann: Textkritisches zum Buche [job 1345 

Kronecker: Algebraische Reduction der Schaaren quadratische] Formen 1375 

Verzeichnis* der cm^enaiiu-euen Druckschriften (I) 

Namenregister (II ) 

Sachregister (671 



1890. 

XX11II. 

SITZUNGSBERICHTE 

DEE 

K (") M ( ; 1 JCH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 
.">. Juni. Gesammtsitzung. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Curtius. 

1. Hr. Köhler las über die Diadochengeschichte Arrian's, 

2. Hr. Conze erstattete den Jahresbericht über die Thätig- 
kcil des Kaiserlich deutschen are Ideologischen Instituts. 

3. Hr. von Helmholtz berichtete von den Studien der HH. Prof. 
11. Kaysee und Prof. C. Runge in Hannover über die Spectren der 
Alkalien. 

Die beiden ersten Mittheilungen erfolgen im Sitzungsbericht; über 
die dritte folgt hier eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten 
Resultate, die ausführliche Veröffentlichung wird in den »Abhand- 
lungen« des lautenden Jahres geschehen. 

4. Die philosophisch -historische (lasse hat zu wissenschaftlichen 
Unternehmungen bewilligt: 3000 Mark fiir die Supplemente zum 
Corpus inscriptionum Latiriarum; 1000 Mark zur Herstellung einer 
Prosopographie der römischen Kaiserzeit; 3000 Mark zur Fortführung 
des Corpus inscriptionum Graecaruin; 5000 Mark zur Herausgabe der 
Commentatoren des Aristoteles; 6000 Mark zur Herausgabe <\t-v poli- 
tischen Correspondenz und der Staatsschriften König Fkiedrich's IL; 
3000 Mark zu ferneren Vorarbeiten zur Herausgabe einer Publication 
der antiken Münzen Moesiens und Thrakiens. 

5. Die physikalisch -mathematische (lasse hat zu wissenschaft- 
lichen Unternehmungen bewilligt: 1500 Mark der Deutschen anato- 

Siüuiigsbenchte 1890. . 50 



.).)(> Gesammtsitzung vom 5. Juni. 

misehen Gesellschaft als Beihülfe zur Herausgabe einer einheitlichen 
anatomischen Terminologie; 1200 Mark an Hrn. Prof. Dames hierseihst 
zu einer" geologischen Untersuchung der Insel Gotland und Dalekar- 
liens; 1200 Mark an Hrn. Prof. Urban hierselbst zu einer Reise nach 
Paris zum Zweck des Studiums der dort befindlichen Exemplare der 
westindischen Flora; 1200 Mark an Hrn. Dr. F. Rinne hierselbst zur 
Untersuchung der mitteldeutschen Basalte; 1500 Mark an die Verlags- 
buchhandlung von Max Cohen und Sohn in Bonn als Zuschuss zur 
Herausgabe der von Hrn. Brot'. Nüssbaum mit Unterstützung der Aka- 
demie ausgeführten Untersuchungen über die californischen Cirrhi- 
pedien; 450 Mark an die Buchhandlung Wilhelm Engelmann in Leipzig 
als Beihülfe zur Herausgabe eines Werks von Hrn. Dr. K. Schumann 
hierselbst über den Blüthenanschluss. 

6. Hr. Autveks überreichte im Auftrage des Hrn. Prof. E. Holden, 
Directors des Lick Observatory, Mt. Hamilton. Gal., eine Positiv-Gopie 
einer der Aufnahmen der totalen Sonnenfinsterniss vom 2i.December 
[889, welche der von der Sternwarte nach Cayenne entsandten Expe- 
dition gelungen sind. 

7. Derselbe überreichte ferner die beiden ersten im Druck 
vollendeten Stücke des grossen Sterncatalogs der Astronomischen Ge- 
sellschaft: Zone 55 bis 65°, Helsingfors- Gotha, und Zone i° bis 5 , 
Albany, und im Auftrage des Hrn. Prof. H. A. Schwarz in Göttingen 
dessen »Gesammelte mathematische Abhandlungen«. 

8. Hr. David Gill, Directör der Königlichen Sternwarte am Cap 
der Guten Hoffnung, wurde zum correspondirenden Mitglied der 
physikalisch - mathematischen (lasse erwählt. 



.557 



Über die Diadochengeschichte Arrian's. 

Von U. Köhler. 



tLine feinsinnige Untersuchung und eine glückliche Entdeckung haben 
neuerdings die Aufmerksamkeit auf den Historiker Aman gelenkt. 
Heinkich Nissen luvt die Älexandergeschichte des Mannes aus den litte- 
rarischen Strömungen und den geschichtlichen Ereignissen im Zeitalter 
der Antonine erläutert und danach die Entstehungszeit der Anabasis 
(um 1 66 168) bestimmt; 1 ein jüngerer Gelehrter, Hr. Rfitzenstein, 
hat in einem Palimpsest des Vatican Stücke einer Diadochengeschichte 
aufgefunden und dem Werke Arrian's zugewiesen, welches den Titel 
rci. 1J.ET0L 'AXetavSpov führte und uns aus dem Auszug des Patriarchen 
Photios bekannt war." Diese litterarischen Erscheinungen haben mich 
veranlasst, eine früher begonnene Untersuchung über die Diadochen- 
geschichte Arrian's wiederaufzunehmen, deren Ergebnisse ich mir hier 
lnit/.utheilei) erlaube. 

Dass das Geschichtswerk, welches die Dinge nach Alexander be- 
handelte, von Aman später verfasst worden ist als die Alexander- 
geschichte, bedarf keines Beweises. Als Aman die Anabasis abschloss, 
lag ihm der Gedanke, diese durch ein zeitlich sich anschliessendes 
Werk zu ergänzen, noch fern. Während in der Alexandergeschichte 
eine besondere Schrift über die Entdeckungsfahrt der makedonischen 
Flotte unter Nearchos inAussichl gestellt wird (VI 28, 6), deutet nichts 
in derselben auf die Absicht hin, die Geschichte weiter zu führen. 
In dem letzten Buch der Anabasis ist nicht nur mehrfach über Dinge 
ausführlich gehandelt, auf welche der Verfasser in einer Darstellung 
der Begebenheiten nach dem Tode Alexander's zurückkommen musste; 
die Art und Weise, wie sich Arrian Beispiels halber mit den Über- 
lieferungen über die. weiteren Eroberungspläne und die letzten Be- 
stimmungen des Königs abfindet, lässt darauf scbliessen, dass er, als 
er die Anabasis zu Ende führte, mit den Quellen für die Geschichte 



1 Rhein. Mus. 1888 S. 236 ff. 

- Arriani Twv psi IXt^avSgov libri septimi fragmenta, ed. Ricardus Reite: istei* 
ireshiu 1888 (ans Brest, philol. Abhandlungen Bd. III). 

50' 



558 . Gesammtsitzung vom 5. Juni. 

der Diadochenzeit noch nicht vertraut war. Als er später, sei es nun 
aus eigenem Antrieb oder auf Veranlassung befreundeter Leser der 
Anabasis, daran ging ra u.irx ' \?.:-h:v6p:v zu schreiben, setzte er sich 
die Rückkehr Antipater's aus Asien zur Grenze. Seit der Überführung 
der beiden Schatten -Könige, des stumpfsinnigen Philipp Arrhidaios 
und des Kindes der Roxane, nach Europa war die Auflösung des 
Werkes Alexander's , des Persisch-makedonischen Reiches, entschieden. 
Für Jemanden, der eine Ergänzung zur Alexandergeschichte schreiben 
wollte, bot sieh die Heimkehr Antipater's als passender Abschnitt dar. 
Aman hatte von Anfang an nicht die Absicht, die Darstellung weiter 
zu führen und eine Geschichte der Diadochen zu schreiben; er würde 
sieh sonst über die Ereignisse nach dem Tode Alexander's kürzer gefasst 
und nicht mit der Geschichte von noch nicht drei Jahren zehn Bücher 
gefüllt haben. 

Der kritische Standpunkt, den wir Arrian in der Alexanderge- 
schichte einnehmen sehen, lässt darauf sehliessen , dass er für die Zeit 
nach Alexander gleichfalls auf die zeitgenössische Überlieferung zurück- 
gegangen ist und von den Darstellungen der Diadochengeschichte 
diejenige, welche ihm aus äusseren und inneren Gründen die best- 
beglaubigte zu sein schien, seiner eigenen Darstellung zu Grunde 
gelegt hat. Man darf dies um so sicherer annehmen, da in beiden 
Fällen die Überlieferung ähnlich lag. Sowie sich die Tradition über 
die Geschichte Alexander's in die halbofficielle makedonische und die 
novellistisch gefärbte Vulgärtoadition spaltete, tagen dem späteren 
Historiker auch für die Diadochenzeit zwei wesentlich verschiedene 
Darstellungen vor. Den Alexandergeschichten des Ptolemaios und 
Aristobulos entsprach die Diadochengeschichte des Hieronymos von 
Kardia, der. nachdem er ein halbes Jahrhundert hindurch Anfangs 
unter seinem Landsmann und vielleicht Verwandten 1 Eumencs und 
nach Eumenes' Tode unter Antigonos und dessen beiden nächsten 
Abkömmlingen als diplomatischer Unterhändler, im Felde und in der 
Verwaltung gedient hatte, im hohen Greisenalter die Summe seiner 
Erfahrungen in einem Geschichtswerke niederlegte, welches an Aus- 
führlichkeit und Umständlichkeit, Sachlichkeit und Genauigkeit in der 
griechischen Historiographie vielleicht nur in dem Polybianischen Ge- 
schichtswerk seines Gleichen gehabt hat. Das Werk des Hieronymos 
hatte sein Gegenstück in der Darstellung der Diadochengeschichte in 
dem umfassenderen Geschichtswerk des Duris von Samos. der. nach- 
dem er die peripatetische Gelehrtenschule durchgemacht hatte, es siel. 



Die ig, Hieronymos sei ein Verwandter des Eumenes gewesen, 

gründe! sich darauf, dass der Vater des Eumenes Hieronymos hiess (An-. Ind. • 



Köhler: I ber <li<' Diadochengeschichte Arrian's. 559 

als Historiker nach seinem eigenen Geständniss zur Aufgabe stellte 
anschaulich und unterhaltend zu erzählen. Der Geschichtsschreiber, 
,\t-v sieh für die Geschichte der Feldzüge Alexander's Ptoleinaios and 
Aristobulos, für die Schrift über die Entdeckungsfahrt der makedo- 
nischen Flotte Nearchos zu Führern gewählt hatte, konnte, wo es 
sieh um die Geschichte der Diadochenzeit handelte, zwischen lliero- 
nymos und Duris nichl schwanken; aus der Vergleichung des er- 
haltenen Auszuges aus dem Werke ra ixirx, ' A.Xet~&vtyov mit. den auf 
Hieronymos zurückgehenden Berichten bei Diodor ist längsl geschlossen 
worden, dass der Darstellung Arrian's die Darstellung des Hieronymos 
zu Grunde lag. Aber es heissl die Arbeitsweise Arrian's verkennen, 
wenn von Manchen die Sache so aufgefassl worden ist. als wenn der- 
selbe bloss die Darstellung des Hieronymos überarbeitel habe. Sowie 
Aman in der Anabasis den Berichten der Begleiter und Mitstreiter 
Alexander's Berichte aus der Vulgärtraditioh als unbeglaubigl zur 
Seite gestellt hat, ebenso hat er unzweifelhaft in der Fortsetzung 
derselben mit den Berichten aus seiner Hauptquelle Nachrichten aus 
Duris und vielleicht noch aus anderen Nebenquellen verbunden. In 
dem erhaltenen Auszuge ist davon allerdings nichts zu merken. Aber 
auch in dem Auszüge aus der Anabasis hat Photios den Unterschied 
zwischen der beglaubigten und unbeglaubigten Tradition , der indem 
Originalwerk gemacht ist. verwischt. 

Fragmente aus dem Werke tu. \xtrk 'AXe^avtyov sind erhalten in 
einer der grammatisch -lexikalischen Schriften in den Anecdota von 
Bekkek, welche überschrieben ist -sei uwru^euiQ .' und bei Suidas. 
In dem Lexikon -sei crvvToL^ewg ist den aus verschiedenen Schriftstellern 
angeführten Stellen ausser dem Namen des Autors in vielen Fällen 
der Titel des Werkes mit oder ohne Buchzahl, aber auch die Buch- 
zahl ohne den Titel beigefügt; namenlose Citate kommen vereinzelt 
vor. Von den Schriften Arrian's werden citirt die Alexandergeschichte 
(rct~epi ' AXs£ctvc)pov) und die Fortsetzung derselben (rx. asrk \\.Xe£ct.vtyov); 
unter den titellosen Citaten aus Arrian ist keines, welches nach dem 
Inhalt einer anderen Schrift zugewiesen werden müsste. Man ist 
daher berechtigt anzunehmen, dass der Verfasser des Lexikons von 
dm Schriften Arrian's nur die Alexandergeschichte und die Fort- 
setzung derselben vor sieh gehabt hat. und dass folglich diejenigen 
von den angeführten Stellen, welche nicht in der Anabasis stehen 
oder etwa in der Lücke, die an einer Stelle den Text unterbricht, 
untergebracht werden können, aus dem Werk rot, fjLsra. 'AXefavtyov her- 
rühren. 



Anrcdota tiraeca I S. 117. 



l>(il) Gesammtsitzung rom 5. Juni. 

Nicht so einfach liegt die Sache hei Suidas, welcher den von 
ihm angeführten Stellen den Titel de« Werkes nur ausnahmsweise, 
häufig aber nicht einmal den Namen des Autors beifügt. Von den 
Schritten Arrian's nennt Suidas nur die Parthisohe Geschichte und 
auch diese bloss an einer Stelle, obwohl er nachweislich sowohl die 
nupSixa. wie auch die Anabasis und selbst die kleine Schrift über 
Indien und die Entdeckungsfahrt durch das rothe Meer ausgezogen 
hat. Hier licet also die doppelte Aufgabe vor, aus den Fragmenten 
die Arrianfragmente und aus den Arrianfragmenten die Fragmente ans 
dem Werke tu jjletcc 'AXe^ocvtyov auszuscheiden. Die Entscheidung muss 
nach Sprache und Inhalt getroffen werden. 

Die Herausgeber des Suidas haben drei längere historische Artikel, 
welche Charakteristiken des Leonnatos, Krateros und Perdikkas ent- 
halten, als Fragmente aus Arrian's to\ fxer 'AXe^dv^pov bezeichnet. Die 
modernen Historiker haben die drei in jedem Falle merkwürdigen 
und werf h vollen Stücke unbenutzt gelassen; nur Niebuhr hat in den 
Vortragen über alte Geschichte (III. S. 68) die Charakteristik des 
Krateros, die ausführlichste von den Dreien, angezogen und ebenfalls 
auf Aman zurückgeführt. Dkoysen, der die Nachrichten über die 
Diadochenzeit mit bewundernswürdiger Hingabe gesammelt hat. sind 
die Charakteristiken der drei makedonischen Strategen offenbar un- 
bekannt geblieben, sowie er überhaupt das Lexikon des Suidas. welches 
auch für die spätere Diadochenzeit werthvolles, aber, nachdem Droysen 
daran vorübergegangen war. unberührt gebliebenes Material enthält, 
nicht ausgebeutet hat. 

Das Urtheil der Herausgeber des Suidas erscheint, soweit der 
Inhalt der Fragmente in Frage kommt, als wohl begründet. Die drei 
Charakteristiken zeugen von vollster Personal- und Sachkenntniss und 
müssen aus einem Ceschichtswerk stammen, welches auf zeitgenössische 
Quellen zurückging. Fasst man aber die sprachliche und stilistische 
Seite der Fragmente bei Suidas in's Auge, so wird man sich leicht 
überzeugen, dass diese Fragmente nicht aus einer Schrift Arrian's 
stammen. Die bekannten sprachlichen Eigentümlichkeiten der histo- 
rischen Werke Arrian's treffen für die Fragmente bei Suidas nicht 
oder nur zum Theil zu. An keiner Stelle findet sich %vv statt avv 
gebraucht nach der Weise Arrian's. Zwischen der durchsichtigen 
Breite des arrianischen Stiles und der gedrängten und sententiösen 
Kürze der Fragmente bei Suidas besteht ein Unterschied, der auch 
einem für stilistische Beobachtungen weniger geschulten Auge nicht 
verborgen bleiben kann. 

Ungefähr hundert Jahre nach Arrian schrieb der Athener Dexippos 
sein Geschichtswerk über die Diadochenzeit. Über den Stil des 



Köhler: Über die Diadochengeschichte Arrian's. .~i(>1 

Dexippos urtheilt der kundige Photios folgendennaassen : ' ecti d; rijv 
cppacw a—spiTToc re xod oyxco x.a.1 ct^JwjwotTi yjupw km ws &v ns siwoi a.'KKog 
fjisTx Tivoi <r<&<f>Yivstci,q @ovxv$i$n<;. Dieses Urtheil wird durch die eidialtenen 
Bruchstücke der Geschichtswerke des Dexippos bestätigt; namentlich 
in den Reden, welche in den Überresten der Konstantinischen Samm- 
lungen erhalten sind, ist die bewusste Imitation der gedankenreichen 
Kürze des Thukydides handgreiflich. Aber auch für die drei Charak- 
teristiken bei Suidas trifft das Urtheil des Photios vollständig zu. 
Ich betrachte es als unzweifelhaft, dass diese Charakteristiken aus der 
Diadochengeschichte des Dexippos stammen. Schwerlich aber hat 
Suidas. der Dexippos an mehreren Stellen cit.irt, die Charakteristiken 
aus dem Werke desselben selbst ausgezogen. Die Charakteristik des 
Krateros wenigstens bildete augenscheinlich in dem Originalwerk kein 
Ganzes, sondern ist aus mehreren Excerpten zusammengesetzt. Dieser 
Arbeit wird sich der fleissige, aber mechanisch arbeitende Suidas kaum 
unterzogen haben. Viel wahrscheinlicher ist es. dass er die Charak- 
teristiken aus den Konstantinischen Sammlungen, die er nachweislich 
benutzt hat, 2 und zwar aus dem Abschnitt -sei cccsty^ xoä xuxictc, ge- 
nommen hat. welcher eben Charakteristiken hervorragender Staats- 
männer und Feldherrn enthielt. 

Für die Sache macht es keinen wesentlichen Unterschied, oh die 
drei Artikel bei Suidas aus dem Geschichtswerk Arrian's oder aus 
demjenigen des Dexippos stammen. Nach dem Zeugniss des Photios 
stimmte Dexippos meist mit Arrian überein; offenbar war dies der 
Grund, weshalb Photios das Werk des Dexippos nur bis zur Satrapien- 
vertheilung in Babylon ausgezogen hat. Aus der von Photios be- 
merkten Übereinstimmung zwischen Dexippos und Arrian hat man 
geschlossen, dass Dexippos ebenso wie Arrian die Diadochengeschichte 
des Hieronyinos als Quelle gebraucht habe. 3 Ich kann mich diesem 
Urtheil nicht ansehliessen. Aus der Aussage des Patriarchen war 
zunächst zu folgern, dass das Werk des Dexippos denselben Zeitraum 
umfasste wie das Werk Arrian's und wie dieses mit der Rückkehr 
Antipaters nach Makedonien abschloss; erwägt man ferner, dass es auch 
denselben Titel ra \j.ira. 'A?J'£ot.vSpov führte und nur vier Bücher zählte, 
so wird man sich der Annahme nicht entziehen können, dass Dexippos 
den von Arrian überlieferten Stoff' in einer den Bedürfnissen und 
dem Geschmacke der Zeit entsprechenden Weise neubearbeitet hatte, 
und dass daraus die Übereinstimmung zwischen den beiden Autoren 
zu erklären ist. Die Ausführlichkeit, mit welcher Arrian die Ge- 



1 Photios iniL 82 Bkk. 

2 Vergl. Bernhard? S. LXI und de Book im Hermes 1885 S. 327fr. 
' Vergl. Reuss, Hieronymos von Kardia .S . 153. 



5fi2 Gesammtsitzung vom 5. Juni. 

schichte der drei ersten Jahre nach dem Tode Alexanders erzählt 
hatte, musste Viele von der Lectüi'e. des Buches abschrecken; wenn 
Dexippos es unternahm diese Begebenheiten an der Hand seines Vor- 
gängers mit Hinweglassung alles Nebensächlichen in kürzerer Fassung 
darzustellen, so konnte er glauben ein nützliches und willkommenes 
Werk zu thun. Wenn Photios aussagt Dexippos habe meist mit 
Aman übereinstimmend berichtet, so folgt daraus zwar, dass er sich 
nicht sclavisch an seine Vorlage gebunden, nicht aber, dass er andere 
Quellen benutzt hatte. Die Charakteristiken der makedonischen Führer 
hat Dexippos natürlich hei Aman gefunden. Leider sind die vor- 
liegenden Excerpte äusserst nachlässig gemacht'; ohne Rücksicht auf 
den Zusammenhang- abgekürzt und wahrscheinlich durch Suidas und 
in der handschriftlichen Überlieferung noch mehr entstellt worden, 
so dass an manchen Stellen der Sinn nur errathen werden kann. 

Die Fragmente und Excerpte, welche zur Ergänzung des Auszugs 
aus der Diadochengeschichte Arrian's dienen können, reichen von 
der Ordnung der Thronfolge in Babylon bis zum Tode des Regenten 
Perdikkas. Über die Vorgänge, die sich nach dem Tode Alexander's 
in Babylon abspielten, liegen uns vier Berichte vor, ein Reichthum, 
der allerdings bei näherem Zusehen sehr zusammenschrumpft. Ein 
ausgeführter Bericht stellt am .Schlüsse der Alexandergeschichte des 
Ourtius, welche bis zur Aufbahrung der Leiche des Königs geführt 
ist (X 6 — 10). Mit dem ausführlichen Bericht des Curtius stimmt 
der kürzer gefasste und durch Ungenauigkeiten entstellte Bericht in 
Justin's Epitome des Geschichtswerkes des Pompejus Trogus (B. X11I 
/.. Auf.) im Ganzen überein, weicht aber im Einzelnen von demselben 
ab. Die Berichte bei Diodor (XVIII i) und im Auszug aus Arrian 
sind summarisch. Der Auszug erwähnt eigentlich nur die crrourig 
im makedonischen Heere und die Beilegung derselben und zählt die 
vornehmsten Führer auf, welche dabei betheiligt waren. Über den 
Gang der Berathungen der Heerführer vor dem Ausbruche der trrao"je 
macht auch Diodor keine Mittheilung. Die modernen Geschichts- 
schreiber der Diadochenzeil Mannekt, Flathe. Droysen schlössen sich 
mein- oder weniger an Curtius an. (regen dieses Verfahren erhob 
Adolimi Schmidt in seiner bekannten Recension der Diadochengeschichte 
Dkoyskn's Einsprache. Schmidt wiess auf den rhetorischen Charakter 
und die Widersinnigkeiten des bei Curtius vorliegenden Berichtes und 
die Widersprüche zwischen diesem Bericht und dem Bericht Justin's 
hin und kam zu dem Resultate, dass nur die aus Arrian und Diodor 
zu entnehmenden Thatsachen, der Gegensatz zwischen der Ritterschaft 
mit der Mehrzahl der Heerführer an der Spitze, welche die Ent- 
bindung der Roxane abwarten wollten, und dem Fussvolke, welches 



Köhler: flirr die Diadochengeschichte Arrian's. 563 

den Halbbruder Alexander's als König anerkannte und von Rteleager 
geführt wurde, wie die scliliessliche Ausgleichung des Gegensatzes 
als historisch angesehen werden dürften. 1 Die Kritik Schmidt's hat 
die Wirkung gehallt, dass Droysf.n in der /weiten Auflage seines 
Werkes die Darstellung umgearbeitet hat, indem er sieh auf den 
Standpunkt seines Recensenten stellte und namentlich die Nachrichten 
über die Verhandlungen im Synedrion <\<-\- Heerführer als unverbürgt 
und unzuverlässig behandelte. Auch Ranke erklärt, es für misslich 
die Thatsachen teststellen zu wollen. Ranke hat sich enger noch 
als seine beiden letzten Vorgänger an den Bericht Diodors als den 
einfachsten angeschlossen und diesen Bericht in einer ihm eigen- 
tümlichen Weise gedeutet. Wie wichtig es für die kritische Frage 
gewesen wäre, zu wissen, was in dem Originalwerk Arrian's stand. 
liegt auf der Hand. Es lässt sich nachweisen, dass Arrian ebenso 
wie Trogus und Curtius ausführlich über die Berathungcn der Heer- 
führer berichtet hatte und dass sein Bericht mit Trogus gegen 
Curtius stand. 

Die Widersprüche zwischen Curtius und Justin hängen näher 
oder entfernter mit den abweichenden Angaben über den Antheil 
zusammen, den Meleager an den Ereignissen hatte. Nach dem Be- 
richt Justin's trat Perdikkas mit dem Vorschlage vor die versammelten 
Heerführer, den Erben des Reichs von der Entbindung der Roxane 
zu erwarten. Gegen den Vorsehlag des Perdikkas erhebt sich Meleager: 
wozu die dubios purlus abwarten? wolle man einen Knaben zum 
König, in Pergamon lebe Herakles, der Sohn Alexander's von der 
Barsine, wolle man einen Erwachsenen , der Halbbruder Alexander's 
Arrhidaios sei im Heere anwesend und allen bekannt. An dritter 
Stelle tritt Ptolemaios auf; sein Vorschlag geht dahin, das Synedrion 
der Heerführer soll selbst die Regierung in die Hand nehmen, aus 
seiner Mitte Statthalter in den Provinzen mit Civil- und Militairgewalt 
ernennen. Die Versammlung entscheidet sich für den Vorschlag des 
Perdikkas; ein vierköpfiger Regentschafts- und Vornmndschaftsrath 
wird eingesetzt und von der Ritterschaft anerkannt. Das Fussvolk 
lehnt sich gegen die ohne sein Zuthun gefassten Beschlüsse über die 
Thronfolge auf und will Arrhidaios zum König machen; die Feldherrn- 
partei schickt hierauf eine Deputation an dass Fussvolk — Justin 
spricht ungenau von zwei Deputirten; dass die Zahl grösser war. 
ergiebt sich aus Diodor und stand unzweifelhaft auch in dem Original- 
bericht des Trogus; Meleager. der zur Deputation gehört, stellt 
sich an die Spitze der aufrührerischen Phalangiten. Als hierauf das 



1 Ad. Schmidt, Abhandlungen zur allen Geschichte S. i59ff. 



.)(') 1 Gesammtsitzung vom 5. Juni. 

Fussvolk in die Burg eindringt, um seinen AVillen durchzusetzen , zieht 
sich die Gegenpartei zurück und lagerl sich ausserhalb Babylons. 

Anders tritt Meleager bei Curtius auf. Er kommt hier nicht 
als Deputirter zum Fussvolk. sondern wiegelt während der Berathung 
der Heerführer die Phalangiten, welche sich nach diesem Berichte in 
den Versammlungssaal in der Burg von Babylon eingedrängt hatten, 
auf. Meleager stellt auch keinen Antrag in der Versammlung; an 
seiner Stelle tritt als zweiter Redner Nearchos auf; dieser schlägt 
nicht Arrhidaios, sondern den Sohn der Barsine vor. der in t\rv 
Rede Meleagers bei Justin nur genannt ist um die Wahl auf Arrhi- 
daios zu lenken. In diesem Bericht tritt nach Ptolemaios noch Aristonus 
auf und schlägt vorPerdikias als Nachfolger Alexander's anzuerkennen; 
gegen den Vorschlag des Aristonus erhebt sich Meleager und fordert 
die anwesenden Phalangiten auf ihm zu folgen und sich ihren Antheil 
an der asiatischen Beute zu sichern. In der Versammlung des Fuss- 
volks, welche hierauf abgehalten wird, wird von einem Unbekannten 
zuerst der Name des Arrhidaios genannt: die Versammlung stimmt 
zu und Meleager übernimmt es als Führer des Fussvolks die Rechte 
des gewählten Königs zu schützen. Unterdessen war in der Ver- 
sammlung der Heerführer die Regentschaft eingesetzt worden. In 
der Burg kommt es hierauf zu einem förmlichen Kampf zwischen 
der Ritterschaft und dem Fussvolk, der damit endigt, dass die Feld- 
herrenpartei die Stadt räumt. Nach dem Bericht Justins handelte 
Meleager als wortbrüchiger Verräther. Nach dem bei Curtius vor- 
liegenden Bericht war er von dieser Schuld rein. 

In dem Lexicon Trepl <rwr d^Ewq (S. 179, 25 Bkk. s. v. -^euerS-^i/adt) 
findet sich das Citat: 'Appixvog TrpuiT'M- »ei 8e \f/sv(r§EiviiAEv rijf? em t'2< ttulSI 
toC ' AXe^xvSpov Trpo(r$oKU)pLEvvi<; eXirloog.« Die citirten Worte stammen 
offenbar aus dem Bericht Arrian's über die Berathung der Heerführer, 
und zwar müssen sie in der Rede des Meleager gestanden haben. 
Sie würden an sich zwar auch in der Rede des Nearchos gestan- 
den haben können. Allein in der Aufzählung der Heerführer in 
dem Auszug des I'hotios ist Nearchos nicht, genannt. Daraus ist 
zu schliessen, dass der Originalbericht keine Rede des .Mannes ent- 
hielt. Xearch war vermählt mit einer Tochter der Barsine: da- 
mit hängt es yermuthlich zusammen, dass ihm in dem bei Curtius 
vorliegenden Bericht der Vorschlag den Sohn der Barsine als Erben 
Alexander's anzuerkennen, in den Mund gelegl ist. Dass Nearch in 
der Versammlung der Heerführer aufgetreten wäre, könnte man zur 
Noth hingehen lassen, da Nearch. obwohl seiner Herkunft nach ein 
Grieche, in Makedonien naturalisirt und in Amphipolis domicilirt 
war: er wird in dem Verzeichniss der Trierarchen auf der Indostlotte 



Köhler: Über die Diadochengeschichte Vrrian's. 565 

unter den Makedonien) aufgeführl (An-, Tnd. 18). Aber unmöglich 
konnte er für den Sohn der Barsine auftreten. 

Die Sachlage nach dein Abiehen Alexähder's war die verwoi*- 
renste, oichl allein wegen der Unsicherheil der Thronfolge, sondern 
auch und mehr noch wegen der im makedonischen Heere Lebendigen 
Gegensätze und Bestrebungen. Wurde im Kreise der Heerführer über 
die Thronfolge berathen, so musste neben dem erwarteten Sohne der 
legitimen Königin Roxane Arrhidaios in Frage kommen; 'lex Sohnes 
der Barsine, eines Kindes und der Frucht einer Laune Alexanders, 
konnte höchstens gedacht werden. Tiefer blickende und von Ehrgeiz 
nicht verblendete Männer mussten damals schon die Auflösung des 
Alexanderreiches voraussehen. Zu diesen Männern gehörte unzweifel- 
haft Ptolemaios, der. nachdem ihm bei der Neuverth eilung der Satra- 
pien die aegyptische Statthalterschaft zugefallen war. nicht beirr! 
durch höher fliegende Pläne, mit zäher Consequenz darauf bedacht 
war. sieh Aegypten ganz und voll zum Eigenthum zu machen. Was 
Ptolemaios nach den vorliegenden Berichten in dem Rathe der Heer- 
führer vorschlug, war nicht die Auflösung des Alexanderreiches, aber 
es war der erste vorbereitende Schritt dazu. 1 Gesetzt, es wäre uns 
nur die Thatsache der Berathung der Heerführer bezeugt und ein 
moderner Historiker hätte es unternommen, nachdem, was wir über 
die definitive Ordnung der Thronfolge und den Antheil, welchen 
Perdikkas, Meleager, Ptolemaios an den späteren Ereignissen hatten. 
wissen, den Verlauf der Berathung zu ermitteln, so würde das Ergeb- 
uiss dieser combinatorisch-divinatorischen Thätigkeit vermuthlich dem 
von Justin Berichteten nahe gekommen sein. Hat vielleicht schon 
ein Historiker des Alterthums so combinirt und seine Combination 
für Geschichte ausgegeben? 

Diese Hypothese würde nur dann eine Berechtigung haben, wenn 
anzunehmen wäre, dass es keinen verbürgten Bericht gegeben habe. 
In Wirklichkeit ist das Gegentheil der Fall. Eumenes. der Gönner 
und Freund des Historikers Hieronymos, wird in dem Auszuge aus 
Arrian unter den Heerführern genannt; nach glaubhafter Überlieferung 
war er bei der Aussöhnung der beiden Heeresabtheilungen vermittelnd 
im Interesse der Feldherrnpartei thätig. Es ist kaum zu bezweifeln, 



1 In dem kurzen Abriss des Lebens des Ptolemaios Soter bei Pausanias (1 6,2) 
lirisM es von Ptolemaios: TsKsVTYjiTavTog & AXs^avSpov töiq lg KotBalov tov 'Vi'ai-itov 
rrr —itTiir aryovcrtv ccjyrv avruTTag avrog \i.ahiT-u iytusTO lg rag ßcuriKsiug a'iTiog tu :-~\-f) 
r.-ij.y : i-rr,ti. Das geht auf die Tradition über die Berathung der Heerführer und zwar 
auf den bei Justin erhaltenen Bericht zurück, nach welchem Ptolemaios gegen den 
Vorschlag Meleager's Arrhidaios als Nachfolger Uexander's anzuerkennen auftrat. Die 
Stelle ist. von Droysen angeführt, aber ihre Beziehung nicht erkannt worden. 



.)t>(> Gesamintsitzung poiii 5. Juni. 

dass er bei den Verhandlungen der Heerführer zugegen gewesen ist. 
wenn er auch als Grieche gewiss keinen activen Antheil an denselben 
genommen hat. Nichts konnte Eumenes davon abhalten, seinem Ver- 
trauten Hieronymos über den Verlauf der Berathung Mittheilungen 
zu machen, ebensowenig konnte Hieronymos Grund haben ein 
Menschenalter später mit den ihm gemachten Mittheilungen zurück- 
zuhalten. Niemand wird glauben, dass wir aus den überlieferten 
Berichten ein vollständiges Bild der gewiss nicht gleichmässig ver- 
laufenen Berathungen in der Königsburg gewinnen können: was uns 
alier ganz abgeht, ist die Kenntniss der geheimen Verhandlungen 
und Abmachungen zwischen den Vornehmsten unter den Heerführern, 
welche neben den offteiellen Berathungen hergegangen sein müssen. 
Eumenes. der Vielgewandte, von allen Parteien Umworbene, war 
gewiss auch in diese geheime Geschichte vollständig eingeweihl : ob 
er Hieronymos Mittheilungen aus derselben gemacht hat. ist min- 
destens zweifelhaft: als sieher ist anzusehen, dass Hieronymos in 
seinem Geschichtswerk nichts darüber berichtet hatte. Hier könnte 
also nur Divination helfen: für den äusseren Verlauf der officiellen 
Berathungen hat man sich an die Überlieferung zu halten: die divi- 
natorische Thätigkeit hätte davon auszugehen. Dass das Geschichts- 
werk des Hieronymos bis zum Tode Alexander's zurückreichte und 
die Ereignisse in Babylon mit umfasste, lässt sich zwar nicht be- 
weisen, wird aber mit Recht allgemein angenommen. 

In dieselbe Gegend wie das oben besprochene gehören einige 
andere Fragmente, welche bestätigen, dass Aman über die Vorgänge 
in Babylon ausführlich und übereinstimmend mit dem von Justin aus- 
gezogenen Bericht des Trogus gehandelt, hatte. Suidas (s. v. yvuuY.) 
citirt aus Arrian: arm C-Ei'a \xkv vi yvidf/q tteuovti, big <-ecv^ 5e ■/; ixeTct%u>- 
pjcnc. Das bezieht sich auf Alexander, von dessen Apotheose es fasl 
gleichlautend an einer Stelle der Anabasis (VII -27.3) heisst: cn ix 
S-eov rs OAtri) vj 7£i'E<n£ ^vvsßvj xm Trupce. S-eous / ouno%u)pv\<riq. Die von 
Suidas citirten Worte standen augenscheinlich in einer Rede, in welcher 
der Verlusl des abgeschiedenen Königs als unersetzlich geschildert 
wurde, ein passender Eingang für die Rede des Perdikkas, mit 
welcher dieser die Berathung der Heerführer eröffnete. 

Ebenfalls von Suidas (s. V. aupvikiKEcmoos) und unter dem Namen 
Arrian's werden die Worte angeführt: -uidc^ 72: exetvou ac/^Äixcc i-<- 
TpoTTsvcretv rs civtol^ u.s AÄai' ' y.ai v~z -■r' Ixeivou 7T0Off%»)|wowj ttöLv crt—ep xuS)-' 
y$ovy\v <T(f>i(Ti Ti-pci^etv ig toxjq v~ »jxsow. Das in den HSS. durch Text- 



1 «v-o7c us/./.cr codd. kvtoi Jn;/./.cr Bermi. Bkk. 

- r üi/ codd. tu) Beknh. 



Köhler: Über die Diadochengeschichte Arrian's. 567 

yerderbniss entstellte Cital ist aus einer Ansprache genommen, welche 
an die Versammlung des Fussvolkes gerichtel war. Als Subjecl zu 
ui'/j.eiv hat mau sich die von den Heerführern auf deu Antrag des 
Perdikkas ernannten Regenten zu denken: diesen wird die Absichl 
imputirt, als Vormünder des Kindes der Roxane ein persönliches 
Regiment zu führen. Ärrian hatte den Inhalt der Ansprache in in- 
directer Rede gegeben. 

Die Darstellung der Ereignisse, die auf den Tod Alexander' s 
folgten, in der Epitome aus Trogus und bei Curtius beginnt mit 
einer Schilderung des Eindruckes, welchen das Ableben des Königs 
in Babylon hervorbrachte. Ein ähnlicher Stimmungsbericht scheint 
bei Aman gestanden zu haben. Anfangs herrschte dumpfe Stille; 
trish apud ornnes tota Babylonia sileniium fuit heisst es bei .lustin. velut 
in vasta solitudim omnia tristi silentio um In torpebant bei Curtius: criyr 
&e v\v ßo&vTEpot, —clg^c kp-t\\xlv.Q in einem von Suidas (s. c. criyv\Xog) ohne 
Namen des Autors überlieferten Fragment. Mil dem bei Suidas er- 
haltenen Fragmenl verbinde ich ein Gitat, welches unter Arrian's 
Namen in dem syntaktischen Lexikon (S. i3q, Z. 10) steht: ev rs 
ov$h i&oxei Airetveu tw eaXuiKvia y\§Yj ttoKei tviMpzpojMvwv. Nach Curtius' 
Schilderung brachten die Makedonier die Nacht nach dem Tode 
ihres Königs im Gefühl der Unsicherheit der Lage unter den Wallen 
zu, während die Babylonier sich in ihren Häusern eingeschlossen 
hielten und nicht einmal Licht anzuzünden wagten. Stand Ahnliches 
bei Aman, so war der Vergleich mit einer soeben eroberten Stadt 
gerechtfertigt. Die Art. wie die Makedonier den Tod Alexanders 
aufnahmen, wird von Justin und Curtius verschieden angegeben; Cur- 
tius' Bericht ist ferner rhetorisch ausgemalt; trotz dieser Abweichungen 
erkennt man einen gemeinsamen Grundstock. Hieronymos war zwei 
Jahre nach dem Tode Alexander's bei Eumenes; er diente ihm im 
Jahre 320 als Unterhändler bei Antipater und Antigonos. Daraus 
ist zu schliesseh, dass Hieronymos in den makedonischen Kreisen 
kein Neuling mehr und schon längere Zeit bei dem Heere in Asien 
war. Es würde schwer zu erklären sein, wenn er den Erinnerungen, 
welche das Ereigniss des Todes Alexander's in der Seele Aller, die 
damals in Babylon anwesend waren, zurückgelassen haben muss. in 
seinem Geschichtswerk keine Worte geliehen hätte. 

Ich lasse hier das Excerpt folgen, welches sieh auf Leonnatos 
bezieht (Suid. u. d. Namen): AsowxTog (TTpdTYjyog MccxeSovixg •/.u.ra. yevog 
Trpocrirx.wv rr. <I>iäi~7j-bv \xt\Tpi, (jwt pcupEiQ &e 'AXE^dvtyu) '/.oltol tc ty,q Tpo<pv\g 
ettity\8siov x«( toZ ysvovg xul y.aTa fxiyE^og ^xevtci kui xotAAos tov (TUfMirog 
TijXYig jj.ete1%ev. o§ev clvt'jü kclI ^wvrog ' KXE^ccv^pov ro te (ppovY\iJ.ot. {j-epcyxov v\v, 

Xfltl Tig kßpoTYfi YlEpTfKYl K&TOt, TE TY\V OTtXuJV ~AcLIJ.T7poTY\Tcl X.OU TY,V OkK^V <5<0&l- 



5f)8 Gesammtsitzung vom 5. Jnni. 

tuv zig Tt\v twv ttoXsjxiwv ovx ü.<pMwg eirerv^Bvsro. reXsvTYicrcivTog $e 'AXsPxv- 
o~pov xul $\cv sttoiüto, eiy.cid,'j<v avTcv —pc<: rot 'Zarri/uy.ci t2 ts ottpsTx y.a\ 
xveifJi£vw Ttfi y.oiXYjQ xat tyi k'/'/.r xctTetO'x.evy , *j ov ttcotw tov ilepirixav toottov 
miry.YiTo uvtüj. {—toi ts tit<Touot, et os ^ciuiSog a—o, yßvcoy^aXtvoi (TVjj.Trocvrsg, 
—poiTErayjiLTo Tyje ra^ewg, sxTTpe~ovT£g TÖtg xosXAw7rt(T)waö">. sttv^vwto &e 
civTw xat <jy.if\voLi ßsyaKo—psTTeig xat ottau xuXKei vTrepipepovra . . . {vkvto xou to 

TWV ETOLipWV ÜyYlfJLU. 

Es ist kein günstiges Urtheil, welches in dieser Schilderung über 
Leonnatos gefallt wird. Seine Ehrenstellung verdankte er der Ver- 
wandtschaft und der Jugendfreundschafi mit Alexander: damit werden 
ihm persönliche Verdienste abgesprochen. Aber man darf dieses harte 
Urtheil nicht für einseitig oder ungerecht halten. In der Geschichte 
der asiatischen Feldzüge wird Leonnatos einige Male in der Umgebung 
Alexander's erwähnt; erst am Ende des indischen Feldzuges linden 
wir ihn mit einem selbstständigen Commando beauftragt. Alexander 
Hess ihn im Lande der (»reiten zurück: er sollte die widerspenstigen 
Eingeborenen zum Gehorsam gegen den über «las Land gesetzten 
Satrapen bringen, eine Autgabe, der er sich zur Zufriedenheit des Königs 
entledigte. Aber schon in Aegypten hatte ihn Alexander zum Leib- 
wächter ernannt und ihm dadurch die höchste Ehrenstellung in seiner 
Umgebung verliehen. In der Eumenesbiographie wird Leonnatos als 
heftig, unbeständig und unzuverlässig charakterisirt, 1 Eigenschaften, 
welche für den durch den Zufall der Gehurt und die Gunst des 
Herrschers zu Ehren Gekommenen ebenso bezeichnend sind, wie sie an 
dem verdienstvollen Feldherrn befremden würden. Die Charakteristik 
Leonnat's, welche Arnold Schäfer gegeben hat, würde anders aus- 
gefallen sein, wenn Schäfer das bei Suidas erhaltene Excerpt zu 
Rathe gezogen hätte.'- Die Nachricht, dass Leonnatos mit der Mutter 
Philipp's IL, der Eurydike, verwandt war, findet sich nur bei Suidas: 
Leonnatos stammte also von dem Fürstengeschlecht der Lvnkesten ab. 
Curtius nennt da wo er von der Einsetzung der Regenten durch die 
Heerführer berichtet ("X 7. 8) Leonnatos und Perdikkas stirpt regia genitos; 
daher vermuthete Droysen, Leonnatos sei aus einer Seitenlinie des 
Königshauses gewesen. Da Perdikkas seine Heimath in der Orestis 
hatte, ist angenommen worden. Perdikkas habe dem Fürstengeschlecht 
dieser Landschaft angehört. Wahrscheinlich hing das Füi'stengeschlecht 
der Oresten ebenso wie das der Lvnkesten Verwandtschaftlich mit dem 
Königshause der Argeaden zusammen. Es ist nicht unwichtig für die 
ältere makedonische Geschichte zu wissen, dass der hohe makedonische 



1 Plut, Eum. ; \.eovvaTOv ■•!.-. /ry.-Qv crva xm i/>c,;«c fiiTrov aßeßcaov *«< d£si«s. 

SchXfeb Demosthenes III 2 S. 378 vergl. S. 70. Droysen hat es unterlassen, eine 
Charakteristik des Mannes zu geben. 



Köhler: Über die Diadochengeschichte Arrian's. 569 

Adel in verwandtschaftlichen Beziehungen stand zu dem regierenden 
Hause. Auch Ptolemaios und Antigonos waren durch Seitenlinien mit 
dem Königshause verwandt. 1 Seit der Annexion der Fürstenthümer in 
Obermakedonien an das makedonische Königreich gehörten die Mitglieder 
der depossedirten Fürstengeschlechter zum Indien makedonischen Adel. 

Der letzte Theil des Excerptes erregt sowohl durch den Inhalt 
wie durch d'n- Form Anstoss. Die nachträglichen Aussagen über den 
Luxus, den Leonnatos mit Pferden und anderen Dingen trieb, sehen 
sehr danach ans. als wenn sie ans der Nebenquelle Arrian's stammten. 
Nach c-Xu y.uA'AH vmpcpspovTu scheint im Tex1 etwas ausgelassen zu sein; 
die Beziehung der letzten Worte h~eto xm to twv halpwv ujyijxu ist 
unklar. Wenn die Worte an der Stelle, an der sie stehen, nicht, 
sinnlos sein sollen, so müssen sie bedeuten: die Hetairen des Agema 
folgten dem Beispiel, welches ihnen Leonnatos gab. Ist diese Er- 
klärung richtig, so folgt aus der Stelle, dass Leonnatos zur Zeit des 
Todes Alexanders die Leibschwadron der Ritterschaft anführte. Dieses 
Commando hatte bis zum Jahre 330 der schwarze Kleitos: wer an 
Kleitos Stelle trat, als dieser zum Hipparchen ernannt wurde, is1 in 
der Alexandertradition nicht überliefert. 

Die Nächrichten über die Herkunft des Leonnatos und sein Ver- 
hältniss zu Alexander standen bei Arrian wohl ebenso wie die Notiz 
bei Curtius in dem Bericht über die Einsetzung der vier Regenten 
durch die Heerführer, also im ersten Buche. Die Disposition der 
Diadochengeschichte nach Büchern ist nicht mit Sicherheit nachzu- 
weisen. Photios hat indem von ihm gemachten Auszug nur den Anfang 
des sechsten und des zehnten Buches notirt. Das fünfte Buch schloss mit 
der Niederwerfung des Aufstandes in Griechenland, aber der Berichl 
über die Hinrichtung der athenischen Redner, welche sachlich und 
zeitlich zum lamischen Kriege gehört, stand im Anfang des sechsten 
Buches. Das neunte Buch reichte bis zur Rückkehr Antipalers nach 
Kleinasien, das zehnte und letzte Buch begann mit den Rüstungen 
des Eumenes und der übrigen zum Tode verurtheilten Parteigänger 
des Perdikkas. Nach diesen Proben zu urtheilen war die Diadochen- 
geschichte Arrian's ebenso wenig wie seine Alexandergeschichte nach 
einem durchdachten Plan angelegt: in beiden Werken war der Stoff 
weniger nach dem Inhalt als nach dem Umfang in Bücher eingetheilt. 
Die paar mit den Buchzahlen versehenen Citate führen auch nicht 
weit. Aus dem zweiten Buch sind zwei Citate, beide in dem syn- 
taktischen Lexikon überliefert. Das Eine steht unter dem Eigennamen 
Sisines (S. 173, 29 ff.): 2;«riV>)?, Xtcrtvov xhlvei ro ovo\m ' A.p'putvog. B%pv\- 



1 Vergl. v. Guxschmid, Die makedonische Anagraphe S. 109. 



570 Gesammtsitzung rom 5. Juni. 

<jdro uvt'Jj sv — otcrrj tyj irpat,yfxot,Tsuc rsTpar/ß^. Xtd'ivY]? ds o QpoLTcMpspvov ttouq. 
sv fxovw de tw SevTspu) 'Aoyoj eiWSt) to cvojxol fxsra^k.Ks^a.vhpov. Die Ana- 
basis kennt zwei Männer Namens Sisines: einen Perser ans der Um- 
gebung des Dareios (genannt I 25, 3 und 4) und den Sohn des von 
Alexander bestätigten Satrapen von Parthien und Hyrkanien Phra- 
taphernes (VII 6, 4). Der in der Diadochengeschichte erwähnte Sisines 
mnss, wenn es in dieser Zeit nicht einen dritten Sisines gegeben 
hat, der Sohn des Phrataphernes sein: das Chat stimmt, wenn ich 
nicht irre, aus dem Bericht über den Krieg gegen die aufständischen 
griechischen Colonisten von Baktrien. Der neuernannte Statthalter 
von Medien Peithon war vom Reichsverweser angewiesen worden, 

Truppen \ len Satrapen der benachbarten Provinzen für den Krieg 

zusammenzuziehen. Peithon mnss der Sachlage nach in der Gegend 
von Hyrkanien mit den heimwärts ziehenden Colonisten zusammen- 
getroffen sein. Allerdings gehörte Sisines zu den Rekruten, welche 
sich nach der Rückkehr Alexanders vom indischen Feldzuge in Susa 
versammelten und in das stark geschwächte makedonische Heer auf- 
genommen wurden; seine vornehme Abkunft hatte ihm den Eintritt 
in das Agema der Hetairen eröffnet. Aber die Reorganisation des 
Heeres, welche Alexander in der letzten Zeit seines Lebens beschäftigte, 
scheint durch seinen Tod nicht allein unterbrochen, sondern rück- 
gängig gemacht worden zu sein: es lag in der Natur der Sache, dass 
die Söhne der persischen Grossen, welche der makedonische Adel 
nach dem Willen des Königs in seine Reihen hatte aufnehmen müssen, 
nachdem dieser Wille aulgehört hatte zu walten, wieder aus dem 
Heere ausschieden. Aus dem Bericht über den Krieg gegen die Colo- 
nisten scheint auch das andere Citat aus dem zweiten Buche der Dia- 
dochengeschichte zu stammen. Durch Verrat li gelang es Peithon die 
Oberhand im Kampfe gegen die Aufständischen zu gewinnen, welche 
hierauf „den Widerstand aufgaben und sieh bereit erklärten der Auf- 
forderung Peithon's Folge zu leisten und in ihre letzten Wohnsitze 
zurückzukehren. Das Citat lautet (Am cd. S. 131, 19) yvuviuxyß- aircit 
e%pv\<TUTo Ahptavog iv ~cl<ty\ Tri Tpu^et uvtov, sv oevrepw tw usr A/^stav&pcv 
»oj §s yvw<7i(JLwyj\<ru.vT£': vts$v<tciv tu sirayytXXoiJLSva."-. Das Yerbum yvwcn- 
\xa.yßlv war nicht, olttol'^ Xsyofxevov bei Arrian. wie das Citat bei Suidas 
unter yvwcnixuy^croa beweist. Aber in der Anabasis kommt, das Wort 
allerdings nicht vor. Der Grammatiker, welcher das Material für das 
syntaktische Lexikon gesammelt hat, kannte oder benutzte von den 
Schriften Arrian's eben nur die Anabasis und die Fortsetzung der- 
selben, die Bücher ra \xs~k AAe£o6v£pov. Diese beiden Schriften werden in 
dem Lexikon als eine -payfxccTsia, oder ein Geschichtswerk im weiteren 
Sinne zusammeneefasst, mit anderen Worten, sie waren in einem und 



Köhler; über die Diadochengeschichte Vrrian J s. .) i 1 

dgmselben Codex vereinigt, wie das j;i auch ganz angemessen war. 1 
Wie Arrian die Grenze zwischen dein ersten und zw eilen Buche ge- 
zogen hatte, isl nicht auszumachen. Aus dem Bei'icht über die Lustra- 
tion des Heeres, welche Perdikkas dazu benutzte, die Rädelsführer 
der Kmpöi'ung gegen die Beschlüsse der Heerführer und der Ritter- 
schaft aus dem Wege zu räumen, scheint ein von Suidas (s. v. äsiixa) 
unter Arrian's Namen überliefertes Fragment herzurühren: toctov&s 
xvrcv^- hCiv.-j. wg TrpocrayovTwv &slvu>v (1. Äsifwc) XMre<T%£v 1 wctte fxv\ SwarrSrca 

Aus dem dritten Buch der Diadochengeschichte ('XppioLvog rpkw) 
werden in dem syntaktischen Lexikon (S. 170. 16 u. tcoXitsvui) die 
Worte eitirt: vuh 6s rovg TrotTptovg vcij.ovg onroS'ov<; ev sKevS-spiu ttoXiteusiv 
ci-s6jy.ev. Es ist von einer griechischen Stadt die Rede, welcher 
Alexander die TTot.rpi.oi vouot, d. h. die Demokratie zurückgegeben 
hatte, also von einer Stadt im Osten des ägeischen Meeres. Die 
anonyme Stadt war vom Reiche abgefallen; Gesandte sollten sie 
zur 'Treue zurückrufen. Ohne Zweifel hat es sich nach dem Tode 
Alexander's in mehr als einer von den griechischen Städten im Osten 
gerührt, welche sich als nominelle Verbündete dem in der Bildung 
begriffenen persisch -makedonischen Reich hatten anschliessen müssen. 
Aher in der Überlieferung wird nur der Abfall von Rhodos erwähnt, 
welches eine makedonische Besatzung vertrieb, Rhodos aus dem ein- 
lachen Grunde, weil es sich unabhängig behauptete und durch die 
Vertreibung der fremden Besatzung den Grund Legte zu seiner späteren 
Machtstellung als neutraler Handels- und Seestaat. Ich beziehe das 
Fragment aus dem dritten Buch Arrian's auf die Verhandlungen 
makedonischer Gesandter mit den Rhodiern. 2 Während die asiatischen 
Völker in dem Tode Alexander's nur einen Wechsel der Herrschaft 
sahen, regte sich unter den Griechen überall der angeborene Freiheits- 
sinn, am stärksten natürlich auf der griechischen Halbinsel, wo 
Athen die Führung in dem Kampfe gegen die makedonische Herr- 



1 Photios li.-n den Bericht über den Krieg gegen die Colonisten übergangen, 
ebenso wie Justin. Der Bericht ist erhalten bei Diodor Will 7 und stand bei Trogus, 
s. pro/, lib. KIII. 

Über die Vertreibung der makedonischen Besatzung :ius Rhodos Dio- 
dor XVIII 8; Photios hat die Thatsache übergangen. Nach Curtius (IV 5, 9) über- 
gaben die Rhodier nach «In- Schlacht bei Issos, welche Alexander zum Herrn »auf 
dein ägeischen Meere machte, dein Sieger urbem portusque (vergl. Vir. Anal). II 20, 2 
und Justin. XI 11, 1); die Angabe desselben Schriftstellers (IV 8, 12), die Rhodier 
hätten während des Aufenthaltes Alexander's in Aegypten die Entfernung der make- 
donischen Besatzung aus ihrer Stadt erbeten und bewilligt erhalten, ist in ihrem 
zweiten Theil ungenau. Dass die makedonischen Gesandten die Beschränkung der 
rhodischen Freiheit, welch« in der Anwesenheit einer makedonischen Besatzung lag, 
ignoriren, kann keinen Anstoss erregen. 

Sitzungsberichte 1890. 51 



572 Gesammtsitaung vom 5. Juni. 

schaft übernahm. Die Berichte Diodor's und Justin's über den hel- 
lenischen Krieg knüpfen an das Edict von Olympia und die An- 
wesenheil des von Alexander abgefallenen Satrapen Harpalos in Athen 
an; der Auszug aus den Berichten Arrian's bei Photios ist so kurz. 
dass er für uns keinen VVerth hat. Auf die Anwesenheit des Sa- 
trapen in Athen bezieht sich ein im syntaktischen Lexikon über- 
liefertes Fragment (S. 143 Z. 18 u. sy-oAeu.ui): clvtcq oe Ig A^Y\va.g IX- 
Z->jv wg sy.-cAsu.'jfT'jv ravg ASyivtuovg —pc^ ' AÄe^avooov ; sein Geschwader 
hatte Harpalos, nachdem ihm die Hinfahrt in den Hafen viiii Piräus 
verweigert wurden war. bis auf zwei Schiffe, welche, wie wir aus 
den athenischen Werfturkunden gelernt haben, später der athenischen 
Flotte einverleibt wurden, bei Kap Tainaron zurückgelassen. Das 
Fragment ist namenlos überliefert, gehört aber gewiss Arrian an. 1 
Die Absicht, welche Harpalos nach Athen führte, die Athener zum 
Krieg gegen Alexander aufzuwiegeln, ist sonst nicht so bestimmt 
ausgesprochen wie in diesem Fragment. Mit den in Athen gebliebenen 
harpalischen Schätzen warb Leosthenes die Söldner, welche Athen 
nach Alexander' s Tode im Kriege gegen Antipater in's Fehl stellte. 
Über Leosthenes handelt ein hei Suidas unter dem Namen überliefertes 
Excerpl : Ks-xiZ-n-r^ tTToa/rriyog A&jji/smwi/. ovrog Iv tw —co<-~ tcvq Mayedovac 

TTcÄf.'/y -coZ-w.iu yj^rTUUSVOQ TOV XCitfSV TTpoSvfJLOTEpa '/.eil TY —'J.cy—ZVZhTY 

evTroocyia y.'J.t-jl tujv ttgäsuiwv krrtfciuiv ty,v ts efxßoXvjv oi(pet6ri ~ctdry.i, kou a&t 
7rAv]"y£ic irpog tyjv Ke<paXviv ci.1pv~A0Ly.Ttjj>; stti r*js —ucc/.tx^(.'j^ ~i~tu. Das Ex- 
cerpt rührt offenbar aus einer nuten Quelle her: auch wenn nicht 
die fast wörtliche Übereinstimmung in dem auf ^\^\\ Fall des 
Leosthenes bezüglichen Theil mit dem Bericht Diodor's wäre, würde 
man an Aman denken müssen." Allein das Urtheil über Leosthenes. 
welches darin enthalten ist. ist unzutreffend. Es war verhängnissvoll 
für die am Aufstand betheiligten Staaten, dass sie im Anfang des 
Krieges siegreich waren: die Griechen wurden dadurch übermüthig 
gemacht und das vae victis Anüpater's fiel später um so härter aus. 
Aber Leosthenes musste, wenn der unzeitige Aufstand überhaupt 
einen Sinn haben sollte, kühn vorgehen und rasch entscheidende Er- 
folge zu gewinnen suchen. Die Ausfuhrung des Wallgrabens, durch 
welchen er Antipater. nachdem er ihn hinter die Mauern von Lamia 
zurückgetrieben hatte, von der Verbindung mit der Aussenwelt ab- 
schneiden wollte, zog sich in die Länge; (pvkaxou ös , wie es in einem 



1 Man hat das Fragment unter die anonymen Rednerfragmente aufgenommen; 
Sauppb "-1 11. S. 346. Das Fragment braucht übrigens nicht .ins der Diadochen- 
geschichte /.u stammen, es kann an der lückenhaften Stelle der Anabasis (VII, 12) 
gestanden haben, in welcher über die Flucht des Harpalos aus Asien berichtet war. 

- Diodor Will. [3: : \ - ■ - '.- '■■■■. . . . -/ --; -1- -■- -rf> xeipdkrv "KiSw . . inss-s. 



Köm i r über die Diadochengeschichte \i rian 5 I 3 

Fragment aus Aman (Suid. u. StaXeiuixot) , welches liierlier gehören 
wird, heisst, eVi rx oiuhenrovTot ry r ; roKppov ETETctyjtTo. Als Antipater 
einen Ausfall machte, um zu verhindern, dass sich der Ring um ihn 
schlösse, warf sich ihm Leosthenes entgegen; der Ausfall wurde 
zurückgeschlagen, aher Leosthenes bezahlte den Erfolg mit dem Lehen. 
Der Bericht Diodor's über die Belagerung von Lamia ist weitschweifig 
und ei ml'us : Justin (XIII. 5) lässt wohl nur um des grösseren Effectes 
willen den griechischen Führer ohne Kampf durch ein von <\<-v Ring- 
mauer der Stadt geschleudertes Geschoss getödtel werden. 

Ans Diodor ist zu schliessen , dass der hellenische Krieg in der 
Hauptquelle Arrian's in drei gesonderten Abschnitten dargestellt war. 

Von denen der erste Ins zum Tode des Leosthenes. der zweite bis 
zur Aufhebung der Belagerung von Lamia und dem Sieg der Griechen 
über den nach seinem Austritt, aus der Regentschaft /um Satrapen 
von Kleinphrygien ernannten Leonnatos reichte. Zwischen dem ersten 
und /.weilen Abschnitt stand der thrakische Aufstand, zwischen dein 
zweiten und dritten der kappadokische Krieg. Aman hatte nach 
dem Auszug des Photios die Darstellung' <]i-s hellenischen Krieges in 
einem Zuge bis zum Tode des Leonnatos geführt und den thrakischen 
Krieg mii dem Feldzug des Reichsverwesers Perdikkas nach Kappa- 
dokien verbunden, auf welchem Pei;dikkas den kappadokischen Dynasten 
Ariarathes beseitigte und Eumenes als Satrapen in der ihm in Babylon 
zugetheilten Provinz einsetzte. Nach der bei Plutarch im Eumenes 
(c. 3) vorliegenden Tradition hatte Eumenes die ehrgeizigen Pläne, 
mit denen Leonnatos Antipater zu Hülle zog und für welche er 
Eumenes als brauchbares Werkzeug zu gewinnen gesucht hatte, dem 
Reichsverweser denuncirt und Perdikkas dadurch für den Feldzug 
gegen Ariarathes gewonnen. Diese sachlich nicht unbedenkliche Tra- 
dition stand auch Lei Arrian: c de tovtois Tncrevüüv, heisst es offenbar 
von Perdikkas in einem bei Suidas (11. xvsdc-yß-o) anonym überlieferten 
Fragment, ctvEoe^ero tov —poc \ciup?.Z-Y,v -;~/.sv.sv. In denselben Zusammen- 
hang gehörl ein im syntaktischen Lexikon (S. 154 Z. 10 u. Y.a.Tj.y.z\'j ) 
aus dem 5. Buch Arrian's citirtes Fi'agment: ovS' &e~A£i xaraxorniv tcv 
Turcü-ov (s. ^arpcL-cv). Aus dem Citat ist zu schliessen. dass Arrian 
den ersten Theil des hellenischen Krieges und den Krieg in Thrakien 
im dritten und vierten Buch dargestellt und mit dem kappadokischen 
Feldzug iles Perdikkas das 5. Buch eröffnet hatte. Aus dem vierten 
Buche Arrian's citirt «Las syntaktische Lexikon (S. 134. Z. 12 u. x&- 
SriyoO uou) die Worte: xou ig tov Xiusvu xciSipyeicrS-fl«. In den Berichten, 
welche, wie wir so eben sahen, das 4. Buch der Diadochengeschichte 
bildeten, ist dieses Fragment nicht unterzubringen. Das Fragment 
stammt aus dem Bericht über das unternehmen des lakonischen 



.) i 4 Gesammtsitzung vom 5. Juni. 

Bandenführei's Thibron, des Mörders und Erben des von Athen nach 
Tainaron zurückgekehrten Harpalos, gegen Kyrene, welches es Ptole- 
maios möglich inachte, die dorische Pentapolis in Libyen unter seine 
Botmässigkeit zu bringen. Thibron wurde in Kreta von Exulanten 
aus Kyrene und Barka angegangen ihnen zur Heimkehr zu verhelfen; 
unter ihrer Führung konnte er mit seinen Schiffen in den Haien von 
Kyrene einlaufen (Diodor XVIII ig). Das Arrianfragment wird von 
Suidas (u. xo&yyoviMti) ohne Namen des Autors, aber genauer in der 
Fassung angeführt als Theil einer Rede: y.u^-^ycCuui Tcivrciig dg rov aijaevoi. 
Nach der Darstellung Arrian's hatten also die Exulanten Thibron 
durch das Versprechen, ihm den Weg in den Haien zu zeigen, für 
ihre Pläne, wie sie glaubten, gewonnen. Die Annexion der Kyrenaika 
durch Ptolemaios mit dem, was ihr vorausging, war von Arrian nach 
der bestimmten Angabe des Photios im 6. Buch erzählt. Danach ist in 
dem Cital im syntaktischen Lexikon die überlieferte Buchzahl zu ändern. 
Den grössten Theil des 5. Buches des Geschichtswerkes Arrian's 
nahm die Fortsetzung der Geschichte des hellenischen Krieges ein. 
Die Ankunft des Krateros in Thessalien, welcher in der letzten Zeit 
Alexander's den Auftrag erhalten hatte, die Veteranen heimzuführen 
und Antipater in Makedonien zu ersetzen, bildete den Wendepunkt 
des Krieges. Von wesentlicher Bedeutung war es. dass Krateros Anti- 
pater. der nach Alexander's Tode von den Machthabern in Babylon 
als Regent in Makedonien bestätigt worden war, in dieser Eigenschaft 
anerkannte und sich ihm im Kriege gegen die Verbündeten unterord- 
nete: -upeX^rwv <Ü sie ®£TTct\ia,v , wie Diodor (XVIII 16,4) sagt, y.c/.\ tgv 
■KpiuTtiov -a.pa.-/jjipr\<Tü.z sy.GVTMQ 'AvTnretTpw xgivy, ijlet ocvtcv yuTarjrpocTGT^edevTE 
■Kapo, rov TIyivsicv TTorufxov. Aman hatte über die Stelluni;', welche 
Krateros nach seiner Ankunft in Thessalien zu Antipater einnahm, 
ausführlich gehandelt und Krateros redend eingeführt. Aus dieser 
Rede rührt ein in dein syntaktischen Lexikon (S. 130 Z. ■:>'> u. SovXevw) 
aus dem fünften Buch rwv ij-btci 'AÄs^uvSpov angeführtes, den Bericht 
Diodor's ausdrucksvoll ergänzendes Fragment her: o~e ö'e eTvcu, so hatte 
Arrian Krateros sprechen lassen, rov ZcvAeCovrä. re vwep rwv g'awv rot, 
^vjj.cpopwTciTct, -/.eil s7TO.yys'A?^ovrc/. ~iv :n ~s: xv ^VAAoyKTixw rvyjr, £vu£ov- 
AsuS-fV. Die Fragmente der Diadochengeschichte Arrian's lassen er- 
kennen, dass Gespräche nwd Reden in dieser einen grösseren Raum 
einnahmen, als in der Alexandergeschichte. Diess muss seinen Grund 
in der Beschaffenheit seiner' Hauptquelle gehabt haben, deren Eigenart 
noch genauer als bisher geschehen ist. festzustellen wäre. 1 Werth- 



1 Wie sein- Arrian auch in Äusserlichkeiten \<>n seinen Quellen abhängig ge- 
wesen ist. zeigt sich unter anderem darin, dass er in der Alexandergeschichte >li<' 



Köhler: Ober die Diadochengeschichte Arrian's. .) / •) 

volles Detail über «las erste Zusammentreffen /.wischen Antipater und 
Krateros werden wir weiterhin in dem Excerpt über Krateros finden. 
Nachdem Krateros mit den Veteranen zum Heere Antipaters gestossen 
war. war das Schicksal des griechischen Aufstandes entschieden. 
Nach der ersten nicht ein M:\\ vollständigen Niederlage löste sich das 
Heer der Verbündeten, mit dem Heere der Bund auf. Antipater hätte 
Arn Entscheidungskampf schön früher wagen können: ohne Zweifel 
hatte er den Krieg absichtlich in die Länge gezogen, nicht allein 
weil er das Eintreffen des Krateros erwartete: ei- kannte die griechi- 
schen Zustände und konnte voraussehen", dass es den griechischen 
Führern nicht möglich sein würde die Bürgermilizen den Winter hin- 
durch zusammen zu halten. Während die meisten von den am Auf- 
stand betheiligten griechischen Staaten nach der Schlacht hei Krannon 
ihren Separatfrieden mit Antipater machten, zögerte man in Athen 
auch nach der Rückkehr des Aufgebotes noch sich der Nothwendigkeil 
zu fugen. 1 Nach den vorliegenden Berichten schickten die Athener. 
nachdem Antipater in Böotien eingerückt war. Unterhändler nach 
Theben in das makedonische Hauptquartier. Danach wird angenom- 
men, die Athener hätten Antipater keine Zeit gelassen, die Feind- 
seligkeiten gegen ihr Land zu eröffnen. Diese Annahme ist unrichtig. 
Bei Suidas (u. uvsZu/.sro) sind als Fragment Arrians die Worte über- 
liefert: a.vsßu.~AE7C TY\V TY,c ölXhY\Q %CöflOtS $YW<JlV GlOUEVOC £V&W<TZIV ' AS3)I/£U0UC. 

Diese Worte können nur auf den hellenischen Krieg und Antipater 
bezogen werden. Wir lernen aus dem Fragment, dass Antipater, 
um einen Druck auf die Athener auszuüben, seine Vorhut hatte die 
attische Grenze überschreiten lassen. Vielleicht hängt es damit zusam- 
men, dass die Athener in dem Frieden die oropische Mark den Bootern 
abtreten mussten. 

über das Schicksal der attischen Redner, durch welche der Auf- 
stand angefacht worden war. hatte Arrian im Anfang des sechsten 
Buches gehandelt. Der Auszug des Photios ist hier verhältnissmässig 
ausführlich; mit diesem Auszug ist ein Excerpt zu verbinden, welches 
hei Suidas unter dem Namen 'Xvtittoctdoc erhalten ist. In der Über- 
lieferung über das Schicksal der Redner sind zwei Versionen zu unter- 
scheiden. Nach der einen Version . für welche Plutarch in Phokion 
(c. 27) Hauptquelle ist. wurde von Antipater in den Friedensverhand- 
lungen die Auslieferung der Redner verlangt: diese flohen aus Athen 



gemeingriechische Namensform T«7o«;rv)e, in der Diadochengeschichte die in Asien 
gebräuchlichere Form ^ttrjct-yc gebraucht hat. 

1 Ans dem compendiarischen Bericht in den ritt. X or. 846 K ist mit Unrecht 
geschlossen worden, die Athener hätten .-ils Antipater noch in Thessalien stand Ge 
sandte an ihn geschickt. 



Ü76 Gesammtsitzung rom 5. Juni. 

und wurden nacli dein Abschluss dos Friedens von den Trabanten 
Ajitipater's aufgesucht und auf seinen Befehl hingerichtet. Die andere 
Version Ist am vollständigsten wiedergegeben in dem Excerpt bei 
Suidas. Das Excerpt lautet: ori twv \3-v\vot,iu)v row ASijvew kvrnrot,Tpw 
rr MotXE^oi'i TTd,pot.8ovTu>v , Iv Seei sitec ;< ovißciywyot ', npos rt\v eirctva.G'TctO'tv 
tow \C-y ctiow sTrapxvTes , <!x tv\v aterutv E7r' «Otoü? fveyxw<nv, e<pvyov. o'i ds 
\ . swoi ^--j.'.c/.t'j lmyLY\v rovTovs xot,Te6ixaura,v wv y<: Ayiij.o<t§evvis i mratp xoti 
'tTrepiovjg y.-j.i luepauog, rv\v roZ S&vcitov Etcr*)'y*)0"tv £t<7£v&/xovTos [AvjfMtoov\. 
Die in dem Excerpl vorliegende Version weiss nichts davon, dass 
Antipater die Auslieferung der Redner als Friedensbedingung aufgestellt 
hatte. Die Redner flohen nach dieser Version nicht um der Aus- 
lieferung an Antipater zu entgehen, sondern weil sie fürchteten, das 
athenische Volk würde sie zu Sündenböcken machen, was dann aucli 
geschah. Der Auszug aus Aman stimmt mit dem Excerpt überein; 
dieselbe Darstellung liegt ausserdem bei Plutarch im Denlosthcnes (c. 28) 
vor; Diodor hat das Schicksal der athenischen Redner übergangen. 
Die modernen Historiker haben die beiden Versionen combinirt; sie 
lassen Antipater die Auslieferung der Redner verlangen, die Athener 
das Todesurtheil über die Geflohenen aussprechen, Antipater das ürtheil 
vollziehen. In dieser Darstellung ist die Verurtheilung der Redner 
unmotivirt. Dass diese sich der Auslieferung an Antipater durch die 
Flucht entzogen, konnte ihnen doch von den Athenern nicht als 
todeswürdiges Verbrechen angerechnet werden. Antipater war. wenn 
seine Absichl die Redner ausgeliefert zu erhalten vereitelt war. mit 
der Verurtheilung derselben nicht gedient. Waren, wie angenommen 
wird, die Redner bereits geflohen ehe die Friedensbedingungen fest- 
gestellt wurden, so kam die Forderung Antipater's zu spät. Was 
man als Theile derselben Tradition behandelt hat, sind in Wahrheit 
zwei verschiedene Traditionen, von denen die in drei Brechungen vor- 
liegende, welche die Forderuni;' der Auslieferung der Redner nicht 
kennt, als die bestbeglaubigte den Vorzug verdient. Ohne Zweifel 
hatte Antipater in den Unterhandlungen mit den athenischen Ge- 
sandten darauf gedrungen, dass die Rädelsführer des Aufstandes zur 
Verantwortung gezogen würden, wie er es in den Verhandlungen mit 
anderen Städten that. Daraufhin wurden die Redner auf Antrag des 
Demades zum Tode verurtheilt. In Athen glaubte man. damit sei 
die Sache abgethan; war es doch nach den athenischen Rechts- 
einrichtungen und Gepflogenheiten so herkömmlich, dass politische 
Verbrecher sich durch die Flucht der ihnen drohenden Strafe entzogen. 
Die Verurtheilten selbst waren offenbar dieser Ansicht, sie würden sonst 



fxoiToe [Avjmkoou] Arn. Schäker unvtyxovTK die HSS. 



Köhler: Über die Diadochcngeschichte Arrian's. ">7i 

nicht in der nächsten Umgebung Athens geblieben sein. .Mut Anti- 
pater sah die Sache anders an; da die Athener keine Anstalten 
machten dem gefällten Urtheilsspruche Folge zu geben, nahm er die 
Vollstreckung desselben selbst in die Hand. 

In dem Excerpte bei Suidas schliessl sich an die Angabe über 
den Antrag des Demades das folgende wörtliche Cital an: iyeyovti 
yxp ek ovoev (JLETptoTepog rr yvwßYj, 6icti [/.vjoe etti tpvtreu)? ßsrcißoXr, xt&xia 
crvveXc-cvrrric , yittutoli &e uvtyq y.ou vofxov 1—nurriQ \x.Y\ ttuvteKuk; zoAoL^ovrrci, 
xou iTyjjQ avri ivTuywvLTTcc i<p oirep ccv pE~Yi ' xal ovte (f>oßu> ciiroTpEirETai 
ro §pcttTvvE<7$M ovts ot,tou>s i^EicyovTa iroLcct—Elrrai txavY, etTTtv eq to tZ vo\mü 
vyrffKoov. Arnold Schäfee, welcher d.-is Excefpt angezogen hat, wollte 
in den Schlusssätzen Worte zur Motivirung des Antrages des Demades 
sehen. 1 Ich zweifele, ob diese Auffassung richtig ist. Ich erkenne in 
den Schlusssätzen des Excerptes ein in sentenziöse Form gekleidetes 
Urtheil über Demades. Gegen angeborene Schlechtigkeit hilftauch die 
Zuclit des Gesetzes nichts. Demades war nach dem Ausbruch des Auf- 
standes wegen seiner vorausgegangenen politischen Thätigkeil gericht- 
lich verfolgt worden ; demungeachtet stellte er nach dem Friedensschluss 
den Antrag auf die Hinrichtung der Redner. Aman hatte, wie der Aus- 
zug des Photios zeigt, im Anschluss an den Berichl über den Tod 
der Redner die Hinrichtung des Demades durch Antipater und das 
elende 1 Ende des Phygadotheren Archias erzählt; in den antimakedo- 
nischen Kreisen sah man in den späteren Schicksalen der beiden Männer 
eine gerechte Vergeltung für ihren Antheil an dem Tode des Demos- 
thenes. Diese Zusammenstellung hat Arrian nicht in seiner Haupt- 
quelle bei Hieronymus vorgefunden, der anders über die politische 
Thätigkeit des Demades urtheilte: er hat sie einer griechisch gefärbten 
Nebenquelle, vielleicht Duris entlehnt. 

Die Vaticanischen Fragmente des Geschichtswerkes Arrian's be- 
ziehen sich auf die Vorgeschichte des ersten Diadochenkrieges , welche 
nach der wahrscheinlichen Aufstellung des Herausgebers der Frag- 
mente im siebenten Buch des Werkes enthalten war. Das Erhaltene 
steht auf zwei zusammenhängenden Blättern; ich werde diese als das 
erste und zweite Fragment unterscheiden. Das erste Fragment beginnt 
mit der Entfuhrung der Alexanderleiche durch Ptolemaios. Es würde 
von grossem Interesse gewesen sein. Genaueres über diese in ihren 
Motiven für uns dunkele That zu erfahren, durch welche Perdikkas 
in dem von ihm in Pisidien gefassten Entschluss bestärkt wurde. 
Ptolemaios in Aegypten anzugreifen und es Eumenes zu überlassen, 
als Oberbefehlshaber in Kleinasien Antipater und Krateros den Über- 



Demosthenes u. s. '/.. III ' S. ig i 



578 Gesammtsitzung vom 5. Juni. 

gang über den Hellespont zu wehren. Leider ist uns nur der Schluss 
des Berichtes Arrian's erhalten. Wenn es in diesem heisst, dass Per- 
dikkas den Zug gegen Aegypten mit der Absichl unternommen habe, 
den unbotmässigen Statthalter zu beseitigen und sieh der Mumie des 
Königs zu bemächtigen, so ist diese Aussage in ihrem zweiten Theile 
ebenso sachgemäss wie im ersten: aber das, was der Reichsver- 
weser seihst mit der Mumie vor halle. nl> er sie im Amonsheilig- 
thum beisetzen wollte, wie im Sommer 323 in Babylon beschlossen 
worden war. oder ob er. wie DrOYSEN in einer anderen Verbindung 
als möglich hingestelll hat. im Sinne hatte, die Leiche nach Aigai, 
der Begräbnissstätte des makedonischen Königshauses, überzuführen 
und bei dieser Gelegenheil seine Autorität in den makedonischen 
Stammlanden herzustellen, bleibt ungewiss. Hat Perdikkas, wie ich 
nicht für unwahrscheinlich halte, die Überführung der Alexander- 
leiehe nach Makedonien im Auge gehabt, SO war er darauf an- 
gewiesen, diesen Plan geheim zu halten. 

An den Bericht über die Entfuhrung der Alexanderleiche schliesst 
sieb in dem Vaticanischen Fragmente der Bericht über die Neu- 
besetzung der Satrapien von Kilikien und Babylonien an. deren In- 
haber zu den Mitgliedern der Coalition hinneigten, welche sieh gegen 
den Reichsverweser gebildet hatte. Die Einsetzung des Philoxenos 1 
zum Satrapen von Kilikien unterlag keinen Schwierigkeiten, da Per- 
dikkas mit dein Heere von Pisidien, wo er die Nachricht von der 
Entführung der Alexanderleiche erhalten hatte, durch Kilikien gegen 
Aegypten zog. Nicht so einfach lag die Sache in Babylon, wo der 
im Amte befindliche Satrap Archon ähnlich wie in einer späteren 
Zeit Seleukos auf die einheimische Bevölkerung zählen konnte. Arrian 
hatte sowohl über die Instructionen, welche Perdikkas dem desig- 
nirten Satrapen Dokimos ertheili hatte, wie über die Vorgänge vor 
und nach der Ankunft des Dokimos in Babylon eingehend berichtet; 
dass dieser Beriebt in dem Paümpsest nur theilweise hat gelesen 
werden können, ist sein- zu bedauern, da wir durch den vollständigen 
Beritdil ohne Zweifel über die Zustände in Babylonien würden auf- 
geklärt worden sein." Die Einsetzung des Philoxenos in Kilikien ist 



' Statt 'i'ü.cZ.-rcr . . sva Ttnv a<petmv MaxsSovuii' fol. 230'' Z. 12 S. 6 und 24 ist 
doch wohl Kii lesen $iKoj~Evov . . si-n röii ■nicpaviüv oder t£v :■ y. utpttvSi', Philoxenos 
wurde nach Perdikkas Tode von Antipater in der Satrapie bestätigt (Arrian b. Pliot. 
§. j4 vergl. Diodor Will 39, 6). Ohne Zweifel ist der Philoxenos, welcher von 
Alexander vor dem Aufbruch nach Mesopotamien im Frühjahr 331 zum Generalsteuer, 
einnehmer in den I. lindern diesseits des Taurus ernannt wurde und der kurz vor dem 
Tode des Königs mit Truppen aus Karien in Babylon eintraf (Arr. Anab. III 6,4 und 
VII 23, 1), derselbe Mann. 

2 Fol. 230' Z. i6ff. S. 6 und 24 f. lese ich: tov ■>.'■• taTqunaiBiv t[rug]e, r* 



Köhler: Über die Diadochengeschichte Arrian's. 579 

kurz erwähnl bei Justin (XIII 6, 16); dagegen ist Alles, was wir aus 
dem Vaticanischen Fragment über Babylonien erfahren, wie der Her- 
ausgeber bemerkt hat, neu für uns. 

Von den Vorgängen in Babylon kehrt der Bericht Arrians zurück 
zu Perdikkas; diesem wird, während er noch in Kilikien steht, gemeldet, 
dass die Kyprischen Stadtkönige Bündnisse mit Ptolemaios abge- 
schlossen und eine starke Flotte zusammengebracht Indien: er lässl 
hierauf ein Geschwader ausrüsten und schickt eine bewaffnete Macht 
unter Aristonus nach Kypros; hier bricht das erste von den beiden 
Vaticanischen Fragmenten ab. Der Herausgeber hat den Kyprischen 
Bei'ichl zu den Dingen gerechnet, die allein in den Arrianfragmenten 
überliefert seien: es ist ihm entgangen, dass die Bündnisse Act- 
Kyprischen Könige mit Ptolemaios bei Justin erwähnt sind, allerdings 
in anderem Zusammenhange. In dem geistvoll angelegten Geschichts- 
werk, dessen Inhalt uns in den traurigen Excerpten Justins über- 
mittelt ist. war dem Bericht über die Rüstungen des Reichsverwesers 
eine Schilderung der Macht des Ptolemaios in dreifacher Gliederung 
gegenübergestellt: wie er sich der Ergebenheit der Aegypter versichert, 
die benachbarten Könige als Bundesgenossen gewonnen und seine 
Herrschaft auf die Kyrenaika ausgedehnt hatte. Unter den ßniihni 
reges, welche .lustin als Verbündete des Ptolemaios bezeichnet, sind 
ohne Zweifel die Kyprischen Stadtkönige zu verstehen, wie man sich 
bei einiger Überlegung auch schon vor dem Bekanntwerden der 
Arrianfragmente hätte sauen können. An Phönikische Stadtkönige 
kann aus verschiedenen Gründen nicht gedacht werden. Das Vati- 
canische Fragment beweist von neuem, welche Fülle von Material in 
dem Geschichtswerk Arrians vereinigt war. Nachrichten wie die über 
die Vorgänge in Babylonien müssen der Natur der Sache nach auf einen 
Gewährsmann zurückgehen, welcher die Ereignisse mit erlebt und 
denselben nahegestanden hatte: ein Anderer würde weder ein Interesse 
daran gefunden haben noch im Stande gewesen sein, so eingehend 
über diese vergleichsweise geringfügigen Begebenheiten zu berichten. 
In der strengen Sachlichkeit der Berichte und der Genauigkeit der 
thatsächlichen Angaben erkennt man Hieronymos von Kardia, der 
in diesen beiden Beziehungen, sowie in der Vollständigkeit der Dar- 



|B(t 3v . |/.7 1 '/re< . Azyjrci bt rav -acT.rsr |^«]rj|i: \-rr -Vi rv|c ^vvra^twe twv t. 

firai, ■-< <>'■ rr\< T;f«ri«c ], cparxwv Aoxi;-""' ti cuptHotra xr>. ; Z. 26 S. 7 

rv;i' ax\pcti>] TYfi [Ba/Su]Atüi/o<r; fol. 230" /.. Auf. S. 7 und 25 Baßv[*<t>vlovg] St 
£vi>ct.yceyw\> xcu i/o«t«c tyjv Qes&'xxou Sinvoutv. S. 8 '/.. 7 und S. 26 erkenne ich s[? 
T7 > . ; ]u v xurir-r, ttqog Kpyjava. xat tu utv -\ > \r rv r 7r i!77cu.icycu:-rj r «rt[r] '~"/,['- r | 
T{üv ytjaptwv sxpitTS?TO. süe & «xpopcAiT^üJ ni'i TpavtxccTia ysvo\Atvw rou Apyjuvi :■_ -o/./.'r 

UOTEOOI' ;Vi':v 7 = >.-'. T/T.fl IX TWV TOaVUCKTWI', 7TJI'IX«[v]t« St o[ll] /(:'/ -\~J~ Ao]xif*OS 

x-}.. 



ii80 Gesammtsitzung vom 5. Juni. 

Stellung als der Vorgänger des Polybios erscheint, der ilm vielleicht 
nur in der Grossartigkeit und Geschlossenheit der Gesammtauffassung 
überrag! hat. 

Zwischen dem ersten und dem zweiten Vaticanischen Fragmente 
Liegt eine Lücke. Das /weite Fragment bezieht sich auf Antigonos, 
der Schauplatz der Erzählung ist das westliche Kleinasien. Man er- 
kennt ans dem Erhaltenen, dass nach der Ankunft des Antigonos 
die Satrapen von Karien und Lydien, Asander und Menandcr von 
der Sache des Reichsverwesers abfielen und dass Ephesos und andere 
Städte der jonischen Küste Antigonos ihre Thore öffneten; dass Me- 
nander Antigonos den Plan eingab Eumenes in Sardes aufzubeben 
und es selbst übernahm Eumenes den Weg in das innere Kleinasien 
zu verlegen, dass aber Eumenes gewarnt durch Kleopatra sich den 
Nachstellungen seiner Gegner zu entziehen wusste. 1 Der Herausgeber 
der Fragmente hat aus diesen Nachrichten scharfsinnig geschlossen, 
dass Antigonos, der. nachdem er aus seiner Satrapie Grossphrygien 
entwichen war. in Griechenland den Hund mit Antipater und Kra- 
teros gegen den Reichsverweser geschlossen hatte, dem bald auch 
Ptolemaios beitrat, mit der von den Alliirten ausgerüsteten Flotte 
nach Kleinasien gefahren ist. um hier dem Reichsverweser und 
seinem bevollmächtigten Stellvertreter Eumenes Abbruch zu thun, 
worüber sonst nichts überliefert ist. Wie wir aus Photios' Auszügen 
aus Arrian wissen, hatte Perdikkas. nachdem sich die Goalitioö 
gegen ihn gebildet hatte, den Entschluss gefasst, sich mit Kleopatra, 
der Schwester Alexanders des Grossen, zu vermählen, deren Anträge 
er früher aus Rücksicht, auf Antipater zurückgewiesen hatte: er hatte 
Eumenes beauftragt, Kleopatra in Sardes. wo sie seit ihrer Ankunft 
in Kleinasien residirte, aufzusuchen und ihr seinen Entschluss anzu- 
kündigen. Das muss in der Lücke zwischen (hm beiden Vaticanischen 
Fragmenten berichtet gewesen sein: zwischen den beiden erhaltenen 
Blättern ist wenigstens eine Blattlage verloren gegangen. Über die 
Theilnahme des Antigonos an dem ersten Diadochenkriege war vor 
der Entdeckung der Vaticanischen Fragmente nur bekannt, dass er 
zur Zeit, als Perdikkas am Nil ermordet wurde, in Kypros war: 
weder auf welchem Wege er dahin gekommen war, noch was ihn 
nach der Insel geführt hatte, wussten wir. Die Fahrt der Flotte 
nach der Westküste von Kleinasien hatte den Zweck, dem Landheer 
unter Antipater und Krateros den ^Ye^■ in die Halbinsel zu öffnen; 
dieser Zweck ist erreicht worden: Eumenes musste nach der Lan- 



1 Fol. 235", /■■ 1 2 1. , S. 12 und ;;o is1 KU lesen: ceirw ßsu aysiu EvXa.ßi 
yitr:-i>.rij<\ r]ca tiHa^stv, r \ 7 - | <) t - - 1 [öuyoi'r]« ryv [l]i/«e[rT]iaiT«T»)i' r»j[i]Ss 



Köm. kr: Über die Diadochengeschichte Vrrian's. 581 

äung des AntigonQs nach Kappadokien zurückweichen und durch 
Aushebungen in seiner Provinz den Ausfall zu decken suchen, der 
durch den Übertritt der Statthalter der westlichen Küstenlandschaften 
in seiner Macht entstanden war; während er noch rüstete, konnten 
Antipater und Krateros ungehindert über den Hellespont in Klein- 
asien einziehen. Im Einzelnen bleibt Manches dunkel; es ist dringend 
zu wünschen, dass der Versuch bald gemacht werden möge, die 
Entzifferung der bisher nur theilweise gelesenen Vaticanischen Frag- 
mente weiterzuführen, wenn auch die Aussicht auf Erfolg gering zu 
sein scheint. Nun Kleinasien ist Antigonos mit t\<>v Flotte nach 
Kypros gefahren, wo. wie wir anzunehmen Indien, mittlerweile <\rv 
Kampf zwischen den mit Ptolemaios verbündeten Stadtkönigen und 
der von dem Reichsverweser gegen die Insel geschickten Macht ent- 
brannt war. 

Der Krieg der Statthalterpartei gegen den Reichsverweser , welcher 
in der Hauptsache in Kleinasien und am Nil geführt wurde, wird 
den Inhalt des achten Buches des arrianischen Werkes gebildel 
haben. Hierher gehören der Artikel des Suidas über Perdikkas und 
der Artikel desselben Lexikographen über Krateros in seinem zweiten 
Theil. Der Artikel über Krateros ist nämlich aus zwei Stücken zu- 
sammengesetzt, die sich ohne Weiteres von einander trennen lassen. 
Das erste Stück lautet (Suidas u. Kparepog, vergl. u. öy/.oc und u. cy.evY]): 
KooiTspoQ ovo\x.cl xvpiov , o MdKedtjuv, oq yjv \XEyiTTOQ te otjy^rfivoti xxi ov izpotrw 
oyx.ov ioa.<7iXix,ov , ryjg te G"xst;?jc rr Xot,^.TvpoTr]Ti oiatyspwv, y.oä —olvtI tw y.o<t\m> 
•/.uro. tov "AXe^otv^pov e(jtocXto ttXyjV tov tWc^uoiroc, xcil rölg <7vyyivo\j.svoiQ 
otog erw Eirieixeta, xul tov TEfxvov ~poTovToc:, i\nXo<ppovE<TTot,Tog bo'^oa, kcu 
t:u.--j.' >j tcj'cc TT s-c/.yjjyjj twv Ao^wv, wc <rviJ.ßctXXov<rt ty te o\j.ix.poTY\Ti tov 

\\.VTl~OiTpOV (TWIXOCTOQ KOU TY, tyctvXoTY\Tl . Sir) TOVTOtg TW O/rtp0<T\UKT(tl XäU UVYj- 

fjjpw eg tovc VTrv\Koovg, [wöte] S-spocwevsiv tov KpocTepov y.oltcl poctiXeol xat ev 
E~aivoic kyovTO.Q zutu tc sixog oia, <5vj <7TpoLTY\yu>v tov evtoX\xotcitov xot,t tuiv 

—0?£IMX.(JÖV EpyWV (TVVETWTDtTOV &EVTEpOV TY, TTpoTlU^CEi \XETO. ' AXE^UVOpOV OiVMMpl- 

XoyuK ayeiv. KivvjG~lg ts ovv Syj y\v e~\ tovtm tvjc orpotTÜtg Tvixitot.<TY\c , Kpoc- 
Ttpov jxev oioc jcioiTiXeci ig to emtycLveg S-EpocwEVovTYic; , xou exocctuiv i.irot.^iovv- 
tujv ev I'ty fxoipu cc.fX(pw TBTayß-ca, 'AvTLTTotTp'jj Ss KdT ovdsv eSeXovtidv 
7T£i'3-£cr3-c6t. Man erkennt leicht, dass dieses Stück aus der Dar- 
stellung des hellenischen Krieges herrührt. Nach der Entsetzung 
von Lamia hatte sich Antipater, gefolgt von den Truppen des im 
Kample mit den verbündeten Griechen gefallenen Leonnatos, nach 
Nordthessalien zurückgezogen in der Absicht, das Eintreffen des 
Krateros mit den Veteranen des asiatischen Heeres zu erwarten. 
Das bei Suidas erhaltene Excerpt schildert die Sachlage nach der 
Ankunft des Krateros: nach dieser Darstellung machte die glänzende 



.)S2 Gesammtsitzung \<>in ö. Juni. 

Erscheinung des Krateros, sein kriegerisclier Ruhm und die Erinne- 
rung an die Stellung, die er zu Alexander eingenommen hatte, 
seine mit gewinnender Freundlichkeit verbundene Würde einen solchen 
Eindruck auf die in Thessalien vereinigten makedonischen Truppen, 
dass sie den unscheinbaren Antipater, welchen! die wenig dankbare 
Aufgabe zugefallen war, während sieh Alexander und seine Ge- 
führten in Asien mit Ruhm und Glanz bedeckten, die unruhigen 
Griechen im Zaum zu halten, übersahen und nur von Krateros Be- 
fehle annehmen wollten. Dass Krateros seit der Hinrichtung Par- 
menions die rechte Hand Alexander's gewesen ist. der ihm unbedingtes 
Vertrauen schenkte, ergiebt sieh aus der Alexandertradition zur Genüge. 
Die stattliche Erscheinung wird sowohl in der Charakteristik des Leon- 
natos, wie in der des Krateros hei'vorgehoben; was in diesen Frag- 
menten von Krateros und Leonnatos einzeln ausgesagt wird, ist in 
der Einleitung zur Diadochengeschichte «bei Trogu's -Justin generalisirt, 
in welcher die Gefährten Alexander's als eine Eliteschaar in physi- 
scher sowohl wie in geistiger Beziehung bezeichnet werden. Dass 
Antipater in der Kleidung und Lehensweise von der grössten Ein- 
fachheit war 1 und sieh nach makedonischer Art auch in den Formen 
rauh und schroff zeigte , ist anderweitig bekannt; dass er auch körper- 
lich unscheinbar war. ist meines Wissens sonst nicht bezeugt. Die 
Thatsache, dass nach der Ankunft des Krateros das makedonische 
Heer sich diesem zuwendete und Miene machte Antipater den Ge- 
horsam zu verweigern, findet sich in keiner der erhaltenen Quellen 
ausser in dein Excerpt berichtet; aber in der Quelle Diodor's muss ein 
entsprechender Bericht gestanden haben; die Angabe Diodor's, dass 
sich Krateros Antipater freiwillig unterordnete, hat, wie mir scheint, 
einen solchen zur Voraussetzung; dass Arriari über das. was Diodor 
mit wenigen Worten abmacht, ausführlich berichtet hatte, glaube ich 
aus einem der im syntaktischen Lexikon erhaltenen Fragmente nach- 
gewiesen zu hahen. Zwischen Antipater und Krateros bestand eine 
gewisse Solidarität der Interessen, die darauf beruhte, dass sich die 
Ordnung der Dinge in Babylon, welche damit endete, dass Perdikkas 
in den Besitz der höchsten Gewalt kam. in Abwesenheit und ohne 
Zuthun Beider vollzogen hatte. Aber auch in der Gesinnung scheinen 
die beiden Männer Berührungspunkte gehabt zu hahen. Dass Anti- 
pater, welcher als Rathgeber und Feldherr Philipp's ergraut war und 
an den Eroberungskriegen in Asien keinen Antheil genommen hatte, 
den auf die Verschmelzung der Perser mit den Makedonien! gerich- 



1 I'lut. Phok. 29. Vergl. die Charakteristik Antipater's liei Jacob Bernats, 
Phokion und seine neueren Beurtheiler, S. 61. 



Köhler: I ber die Diadochengeschichte U'rian's. 583 

Icicn Ideen Alexander's gegenüber die makedonischen Traditionen 
vertreten hat, ist eben so wenig zu bezweifeln, wie dass in der letzten 
Zeit Alexander's das Verhältniss zwischen diesem und dem hervor- 
ragendsten Vertreter der Philippischen Zeit gestört gewesen ist. Aber 
auch von Krateros wird von Plutarch im Alexander (c. 47) und Eumenes 
(c. 6) berichtet, dass er die Hinneigung Alexander's zu dem Persi- 
schen Wesen zu massigen suchte und in den Conflicten des Königs 
mit den Makedoniern für diese eintrat. In der für die Alexander- 
geschichte maassgebenden Überlieferung ist allerdings nichts davon 
zu lesen, alier diese Überlieferung vermeidet es. wie bekannt, auf das 
Persönliche einzugehen. Tiefer in das Verhältniss zwischen Antipater 
und Krateros einzudringen ist uns versagt; sicher ist. das die beiden 
Männer in Thessalien in ein enges Einvernehmen traten, welches 
sich Ms zum Tode des Krateros gleich blieb. 

Die zweite Hälfte des Artikels über Krateros lautet folgender- 
maassen: Evfxevrjg ös y.arcc tov tto/.su:: 1 evpuiv to Kpc&TEpov tu<ij.x xemevov eti eju- 

TTVOVV Y.U.T'J.—'/\bv\<Tct.l TE O.TT0 TOV \~~0V 'AsyETUl XM ■/.OCToXoipVpä.TJ-M UVTOV, cTTW.Up- 

TvpovfXEvov (1. axo\j.a.pTvpov\XE\>ot) xvdpuxv re rrv Kpotrepov xai ctwetiv xm to uyot,v 

'lAEWV TOV TCOTiOV XM Eq (ptXtUV TYjV TTpog UVTOV civ ETT 117 XclGTOJ , C<T0V TE T7/.0VT0V 

zvscucttov XM oz~jr öiy.oaoTvvr! VWTpoipov. xpa.Ti(TTog Ss dpa. ciiTcg otov to, ty\q 
kpETtfi spya xcci —dpa röig evccvtioo; twv ettmvwv ^Vjj.<pwvvj(riv £%£».' kvTifXwg 

Öl XM Ij.iyjj^-ZE-'J ~ TO (T'X'UCl CiVTOV IXY^EVTE'J . £%£J UIV OVV XM TCiVTX 

KpcCTEp'r zyj.Z~r,\' oo^oiv, —e—iittevtul de T-j^ppoviTTciTce yEviTJ-ca xxl —pccoTci- 
Tog xcll (ptAtM; Kctvwvv\(jca /3e /omot out oq , olx. Sy to cpiXETotipov ipvTEi y.T-/]Td- 
\j.Evo^ xm c-iTY t dEv<7^. Nachdem Antipater und Krateros den Heüespont 
überschritten hatten, wendete sieh Krateros gegen Eumenes, während 
Antipater mit dem übrigen Heere südwärts nach den Kilikischen Pässen 
niarsehirte. um den Reichsverweser im Rücken anzugreifen. Aus dem 
Schlüsse des Berichtes über die Schlacht, in welcher Krateros fiel, stammt 
die zweite Hälfte des Artikels über Krateros bei Suidas. Dass Eumenes 
nach dem Siege die Leiche seines gefallenen Gegners feierlieh verbrennen 
Hess, wird auch von Nepos im Eumenes (c. 4. 4) berichtet mit dem 
Zusatz, dass er die Asche des Krateros an seine Hinterbliebenen sandte. 
Dasselbe hat in der Quelle Diodor's gestanden, der es da. wo er über 
die Schlacht berichtet, übergangen bat. aber an einer späteren Stelle 
(XIX 5, 9) auf die Überführung der Asche Bezug nimmt. An die Er- 
wähnung der von Eumenes der Leiche des Krateros erwiesenen Ehren 
schliesst sieh sachgemäss eine Würdigung der persönlichen Vorzüge 
des letzteren, seiner Zuverlässigkeit, Uneigennützigkeit und Anspruchs- 
losigkeit an. Dass Eumenes Krateros noch am Leben getroffen und 



Tjy l~M\j<- ~\<jaI'j ■'Tir BkRNHAKDV TW 17TCCI'";' £■„■'.'. . ' 



5ö4 Gesammtsitzung vom 5. Juni. 

eine Ansprache an ihn gerichtet hahe, wird in dem Excerpt als Keyöixsvov 
angeführt. Ich glaube, dass die Nachricht in derselben Form von 
Aman überliefert war und sehliesse daraus, dass Aman in der Dia- 
dochengeschichte auf ähnliche Weise wie in der Geschichte Alexander's 
die von ihm aus den Nebenquellen aufgenommenen Nachrichten als 
unverbürgt gekennzeichnet hatte. Eine Vergleichung der Parallelberichte 
Diodor's und Plutarch's wird diese Auffassung erläutern. Nach Diodor 
(Will 30) stürzte Krateros im heissen Kample vom Pferde, er wurde. 
ohne erkannt zu werden, überritten und (and einen kläglichen Tod. 
Diese Tradition, welche von einem Zusammentreffen des Eumenes mit 
dem sterbenden Krateros nichts wusste. Iiat Arrian in seiner Haupt- 
quelle, d. h. bei Hieronymos vorgefunden. Bei Plutarch (Eumenes 7) 
wird das Zusammentreffen des Eumenes mit Krateros übereinstimmend 
mit dem Suidasartikel besehrieben] damit hängt es zusammen, dass 
nach Plutarch's Darstellung Krateros im Kample verwundet wurde und 
vom Pferde stürzte, aber von einem der Strategen des Eumenes erkannt 
und noch lebend aus dem Getümmel entfernt wurde. Diese Version 
ist, da lest stellt, dass die Eumenesbiographie aus Hieronymos und 
Duris zusammengearbeitet ist. auf den samischen Historiker zurück- 
zuführen. Die bekannte Art des Duris berechtigt uns zu der Annahme, 
dass die sentimentale Geschichte von dem letzten Zusammentreffen 
des Eumenes mit Krateros eine Erfindung des Historikers ist. die nicht 
einmal originell, sondern der gleichartigen, übrigens wie bekannt 
ebenfalls unverbürgten Erzählung von dem Zusammentreffen Alexander's 
mit dem sterbenden Dareios nachgebildet ist. Ich treffe in dem Urtheil 
über die bei Plutarch vorliegende Tradition im Wesentlichen zusammen 
mit dem. was Rudolph Schubert in seinen Untersuchungen über die 
Quellen der Eumenesbiographie ermittelt hat, 1 kann aber meinem Vor- 
gänger darin nicht Recht geben, dass die günstige Auffassung des 
Krateros. die in der Überlieferung zu Tage tritt, ausschliesslich auf 
Duris und seine »Schwärmerei« fiir den Mann zurückzuführen sei. Das 
Hauptargument Schubert's, das Schweigen Diodor's. wird dadurch 
entkräftigt, dass, wie ich nachgewiesen zu haben glaube, in der Quelle 
Diodor's sowohl die Aufnahme des Krateros im Heere Antipater's , wie 
die von Eumenes seiner Leiche erwiesenen Ehren berichtet waren. 
Mag Duris immerhin Krateros bevorzugt haben, die günstige Auffassung 
des Letzteren als Charakter sowohl wie als Kriegsmann geht durch 
die gesammte Überlieferung hindurch: ihren vollständigsten Ausdruck 
hat sie in dem Suidasartikel gefunden. Eher die Abkunft des viel 
gefeierten Mannes giebl leider der Suidasartikel keine Auskunft : aus 



1 Jahrb. f. class. Philologie Supple ntb. IX. S 655, 



Köhler: Über die Diadochengeschichte Vrrian's. 585 

der für das makedonische Staatswesen und die Zusammensetzung des 
Heeres Alexander's gleiehwichtigen Liste der Trierarchen der [ndos- 
flotte, welche Arrian in der 'Iv§ixy\ erhalten hat, wissen wir, dass Krateros 
ebenso wie Perdikkas aus der obermakedonischen Landschaft Orestis 
stammte. 

In densetlien Tagen, in welchen Eumenes über das Heer des 
Krateros siegte, wurde Perdikkas, nachdem seine Versuche in Aegypten 
einzudringen an den natürlichen Schwierigkeiten und an der That- 
krafl des Ptolemaios gescheiter! waren, von den Grossen des Heeres 
ermordet. An die Ermordung des Reichsverwesers am Nil knüpfl 
der Perdikkasartikel bei Suidas an: Wzphixy.ax o M.ukeqwv, ov sxtsivocv i£ 
iirtßovXqs a Meixsooveg, wnopa, tu. tz —z'/su.ia ■/.sarirr-ov jsvoijlsvgv xat jAeycL- 
'/^•■:ui -/,cy,cry.u.s:z\' oioMpepovraog' l£ ol 6y, xa,t ra vTrspoyxov avürw tov tppovr,- 
uxtz^ EuS-otp<re5 wpog —-j.vtu. xiv6vvov v\v, tc te otiyav iJ.£ya.?^iyopov, cw w ttcl\ito.<; 
rouc May.eöovuc vwsp<ppovttv zhz^z , Tztc tz einrpctyioig zihrr tpSovov z-'j.^i'j.^ 
fTTci'sc i—i oe tS (pj-cv'jj \u<rog itreyiveTOj kou ro \xv\ ipepsiv virsp 0"(/>«c ovru 
Te kou zvzuu^caevov. a&Ev kou t%v sv Totg —tcii<tu.c.vi atrctoc'/^v tvv opyr, 
TVfg -czcZ-ev xj— zoo-J/Mu 1 ^xSlKKov r, xpi<T£U>g zi/^Z-zTrurv^- otxouuxyei tlg ro koct 
uCtov E-f3ov?^vux s-oiovvTo. Der Artikel ist durch den Autor der 
Exeerpte und wie es scheint auch in den Handschriften entstellt 2 ; indess 
ist der Gedankengang hinreichend klar. Die kriegerische Tüchtigkeit 
und die uzyocXovoioi des Perdikkas brachte ihn an die Spitze. Seine 
Erhebung über die Standesgenossen erweckte den Neid der letzteren, 
der durch seinen Hochmuth in Hass verkehrt wurde. So kam es. 
dass sich nach der Niederlage am Nil. die vielen angesehenen Make- 
donien! das Leben kostete, der ganze Zorn gegen seine Person wendete. 
Die Ermordung des Perdikkas Lässt sieh psychologisch nicht kürzer 
und schlagender erklären. Auf die politische Frage, das Verhält niss 
des Vertreters der Reichsgewalt zu den Statthaltern ist in der Würdi- 
gung des Perdikkas. die in dem Suidasaxtikel enthalten ist, keine 
Rücksicht genommen. Diese Frage würde offen geblieben sein, auch 
wenn Perdikkas nicht ermordet worden wäre. Wäre zur Zeit des 
Todes Alexander's Krateros in Babylon anwesend gewesen, so würden 
die Dinge vielleicht eine andere Gestalt erhalten, die Gewalt an 
Krateros gekommen sein. Aber auch Krateros würde trotz seiner 
vorzüglichen Eigenschaften schwerlich im Stande gewesen sein, der 



1 i— ?30\l l«c KÜSTER UJTO\J/('«?. 

2 Wie weit die Zerrüttung reicht, ist schwer zu sagen. Suidas hat unter 
' \/.i~icrr)or^ (| ! S. im'.i Bernh.) (Ims Excerpt: ort ro \j.syakr,yo^ov rot \ 

uirsooyxov •müjc<- n ■'<■ sv&aprsv Iv roti ;:■■■ i'sro. Die Übereinstimmung mit 

tloiii Excerpt über Perdikkas im Gedanken und im Ausdruck ist frappant. War viel- 
leicht in dem vollständigen Text <U j s letzteren Alexander Perdikkas gegenübergestellt? 



5ö6 Gesammtsitzung vom 5. .Juni. 

Zerrüttung des Reichs vorzubeugen, die dadurch besiegelt war. dass 
Alexander keine regierungsfähigen Erben hinterliess. 

Das neunte Buch des arriaiiisclien Werkes reichte bis zur Rück- 
kehr Antipater's nach Kleinasien, umfasste also, wenn ich den aegypti- 
schen Krieg- richtig dem achten Buch zugewiesen habe, die Vorgänge in 
Triparadeisos : die Wahl Antipater's zum Reichs verweser, die zweite 
crrctcic des Heeres und die zweite Satrapienverth eilung. Die Begeben- 
heiten in Kleinasien Ins zur Ankunft Antipater's auf dem europäischen 
Boden bildeten den Inhalt des zehnten und letzten Buches. Fragmente, 
welche mit Sicherheit auf eines dieser beiden Bücher zurückgeführt 
werden könnten, sind mir nicht bekannt; Zweifelhaftes anzuführen 
unterlasse ich. . 

Die Untersuchung der Arrianfragmente hat mich auf die bei 
Trogus-Justin vorliegende Tradition der Diadochengeschichte und auf 
den Antheil geführt, welchen Hieronymus und Duris an der Gesammt- 
überliefei'ung haben. Die Fragen, die sich hieran knüpfen, haben 
Dkoysen gegen das Ende seines Lebens beschäftigt, als er nach langer 
Unterbrechung zu den Studien zurückkehrte, die er einst als seine 
Lebensaufgabe bezeichnet hatte. Die Ansichten, zu denen er ge- 
kommen und denen er bei der Neubearbeitung der Diad och engeschichte 
gefolgt ist, hat er in einem "Duris und Hierönymos« überschriebenen 
Aufsatz 1 zusammengefasst. Droysen hat geglaubt, dass die bei Justin 
erhaltene Tradition auf die unzuverlässige Darstellung der Diadochen- 
geschichte zurückgehe, welche Duris gegeben hatte; dass das Geschichts- 
werk des Hierönymos jüngeren Ursprungs sei. als das Werk des 
Duris. und dass Hierönymos dasselbe verfasst habe in der Absicht, 
»der auf den Geschmack des Publicums berechneten und vielgelesenen 
Darstellung des samischen Literaten ein Werk entgegenzustellen, das 
die grosse und schwere Zeit der Nachwelt in ihrem ernsten prag- 
matischen Zusammenhang überliefern sollte.« Ich halte diese Auf- 
stellungen für irrig und will zum Schluss die Gründe kurz angeben. 

Ich beginne mit Duris und Hierönymos. Dass das Geschichts- 
werk des Hierönymos später verfassl sei als dasjenige des Duris. ist 
von Droysen nicht bewiesen worden. Droysen beruft sich darauf, 
dass Duris die Darstellung bis zum Jahre der Korupedionschlacht ge- 
geführt hahe. während das Werk des Hierönymos ein Decennium 
weiter reichte. Alter auch wenn es fest stände, dass das Werk des 
Duris nicht über die Schlacht hei Korupedion hinausreichte, was be- 
kanntlich nicht der Fall ist. so würde daraus nicht mit Notwendig- 
keit folgen, dass es vor dem einige Jahre weitergeführten Werke des 



Hermes 1876 S. 458. 



Köhleb: Über die Diadochengeschichte ^.rrian's. 587 

Hieronymos verfasst und veröffentlicht war. Das einzige Mittel, welches 
wir haben, um das zeitliehe Verhältniss der beiden GeschiGhtswerke 
zu ermitteln, ist in den Angaben über den vulcanischen Charakter 
der medischen Landschaft Ragai in einem bei Strabo erhaltenen Frag- 
mente des Duris und bei Diodor enthalten. Diese Aussagen harmo- 
niren so mit einander, dass man genöthigt ist, einen und denselben 
Gewährsmann für beide anzunehmen. 1 Die Aussage steht bei Diodor 
in dem Bericht über die Vorgänge nach der Schlacht von Gabiene, 
in welcher Euin'enes Antigonos unterlag* Es wird berichtet, dass 
unter den Gefangenen, welche dem Sieger in die Hände fielen, Hiero- 
nymos von Kardia war, dass Antigonos nach der Schlacht nach Medien 
zurückkehrte, und einen Theil des Heeres bei Ragai in die Winter- 
quartiere legte, hieran schliesst sieh die Angabe über die vulcanische 
Beschaffenheit der Umgegend von Ragai an. 2 Dass dieser Berichl auf 
Hieronymos zurückgeht, der in demselben genannt ist, ist nicht zu 
bezweifeln; davon ist aber die Angabe über Ragai nicht auszunehmen. 
Es heisst die Dinge auf den Kopf stellen, wenn man um des Duris- 
fragmentes Willen diese Angabe statt, auf Hieronymos, der einen 
Winter in Medien zugebracht und ausserdem wie bekannt eben so 
wie Polybios ein lebhaftes Interesse für die natürliche Beschaffenheit 
der von ihm behandelten Länder gehabt hat, auf Duris. welchem 
Medien ein fremdes Land war. zurückgeführt und angenommen hat, 
dass entweder Diodor oder schon Hieronymos dieselbe aus Duris auf- 
genommen ha he. Methodisch ist hier allein der Schluss, dass Duris, 
als er die Diadochengeschichte darstellte, wenigstens den ersten Theil 
des Geschichtswerkes des Hieronymos gekannt und die Angaben über 
die medische Landschaft aus diesem entlehnt hat. Übrigens war das 



1 Anders urilipili Unger, Sitzungsberichte der Akademie zu München, philos. 
histor. Cl. 1878 S. ;-:,. Die Annahme Unger's, dass der Name Rhagai griechisch und 
nicht einheimisch sei, ist irrig; die Stadt kommt unter dem Namen Raghä in der In- 
schrift von Behistan vor. 

- Diodor XIX 44.4 rsos bt TTparuarag IttioisIXsi/ sie uircurav typ TctToanstctu, xai 
ats/.i--ic sie typ ;-i(jyi(ir typ —joT(<ycüi'jcv.:-!'Yi> Payag, y tlcjtyp typ 77J0TYycfiiar 
coro T'jy ysvoßevmv nspt (cvtyp arvyyyLCiTuiv \v rote sy,irpoirSTsv yaovoie' -aüttik yac 
ttoXsis' twv \v sxewotg rote to- otg y.ict imi/.itt EVOattAOvovtras , TrfXacoVTOve iTyz trsiiTfXOvg, 

JTTi X(U TCte -O/.ils' Xlll TOl/S IVOIXOWTtte UTTCCVTCtS 'aifiaVlT&YiVCtt, y. ii^T o'/-.0\l Ol TYP yjJ10tt\ 
tt) / Olli ~Y,PUt y.Ul TT OTOßOVg ttVTl tZv 7TP0VTCCtp^J>VTU>V lÜ./.OV,' IpCtVYflKl XCll /.IWtC^. H.'I/.U 

Strali. I. 60 Aovptg §s rag 'Bctyae (payaSag codd. cur/: Wesseling) rag xcera Mrjoirer 
•jivoiutT^rai tpricrw v—o tsitij.jp paystorrig r*js ~s3t r«s Kao-move nvXag yr\e, Witts uvccrpcc- 
-Y,rni -o>.. ; is ?i>yj>ag xai xmfjtag y.tu vrcrctßovg -cixu.a^ uet«üoä«s i)i^n-~ici (vergl. XI, 5 1 1 1. 
Ob die vorgetragene Etymologie auf den einheimischen Stadt- und Landschaftsnamen 
Anwendung findet . vermag ich nicht zu beurtheilen. An sieh würde dem nichts ent- 
gegenstehen, dass Hieronymos dieselbe bekannt geworden wäre. Ist die Etymologie, 
wie es den Anschein hat, nur nach dem Griechischen gemacht und irrig, so kann 
Hieronymos natürlich den Irrthum ebenso gut begangen haben wie Duris. 

Sitzungsberichte 1890. 52 



588 Gesämmtsitzung rom 5. Juni. 

Geschichtswerk des Hieronymos auch zu gross angelegt, als dass die 
Hypothese Dboysen's, dasselbe sei durch Duris und seine Darstellung 
der Diadochenzeit veranlasst wurden, für wahrscheinlich gelten könnte. 
Zum Beweis, dass die bei .lustin -Trogus vorliegende Überliefe- 
rung auf Duris zurückgehe, hat Dkoysen eine Anzahl von Angaben aus 
.lustin zusammengestellt, welche wegen ihrer Ungenauigkeit bei Hiero- 
nymos nicht gestanden haben können und nach der in mehreren der- 
selben zu Tage tretenden Tendenz auf Duris als Quelle schliessen 
lassen. Droysen hat ohne Zweilei darin Recht, dass die bei .lustin 
erhaltene Tradition keine reine ist. allein die von ihm zum Beweis 
angerührten Angaben lassen sieh, soweit sie in Betracht kommen, 1 
von dem Gründstock leicht absondern, im Grundstock aber stimmt 
diese Tradition mit. derjenigen Überlieferung, welche wir berechtigt 
sind auf Hieronymos zurückzuführen, überein. Die Vergleiehung der 
Arrianfragmente hat diese Thatsache in ein helleres Lieht treten lassen: 
der Werth, welchen die Vatieanisehen Fragmente für uns haben, 
liegt abgesehen von dem, was wir neues aus diesen Fragmenten 
lernen, in den nahen Berührungen mit den Berichten Justins. Die 
Reconstruction der Diadochengeschichte aber ist wesentlich dadurch 
bedingt, dass die auf Hieronymos zurückgehende Überlieferung schärfer 
umschrieben und bestimmt wird, als es in der sorgfältigen und als 
Vorarbeit dankenswerthen Schrift von Reuss über Hieronymos von 
Kardia geschehen ist. 



1 Die Bemerkungen über die östlichen Satrapien auf S. 463 sind n berichtigen 
nach von Gm'SCHMiD, Geschichte Irans S. 6 A.nm. 2. Worauf sich die Aussage von 
Gutschmid's, dass die bei Trogus -Justin vorliegende Tradition aus geringwerthigen 
Quellen stamme (a.a.O. S. 73 f), stützt, weiss ich nicht. 



589 



Jahresbericht über die Thätigkeit des 
Kaiserlich deutschen archaeologischen Instituts. 



L/er Bericht über die Thätigkeit des Instituts im Rechnungsjahre 
1889/90, welcher der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu 
erstatten ist. ist zugleich an erster Stelle für unsere Mitglieder bestimmt, 
denen gegenüber der Centraldirection besonders daran ' gelegen sein 
muss, dass sie von dem ganzen Leben» der Anstalt, welcher sie haben 
angehören wollen, laufend in Kenntniss gehalten werden. 

Am 10. bis 13. April 1889 fand die jährliche ordentliche Plenar- 
versammlung der Centraldirection in Berlin statt. 

Die Centraldirection ergänzte in dieser Versammlung die Zahl 
der Institütsmitglieder durch folgende Wahlen: zum Ehrenmitgliede 
wurde ernannt Hr. von Radowitz in Constantinopel ; zu ordentlichen 
Mitgliedern die HH. Conte Antonelli in Terracina, Brizio in Bologna, 
von Domaszewski in Heidelberg, Perc? Gardnek in Oxford, Ernest A. 
Gardner in Athen, Kieseritzky in Petersburg, Koepp in Berlin. Nar- 
DtJCCi in Rom. Sogliano in Neapel, Waldstein in Athen. Winter in 
Berlin: zu Gorrespondenten die HH. Centerwali. in Söderhamn, Fickeh 
in Leipzig, Botho Graef in Berlin, Kawerau, .1. Kokkidis in Athen, 
Komioleon in Smyrna. Pichler in Graz, A. Schneider in Athen. 
Cectl Smith in London. Winnefeld in Rom. Diesen Ernennungen 
folgten zum 9. Decemher zu ordentlichen Mitgliedern die der IUI. Bohn 
in Nienburg, Borrmann in Berlin, Kaupert in Berlin, Koldewey 
in Hamburg, Lindenschmit in Mainz. Müntz in Paris. Norton in Cam- 
bridge (Mass.). »Schuchhardt in Hannover, Trendelenbürg in Berlin; 
zu Correspondenten die der HH. Babelon, Haussoullier, Pottier, 
S. Reina« n in Paris. 

Dem Institute ging im Laufe des Jahres die Nachricht vom Ver- 
luste folgender Mitglieder zu: Karl Boetticher (7 19. Juni 1889), 
H. Heybemann (f 10. October 1889), K. Lorentzen (7 18. Mai C 
L. von Urlichs (f 3. November 1 889) . E. Lübbert (7 31. Juli C 

52* 



590 Gesammtsiteung vom 5. Juni. 

F. Piper (7 28. November 1889). J. Sacaze (f im November 1889), 
W. Sn -DEMi Nu (7 8. Augusl 1889). 

Se. Majestäl der Kaiser geruhten unter dem 24. Äugrfsl 1889 
die bisher commissarisch beauftragten zweiten Seeretare, Hrn. Christian 
Hülsen in Rom und Hrn. Paul Wolters in Athen zu etatsmässigen 
z weiten. Secretaren des Instituts an den genannten Orten zu ernennen. 

Die Reisestipendien für 1889/90 wurden vom Auswärtigen Amte 
auf Vorschlag der Centraldirection verliehen den HH. Brückner, Ihm, 
Kern. Sauer, sowie das tür christliche Archaeologie dem Hrn. Paul 
Gerhard Ficker. 

Der Centralleitung des Instituts in Berlin liegt ausser den Auf- 
gaben der Geschäftsführung namentlich die Sorge für Publicationen 
ob. Unter diesen komm! die der »antiken Denkmäler« ganz besonders 
unter Mitwirkung auch der Secretariate in Rom und Athen zu Stande. 
Das vierte lieft des ersten Bandes, ausnahmsweise mit 13 Tafeln, er- 
schien auch dieses Mal am Ende des Rechnungsjahres. Hrn. Pietro 
Narducci in Koni verdanken wir es, dass seine umfassenden Auf- 
nahmen der Cloaca Maxiina für dieses lieft von Hrn. Paul Graef ge- 
zeichnet und von Hrn. Richter herausgegeben werden durften. Vom 
römischen Secretariate wurden zwei Tafeln mit den Trajanischen Reliefs 
am Konstantins! >o<ren und eine die Statue der Meleager im Vatican 
betreffende beigesteuert. Das athenische Secretariat lieferte zwei Tafeln 
mit farbigen Architektur- und Sculpturstücken aus der Zeit vor den 
Perserk rieben von der Akropolis zu Athen und regte die Herausgabe 
bemalter Thonsarkophage aus Klazomenai an. welche Hr. Winter 
unter Mitwirkung des Hrn. Heberdev besorgte. Für die Ausführung 
der Hauptblätter that Hr. van Geldern als Zeichner sein Bestes. Als 
für ein ansehnliches Fundstück auf deutschem Boden stellten wir 
Hrn. Hettner für das Mosaik des Monnus in Trier drei Tafeln zur 
Verfügung, zu deren Ausführung Hr. Eichleb seine Hand bot. End- 
lich gestattete der Besitzer eines erlesenen Marmorwerkes, einer Wieder- 
holung des Kopfes der Praxitelischen Aphrodite, Hr. von Kaufmann 
in Berlin, die Vorlage zu einer Tafel vom Original zu entnehmen. 
A lit der Reproduction der Tafelvorlagen war der Stecher Hr. Geyer, 
für Fichtdruck die Kaiserliche Reichsdruckerei und Hrn. Riffarth's 
Kunstanstalt, für die dieses Mal stark hervortretenden Farbentafelri 
Hrn. Steinbock's lithographische Anstalt betraut. 

Bei der Redaction der antiken Denkmäler wie des Jahrbuchs stand 
dem Generalsecretar auch in diesem Jahre Hr. Koeit hülfreich zur Seite. 

Der vierte Band des Jahrbuchs erschien, durch das Hinzutreten 
eines BeiblatteSj des arehaeologischen Anzeigers, in erweiterter Gestalt. 



( 'uN/r : Jahresbericht des Kaiserlich deutschen archi logischen Instituts. 59 1 

Pie Aufsätze im Haüptblatte berühren einigermaassen das ganze Gebiet 
der Archaeologie , indem Topographie und Architekturwissenschaft, 
Untersuchungen über plastische Werke der verschiedenen Gattungen, 
6ber Wand- und Vasenmalerei, sowie Forschungen zur Gemmenkunde 
vertreten sind. Bei der Illustration wurde gegenüber der Beigabe 
von Tafeln die leichtere Form von Abbildungen im Texte mög- 
lirlist bevorzugt. Im Anzeiger ist der früher unterbrochene Abdruck 
der Sitzungsberichte der Berliner archaeologischen Gesellschaft voll- 
ständignachgeholt und wird nunmehr laufend weitergeführt; wir sind 
auf Seiten der Gesellschaft Hrn. Trendelenburg hierbei für seine Ver- 
mittelung zu ständigem Danke verbunden. Ferner wurde es durch 
das Entgegenkommen sämmtlicher Herren Vorsteher der Sammlungen 
möglich, im Anzeiger dieses Bandes zum ersten Male die Erwerbungs- 
berichte aller öffentlichen Antikensammlungen in Deutschland zu ver- 
einigen. Während der Anzeiger sonst für mannigfachen Inhalt, wie 
ihn der Augenblick bringt, den Platz geboten hat. ist die Biblio- 
graphie als ein weiteres ständiges Hauptstück in ihm fortgeführt, 
und unter dem Beistande in- und ausländischer Freunde der Sache 
ist dabei das Bestreben auf Vollständigkeit gerichtet geblieben. 

Als zweites Ergänzungsheft der Jahrbücher erschienen von Ihn. 
Bohn unter Mitwirkung des Hrn. Schttchhardt herausgegeben die 
»Alterthümer von Aos'ae«. 

Das bereits im vorigen Jahresberichte angekündigte Ergänzungs- 
heft der « Monumenli ineäiti«- , sowie die Einzelausgabe der Decorationen 
des bei der Farnesina am Tiber aufgedeckten römischen Hauses haben 
noch nicht fertiggestellt werden können, doch ist von Seiten einzelner 
Institutsmitgliedei und namentlich des Secretariats in Rom das dazu 
Erforderliche beschafft worden, so dass der Drucklegung voraussicht- 
lich nichts mehr im Wege steht. 

Vollendet wurde am .Schlüsse des Rechnungjahres die auf ein- 
gehenden Studien an Ort und Stelle beruhende Monographie von 
R. Koldewey über die antiken Baureste der Insel Lesbos, zu welcher 
Hr. Fölling Beiträge lieferte und deren kartographischer Theil der 
Mitwirkung des Firn. Kiepert viel verdankt. 

Die Reproduction der Architekturzeichnungen von Sergius Iwanoff, 
ist in Erfüllung testamentarischer Bestimmung nach Maassgabe der 
zur Verfügung stehenden Mittel fortgeführt. Hrn. Botkin verdanken 
wir biographische Mittheilungen über Iwanoff, welche bei der Heraus- 
gabe benutzt werden sollen. 

Hrn. Robf.rt's ausdauernder Arbeit verdankt es das Institut, dass 
von dem Sammelwerke der antiken Sarkophagreliefs ein erster Band 
hat ausgegeben werden können. Der Plan zu diesem grossen Werke 



.)!)2 Gesai tsitznng vom .*>. Juni. 

wnnlc schon von Otto Jahn gefassl und fing an in'a Leben zu treten, 
als das [nstitul im Jahre [870 Friedrich Matz die Ausführung übertrug. 
Wo/u Matz den Grund legte, was aber nach seinem frühzeitigen Hin- 
gange eines der Aufgahe voll sieh widmenden Bearbeiters entbehrte, 
das hat dann vom Jahre 187g an Hr. Carl Robert erfolgreich in 
die Hand genommen. Das ganze Werk dürfte nach seinem Anschlage 
eiwa 3000 Sarkophagreliefs auf etwa 1 000 Tafeln umfassen. Davon 
enthält der jetzt ausgegebene Hand 1^5 Tafeln mit dem kritisch- 
exegetischen Texte zu 203 Sarkophagreliefs. Beigegeben sind seelis 
Register und ein Vorwort, in welchem der Herausgeber namentlich 
auch von den benutzten Sammlungen von Handzeichnungen des 15.. 
16. und 17. Jahrhunderts eine chronologische Übersieh! gegeben hat. 
Der Hand, der Ziffernfolge nach der zweite, umfasst die Darstellungen 
aus mythologischen Cyclen. Fünf andere Hände sollen folgen mit 
den Darstellungen aus dem Menschenleben , aus Einzelmythen, aus 
dem bakchischen Kreise, aus dem der Musen. Nere'iden und Eroten 
und endlieh mit dekorativer Skulptur. Der GTOte'schen Verlagsbuch- 
handlung gebührt für ihre thatkräftige Mitwirkung hei der in mancher 
Hinsicht schwierigen Herstellung dieses Bandes ganz besonderer Dank. 

Bei der Sammlung der antiken Terracotten unter Leitung des 
Hrn. Kekule ist durch Hrn. Winter ein mit Skizzen versehener Zettel- 
katalog aller vorkommenden Typen mit Verzeichnung der Einzel- 
exemplare in Angriff genommen und bereits erheblich gefordert, 
welcher dem Fortschritte des Ganzen sehr zu Statten kommen wird. 
Der Band <\>-\- durch die Campana'sche Sammlung besonders bekannt 
gewordenen Thonreliefs ist die nächste, dessen Herausgabe betrieben 
wird; Hr. von Rohden hat ihm seine ganze verfügbare Zeit gewidmet. 

Auch bei der Sammlung der etruskiseben Urnenreliefs hat der 
Herausgeber Hr. Körte, in dankenswertester Weise die Fertigstellung 
eines Halbbandes noch am Ende des Rechnungsjahres herbeigeführt, 
bei der Drucklegung unterstützt vom römischen Secretariat. Der 
Halbband enthält die Darstellungen aus der Heroensage mit Aus- 
nahme des troischen Cyclus. Die Tafeln waren zum grösseren Theile 
bereits unter Leitung Hrn. Brunn's, aus dessen Händen die Fort- 
setzung der Herausgabe auf Hrn. Kokte überging, gestochen. Über 
das Verhältniss seiner Arbeil zu der des Hrn. Brunn spricht sich 
Hr. Körte im Vorworte des Halbbandes aus. 

Bei der ebenfalls in Hrn. Körte's Händen liegenden Fortsetzung 
der GERHARD'schen Sammlung etruskischer Spicgelzeichnungen steht 
die Ausgabe eines zehnten Heftes bevor. Zur Vermehrung des Materials 
hat namentlich Hr. Helbig beigetragen und auch eine Reise des 
Hrn. Körte nach Griechenland ist der Arbeit zu Statten gekommen. 



Conze: Jahresbericht <lrs Kaiserlich deutschen archaeologischen Instituts. 593 

Als vom [nstitute unterstützl ist ferner die von Hrn. Conze im auf- 
trage der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien besorgte 
Sammlung und Herausgabe der attischen Grabreliefs zu erwähnen. 
Das erste Heft ist erschienen, 25 Tafeln mit den sämmtlichen bekannten 
Überresten aus der Zeit vor den Perserkriegen und den Anfang der 
zahlreichen Überreste der folgenden Periode enthaltend. Neben dem 
Secretariate in Athen ha1 dort Hr. Brückner dem Unternehmen in die 
Hand gearbeitet und sonst erhebliche Förderung hat eine Reise d<> 
Hrn. Conze nach England gebracht, Dank dem freundlichsten Entgegen- 
kommen dortiger Sammlungsvorstände, Privatbesitzer und der Sache 
nahestehender Gelehrter. Für die im Anschlüsse an das Wiener Unter- 
nehmen vom [nstitute in die Hand genommene Sammlung der nicht- 
attischen griechischen Grabreliefs ist ein grosser Fortschritt gemacht^ 
luv den das Institut Hrn. Kieseritzky in Petersburg zu Dank verbunden 
ist. Hr. Kieseritzky hat die Exemplare südrussischer Fundorte so 
gut wie vollständig in photographischen Aufnahmen zusammengebracht 
und bereitet sie zur Herausgabe vor. 

Wie von Berlin, so auch von Rom und Athen aus hat das In- 
stitut die Beschaffung photographischer Aufnahmen antiker Portrait- 
sculpturen in Angriff genommen, deren Copien käuflich gemachl 
werden sollen, um so der immer mit besonderen Schwierigkeiten 
kämpfenden ikonographischen Untersuchung Vorschub zu leisten. Es 
sind zum Beginn die griechischen Portrait* im brittischen Museum 
aufgenommen, sowie einzelne Stücke in römischen Sammlungen und 
in Neapel. Den HH. Hicks und Arndt verdanken wir Geschenke 
für diese Sammlung. 

Die HH. Cuhtius und Kaupert haben von den mit Unterstützung 
des Königlich preussischen Unterrichtsministeriums und des grossen 
Generalstabs erscheinenden Karten von Attika ein Blatt, die Region 
Marathon umfassend, herausgegeben, zusammen mit einem Abschnitte 
des Textes von Hrn. Milchhöfer, welcher alle bisher erschienenen 
Blätter nunmehr vollständig behandelt. Die HH. von Kcrowski und 
von Zglinicki sind für die weiteren Aufnahmen an Ort nnd Stelle 
thätig gewesen. 

Das Institut hat durch den Generalsecretar auf der Versammlung 
deutscher Philologen und Schulmänner in Görlitz eine Verständigung 
über die nicht neue Frage gesucht, wie die Ergebnisse archaeolo- 
gischer Forschung zur Belebung und Erleichterung des Gymnasial- 
unterrichts immer mehr verwert het und so iuv unsere allgemeine 
Bildung fruchtbarer gemacht werden könnten. Es konnte im Kreise 
der Herren Gymnasiallehrer nicht an einem lebhaften Entgegenkommen 
fehlen und namentlich sprach man sich dahin aus. dass vor allem 



äD4 Gesammtsitzung vom S.Juni. 

den Herren Lehrern selbsl . mehr als das zumal an kleinen und 
von Hauptstädten entlegenen Orten bisher leicht möglich ist. Ge- 
legenheit geboten werden möchte im laufenden Zusammenhange ar- 
ehaeologischer Kenntniss und Anschauung zu bleiben. Ein dahin 
zielender Vorschlag begegnete sich mit Absichten Sr. Excellenz des 
Hrn. Ministers von Gossler. Dieser beschloss an einzelnen Mittel- 
punkten archaeologischer Sammlungen und Studien in Preussen einen 
Versuch mit Anschauungskursen über Hauptthemata der neueren 
archaeologischen Forschung für Gymnasiallehrer zu machen. Diese 
Kurse haben inzwischen in den Österferien in Berlin, wo die General- 
verwaltung der Königlichen Museen mit der Ausführung beauftragt 
wurde, und in den PfingstferieU auch in Bonn und Trier, wo die 
HH. Loeschcke und Hettner bereitwillig dafür eingetreten sind, statt- 
gefunden. 

Dem Bedürfnisse nach eigenen Bäumen für die Centraldirection 
ist einstweilen durch Miethe abgeholfen. Hierbei konnte zugleich eine 
zweckmässige Verbindung mit dem langjährigen Bureaubeamten der 
Centraldirection, Hrn. Rechnungsrath Ullrich, besser als bisher ge- 
sichert werden, was bei Hrn. Ullrich "s kundiger und gewissenhafter 
Thätigkeit für die Erledigung der wachsenden Geschäfte von grösstem 

W'erthe ist. 

In Born und Athen wurde die Thätigkeit des Instituts in ge- 
wohnter Weise von den Secretaren, denen in Rom Hr. Mau zur Seite 
stand, unter Theilnahme einer stets wachsenden Zahl gelehrter Be- 
sucher aus Deutschland, der Stipendiaten und anderer Freunde des 
Instituts weitergeführt. Die Beobachtung wurde dabei nach Möglich- 
keif über den Sitz der beiden Zweiganstalten hinaus ausgedehnt. 

Von Rom aus bereisten beide Secretare. der eine Süd-, der andere 
Norditalien. Der erste Secretar. Hr. Petersen, wurde auf seiner Reise 
auf die Bedeutung einer fast dem Boden gleich gemachten Tempel- 
ruine des epizephvrischen Lokri aufmerksam. Auf seinen Antrag Hess 
sich das Königliche italienische Unterrichtsministerium sogleich bereit 
linden die Untersuchung durch Ausgrabung anzustellen. Sie fand 
unter Leitung des Hrn. Orsi statt, an dessen Seite Hr. Petersen Theil 
nahm und auf kurze Zeit war auch der erste Secretar aus Athen, 
Hr. Döbpfelh. zugegen. Die Annahme bestätigte sich, welche der 
Anlass gewesen war auf den Vorschlag der Untersuchung einzugehen. 
dass der Tempel ein Bau ionischen Stils aus ziemlich früher Zeit ist, 
und die Ausgrabung wurde ausserdem durch die Entdeckung einer 
Gruppe vuii Sculpturcnschmucke des Tempels belohnt. Der zweite 
Secretar, Hr.HüxsEN, verfolgte auf seiner Heise in Oberitalien namentlich 



Conze: Jahresbericht <1cn Kaiserlich deutschen archaeologischen [nstituts. 595 

auch Studien von Quellmaterial zur Topographie Roms. TIr. Mau hielt 
.seinen Cursus in Pompeji zehn Tage lang im Juli. Von den Secre- 
taren und Hrn. Mau gemeinsam mit den Stipendiaten und anderen 
Gelehrten wurde auch ein Studienausflug nach Ostia gemacht. 

Tu Athen hatte der erste Secretar. llr. DÖRPFELD. die Ehre Ihren 
Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin hei Allerhöchstderen Anwesen- 
heit im October V. .1. als Führer dienen und Ihre Majestät die Kaiserin 
Friedrich in den Peloponn es begleiten zu dürfen. Im April 1 88g fand 
unter Hrn. Dörpfeld's Führung mit zahlreicher Betheiligung eine Kund- 
reise durch den Peloponnes mit Demonstrationen vor den Denkmälern 
statt. Hr. Dörpfeld ging ferner im November nach Hissarlik, um au 
Verhandlungen über die Kritik Theil zu nehmen, welche Hr. Ernst 
Böttkiier in Bezug auf die in Troja befolgte Untersuchungsmethode 
öffentlich geübt hatte, betheiligte sich im Mär/ d. J. an der Wieder- 
aufnahme der Ausgrabungen des Hrn. Schliemann auf Hissarlik und 
machte im Januar und Februar d. J. eine Rundreise durch Cypern 
begleitet von Hrn. Ohnefalsch -Richter. Seiner Theilnahme an der 
Untersuchung in Lokri wurde bereits gedacht. Ausserdem besuchte 
Hr. Dörpffxd die Ausgrabungen der athenischen archaeologischen 
Gesellschaft bei Megara und beide Herren Secretäre nahmen an Ort und 
Stelle Kennt niss von den für die Kunde altattischer Grabanlagen er- 
gebnissfeichen Untersuchungen der Königlichen griechischen Regierung 
bei Velanidesa und Vurwa. Eine im Auftrage des athenischen Secre- 
tariats unternommene Bereisung eines Theiles der Strecke der im 
Bau begriffenen Eisenbahn nach Angora beendete Hr. Graef bereits 
im April v. J. 

Von Rom und von Athen aus waren ausserdem die Stipendiaten 
auf verschiedenen Reisen, wie für ihre Studien, so für die Instituts- 
aufgaben thätig. 

Wir erwähnen dankbar die erhebliche Erleichterung, welche die 
Directum des österreichisch -ungarischen Lloyd der Reisethätigkeit des 
Instituts auch in diesem Jahre hat zu Theil werden lassen, wie auch die 
fortgesetzte Geneigtheit der k. k. priv. österreichischen Nordwestbahn 
und der österreichisch - ungarischen Staats - Eisenbahn - Gesellschaft. 

Die Sitzungen und die Vorträge der Herren Secretäre vor den 
Denkmälern wurden in Rom und Athen während der Wintermonate 
aligehalten. Die Vorträge ausserhalb Roms und Athens wurden 
bereits bei den Reisen erwähnt. Beim gemeinsamen Studium der 
Denkmäler wurde in Rom denen des vaticanischen Museums eine 
besonders eingehende Aufmerksamkeit gewidmet. Zahlreichen Anfragen 
von Fachgenossen besonders aus Deutschland wurde von den Secre- 
tariaten in Rom und Athen auch in diesem Jahre entsprochen. 



596 Gesammtsiteung vom 5. Juni. 

Ausser dein oben erwähnten Antheile an den »Antiken Denk- 
mälern« besorgten die Secretariate in Rom und Athen die Herausgabe 
der »Mittheilungen«; in Rom erschien der 4., in Athen der 14. Band. 
In Athen wurden ferner namentlich die zeichnerischen Vorarbeiten zur 
Sonderausgabe der bei den Ausgrabungen des Instituts am Kabirion in 
Böotien erzielten Ergebnisse betrieben. über die auf Antrag des 
Sekretariats von der Königlichen italienischen Regierung bereits im 
Jahre 188g vorgenommene Ausgrabung eines Tempels bei Alatri be- 
richtete Mr. WiNM.i 1.1. i) in den römischen Mittheilungen; der Abschluss 
dieser Berichte Seitens des Hrn. Cozza steht in Aussieht. Eine vor- 
läufige Übersicht über die bereits erwähnte, ebenfalls der Königlichen 
italienischen Regierung verdankte Untersuchung im epizephyrisehen 
Lokri gab Hr. Petersen in zwei Institutssitzungen ; weitere Herausgabe 
ist in Vorbereitung. 

In Rom wie in Athen wurden für die Institutsarbeiten und zur 
Vermehrung (\(^ Apparats photographische Aufnahmen auch auf Reisen 
von den Institutsmitgliedern selbst reichlich ausgeführt, und es ist 
ein Anfang damit gemacht Copien solcher Aufnahmen an Fachgenossen 
abzugeben. 

Die Aufstellung der Bibliothek in dem neubezogenen Hause in 
Athen hat die Thätigkeit des zweiten Seeretars, Hrn. Wolters, stark 
in Anspruch genommen. Sie ist vollendet und Hnnd in Hand mit 
der Neuaufstellung ist eine ganz neue Katalogisirung bewerkstelligt, 
eine Verbesserung, welche bei gesteigerter Benutzung der Bibliothek 
bereits sehr zu Statten kommt. Bei den Anschaffungen wurde die 
neugriechische I.ocallitteratur möglichst berücksichtigt. 

Auch in Rom fand die Bibliothek andauernd starke Benutzung von 
Gelehrten verschiedener Nationen. Zur Ergänzung der vorhandenen 
Verzeichnisse erschien es schon längst unerlässig einen Realkatalog in 
vollkommenerer (restalt. als er bisher vorlag, herzustellen. Diese Auf- 
gabe ist in Angriff genommen, und zwar in der Absieht wo möglich 
durch Drucklegung eines solchen Realkatalogs den Fachgenossen zu- 
gleich ausserhalb der Bibliothek eine gewiss wünschenswerthe archaeo- 
logische Bibliographie zu bieten. Die Ausführung der Arbeit hat 
Hr. Mai übernommen. Mr. des Granges hat dem Apparate des In- 
stituts seine Sammlung photographischer Negative mit Aufnahmen 
aus Griechenland zum Geschenk gemacht. 

Die Bibliotheken in Rom und Athen verdanken Schenkungen dem 
Königlich preussischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten sowie 
i\<-r Königlichen Akademie der Wissenschaften und der Centraldirection 
der Monumenta Germaniae zu Berlin, dem K. K. österreichischen 
Unterrichts -Ministerium sowie der Kaiserlichen Akademie der Wissen- 



Conze: Jahresbericht des Kaiserlich deutschen a hen Instituts. 591 

schai'ten zu Wien, dem Ministere de ^Instruction publique zu I'.-u-is. 
den Trustees des brittischen Museums, «1er Archaeologischen Gesell- 
schaft zu Athen, der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu 
St. Petersburg, der Königlich sächsischen Gesellschaft der Wissen- 
schaften zu Leipzig; der Weidmann'schen Verlagshandlung sowie den 
HH. Jeidels in Frankfurt a. M., Graf Lanckoronsky, Overbeck u. A. 
Die Wohnungen in den Institutshäusern sind sowohl in Rom 
wie in Athen von Stipendiaten und anderen Gelehrten fast immer 
vollständig besetzt gewesen und haben nicht immer ausgereicht den 
Anmeldungen zu entsprechen. 



599 



IJber die Spectren der Alkalien. 

Von Prot". II. Kay.sek \ind Prof. C. Runge 

in iia vi 



(Vorgelegt von Hrn. von Helmholtz.] 



1 Jie Untersuchung der Spectren der Alkalien hal uns zu Resultaten 
geführt, welche wir in folgendem kurzen Auszuge uns vorzulegen 
gestatten. 

Die Spectren der Alkalien sind in durchaus analoger Weise ge- 
baut, was namentlich hervortritt, wenn man statt der Wellenlängen 
die reciproken Werthe, also die Schwingungszahlen betrachtet. Jedes 
Spectrum erweist sich als zusammengesetzt ans mehreren Linien- 

i B C 

Serien, deren jede sieh durch die Formel: — — A - — - mit sehr 

A n~ w 

grosser Genauigkeit darstellen lässt, wenn darin A die Wellenlänge, 
A, B, C drei Constanten bedeuten, und man für n die Reihe der 
ganzen Zahlen von n = 3 an einsetzt. Für n == 2 liefern die For- 
meln in allen Fällen negative, d. h. unmögliche Schwingungszählen, 
ii = 3 entspricht der Grundschwingung. 

Die Linien der verschiedenen Serien jedes Elements verhalten 
sich verschieden in Bezug auf Umkehrbarkeit, Verbreiterung mit zu- 
nehmender Dampfdichte u. s. w. In jedem Element finden wir eine 
»Hauptserie«, welche die stärksten, am leichtesten erscheinenden 
und am leichtesten umkehrbaren Linien enthält: sie geht in allen 
Fällen vom rothen Ende des Spectrums bis ins äusserste Ultraviolett. 
Die Glieder der Hauptserie sind bei allen Alkalien, mit Ausnahme 
des Lithiums, Paare, deren Abstand kleiner wird mit abnehmender 
Wellenlänge; wir haben gefunden, däss die Differenz der Schwingungs- 
zahlen der beiden Linien jedes Paares umgekehrt proportional ist der 
vierten Potenz der Ordnungszahl dieses Paares, d. h, des Werthes 
von 11. welcher in die Formel eingesetzt das Paar ergibt. 

Ausser den Hauptserien haben alle Alkalien Nebenserien, welche 
im wesentlichen im sichtbaren Theil des Spectrums verlaufen. Bei 
Lithium sind zwei Nebenserien vorhanden, bei Natrium deren vier, 



600 • resammtsitzung vom 5. Juni. 

die aber zu je zweien congruent sind: ebenso verhält sich Kalium. 
während Rubidium und Caesium wieder nur je zwei Nebenserien 
haben, welche congruent sind. Die Congruenz, welche sich in t\c\i 
Formeln der Serien durch Identitäl der /.weiten und dritten Constante 
für die beiden Serien ausspricht, bedingt, dass zwei solche con- 
gruente Serien als eine Serie von Paaren erscheint, wobei aber die 
Schwingungsdifferenz der beiden Linien der Paare constant bleibl für 
jede Serie, im Gegensatz /.um Verhalten der Hauptserien. 

Es hat sich die Thatsache ergeben, dass diese Schwingungs- 
differenz der Paare der Nebenserien für jedes Element identisch ist 
mit An- Schwingungsdifferenz des ersten existhenden Paares {n = 3) 
der Hauptserie. Ferner hat sich gezeigt, dass die Grösse dieser 
Schwingungsdifferenz mit dem Atomgewicht zusammenhängt: die 
Schwingungsdifferenz ist sehr nahe proportional dem Qua- 
drat des Atomgewichts. Bei Lithium sind keine Paare sichtbar; 
diess Gesetz auf Lithium ausgedehnt, Li -st aus dessen Atomgewicht 
berechnen, dass der Abstand eventueller Paare so klein sein würde, 
dass wir die Linien wahrscheinlich kaum würden doppelt sehen können. 

Vergleich! man die Spectren der Alkalien mit einander, so zeigt 
sieh in deutlichster Weise, dass sowohl die Hauptserien, als die 
Nebenserien mit wachsendem Atomgewicht nach der rothen Seite des 
Spectrums rücken. Das spricht sich natürlich ebenso deutlich in den 
Constanten .1. //. C aus. welche sich in offenbar gesetzmässiger 
Weise von einem Element zum andern andern. Erwähnenswerth 
ist. ihiss die Constante />' sieh nur sehr wenig ändert, und zwar 

nicht nur für die Alkalien, s lern, wie es scheint, auch für andere 

Elemente stets nahezu dieselbe ist. 

Dem (iesetz. nach welchem die Constanten von einem Element 
zum andern variiren. nachzuspüren, halten wir für verfrüht, bevor 
nicht noch weitere Elemente untersucht sind. Wir hoffen, in kurzer 
Zeit der Königlichen Akademie unsere Resultate in Betreif der alka- 
lischen Erden vorlegen und wettere Schlüsse daran knüpfen zu können. 

Als weiteres Resultat unserer Untersuchungen ist noch anzuführen, 
dass entgegen den Angaben Lockyer's, welcher die Linien aller fünf 
Alkalien unter den Fi; u NHOFER'schen Linien gefunden zu haben glaubte, 
nur Natrium in der Sonne vertreten ist. und zwar wahrscheinlich nur 
dessen Hauptserie. 



601 






Über orthogonale Systeme. 

Von L. Kronecker. 
(Fortsetzung der Mittheilung vom 22. Mai [St. KX.VI].') 



\on den beliebig' anzunehmenden tnn [mim i) Grössen b können, 
unbeschadet der Allgemeinheit der resültirenden Systeme (a ik ), noch 
l -m(m + i) Grössen specialisirt werden, sodass alsdann nur m{n tri), 
d. h. genau so viele beHebig bleiben, als die m(n m)fache Mannig- 
faltigkeit der orthogonalen symmetrischen Systeme (a ik ) erfordert. Man 
erhält nämlich auch dann noch alle orthogonalen symmetrischen 
Systeme des Rationalitätsbereichs (SR, SR', SR", . . .), wenn man die 
'-rn(m i) Grössen /-,,,. bei welchen g<.i<m ist. gleich Null, die 
m Grössen b u , b 22 , . . . b mm aber gleich Eins setzt, und nur die m(n tri) 
Grössen b gi , bei welchen g m ist. beliebig lässt. 

Um dies zu zeigen, bemerke ich zuvorderst, dass eine Veränderung 
der Yertiealreihen oder der zweiten [ndices der Grössen l> keine 
eigentliche Veränderung des Systems {a a ), sondern nur eine solche 
der Reihenfolge der Elemente a a hervorbringt. Man kann daher 
die Verticalreihen der Grössen b so geordnet annehmen, dass die aus 
den ersten »^Elementen gebildete Determinante: 

\b gh \ (//■/'— i ■ 2 ... . m i 

einen von Null verschiedenen Werth hat. Ich bemerke ferner, dass 
das -ms den Gleichungen (33) resultirende System (n lL ) ungeändert 
bleibt, wenn man für zwei beliebig gewählte [ndices g',g die Grössen: 

durch: b g ., + tq f />,, , . />,, , - tq g , h, fl , 

und zugleich die Grössen: 



1 Die Wahl der Grössen b g i ist natürlich insoweit beschränkt, dass der Rang 

des Systems dei mn Grössen bgi gleich m, d. b. dass lestens eine d 

bildenden Determinanten »rater Ordnung von Null verschieden sein muss (vergl. §. 5 
meines Aufsatzes »Näherungsweiee ganzzahlige Auflösung Linearer Gleichungen« im 
Sitzungsbericht vom Deceinber 1884). 



602 Gesammtsitzung vom 5. Juni. — Mittheilung \<mi 22. Mai. 



durch 






1 +</„'/, ' 1+'/,'/, < 

ersetzt. Denn bei einer solchen Substitution wird nur in der Trans- 
formationsgleichung: 

in welcher die Gleichungen (33) zusammengefassl erscheinen, auf der 
rechten Seite das Aggregat von zwei Quadraten: 



^ß^^+^ßy' 



durch ein Aggregal von zwei anderen Quadraten ersetzt. 

Man kann nun die Grösse / so wählen, dass A, ., -|- /</,, b g .,- für 
einen Werth des Index / gleich Null wird, und also, nach der schon 
auf S. 1 27 des Monatsberichts vom Februar i 873 entwickelten Met li< »de, 1 
erst die m — 1 Grössen (>. bei welchen >/ < in und i = m ist, alsdann die 
in 2 Grössen 6-, bei welchen g C#J 1 und i.--nt--i ist, u. s. f. 
zum Verschwinden bringen. Wenn hiernach die sämmtlichen Grössen 
bgi, bei welchen ,7 < / /// ist, auf Null reducirt sind, müssen die 
Grössen b u , b 22 , . . . b mm sämmtlich von Null verschieden sein: denn 
deren Product ist gleich der Determinante der ersten nr Elemente /< (/ , 
und also auch gleich der von Null verschieden vorausgesetzten De- 
terminante der ersten nr Elemente desjenigen Systems (ft„ ; ) . von welchem 
ausgegangen worden ist. Da nun der Werth des Ausdrucks auf der 
linken Seite der Gleichung (32) sowie der Werth des Ausdrucks auf 
der rechten Seite der Gleichung (33) angeändert bleibt, wenn die 
sämmtlichen Grössen einer Horizontalreihe: 

''.„. /'.,.... K, 

durch b„ dividirt werden, so kann man in der That, wie gezeigt 
werden sollte, die m(n /w)Grössen b i} bei welchen >/ ~~- m ist, ganz 
beliebig, ferner aber: 

■ ',„• = (9 <<«<), /',,,, — 1 »:' ',2 »1 



1 Ȇber die verschiedenen SruRafschen Reihen und ihre gegenseitigen Beziehun- 
gen.« Die Methode ist a. a...O. benutzt, um zu zeigen, dass sich jede Transformation 
eines Aggregats von Quadraten in ein anderes aus gewissen »elementaren Trans- 
formationen« zusammensetzen lässt. Sie ist, da für reelle Grössen l> die Grössen </ 
sämmtlich positiv sind, auch auf alle speciellen Systeme reeller Grössen b anwend- 
bar, während bei speciellen complexen Grössen b, wo der Nenner der für die 
Grössen o zu snbstituirenden ausdrücke gleich Null werden kann, wie oben im .-in. II. 
andere elementare Transformationen erforderlich sind. 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 603 

annehmen und die übrigen l -m(m -i) Grössen />,. . bei welchen g>i 
ist. mittels der Gleichungen (32) bestimmen. Die in den Gleichun- 
gen (33) enthaltene Darstellung orthogonaler symmetrischer Systeme (a, ) 
ist alsdann so beschaffen, dass die Grössen b durch die Grössen a ein- 
deutig bestimmt sind, dass also jedes System (o ä ) nur einmal dar- 
gestellt wird. 



V. 

Hr. Cayley hat bekanntlich in seinem Aufsätze im 32. Bande des 
CjtELLE'schen Journals' zuerst jene berühmten Formeln entwickelt, in 
wehdien die Elemente orthogonaler Systeme reter Ordnung durch 
\n{n' — 1) unabhängige Variable rational ausgedrückt werden. Es er- 
erscheinl demnach von besonderem Interesse, zu untersuchen, wie 
aus dieser allgemeinen Darstellung eine solche von symmetrischen 
orthogonalen Systemen hervorgeht. Zu diesem Zwecke muss von 
Neuem auf die Herleitung der ÜAYLEY'schen Formeln eingegangen 
werden, da a. a. 0. zwar gezeigt ist, dass bei der angegebenen Dar- 
stellung der Elemente eines orthogonalen Systems die ^n(n — 1) Be- 
dingungsgleichungen der Orthogonalität erfüllt sind, nicht aber, dass 
eine solche Darstellung für alle orthogonalen Systeme möglich ist. 

Bei dieser erneuten Behandlung der allgemeinen orthogonalen 
Systeme werde ich, da die Auseinandersetzung dadurch wesentlich 
an Durchsichtigkeit gewinnt, von den Methoden Gebrauch machen, 
welche sich in meinem Aufsatze' Ȇber einige Anwendungen der 
Modulsysteme auf elementare algebraische Fragen«, sowie in neueren 
Arbeiten 3 des Hrn. Netto bei der Behandlung mehrerer algebraischer 
Probleme als nützlieh erwiesen haben. 

Bei einer solchen Behandlungsweise hat man anstatt der Eigen- 
schaften von Grössen c ik , welche, wie oben im art. I, durch die für 
ein orthogonales System (e ik ) charakteristischen Relationen: 

(4) lL c m c hi = KA &,A=i,a,...») 



1 S. 119— 123. 

2 Journal für Mathematik. Bd. 99. S. 329 — 371. 

3 »Anwendung der Modulsysteme auf eine elementare algebraische Fr 
Journal für Mathematik, Bd. 104. S. 321 — 340. -("her den grössten gemeinsamen 
Theiler zweier ganzer Functionen, in der Festschrift der mathematischen Gesellschaft 
in Hamburg (1890). Ȇber den gemeinsamen Theiler zweier ganzer Functionen einer 
Veränderlichen« im Journal für Mathematik. Bd. 106. S. 81 — 88. 

Sitzungsberichte 1890. •" :; 



f)04 G-esammtsitzung vom 5. Juni. — Mittheilung vom 22. Mai. 

mit einander verbunden sind, die Eigenschaften zu untersuchen, welche 
einem Systeme von ir unbestimmten Variabein: 

w a (i,*=l,a,...n) 

im Sinnt' der Congruenz für das aus den ^n(n + i) Elementen: 

ö , ^."V"'/, (g,h= 1,2, ...n;g h) 

gebildete Modulsystem zukommen. 

Demgemäss seien // und >r ik (für /./•= 1.2..../1) unbestimmte 
Variable. (w' ik ) sei das zu (/r, x .) reciproke System, und die ir Variable 
u ü seien durch die Gleichungen: 

U& = "'-: -- " '°,. ('.*=) -2 n) 

definirt. Ferner sei t~ die Determinante des Systems (//,-,.). und {u' ik ) 
sei das zu (u it ) reciproke System. Endlich sei zur Abkürzung für 
alle Werthe der Indices i, Tc = i, 2 , . . . ir. 

h = n 

(34") fit = ^ ""//, "V, — <W =^",:"„: W(M*4 •' 

A=i Ä = i 

A = n 

(35) </>* = 2. "'-"'. **«' ^. "■■".," "(",* + "<.)■ 

(36) \p tt = $*— »(«,; + »;,i. 

Alsdann bestehen die bemerkenswerthen Relationen : 

(37) </V = 11 "y U hk 4< ik • - : ' = X "?'' W ** ( ^* ' 

(3 8 ) ^L - ■ '^. H 'V'/ : 

(39) H ■■'"',</>*> ^%»^, 

in welchen die Summationen auf die Werthe i . k — 1. 2 . . . .n zu er- 
strecken sind und den Indices g , h alle Werthe von 1 bis n beigelegl 
werden können. Von der Richtigkeit dieser Relationen überzeugt man 
sich unmittelbar, wenn man darin für - J. ,,. </\, : ,</>,,;, wl, 7 , die 

aus den Grleichungen (34). (35) und (36) zu entnehmenden Ausdrücke 
substituirt und die Gleichungen: 

( |.0) ^ W, ■:■ ^ IC d /lk (h,k= 1,2, 

1 = 1 



benutzt, durch welche die Systeme (u ilt ) , («4) als zu einander reeiprok 
definirt werden. 



Kroneckf.r: über orthogonale Systeme. (Forts.) 605 

Man kann den Inhalt der Relationen (37). (38), (39) auch in 
übersichtlicher Weise so ausdrücken, dass die Transformationen quadra- 
tischer und bilinearer Formen, welche in folgenden drei Gleichungen 
dargestellt sind : 

(37') 2***»"** =% y t / *!ti1t* 

(38') "XfikXiX/c ^.^;.'/;/A l =i,a,...«), 

(,* i.k 

(39') 2^ A = 2^*^ t_ W ^(3// '"'d 

durch die Substitutionen: 

y, = V „^r. = 2* 1 (i,A= 1.2....») 

bewirkt werden. 

Zwischen den Variabein ,r und x bestehen in Folge der ange- 
gebenen Substitutionen die directen Beziehungen: 

X h = 2 tli/cUaXk , X h = ^, "/■,"■' •'■/ (A,«,A=i,-a,...n), 

und mit deren Hülfe erhält man aus der Gleichung: 

2 </>,/,■ ^.tV=V^,,,, ., (,-,/ =1,2,...«), 

/.<■ i.k 

welche durch Verbindung der beiden Gleichungen (37') und (38') ent- 
steht, die Relationen: 

(42) 

•/V- — 2, ? V w ^ "" "'■ 0* 1 

in welchen die Summationen auf: 

i , k , r, s = 1 . •-! . . . . n 

zu erstrecken und den Indices g , h alle Wertlie von 1 bis // bei- 
zulegen sind. 

Die obigen Identitäten (37) bis (42) enthalten die Eigenschaften 
orthogonaler Systeme in entwickelter Form . und die beiden mit (37) 
bezeichneten Identitäten allein genügen zur Vereinfachung und Vervoll- 
ständigung der t'AYLF.Y'schen Deduction. Denn durch die Gleichungen: 

h = n 

(43) <Pik = ^ Wih »•/,-/, — &a u 2 = ^ Uy, U kh - u I =0 

/ 1 4 = 1 

(>,'* = 1,2,. 

wird das System der n 2 Grössen: 



lillli 5 Juni. — Mittheilung vom 22. Mai. 

w 

— oder d lk 

u u 

als ein orthogonales eharakterisirt . und da. unter der Voraussetzung. 
dass ein zu (/'.,, i reciprokes System {u' a ) existirt, d. h. also unter der 
Voraussetzung, dass die Determinante U von Null verschieden ist. 
das System der Gleichungen : 

(44) 4> a = -d,, = d,,. —Ml 1 = =1,1, ...n) 

auf Grund jener beiden Formeln (37) dem Gleichungssysteme 143) 
vollständig aequivalent ist, so sind auch die Gleichungen 144) charak- 
teristisch, für die Orthogonalität des Systems der Grössen: 

oder — 6 ik ,*= 1,2, . . . n). 

u 11 

Diese Gleichungen (44) sind aber dann und nur dann erfüllt, wenn 
nach Annahme von \ /1 (n — 1) beliebigen Grössen: 

;k-.i. k= 1,2,...«), 

den Variabein u folgende Werthe beigelegt werden: 

I (*<*;i,*=i,a,. ,»). 

Bildet man also aus dem zu diesem Systeme 1 //,',,) reciproken Systeme 
(u a ) das System der nr Grössen: 

— ~4- p,*=i f2 ,...») l 

// 

so erhalt man das allgemeinste orthogonale System von der Beschaffen- 
heit, dass die Determinante von (w a ) nicht gleich Null ist. 
Aus den Gleichungen 137) folgt ebenso unmittelbar: 

dass man alle einem Rationalitätebereich (SR, SR . SR . . .) 

angehörigen orthogonalen Systeme ('■,,. 1. für welche die 
Determinante : 

| + $ a \ = ■■-••■•») 

von Null verschieden ist. und nur solche Systeme erhält, 

wenn man aus demselben Rationalitätsbereich Systeme (t it ) 
entnimmt, für welche: 

ist. dazu «las reciproke System (&) bildet und alsdann 
die Elemente des orthogonalen Systems (c ;< .) gemäss den 
(deichungen : 

r «= 4—4 c=i,2,...n) 

bestimmt. 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 607 

Von den orthogonalen Systemen (c ik ), für welche die Determinante: 

|%+4| (i,*=I,a,...n) 

von Null verschieden ist, kann keines — ausser dem Einheits- 
system (£, t .) — symmetrisch sein. Denn für ein symmetrisches 
System (c a ) ist auch das System (c u , + & lk ) und also auch dessen reci- 
prokes (f ik .) symmetrisch; es ist also dann: 

4- = 4- > t* = hi = — h-i = o (»'< k\ i, k = i, 2 n), 



folglich : 

und daher in der That: 



t'ik = 2^* (»'. * = '>*>■ • ») 



% = &ik (»'' *=I, 2 »)• 

Die in dem LipscHixz'schen und auch in diesem Aufsatze behandelten 
orthogonalen symmetrischen Systeme gehören also zu denen, welche 
sich der von Hrn. Gayley angegebenen Darstellung entziehen. Aber 
es ist gerade deshalb von besonderem Interesse, zu untersuchen, in 
welcher Weise man sich bei der CAYLEY'schen Darstellung orthogonaler 
Systeme denjenigen, welche zugleich symmetrisch sind, nähern kann. 

(Fortsetzung folgt.) 



Ausgegeben am 12. Juni. 



Berlin, gedruckt in Her Reielisdrtielte: 

Sitzungsberichte 1890. 54 



609 

1890. 

XXIX. 

SITZUNGSBERICHTE 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 

12. Juni. Sitzung der philosophisch -historischen ('lasse. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Curtius. 

Hr. Weinhold las über den Mythus vom Wanenkrieg. 
Die Mittheilune erfolet umstehend. 



Sitzungsberichte 1890. 



(il 1 



Über den Mythus vom Wanenkrieg. 

Von K. Weinhold. 



In den mythologischen Forschungen, welche so leicht in Nebel und 
Wolken, oder in den Sumpf verlocken, gibt nur die Geschichte des 
Cultus die Möglichkeit, einen sicheren Pfad zu finden. Sie gewährt 
geschichtliche Unterlage; sie zeigl das Werden, Wachsen und Ver- 
gehen der Götter in dem Umfang der Verehrung, die sie genossen; 
sie lässt die Wandelungen mindestens errathen, die in dem inneren 
Wesen der Gottheiten sich vollzogen. 

Die. Geschichte der Culte ist ein wichtiger Theil der Geschichte 
der Volksstämme. Der Cultus wandert mit den Volksgenossen, 
welche die altererbten Heiligthümer auch in die neuen fernen Wohn- 
sitze tragen, der Cultus verbindet eine Kette von Völkerschaften; 
der Cultus wird alier auch der Grund von Fehden und Kriegen, 
wenn der eine Stamm seine Gottheit den Nachbarn aufdrängt, um 
das Gebiet derselben zu erweitern und damit Eintluss auf andere 
Stämme zu gewinnen. 

In der Geschichte der heidnischen Religion der Deutschen ist 
auf die Cultusgeschichte bis jetzt weniger Gewicht gelegt worden, 
als gut ist. Allerdings hindert auch hier die Dürftigkeit unserer 
Quellen. Aber immerhin sind Spuren genug schon in den Nachrichten, 
die Taeitus sammelte, vorhanden, um bestimmt geschiedene Cultus- 
gebiete und geschichtliche Veränderungen in denselben zu erkennen. 

Als Cultusverbände uralten Ursprungs werden die durch Pli- 
nius d. ,1. (h. n. IV, 28) und Taeitus (Germ. 2) überlieferten Völker- 
gruppen der Ingvaeones, Istvseones und Herminones zu nehmen sein. 
Taeitus hat durch die Anknüpfung dieser gentis appellationes an die 
fcheogonische Mythe die richtige Ahnung von ihrer Bedeutung be- 
wiesen. Es sind Völkerbünde, die durch den gemeinsamen Cultus 
eines Stammgottes vereinigt wurden: die Ingvreonen durch den Cult 
des Ing-Nerthus, die Istvseonen durch den des Ist-Wodan, die Er- 
minonen durch die Verehrung des Erman-Tiu. An den Stammgott 
knüpfte uralter Glaube den Ursprung der Volksgemeinschaft mittels 
halbgöttlicher Helden und Könige. Der Stammgott erschien dabei. 

55* 



612 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 12. Jiuii. 

worauf Müllenhoff schon früh in seiner Abhandlung über Tuisko 
und seine Nachkommen (S. 222 f.) hingewiesen, nicht unter seinem 
eigentlichen Namen, sondern unter einem Beinamen, der die Ver- 
mittelung der Gottheil mit der Menschheit erleichterte. 

über den Cultus, der die Erminonen verband, gibt Tacitus 
wichtige Kunde im 39. Capitel der Germania, wo er von dem reli- 
giösen Bundesfesl der Sweben erzählt, das zu bestimmter Zeit im 
Lande der Semnonen begangen ward. Die Semnonen hielten sieh 
für das älteste und vornehmste Volk des Swebenbundes, der sieh 
mit dem Umfang der Erminonen decken wird. Als Beweis ihres 
Anspruchs galt, dass in ihrem Gebiete der heilige Wald lag, in dem 
die grosse allwaltende Gottheit, und darum auch <\r\- Ursprung des 
Volkes gedacht ward. Hier kamen die Abgeordneten des Bundes 
zusammen, um dem mächtigen Gotte ein Menschenopfer zu bringen 
und. so dürfen wir schliessen, seinen Schutz für den Bund und die 
Unternehmungen desselben zu erflehen. Der Gott war Erman, nach 
dem die Erminonen sich nannten, in Ableitung von dein Heros Er- 
mino: Erman der regnator omnium deus (Germ. e. 39), der allwaltende 
Tiu (*Tivaz). 

Die Semnonen waren die Hüter des Bundesheiligthums. Und 
als sie von dem Lande zwischen der mittleren Elbe und Oder aus- 
wanderten und Südwest wiirts über die alte Waldgebirgsgrenze auf 
ehemals ungermanischen Hoden zogen, nahmen sie die Heiligthümer 
des Tiu mit sieh. 

Die Schwaben, wie die Semnonen als Hauptkern der alten Sweben 
nun genannt wurden, galten noch lange als die Ziuverehrer (Cyuuuari 
Suuapa, Wessobrunner GL), und Augsburg, die schwäbische Stadt. 
ward aus der Augusta Vindelicorum die Ciuuesburc, Burg des Ziu. 1 

Östlich von den Semnonen - Schwaben hatten sich jenseits des 
Lechs andere erminonische Stämme niedergelassen, die Markomannen 
und andere, welche dc]i Bajuwarennamen angenommen. Auch sie 
hatten den Tiucult in die neue Ileimath getragen. Nur führte <\'T 
alte Gott bei ihnen einen anderen Beinamen, den des Kr (*Eraz). 
Der bairische Name des dritten Wochentages, des dies Martis, Ertag, 
der sieh bis heute erhielt, zeugf gleich dem schwäbischen Ziestag, 
der in mundartlichen Gestaltungen fortblüht, noch jetzt von den 
alten ( uli verhii h iiissen dieser süddeutschen Völker. 

Verehrung des Tiu. den die Römer als Mars deuteten, -weil er 
vornemlieh Kriegsgotf geworden, können wir ferner ausdrücklich be- 
zeugen für die /um Swebenbunde ebenfalls gehörigen Hermunduren 



1 Ciuitas augustensis i. e. Ciesburc Bouquet recueil d. hist. <!<• l.-i France 11. 10. 






Weinhold: Über den Mythus vom Wanenkrieg. 613 

(Ann. XIII. 57); ferner für rheinische Völker (I-Iistor. [V, 64); für die 
Sachsen, deren Kern die Cherusker waren (vergl. weiter unten); für 
die Friesen nach den britannischen Votivsteinen, welche uns den 
Mars Thingsus kennen lehrten. 

Die Verehrung des uralten grossen Himmelsgottes Tiu isl in 
ältester Zeil allen Germanen gemein gewesen, und mit Rechl liisst 
Tacitus einen der abgesandten der Tencterer zu den Ubiern im 
batavischen Aufstande von dem Mars als dem bedeutendsten i\^-\- 
gemeinsamen Götter reden (Histor. IV, 64). 

Aus dem allumfassenden, das Lehen der Natur und der Menseln n 
beherrschenden Gotte Tiu hatte sieh wahrscheinlich früh der Gewitter- 
gotl ausgesondert, den die Germanen Thonar hiessen. I > i< • Römer 
verghchen ihn nach den Mythen, die sie von ihm als dem heroischen 
Kämpfer gegen alle heimle Af\- Menschen und ihres entwickelten 
Lehens vernahmen, ihrem Herkules. Eines seiner Heiligthümer lag 
im Lande ("istlich t\vr Weser (Ann. II. 12), und mich weit später ward 
er in jenen Gegenden verehrt, denn das sächsische Taufgelöbniss ans 
den Anfängen der Sachsenbekehrung nennt Thunar als den ersten 
der drei grossen Heidenteufel, vor dem Wodan und dem Saxuot (Tiu).' 

Auch bei den Südnachbarn der Sachsen, den Hessen, blühte im 
X. Jahrhundert sein Cult, denn den Hauptschlag gegen ihr Heiden- 
thum führte Winfried - Bonifazius , als er das rohur Jovis, eine Eiche 
von wunderbarer Grösse, die dem Thonar geweiht war und bei 
Geismar stund, niederhieb ohne dass ihn die Strafe des Gottes traf. 
Auch in Thüringen musste sieh Bonifaz gegen den Jupiterdiensl 
wenden, d. i. neuen die Verehrung des Thonar, der inzwischen vom 
Herkules zum Jupiter geworden war. Thunar und Wodan, Jupiter 
und Mercurius, stunden auch bei den Niederfranken im 8. Jahrhunderl 
als die Hauptgötter nebeneinander. 

Aher seinen eigentlichen Boden hatte der Donnergott hei den 
skandinavischen Germanen gewonnen, wie nachher näher ausgeführt 
werden soll. 

Das Gebiet der Ingvseonen, der proximi oceano (Germ. c. 2), lag 
an der unteren Elhe, Süd- und nordwärts des Stromes, an den Küsten 
und auf den Inseln der Nord- und Ostsee. Hier pflegten die sieben 
Völkerschaften, Reudigni, Aviones, Anglii, Varini, Eudoses, Suardones, 
Nuithones, in wähl- und wasserreichen Landschaften das Bundesheilig- 
thum, den Cult des von ihm Römern als Terra mater gedeuteten 



1 Thonar und Vuaten in den Versen des Paulus Diaconus, 'li<- Dümmler Z. f. d. 
All. XII, 452. ff. herausgab, sind zwar ;ils Dänengötter von Paulus angeführt, werden 
aher wohl auf sächsische Quelle zurückgehen-, wie Dümmler vermuthel hat, ebd. S. 4.49. 



614 Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 1"2. .Inni. 

numen North us (Germ. 40). Wie Nerthus nach der grammatischen 
germanischen Form Masculinum und Femininum sein kann, so ist 
mythologisch in dem numen eine doppelgeschlechtige Gottheit ent- 
halten, ein Geschwister] »aar. das zugleich ein Ehepaar war. Der 
männliche Theil tritt in Skandinavien als Niorpr auf: durch seinen Bei- 
namen Ing (*Iggvaz) aber isl er Stammgott der Ingvseonen , und durch 
diesen Namen können wir auch verfolgen, dass sein Cult von den 
ingva'onischen Stämmen nach England hinübergetragen ward. Die 
Ausbreitung desselben l'ultus nach dem Norden wird uns nachher 
beschäftigen. 

Unter allen Göttern eroberte sich die gross te Bedeutung und 
ward den andern der gefährlichste der Stammgott der Istvseonen, 
Istvaz-Wodan. Wie die westlichen, fränkischen Stämme durch den 
eigentümlichen furor des zur Alleinherrschaft strebenden merwin- 
gischen Königsgeschlechts, das in blutigen rücksichtslosen Kämpfen 
die anderen alten Königs- und Adelsgeschlechter der Franken ver- 
nichtete, und dann ein deutsches Land nachdem andern sich unter- 
warf, nach und nach die Gesammtmasse des Volkes vertraten und 
ihr Name sich über die Deutschen überhaupt breitete, so hat ihr 
Gott, dessen Namen Wodan spätere christliche Chronisten noch als 
furor übersetzten (Adam. eccl. hamab. bist. IV, 26) in merkwürdigem 
Siegeslauf seinen Cultus weiter und weiter vorgedrängt, erminonische 
und ingva'onische Völker unter sich gebeugt, bis die systomatisironden 
Mythologen des 12. und 13. Jahrhunderts es nicht anders svussten, als 
dass Opinn das Haupt des Götterstaates und alle anderen Götter 
seine Söhne wären. 

Die Geschichte der Ausbreitung des Wodancultus ist von der 
grössten Wichtigkeit für die Geschichte der germanischen Religion. 

Die Römer, welche die westlichen Deutschen am genauesten 
kennen lernten, wussten nicht anders, als dass Mereurius. wie sie 
Wodan interpretirton , bei den Germanen die höchste Verehrung gonoss. 1 
Mag auf ihre Ansicht auch das eingewirkt haben, was sie über die 
Verehrung des Mercur bei den Galliern wussten. so wird doch als 
deutscher Bestand der Gleichung Mereurius -Wodan bleiben, dass 
Wodan eine germanische Gottheit war, ähnlich dem im augustaeischen 
Zeitalter aus dem griechischen Hermes von den Römern voll ent- 
wickelten Mereurius, geistig rührig, in das Leben überall eingreifend, 
ein Förderer geschäftigen Verkehrs, mächtig der Rede und Dichtung. 
Schon sein Name Wodan, der nur Weiterbildung des einfachen wöd- 



1 Deorum maxime Mercurium cohmt, sagt Tacitus Germ. c. 9 in Nachbildung 
dessen, was Caesar b. 'j.. VI. \- über die Verehrung des gallischen Mereurius schrieb. 



Weinhoi.d: Über den Mythus vom Wanenkrieg. 615 

ist. weist durch die Verwandtschaft mit lat. vates, sanskr. vätas, 
und durch die Bedeutung der germanischen Worte angels. vöd (Ruf, 
Schall; Rede. Gedicht) altnord. opr (Geist; Sang, Gedieht) auf das 
innerliche, geistige Wesen Wodans entschieden hin. 

Früh muss er als Siegesgott gegolten haben, weil er. der Gotl 
geistiger Begabung, auch die Kriegskunst verstund und lehrte. Darum 
trat er eng an die .Seite Tius, des allwaltenden Gottes über das ganze 
hellen, der, weil das germanische Leben in jenen Zeiten am höchsten 
im Kriege seine Wellen sehlug, der vihans, 1 der Kriegsgott der 
Deutschen war und von den Römern deshalb als Mars bezeichnet ward. 

In dieser Nebeneinanderstellung zeigt eine Stelle in Tacitus 
Annalen (XIII, 57) Mars und Mereuriu.s. Als die Hermunduren im 
Jahr 58 n. Chr. mit den Chatten um den salzhaltigen Grenzfluss 
kämpften, versicherten sie sich des Sieges, indem sie, jenen zwei 
Göttern, also dem Tiu und Wodan das feindliche Heer zum Opfer 
gelohten. 

Die langobardische Sage berichtete, 2 dass dieses Volk, als es 
noch Winden hiess, vor einer entscheidenden Schlacht gegen die 
Wandalen ebenso wie diese zu Gwodan um den Sieg gebetet und 
durch Kreas Gunst, der Gemahlin des Gottes, ihn erlangt hätten. 

Wie Odin bei den Skandinaviern als Siegvater, sigfajrir, Sieg- 
gott, sigtyr galt und den Sieg nach seinem Wollen den Königen galt. 
berichten Lieder und Sagen oft genug. 

So breitete sieh durch diese gewaltige Eigenschaft und die ganze 
Macht wunderschaffender Geisteskraft Wodans Verehrung über seine 
ursprünglichen Volksgrenzen aus. 

Selbst die Schwaben, die eigentlichen Tiuverehrer, schlössen sich 
allmählich gegen den Wodancult nicht ab. Aus der ersten Hälfte des 
7. Jahrhunderts erzählt Jonas von Hobbio in der Vita des h. Columban 
von dem Opferfest eines schwäbischen Stammes am Bodensee, in das 
der Missionar gerieth. Eine sechsundzwanzig modii fassende Kufe war 
mit Bier gefüllt zum Opfertrunk für die Verehrer des Wodanus quem 
Mercurium vocant alii. 3 

Wodans Stellung bei den Thüringern bezeugt der eine Merse- 
burger Spruch, der ihn als den heilkundigsten Gott kennt. 



1 Bei Tongern ward 1855 ein Bronzeplättchen mit der Inschrift gefunden: 
VIHANSAE | Q • CATTVS • L1BO • NEPOS | CENTVRIO . LEG • III | CYREN UCAE. 
SCV | TVM.ET-LANCEAM-D.D.| Noch in den Skaldskaparmäl wird dem Tyr 

der Beiname vitiagiijr gegeben. 

- Prol. in ed. Rothari, I'aul. Diac. bist. 1.8. Hist. Francor. epitome. 

3 Für das Eindringen Wodans l»-i den Schwallen zeugl noch beute der schwä- 
bische Name des wilden Ilees: 's Muotes her. (in \v Alini. Gr. S. 132). 



(') 1 (i Sitzung der philosophisck -historischen Classe vom 12. Juni. 

Gleich den Schwaben verehrten auch die Sachsen des 8. Jahr- 
hunderts neben Saxnöt-Tiu, ihrem Hauptgott, den Thonar und den 
Uuöden nach dem unverwertlichen Zeugniss der Äbschwörungsformel 
bei der Taufe (Mvllenhoff- Scherer Denkmäler Nr. LI). Wenn den 
Skandinaviern später Odin als der eigentliche Sachsengott erschien 
(Fornmannasog. V, 235). so weist das einmal darauf, dass der Wodan- 
cult in Nieder- Deutschland grossen Umfang gewonnen hatte, sodann 
alicr auch darauf, dass der Odincult über Sachsen in den germanischen 
Norden gekommen war. Eine Erinnerung daran mag in dem euheme- 
ristischen 1 Bericht Snorre Sturlesons über die Einwanderung des Asen- 
Odin mil den anderen Göttern (diar) in die Nordlande entlialten sein 
(Ynglingas. e. 5), wonach Odin von Saxaland aus nach Fünen und 
Seeland gekommen sei. 

Wie fest Wodan bei den sächsischen Stämmen eingewurzelt war 
schon im 3.. (>. Jahrhundert, bezeugen, die angelsächsischen Königs- 
genealogien, deren älteste, die von Kent. durch Beda (c 755) über- 
liefert ist. und die sämmtlich auf Wöden als Stammvater der edlen 
Geschlechter zurückgehen, die Britannien eroberten. Aus neuer Zeit 
bezeugen es noch die niedersächsischen Sagen und Gebräuche, in 
denen Wbde oder Wod (Gwode, Gode) auftritt, die in Altsachsen wie 
in den sächsischen Besiedelungsländern , Mecklenburg, Pommern, Alt- 
mark und Priegnitz bis heute fortleben. 

Kür Wodan als Gott der Ostgermanen fehlen die Zeugnisse. Über 
das gotische Heidenthum sind wir schlecht unterrichtet. Nur ver- 
niuthen können wir, dass der gemein germanische, ja indogermanische 
Tius (Tivaz) der Hauptgott der Goten gewesen ist. 

Für die lugisch -wandalischen Völkerschaften berichtet Tacitus 
(Germ. c. 43) von dem im Gebiete der Naharnavalen geübten Cultus 
des göttlichen Brüderpaars Alcis, welches den Römern Gastor und 
Pollux vergleichbar erschienen war. Mehrere Jahrhunderte später 
haben die Wandalen, nach Paulus Diaconus I, 8, zu Wodan um den 
Sieg gebetet. Es wäre also möglich, dass der Siegesgott Wodan seinen 
Eroberungszug auch zu den östlichen Germanen ausgedehnt hätte. 
Derselbe Paulus Diaconus sagt an jener Stelle: Wodan ab universis 
Germaniae gentibus ut deus adoratur. 

Für die skandinavischen Germanen haben die genaueren Unter- 
suchungen der ältesten Denkmäler ergeben 2 , dass [jörr (Thonar) nicht 



1 Es scheint nichl ganz überflüssig, auf die klare Verurtheilung '1er euheme- 

ristisohen rrrthümer Saxos und Snorres s ml Nachfolgern hei Koppen riterar. Einleitung 

in dir nordische Mythologie, Berlin 1839.8. 1S1 — 189 hinzuweisen. 

2 II. Petersen Nordboernes anidedyrltelse og gudetro i Heäenold. Kj0ben- 

havn 1870. 



Weinhold: Über den Mythus muh Wanenkrieg. (>17 

bloss in Norwegen und dem von dort besiedelten Island, sondern 
auch in Schweden und Dänemark durchaus der Land- und Volksgotl 
gewesen ist. Wo die nordländischen Seefahrer, die »Dänen«, in der 
Fremde auftraten, in der Normandie. wie in England, wusste man 
nicht anders, als dass Thor der Dänengott sei. und ebenso gali in 
Gardariki (Russland) der Donnergott als Gott der Nordleute. 

Wenn nun in den mythologischen Liedern der Ssemundar-Edda, 
in den Skaldengedichten ; sowie bei den Mythologen des 12. und 
13. Jahrhunderts Odin der Fürst und der väterliche Herr der Ansen- 
familie ist, der vornehmste und bedeutendste Gott, und wenn wir 
andrerseits in den schwedischen Landschaften die Verehrung des 
Freyr und der Freyja verbreitet sehen, so werden wir annehmen 
müssen, dass eine Einwanderung des Odin- wie des Waneneults in 
die Länder des Thordienstes geschehen ist. Beides sind fremde 
Culte, welche nach Skandinavien von Süden her eingedrungen sind. 

Wodan eignete sich — es sei erlaubt, modern zu sprechen — 
zum Gott der vornehmen und gebildeten Kreise, wie kein andrer 
germanischer Gott. Die Gleichung mit Mercurius hat. uns diese Ent- 
wickelung seines Wesens schon für die Anfänge unsrer Zeitrechnung 
bewiesen; er war längst fertig als kriegskundiger, siegverbürgender 
Gott und als Gott des Könnens und Wissens, der zu religiöser Wir- 
kung und geistiger Erfreuung kunstvoll gebundenen Rede, als sein 
Gült nach Skandinavien eindrang. Die abenteuernden, Sieg und 
Beute suchenden Seekönige mit ihren Leuten; die Skalden, die zum 
guten Theil zugleich kriegerische Helden waren, wurden seine Ge- 
meinde. Der alte Landgott Thor blieb der Gott der Bauern, der 
freien kleinen Männer. Was vornehm war oder sein wollte, bekannte 
sich zu Odin. 

Die Norweger, welche sich dem Königthum Harald's des Haar- 
schönen trotz dessen Siege (872) nicht unterwerfen mochten, retteten 
sich und ihren Gott Thor nach Island. Auf die Balkenenden der 
Häuser, die sie auf der Insel zu gründen gedachten, schnitten sie 
einen Thorskopf aus, und unzählige von ihnen trugen schon in ihren 
Eigennamen das Thorszeichen hinüber. Kein einziger Name dieser 
Auswanderer hat eine Spur von Odin. 1 

Einige aber erinnern an Freyr, den Wanengott. 

Früher als Wodan, oder wie ihn die Skandinavier seit dem 
9. Jahrhundert in ihnen eigener Lautveränderung nannten, »Odin 
Opinn) « , scheint Niorbr mit, seinen Kindern Freyr und Freyja nach 



1 Vergl. die Namenverzeichnisse zum i . Bande der Islendinga sogur. Kj0ben- 

linvn 1843. 



618 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 12. Juni. 

den Nordlanden gekommen zu sein. 1 Es sind die Gottheiten der 
deutsehen Ingvseonen, welche dir nächsten Südnaehbarn der Skandi- 
navier waren und gewiss sein- früh mit den Dänen, den Gauten und 
Swionen und den südlichen Norwegern in Verkehr getreten sein 
werden. Der geistige Austausch, der eigentlich eine geistige Einfuhr 
deutscherseits war, wird mit dem Handelsverkehr sich verhunden 
haben. Mit den Schiffern und Kaufleuten kamen ihre Götter 2 , und 
diese Götter waren heitere Gottheiten, die ein fruchtbares, reiches 
iind friedliches Leben beschützten und liebten. Ihr Cult fand nament- 
lich in Schwellen Aufnahme, muss aber auch in Dänemark und Nor- 
wegen Anhänger gefunden haben. 

Von einem harten Zusammenstoss der Wanenreligion und der 
Thorsreligion zeigt sich keine Spur. 

Dagegen hat die nordische Mythologie eine sehr deutliche Er- 
inneruni»' an einen Krieg Odin 's und der Ansen mit den Wanen bewahrt. 

Nach dem bisher ausgeführten werden wir in diesem Mythus 
vom Wanenkrieg zunächst eine Urkunde von dem feindlichen Zu- 
sammenstoss der eindringenden Odinreligion mit der früher schon im 
Norden eingeführten Wanenreligion erblicken. Andere weitere Erwä- 
gungen werden sich daran knüpfen. 



Von dem Wanenkriege geben Strophen der Voluspä (2 1 — 24 Bugge, 
7 — 10 Müllenhoff) die älteste Nachricht. Zu ihnen ist das 4. Kapitel 
der Ynglingasaga ergänzend zu halten.' 

21. pat man folkvig fyrsl i heime, 
es Gollveigo geirom studdo 
ok i hollo Hais hana brendo, 
brysvar brendo brysvav borna 
|ii|it ösjaldan, pö hun enn lif'er|. 

22. llei|ic beto hvars lil hüsa kvam 
\ ciln \ elspaa : \ itle gatula . 

seip hvars kunne, sei|i hugleikenn, 
,(. vas angan illrar brüpar. 



1 Dafür, dass die Wanen- früher als die Odinreligion nach Skandinavien kam, 
kann als Beweis gelten, dass den Wanengöttern der Vorwurf der G-eschwisterehe 
gemacht ward. Eine uralte Eheverbindung, die jüngerer Anschauung anstössig erschien, 
tritt hier lirr\ or, 

2 Die Erinnerung daran, dass Ing-Nerthus über die See zu germanischen 
Völkern zog, ist der Kern der Strophe im angelsächsischen Runenliede: [ng waes 
.iivsi hu. Eastdenum gesewen secgum, op he siddan eft oJ>er waeggewat, waen aefler 
ran: .Ins Heardingas Jone haele nemdun. 

3 Das böse Nachspiel des Krieges, das dir Strophen 25. 2ii (11. 12) und i\rv 
Svadilfariinythus (Gylfaginning c. 42) behandeln, geht uns hier nichts an. 



Weinhold: über den Mythus vom Wanenkrieg. 619 

■ii,. Gengo regen pH ä rokstöla, 

ginnheilog gop, ok of pal ga-ttosk: 

livärl skyldo Aeser afräb gjalda 

eba skyldo goj) oll gilde eiga. 
24. Fleygpe O'benn ok i folk of skaut: 

bat vas enn folkvig fyrst i heime. 

brotenn \as borbveggr borgar Asa, 

luu'iiici Vaner vigskä vollo sporna. 

In deutscher Übersetzung: 

21. Des gedenkt die Wala als des ersten Volkskriegs in der Welt, 
als Goldweig sie mit Geren stachen 

und in der Halle des Hohen sie brannten, 
dreimal brannten die dreimal geborene 
(oft, unselten, dennoch lebt sie noch). 

22. Heid (Zauberin) hiessen sie, wohin immer der Häuser sie kam. 
die gul spähende Seherin. Sie beschwor die Geister, 
Zauber übte sie wo sie wusste, Zauber mit Lust. 

Stäts war die Wonne sie bösen Weibsvolks. 

23. Es gingen ilie Ratenden all auf die Rechtstühle, 
die hochheiligen Götter und sorgten darum, 

ob solten die Ansen Busse zahlen, 
oder die Götter alle sollen Opfer gemessen. 
■24. Odin warf und schoss in das Volk: 

■ Ins war der erste Volkskrieg in der Welt. 

Gebrochen ward die Randwand der Ansenburg, 

die kriegskühnen Wanen vermochten das Feld zu stampfen. 

Wir hören in diesen Strophen, dass die Ansen die zauberkundige 
Goldweig- gemisshandelt hatten und dass dies zum Streit mit den 
Wanen fährte. Dieselben verlangen Busszahlung' dafür, oder dass sie 
den Ansen gleichgestellt würden. Nach gehaltenem Rath überlassen 
die Ansen die Entscheidung den Waffen. Odin schiesst den Ger in 
das feindliche Heer (nach altgermanischem Gebrauch ist das ein sym- 
bolisches Zeichen für die Opferweihe alles feindlichen) und der Krieg, 
der erste in der Welt nach der Voluspa. beginnt. 

Wer jene Goldweig war, welche die Ansen mit Geren stachen 
und dreimal verbrannten, die alter dreimal wieder aullebte, also die 
unsterbliche Goldweig, ist nicht schwer zu beantworten. Sie ist 
natürlich eine Wanin , da die Wanen ihretwegen Genugthuung von 
den Ansen fordern. Goldweig ist ohne Zweifel die Göttin, deren 
Thränen Gold sind, 1 die mit Obr dein Reichen vermählte, schmuck- 
frohe (menglod) Trägerin des strahlenden Brustgeschmeides (brisin- 
ganien), die Mutter der Hnoss. mit einem Wort Freyja, Niorbs 
Tochter. Gollveig, Goldkraft, mit des Goldes Kraft begabt, ist ein 
höchst angemessener Beiname der goldigen Wanengöttin. 



Gull er grätr Freyju (Freyjutär) Skaldskap. 37. 



620 Sitzung der philosophisch-historischen Classe v 12. Juni. 

Ob Müllenhoff (D. Alterth. k. V. i. 96) Recht hatte, in dem 
Stechen und Brennen der Goldweig den mythologischen Ausdruck 
für die metallurgische Behandlung der Golderze zu sehen, lassen wir 
vor der Hand dahin gestellt. Jedenfalls ist nach dem Liede Goldweig 
durch Odin und die Seinen gemisshandell worden, und als Grund 
dafür hören wir, dass sie eine Zauberin war. oder nach der Ynglinga- 
sage c. 4, dass sie Zauberkünste, welche bei den Wanen üblich waren, 
zuerst bei den Ansen gelehrt hatte. 

Es hat demnach eine störende Berührung religiöser Übungen, 
mit anderen Worten des Cultus der Wanen mit dem Ansencult statt- 
gefunden, der zu Kriegen der Anhänger der zwei Religionen führte, die 
nach der Ynglingasage mit schwankendem (duck geführt wurden, 
in denen aber schliesslich nach Voluspä 24 die Wanen die Ansenburg 
brachen und einen entscheidenden Sieg in offener Feldschlacht ge- 
wannen; mit anderem Ausdruck: die Bekennet - der Wanenreligion 
erzwangen von den Bekennern der Odinreligion Anerkennung und es 
ward ein Religionsfriede geschlossen, wonach sich beide Religionen 
durch Vertrag im Recht gleich stellten. 1 Die Wanen wurden, nach 
mythologischer Sprache, unter die Ansen aufgenommen-. 

Die Worte der Voluspä über die Zauberin Goldweig klingen sehr 
an die euhemeristische Erzählung Snorre Sturlesons in der Ynglinga- 
sage (c. 4). Der Geister- und Sudspuck ist Verhüllung des eigent- 
lichen alten Kerns im Wesen Freyjas. 

Freyja ist die reiche, üppige, liebes- und goldkräftige Göttin; sie 
kann in dem Mythus das Gold und dessen verführerische Gewalt 
vertreten. »Die Meinung des Mythus«, sagte Müllenhoff zur Runen- 
lehre S. 48, »ist ganz einfach, dass durch das Gold das Böse in die 
Welt gekommen ist« . 

Schliessen wir uns einmal ■- freilich mit Vorbehalt — dieser 
Deutung an. 

Die verderbliche Gewalt des Goldes war ein Erfahrungssatz für 
die Germanen geworden. Aus dem fünften Capitel der Germania 
klingt durch die auf römische Verhältnisse zurückdeutende Rede des 
Tacitus die innere Abneigung der Deutschen gegen das verlockende 
rothe Gold heraus. Wie es zum vernichtenden Fluche auch für die 
Edelsten und Höchsten werden konnte, ist im Mythus von dem Gold- 
ring des Zwen? Andvari durchgeführt. Dieses Gold, das der Unter- 
irdische gezwungen herausgeben musste, brachte allen Besitzern den 
Tod. Hreidmar, l'.-d'nir. Regin, Siegfried, Brünhild verfielen tragischem 
Untergang. 



Über die symbolische Art der Verbrüderung Bragar Im- 57. 



Weinhold: über den Mythus vrom Wanenkrieg. (>"_M 

Nun waren die Wanen die reichen Götter; das Gold glänzte von 
ihrer jungen schönen Freyja. Handel und Schiffverkehr, ebenso der 
Ackerbau in günstig gelegenen Landschaften hatten ihre Anhänger 
reich gemacht. Ein üppiges, dem Sinnengenuss geneigtes Leben lässt 
sieli aus dem, was über den Freydienst in Schweden berichtet wird. 
schliessen. So ist eine Ins zur Feindseligkeit gesteigerte Abneigung 
der Bekenner anderer, strengerer Culte gegen dir Wanenverehrer sehr 
wohl begreiflich. In den Versen: »Goldweig übte Zauber Stäts 

war sie die Wonne bösen Weibsvolk«, liegt eine sittliche Verurtheilung 
des Freyjadienstes durch die Odinverehrer. 

Und so erhalten wir wieder eine Bestätigung der Annahme, dass 
in der Erzählung vom Wanenkriege, wie Voluspä und Ynglingasaga 
sie geben, ein Stück nordgermanischer Religionsgeschichte überliefert 
ist. Auf den dänischen Inseln, in Schonen, Götaland, in Sviarike 
sassen zahlreiche, durch deutsche Ingvgeonen bekehrte Anhänger der 
Nerthusreligion. Zu den Anhängern Thors hatten sie sich friedlich 
gestellt; aber als der Odins cult eindrang, erfolgte ein Zusammenstoss. 

Bei diesem religionsgeschichtlichen Gewinn dürfen wir uns jedoch 
nicht beruhigen. Hinter dem Kampf der Religionen, d. h. der Be- 
kenner derselben, steht der Kampf der Götter selbst als der innerste 
Kern des Mythus. 

Der sittliche Gegensatz der beiden Göttergeschlechter ist die 
Metamorphose ihres natürlichen, elementaren Gegensatzes. 

Die Wanen (altn. Vanir, d. id. Vonum) zunächst, sind, wie die 
Bedeutung ihres Namen : die glänzenden, schönen, ergiebt, Gottheiten 
des Lichtes, der Sonne. 1 Sie tragen einen durchaus germanischen 
Namen, und schon dieses hätte ihre willkürliche Verweisung an die 
Kelten, Slaven oder Aisten denen, die sie beliebten, verbieten müssen. 
Auch MüLLENiioi i's etwas unklare Werte (Z. f. d. A. XXIII, i i) »der 
Wanencultus ist. wenn nicht geradezu ans der Fremde eingeführt, 
doch im Verkehr mit fremden Schiffern und Handelsleuten entstanden. 
dadurch veranlasst und unter dem Einfluss der Fremde ausgebildet«, 
widerlegen sich durch das deutsche Wort Wanen, wogegen die sehr 
zweifelhafte Ableitung des Gottesnamen Nerthus vom gallischen nertos, 
Kraft, Macht, Stärke, die zuerst IL Leo (Z. f. d. A. III. 226) aufstellte, 
und die W. Müllee (Geschichte und System der altdeutschen Religion 
47), Mi'llemioi f (a. a. (.).) und Manniiarkt (Wald- und Feldculte I. 571) 



1 Der Adjectivst. wano erscheint mit -mo Suffix im alts. Adj. wanom, wanuin, 
clarus, splendens, wozu das Adv. wanamo, das Subst. wanami, claritas, splendor, 

gehören. Ons Adjecth wan isi eng verwandt mit dem sanskr. Adj. väma (= vanma) 

schön. In der Vedensprache findet sich Subst. vanas, Schönheit, Hei/,. Es vergleichen 
sich ferner lat. Venus, venustus. 



(122 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 12. Juni. 

wiederholten, nichts bedeutet. Denn wie hätte ein deutscher Völker- und 
Cultbund seine oberste Gottheit mit einem gallischen Namen nennen 
können? Ausserdem hätten sieh alle, welche die Wanen für undeutsch 
oder doch durch Berührung von Deutschen und wer weiss welchen Frem- 
den erzeugt erklärten, erinnern sollen, dass der wanische Ing, den sie 
selbst als Nerthus deuten, in die älteste germanische Theogonie gehört. 

Die elementare Grundeigenschaft des Geschlechts ist in dem 
Haupte desselben, so weit der skandinavische Nioi'br darauf einen 
Schluss machen lässt. hinter abgeleitete Kräfte und Eigenschaften 
zurückgewichen, indem er, der altnordisch auch kurzweg der Wane 
oder der Wanensohn (Vanr, Vananibr) heisst, zum Schutzgott günstiger 
Seefahrt, sommerlichen Fischfangs und des Erwerbs und Handels 
gemacht ist und daher als der Vermögen gebende Gott (it fegjafa 
e-u[>) gepriesen wird. Mehr von dem Sonnenglanz und der aus Licht 
und Wärme geborenen Sommerwonne strahlt vonNiorbs ingvaeonischer 
Schwester und Gattin Nerthus aus. Der Nerthus töchterliche Wieder- 
geburt, die mir aus skandinavischer Mythologie bekannte Freyja, ist, 
wie wir früher schon hervorhoben, die schöne glänzende Herrin, 
wie ihr Name sagt, die goldene Sonnengöttin. Freyjas Bruder Freyr 
aber hat das rechte elementare Erbe vom Vater überkommen. Er 
gebietet über Sonnenschein und Regen, giebt Fruchtbarkeit den Saaten 
wie den Menschen, und heisst der Herr kurzweg, gleichwie Apollon 
Kvptog genannt ward. Freundliche, heitere, sonnige, reiche und 
milde Gottheiten sind diese Wanen. 

Welche Gottheiten stehen nun überall den Sonnengöttern feindlich 
gegenüber? 

Überall sind es die ebthonischen Götter, die Mächte der Erde, 
der Finsterniss und des Todes. 

Sind wir nun aber berechtigt, die Ansen für solche chthonisohe 
Mächte zu erklären? — 

Allerdings die Ansen schlechthin durchaus nicht. Wohl aber hat 
Obinn-Wodan, welcher den Krieg gegen die Wanen nach der Voluspä 
beginnt, viele Züge, die ihn als chthonischen Gott und als Feind der 
Sonnenwesen erkennen lassen. Wie Zeus •yftonog sich zu dem olym- 
pischen Zeus verhält, so stehen in Wodan die chthonische und die 
himmlische Seite neben oder gegen einander. Ja die himmlische 
scheint die jüngere, die sich erst entwickelte, als Wodan den uralten 
Himmelsgotl Tiu zurückgedrängt hatte. Gerade die Nachtseite Wodans 
hat der deutsche wie der skandinavische Volksglaube bis in die Gegen- 
wart sehr zähe festgehalten. 

Denn dieser kennt den alten Heidengoti noch jetzt als den Nacht- 
jäger, der im dunkeln weiten Mantel und tief herabhängendem 



W'iiMini.i) : Über den Mythus vom Wanenkrieg. (»23 

Schattenhut, von heulender Meute umtost, eine Frau oder auch gewisse 
Thiere jagl und tödtet. Das ist der Gebieter üher die dunkelen tief 
zur Erde hängenden Wolken, den die Winde umheulen, der die Nacht 
über den Himmel treibt und die Sonnenfrau oder die Sonnenthiere 
Ross, Eber und Hirsch zerreisst, die aber immer wieder lebendig 
werden, so dass die Nachtjagd immer von Neuem beginnt. Denn die 
Sonne .stirbt nicht, sie wird an jedem Morgen neu geboren, um jeden 
Abend wieder zu vergehen. 

Dass das germanische Volk durch alle Veränderungen seiner An- 
schauung und Bildung hindurch gerade dieses Bild des alten Gottes 
so fest gehalten hat, beweist, wie alt und mächtig dasselbe war. 

In des Nachtjägers oder wilden Jägers Gefolge jagen die Seelen 
der Todten einher. Wie den indischen Indra die marutäs, die mortui, 
umgeben, so den germanischen Wodan ein Heer, in das alle verstor- 
benen Geister eingereiht werden. Wodan isl also auch Todtengott, 
nicht bloss Nachtgott. 

In seinem unterirdischen, in Deutschland als Berghöhle gedachten, 
in Skandinavien zur kriegsfürstlichen Halle umgewandelten Hause, 
der Todtenh alle, valholl, wie die Nordgermanen sagten, sitzen, wenn 
er ruht, die Geister der Abgeschiedenen um ihn und nähren sich vom 
Fleisch des gejagten Sonnenebers. Es waren die Seelen aller Todten 
ursprünglich, nicht bloss die Seelen der durch Waffen Gestorbenen, 
wie jüngere Vorstellung der Wikingerzeit war. Er hiess vali'abir, der 
Todtenvater, draugadro ttinn, Gespensterheia-, nach jüngerem Ausdruck. 

Dem Wodan fallen die höchsten blutigen Opfer, die Menschen- 
opfer, wie schon Tacitus wusste (Germ. e. 9). Und er verlangt Seele 
um Seele. Wer sein Leben verlängern wollte, musste ein anderes 
Leben dafür opfern, wie es dem Schwedenkönig Hu geschah, der seine 
neun Söhne, einen nach dem anderen, dem Odin von zehn zu zehn 
Jahren opferte, Ins er ganz kindisch geworden, wie ein Säugling aus 
dem Milchhörnlein trank (Ynglingas. c. 29). Aus diesem Todeswesen 
Odins ging sein Beiname Yggr, Yggjüngr, der Schreckliche, hervor. 

Der Todesgott ist überall auch Wintergott, denn der Winter 
ist der Tod des Naturlebens. In dem nordischen Gott Ullr, welcher 
Odin's Sohn genannt wird, ist diese Eigenschaft zum selbständigen 
Gotte entwickelt worden. 

Das symbolische Thier der chthonischen Mächte ist die Schlange. 
Unter Odin's Beinamen kennt die nordische Mythologie Ofnir und 
Sväfnir, beides Schlangennamen (Grimnismäl 5 p 33). Zu der den 
Göttertrank hütenden Jungfrau in der Bergeshöhle schlüpft Odin als 
Schlange, gleich wie Zeus zu der von Demeter verschlossenen Per- 
sephone als Schlange schloff. 



624 Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 12. Juni. 

Nach der vita S. Barbati verehrten die Langobarden eine goldene 
Schlange als göttliches Bild. Da jenes Volk Sieg und Namen der- 
einst dem Wodan verdankt hatte, liegt nahe, diese Schlange als 
Wodanszeichen zu deuten. 

Die chthonische Bedeutung der Schlange im deutsehen Volks- 
glauben erhellt noch aus der verbreiteten Vorstellung, dass in der 
Erde unter dem Wohnhause die Geister des Ahnenpaars der Familie 
in Schlangengestalt sieh aufhalten. Wir dürfen sie zu Wodan, dem 
Erd- und Seelengotl in Verbindung bringen 

Wenn die aus Hunderten von Sagen bekannte weisse Berg- und 
Burgjungfrau bei ,1cm Versuche der Erlösung durch einen Mann in 
dem entscheidenden Augenblick stets als Sehlange erseheint, so ent- 
springt dies daraus, dass sie eine Unterirdische geworden ist. welche 
für das Leben im Licht wiedergewonnen werden soll. 

Wenn wir alles Erwähnte zusammennehmen, so wird es hin- 
reichen. Wodan-Odin als Herrn der Unterwelt . der Nacht, des Todes 
zu erkennen. Mit seiner chthonischen Natur hängt auch seine Be- 
deutung als Erntegott in Saatfeld und Wiese zusammen. Denn nicht 
bloss die himmlischen oberen Gottheiten, auch die Erdgottheiten 
mussten der götterbildenden Zeit als Urheber des Wachsthums der 
Pflanzenwelt, der Erdentsprossenen, erscheinen. 

Sd steht also Wodan durch seine Grundeigenschaften den Wanen 
feindlich gegenüber. Mit den Geistern der Nacht bekämpft er die 
Sonnengötter, mit den Geistern des Todes die Mächte des Lebens, 
die Unterirdischen bekriegen die Himmlischen. 

Erst als Wodan an die Spitze der Ansen gekommen war, sind 
die Ansen in diesem Mythus an Stelle des Wodanheers (des Nacht- 
gejaids, der wilden Jagd, des wüthenden Heeres) gestellt und der 
uralte Streit von Nacht und Tag zum Krieg der Ansen und Wanen 
gemacht worden. 

Jetzt werden wir auch die Verse der Voluspä (21) verstehen: 

Gollveigo geirom studdo 
ok i hollo Härs hana brendo, 
prysvar brendo prisvar borna. 

Es ist die Verfolgung der Sonnengöttin durch den gerschwingenden 
Wodan gemeint. In seine Halle, d. i. die Unterwelt, durch ihn ge- 
trieben, wird sie von den Gerwürfen und -stieben und dem unter- 
irdischen Feuer scheinbar getödtet, aber trotzdem wird sie immer 
wieder geboren. 1 



1 Tu der Volksüberlieferung von Northamptonshire in England heisst es. dass 
1 Wäldern von Whittlebury der Geist eines Ritters, der sich aus unglücklicher 



Weikhold: Über den Mythus vom Wanen 625 

Nach den deutselien Volkssagen zerreisst der wilde Jäger die 
Frau oder die Thiere, die er jagt. In dem Sang der Wala ist der 
Tödtung der Sonnenfrau eine nordische Formulirung gegeben. Das 
thatsächliche des Mythus ist dem gesammten germanischen Glauben 
gemein gewesen, wie es auch der Mythus vom Wanenkrieg gewesen 
sein muss, der aus der Gegnerschaft der chthonischen und himm- 
lischen Mächte entsprungen ist. 

Überliefert ist dieser Mythus schriftlich nur aus dem Norden. 
Er ist hier in Zusammenhang gekommen mit der Einwanderung der 
Wodansreligion, die mit der Warienreligion zusammenstiess. 

Wenn diese Einwanderungen geschehen sind, hüllt sieh in Dunkel. 
Wodans Wesen war. wie wir mehrmals betönt haben , in Deutsehland 
längst fertig und brauchte sich nicht erst in Skandinavien zum fürst- 
lichen, dichterischen, siegreichen binn zu entwickeln. Die geschicht- 
lichen Verhältnisse des deutschen Heidenthums sprechen dafür, dass 
die Wodansreligion geraume Zeit vor 800 über Sachsen in den Norden 
einzog. Dafür das Jahr 600 etwa anzusetzen, wie geschehen ist, 
bleibt Muthmaassuns'. 1 



Liebe tödtete, dir spröde Jungfrau, die Ursache seines Selbstmordes-, mit seinen 
Hunden jage. Kr tü<1ie sie täglich, aber täglich lebe sie wieder auf, um aufs Neue 
getödtel zu werden: Th. Sternberg, The dialect and folklore of Northamptonshire. 

5. 142 fl'. London 185 1. 

1 Prof. J. Hoffory hat in seinen Eddastudien 1,170 den in der Kragehuler Runen- 
inschrifl vorkommenden Namen Asugisal, den er Ansengeisel übersetzt, für die Ge- 
schichte des Mythus vom Wanenkriege, der durch gegenseitige Geiselstelhmg der 
feindlichen Parteien beendet ward, zu verwerthen gesucht. Da die Inschrift in das 

6. Jahrhundert gesetzt wird, schloss er, dass jener Mythus schon vor dem 7. Jahr- 
hundert in Skandinavien gebildet war. 

Allein der Name Ansegisal ist 1. auch deutsch und aus dem 7. 8. Jahrhundert 
für Frauken nachgewiesen-; 2. ist Ansegisal nur Weiterbildung des einfachen Ansegis, 
das bei den Westfranken namentlich erscheint (Förstemann Namenbuch I, 106 f.). 
gis und gisal kommen in Namen häufig vor; die Bedeutung von gis ist dunkel; gisal 
ist wie es scheint deniinuirende Fortbildung davon. Es mit gisal (obses) zusammen- 
zulegen, machen die vielen Zusammensetzungen damit (Förstemann verzeichnete 34 Na- 
men mit gisal im ersten. 411 mit gisal im zweiten Worttheil), die ganz sinnlos wären, 
wenn es Geisel bedeutete, unmöglich. 

Für den Wanenkriegsmythus also aus jenem Namen auf dem Speerschaft von 
Kragehul auf Fünen eine geschichtliche Jahrsetzung zu entnehmen, verbietet sieb. 



Ausgegeben am 19. Juni. 



Sitzungsberichte 1 89i 1 56 






627 
1890. 

XXX. 

SITZUNGSBERICHTE 



KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 
12. Juni. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 

Vorsitzender Seeretar: Hr. Auweks. 

1. Hr. von Siemens las über das allgemeine Windsystem 
der Erde. 

2 . Hr. du Bois-Reymond setzte seine Mittheilungen ü b e r s e cu n d ä r - 
elektromotorische Erscheinungen an den elektrischen Ge- 
weben fort. 

3. Hr. Rammelsberg Hess eine Abhandlung über die chemische 
Natur der Turmaline vorlegen. 

4. Hr. du Bois-Reymond überreichte das mit Unterstützung der 
Akademie herausgegebene Werk des Hrn. Prof. G. Fritsch: »Die elek- 
trischen Fische. Zweite Abtheilung. Die Torpedineen«, und im Auf- 
trage des Verfassers das Werk des Hrn. Victor Fatio in Genf: »Faune 
des Vertebres de la Suisse. Vol. I. III — V.« 

Die beiden ersten Mittheilungen und ein Auszug aus der dritten 
folgen hier, die ausführliche Veröffentlichung der letzteren geschieht 
in den Abhandlungen. 



56 ' 



629 



Über das allgemeine Windsystem der Erde. 

Von Werner von Siemens. 



ITr. Dr. A. Sprung hat im Maiheft der Meteorologischen Zeitschrift 
unter dem Titel: Ȇher die Theorien des allgemeinen Windsystems 
der Erde u. s. w.« eine vergleichende Kritik der in meiner Mittheilung 
an die Akademie vom 4. .März 1886: »Über die Erhaltung der Kraft 
im Luftmeere der Erde« aufgestellten Berechnung der Richtung und 
Stärke der allgemeinen Luftströmung mit der älteren FERUEi/schen 
Theorie gebracht, welche mich zu einigen Bemerkungen veranlasst. 
Diese sollen nicht die, zum Theil ganz zutreffenden, Einwendungen 
des Hrn. Sprung gegen die strenge Gültigkeit meiner Rechnungs- 
resultate, sondern die Annahme zurückweisen, dass ich, in gleicher 
Weise wie Ferrel, den Versuch gemacht hätte: »auf theoretische 
Berechnungen eine Theorie des allgemeinen Windsystems der Erde auf- 
zubauen«. Ganz abgesehen davon, dass ich mich in der mathema- 
tischen Technik dafür nicht stark genug fühle, halte .ich diesen Weg 
auch für durchaus ungeeignet. Ein so ausserordentlich complicirtes 
Problem, wie das des allgemeinen Windsystems, lässt sich unmöglich 
rückwärts auf Grund mathematischer Berechnungen construiren. Es 
fehlt dazu bisher die einfache, alle Erscheinungen beherrschende 
Grundlage. Ich habe in meinen Betrachtungen ȟber die Erhaltung 
der Kraft im Luftmeere der Erde« zunächst versucht die Kräfte fest- 
zustellen, welche die Luftbewegung hervorrufen, erhalten und hemmen 
und demnächst gesucht die durch ihr Zusammenwirken verursachte 
allgemeine Luftbewegung nach Richtung und Grösse durch Rechnung 
zu bestimmen. Es ist daher nicht richtig, dass ich: »in gleicher 
Weise wie früher Ferkel, durch Rechnung einen Urzustand der atmo- 
sphaerischen Bewegung nachweisen wollte«, um denselben demnächst 
meinen weiteren Speculationen zu Grunde zu legen. Ebensowenig 
richtig ist es, dass ich bei meinen Rechnungen von der Hemmung 
der Luftbewegung durch Reibung ganz abgesehen hätte. Die von 
Hrn. Sprung sehr treffend als »Grundcirculation« bezeichnete meridionale 
Luftströmung, auf der meine Theorie des allgemeinen Windsystems 
begründet ist. beruht ja gerade auf dem Gleichgewicht zwischen der 



630 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe vom 12. Juni. 

Beschleunigung der Luft im aequatorialen Auftriebe in Folge der Über- 
hitzung der untersten Luftschichten der heissen Zone durch Sonnen- 
strahlung und den Kf aftverlusten , welche die bewegte Luft auf ihrem 
Kreislaufe zu erleiden hat. Die Mischung der Luftmassen, welche ohne 
eine »Grundcirculation« mit der Geschwindigkeit der Erdoberfläche, 
auf welcher sie ruhen, rotiren müssten, ist durch dieselbe im Laufe 
der Jahrtausende erfolgt. Ich gebrauchte das mathematische Bild der 
plötzlichen reibungslosen .Mischung der Luftschichten aller Breiten nur, 
um diesen seit der Urzeit schon vorhandenen Bewegungszustand in 
einfacher Weise nach Richtung und Grösse zu bestimmen. Fereel 
geht nicht, wie ich, von einer Grundcirculation aus, welche die mit 
ihrer Breitengeschwindigkeit rotirenden Luftschichten fortlaufend aus- 
tauscht und dadurch allmählig mischt, sondern lässt diese Mischung 
durch eine , nicht näher motivirte . reibungslose Verschiebung der 
rotirenden Luftringe verschiedener Breiten in meridionalem Sinne be- 
wirken. Es ist dies im Wesentlichen dieselbe Rechnungsgrundlage, 
wie die meinem Mischungsbilde zu Grunde liegende, und Feerel kommt 
daher auch zu demselben Rechnungsresultate, Avie ich, soweit es die 
Richtung der Windströniungen betrifft. , Dagegen besteht eine wesent- 
liche Verschiedenheit in unseren Angaben über die relativen Wind- 
stärken nördlich und südlich der 35. Breitengrade. Der Annahme des 
Hrn. Sprung, dass keine der beiden Theorien als vollkommen correct 
zu betrachten sei, pflichte ich vollständig bei. Ich habe die meinige 
nie anders als eine erste Annäherung an die Wahrheit betrachtet. 
Ich habe in diesem Sinne auf die Rechnung complicirende Einflüsse, 
wie die nach den Polen hin abnehmende Temperatur und das nicht 
Zusammenfallen der Richtung der Centrifügalkraft mit der der 
Schwerkraft, ausser Betracht gelassen. Letztere Thatsache, deren 
Wirkung auch aus der Betrachtung hervorgeht, dass die in höherer 
Breite rotirende Luftmasse überall die Tendenz haben muss, sich in 
grössten Kreisen fortzubewegen, also dem Aequator zuzustreben, würde 
eine Abnahme des Luftdruckes mit Annäherung an die Pole be- 
wirken und müsste dadurch das Resultat der Mischungsrechnung 
wesentlich beeinträchtigen , wenn diese Tendenz nicht durch andere 
Kräfte, welche die entgegengesetzte Wirkung haben, compensirt würde. 
Es sind aber nicht diese, sondern andere Annahmen principieller Natur, 
welche zwischen beiden Auffassungen einen sehr wesentlichen Unter- 
schied bedingen und die zu ganz abweichenden Resultaten führen. 
Einmal ist dies die Annahme Ferrel's, dass der sogenannte Flächen- 
satz in der Form der Erhaltung des Rotationsmomentes bei der Ver- 
schiebung der mit der Erdoberfläche rotirenden Luft im meridionalen 
Sinne zur Geltung käme. Ich kann dem nicht beipflichten, muss 



\c.\ Siemens: Über das allgemeine Windsystem der Erde. f> ;J 1 

im Gegensatz entschieden bestreiten, dass die Erhaltung dos Rotations- 
momentes bei der Luftbewegung Platz greift. 

Das der Astronomie entnommene Flächengesetz besagt, dass eine 
Masse, welche sich frei um eine andere bewegt, in gleichen Zeiten 
gleiche Flächen umschreibt. Es geschieh! dies in Folge der Be- 
schleunigung der rotirenden Masse bei der Annäherung an den An- 
ziehungs-Mittelpunkt der feststehenden Masse und der Verzögerung der- 
selben bei eintretender Entfernung von demselben. Die durch Be- 
schleunigung erlangte grössere Geschwindigkeit hat die Beschreibung 
eines grösseren Bogens in der Zeiteinheit zur Folge und führt dadurch 
zum Flächengesetz. Nach Ferrel müsste nun eine in irgend einer 
Breite mit der Erdoberfläche rotirende Luftmenge lud einer Verschie- 
bung im. meridionalen Sinne nicht, wie ich es annahm, mit unver- 
änderter absoluter Geschwindigkeit, also unter Beibehaltung ihrer 
lebendigen Kraft, ihren Weg fortsetzen, Mindern ihr Rotations- 
moment müsste eonstant bleiben — was einer bedeutenden Geschwin- 
digkeitsänderung entspricht. Damit das Rotationsmoment eonstant 
bleiben kann — was der Fall ist. wenn die lineare Geschwindigkeit 
des rotirenden Körpers sich derart ändert, dass in gleichen Zeiten 
gleiche Flächen von ihm umkreist werden muss also eine bedeu- 
tende Arbeitskraft aufgewendet werden, um die Geschwindigkeits- 
änderung der trägen Luftmasse hervorzubringen. Es fehlt aber die 
Kraft gänzlich, welche diese Arbeit leisten könnte. Wenn man den 
Rotationsradius einer rotirenden festen Masse verkürzt, so muss die 
Kraft, welche die Verkürzung bewirkt, die Centrifugalkraft überwinden. 
Die Summe der Produete aller überwundenen Zentrifugalkräfte mit 
den zurückgelegten Wegen giebt die zur Beschleunigung der rotirenden 
Masse aufgewendete Arbeit und diese reicht gerade hin, um das 
Flächengesetz aufrecht, d. i. also hier das Rotationsmoment eonstant 
zu erhalten. Bei der Bewegung der Luft auf der Erdoberfläche sind 
alier gar keim 1 analogen Verhältnisse vorhanden. Auf der Erdober- 
fläche findet bei tangentialer Verschiebung keine Änderung der 
Schwerkraft und keine Beschleunigung der verschobenen Masse durch 
die Gravitation statt. Ebensowenig lässt sich erkennen, wodurch ein 
Druck benachbarter Luftschichten auf die zu verschiebenden entstehen 
sollte, welcher die gewaltige Beschleunigungsarbeit, die die Erhaltung 
des Rotationsmomentes verlangt, zu leisten im Stande wäre! Eine 
Verschiebung der ganzen Luftmasse eines rotirenden Ringes in meri- 
dionalem Sinne ist übrigens gar nicht ausführbar, da der Rauminhalt 
eines solchen Ringes von gegebener Dicke sieh mit dem Cosinus der 
Breite verändert. Es muss also bei einer polaren Verschiebung ein 
entsprechender Theil der Ringmasse zurückbleiben, l>ez. zum Aecjuator 



(i'lli Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe v 12. Juni. 

zurückkehren. Aber auch für den wirklich in polarer Richtung ver- 
schobenen Theil des Luftringes ist gar kein physikalischer Grund zu 
finden, warum die Erhaltung des Rotatiönsmoinentes bei den Luft- 
strömungen angenommen werden müsste. Es würde im Gegentheil 
diese Annahme zu den grössten Widersprüchen und Discontinuitäten 
führen. Denn in dem angenommenen Urzustände , in welchem noch 
keine meridionale Luftströmung stattfand, von dem Ferren sowohl 
wie ich ausgegangen sind, rotirte die Luft jeder Breite mit der Ge- 
schwindigkeit des Bodens, auf dem sie ruhte. Die Geschwindigkeit 
der Luftmasse nahm daher mit dem Cosinus der Breite ab. Dies 
Verhältniss hätte sieh nun nach Ferrel mit dem Eintritt meridio- 
naler Luftströmung nicht nur umkehren müssen, es hätte anstatt der 
Abnahme sogar eine Zunahme der Bewegungsgeschwindigkeit der Luft 
in noch weit höherem Verhältniss eintreten müssen, wenn das Rota- 
tionsmoment der Luft constant bleiben sollte. Warum dasselbe aber 
constant bleiben muss, und welche Kräfte dann diese gewaltige Ver- 
grösserung der in der rotirenden Luftmasse aufgespeichertsn lebendigen 
Kraft herbeiführen konnten, bleibt gleich unfassbar. 1 

Auch mit einer anderen Annahme Ferrel's kann ich mich nicht 
einverstanden erklären. Es ist die, dass auf geneigten Flächen gleichen 
Luftdruckes ein Hinabgleiten der überlagernden Luftschichten statt- 
finden könnte. Au fisobaren geneigten Flächen findet eben so wein"' wie 
auf Niveauflächen ein Antrieb zu tangentialer Verschiebung statt. Dass 
eine solche Verschiebung überhaupt nicht bestehen könnte, ergiebl sich 
auch schon aus der Betrachtung, dass ein niedergehender Luftstrom, 
falls er wirklich einträte, sogleich eine Druckänderung herbeiführen, 
mithin das Druckgleichgewicht stören und sofort einen Rückstrom 
veranlassen müsste. Es folgt hieraus, dass eine stetig fortschreitende 
Erwärmung der Atmosphaere, wie sie in Wirklichkeit — von Störungen 
abgesehen — von den polaren Gegenden ab bis zum Aequator hin 



1 Ich muss i l.-i 1 1. i- die Erklärung des Hrn. Dr. Sprung, «dass meine Annahme der 
Constanten Rotationsgeschwindigkeii der Luft derselbe, allerdings nahe liegende, Irr- 
ilniiM wäre, welcher die ganze HADLEY-DovE'sche Auffassung vom Einflüsse der Erd- 
rotation auf die Luftbewegungen beherrschte«, entschieden zurückweisen. Hr. Dr. Sprung 
führt ganz mit Unrecht als Stütze für diesen Ausspruch dir Abhandlung v. Helmholtz's 
»Über atmosphaerische Bewegungen« an. v. Helmholtz hat in dieser mathematischen 
Untersuchung den hypothetischen Fall behandelt: »Wenn wir uns einen rotirenden 
Luftring denken, dessen Axe mit der Erdaxe zusammenfällt und der durch den Druck 
der benachbarten ähnlichen Ringe bald mein- nördlich, bald mehr südlich geschoben 
wird, so muss nach dem bekannten allgemeinen mechanischen Princip das Rotations- 

nicni constant bleiben«. Das ist ja unzweifelhaft richtig, da in diesem angenommenen 

1 alle der Druck der benachbarten Ringe die Beschleunigungsarbeit leistet. Die vor- 
liegende Frage ist aber eben die, ob Kräfte nachzuweisen sind, welche diesen Ver- 
schiebungsdruck bewirken? 



\m\ Siemens: Ober das allgemeine Windsysteui der Erde. 633 

stattfindet, noch keinen Grund für meridionale Luftströmungen bildet, 
wie auch Dove es annahm. Ks lassen sich durch eine solche ungleich 
erwärmte Atmosphaere in allen Höhenlagen isobare Flächen legen, 
die vom Aequator bis ZU den Polen reichen und auf welchen keine 
freiwillige Luftbewegung eintreten kann. Trotz grosser Verdünnung 
oder »Auflockerung« der Luft durch die Wärme der aequatorialen 
Zonen würde die Atmosphaere daher in Ruhe bleiben, wenn keine 
Störung des indifferenten Gleichgewichtes in irgend einem Theile der- 
selben stattlande. Das indifferente Gleichgewicht mit der ihm zuge- 
hörigen adiabatischen Temperaturscala ist der wahre Zustand des 
Gleichgewichtes und der relativen Ruhe der Atmosphaere. Dasselbe 
besagt, dass ■ — abgesehen von aller Reibung — kein Arbeitsaufwand 
erfordert wird um eine Lüftmasse aus einer Höhenlage in eine andere 
zu bringen das heisst also hier, dass die bei der arbeitenden Aus- 
dehnung der Luft verbrauchte Energie im Wärmeverluste derselben 
durch Abkühlung ihr Aequivalent findet und umgekehrt. Die all- 
gemeine Herrschaft des indifferenten Gleichgewichtes in der Atmo- 
sphaere ist daher der Zustand der relativen Ruhe desselben und jede 
Störung dieses Gleichgewichtes tritt als Kraftansammlung auf mit 
der Tendenz, durch Luftbewegungen die Herrschaft des indifferenten 
Gleichgewichtes wieder herzustellen. Der Grund dieser Störungen ist 
ausschliesslich in der ungleichen Erwärmung der Luftschichten durch 
die Sonnenstrahlen, so wie in der ungleichen Abkühlung derselben 
durch die Ausstrahlung der Wärme ins Weltall zu suchen. Die Sonnen- 
strahlen erwärmen vorzugsweise den Erdboden und durch ihn die ihm 
zunächst liegenden tieferen Luftschichten. Der hierdurch bewirkte 
Temperaturüberschuss über die adiabatische Boden temperatur, welche 
der mittleren Erwärmung der ganzen überlagernden Luftsäule ent- 
spricht, bildet eine Ansammlung freier Energie, gleichsam eine gespannte 
Feder, welche sich nur dadurch wieder ausgleichen kann, dass das ge- 
störte indifferente Gleichgewicht durch Ausbreituni;- des vorhandenen 
Temperaturuberschusses der tiefsten Schichten auf sämmtliche über- 
lagernde Luftschichten bewirkt wird. Dies kann praktisch nur durch 
Luftströmung geschehen. Bei localer Begrenzung der Überhitzung, 
wird sich irgendwo an local begünstigster Stelle eine Erhebung der 
überhitzten Luft herausbilden, welche dann an Höhe schnell zunimmt, 
da der Auftrieb proportional der Höhe des so gebildeten natürlichen 
Schornsteins wächst. Dieser Schornstein unterscheidet sich aber 
ausser seiner Höhe von den gebräuchlichen wesentlich dadurch, dass 
er elastische Wände hat, und dass Druck und Dichtigkeit der 
Luftschichten innerhalb wie ausserhalb derselben mit der Höhe ab- 
nimmt. Es muss also die Luftgcschwindigkeit während des Auf- 



o84 Sitzung der physikalisch - mathematischen (lasse vom 12. Juni. 

triebes im umgekehrten Verhältnisse der Dichtigkeit zunehmen, da 
ja in jedem Zeitabschnitte gleich viel Luftmasse durch alle Quer- 
schnitte des Schornsteins strömen muss. Da hei der geringen Höhe 
der Atmosphaere im Vergleich mit dem Erdradius keine in Betracht 
kommende Zunahme des Raumes mit der Höhe innerhalb der- 
selben stattfindet, so muss ganz allgemein die Geschwindigkeit der 
Luftströmungen heim Auf- und Niedergehen mit dem örtlich herr- 
schendem Luftdrucke zu- und abnehmen. Es wird daher auch heim 
Auftriebe der Luft ein grösserer Theil der in ihr angesammelten 
Sonnen -Energie in lebendige Kraft bewegter Luftmasse verwandelt, wie 
ohne eine solche Beschleunigung der Fall sein würde. Bei dem Auf- 
triebe local begrenzter, am Boden überhitzter Luft, wird das Endresultat 
ein localer Auftrieb mit beschleunigter Geschwindigkeit bis in die 
höheren und höchsten Luftregionen und gleichzeitig ein Niedergang 
der den Aufstrom umgehenden Luftschichten mit während des Nieder- 
ganges verminderter Geschwindigkeit und schliesslich eine Ausbrei- 
tung der das Gleichgewicht störenden Wärmeansammlung am Erd- 
hoden auf sämmtliche überlagernde Luftschichten unter Wiederher- 
stellung des gestörten indifferenten Gleichgewichtes dieses Theiles der 
Atmosphaere sein. 

Im Wesentlichen ebenso, aber in der äusseren Erscheinung ganz 
verschieden tritt diese Ausgleichung der Störung des indifferenten 
Gleichgewichtes durch Sonnenstrahlung auf, wenn sich die Uberhitzung 
der dem Boden benachbarten Luftschichten auf ganze Erdzonen aus- 
dehnt. Dann kann der Auftrieb kein lokal begrenzter mehr sein, 
sondern er muss die ganze heisse Zone systematisch umfassen. Er 
kann auch nicht- mehr zeitlich begrenzt sein, sondern der Ausgleich 
muss ebenso wie die Störungsursache unbegrenzt fortdauern. Es muss 
sich mithin ein die ganze Atmosphaere umfassendes Strömungssystem 
herausbilden, welches schliesslich die Autgabe erfüllt, die Überhitzung 
der dem Boden benachbarten Luftschichten der heissen Zone conti- 
nuirlich der gesammten Atmosphaere in allen Höhenschichten und 
Breiten zuzuführen und dadurch das in der heissen Zone gestörte 
indifferente Gleichgewicht durch fortlaufende Luftströmungen wieder 
herzustellen. Wenn man unter Berücksichtigung des Umstandes, dass 
sich Strömungsbahnen nicht schneiden können, ferner des Umstandes, 
dass die Stromgeschwindigkeit eines aufsteigenden Stromes mit der 
Höhe, umgekehrt proportional dem daselbst herrschenden Luftdrucke, 
zunehmen muss, und endlich des Umstandes. dass die Luft die ein- 
mal erhaltene Geschwindigkeit so lange unverändert beibehalten muss, 
bis sie durch Reibung. Mischung oder Compressionsarbeit aufgezehrt 
ist, die möglichen Strömungsbahnen construirt, so gelangt man mit 



von Siemens: Tber das allgemeine Windsystem der Erde. 635 

Notwendigkeit zu dem von mir angenommenen Windsysteme, welches 
wesentlich auf dem Beharrungsvermögen der durch den aequatorialen 
Auftrieb in beschleunigte Bewegung gesetzten überhitzten Luft auf- 
gebaut ist. Dies Beharrungsvermögen treibt nicht nur die beschleunig! 
aufgestiegene Luft in den höheren Luftschichten den Polen zu, es 
ist auch die Ursache der Rückkehr derselben in den niederen Luft- 
schichten zum Aequator. 

Es würde mich über den beschränkten Rahmen dieser Mitthei- 
lung hinausführen, wollte ich auf eine nähere Erörterung dieser Träg- 
heitswirkungen der Luftmasse, sowie auf den dieselben vielfach modi- 
ficirenden Einfluss des Wasserdampfes eingehen. Es sei mir aber 
gestattet, noch einige Worte über die Entstehung der grossen localen 
Kraftansammlungen, wie sie im maximum und minimum des Luftdrucks 
ihren Ausdruck finden, hinzuzufügen. Die Summe des Luftdrucks 
aller Theile der Erdoberfläche muss eine Constante sein, da diese 
Summe das Gewicht der unveränderlichen Gesammtmasse der Luft 
darstellt. Einer localen Verminderung des Luftdruckes muss daher 
nothwendig immer eine gleichzeitige Druckvermehrung an anderen 
Orten gegenüberstehen. Es ist offenbar unthunlich , die Ursache des 
Entstehens der maxima und minima in localen Zuständen der Atmo- 
sphaere zu suchen. Dieselben werden häutig durch das Barometer 
schon angekündigt, bevor irgend eine Veränderung in der Beschaffen- 
heit der Atmosphaere am Erdboden h ervorgetreten ist. Nur pflegen 
häufig leichte Wolkenstriche eine eingetretene Änderung in den 
höheren Luftschichten zu verrathen. Ich habe daher auch schon in 
meinem Aufsatze Ȇber die Erhaltung der Kraft im Luftmeer der 
Erde« den Entstehungsgrund der maxima und minima in die oberen 
Luftschichten verlegt. In diesen finden fortwährende Änderungen 
der Temperatur und Bewegungsgeschwindigkeit der Luft statt, welche 
von dem Orte des Aufstieges der Luft, d. i. von ihrer Temj)eratur 
und ihrem Wassergehalte vor dem Aufstiege, herrühren. Wenn 
kein Wechsel der Jahreszeiten stattfände, so würde wahrscheinlich 
auch in den Strömungen der Luft in den höheren Schichten eine 
grosse Regelmässigkeit obwalten, die denn auch den Witterungs- 
verhältnissen eine gewisse Folgerichtigkeit geben würde, die bisher 
nicht zu erkennen ist. Wir können bisher nicht beurtheilen, woher 
die Luft stammt, die auf irgend einer Stelle der Erdoberfläche 
augenblicklich in den höheren Luftschichten polwärts strömt. Von 
dem Orte des Aufstiegs und der Jahreszeit wird es aber abhängen, 
welche Temperatur und Geschwindigkeit diese Luft besitzt. Denn 
da der Wärmeverbrauch beim Aufstiege der Luft, also bei der 
arbeitenden Ausdehnung derselben, ganz vom Grade der eingetretenen 



• >•>•> Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe vom 12. Juni. 

Verdünnung, also von der Höhe des Aufstiegs, abhängt, so wird bei 
warmer wie bei kalter Luft nahe dieselbe Temperaturvernfinderung 
stattfinden. Es muss also ein Warmeüberschuss, den die Luft vor dem 
Auftriebe besitzt, der durch denselben verdünnten und abgekühlten 
I.ul't erhalten bleiben. Es müssen daher in allen Atmosphaerenhöhen 
Temperaturdifferenzen vom Betrage der auf der Erdoberfläche vor- 
handenen auftreten. Aus diesem Grunde wird im Allgemeinen der 
Zustand der Atmosphaere nicht der des labilen Gleichgewichtes, sondern 
ein sogenannter stabiler sein, da die höheren Luftschichten wegen 
ihrer aequatorialen Provenienz durchschnittlich wärmer und leichter 
sein werden wie es die adiabatische Temperaturscala des Ortes 
verlangt, über welchem sie sich befinden. Je höher der Tem- 
peraturüberschuss der Luft vor ihrem Aufstiege war. und jemehr 
Wasserdampf sie dabei enthielt, desto grösser muss aber auch die 
Geschwindigkeit werden, welche sie beim Aufstiege gewinnt. Es 
müssen also in den höheren Luftschichten der mittleren und höheren 
Breiten relativ warme und dadurch leichte Luftströme grosser Ge- 
schwindigkeit mit kälteren und langsamer strömenden abwechseln. 
Ein solcher Luftstrom relativ leichter und warmer Luft, welcher den 
oberen noch lufterfüllten Raum ganz oder theilweise einnimmt, stört 
nun aber seinerseits das indifferente Gleichgewicht der tiefer liegenden 
Luftschichten. An der Berührungsgrenze der Schiebten muss die 
tiefere, relativ ruhige Luft unter zu grossem Drucke stehen. Sic 
muss sich also ausdehnen, und von der über sie schnell fortströmen- 
den leichteren Luft mit fortgerissen werden. Wie von Helmholtz 
nachgewiesen hat, muss diese Fortführung unter Wellenbildung mit 
grosser Energie von Statten gehen. Die Folge muss also eine Aus- 
dehnung und Aufströmung der unteren Luftmenge sein, welche so 
lange fortdauern muss. bis das durch den Minderdruck der oberen 
Luftschichten gestörte indifferente Gleichgewicht wieder hergestellt 
ist. Der umgekehrte Lall wird eintreten, wenn der Luftdruck der 
olieren Schichten sich durch Abkühlung und Anstauung in Folge der 
Verengung des Strombettes mit wachsender Breite über das ihrer 
Höhenlage zukommende Maass vergrössert. Dann wird ein Hinab- 
sinken der Grenzschichten eintreten, wodurch eine Verdichtung der 
unteren Luftschichten mit entsprechender Druckvermehrung stattfindet. 
In beiden Fällen muss schliesslich das gestörte indifferente Gleich- 
gewicht dadurch wieder hergestellt werden, dass die unterhalb der 
Störungsquelle liegenden Luftschichten durch auf- oder niederwärts 
gehende Ströme soviel Luftmenge abgeben oder aufnehmen, bis der 
Zustand des indifferenten Gleichgewichtes in der ganzen Höhe der 
Atmosphaere wieder hergestellt ist. Um dies zu bewirken muss zu- 



von Siemens: Über das allgemeine Windsystem der I 637 

nächst der Luftdruck der unteren Schichten so sieh Lange vergrössern 
oder vermindern, bis derselbe sieh der Druckscala des indifferenten 
Gleichgewichtes der störenden Qberen Luftschichten angepasst hat. 
Es heisst das, dass der Druck am Erdboden sich mit der Druck- 
änderung in der Höhe seinerseits proportional ändern muss wodurch 
die überraschende Grösse der an der Erdoberfläche beobachteten Luft- 
druckänderungen ihre vollständige Erklärung findet. Diese Änderung 
des Zustandes der unteren Luftschichten wird auch nach diesem Aus- 
gleiche noch so Lange fortdauern, als die Ursache der Störung in 
den oberen Luftschichten andauert. Bis dahin müssen Luftdruck- 
minima mit aufsteigenden Luftströmen oder Luftdruckmaxima mit 
niedergehender Luftbewegung andauern und die Atmosphaere in 
weiterer Umgebung in wirbelnde Bewegung setzen. Erst wenn die 
Luftströmung in den höheren Schichten der Atmosphaere wieder nor- 
male Verhältnisse angenommen hat, wird wieder mittlerer Barometer- 
stand und relative Luftruhe am Erdboden herrschen. 

Die Theorie des allgemeinen Windsystems lässt sich hiernach in 
folgenden Sätzen zusammenfassen. 

i. Alle Luftbewegungen beruhen auf Störungen des indifferenten 
Gleichgewichtszustandes der Atmosphaere und erfüllen den Zweck der 
Wiederherstellung desselben. 

2. Diese Störungen werden bewirkt: durch Überhitzung der dem 
Erdboden zunächst liegenden Luftschichten durch Sonnenstrahlung, 
durch unsymmetrische Abkühlung der höheren Luftschichten durch 
Ausstrahlung und durch Anstauungen bewegter Luftmassen beim Auf- 
treten von Strömungshindernissen. 

3. Die Störungen werden ausgeglichen durch aufsteigende Luft- 
strömungen, bei welchen eine derartige Beschleunigung eintritt, dass 
die Zunahme der Luftgeschwindigkeit der Abnahme des Luftdruckes 
proportional ist. 

4. Den Aufströmungen entsprechen gleich grosse Niederströmun- 
gen, bei welchen eine der Beschleunigung beim Aufstrome entsprechende 
Verminderung der Luftgeschwindigkeil stattfindet. 

5. Ist das Gebiet der eingetretenen Überhitzung der unteren 
Luftschichten ein örtlich begrenztes, so findet ein localer Aulstrom 
statt, der bis in die höchsten Luftregionen reicht und die Erscheinung 
von Wirbelsäulen mit im Innern spiralförmig aufsteigenden, ausserhalb 
in gleich gerichteten Spiralwindungen niedergehenden Luftströmen 
darbietet. Das Resultat dieser Wirbelströmungen ist Ausbreitung des 
Wärmeüberflusses der unteren Schichten, durch welche das adiabatische 
Gleichgewichl gestört wurde auf die ganze überlagernde Luftsäule, 
die an der Wirbelbewegung Theil nahm. 



638 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe vom 12. Juni. 

6. Falls (las Gebiet der Störung des indifferenten (oder adiabatischen) 
Gleichgewichtes sehr ausgedehnt ist, also z. B. die ganze heisse Zone 
umfasst, so kann die Temperaturausgleichung nicht mehr durch locale 
aufgehende Wirbelströmungen erfolgen. Es müssen sich denn Wirbel- 
strömungen bilden, welche die ganze Atmosphaere umfassen. Es gelten 
für dieselben, die für locale Wirbel aufgestellten Bedingungen des 
beschleunigten Aufstieges der Luft und des verzögerten Niederganges, 
derart, dass die durch Wärmearbeit entstandene Geschwindigkeit der 
Luftbewegung in den verschiedenen Höhenlagen annähernd dem dort 
herrschenden Luftdrucke umgekehrt proportional ist. 

7. Da das ganze Luftmeer in Folge der stetigen durch Wärme- 
arbeit hervorgerufenen und erhaltenen meridionalen Strömung an- 
nähernd in allen Breiten mit derselben absoluten Geschwindigkeit 
rotiren muss, so combiniren sich die durch Überhitzung erzeugten 
meridionalen Strömungen mit den terrestrischen zu dem grossen, die 
ganze Erde umfassenden Luftströmungssysteme, welches den Zweck 
erfüllt, die ganze Atmosphaere an der überwiegenden Wärmezufuhr 
in der heissen Zone Theil nehmen zu lassen, aequatoriale Wärme und 
Feuchtigkeit den mittleren und höheren Breiten zuzuführen und die 
Entstehung der localen Luftströmungen der letzteren zu vermitteln. 

8. Das letztere geschieht durch die Erzeugung von wechselnden 
localen Erhöhungen und Verminderungen des Luftdruckes durch 
Störung des indifferenten Gleichgewichtes in den höheren Schichten 
der Atmosphaere. 

9. Minima und Maxima des Luftdruckes sind Folgen der Tempe- 
ratur und Geschwindigkeit der Luftströmungen in den höheren Schichten 
der Atmosphaere. 

Man kann hiernach als wesentlichste Aufgabe der Meteorologie 
die Erforschung der Ursachen und Folgen der Störungen des indiffe- 
renten Gleichgewichtes der Atmosphaere und als wichtigste Aufgabe 
der Wetterprognose die Erforschung der geographischen Herkunft der 
Luftströme betrachten, die auf ihren Wegen auf den Polen hier über 
uns fortziehen. 



639 



Über secundär- elektromotorische Erscheinungen 
an den elektrischen Geweben. 



Von E. du Bois-Reymond. 



Zweite Mittheilung. 



Erster Abschnitt. 
Von der inneren negativen Polarisation der Muskeln. 

(Fortsetzung. 1 ) 

§. 7. Von der negativen Polarisation an Muskeln 
mit sehniger Scheidewand. 

Jetzt fragt es sich nämlich, was von den auf innere negative Polarisir- 
harkeit von mir gedeuteten Wirkungen zu halten sei, welche ich am 
Gracilis und Semimemhranosus beschrieb, welche aber Hr. Hering durch 
polare 'Alterirung' der Muskelsubstanz erklärt wissen will. Meine 
an diesen Muskeln gewonnenen Ergebnisse in Gestalt einer Tabelle 
mit doppeltem Eingange, in deren einem Kopfe wachsende Strom- 
stärken, in dem anderen wachsende Schliessungszeiten sich finden, 
bedeuten allerdings etwas Anderes als ich mir zur Zeit dachte, sind 
aber doch als ebenso viele Thatsachen nicht so werthlos, wie Hr. 
Herixc. meint, und da ich mich hier und da auf sie beziehen muss, 
werde ich sie gehörigen Ortes noch mittheilen. Die Reihe der damals 
angewendeten Stromstärken fängt an mit Einem Daniell, Einem Grove, 
zweien Grove, und es zeigt sich die auffallende Erscheinung, dass 
das Maximum der negativen Polarisation unter allen versuchten Com- 
binationen von Stromstärken und Schliessungszeiten mit Einem Grove 
bei 10 Minuten Schliessungszeit erreicht wurde. Die Lage der Bussol- 
schneiden entsprach dabei der jetzt am Sartorius mit D bezeichneten. 
Jenes Maximum betrug 42 3", während der Muskelstrom zwischen 



1 Der erste Theil dieser Zweiten Mittheilung findet sich im vorigen Jahrgange 
der Berichte, St. LI1I vom 19. Deceinber, 2. Hlbbd. S. 1131fr., und wird im Folgenden 
als II. 1.I.8 angeführt. 



(UO 



Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe \>un 1 2. Juni. 



natürlichem Längs- und künstlichem Querschnitt unter .sonst gleichen 
Umständen eine Ablenkung von im 3Iittel nur 200' gab. Da nun, 
nach einem ungefähren Überschlage, 1 die Dichte des polarisirenden 
Stromes im Querschnitt des Muskelpaares mit nur Einem Grove be- 
deutend kleiner sein muss als mit zehn Grove in dem zwölfmal 
kleineren Querschnitl des Sartorius, so war schon hiernach klar. 
dass das Muskelpaar ungleich empfänglicher" für negative Polarisation 
sieh zeigt als der Sartorius und natürlich auch als andere regel- 
mässige monomere .Muskeln. Dies stimmt mit der älteren, aller- 
dings nicht mehr ganz eindeutigen Erfahrung, dass der mit zwei 
Punkten des natürlichen Längsschnittes oder mit zwei künstlichen 
Querschnitten aufliegende Gracilis merkliche negative Polarisation an- 
nimmt durch einen mittels des Compensators hindurchgesandten Strom- 
zweig viiii der Stärke des Muskelstromes, und unstreitig durch seinen 
eigenen Strom. 2 Die gleiche Überlegenheit gab sieh aber auch kund, 
als ich das nicht entnervte Muskelpaar derselben Versuchsweise nach 
dem Messungssysteme B (II. 1. 1. S. 1148. 1 1 49) unterwarf, wie im 
Vorigen den Sartorius, aber statt mit zehn, mit nur Einem Grove. 



Gracilis und Semimembranosus, nicht 
entnervt. 

S d c dm (1,, D 

M I123 I 28 | 76 | 75 | 40 

l t'o' (173) 
| 18 J133 | 93 {138 {295 
Pi — 141 — 161 — 169 — 213 — 335 

Nach 10' nochmals durchgemessen. 

| 14 | 63 \ 33 | 93 I146 

lug I102 I165 | 71 I210 

1'2 —133 —I65 -^98 — 1Ü4 — 35G 



Nach 10' nochmals durchgemessen. 
S d r d m d v 1) 

J64 | 59 f 107 | 58 | 63 

f 20' (195) 



I 84 ' 



Y 5 2 j'93 



— 143 — 187 — 110 — 256 

Man findet 
I. 2. 3. 

P s = A— 141 ~— 133 |— 188 

P a = -181 -178 -.147 
p d = 1—335 !— 356 i— 256 



Die folgenden Versuche sind am entnervten Gracilis allein an- 
gestellt, der erste nach dem System A, der zweite wieder nach dem 



1 Untersuchungen u. s. w. Bd. I. S. 705. — Ist (1 die elektromotorische Kraft 
und ir der Widerstand 1 W der übrige Widerstand des Säulenkreises bis 

zur iqterpolaren Strecke von ein- Länge L. dem speeifischen Widerstände - und dem 
Querschnitl </, so hal man die Ungleichheit 

10G _ (.' 



(w | i -)q ^ (w+w 



Die linke Seite, welche ili'' Dichte im Sartorius vorstellt, ist wegen grösseren Zählers 
und kleineren Nenners <!"■ grössere. 

2 Gesammelte Abhandlungen u. s. w. Bd. I. S.191. 192. 



E.di l!"i~-li'i itmond: Secundär-elekti 



it. Erschein, an elektr. i !i 



ibe 



64 1 



System 11. Die Säulenschneiden lagen der äusseren, die Bussol- 
schneiden der inneren, femoralen Fläche des Muskels an. Doch ist 
dies von keinem deutlichen Einfluss auf den Erfolg. Die Empfind- 
lichkeit der Bussole für den polarisirenden Strom war im /weiten 
Versuche kleiner als im ersten. 



Gra eil es. 



I. 



.)/ 1 109 | 21 j 50 | 76 1 14 
/ fio' 



Y I +4 I 37 



i x, i 



I 49 T 3 



P, — 35 — 58 —131 —125 + 17 

1 15' (108) 

| 52 | 12 | 91 | 49 J22 

Pl — 92 — 49 — 172 — 98 — 19 

JM5'('°9) 

yI22 | 17 | 25 |l06 |l9 

p) — 70 — 29 — 116 — 155 — 41 
jiS'O'O 

| 52 I103 I170 | 46 I46 

P 4 — 70 — 120 — 195 — 152 — 65 

t'5'("9) 

j'35 | 9 \ 2§ | 112 y+5 

P^ — 83 — 94 —198 —158 —91 



II. 

& </,' ./„, -/„ D 
üf I .2 I 28 I 4 f <9 | '4 
/ f 'S' (S«) 

| ioo | 92 1 194 1 1 1 - 

l\ —112 — 120 — 198 — 99 — 243 
| 20' (40) 

| 2 4 \ 97 j'43 j'43 1=35 

P2 — 76 —189 —337 —261 

T20' (43) 

fl02 | 80 | 91 | 97 j-171 

P 3 — 78 —'77 — 2 34 — 2 40 —406 

t 2 °' <44> 

A ) s | 91 J103 | 80 |i68 
/', — 54 —171 —194 —177 — 33 ~9~ 

Es ergiebt sich: 

1. 2. 3. 4. 

p s ^T" -112 ! - 76T— ;§f- 54 
P31 — — 1 39 — 262 — 217 — 181 

P D = y— M3X— 464Y— 406JL— 339 



Wie man sieht, spricht sich in den beiden Versuchen nach dem 
System B das Gesetz der mit dem Abstand der Bussolschneiden 
wachsenden Wirkungen so entschieden aus wie möglich, und täuscht 
im Verein mit dem Erfolg beim System A bis auf Weiteres innere 
negative Polarisirbarkeit der Muskelbündel vor. 

Zwischen natürlichem Längs- und thermischem Querschnitt des 
Muskelpaares erhielt ich 250 — 2 7 5 csr Potentialunterschied. Die nega- 
tive Polarisation übertrifft also hier bei weitem die Muskelstromkraft, 
und die Wirkungen sind' erheblich stärker als am Sartorius mit zehn 
Grove. vollends als an diesem Muskel mit nur Einem Grove, da, wie 
bemerkt, der Sartorius hei meiner Versuchsweise meist erst bei drei 
Grove und 5' Schliessungszeil sichere Zeichen innerer negativer Polari- 
sation giebt. 

Sitzungsberichte 1890. 57 



642 Sitzung der physikalisch- mathematischen Classe vom 12. Juni. 

Mit zehn Grove lallt nach meinen älteren Erfahrungen die nega- 
tive Polarisation am Muskelpaare schwächer ans als mit Einem Grove, 
schwächer sogar als die Muskelstromkraft. 1 Auf diesen Umstand 
wird später zurückgekommen werden, zunächst handelt es sich darum, 
den Grund des ersteren Verhaltens, der stärkeren Polarisation des 
Muskelpaares und des Gracilis im Vergleich zum Sartorius bei Durch- 
strömune mit nur Einem Grove, wo möglich aulzudecken. 



§. 8. Dil elektromotorische 11 irkung (Irr sehnigen Scheidewand 
im nicht polarisirten Gracilis. 

Natürlich ist nicht daran zu denken, dass die Muskelbündel des 
Gracilis und Semimembranosus in ihrem Verlaufe stärker innerlich nega- 
tiv polarisirbar seien, als die des Sartorius. Beider geringeren Dichte 
des polarisirenden Stromes werden sie an den beobachteten Wirkungen 
sogar nur einen sehr kleinen Antheil gehabt haben. Sondern Sitz 
und Grund der starken negativen Polarisirbarkeit des Muskelpaares 
und des Gracilis ist unstreitig zu suchen in den sehnigen Scheide- 
wänden, welche nach meiner Beschreibung den Gracilis ganz, den 
Semimembranosus zum Theil schräg durchsetzen. 

Ich gab zugleich an, dass die Muskelbündel an den Scheide- 
wänden die von mir sogenannte facettenförmige Endigung zeigen, 
wesentlich wie die Bündel der Myokommata an den Ligg. intermus- 
cularia ihr Seitenrumpfmuskeln der Fische. Die schrägen natürlichen 
Querschnitte, mit welchen die obere und die untere Abtheilung des 
Gracilis in der Inscription aneinanderstossen , müssen der Sitz von 
Neigungsströmen sein, welche alter hei gleicher Parelektronoinie der 
beiden Querschnitte einander aufhellen, wie dies aus der Theorie 
und aus den Versuchen an Muskelrhomben sich ergiebt. 2 Dass sie für 
gewöhnlich es wirklich thun. folgt daraus, dass gerade am Gracilis 
das Gesetz des Muskelstromes bei natürlichem sowohl wie hei künst- 
lichem, senkrechtem und auch schrägem Querschnitt am sichersten 
und reinsten sich darstellt.' 1 Weil in so zahlreichen Versuchen über 
den Muskelstrom am Gracilis die Inscription keine augenfälligen 
Störungen verursachte, wurde eben meine Aufmerksamkeit so wenig 
auf diese Structur gelenkt. Jetzt aber ist hier eine Lücke auszufüllen. 
Es erscheint unerlässlich . sich zunächst einmal um das elektromo- 
torische Verhalten der Inscription im natürlichen Zustande des Muskels 
zu kümmern, ehe ihre Rolle hei seiner Polarisation näher erforscht wird. 



1 Vergl. die Erste Mittheilung in diesen Berichten 1883. 1. Hlbhd. S. 355. 

2 Gesammelte Abhandlungen u. s. w. Bd. II. S. 127 ff. 
'■' Ebenda, S. ?6. 57. 127. 12*. 576. 




E. du Bois-Reymond : Secundär-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. 6 l'.\ 

Es hält nicht schwer die elektromotorische Oberfläche (im 
Hici.MiioLTz'schen Sinne) 1 des Gracilis, soweit sie durch die Inscription 
bestimmt wird, für verschiedene Zustände der in der Inscription 
zusammentreffenden natürlichen Querschnitte zu entwerfen. Bei völlig 
gleicher Parelektronomie dieser Querschnitte wäre, wie gesagl . kein 
Neigungsstrom zugegen. Ist die Parelektronomie nur gering, so wird 
sich ein Punkt der Inscription negativ verhalten gegen einen darüber 
oder darunter gelegenen Längsschnittspunkt, beispielsweise in Fig. 4, 
/,-■ 1 welche die Aussenfläche des rechten Gracilis 

darstellt, der Punkt c gegen die Punkte il, 
'(■.f.;/. Bei höherer Parelektronomie ver- 
schwindet der Potentialunterschied, bei noch 
höherer kehrt er sich um. Ist die Parelektro- 
nomie der beiden Querschnitte ungleich, so verändern sich diese 
Wirkungen in leicht angebbarer Weise. Ausserdem aber gesellt sich 
dazu längs der Inscription ein Neigungsstrom im Sinne des minder 
parelektronomischen Querschnittes. Ist beispielsweise der untere Quer- 
schnitt minder parelektronomisch , so wird Punkt b gegen a positiv, 
die Gegend b gegen die a wie eine stumpfe gegen eine spitze Rhombus- 
ecke sich verhalten. 

Ich ging nun daran, diese Schlüsse in der Erfahrung zu prüfen, 
indem ich die elektromotorische Oberfläche des Gracilis mit den Thon- 
spitzeh der unpolarisirbaren Röhrenelektroden absuchte. Wegen des 
verwickelten Verlaufes der Inscription an der Innenfläche hielt ich 
mich an die Aussenfläche des Muskels. Ich kann nicht sagen, dass 
ich guten Erfolg hatte. Dann und wann zwar zeigt sich ein Punkt 
der Inscription negativ oder positiv gegen einen darüber wie gegen 
einen darunter gelegenen Längsschnittspunkt. Ebenso oft aber verhält 
er sich negativ gegen einen darüber, positiv gegen einen darunter 
gelegenen Längsschnittspunkt, oder auch umgekehrt, was soviel heisst, 
wie dass im Muskel aus anderen Gründen zufällin- der entsprechende 
Potentialunterschied herrscht, den es denn auch gelingt, mit den 
Spitzen in Lagen nachzuweisen, bei welchen sie. wie in df , eg . die 
Inscription zwischen sich fassen. Der Inscription entlang erhält man 
Ströme bald im einen, bald im anderen Sinne, ohne die Möglichkeit, 
sie auf die verschiedenen Parelektronomie der beiden Muskelabthei- 
lungen zu beziehen. Alle diese Wirkungen sind sehr sehwach, oft 
nur von gleicher Ordnung mit den Ungleich artigkeiten der Thon- 
spitzen und dann schwer von deren Schwankungen zu unterscheiden. 
Mit der Innenfläche des Gracilis, mit dem Semimembranosus ist vollends 



Poggendorff's Annalen u. s. iv. 1853. Bd. LXXXIX. S. 211. 

57' 



644 Siteunj» der physikalisch -mathematischen ('lasse vom 12. Juni. 

hier nichts anzufangen. Übrigens habe ich diese Versuche bisher nur 
an Winterfröschen angestellt, und es ist nicht undenkbar, dass sie an 
Sommerfiföschen besser gelängen. Unter den jetzigen Umständen 
musste ich auf die Ausführung eines Versuchsplanes verzichten, der 
sich darbot und in mehrfacher Hinsichl anzog: nämlich den Neigungs- 
strom der [nscription dadurch zu verstärken, dass nur die eine Muskel- 
abtheilung tetanisirt und durch die darin stattfindende Nachwirkung 
der negativen Schwankung die Oberhand der anderen Abtheilung ver- 
schafft würde. 



vj. (). Mwthmaassliche Rolle der sehnigen Scheidewand 
bei der Polarisation. 

Was nun die Bedeutung der [nscription bei der Polarisation 
betrifft, so scheint es zunächst, als lasse sich über die Art. wie ein 
den Muskel axial durchmessender Strom sich durch die Inscription 
bewegen werde. Folgendes festsetzen. Bei dem jedenfalls nur geringen 
Unterschiede zwischen der Leitungsfahigkeit von .Muskel und Sehne 
können wir von der Brechung des Stromes in der Scheidewand nach 
dein Kiiiciiuoi'i "sehen Gesetze 1 füglich absehen. Ohnehin wird die 
Brechung heim Austritt die beim Eintritt, wenn auch nicht so voll- 
kommen wie heim Durchgang des Lichtes durch ein planparallel be- 
grenztes Mittel . doch wohl zum Theil aufheben, und bei der geringen 
Dicke der Scheidewand kann die seitliche Verschiebung nur unmerklich 
sein. Mit Einem Wort, der Strom wird so gut wie unentwegt und 
in unverminderter Dichte die Scheidewand in lauter den Bündeln 
parallelen Fäden überschreiten, und am einfachsten erscheint die vor- 
läufige Annahme, dass jeder Stromfaden in dem von ihm durchdrun- 
genen Flächenelement der Scheidewand eine ihm entgegengerichtete 
axiale elektromotorische Kraft erzeugt. 

Dass die Scheidewand im Gracilis negativ polarisirbar sei. ist 
leichl zu beweisen, indem man eine Anordnung trifft, welche die 
[nscription im Wesentlichen nachahmt. Eine Sehnenhaut geeignet, 
die Seheidewand vorzustellen, findel sich in der bandartig breiten 
Patellarsehne des Triceps femoris vom Frosch. Diese klemmte ich in 
einen queren Schlitz eines den .Muskel vorstellenden Thonphantoms 
ein. Mit einem wirklichen 3Iuskel lässt der Versuch sich nicht aus- 
führen, theils weil trotz allen Vorkehrungen die beiden Muskelstümpfe 
sich zurückziehen und einen unregelmässig klaffenden Spalt bilden, 
theils aus einem anderen Grunde, welcher erst später zur Sprache 

1 Poqgendohff's Vnnalen u. s. w. [845. Bd. LXIV. S. ioo. Anm. 2. 



E. di Bois-Reyhond: Secnndär-elektromot. Erschein, an clektr. Geweben. 04S 

kommen kann (s. unten, §. i6). Dagegen mit dem Thonphantom des 
Muskels gelingt der Versuch gu1 genug. Man brauchl dazu keine 
Säulenschneiden, sondern bringt einfach ein Stink Thonstengel von 
der rundlichen in Fig. i der Mittheilung II. i. /sichtbaren Form mit seinen 
Enden zwischen die nackten Säulenhäusche und legi ihm die Hussol- 
schneiden .-in. Nachdem man sich von der ursprünglichen Unwirk- 
samkeil der Anordnung überhaupl iiberzeugl hal . schickl man den 
Strom Eines Grove i o' lang durch den Thonstengel, und verzeichnel 
den sehr geringen Betrag der dem Thone selbst angehörigen inneren 
negativen Polarisation. Dann schneidet man den Stengel mitten durch 
und klemmt die Patellarsehne ein. Nim erhält man schon bei kürzerer 
Dauer des polarisirenden Stromes stärkere negative Polarisation, welche 
von nichts herrühren kann, als von der Sehne, aber doch nicht 
entfernt von solcher Stärke, dass man die Wirkungen am Gracilis 
ohne Weiteres dadurch erklären könnte. 

Ich wollte wissen, ob vielleicht durch die schräge Richtung der 
Inseription ihre stärkere Polarisirbarkeit bedingt sei. leh wiederholte 
also den vorigen Versuch mit dem Unterschiede, dass ich in ein hin- 
reichend langes Stück Thonstengel die beiden Patellarsehnen desselben 
Frosches hintereinander einklemmte, aber die eine senkrecht, die 
andere unter einem möglichst spitzen Winkel. Nachdem nunmehr 
derselbe Strom, des vermehrten Widerstandes halber jetzt von zweien 
ßrove ausgehend, gleich lange und in gleicher Richtung in Bezug 
auf Aussen- und Innenfläche die beiden Sehnen durchflössen hatte, 
wurden die Bussolschneiden dem Thonstengel abwechselnd so an- 
gelegt, dass sie bald die senkrecht, bald die schräg eingefügte Sehne 
zwischen sich fassten. Es zeigte sieh das Gegentheil von dem Ge- 
suchten; die Polarisation der senkrechten Seime überwog stets hei 
weitem die der schrägen, auch wenn diese zuerst abgeleitet wurde, 
obschon alsdann die Wirkung der senkrechten Sehne durch die schnell 
vor sieh gehende Depolarisation merklich gesunken sein nmsste. In 
dem nachstehenden Beispiele geben die Ordnungszahlen die Zeitfolge 
der Prüfungen an, die zusammen nicht viel über zwei Minuten dauerten. 
Mittels der PoGGENi>ORFF"schen Umsohaltung 
(s. unten §. i 5) hätte dem Versuch noch eine bessere 
,) _ 2QCgr a _ ^egr Gestalt gegeben werden können, der Erfolg war 
3) — 13 4) — 33 aber auch hei diesem Verfahren so sohlagend und 

~ 27 beständig, dass es mir überflüssig schien, noch 
7) — 9 o) — 22 

mehr Zeit und Mühe daran zu wenden. 

Lassen wir die Frage, in welcher Art die Scheidewand hei der 
Polarisation betheiligt sei, für jetzt auf sich beruhen, und unter- 
suchen wir, oh die am Gracilis wahrgenommene Vertheihing der 



646 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe vom 12. Juni. 

Polarisation aus der obigen Vorstellung- sich herleiten lasse, wonach 
in jedem Flächenelement der Iriscription eine axial gerichtete Gegen- 
kraft entsteht. Dies ist nicht so leicht zu entscheiden, wie es beim 
ersten Anblick scheinen möchte. Um darüber in's Klare zu kommen, 
muss zuerst ein einfacherer Fall behandelt werden, als der sehr ver- 
wickelte der Inscription am Gracilis. 




Fig. 5 stelle die breite Seite eines dünnen, rectangulären, leitenden 
Prisma's vor, welches von einer polarisirbaren Scheidewand schräg 
durchsetzt ist. die in der Figur nur in ihrer Projection zwischen + 
und - erscheint. Diese Scheidewand sei durch einen im Prisma 
fliessenden Strom, von der Richtung, welche der Pfeil mit dem Ilaken 
anzeigt, polarisirt worden, so dass nach unserer Annahme jedes 
Flächenelement der Sitz einer der Axe des Prisma's parallelen, um- 
gekehrt gerichteten Kraft geworden ist. Auf eine solche Anordnung 
passl die Art. wie ich die "Wirkung des schrägen Muskelquerschnittes 
und die Entstehung der Neignngsströme erläuterte. Die axial gerich- 
teten Kräfte zerlegen wir, wie die Figur zeigt, in zwei Componenten. 
die eine parallel der Scheidewand, die andere senkrecht darauf. 
Übrigens wird in jeder den Seitenflächen des Prisma's parallelen 
Ebene derselbe Vorgang stattfinden, so dass wir für unseren Zweck 
uns an dasjenige halten können, was in der uns zugewendeten Seiten- 
fläche vorgeht. 

Wird das Prisma an beiden Enden isolirt gedacht, wie der Muskel 
bei doppell geöffnetem Säulenkreise und abgerückten Bussolschneiden, 
so erzeugen die senkrechten Componenten keinen Strom, sondern 
setzen nur zwischen den Strecken dies- und jenseit der Scheidewand 
einen über die ganze Oberfläche des Prisma's gleichmässig verbreiteten 
Potentialunterschied. Wird das Prisma zwischen seinen Enden zum 
Kreise geschlossen, so entsteht ein Strom im Sinne negativer Pola- 
risation , welchem zwar nur eine geringe elektromotorische Kraft zu 
Grunde liegt, welcher aber auch in der Scheidewand selber nur auf 
einen geringen Widerstand trifft. 



E. du Bois-Reymond : Secundär-elektr t. Erschein, an elektr. ( leweben. 6 I I 

Die der Scheidewand parallelen Componenten dagegen steigern 
säulenartig ihre Wirkung; die Scheidewand is1 dadurch gleichsam in 
eine aus sehr zahlreichen, sehr kleinen Gliedern bestehende band- 
förmige Säule von grosser elektromotorischer Kraft, aber auch sehr 
grossem wesentlichen Widerstände verwandelt, deren linearen Pole 
in der oberen und unteren Fläche des Prisma's liegen, und in den 
Punkten + und - in Protection erscheinen. Denkt man sich die 
bandförmige Säule bis auf diese ihre linearen Pole isolirt, so würde 
sich von ihrem + Pole zu ihrem Pole eine im Rohen leicht zu 

construirende Strömung durch die Masse des Prisma's ergiessen. 
Denkt man sich die isolirende Hülle entfernt, so werden Stromcurven 
die Oberfläche der Säule schneiden. Das genaue Gesetz dieser Curven 
anzugeben, wäre eine sehr schwierige Aufgabe. Glücklicherweise be- 
dürfen wir deren strenger Lösung zu unserem gegenwärtigen Vorhaben 
nicht. Es genügt die Einsicht, dass die so zu Stande kommende 
Strömung sich von der in der Figur angedeuteten nicht wesentlich 
unterscheiden könne, avo die ausgezogenen Curven die isoelektrischen, 
die gestrichelten die Stromcurven vorstellen. 

Jetzt fragt es sich , was beim Anlegen der Bussolsclmeiden an 
die Seite des Prisma's geschehen werde. Die Breite dieser Seite setzen 
wir der Länge der Schneiden gleich, und legen letztere senkrecht zur 
Axe an. In der Figur sind die Säulenschneiden durch starke Doppel- 
linien vorgestellt. Den Erfolg zu beurtheilen dient wieder das Helm- 
HOLTz'sche Princip der elektromotorischen Obertläche in Verbindung 
mit dem der Superposition der Ströme. Danach bleiben bekanntlich 
in dem körperlichen Leiter, der elektromotorische Wirkungen in sich 
birgt, die vor dem Anlegen der Bussolenden vorhandenen Stromcurven 
bestehen, setzen sich aber nach dem Parallelepiped der Kräfte zu- 
sammen mit den Curven der neuen Strömung, welche die leitende 
Masse von den Bussolenden her so durchdringt, als würde sie irgendwo 
im Bussolkreise erzeugt durch eine elektromotorische Kraft gleich dem 
Potentialunterschied der von den Enden berührten Punkte. Wird der 
Strom im Bussolkreise compensirt, was unsere gewöhnliche Beobach- 
tungsweise ist, so bleiben die Stromcurven in dem körperlichen Leiter 
ungestört, und die zum Compensiren aufgewendete Kraft misst den 
Potentialunterschied der abgeleiteten Punkte der elektromotorischen 
Obertläche. 

Bei Anwendung dieser Sätze hätte es keine Schwierigkeit hin- 
reichend genau für unseren Zweck anzugehen, welche Wirkung beim 
Anlegen punktförmiger Elektroden, wie der Thonspitzen der unpolarisir- 
baren Röhrenelektroden, an verschiedenen Punkten der Oberfläche des 
Prisma's man erhalten würde. Misslicher gestaltet sich die Aufgabe, 



648 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 12. Juni. 

wenn es um Ableitung durch die linearen Schneiden sich handelt. 
Alsdann ist es nöthig, die mittlere Spannung der Schneiden zu 
kennen, nämlich die Spannung, welche jede Schneide dadurch an- 
nimmt, dass sie eine ganze Schaar von isoelektrischen Curven an der 
elektromotorischen Oberfläche berührt.' Da das Potentini in den ver- 
schiedenen Curven verschiedenen Wjerth hat. wird in der Schneide 
selber, d h. in dem Thonstengel und dem Keilbausch, eine Ausgleichung 
dieser Unterschiede stattfinden. Diesen Vorgang scharf und erschöpfend 
zu zergliedern, ist so gut wie unmöglich; doch scheint es wiederum, 
als lasse auch ohnedies Folgendes mit hinreichender Sicherheit sieh 
ersehliessen. 

Licet eine Sehneide dem Prisma so an. dass sie 1 die Mitte der 
Scheidewand berührt, so wird ihre mittlere Spannung = Null sein. 
Rückt die Schneide auf den einen Pol der Scheidewand zu. so nimmt 
sie eine Spannung' von dem Zeichen dieses Poles an. um so stärker, 
je näher dem Pole. Führen wir also von der Mitte der Scheidewand 
ausgehend die Schneiden symmetrisch auseinander, so wird die dem 
positiven Pole der Säule nähere Schneide gegen die dem negativen 
Pole nähere um so positiver sich verhalten, je grösser ihr Abstand 
von einander. In der Stellung der Schneiden S' und S" in der Figur, 
wo sie gerade die Pole der Säule berühren, wird ihr Potentialunter- 
schied am grössten sein. Wird dieser nicht compensirt, so fliessl im 
Bussolkreise ein Strom im Sinne negativer Polarisation, dessen Curven 
im Inneren des Prisma's mit den dort schon bestellenden nach dem 
Parallelepipcd der Kräfte sich zusammensetzen. 

Wenn die Schneiden irgendwo zwischen den Polen eine zur Mitte 
der Säule asymmetrische Stellung einnehmen, wird der Erfolg im 
Wesentlichen derselbe bleiben. Die dem positiven Pole nähere Schneide 
ist positiv gegen die dem negativen Pole nähere; die Polarisation 
erscheint negativ. 

Nun handelt es sich darum, was erfolgen werde, wenn die 
Schneiden ausserhalb der Pole liegen, und zwar erweist sich als das 
Vortheilhafteste, die mittlere Spannung der Schneiden bei den in 
Fig. 5 in S' und S t , S" und S u abgebildeten Lagen zu schätzen, wo 
die beiden Schneiden sich auf derselben Seite der Säule, ungleich 
weit von ihrem Pole befinden. Dazu scheint folgendes Verfahren 
dienen zu können. Auf die Länge der Schneide als Abscissenaxe ab 
trägl man die ihren verschiedenen Punkten entsprechenden Potentiale 
als Ordinaten auf, und verbindet die Köpfe der letzteren durch eine 

1 Auf den Begriff der mittleren Spannung nicht punktförmiger ableitender Elek- 
troden bin ich schon einmal bei meinen Untersuchungen über den Zitterwels geführt 
worden. Gesammelte Abhandlungen u. s. w. Bd. II. S. 6\6. 




F.. im Bois-Ri s bomd: Secundär-elektr it. Erschein, an piek tr. Geweben. 649 

Ourve. Je grösser der so umschlossene Flächenraum, um so grösser 

ist die mittlere Ordinate, welche wir als Maass der mittleren Spannung 

annehmen dürfen. Indem man diese Construction für zwei verschiedene 

Lagen dcv Schneiden über derselben Abseisse ausführt, erfährt man 

also, in welcher Lage den Sehneiden die grössere mittlere Spannung 

zukommt. 

,,. ,. In Fig. 6 ist dies für die Lagen der Sehnei- 

tig. (). 

den in <S" und N dargestellt. Die beiden Grenz- 

ordinaten für die Lage S Hegen nach der in der 
Fig. | gewählten Bezeichnungsweise einander 
nahe in der Mitte zwischen den isoelektrischen 
Curven ■! 3 und + 4; für die Lage S' entspricht 
die höchste Ordinate dem Pole seihst, welcher 
in dieser Notation die Spannung +6 hat; die 
niedrigste Ordinate liegt etwa in der Mitte 
zwischen den isoelektrischen Curven + 2 und + 3. Der Unterschied 
der Flächenräume a b c d und a b ef fällt sichtlich zu Gunsten von 
S' aus; die dem positiven Pole nähere Schneide ist positiv gegen die 
entferntere. Der Unterschied der Flächenräume ist eine Function des 
Winkels, unter welchem die Scheidewand gegen die Axe des Prismas 
geneigt ist; er verschwindet mit der zur Scheidewand parallelen 
Componente, wenn dieser Winkel ein rechter wird; unter keinen Um- 
ständen scheint er negativ werden zu können. Dass er positiv ist. 
heisst nun aber so viel, wie dass die Polarisation hier die umgekehrte 
Richtung habe von der zwischen den Polen; bei nicht compensirtem 
Unterschiede wird der Strom im Bussolkreise positive Polarisation 
vortäuschen. Auf der negativen Seite gilt mit vertauschten Zeichen 
das Nämliche; auch hier wird der Schein positiver Polarisation ent- 
stehen. Die Pfeile in Fig. 5 zeigen demgemäss die Richtung des 
Stromes im Bussolkreise, wobei zu bemerken ist, dass man sie sich 
nicht an die obere Seite des Prisma's angelegt zu denken hat, sondern 
an den Punkt mittlerer Spannung der Bussolschneiden. 

Es geht ferner daraus hervor, dass wenn die beiden Schneiden 
ausserhalb des Bereiches der Scheidewand sich befinden und diese 
zwischen sich fassen, ihre mittlere Spannung wohl noch in demselben 
Sinne sich unterscheiden wird, wie wenn sie im Bereich der Säule 
liegen, aber um eine geringere Grösse, als wenn sie die Pole he- 
rührten; mit anderen Worten, wenn die Schneiden bei symmetrischer 
Lage zum Nullpunkte über die Pole hinausrücken, wird ihr Potential- 
unterschied, anstatt weiter zu wachsen, vielmehr abnehmen. 

Zu diesen, den der Scheidewand parallelen Componenten ent- 
springenden seeundären Wirkungen summirt sich nun noch die, welche 



650 



Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 1*2. Juni. 



von den auf dir Scheidewand normalen Componeriten ausgeht. Aus 
dem schon ohen S. 646 darüber Festgestellten folgt aber, dass bei 
isolirtem Prisma und ausserhalb des Bereiches der Scheidewand auf 
deren einer Seite befindlichen Schneiden gar keine solche Wirkung 
stattfinden werde, sondern nur, wenn die .Schneiden die Scheidewand 
ganz, oder einen Theil davon zwischen sich fassen: und hier sieht 
man sofort ein, dass bei wachsendem Abstand der Sehneiden über 
den Bereich der Scheidewand hinaus keine Steigerung des Potential- 
unterschiedes mehr möglich sei. 



§. 10. Vergleichung der theoretischen Ergebnisse nüi der 
Erfahrung. 

Wir sind nun so weit, dass wir an den uns in AYirklichkeit 
beschäftigenden Fall des Gracilis hinantreten können. In Fig. 6 sieht 
man eine schematische Anordnung, welche die Inscription am Gracilis 
treuer nachahmt als die in Fig. 5 dargestellte, sofern die polarisirbare 
Scheidewand in der Mitte geknickt ist, so dass ihre beiden Hälften 
einen Winkel bilden wie die beiden Flächen eines spitzen Daches. 
Fs ist leicht, sämmtliche obige Schlussfolgerungen auf dieses neue 
Schema zu übertragen, da es längs der die Axe CP einschliessenden. 



Fig. 7. 




in der Figur wagerechten 
Strömungsfläche in zwei 
Spiegelbilder spaltbar ist. 
deren jedes der Fig, 5 
entspricht. Allerdings 

ahmt auch das neue Sche- 
ma den sehr eigenartigen 
Verlauf der Scheidewand 
am Gracilis nur unvoll- 
ständig nach , jedochhilft.es uns eini.oermaassen beurtheilen , wieweit 
die Beobachtungen an diesem Muskel den theoretischen rCrwartungen 
entsprechen, zu welchen dessen Bau nach den jetzt gewonnenen Ein- 
sichten uns berechtigt. Dies ist nicht in befriedigender Weise der Fall. 
Nach den oben S. 641 mitgetheilten Tabellen erhält man vom 
Gracilis sowohl mit den in kleinem Abstände wandernden, wie mit 
den in wachsendem Abstände symmetrisch angelegten Bussolschneiden 
Wirkungen in dem Sinne, als seien negativ elektromotorische Kräfte 
durch die ganze Länge des Muskels, auch über die Grenze der 
Inscription hinaus, zwischen diesen und den Säulenschneiden säulen- 
artig verbreitet, Im Bereiche der Inscription stimmt dies mit den 



E.dü Bois-Reymond : Secundär-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. 651 

Forderungen der Theorie. Auch lässt sieh vorhersehen, dass in den 
sehnigen Enden des Muskels, soweit sie vom polarisirenden Strome 
getroffen werden, Ähnliches vor sich gehen werde, wie in der 
sehnigen Scheidewand. Aber zwischen der Inscription und jenen 
Enden hätte nach unseren bisher gewonnenen Vorstellungen nichts 
sich kundgehen dürfen, als höchstens eine Spur innerer negativer 
Polarisation, obendrein noch geschwächt durch die von der In- 
scription aus dorthin sich verbreitende scheinbar positive Polarisation, 
und demgemäss auch beim Vergrössern des Abstandes der Schneiden 
über den Bereich der Inscription nicht weitere Verstärkung, sondern 
Schwächung des negativer Polarisation entsprechenden Potential- 
unterschiedes. 

Solchem Widerspruch zwischen Theorie und Erfahrung gegenüber 
war es geboten, den Thätbestand nochmals und schärfer zu prüfen, 
als in den obigen Versuchen, in welchen hei der Wahl der abgeleiteten 
Punkte noch nicht strenge Rücksicht auf die Inscription genommen 
worden war. Ich setzte mir also jetzt vor. mit Thonspitzen die 
elektromotorische Oberfläche des polarisirten, wie vorher die des 
Gracilis in seinem natürlichen Zustande abzusuchen. Der Muskel 
wurde so aufgestellt, dass er seine Ausseniläche nach oben kehrte, 
während von unten her als Säulenschneiden ihm Thonstengel den 
polarisirenden Strom zuführten. Die Thonspitzen berührten die in 
Fig. 4 mit d, p oder die mit /', g bezeichneten Punkte zwischen den 
Säulenschneiden und den oberen oder unteren Grenzen der Inscrip- 
tion. Der nie ganz fehlende geringe Potentialunterschied wurde cotn- 
pensirt und verzeichnet, dann hei doppelt geöffnetem Bussolkreise 
der Strom Eines Grove 15' hindurchgeleitet, endlich zur Beobach- 
tung der Polarisation mittels der Polarisationswippe der Säulenkreis 
doppelt geöffnet und der Bussolkreis doppelt geschlossen. So musste 
hier verfahren werden, weil mit den Spitzen, auch hei Bezeichnung 
der abzuleitenden Punkte mit Drachenblut, dieselben Punkte doch 
nicht genau genug wieder gefunden wurden, um sicher zu sein, 
dass eine beobachtete Veränderung des Potentialunterschiedes von 
Polarisation herrührte, und nicht von einer Veränderung des Muskel- 
stromes. Noch weniger ausführbar war es, am polarisirten Muskel 
die Spitzen umherzuführen, um die Polarisation zwischen verschiedenen 
Punkten zu ermitteln, da man dann gar nicht wusste, was vorher der 
Potentialunterschied zwischen den untersuchten Punkten gewesen war. 

Bei dem beschriebenen Verfahren gab sich nun, ganz wie in 
den früheren Versuchen mit den Schneiden (s. die Zahlen P, bis P 5 
unter £ ( , und &,, in der Tabelle I oben S. 641), negative Polarisation 
kund, beispielsweise — 137^' in fy, — 78 in de hei aufsteigendem, 



652 Sitzung der physikalisch- mathematischen Classe vom ]"_'.. Inni. 

82 in./','/- — * ' m de bei absteigendem Strom. Mit der Inscription 
zwischen den Spitzen erfolgten freilich sehr viel stärkere Wirkungen, 
wie sieh dies auch schon in der Tabelle zeigt, beispielsweise zwischen 
e und (j — v 2 4"'' bei auf-, — 299 bei absteigendem Strome: ebenso 
der Inscription entlang zwischen a und b bei aufsteigendem Strom 
einmal —424, bei absteigendem 322^''. Immerhin bestätigt sich 
auch bei dieser Versuchsweise, dass die Strecke zwischen Inscription 
und Säulenschneiden in auffallendem Maasse negative Polarisation an- 
nimmt. Ohne über die Wirklichkeil dieser Polarisation, geschweige 
ihre Natur, schon jetzt etwas aussagen zu wollen, soll sie, um sie 
kurz bezeichnen zu können, die unächte innere Polarisation heissen. 

Wir werden dieser Erscheinung sogleich unsere volle Aufmerk- 
samkeit zuwenden. Zunächst bietet sich hier noch eine andere Frage 
dar. nämlich, ob nicht neben der neuen Polarisation, gleichsam durch 
sie hindurch, die nach Miseren Schlussfolgen von der Inscription her 
sich ausbreitenden Stromcurven doch vielleicht nachweisbar seien. 
Zwischen Punkten, welche der Länge des Muskels nach auseinander- 
liefen, lässt sich dies nicht gut ausmachen, da der Potentialunterschied 
verschiedener Punkte der Curven sich dann nur durch algebraische 
Summation mit den Potentialuntersehieden wegen der unächten inneren 
Polarisation zu erkennen geben könnte. Nur in dem Falle wäre 
dabei ein entscheidendes Ergebniss zu erhoffen, dass der Potential- 
unterschied längs den Stromcurven von der Inscription her den wegen 
der unächten inneren Polarisation überträfe Einmal habe ich dies 
wirklich gesehen. Für gewöhnlich lindet man zwischen n. k und a, h, 
Fig. 4, sowohl bei auf- wie bei absteigendem Strome negative Pola- 
risation, jedoch, was schon auftaut, anfangs stets schwächer zwischen 
den beiden zuerst als zwischen den beiden zuletzt genannten Punkten, 
wie die folgende Tabelle I zeigt. Einmal aber fiel bei diesem Versuche 
die Polarisation zwischen a , Je bei den drei ersten Sromwechseln 
sogar positiv aus (Tabelle II) . was die Vorstellung erweckt', als sei in 
den anderen Versuchen die negative Polarisation zwischen a, k schwächer 
erschienen, weil positive Polarisation sich davon abzog. 

Dies erklärt sieh auf keine andere Weise als mit Hinblick auf 
die in Fig. 7 schematisch dargestellten Stromcurven. Um nun aber 
auch den Potentialunterschied wegen dieser Curven frei von der 
Störung durch die unächte innere Polarisation aufzufassen, müssen 
die abzuleitenden Punkte in der Quere des Muskels gewählt werden, 
wie kr, el; lif '. fm oder //;/. gm in Fig. 4. Ich habe ziemlich viel Ver- 
suche der Art angestellt, leider mit geringem Erfolg. In dem u'ün- 
stigsten Falle, der mir vorkam, erhielt ich auf sechsmal vier richtige 
Ergebnisse. 



//. 

ak ah 

M \ 35 \ 14 
/ 1 10' 

( l" J105 



E. du Bois-Reymomd : Secundär-elekti'oniot. Erschein, an elektr. Geweben. 653 

G Lac iles. 
/. 
oi kh ah 

M I is I 6 \ 34 

/ 1 10' 

| 48 |i63 f 139 
/'i — 66 — 169 — 105 

f«3' 
i. 46 | 31 I168 
Pz — 94 — >94 — 3°7 

J15' 

i 37 I 2 3 f '5 
P, — 9 — 54 - [83 

J321 I 12 I193 
P 4 — 284 — 11 —208 P 4 — 147 

Jetzt handelt es sich darum , was von der vorläufig so genannten 
unächten inneren Polarisation zu halten sei. Es ist klar, dass ehe 
wir uns in deren Dasein finden, die Unmöglichkeit auf das Bestimm- 
teste erwiesen sein muss . die Erscheinungen, welche uns zur Vor- 
stellung einer solchen Polarisation führten, durch die gewöhnliche 
innere negative Polarisation zu erklären. Dieser Beweis ist nicht 
leicht zu erbringen, so lange er um Sehätzungen von Stromdichte in 
Versuchen an zwei verschiedenen Muskeln sich dreht, wie Gracilis 
und Sartorius. Insbesondere wird es in hohem Grade wünschens- 
werth, an Stelle eines so verwickelten und in vieler Beziehung un- 
durchsichtigen Versuehsobjectes wie der Gracilis, ein einfacheres und 
leichler beherrschbares zu setzen. Dazu ist der uns schon von früher 
her (s. II. 1. /. S. 1 146. 11541V.) bekannte Doppelsartorius geeignet. 



p, 


+ 81 — 119 




w 




|io' 




f 45 f 3 5 2 


p= 


+ > -357 




t'5' 








\ 74 |i3 8 


^3 


+ 29 — 390 




Y 




i'5' 




I221 1 81 



§. 11. Von der negativen Polarisation am Doppelsartorius. 

Der Doppelsartorius ist einem Muskel mit sehniger Scheidewand 
vergleichbar, sofern die Symphyse eine solche vorstellt, mit dem 
Unterschiede freilich, dass die Symphyse die Muskelmassen weiter von 
einander trennt, als die Inscription , dass sie nicht schräg, sondern 
mehr senkrecht sie durchsetzt, und dass die Muskelbündel nicht 
facettenförmig daran endigen. Aber gerade diese Umstände sind es, 
welche im Gegensatz zu den schwierigen Verhältnissen am Gracilis 
uns hier zu Statten kommen. 



65 t 



Sitzung der physikalisch -mathematischen ('lasse vom 12. Juni 



Fig. 8 zeigt die Stellungen, welche man den Bussolschneiden 
giebt, um den seeundär- elektromotorischen Zustand des Doppelsarto- 

Fig. S. 
„I l ,, l„ &» _ % g t 



l, " " 2 ^ " X, 
rius zu ermitteln. S S sind wie gewöhnlich die Säulenschneiden. 
i ist die Symphyse, / i,2A sind die Lagen der Bussolschneiden. 
liei welchen die eine Schneide der Symphyse, die andere dem Aequator 
eines der Muskeln anliegt. ll n , X n X sind symmetrische Lagen der Bussol- 
schneiden am Längsschnitt jedes der beiden Muskeln. //. ist die 
Lage, bei welcher die Schneiden die Symphyse und die oberen natür- 
lichen Querschnitte beider Muskeln zwischen sich fassen, endlich <r 
die Lage, bei welcher sie, jederseits in dem schmalen Räume zwischen 
den oberen Bündelenden und der Symphyse angelegt, nur letztere 
zwischen sich haben. Die scharten Kanten der Bussolschneiden ge- 
statten dies hinreichend sicher zu thun. Von den übrigen in der 
Figur sichtbaren Lagen wird später die Rede sein. 

Ein einzelner Grove bringt durch den Doppelsartorius hindurch 
an der Bussole im Säulenkreise eine Ablenkung von nur 5 SC hervor, 
wenn er durch den Gracilis hindurch 35 — 4o sc , also sieben- bis achtmal 
stärkere Wirkung giebt. Da aber der Sartorius einen sechsmal kleineren 
Querschnitt hat als der Gracilis, 1 so wird die Stromdichte im Gracilis 
und im Doppelsartorius nicht sehr verschieden ausfallen; und der 
Bruch / 7 ist sogar für den Gracilis grösser als für den Doppelsartorius 
im Yerhältniss von 37.5 6:5 oder von 6:5. Auf alle Fälle ist die 
Stromdichte mit nur Einem Grove im Doppelsartorius sehr viel kleiner 
als mit zehn Grove im einfachen Sartorius, wobei die Ablenkung an 
der Bussole in demselben Zustande 140 bis i8o s '' betrug. 

Trotz diesem auf das 28- bis 30 fache sicli belaufenden Unter- 
schiede erscheint nun am Doppelsartorius in den Lagen, wo die 
Symphyse betheiligt ist, negative Polarisation in solchem Maassstabe, 
dass sie mit der am Gracilis beobachteten als von gleicher Ordnung 
sich darstellt. Folgendes ist ein Beispiel eines vollständig durchge- 
führten Versuches der Art. Die Stromrichtungen sind hier wieder nicht 
als auf- und absteigend angegeben, sondern als von rechts nach links 
und umgekehrt (vergl. IL 1. /. S. 1 157. 1 158). 



1 Untersuchungen u. s. \\ . Bd. I. S 705 



K. i>r Bois-Reymond : Secundär-elektr (.Erschein, an elektr. G( 



655 



//,, 


49 

< — 


l„ \„ 

104 

>- 

( 


59 

10' (6) 

^95 

>- 


Doppels 
X„X 

■3 

< 

3' 


irto 
I\ 

A 


ins. 
U„ 1, 1 


l ,,',, -'', 


X„X 


34 

-< 

I 


9 I0 9 
>- -< 


(I 

2 57 37 x 

■ 


65 

• 


'5 

■< — 


7" 


2 53 

— >- 


— 20 — 198 

) 

5 307 
< — <■ — 

— 14 — 198 


-475 -2 '8 

► .5' (5) 

201 199 

-< — V 

—458 —179 


-36 


-ig 


+ 22 


—149 


— 23(3 
15' (5.5) 

160 

— > 


—44 

29 


4' 


i i 


307 

-< 


218 

-< 


—24 




S 1 1 5 
-< -<- 


190 360 

V —> 




+ 4 


— - i 1 ' 


-47 ' 


-'35 


— 2 


3' 

— > 



+ 3 — '9 2 -37' 



4-10 



In den Strecken l l , X n A ist die innere negative Polarisation 
so schwach, dass auf zehnmal die Veränderungen der elektromoto- 
rischen Kraft dreimal positiv statt negativ ausfallen, d. h. überwogen 
werden durch zufällige andere Veränderungen, welche ihren Grund in 
den früher (II. 1. /. S. 1 1 52 ff.) erörterten, bei solchen Versuchen un- 
vermeidlichen Störungen haben. Der Mittelwerth aller zehn Zahlen ist 
14; man kann vorläufig annehmen, dass die im negativen Sinne 
davon ab weichenden höheren Zahlen gleichfalls auf solchen Störungen 
beruhten. 

Dagegen in den Lagen IX, l' A ( , X\, in welchen die Bussol- 
schneiden die Symphyse mit den daran grenzenden Muskelenden 
/.wischen sich haben, stösst man auf Zahlen, welche nicht bloss die 
mit zehn Grove am einfachen Sartorius, sondern zuweilen sogar die 
mit Einem Grove am Gracilis und dem Muskelpaare erhaltenen über- 
treffen. Es ist also klar, dass die Enden der Muskelbündel hier ebenso 
der Sitz besonders starker negativer Polarisation sind, wie an den 
Inscriptionen des Gracilis und des Semimembranosus. Man könnte 
meinen, dass dies von der grösseren Stromdichte in den kegelförmigen 
Muskelbündelenden an der Symphyse herrühre. Allein die starke 
Polarisation wird auch wahrgenommen, wenn man an der Symphyse 
soviel Stümpfe der benachbarten Muskeln stehen lässt, oder die Sym- 
physe sammt den Muskelenden mit einem so dicken Ring aus physio- 
logischem Thon umknetet, dass die Stromdichte gewiss nicht grösser, 
eher kleiner ist, als im Verlaufe der Muskeln zwischen /, und /. 
X n und A; und es ist sicher richtiger, in der hohen Polarisirbarkeit der 
natürlichen Sartoriusenden die Erklärung der ähnlichen Eigenschaft der 
Inscriptionem am Gracilis und Semimembranosus zu suchen, und somit 
beide Erscheinungen auf ein gemeinsames Princip zurückzuführen. 

Was die Symphyse selber betrifft, so ist ihr, wenn sie mit 
durchströmt wird, ein gewisser Antheil an der Polarisation frei lieh 
nicht abzusprechen. In der obigen Tabelle bemerkt man leicht, dass 



656 



Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 12. Juni. 



die Lagen l n \, in den Versuchen 2 — 5 zu starke Wirkungen liefern. 
Es erscheint in der Ordnung, dass diese Wirkungen so stark seien, 
wie die Summen der Wirkungen in den Lagen /5,2A; aber sie 
übertreffen diese Summen nicht unbeträchtlich, denn man hat 

(2) 471 = (236 + 135) + 100 

(3) 475 =(218+ 198)+ 59 

(4) 458 = (i 9 8+ 179)+ 81 

(5) 37 1 =('92 + 161) + 18. 

Es liegt nahe, die Ursache hiervon in der negativen Polarisir- 
barkeit der Symphysengewebe selber zu suchen, und der Versuch 
bestätigt diese Annahme, wie folgende Reihe zeigt, in welcher mittels 
der jederseits zwischen Symphyse und Bündelenden angelegten 
Bussolschneiden, also in der Lage <x. die Polarisation der Symphyse 
getrennt autgenommen wurde. Die Polarisation in der Lage <j ist 
unter der in der Lage /,/,,, durch eine wagerechte Linie davon ge- 
schieden, verzeichnet und durch fetten Druck hervorgehoben. 



Doppelsartorius. 



M 



//„ 


',- 


loq 


SV, 


V,X 


102 


103 


>- 


49 

>• 


43 


-< — 


46 


>- 












ny 




>- 


10' (14) 




47 

— >- 


'74 


255 
-< 

22 
-< 


85 
>- 


77 



P< +'49 



60 



-146 



68 



+ 3 6 +34 
-(■5' ('4) 



144 



'55 



57 



P 2 +107 — 30 



-264 



yo 4- 20 



"1, ',- 

) 

24 205 



.48 



SV 



■>i5' ('5) 



63 



I\ + 84 



6i 



'57 



64 



51 4- 6 



-('5' ('5) 



63 



43 



-356 



-'73 
-65 



->>5' («) 



63 



24 4-332 



72 



Die Reihe bietet in den Lagen ll ti und A ;/ A wieder grosse Un- 
regelmässigkeiten dar. da auf zehnmal die Polarisation sechsmal statt 
negativ, scheinbar positiv sich darstellt, zweimal Null ist. Dies hat 
hier nichts zu bedeuten, und um so regelmässiger tritt die negative 
Polarisation der Symphyse in der Lage 1 hervor, indem sie in den 



fünf Versuchen — 68. 



66, — 04, 



6^ 



62 beträgt, wenn sie 



auch, was nicht zu erwarten, nicht die Summen / i + i, Ä, zu den 
Werthen / /. ergänzt. 



E.öü Bois-Reymond: Secundäf-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. Ool 

Auch die ausgeschnittene Symphyse giebt negative Polarisation, 
wovon man sich mittels desselben Verfahrens überzeugt, welches uns 
zur Erforschung der Polarisirbarkeit der Patellarsehne gedienl liat 
(s. oben S. 044). Statt dieser klemmt man die Symphyse in den Spalt 
des Thonstengels ein. Dabei erhält man eine grössere negative 
secundär- elektromotorische Kraft als mit dem Thon allein, z. R. mit 
Kinem Grove nach 5' ohne Symphyse — 12, mit Symphyse — 42^''. 
Dass äussere Polarisation /wischen der Knochen- und Knorpelsubstanz 
der Symphyse und dem Thon dabei mitspiele, ist sehr Unwahrscheinlich, 
da. zu deren Erzeugung ungleich stärkere Ströme gehören. 

Dass die Polarisirbarkeit in den Bündelenden an der Symphyse 
zu suchen sei. geht sodann daraus hervor, dass nach Abtödten dieser 
Enden nur ein geringer Rest davon zurückbleibt, der zu einem kleinen 
Theil innere Polarisation sein mag, zu einem grösseren wohl von der 
Symphyse herrührt, auch wohl noch einen anderen Ursprung haben 
mag. wie unten im ^. 1 <i erhellen wird. Die folgende Tabelle zeigt 
das Verhalten, nachdem die beiden oberen Enden des Doppelsartorius 
nebst der Symphyse vor dem Versuch in ioo° heisses Olivenöl ge- 
taucht worden waren, während die beiden unteren Zipfel mit der 
Pincette empor gehalten wurden. 

In anderen Fällen geschah mit dem gleichen 
Doppelsartorius mit Erfolge die Abtödtung so. dass die Bündelenden 
abgetödteien oberen m jj. e i n( > nl j n 250° heisses Olivenöl getauchten 

En den. 

Holzstäbchen (einem Zündholze) berührt wurden, 

welches sich in dem Ole bräunte. Ich halte 

dies für eine bessere Versuchsweise als das von 

Anderen geübte Versengen mittels eines heissen 

!<jl _4- li Glasstabes, welcher die berührten Stellen aus- 

^1 .+ '3 ~ 3° —9.5 dörrt und den Widerstand erhöht, was das 

< '5' (3 8 ) heisse Öl jedenfalls in viel geringerem Grade thut. 

103 jp ^55 -g s gig^j. am jr rosc ] ie noch ein anderes 

P 2 —26 +10 — 8 Versuchsobject, welches zu denselben Wahr- 

) V20 ' (3") nehmungen Gelegenheit bietet, wie der Doppel- 

107 11 124 sartorius. Zwar der M. rectus abdominis, an 



l,~ 


/,,"'-., -'', 


M 142 


82 240 


IV ) 


>- 10' (; 



P~ —4 — 31 — 31 welchen man denken könnte, thut dies nicht; 
seine Muskell tauche sind zu kurz, und die schräge 
Verzerrung seiner Inscriptionen widersetzt sich der gehörigen Ab- 
leitung der sonst sehr ausgiebigen Polarisation. Wenn es bloss um 
Darstellung der Polarisation an sehnigen Scheidewänden sich handelte, 
an welchen Muskelbündel facettenförmig enden, könnte es, beiläufig 
gesagt, gar keine bessere Gelegenheit geben, als an den Ligg. inter- 
muscularia der Seitenrumpfmuskeln der Fische, wo eine lange Reihe 

Sitzungsberichte 1890. 58 



658 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 12-, Juni. 

von Inscriptionen , denen des Gracilis vergleichbar, folgweise durch- 
strömt würden. Das Versuchsobjecl am Frosche, welches ich meine, 
wird geboten durch den Cutaneus femoris, der sich ganz wie der 
Sartorius behandeln lässt. Man kann die beiden Cutanei so praepariren, 
dass ihre Beekenenden durch einen fibrösen Strang verbunden bleiben. 
Da der Querschnitt des Cutaneus nur etwa halb so gross ist wie der 
des Sartorius (vergl. II. i. /. S. i 164), sei muss, um ungefähr gleiche Strom- 
dichte zu erhalten, eine etwas grössere elektromotorische Kraft auf- 
geboten werden. Mit drei, auch mit zwei Grove und io' Sehliessungs- 
zeit erhielt ich in Lagen der Schneiden, welche denen am Doppel- 
sartorius entsprachen, ausserordentlich starke negative Polarisation. In 
der Lage //,. ä,,ä war sie so mächtig, dass sie den Verdacht erweckte, 
als kämen im Versuche des Muskels, etwa da wo er mit der Haut 
zusammenhängt, freie Bündelenden vor. 

§. 12. Vergleich der anodischen mit der kathodischen Polarisation 
der sehnigen Muskelenden. 

Im Vergleich zu den Versuchen am Gracilis kann man die am 
Doppelsartorius und Doppelcutaneus so auffassen, als hätten wir die 
Inscription des Gracilis in zwei Blätter gespalten, deren jedes nach 
seiner Seite zu an Muskelsubstanz stösst und uns die hier statt- 
findende Polarisation offenbart; da wir keinen Grund haben anzunehmen, 
dass im Gewebe der Inscription selber besonders polarisirbare Be- 
grenzungen vorkommen. Diese Anordnung hat uns also gestattet, die 
Polarisation an einer einfachen Grenze von Sehne und Muskel zu 
untersuchen. Allenfalls könnte dies auch an nur einem Sartorius ge- 
schehen, indem man der Symphyse den polarisirenden Strom zu-.* und 
nachmals den Polarisationsstrom davon ableitete. Der Doppelsartorius 
und Cutaneus bieten aber den grossen Vortlieil, dass in einem und dem- 
selben Versuche an zwei gleichnamigen Muskeln desselben Thieres mit 
gleicher Dichte und gleichem zeitlichen Verlaufe des polarisirenden Stro- 
mes, die Wirkung bei beiden Stromrichtungen zur Erscheinung kommt. 

Dabei giebf sich nun eine sehr auffallende Erscheinung kund, 
welche bei den Versuchen am Doppelsartorius vollkommen beständig 
wiederkehrt, aber auch am Doppelcutaneus nicht ausbleibt. Sie be- 
steht darin, dass anfangs die negative Polarisation zwischen Symphyse 
und Aequator, also in den Lagen l i % i XK i merklich stärker anstaut 
auf der Seid', wo der Strom die Bündelenden verlässt, als auf der, 
wo er sie betritt. Die kathodische negative Polarisation überwiegt 
entschieden die anodische. Für den Doppelsartorius zeigt sich dies 
sehr deutlich in den beiden obigen Tabellen. Am Doppelcutaneus 



E. du Bois-Reymond: Secundär-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben, 659 

verhielt sich in vier Versuchen nach der ersten Durchströmung die 
kathodische zur anodischen Polarisation wie — 244: — 70; — 407: — 43; 
287: X4: -218: — 52. Hier wird das Verhalten schon hei der 
zweiten Durchströmung unsicher, am Doppelsartorius erst nach mehreren 
Stromwechseln. Allein bei dieser Überlegenheit der kathodischen über 
die anodische negative Polarisation hat es sein Bewenden nicht. 
Sondern es kommt am Doppelsartorius sogar recht häufig vor, wie 
man es auch schon in den obigen Tabellen sieht, dass das erste Mal 
die anodische Polarisation statt negativ, positiv ist, dann aber negativ 
wird, und kleiner bleibt als die kathodische. 

Beim ersten Anblick erinnert diese Erscheinung an die oben S. 652 
am Gracilis beschriebene bei Ableitung des Polarisationsstromes vom 
vorderen Rande des Muskels oberhalb und unterhalb der Inscription, 
doch ist die Übereinstimmung nur eine scheinbare. Denn dort war 
bei 1 leiden Stromrichtüngen die Polarisation oberhalb der Inscription 
positiv oder schwächer negativ als unterhalb. Hier dagegen trifft 
dies immer nur auf der anodischen Seite der Symphyse ein. Immer- 
hin besteht zwischen beiden Fällen eine formale Ähnlichkeit. Ganz 
wie in dem Versuch am Gracilis kann man sich hier vorstellen, dass 
nicht die negative Polarisation auf der einen Seite schwächer ist als 
auf der anderen, sondern dass mit ihr zugleich eine bei Wiederholung 
des Versuches schnell sinkende, positive Polarisation besteht; dass 
man nur den Unterschied beider zu sehen bekommt, und dass dieser 
in günstigen Fällen anfangs positiv, später stets, und meist auch von 
vorn herein negativ ausfallt. Am Gracilis wird aber nur der An- 
schein positiver Polarisation durch den eigentümlichen Lauf von 
Stromcurven erzeugt, welche negativer Polarisation entspringen; hier 
dagegen hätten wir es mit wirklicher positiver Polarisation zu thun, 
von deren Ursprung noch wird die Rede sein müssen. 

§.13. Von der unächten inneren Polarisation am Doppelsartorius. 

Jetzt wenden wir uns zurück zu der Frage, vor der wir oben 
S. 652 stehen blieben, nach dem Grunde der am Gracilis ausserhalb 
des Bereiches der Inscription erscheinenden negativen Polarisation, 
welche uns zu stark erschien, um als ächte innere Polarisation gedeutet 
zu werden, und die wir deshalb vorläufig als unächte innere bezeich- 
neten. Diese Frage kann vielleicht von hier aus Licht erhalten, denn, 
wenn von der durchströmten Inscription im Gracilis negative Pola- 
risation über deren Grenzen sich ausbreitet, so darf man Ähnliches 
auch von der Polarisation an irgend welchen sehnigen Muskelenden, 
zunächst hier am oberen Ende der Sartorien erwarten. Dem Versuche 

58* 



660 



Sitzung der physikalisch -mathematisfcheii Olasse vom 12. Juni 



lässt sich eine doppelte Gestalt geben, welche schon nur Fig. 8 dar- 
gestellt sich findet. Es ist nämlich jetzt an der Zeit, die (ihrigen 
dort sichtbaren Bögen in Augenschein zu nehmen. Das erste Verfahren 
besteht darin, nach Analogie des Messungssystemes B am einfachen 
Sartorius, die Polarisation in den Lagen l,X, 2X mit der in den 
Lagen a, a zu vergleichen. Findet eine Ausbreitung statt, so muss 
der Potentialunterschied wachsen, wenn die dem Längsschnitt an- 
liegende Schneide weiter abgerückt wird. Dies kommt nun zwar vor, 
und dabei wächst gelegentlich nicht nilein die negative, sondern, wie 
folgendes Beispiel in der Reihe l\ zeigt, auch die positive Polarisation 
auf der Anodenseite der Symphyse; in fünf Fällen von acht indessen 
blieb der Erfolg aus. so dass man auf diesem Wege zu keiner Über- 
zeugung gelangt. 

Bei dem anderen Verfahren, nach 
Analogie des Messungssystemes A, prüft 
man die kleinen gleich langen Strecken 
ii. b, i-, il: a. ,3. y, d. welche jederseits 
von der Symphyse in wachsenden' Ab- 
ständen von ihr liegen, und vorher 
mit Drachenblut bezeichnet werden, 
auf Polarisation durch einen Strom, der 
zu schwach ist, um ächte innere nega- 
tive Polarisation zu erzeugen. Werden 
die Strecken polarisirt, so kann dies 
also nur durch Ausbreitung der Polari- 
sation von den Bündelenden an derSym- 
physe her geschehen, deren besondere 
Polarisirbarkeit ausser Zweifel steht. 



Du ppelsartoriu 
l, 1 a 

^3§_ J4 

III < 
[64 ' 155 



Pi + 1 26 +1 04 
)- 



84 8q 

->- — >- 

( 10' (17) 
3 '7 467 



4<)6 
-< — — -< 

-277 —341 

-< 

206 206 



-235 
) — 



-290 



-233 - 

- 10' (19) 

167 


373 

192 

— : y 


—150 - 

-( 10' (18) 
486 

-V 


-268 
5io 


— 319 — 

- 10' 08) 

223 

— >- 


-3" 


2 SO 
— '—> 



Doppel sartorius. 



28 

III. 
59 



127 



77 



4-3 1 4-4« ; +84 



20 1 13 
— v — >• 
-( 10' (57) 
323 213 



9 1 



'37 



ft +'3 



— 3 2 
93 



—92 



—303 —100 +38 
> io' (56) 

1 ]6 125 48 



64 



'43 



68 



P 3 - 5 " 
9 

P4+T 



69 



-'37 ~ 8S 

-< i5'(eo) 

2 1 4 207 



+74 



— > <— 



9 6 



3 -48 — S 3 



— 78 — 76 4-70 —45 

-> Vivo 

■49 '4Ö 43 -3 

—v — >- — >- -<— 

— 65 — 61 4-65 — 4 



E.dü Bois-Keymojjd : Secundär-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. 66 1 



Trotz vielen Unregelmässigkeiten scheint an der Ausbreitung der 
Polarisation wenigstens in die zunächst benachbarte Strecke kein 
Zweifel zu sein. Auch breitet sieh wieder positive Polarisation aus. 

Man kann denselben Versuch auch an den beiden unteren Enden 
des Doppelsartorius in der Art stellen, wie es Fig. 8 in den Bögen 



6 



<V\ «', ß', 
Doppel: 



y', d ' zeigl . 



M 



11. )- 



< — — >- 



49 — '/. — 3 



4 12 



94 



-8—2 

-( io' 



9 6 



4" 
— >- 



Pi — 133 —53 
) 

IQ 13 

■< — -< — 



-64 



28 



82 



-"5 —59 + 1 



16 



166 



■35 6 4 



->- — >- — > 



f A —154 —7 
) — 
'3 

Pc — 122 — 5 



—23 —öl 
— < 15' 

10 4 



— ' 94 



Obschon ein Theil der 
Bündelenden schon ausserhalb 
der Säulenschneiden und weit 
entfernt liegt, zeigt sieh doch 
auch hier die Ausbreitung der 
Polarisation, ja fast reiner als 
an den oberen Enden. Übrigens 
ist wieder die anodische nega- 
tive Polarisation schwächer als 
die kathodische, ganz wie an 
den oberen Enden des Sar- 
torius und des Cutaneus. 

Man könnte auf den Ge- 
danken kommen , dass die Aus- 
breitung der Polarisation vor- 
getäuscht werde durch freie 
Bündelenden, welche den sehni- 
gen Muskelenden nahe in grös- 
serer Menge vorhanden, als Hün- 
dische und kathodische Stellen, selber stark p'olarisirt würden. Doch 
wäre ein solches Verhalten sehr unwahrscheinlich schon im Hinblick auf 
Aeby's genaue und gründliche Untersuchung des Sartoriusbaues. 1 Er 
körinte es bei seinen äusserst zahlreichen Beobachtungen unmöglich über- 
sehen haben. Um vollends sieher zu gehen, bat ich Hrn. Dr. Benda 
den Sartonus nochmals ausdrücklich auf diesen Punkt zu untersuchen. 
Er löste den Muskel mittels des bekannten Gemisches von Salpeter- 
säure und krystallisirtem Chlorsäuren Kali in seine Bündel auf, und 
breitete ihn auf dem Objecttrager so aus, dass man die sämmtlichen 
oberen Bündelenden in gleicher Höhe nebeneinander vor sich hatte. 
Beim ersten Blick erkennt man hier und da zwischen den stumpfen 
auch scheinbar spitze Bündelenden, und sie konnten den Anschein er- 
wecken , als sei unsere Vermuthung gegründet. Doch liegen sie viel 
zu sehr in gleicher Höhe mit den stumpferen Enden, um mit ihrer 



->■ '5' (39) 



59 '39 



-55 — '3 1 



S. 198. 



1 Henle und Pfeifer. Zeitschrift für rationelle Medicin. 1802. 3. Reihe, Bd.XIV, 



Iili'2 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 12. .Tuni. 

Hülfe die Ausbreitung der Polarisation über makroskopische Strecken 
erklären zu können, und wenn man die scheinbaren Spitzen tiefer 
in 's Innere verfolgt, zeigl sich, dass sie nichts anderes sind, als ge- 
wöhnliche aus der gemeinschaftlichen Sehne losgelöste Enden dünnerer 
Muskelbündel. 



§. 14. Von der Polarisation an den sehnigen Muskelenden und 
ihrer Ausbreitung im Muskelbündel. 

Lassen wir also fortan, und Ins auf Weiteres, die Ausbreitung 
der Polarisation von den Muskelenden aus in den Bündeln . oder den 
Anschein einer solchen, als eine nette Thatsache gelten. Diese Aus- 
breitung erklärt hinreichend das oben ausführlich behandelte Ver- 
halten am Gracilis. nämlich die auflallend starke negative Polarisation 
in den Strecken zwischen der Inscription und den Säulenschneiden, 
welche wir unächte innere Polarisation nannten. Sie erklärt vielleicht 
auch die auftauend starke Polarisation, welche sich am Doppelcutaneus 
in den am Doppelsartorius mit //,,, ? V A bezeichneten Strecken zeigt. 

Dagegen könnte es jetzt fraglich erscheinen, ob nicht alle unsere 
Ermittelungen über die ächte innere Polarisation der Muskeln hin- 
fällig geworden seien, insofern was wir dafür ansprachen, vielleicht 
nichts war als von den Säulenschneiden her sich ausbreitende Pola- 
risation der Bündelenden. Die negative Polarisation in der Aequatorial- 
zone des Sartorius, der Strecke -S,,, des Messungssystemes A, fallt nicht 
bloss eben so stark aus. wie die Polarisation in den Strecken d c .d p 
zunächst den Säulenschneiden, sondern unter Umständen sogar stärker. 
wie man dies in den Tabellen II. 1. /. S. 1 150 sieht, wo im ersten Bei- 
spiele das Mittel der P für d , — 56.3, für d. . 33.8, im zweiten 
Beispiele das erstere Mittel — 100.0. das zweite —58.5 beträgt. Es 
läge nahe, dies darauf zu deuten, dass von beiden Säulenschneiden 
aus in Bezug auf den primären Strom negative, also einander gleich- 
gerichtete Polarisationen bis zur Aequatorialzone sich erstrecken und 
dort sich summiren. Indess damit die Summe in $ m die einzelnen Sum- 
manden in 6 C . d p übertreffe, müsste die Polarisation bis zur Strecke 8 m 
um weniger als die Hälfte abnehmen. In den Versuchen mit nur Einem 
Grove nahm sie sichtlich um viel mehr ab. Man könnte einwenden, 
dass in den Versuchen über innere Polarisation am einzelnen Sar- 
torius zehn Grove angewendet wurden. Allein hier befanden sich 
die sehnigen Enden nicht einmal sicher und gleichmässig auf der Bahn 
des Stromes, und am Muskelpaare erwies sich die negative Polarisation 
atis noch zu untersuchenden Gründen mit Einem Grove stärker als 



E.dv Bois-Keymond : Secundär-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. 6G3 

mit zehn. Wie dem auch sei, für das Bestehen der ächten inneren 
negativen Polarisation spricht unwiderleglich, dass sie auch am ab- 
gestorbenen oder verbrühten Muskel nachgewiesen wurde, und vor 
Allem, dass sie nicht minder sich zeigte, wenn die Säulenschneiden 
den abgetödteten Enden des Sartorius anlagen. 

So käme es denn nun darauf an, uns eine Vorstellung zu bilden 
von dem, was in den durchströmten sehnigen Muskelenden vor sich 
geht und mit abnehmender Stärke über makroskopische Strecken sich 
ausbreitet; in Folge wovon in den Bündelenden und den benachbarten 
Strecken säulenartig angeordnete negative elektromotorische Kräfte 
rege werden und eine Zeitlang mit. abnehmender Stärke wirksam 
bleiben. 

Zunächst ist nochmals zu betonen (s. oben S. 645), dass nicht 
daran zu denken ist, die am sehnigen Ende stattfindende Polarisation 
dem dort die Bahn des Stromes durchsetzenden Sehnengewebe als 
solchem zuzusehreiben. Nicht allein haben wir in schematischen Ver- 
suchen die Polarisirbarkeit des Sehnengewebes zu gering gefunden, 
um sie so zu verwerthen, sondern die Ausbreitung der Polarisation 
den Muskelbündeln entlang widerstreitet vollends solcher Auflassung. 
Der Sitz der Polarisation am sehnigen Ende ist vielmehr zweifellos 
zu suchen in der parelektronomischen Schicht oder Strecke, und die 
einzige Art, diese Erscheinungen an .schon Bekanntes zu knüpfen, 
würde sein, sie auf negative Schwankung wegen Zusammenziehung 
zurückzuführen, sei's dass sie eine Nachwirkung solcher Schwankung, 
sei's dass sie die eine Dauererregung begleitende Schwankung selber 
seien. 

Das Erste, was hier geschehen muss. ist offenbar, die Erscheinungen 
der Zusammenziehung zu beobachten, welche etwa mit den seeundär- 
elekt roinotorischen Erscheinungen Hand in Hand gehen. Bei der bis- 
herigen Versuchsweise war dies unausführbar, weil sie eine Spannung 
des Muskels voraussetzt, wobei seine Zusammenziehung unmerklich 
wird. Man kann aber so verfahren, dass man den polarisirenden 
Strom durch den Muskel schickt, genau wie bei den Polarisations- 
versuchen, und statt der elektromotorischen Wirkungen die etwaigen 
mechanischen Reizerfolge beobachtet. Dazu wurde der eine Muskel 
eines curarisirten Doppelsartorius in 50 warmer physiologischer Stein- 
salzlösung abgetödtet, der Doppelsartorius, wie früher wagerecht und 
mit seinen Flächen in senkrechter Ebene, diesmal alter zwischen zwei 
sehr schwach belasteten Zuckungstelegraphen aufgestellt, und der 
Aequator des lebendigen Muskels mittels zweier Igelstacheln auf einer 
Korkleiste festgesteckt. So konnten Zuckungen der oberen und der 
unteren Hälfte des lebendigen Sartorius einzeln sicher wahrgenommen 



liüd Sitzung der physikalisch -mathematischen Ciasse vom 12. Juni. 

werden, während der todte nur zur Zuleitung des Stromes in derselben 
Art diente, wie sie in den Polarisationsversuchen stattgefunden hatte. 
Diese Vorrichtung stellt Hrn. Hering's Doppelmyographion an Fein- 
heit freilich nach, doch reichte sie nach den Erfahrungen, die ich 
schon vor langer Zeit damit machte (s.obenll.i. 7.S. i i 39), für den gegen- 
wartigen Zweck völlig aus. Um dem zuckungsfähigen Muskel den 
Strom in derselben Art zuzuführen, wie in den Polarisationsversuchen, 
wurde ferner über dem Zipfel jedes der beiden Sartorien von einem 
Faden getragen ein sattelförmig gebogener Thonstengel von der rund- 
lichen Form (IL 1. 1. S. 1 142) gehängt, dessen freie Enden in ein Gefäss- 
mit Zinksulphatlösung tauchten, welches zur Verbindung mit der pola- 
risirenden Kette eine verquickte Zinkplatte enthielt. Die angewendete 
Stromdichte und die Schliessungszeiten waren dieselben wie bei den 
Polarisationsversuchen. Ein Grove und 10 — 15 Minuten. Bei gleicher 
Leistungsfähigkeit mussten also im AVesentlichen dieselben mechanischen 
Reizerscheinungen eintreten, die möglicherweise bei den Polarisations- 
versuchen. der Beobachtung entzogen, zugegen gewesen waren. 

Leider muss gesagt werden , dass trotz aller Sorgfalt das Ergeb- 
niss dieser Versuche nicht so beständig ausfiel, wie zu wünschen 
gewesen wäre. Es kamen Unregelmässigkeiten vor, am oberen Ende 
vielleicht bedingt durch Beeinträchtigung seiner Erregbarkeit beim 
Verbrühen des anderen Sartorius, am unteren Ende durch eine 
etwas verschiedene Lage des stromzuführenden Thonstengels. In 
den scheinbar gelungensten Versuchen erfolgte beim ersten Schliessen 
nichts: heim Offnen nach zehn Minuten starke anodische Zuckung. 
heim Schliessen zum entgegengesetzten Strom starke kathodische, 
sehwache anodische Zuckung; heim (Minen nur noch spurweise ano- 
dische Zuckung; und von hier ab nichts mehr als das classische Bild der 
sogenannten VoLTA'schen Abwechselungen. 1 nämlich nichts heim (Minen 
und Schliessen des längere Zeit geschlossen gehaltenen Kreises, aber 
beim Schliessen nach Umlegen der Wippe gelegentlich noch lebhafte, 
besonders kathodische Zuckung. Von Dauererregung, welche bei Hering 
und Biedermann eine grosse Rolle spielt, sah ich nie eine Spur. 

Es kommt indess auf die Besonderheiten im Gange der Erschei- 
nungen nicht an. Sondern das Wesentliche daran für uns ist dies, 
dass zwischen den mechanischen Reizerfolgen und der Polarisation 
durchaus keine solche Beziehung obzuwalten scheint, wie sie nöthig 
wäre, um die Polarisation als Nachwirkung negativer Schwankung 
oder als negative Schwankung seiher aufzufassen. Nach einer Anzahl 
von Strom wechseln , nach welcher die Polarisation noch völlig aus- 



Untersuchungen u. s. w. Bil. 1. .S. 3G5 fl". 



E.Dti Bois-Reymond: Secundur-elektromot. Erschein, ah elektr. Geweben. 665 

gebildet erscheint, wird jede Spur einer Öffnungszuckung vermisst, 
die doch allein die negative Schwankung hinterlassen könnte, als 
welche wir die Polarisation erkennen möchten. Dass keine Dauer- 
eiTegung dazu sich darbiete, wurde erst eben angeführt. 

Allein noch aus Minieren Gründen scheiterl die Bemühung, die 
negative Polarisation der Bündelenden auf negative Schwankung wegen 
Zusammenziehung zurückzuführen. Ich will hier in die Erörterung 
darüber, wie örtliche Zusammenziehung der Bündelenden die elektro- 
motorische Wirkung- des Muskels verändern müsse, nicht eintreten. 
Es können darüber die Meinungen auseinandergehen, doch ist auch 
dieser Punkt für die gegenwärtige Frage zunächst gleichgültig. Denn 
während daran kein Zweifel zu sein scheint, dass die elektromotorische 
Wirkung der Zusammenziehung die nämliche sein werde, gleichviel 
ob das gereizte Bündelende Anode oder Kathode sei. wechselt ja im 
Gegentheil die Polarisation ihre Richtung mit dem Strome, da sie 
immer diesem entgegengesetzt , negativ bleibt. Allerdings landen wir. 
dass die anodische Polarisation anfangs bisweilen positiv war. dass 
sie im weiteren Versuch zwar negativ wurde, jedoch noch lange 
schwächer blieb, als die kathodische. Der Augenschein drängte zu 
der Vorstellung, dass hier zwei Wirkungen, eine positive und eine 
negative, zugleich vorhanden seien, deren erstere anfänglich die Ober- 
hand habe, sie aber im ferneren Verlauf mehr und mehr einbüsse. 
Da in derselben zeitlichen Folge die anodische Öffnungszuckung ver- 
seil windet, so liegt es nahe, die positive Polarisation mit dieser 
Zuckung in Verbindung zu bringen. 

Hr. Hering lässt sehr schwache Ströme sowohl an der Anode 
wie an der Kathode negative Polarisation geben, starke und länger 
dauernde Ströme dagegen an der Anode positive Polarisation. 1 Er 
kommt überall mit seiner 'Alterirung' durch, welche die "abernte 
Muskelsubstanz nach Bedürfniss bald positiv, bald negativ gegen die 
nicht alterirte macht; eine um so bequemere Auskunft als die •Alte- 
rirung' ohne irgend einen sichtbaren mechanischen Reizerfolg zugegen 
sein kann, und ein empfindlicheres Mittel als die Zusammenziehung 
selber abgiebt, um die Einwirkung des Stromes auf die Muskelsub- 
stanz wahrzunehmen (vergl. II. i. /. S. 1160). Wie sich diese Lehre 
mit der des Hrn. Hermann verträgt, zu welcher doch Hr. Hering aus- 
drücklich sich bekennt, wonach aber, soviel ich weiss, \altcrirtes" 
Protoplasma stets negativ gegen nicht' 'alterirtes' sich verhalten soll. 
finde ich bei Hrn. Hering nicht erklärt; doch mag ich. in der Fülle 
seiner Mittheilungen, die Stelle übersehen haben. 



Dreizehnte Mitth. A.a.O. 1883. Bd. LXXXVIII. S. 422. 



666 Sitzung der physikalisch -mathematischen Ciasse vom 12. Juni. 

Noch eine Schwierigkeit widersetzt sich der Zurückfährung der 
negativen Polarisation auf negative Schwankung des Muskelstroms, 
das ist die viel zu grosse Stärke der rrsteren. Nach meinen Erfah.- 
fungen beläuft sich die negative Schwankung nach stärkstem mittel- 
barem Tetanus nur auf die Hälfte der Muskelstromkraft zwischen 
natürlichem Längs- und künstlichem Querschnitt. Sie ist dabei absolut 
grösser als die Schwankung mit natürlichem Querschnitt. Die Nach- 
wirkung mit künstlichem Querschnitt kann nach Hermann Roebee etwa 
ein Fünftel der Muskelstromkraft betragen; bei natürlichem Querschnitt 
verharrt in einigen Fällen die Stromkraft auf der Stufe, wie im Tetanus 
selbst. 1 Die mittlere Stromkraft des Sartorius beläuft sich bei dem 
Zustande des Compensators während der obigen Versuche, auf 2 66 esr . 
Danach könnte die grösste negative Schwankung, vollends die grösste 
Nachwirkung einer solchen, höchstens 133'"' gleichkommen; und diese 
Zahl dürfte schwerlich je erreicht werden. Ein Blick auf unsere 
Tabellen zeigt nun aber eine Menge Zahlen, welche jene viel weiter 
übertreffen, als schon sie selber von der Wahrscheinlichkeit abweicht» 
Die anodische positive Polarisation erreicht zwar solche Höhe nicht, 
aber wir bekommen auch nur den Unterschied zwischen ihr und der 
negativen Polarisation zu sehen. Wie dem auch sei, selbst sie getraue 
ich mir. in Ermangelung eines hinreichenden Tetanus um sie zu 
erzeugen, noch nicht als die bekannte Nachwirkung negativer Schwankung 
anzusprechen, und wir müssen auf eine andere Auskunft bedacht sein. 

Eine Vermuthung steht noch offen , welche sichtlich viel für sich 
hat. Der Anschein einer Ausbreitung der Polarisation am Doppelsartorius 
könnte daher rühren, dass in der Nähe der Symphyse und der 
Säulenschneiden die Stromfaden noch nicht parallel der Axe der Bündel 
verlaufen, dass sie noch vielfach seitliche Begrenzungen der Bündel 
überschreiten, und dass solche anodische und kathodische Stellen Avie 
die Bündelenden seiher als Sitz von Polarisation sich verhalten mögen, 
wie ja auch von ihnen polare Erregung der contractilen Substanz 
ausgeht. Diese Erklärung würde uns der Nöthigung überheben, der 
wir sonst nicht ausweichen könnten, einen neuen elektrischen Zustand 
der lebenden Muskelsubstanz anzunehmen, einen dritten neben der 
negativen Schwankung und ihrer Nachwirkung und neben der ächten 
inneren Polarisation. Das beängstigende Gespenst der unächten inneren 
Polarisation wären wir los. Es würde sich nur noch darum handeln, 
herauszubringen, was an den anodischen und kathodischen Stellen des 
Bündetumfanges vor sieh gehe, oh dieser Vorgang einerlei sei mit dem 
freilich auch noch unverstandenen an <\cn Bündelenden, und was seine 



1 Gesi ilte Abhandlungen 11. s. u . Bd. 11. .S. 4 1 j. 423. 424. 537. 



E. du Bois-Reymond : Secnndär-elektromot. Erschein, an elelitr. Geweben. 66 I 

Beziehung zu der von Hrn. Hermann erkannten queren Polarisation 
des Muskels sei. 

Ein erstes Bedenken gegen diese Auffassung entspringl jedoch 
daraus, dass, wie wir fanden, die geknickte Lage der Bündel in einem 
schlaffen Muskel dessen Polarisirbarkeit im Vergleich zu der eines ge- 
spannten, wenn überhaupt, kaum merklich erhöht (II. i. /. S. i t 54 ff.). 
Ein zweites Bedenken wäre, dass die Erklärung nicht zn passen 
scheint auf die Ausbreitung der Polarisation von der [nscription des 
Gracilis aus, wo man meinen sollte, die Stromladen müssten der Axe 
der Bündel so parallel verlaufen wie nur möglich (s. oben S. 644). 
Aber vielleicht rührt hier das. was wir unächte innere Polarisation 
nannten, gar nicht von der Inscription hei', sondern allein von den 
Säulenschneiden. 

Jedenfalls wird es, um eine breitere Grundlage für diese Erörterung 
zu gewinnen, nöthig sein, die polai'isirenden Ströme noch in anderer 
Art alizuändern als bisher, wie auch die Polarisation beim Ein- und 
Austritt des Stromes am Längsschnitt mit der am natürlichen Quer- 
schnitt zu vergleichen, was mit grossen Schwierigkeiten verknüpft 
sein wird. Zunächst jedoch ist noch von einigen, die innere negative 
Polarisation der Muskeln betreffenden Angaben anderer Forscher 
Kenntniss zu nehmen. 



§. 15. Hrn. Hermann's Versuche über die innere negative 
Polarisation der Muskeln. 

Mittlerweile hat nämlich Hr. Hermann die Polarisation der Muskeln 
zum Gegenstand einer umfangreichen Untersuchung gemacht, 1 welche 
ihn dazu führte, die Wirklichkeit der inneren negativen Polarisation 
anzuerkennen und gegen Hrn. Hering in Schutz zu nehmen. 

Hr. Hermann verwirft, ich begreife nicht aus welchem Grunde, 
den Namen der inneren Polarisation, den ich, im Gegensatz zur 
äusseren Polarisation an der Grenze von Elektrolyten, der von mir 
entdeckten Erscheinung gab; Er will sie 'Infiltrationspolarisation' 
genannt wissen. Abgesehen von ihrer Schwerfälligkeit und Unnütz- 
lichkeit erscheint mir diese neue terminologische Schöpfung des Hrn. 
Hermann als keine glückliche, da das Wort auch so verstanden 
werden kann, als entstehe die innere Polarisation durch Infiltration, 
und da man von den naturgemäss Flüssigkeiten im Inneren beher- 
bergenden thierischcn und pflanzlichen Geweben doch nicht sagt, sie 



Pflüger's Archh a. s. w. Bd. XLII. 1888. S. 1 ff. 



668 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 12. Juni. 

seien infiltrirt, was so klingt, als sei die Flüssigkeit von aussen 
eingedrungen. 

Hrn. Heemann's Verfahren, um die Polarisation der Muskeln zu 
untersuchen, bestand darin, dass er dem Muskel ein Paar Doppel- 
elektroden (s. II. i. /. S. i 1441 seit licli anlegte, und durch sie den pola- 
risirenden Strom zuführte, sowie den Polarisationsstrom ableitete. Die 
Muskeln waren nicht curarisirt. In der Mehrzahl der Versuche rührte 
der polarisirende Strom von nur Einem Daniell her. wurde noch durch 
Nebenschliessung geschwächt und dauerte nur 5 Secunden, höchstens 
5 Minuten. Den Gebrauch starker Ströme müsse man durchaus ver- 
meiden, um den Öffnungsactionsstrom zu umgehen, d. h. in Hrn. 
Heemann's Kunstsprache, die Nachwirkung der von der Anode aus- 
gehenden negativen Schwankung. 

Damit wäre unseren obigen Ergebnissen über innere negative 
Polarisation am einzelnen Sartorius der Stall gebrochen, wenn nicht 
aus den dargelegten Gründen bestimmt folgte, dass unsere innere 
Polarisation nichts mit der polaren Erregung des Muskels zu schaffen 
habe, und wenn nicht gerade umgekehrt Hrn. Hermann's Versuchs- 
weise ganz ungeeignet dazu schiene, über die Polarisirbarkeit der 
Muskeln ins Klare zu kommen. Denn Hr. Hermann hatte bei seinem 
Verfahren stets die anodischen und kathodischen Stellen am Muskel 
im Bussolkreise, und die Trennung der an diesen stattfindenden po- 
laren Wirkungen und der inneren Polarisation war dabei unmöglich. 
Stets hatte er es zu thun mit der Summe: 1. der nach Hrn. Hering 
bei sehr schwachen Strömen an der Anode stattfindenden negativen 
Polarisation (s. oben S. 665); 2, der gleichfalls von Hrn. Hering nach- 
gewiesenen negativen kathodischen Polarisation , welche beide auch in 
unseren obigen Versuchen am Doppelsartorius sich zeigten; 3. der 
wahren inneren negativen Polarisation der Muskelbündel; 4. der von 
Hrn. Hermann selber zuerst beschriebenen queren Polarisation der 
Muskeln. So verfährt aber Hr. Hermann nicht bloss am Sartorius und 
am Abductor magnus, sondern sogar am Gracilis, ohne sich um die 
Inscription zu kümmern. Ich begreife nicht, wie er angesichts der ihm 
doch wühl bekannten Aufstellungen Hrn. Hering's, und der von diesem 
an meinen Versuchen am Muskelpaare geübten Kritik, sich bei seiner 
Versuchsweise beruhigen konnte, ohne auch mir mit einem Worte 
die dawider sprechenden Bedenken zu erwähnen, überlasse es aber 
billig Hrn. Hering, welcher ja sonst Hrn. Hermann treue Ileeresfolge 
leistet, sieh weiter mit ihm darüber auseinanderzusetzen. 

Seiner eigenen Warnung zum Trotze kommen übrigens bei Hrn. 
Hermann doch auch Versuche, und zwar am Sartorius, mit 18 Zink- 
kohleelementen und 10 Minuten Schliessungszeit vor, ohne dass vom 



E. du Bois-Reymond : Secundäi'-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. 669 

anodischen 'Offnungsactionsstrom' weiter die Rede wäre. Wie dem 
auch sei. die rohe Summe der secundär- elektromotorischen Wirkun- 
gen zwischen den Doppelelektroden bezeichnet Hr. Hermann schlecht- 
hin als Polarisation des Muskels, und untersucht sie mit einem mächti- 
gen Rüstzeug scheinbar höchst exacter Methoden. Schade nur, dass 
diese Bemühungen nicht an eine mehr eindeutige und durchsichtige 
Erscheinung gewandt werden. Vor Allem liess er sich angelegen 
sein, den Polarisationsquotienten Q zu bestimmen, <!. h. das Ver- 
hältnis* P/I, wo die Polarisation P in Volt, die Stromstärke in Am- 
pere, folglich Q in Olim ausgedrückt werden. 

Allein ich irre mich sehr, oder Hr. Hermann vernachlässigt 
dabei die Hauptsache, nämlich dass es hei der Polarisation nicht 
einlach auf die Stromstärke ankommt, sondern auf das. was wir 
h ergebrachter Weise mit dem vor fünfzig Jahren von Moritz Jacobi 
vorgeschlagenen," etwas uneigentlichen Ausdruck als Stromdichte be- 
zeichnen. Es heisse die elektromotorische Kraft der Polarisation in 
einem gegebenen Falle P, der wahre Polarisationsquotient A. der 
Querschnitt, in welchem A zu bestimmen ist, q, die Dichte A. so 
ist K nicht gleich PI. sondern P/A, wo A — //</, oder da (s. oben 
S. 640). 

E k E P(Wq+<rL) 

A — -— — , woraus K — 



m <tL Wq + <tL' E 

W-] 1 

1 

sicli ergiebt. Ich verstehe um so weniger, wie Hr. Hermann bei seiner 

Autfassung des Polarisationsquotienten beharren konnte, als er in einer 
früheren Arheit. auf welche er sich in der gegenwärtigen sonst mehr- 
fach beruft, von der specirischen Polarisirbarkeit ganz richtig sagt: 
»So kann man füglich den Quotienten: Polarisation Stromdichte be- 
zeichnen«, 2 und als er auch jetzt den Einfluss der Dichte auf die 
Polarisation gelegentlich wohl in Betracht zieht.'' 

Es ist, nebenher gesagt, eine Lücke in dem von dem internationalen 
Elektriker- Congress zu Paris .1881 aufgestellten C. G. S. - System elek- 
trischer Maasseinheiten, dass die Dichte des Stromes leer auseine-, 
welche bei der Elektrolyse, der Polarisation, den Reizversuchen, der 
Elektrotherapie so oft eine entscheidende Rolle spielt. Es hätte eine 
Einheit der Dichte, etwa ein Ampere im Quadratcentime ter, gewählt 
und mit einem passenden Namen belegt werden müssen. Freilich 
wird es keine leichte Aufgabe sein, die Stromdichte in so unregel- 



1 Poggendorff's Annalen u. s. w. 1839. Bd. XLVIII. S. 44. 

2 Pflügeh's Archiv u. s. w. Bd. V. 1872. 8. 241). Anm. 1. 

3 Ebenda, IUI. XXII. 1SS8. S. 32. 



670 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 12. Juni. 

massig gestalteten Leitern zu bestimmen, wie sie die Versuchsobjecte 
der Elektrophysiologie fasl stets, die Heilobjecte der Elektrotherapie 
ausnahmslos darstellen. Liegen beispielsweise dem Muskel seitlieh 
stromzuführende Thonspitzen an. so nimmt die Dichte von der Be- 
rührungsfläche in das Innere hinein ab in dem Maasse. wie die höchst 
verwickelt gekrümmten, stetig ihre Richtung ändernden isoelektrischen 
Flächen an Grösse zunehmen, bis endlich diese Flächen mit dem Queiv 
schnitt des Muskels mehr oder weniger genau zusammenfallen. Sogar 
dann aber bleibt, wie schon II. 1. /. S. i 148 bemerkt wurde, der Flache 
des Muskels entlang, welcher die Spitzen anliegen, wegen grösserer 
Kürze der Stromfaden die Dichte etwas grösser als längs der anderen. 
Natürlich giebt es zahlreiche Fälle, wie wir selber solchen fort- 
während begegnet sind, wo bei constantem 7 in einem und demselben 
Polarisationsobject, oder gleichem q, oder überhaupt gleicher Grösse 
und Gestalt zweier zu vergleichenden Polarisationsobjecte, auch die 
blosse Bestimmung des Quotienten Pjl schon zu lehrreichen Auf- 
schlüssen führen kann. Hr. Hermann findet, dass sein Polarisations- 
quotient im Bereiche schwacher Ströme annähernd proportional der 
Stromstärke, in dem starker Ströme langsamer wächst. Er wächst 
ferner mit der Schliessungszeit fast unbegrenzt, wenn auch mit ab- 
nehmender Geschwindigkeit, und hierzu bemerkt Hr. Hermann, es 
••landen sich schon bei mir manche Andeutungen« solchen Verhaltens. 
In meiner Abhandlung über die Erscheinungsweise des Muskel- und 
Nervenstroms u. s. w. heisst es von dem Ausschlag durch die negative 
Polarisation, welche Ströme von der Ordnung des Muskelstromes er- 
zeugen: «Dieser Ausschlag wächst mit der Dauer der Durchströmung«. 1 
Der §. VIII meiner ersten Mittheilung 'über secundär- elektromoto- 
rische Erscheinungen' ist überschrieben 'Graphische Darstellung und 
Discussion der Polarisationscurven bezogen auf die Schliessungszeit'; 
ein schematisches Curvenbild zeigt, wie die negative Polarisation 
mit der Schliessungszeil wuchst, und auf S. 355 ist davon auch ein 
numerisches Beispiel gegeben. Dasselbe Gesetz wird in dem Curven- 
bilde zu §. IX. 'Von den Polarisationscurven bezogen auf die Öffnungs- 
zeit', vorgeführt. So bestimmte Angaben anderer Forscher nennt 
Hr. Hermann »Andeutungen«. Wenn er gesagt hätte, dass meine 
Annähen über das Wachsen der Polarisation mit der Schliessungszeit 
dadurch verdunkelt seien, dass sie mit [nscriptionen versehene Muskeln 
betreffen, so wäre diese Ausstellung an und für sieh nicht unbe- 
rechtigt gewesen, nur dass seine eigenen Versuche, wegen der seit- 
lichen Zu- und Ableitung durch Doppelelektroden, auch nicht rein 



Gesai elte Abhandlungen u. s. w. Bd. II. S. 191. 192. 



E. du Bois-REYMOND: v Secundär-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. b / 1 

sind. Übrigens fallt das Wachsen der inneren negativen Polarisation 
der Muskeln mit der Schliessungszeil beim ersten Anblick und bei jeder 
Gelegenheit dermaassen in die Augen, versteht sich auch nach der 
Analogie mit der Polarisation der feuchten porösen Ealbleiter so von 
selbst, dass ich es nicht für nöthig hielt, im Vorigen noch ausdrück- 
lich davon zu handeln. 

Um die Abhängigkeit der Polarisation von verschiedenen Um- 
ständen zu erforschen, bediente sich Hr. Hermann wieder des schönen, 
was er nicht zu wissen scheint, von Poggendorff angegebenen Kunst- 
griffes, die beiden hinsichtlich ihrer Polarisirbarkeit zu vergleichenden 
Objecte zuerst in demselben Säulenkreise zu polarisiren, dann in dem- 
selben Bussolkreise einander entgegenzusetzen. 1 So werden Wider- 
stand und Zeit eliminirt . und der Sinn des Ausschlages zeint ohne 
Weiteres an, welches Objecl das mehr polarisirbare sei. 3Iittels dies.es 
Verfahrens untersuchte Hr. Hermann den Einfluss des Durch strömungs- 
winkels, der Streckenlänge, der Zuleitung durch den künstlichen Quer- 
schnitt und der Temperatur; auch verglich er die Polarisirbarkeit der 
Muskeln mit der der Nerven und anderer Gebilde. 

Uns gehen unter diesen Versuchen hier zunächst diejenigen näher 
an. welche Hrn. Hermann bewogen, eine innere negative Polarisation der 
Muskeln anzunehmen. »Bei gewöhnlicher lateraler Zuleitung«, saut 
er, »zeigt sich eine unzweifelhafte Zunahme des Quotienten PI mit 
"der Streckenlänge, wie folgende Beispiele zeigen.« Es folgen drei 
Versuche am Gracilis, in denen unter sonst gleichen Umständen der 
Abstand der Doppelelektroden bald gross, bald klein gewählt wurde: 
Der grössere Abstand betrug 22 — 31, der kleinere 5 — -<)""". Die 
Polarisation erschien im ersteren Falle stärker als im letzteren. Nach 
unseren obigen Ermittelungen ist wegen der Enscription am Gracilis 
dies Ergebniss für die Frage nach der inneren Polarisation völlig 
werthlos, und es ist, ich wiederhole es, nicht zu begreifen, wie 
bei dem heutigen Stande der Kenntniss Hr. Hermann auch nur 
einen Augenblick dabei verweilen konnte. Er macht aber gar keinen 
Unterschied zwischen diesen Versuchen und zwei anderen, zu welchen 
regelmässige monomere Muskeln in folgender Art verwendet wurden. 
»Der aufgespannte Muskel wurde an zwei Stellen mit einem Messer- 
»rücken quer durchquetscht, auf diese Stellen zwei kleine Holz- 
»keile mit ihren Schneiden fest aufgesetzt, und die Thohspitzen diesen 
»Keilen angedrückt. Die Holzkeile waren durch Kochen in verdünnter 
»Schwefelsäure mit dieser getränkt.« So wurden zwei Adductores 
maerni und zwei Sartorien behandelt. An dem einen Adductor be- 



1 Poggendorff's Annalen 11. s. w. 1844. Bd. LXI. S. 612 II". 



672 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 12. Juni. 

trug der Abstand der Keile 20, an dem anderen ()""" und die Quo- 
tienten Pjl verhielten sich wie 2-1:1. An den Sartorien waren die 
entsprechenden Zahlen 27""": 9""" und 1 • 6 : -i - 1 

Das sind die Erfahrungen, auf welche hin Hr. Hermann »es 
»für mindestens sein- wahrscheinlich hält, dass ein gewisser Theil 
»der Polarisation der Muskeln wirkliche innere . . . ist.» 2 Sein Ver- 
fahren, wobei nicht einmal verschieden lange Strecken desselben 
Muskels verglichen wurden, und die mit Schwefelsäure getränkten 
llolzkeile eine ebenso bedenkliche wie unnütze Verwickelung- ein- 
führten, hat schwerlich irgend einen Vorzug vor dem von mir an- 
gewandten, und ich glaube nicht, dass seine beiden Versuche die 
Sehaar der meinen entwerthon. 

Den Durchströmungs winkel anlangend bestätigt Hr. Hermann 
seine frühere Angabe, dass der querdurchströmte Muskel viel stärker 
polarisirbar ist als der längsdurchströmte. Auf seine Veranlassung 
hatte dann schon Hr. Franz Boll mittels derselben Versuchsweise, 
PoGGENDORFF'scher Umschaltung- und Doppelelektroden, den Einfluss 
der Temperatur auf die Polarisation der Muskeln zu ermitteln ver- 
sucht,' doch waren seine Bemühungen erfolglos geblieben. Jetzt ge- 
lang es Hrn. Hermann festzustellen, dass Kälte die Polarisation er- 
höht, Wärme sie vermindert. 4 Endlich untersuchte auch Hr. Hermann, 
wiederum mittels der PoGGENDORFF'schen Umschaltung, ob es einen 
Einfluss auf die Polarisation übt, wenn der Strom in den Muskel durch 
künstlichen Querschnitt ein- und durch natürlichen Längsschnitt aus- 
tritt, oder wenn er den umgekehrten Weg- einschlägt. Hr. Hermann sah 
nieist die Polarisation im ersten Falle stärker als im zweiten: jedoch 
vermochte er gewisse Bedenken gegen diese Wahrnehmung nicht 
völlig zu beseitigen. Dies führt nunmehr zu einer merkwürdigen 
hierher gehörigen Beobachtung Hrn. Bernstein's. 

§. 16. Hrn. Bernstein's Versuche über Polarisation 
der Muskeln. 

Hr. Bernstein hat unlängst eine grosse Arbeit veröffentlicht, in 
welcher er eine in sich geschlossene Theorie der elektrischen Er- 
regungsvorgänge und Erscheinungen an den Nerven und Muskeln zu 
geben unternimmt, und auch eine Anzahl eigener neuer Versuche mit» 



1 A. a. 0. S. 24—26. 
•-' \. a. 0. S. öi. 
Über den Einfluss der Temperatur auf den Leitungswiderstand und die l'olmi- 
s;itii>n thierischer Theiie. [naugural- Dissertation. Königsberg 1887. S. 21 ff. 
1 A. a. 0. S. 30. 



E.duBois-Reymond: Secundär-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. 6 I 3 

theilt. 1 Es ist nicht meine Absicht, hier auf seine sehr beachtenswerthen 
Aufstellungen einzugehen, welchen eine im Wesentlichen der meinigen 
sieh anschliessende Molecularhypothese zu Grunde liegt; ich bezwecke 
nur eine Besprechung seiner Beobachtungen über die innere Polari- 
sirbarkeit der Muskeln und ein damit zusammenhängendes Phaenomen. 
Hr. Bernstein .säet: »Nach neueren Versuchen von E. Hering findet 
ȟberhaupt eine innere Polarisation der Faser nicht statt, wenn die 
»Ströme nar.-dlel ihrer Axe darin verlaufen... In der That lässt 
»sieh der HERiNG'sche Versuch leicht bestätigen. Man erhält keine 
»oder nur unbedeutende»Nachströme , wenn man den Enden des aus- 
»gespannten Sartorius den polarisirenden Strom zuführt, und von der 
»Mitte des Muskels eine kleine »Strecke ableitet. Noch besser ist es, 
»auch die Enden des Sartorius abzutödten, weil die Stromfäden dann 
»in die künstlichen Querschnitte eintreten, keine Zuckungen ver- 
»ursachen, und voraussichtlich auch parallel in dem lebenden Stück 
»verlaufen. Wir werden also hieraus schon entnehmen, dass 
»die Polarisation bei der Längsdurch Strömung nur zwischen todter 
»und lebender Substanz der Faser stattrindet. Dies lässt sieh aber 
»ganz direei in folgender Weise demonstriren. Hat man den eben 
»beschriebenen HERiNG'sehen Versuch angestellt, und sich von der 
»Aliwesenheit jeder Polarisation in einer mittleren. Strecke des Muskels 
ȟberzeugt, so zerquetsche man mit einer sehmalen Pinzette den 
»Muskel zwischen den ableitenden Elektroden. Ist die abgeleitete Stelle 
»vorher stromlos gewesen, oder hat man einen schwachen Strom der- 
»selben compensirt, so bleibt auch jetzt die Stellt' ungeändert, denn 
»die Muskelströme der beiden Hälften heben sieh vollständig auf. 
»Leitet man aber nun den polarisirenden Strom zu, so sieht man 
»nach dessen Öffnung eine beträchtliche negative Polarisation auftreten. 
»Der Versuch ist ein so einfacher, dass es wohl unnöthig ist, be- 
» sondere Daten aus meinen Beobachtungen liierfür anzugeben. Das 
»Resultat lässt keine andere Deutung zu. Die Polarisation geschieht 
»in diesem Falle einzig und allein an der Grenze der todten und 
»lebenden Substanz.« 2 

Aus unseren Versuchen ergiebt sich, dass Hr. Bernstein sich 
nicht in der Lage befand, um die innere negative Polarisation wahr- 
zunehmen, deren Dasein er deshalb, wie Hr. Hering, mit Unrecht 
in Abrede stellt. Sein eigener Versuch ist aber nicht minder richtig, 
nur dass es sich dabei nicht darum handelt, dass der Muskel durch 
die Quetschung negativ polarisirbar wird, denn dies ist er schon 

1 Untersuchungen aus dem physiologischen Institut der Universität Halle. 1888. 
4. S. 29. 

2 A. a. O. S. 39. 

Sitzungsberichte 1890. 59 



674 Sitzung di ch - mathematischen ('las'-'- v 12. Juni. 

i . sondern um Erhöhung der schon vorhandenen negativen 
Polarisirbarkeit durch das Hinzutreten einer neuen Art von negativer 
Polarisation. Uni ihn sieher anzustellen, muss man also natürlich 
zurrst sich vergewissern, dass ohne die Quetschung bei der ange- 
wandten Stromdichte und Schliessungszeit negative Polarisation nicht 
oder nur in einem bestimmten, geringen Maasse stattfindet, wofür 
sich wegen der verschiedenen Empfänglichkeit der Muskeln keine 
allgemein gültige Regel aufstellen lässt (vergl. II. 1. /. S. 1165). 
Dann fuhrt man die Quetschung aus. Dadurch wird gewöhnlich das 
Gleichgewicht etwas gestört; mittels des Compensators oder einer 
angemessenen seitliehen Verschiebung der Schneiden in der dem hervor- 
getretenen Strom entgegengesetzten Richtung stellt man es wieder her, 
und sendet nunmehr den Strom, welcher vorher keine oder unbe- 
trächtliche Polarisation erzeugte, von Neuem hindurch. Bei dieser Ver- 
suchsweise und bei beiden Richtungen des polarisirenden Stromes fand ich 
nun in der That an entnervten Sartorien die Polarisation, wenn auch 
nicht immer, doch zuweilen deutlich verstärkt, wovon zwei Beispiele 
folgen. Die Lage der Bussolschneiden war das D unserer früheren Be- 
zeichnungsweise (II. 1. 1. S. 1 1 \X). welcher auch alles übrige entspricht. 

orii. 
I. 

J24 fv 5' (75): | 9 ; P = - 33 . 

Nach 10' nur noch 

|l8 T. 5' (80) : {30; P=+ 12; 

also Polarisation = Null zu schätzen. 
Nur Quetschung. 
Das <■ üi chgew ichl bleibt I 

J8 y 5' (80) : A 5 o: P = - 

Nach =,' nur noch 
| 2 6 P = -o,4. 

Nach ,' nur noch 

P=-.2 9 . 

I 104 _! ;' 11. .71: , ;;: l' = — 1 37. 

Die Zunahme der Polarisation bei mehrmaliger Wiederholung des 
Versuches scheint ein beständiger Zug der Erscheinung zu sein. 

Es stieg mir dm' Verdacht auf. dass die Wirkung der Quetschung 
vielleicht nur auf Vermehrung der Stromdichte an der gequetschten 
Stelle beruhe. Vm dies zu prüfen, versuchte ich die Stelle auszu- 
schneiden, und nach aneinandergerückten Schnittflächen die Durch- 
strömung zu wiederholen. Der Muskel wurde auf gefirnisstem Kork 
mit Igelstacheln festgesteckt. Da er nach der Zerschneidung- nicht 
mehr gespannt werden konnte, wurde auch seine zu quetschende, 
dann auszuschneidende Mitte jederseits durch zwei Stacheln fixirt. 





II. 


If» 1 | v 


5' (105): {22; P = -6 9 . 


-<— 


5 »( — ) J22: P=+44; 


olarisation 


also unsicher. Nun Quetschung. 


<— 1 

-<— 


5' (97) : f95 P = — 3 2 - 




Nach ^ Minuten 


|9 j» 


5- (101): ; 73: p = -66. 




Nach 5 Minuten 


' 


5' (105) : |l2; P = — 81. 


1» l- 


5' (101) : TI02; P = — 114. 



E. do Bois-Reymond: Secundär-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. 675 



f 4 o jl 



Sartori u^. 
Tvm 5 ' (130): J.29; 2»= + 6. 
Also keine Polarisation. Nun Quetschung. 
| ■• 5 '(i 3 2) : |, 5i P=- 55 . 
Nach kurzer Zeil nur noch 
T . 5' (129): [42; P=-S4. 

Dil ;equ jeschnitten . die 

Sohnitlllärheii nm-inander gerückt. 






[28. 



"Wir man sieht . bleibt nach 
dem Ausschneiden die Polarisa- 
tion nichl bloss bestehen . sondern 
erscheint sogar sehr verstärkt. Die 
Meinung war somi1 widerlegt, 
als oh grössere Dichte in der 
gequetschten Stelle die Ursache 
der Verstärkung der Polarisation 
durch die Quetschung sei. Da- 
gegen ergab sieh nunmehr hier- 
aus eine Form des BERNSTEiN'schen 



| 7 o J, - 5 '(143): 

| • 143- 

Versuches, welche vor der ursprünglichen vielleicht den Vorzug ver- 
dient. Der Sartorius, wie oben befestigt, wird, ohne ihn erst zu zer- 
quetschen, zwischen den beiden Paaren seine Mitte fixirender Stacheln 
mit einem Rasirmesser durchschnitten, und die beiden Schnittflächen 
werden miteinander in möglichst innige Berührung gebracht. Damit 
dies gelinge, muss t\rv Muskel natürlich völlig schlaff sein: mit Rück- 
sicht auf eine frühere Erörterung (II. 1. 7. S.1154) verdient bemerkt 
zu werden, dass er dessen ungeachtel vor dem Schnitt durchaus keine 
besondere Polarisirbarkeit zeigte. 

Es kann demnach kein 
Zweifel daran sein, dass eine 
Schicht abgestorbener Muskel- 
substanz zwischen lebender Sub- 
stanz nach Art einer metalli- 
schen Zwischenplatte in einem 
Elektrolyten negative Polarisa- 
tion annimmt. Innere nega- 
tive Polarisation der abgestor- 
benen Substanz kann dies nicht 
sein, vielmehr muss die Pola- 
risation, wie schon Hr. Bern- 
stein es aussprach, an der 
Grenze der todten und der 
lebenden Substanz ihren Sitz 
halien: da dann verschiedene 
Möglichkeiten obwalten. Sie 
kann entweder nur an einer 
von den beiden Grenzflächen 
stattfinden, oder aus zwei Pola- 
risationen sich zusammensetzen. 
die todte Substanz und 
59* 



Sartori i. 
I. 
■10 tv 5 '(97): I 2; P=- 12. 

Nach einiger Zeit durch Depo! 
und Veränderung des Muskelstroms 

1, f - 5* (98) : f 57< /' 

Nun Schnitt, 
f. 5' (88): I irr: /'=- i: 



:<-• 



T ,? 1 



! . 5' (86): 



| 82; P= — li 



,34 



Ohne Schi 


litt keim Polarisatioi 


Schnitt. 




t«5'(">5): 


im; P = — 14s. 


f " 5' (98) = 


f 93 : P — - 204. 




III. 


Ohne Schi 


im keine Polarisation 


Schnitt. 





Nur 



i 86: P= - 



|2i Tms'(59) 

|. 5' (52): | , ) S:P=-,S 4 . 
i Fortgesetzt auf S. 077). 
einer beim Eintritt des Stromes in 



(i(l) Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 12. Juni. 

beim Austritt daraus; diese beiden Polarisationen können gleichsinnig 
oiler entgegengesetzt sein, und überdies gleich oder verschieden stark. 
Hier greift Hrn. Hermann's oben erwähnte Erfahrung ein, wonach der 
Strom vom künstlichen Querschnitt zum natürlichen Längsschnitt stär- 
kere negative Polarisation erzeugt, als der entgegengesetzte. Hr. Her- 
«ann glaubt, wie gesagt, selber nicht recht an dies Ergebniss, und 
in der That ist seine Yersuchsanordnung mit zwei Muskeln, Doppel- 
elektroden und PoGGENDORFF'scher ümschaltung schwer nach allen 
Richtungen controlirbar. Die folgende Anordnung gewährt, wenn 
ich nicht irre, grössere Sicherheit. Sie besteht darin, die beiden 
Enden eines entnervten Sartorius in physiologischer Steinsalzlösung 
,o c abzutödten, ihm bei abgerückten Bussolschneiden den pola- 
risireiiden Strom durch die todten Strecken zuzuführen, nach geöff- 
netem Säulenkreise die Bussolschneiden wieder anzulegen und den 
Polarisationsstrom vom Aequator und abwechselnd von einem Punkte 
der einen und der anderen todten Strecke abzuleiten. So bleiben 
bei beiden Richtungen des polarisirenden Stromes alle Umstände 
unverändert, bis auf den. dessen Eintluss erkannt werden soll, näm- 
lich den Sinn, in welchem die Grenze zwischen lebender und todter 
Substanz überschritten wird. 

Die Zahlen unter sind die elektromoto- 
rischen Kräfte am oberen, die unter U die am 
unteren thermischen Querschnitt. Der Strom war 
so schwach gewählt (drei Grove), dass er keine 
merkliche innere negative Polarisation erzeugte. 
Wie man sieht, ist in den vier ersten Ver- 
suchen stets die Polarisation auf Aw Seite stärker, 
wo der polarisirende und der Muskelstrom gleiche 
Richtung haben: erst beim fünften Wechsel trübt 
sich die Erscheinung, wie dies bei öfterer Wieder- 
holung von Polarisationen wohl vorkommt. Der 
Versuch lehrt zugleich, dass in Bezug auf diese 
Art der Polarisation der mechanische und der 
thermische Querschnitt sich ähnlich verhalten. 

Wegen der am künstlichen Querschnitt statt- 
findenden Polarisation konnte der Versuch über 
Polarisirbarkeit einer Sehnenhaut (s. oben S . < "> 4. 4 ) 
nicht mit einem Schlitz in einem Muskel, sondern 
musste mit einem Thonphantom angestellt werden. 
Soweit wäre diese Angelegenheit aufgeklärt. 
Sie bietet aber noch eine Dunkelheit, vor der 
~ 9° ich bisher rathlos stehen geblieben bin. Sobald 



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^5 


109 



E. Di Bois-Ri i uond: Secundäi-elektromot. Erschein, an elektr. Geweben. li t i 

festgestellt ist. dass eine Quetschung oder ein Sclmitl der Sitz nega- 
tiver Polarisation wird, erscheint es als eine unausweichliche Folge, 
dass eine zweite Quetschung, ein zweiter Schnitt bei gleicher Stärke 
des polarisirenden Stromes die Krafl der Polarisation verdoppeln, eine 
dritte ähnliche Verletzung sie verdreifachen müsse u. s. I'.. gerade wie 
in einem Satze metallischer Zwischenplatten die Polarisation mit der 
Zahl der Platten wächst. Ich habe aber zu meinem Erstaunen ge- 
fiinden, dass dies nicht der Fall ist. Der Versuch III oben S. <>-;, 
wurde in der Weise fortgesetzt, dass in einigen Millimetern Entfer- 
nung vom ersten Schnitt ein zweiter angelegt wurde. 
Nach dem neuen Schnitt: ^34. Obschon der aufsteigende Strom in un- 

k,,, ,, 1 „,. „ veränderter, der absteigende in etwas erhöhter 

I III 5' (59): 186; P— 120. 

Starke einwirkte, war die Polarisation statt 
? 5; ' I 5 verdoppelt, im ersten Falle nur um ' s stärker. 

im zweiten aber sogar um ' ,, schwächer. Bei diesem Versuche konnte 
man sich denken, dass vielleicht die kurze Strecke zwischen den beiden 
Schnitten schon abgestorben war. Ich stellte daher einen anderen 
Versuch in der Art an. dass ich die Bussolschneidcn den Säulen- 
schneiden so nahe wie möglich, und die beiden Schnitte wiederum 
den Bussolschneiden so nahe, also von einander so weit wie möglieh 
anlegte. 

Sartorius ohne Schnitt. Die Stromstärke nach dem zwei- 

I31 Tills' (69):' |5o;P=— iq. ten Schnitt ist kleiner als nach dem 

k , . K p _ „ ersten; doch ist nicht daran zu den- 

, - , . ' ,, , ken, dass deshalb die Polarisation. 

.Nur schwache innere negative lVihin>atM>u. 

wenn sie bei gleicher Stromstärke 
Erster Sehn in. ° 

. y ,, „, a - t. verdoppelt erschienen wäre, im Mittel 

I19 | - 5' (58): | 163; P = — 144. ll 

um ' . ,. schwächer ausfiel. Auch von 

T " 5'<55) : | 5; p = — " ,s - der öfteren Wiederholung der Polari- 

Zweiter Schnitt. sation kann dies nach anderen Er- 

I14 T • 5'(5o): li2o;P=— 134. fahrungen nicht herrühren. Die lange 

x 1 „ Strecke zwischen den beiden Schnit- 

| ■• 5' (50) : l 34; P= — 154. 

~ ten konnte auch in diesem Falle 

unmöglich abgestorben sein. Eher wäre Dauererregung der Strecke 

zu vermuthen, da es dann nicht bedeutungslos wäre, dass an der 

Grenze einer in Dauererregung begriffenen und einer abgestorbenen 

Strecke keine Polarisation stattfände. Doch war von solcher Erregung 

dem Auge nichts bemerkbar, und so muss die Aufklärung dieses 

Dunkels ferneren Versuchen anheimgestellt bleiben. 



679 



Über die chemische Natur der Turmaline. 

Von C. Rammelsberg. 



In der Sitzung vom 22. Juli 1850 legte Heinrich Rose der Akademie 
eine Abhandlung von mir über die Zusammensetzung der Turmaline 
vor, 1 welche sich über 30 Abänderungen erstreckte, und eine zwar 
ähnliche, aber nicht gleiche Constitution aller Glieder als Resultat 
ergab. 

Fortgesetzte neue Versuche, seit jener Zeit unternommen, dienten 
zur Berichtigung der früheren. Neben Fluor entdeckte ich den GrehaU 
der T. an chemisch gebundenem Wasser, und endlich gelang 
es mir nach Verlauf von 20 Jahren das erstrebte Ziel zu erreichen 
und für alle T. die gleiche allgemeine Formel zu finden. Dieses 
Resultat habe ich der Akademie am 19. Juli 186g mitgetheilt. 2 

Es lässt sich in wenig Worten aussprechen: Alle T. sind 
Drittelsilicate, sind isomorphe Mischungen der drei Molecüle. 

R 6 Si0 5 -R 3 Si0 5 — RSiO 5 . 

Es ging hervor einerseits durch Einfuhrung des Wasserstoffs in 
die Reihe der einwerthigen Alkalimetalle, und andererseits durch die 
Annahme, Aluminium und Bor seien Vertreter, welche die sechs- 
werthigen Elemente bilden. 

Auch diese Arbeit enthält die Analyse von 32 Turmalinen. 

In den nun verflossenen 20 Jahren traten vereinzelte Unter- 
suchungen Anderer hervor, welche mit den meinigen im Einklang 
standen, bis Riggs im Jahre [888 3 eine Reihe von 20 Analysen ameri- 
kanischer T. bekannt machte, und Anfangs [887 Jannasch und Calb 
die Resultate von g Analysen puhlicirten.' 

Riggs behauptet, meine Resultate seien in wesentlichen Punkten 
unrichtig, namentlich in Betreff des Wassers und der Borsäure. ^ ie 
sieh aus einer näheren Kritik seiner Arbeit ergeben wird, macht die- 



1 Monatsberichte S. 273. 

2 Monatsberichte S. 004. 

3 Am. J. Sc. XXXV. 35. 

4 Ber. d. D. ehem. Ges. 22, 216. 



680 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe vom 12. Juni. 

selbe den Eindruck, dass dabei die Hand eines geübten Mineral- 
chemikers nicht zu erkennen sei, der die Schwierigkeiten der Auf- 
gabe zu lösen vermag. 

Jannasch hat, wie ich glaube, sorgfältig gearbeitet; er hat auch 
dasselbe allgemeine Resultat wie ich gewonnen; wenn er aber behauptet, 
die Borsäure im T. sei bislang nicht direcl bestimmt worden, so verräth 
er dadurch, dass er meine Abhandlung' nicht kennt, denn in der- 
selben habe ich eine Reihe directer Borsäufebestimmungen mitgetheilt. 

Diese neueren Untersucher legen besonderen Werth auf die von 
ihnen benutzten verbesserten Trennungsmethoden der Bestandtheile 
und sind sehr geneigt, die älteren Analysen als verbesserungsbedürftig 
zu betrachten. Wie kommt es dann aber, dass Jannasch z. B. solche 
mittheilt, welche 1.32 und 1.95 Procent Überschuss aufweisen? 

Aber auch die genaueste Analyse einer einzelnen Abänderung 
hat einen geringeren Werth für die Kenntniss eines Minerals, als 
eine vergleichende Untersuchung einer ganzen Reihe von Abände- 
rungen, weil selbst die besten Krystalle nicht immer in ihrer ursprüng- 
lichen Beschaffenheit und frei von fremden Einschlüssen uns zur Ver- 
fügung stehen, und weil nur nach Untersuchung möglichst zahlreicher 
Vorkommen die störenden Einflüsse und die Fehler einzelner Analysen 
erkannt und beseitigt werden können, wenn es gilt, für alle einen 
den chemischen Gesetzen entsprechenden Ausdruck zu finden. 

Den zuvor erwähnten neueren Arbeiten reiht sich eine solche 
von Scharitzer" an, welcher drei T. von Sctuttenhofen nach ihrem 
Vorkommen, ihren morphologischen Eigenschaften und ihrer Zusammen- 
setzung beschrieben hat. Bezüglich dieser sei nur bemerkt, dass der 
(aus dem Verlust berechnete) Gehalt an Borsäure = 7 — 8 Procent 
offenbar zu klein ist. 

Von den Bestandtheilen der T. verdienen Fluor, Wasser und 
Borsäure eine besondere Erwähnung. 

Fluor. In 19 Abänderungen fand ich 0.15 — 1 . 1 9 Procent dieses 
Elements; die neueren Angaben gehen von 0.06 — 1.15 Procent, wobei 
es auffallen muss, dass der grüne T. aus Brasilien nach RictGs nur 
0.14 — 0.32, nach Jannasch aber 0.98 — 1. 15 Procent Fluor enthält. 

Die geringe Menge Fluor, welches nach meiner Ansicht hier wie 
im Glimmer u. s. w. Sauerstoff ersetzt, ist auf die Rechnung ohne 
Einfluss. 

Wasser. Wie ich gezeigt habe, enthalten alle T. chemisch ge- 
bundenes Wasser, welches erst in der Glühhitze entweicht. Aber ich 



1 Poggend. Ann. 139, 379 u. 547. 
3 Ghoth, Zeitsc-hr. 15.337 (1889). 



Rammelsberg: über die chemische Natur der Turmaline. 681 

hatte in jener Zeit kein Mittel, es direct zu bestimmen, weil der Glüh- 
verlust durch gleichzeitig- entweichende Fluorverbindungen vergrösseri 
wird. In den neueren Arbeiten ist das Wasser direct bestimml wurden, 
und zwar theils dureh Glühen mit wasserfreien Alkalicarbonaten (Riggs, 
Schaeitzeh), theils mit chromsaurem Blei (Jannasch). Die erstgenannte 
Methode dürfte wohl einen etwas zu hohen Wassergehalt ergeben. 

Es lässt sich Leicht zeigen, dass das fundamentale Atomverhält- 
niss R:Si in meinen Analysen sich nicht wesentlich ändert, mag man 
den gesammten Glühverlust als Wasser ansehen; oder, wie ich es that, 
die aus dem Fluor berechnete kleine Menge SiFl 4 davon abziehen. 
Soviel steht fest: Die Menge des Wassers ist etwas kleiner 
als der Glühverlust. 

Borsäure. Diesen charakteristischen Bestandtheil der T. habe 
ich in 7 Abänderungen nach der von H. Rose und A. Stromeyeb 
gegebenen Vorschrift als Borfluorkalium bestimmt, und sehr befrie- 
digende Resultate erhalten. Riggs wandte das Verfahren von Gooch, 
Jannasch das von Bodewig verbesserte von Maeignac an. 
So fanden 

B 2 0? 

Rammelsberg (7 T.) 9.52 — 11.64 

Jannascb (9 T.) 9-09 — 10.74 

Riggs (20 T.) 8.92 — 10.70 

Vier Andere (4 T.) 9.40 — 10.87 

Diese Zahlen sprechen nicht zu Gunsten einer der verschiedenen 
Methoden, sie beweisen zugleich den fast constanten. nahe 1 o Procent 
betragenden Gehalt der T. an Borsäure. 

Die indirecte Bestimmung in 2 5 meiner Analysen ergibt eben- 
falls im Mittel 9.55 Procent, liefert mithin gleichfalls ein der Wahr- 
heit sehr nahekommendes Ergebniss, so dass ich die von Riggs gegen 
meine Borsäurebestimmungen ausgesprochene Verdächtigung als voll- 
kommen unbegründet zurückweise. 

Aluminium und Bor bilden die sechswerthigen Ele- 
mente des T. Ihre Isomorphie erweisen das krystallisirte und das 
graphitartige Bor. Thonerde und Borsäure sind isomorph, denn 
der Korund hat die Form des Jeremejeits (AFO' + B 2 3 ), und Datolith 
und Euklas sind gleichfalls isomorphe Drittelsilicate. 

Das Atomverhältniss ist B : AI in den T. ist =1:2 (in der grossen 
Mehrzahl) oder 1:3. In manchen scheint es = 1 : 2.5 zu sein. 1 



1 Im grünen T. aus Brasilien ist es nach mir und Jannasch =1:3, während 
Riggs i : 2.7 fand. 



(>S'2 Sitzung <1it physikalisch - mathematischen Classe vom 12. Juni. 

Die Frage nach der constanten Zusammensetzung 

der einzelnen Tnrmaline. 

An einem xi i n l demselben Fundort finden sieh T. von verschiedener 
Zusammensetzung, die sich schon durch ihre äusseren Merkmale (Farbe) 
zu erkennen geben. Elba, Chesterfield, Paris, Auburn, Schüttenhofen 
sind Beweise hierfür. Das Vorkommen rother T. in grünen Krystallen 
und umgekehrt erinnert an die überwachsenen Krystalle isomorpher 
Salze. Da wo die Farbe nicht entscheidet, können anscheinend homo- 
gene Krystalle in ihren einzelnen Theilen ungleich zusammengesetzt 
sein, und die Analyse eines T. gewährt keine Sicherheit dafür, dass 
eine zweite Probe von demselben Fundort genau dieselben Zahlen liefern 
werde. Derartige Umstände mögen der Grund sein, dass manche 

T. -Analysen nicht ganz einfache Atom Verhältnisse der R. R und R 
ergeben. 

Abgesehen von solchen, giebt es aber auch zahlreiche T. von den 
verschiedensten Fundorten, welche durch das constante und einfache 
Atomverhältniss der R beweisen, dass sie selbständige, einheitliche 
Verbindungen sind. Dies gilt z. B. von 23 Abänderungen, in welchen 

R:R:R = 1 : 1 : 1.5 ist, 

Resultat der Berechnung der Analysen. 

Wenn alle T., wie wir behaupten, Drittelsilicate sind, müssen 
die At. der R. auf einwerthige reducirt, zum Si = 6 : 1 sein. Dieses 
Resultat hatte sich aus den eigenen Analysen von 32 Turmalinen 
ergeben, und findet in der Mehrzahl der neueren seine Bestätigung. 

Denn wenn man sämmtliche Analysen in diesem Sinne berechnet, 

so ergiebt sich hei 55 die Proportion R : Si = 5.7: 1 bis 6.3: 1. Nur 
einzelne der neueren zeigen ein grösseres Verhältniss der R, welches 
bei Rices sich zuweilen auf 6.5, in einem Fall sogar auf 6.7 erhöht, 

Man wird es wohl für höchst unwahrscheinlich halten, dass 
einige amerikanische T. basischer seien, als alle übrigen, und muss 
solche Abweichungen den Fehlern der Analysen oder der Beschaffenheit 
des Materials zuschreiben. 

Zur Zeit hegen 70 Analysen der T. von 64 Fundorten vor. also 
Material in genügender Menge, um über die chemische Natur der 
Gruppe Aufschluss zu erhalten. 

Die hier mitgetheilte Arbeit enthält die Resultate einer erneuten 
Berechnung des Materials, sowie eigener wiederholter Analysen der 
T. von Gouverneur, Pierrepont und Windischkappel. Sie hat meine 
vor 20 Jahren ausgesprochene Behauptung, alle T. seien Drittelsilicate. 






Rammei.shkr«; : Über die chemische Natur der Turmalinr. G83 

vollkommen bestätigt; sie zeigt, dass auch Jannasch zu demselben 

Resultat gelangt ist, und dass nur etwa die Hälfte der Analysen von 
Riggs als incorrecl bezeichnet werden inuss. 

In Folge dieser Revision bin ich dazu gelangt, die Glieder der 
Gruppe in einzelne Reihen zu ordnen, welche durch das Mol. -Ver- 
hältnis* der drei constituirenden Silicate gebildet werden. 

Allgemeine Turmalinformel 

XR 6 Si0 5 

YR 3 Si0 5 

vi 
ZRSiO 5 

R = H,Na,K,(I,i) 
R = Mg, Fe (Mn, Ca) 
R = AI, B- (Fe, Cr). 

I. Reihe. 

X : Y : Z R : R : R : Si 

1:2:6 1 : 1 : 1 : 1.5 

Hierher gehört der schöne braune fast eisenfreie Magnesia-T. von 
Gouverneur, den ich kürzlich von neuem untersucht habe. Eine derbe 
Abänderung von diesem Fundort, und zwei ähnliche von Dekalb. N. Y., 
und von Hamburgh, N.J., sämmtlich von Riggs analysirt (der Letzt- 
genannte offenbar nicht rein), reihen sich an, während nur ein ein- 
ziger eisenhaltiger T. . von Pierrepont, gleichfalls kürzlich von mir 
untersucht, in diese Reihe gehört. 

H. Reihe. 

X : Y : Z R : R : R : Si 

1:2:9 1:1:1.5:2 

Sie umfasst 23 Repraesan tauten, von denen ich 18 untersucht habe. 
Ausser dem gleichfalls neuerlich von mir analysirten brauen fast eisen- 
freien T. von Windischkappel sind es braunschwarze oder schwarze 
Abänderungen, in welchen Fe : Mg = 1 : 7 bis 7.5: 1 variirt. 
In diesen beiden Reihen ist B : AI = 1 : 2. 

III. Reihe. 

X : Y : Z R : R : R : Si 

1:1:6 2:1:2: 2.66 



684 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 1 '2. Juni. 

Hier sind 15 schwarze oder blauschwarze , öfter blau durchscheinende 
T. zusammengestellt, welche ziemlich eisenreich sind, da Fe : Mg = 
1 : 1 bis 14 : 1 variirt. 

In der Mehrzahl scheint B : AI - 1 : 2.5, zuweilen = 1:3, und 
= 1:2 zu sein, 

IV. Reihe. 

X : V : Z R : R : R : Si 

1:1:9 2:1:3: 3.66 

Einzig und allein der Clirom-T. von Syssersk ist hierbei' zu stellen, 
in welchem Fe : Mg = 1 : 3 und Cr : B : AI = 1 : 2 : 4 sind. 

V. Reihe. 

X : Y : Z R : R : R : Si 

3:1:18 6:1:6: 7 . S S 
Dies sind die grünen T., von denen 12 Analysen, darunter 5 von 
brasilianischen vorliegen. Während B:A1 in den Abänderungen von 
Elba, Paris, Schüttenhofen und nach mir und Jannasch in den bra- 
silianischen = 1:3 ist. giebt Riggs in diesen, und in denen von 
Auburn und Rumford 1 : 2.5 — 1 : 2.7 an. 

VI. Reihe. 

X : Y : Z R : R : R : Si 

3:1:27 6:1:9: 10.33 

Nur der rotlie T. von Schaitansk, welcher statt Eisen Mangan ent- 
hält, während B : AI = 1 : 3 ist. lässt sich hierher stellen. 

Vn. Reihe. 

X : Y : Z R : R : R : Si 

6:1:36 12 : 1 : 12 : 14.33 

Der rot he T. von Paris, von mir. und ein grünlicher von Auburn. 
von Rices untersucht. Ersterer ist frei von Eisen. B:A1 ist in ihm 
= 1:3, im letzten angeblich = 1 : 2.67. 

VIII. Reihe. 

X : Y : Z R : R : R : Si 

9 : 1 : 54 18 : 1 : 18 : 21.33 

Der rothe T. von Schüttenhofen und ein röthlicher bis farbloser 

aus Brasilien, beide ein wenig Fe neben Mn und Ca enthaltend. 
B : AI ist in beiden =1:3. 



Rammelsberg: Über die chemische Natur der Turmaline. 685 

Wahrscheinlich gehört hierher auch der rothe T. von Rozena, 
welcher jedoch theilweise in Lithionglimmer verwandell ist. 

IX. Reihe. 

X : V : Z R : R : R : Si 

15 : 1 : 90 30 : 1 : 30 : 35.33 

Der blassrothe und farblose T. von Elba und ein derber von 

Rumford bilden diese an R ärmste Reihe. Auch hier ist li: AI 1 : 3. 
Die Zahlen der Letzten Reihen, deren jede nur wenige Glieder 
enthält, können willkürlich gewählt erseheinen: die Analysen ver- 
mögen nicht zu entscheiden, ob andere naheliegende richtiger sind. 
Allein sie gestatten, zwischen allen einzelnen Reihen gewisse Be- 
ziehungen zu erkennen: denn da X:Z stets entweder = 1 :6 oder 
= 1:9 ist, so wird 

I. (X + 6Z) + 2 V II. (X + <)Z) + 2 Y 

III. (X+6Z) + Y IV. (X + gZ) + Y 

V. 3 (X + 6Z) + Y VI. 3 (X + 9 Z) + Y 

VII. 6(X + 6Z) + Y 
VIII. 9 (X + 6Z) + Y 
IX. [ 5 (X I 6Z) 4- V. 
Meine vor 20 Jahren abgeschlossene Arbeit erfahrt durch die 
neueren keine Änderung. Jannasch ist genau zu demselben Resultat 
gelangt, und etwa die Hälfte der Analysen von Riggs entspricht 
demselben; dennoch haben gerade die minder correcten Annähen des 
Letzteren neuerlich Anlass gegeben, Turmahnformeln zu construiren, 
und alle übrigen Versuche (worunter 38 von mir) gleichsam als nicht- 
vorhanden zu betrachten. Solche Formeln, auf unrichtige Thatsachen 
gegründet und das Gesetz der multiplen Proportionen ausser Acht 
lassend, wie sie von Wülfing, Scharitzer und V. Goldschmibt vor- 
geschlagen sind, haben keinen wissenschaftlichen Werth. 

Übersicht der Turmalinreihen. 

R : Si ist das o-efnndene Verhältniss sämmtlicher R , auf ein- 
werthige reducirt, zum Si. 

Fe schliesst Mn, Mg schliesst Ca ein. 

Abkürzunn- der Autornamen : 
Rs. Riggs 



I . ( YtSSA 

E. Engelmaw 

J. Jannasch 

R. Rammelsberg 



Sa. Scharitzek 
So. Sommerlad 
Sw. Schwarz 



686 



Sitzung der physikalisch -mathematischen ('lasse vom 12. Juni. 



R : Si Fe : Me 



I. X: Y:Z = i : 2 :6 



Gouverneur 

Dekali» . . . 
1 [amburgh 
Pierrepont 



R. 


5-95 : 1 


Rs. 


6.03 


Rs. 


6.4 


Rs. 


6.7 


R. 


6.0 


Rs. 


6.2 



2 -33 



II. X : Y : Z = 1 



: 9 



14. 
■5- 
iß. 

n- 

18. 

•9- 
20. 
2 1 . 
22. 
23. 
24. 

2 5- 
26. 



Windisch 

Orfbrd . 



appel 



Zülerthal. . 
Texas .... 
Eiben stock 
Monroe . . . 



Godhaab . . . 
Havredal . . 
Snaruin . . . 
Ohlapian . . 
Gotthard . . . 
Nantic Gulf 
Tamatawe . . 
Haddam . . . 



Ramfossen . . . . 
Elba, schwarz. 

Unity 

Krummau . . . . 
Langenbielau . . 

Dekalb 

Bovey Tracy . . 
Krumbach . . . . 
Andreasberg . . 



R. 


6.1 : 1 





R. 


5-9 


1 1-7 


Rs. 


6.4 


|--3 


R. 
R. 


6.08 
5-9 


!»• 


R. 


5-9 


) 


R. 


6.06 


1 = 5 


Rs. 


b.i 


] 


R. 


5-8 


i = 4 


R. 
J. 


6.0 
6.2 


i — 


J. 


6.3 


1 : 2.66 


R. 
Rs. 


5.84 
6.4 


1- 


J. 


5.8 


li-a 


R. 


5-8 


j ,.2 


Rs. 


6-3 


1.5 : 1 


R. 


5-8 


1 : 1.5 


R. 


5-6 


1 : 1.25 


R. 


5-9 


1 : i 


R. 


6.0 


| 


R. 


5.8 


| i-5 : ' 


R. 


5-8 


2 : 1 


R. 


5-9 


3 : ' 


R. 


6.0 


3-5 = 1 


R. 


6.0 


7.5 : 1 



Rammelsbeeg: I ber die chemische Natur der Turmaline. 



CS 7 



R : Si Fe : Mg 



III. X : Y : Z = i : i : 6 



29. 



34- 

35- 
3Ö. 

37- 

38. 
39- 

4 U - 
41. 

42. 



Tamaya 

Stony Point 

Mount Bischoff 

Piedra blanca 

Brasilien, schwarz 

Paris, schwarz 

S. Pietro, Elba, schwarz. 

Mnrsinsk 

Alahaschka 



Sarapulsk 

Saar 

Aul turn, schwarz , 

Schüttenhofen . 1 ilausch warz . 

Goshen 

Buchworth 



IV. X : Y : Z 



43. | Syssersk 



Sw. 


6.2 


Rs. 


6.4 


So. 


6.0 


J. 


6.4 


Rs. 


6.4 


Rs. 


6.3 


R. 


5-9 


J. 


6.3 


J. 


6.3 


R. 


5.8 


R. 


5-8 


R. 


6.0 


Rs. 


6.5 


Sa. 


6.2 


R. 


6.2 


J. 


6.1 


1:1:9 




C. 


6.0 



1.5 : 1 

3-5 : 1 

4 : 1 

5 : ' 



6.5 : . 

9 = 1 
1 1 : 1 
[4:1 



V. X : Y : Z = 1 : 1 

(Grüne Turmaline. 



44. 
\?- 
\ ''• 
47- 
4-8. 
49. 
50. 
5 1 - 
5 2 - 
53- 
54- 
55- 
56. 



Paris 

( lampo Longo 

Elba 

Brasilien 

I 

II 

» , blass 

» , olivengrün 
Auburn, hell , 

» . dunkel 

Rumford 

Schüttenhofen 

Chesterfield 



R. 

E. 

R. 

R. 

J. 

J. 

Rs. 

Rs. 

Rs. 

Rs. 

Rs. 

Sa. 

R. 



6.0 : 1 

3-74 

6.1 

6.0 

6.1 

6.1 

6.3 

6.3 

6.3 

6.3 

6.3 

6.3 



1.3:1 

3 : 1 

5 = ' 

4 : ' 

6 : i 

16 : 1 

o 



css 



Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 12. Juni. 



R : Si 



Fe : Mg 



VI. X : Y : Z 



57.) Schaitansk, roth. 



3:1:27. 
R. 



VII. 

58. I Paris, roth 

59. Auburn, grünlich. 



X: Y:Z .= 6 :i: 36. 

j R. 

Rs. 



60. 
61. 
62. 



63- 
64- 



VIII. X : Y : Z 

Schüttehhofen , roth 

Brasilien, rötlilicli .' 

Rozena, roth 



9 : 1 : 54 

Sa. 
Rs. 
R. 



IX. X: Y: Z = 15 :i: 00. 

Elba, röthlich und farblos . . I R. 
Rumford, roth Rs. 



6.2 : 1 



6.3 : 

6.2 



6.08 : 1 
6.5 



6.1 : 1 
6-5 



1 : 2.5 



1.5 : 1 

5 = 1 



2.5 : 1 
1 : 1.5 



Meine Arbeit hatte den Zweck, die eigenen Analysen mit den 
neueren, insbesondere denen von Jannasch und Riggs, zu vergleichen. 
Ich habe jenen einige neue Versuche mit den T. von Gouverneur, 
Windischkappel und Pierrepont hinzugefügt. 

Es hat sich ergeben, dass meine vor 20 Jahren ausgesprochene 
Behauptung, alle T. seien Drittelsilicate, volle Bestätigung findet, der 
auch Jannasch in einer Formel Ausdruck gegeben hat. 

Leider haben diejenigen Analysen von Riggs (es sind ihrer <), 

in welchen R : Si von 6.4:1 bis 6.7 : 1 differirt), welche etAva 60 
anderen gegenüber sieben, mit vollständiger Ignorirung dieser, An- 
lass gegeben, Turmalinformeln zu bilden, welche von unrichtigen 
Thatsachen ausgehen, und den auch für die Silicate geltenden chemi- 
schen Gesetzen keine Rechnung tragen. Die von Wülfing, Scharitzes 
und V. Goldschmidt in dieser Richtung gemachten Annahmen haben 
deshalb keinen wissenschaftlichen Werth. 

Die ausführliche Arbeit mit den Berechnungen sämmtlicher Ana- 
lysen wird in den Abhandlungen der Akademie erscheinen. 



Ausgegeben am 19. Juni. 



Berlin, genWkt in der Reichsdrucke] 



689 
L890. 

XXXI. 

SITZUNGSBERICHTE 

DEE 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 

L9. Juni. Gesammtsitzung. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Curtius. 

Ilr. von Bezold las eine Abhandlung: Zur Theorie der Cy- 
klonen. 

Die Mittheilung erfolgt in einem späteren Hefte der Sitzungs- 
berichte. 



Vom vorgeordneten Ministerium ist am 10. Juni ein weiterer Zu- 
schuss von 3000 Mark für die Publication der antiken Münzen von 
Moesien, Thracien und Macedonien bewilligt. 



Sitzungsberichte 1890. 60 



69] 



Über orthogonale Systeme. 

Von L. Kronecker. 



(Fortsetzung der Mittheilung vom 22. Mai [St. XXVI und XXYIIl.j) 



VI. 

Die Behandlung von Systemen (r„). welche so beschaffen sind, dass 
T ik — —TM ist, kann dadurch ersetzt werden, dass man ein System 
von unbestimmten Variabein r lk im Sinne der Congi'uenz für «las 
Modulsystem mit den -'- u {n-\- Elementen: 

(M,.) D s , r lk + v H (i,A=i,a,...n; i k) 

behandelt. 

Da die Determinante des Systems (v ik ), welche mit V bezeichnel 
werden möge, ungeändert bleibt, wenn man in jeder der Variabein 
r ;k die beiden Endices mit einander vertauscht, so erhält sie den Factor 
( i)", wenn man —v H för r ik setzt. Für das Modulsystem (IM,) ist 
daher F= ( — i)" V. also: 

(45) V=o, 

wenn u ungerade ist. Es sei nun (\', k ) das zu (%) adjungirte System, 
so dass die Gleichungen bestehen: 



2** Y <* = 2 r "< F " = *" V (*.*=«.' 



.n). 



Die mit V,,,- bezeichnete Function der Variabein r entsteht aus \' ll: . 
indem man in jeder der Variabein r tk die beiden Indices mit einander 
vertauscht, d. h. also indem man r lk durch r k , ersetzt. Substituirt 
man aber - r kl för r ik . so gehl V ki in ( — i)" -1 V it über. Es besteh! 
daher för das Modulsystem (M,) die Congruenz: 

r 4 ,= (-i)"- , T a (r,* = i, »,...*) 

oder: 

(45) -g— = (-0 TT" C,*=i.a 1. 

'''X o»a. 

und folglich för gerade Zahlen n: 

G0" 



R92 Gesaimntsit/.ung vom 19. Juni. — Mittheilnng vom 22. Mai. 

dv 

(46 F Ä =-5— =0 (<=i,a, ...«). 

Wird in der Gleichung (45') die Determinante rater Ordnung V 

,) V 1 
durch die Determinante (n [)ter Ordnung ersetzt, so resultirt 

<>'■/,/, 
die Congruenz: 

,\ 3 2 V 
(47) 5 g— ^(--0% 5— (/..;.*=i. 2,...»). 

Nimmt man nun n als gerade an. so erscbliesst man mit Be- 
nutzung der Congruenzen (46) und (47) aus der Determinantenrelation: 



' '■,,,.<■,■„ ( ) v k ,,dv /i . lt <<>■,,,, er,, 3ü w 8ü H dv u dv kh dv H dv kk 

(Jl,i,k 1.2. ... »: ///./, C X) 

die Congruenz: 

Setzt man ferner voraus, dass die Determinanten (// 2) ter Ordnung: 

3 2 r 

49) 5 - (Ä,f=i,.a ;Ä 

Quadraten congruent sind, und bezeichnet man diese mit SS A; , so 
nimmt die Congruenz (48) die Gestalt an: 

und da (M,.) ein Primmodulsystem ist, so rauss bei geeigneter Be- 
stimmung der Vorzeichen von %$ hi ,$S hk die Congruenz stattfinden: 

Macht man hiervon, sowie von den Congruenzen: 

/•/,/, . O . V a = — V hi ( l> • ' = 1 • 2 . . . . n : h 1 

in der Darstellung der Determinante V: 

Tr _ C)T . C> L T (h,i,k = l,Z,.;.n\ 

~ JhT ** ~—<)r ?r * ** l /<<■/< * 

''/,/- ,./, ( " SÄ ' ,.!■ V ' 

Gebrauch, so erhält man die Congruenz: 
welche, wenn zur Abkürzung: 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 693 

gesetzt wird, in folgende übergeht: 

(50) V S3 2 (modd. w lV ,» Ä + ©„) (i,* = i,2, 

Auf diese Weise folgi aus der Voraussetzung, dass die Determinanten 
(// 2)ter Ordnung (49) Quadraten congrüent sind, eben dieselbe 
Eigenschaft für die Determinante rater Ordnung V, und da diese Eigen- 
schaft den Determinanten zweiter Ordnung offenbar zukommt, so ist 
sie (Vir Determinanten jeder geraden Ordnung erwiesen. 

Die Congruenz (50) drückt aus. dass eine Gleichung besteht: 

V = » 2 +V,- s * ;; +V (/-,,+ r ti )* it (i,*=i,a,...n;.f. ',. 

1 i,k 

in welcher 4>„ , 4? ik ganze Grössen des aus den ir Elementen: 

V& (/. k = \. 1.. . .„) 

gebildeten Rationälitätsbereichs bedeuten. Differentiirt man diese 
Gleichung nach einem Element r, 7/l , bei welchem g < h ist, so kommt: 

(/./,■= 1.2...... (<*) 

und die Differentiation nach v h ergiebt das Resultat: 

= 28+2 »,, -" + V (r„ 4- »* ^ 4- * . 

(;./.• = r.2....»: ,<A) 

Aus der Vergleichung der beiden Differentiationsresultate folgt also 
die Congruenz: 

-~ — = -f; (modd. 15 . r„ , r #/! . + vJ\ (i,k— 1,2, . . .«); 

da aber andererseits vermöge der Congruenz (45 '). und weil H eine 
gerade Zald ist: 

9 y 8 y , , , 

-FT ; (111(1(1(1. r„ . C a . 4- l\.j) (i,k=zl,2 n) 

sein nmss, so resultirt die Congruenz: 

(51) = o (modd. 23 , r„ . r ik 4- p w ) (»', /,• = 1,2, .. . n), 
' V< 

•in welcher ra eine gerade Zald und 33 eine durch die Congruenz (50) 
definirte Grösse des Bereichs der Elemente r (/ , bedeutet. Die Bedin- 
gung ,'/.;//. welche in Folge der Herleitung hinzugefügt werder 
müsste. kann mit Rücksicht auf die schon oben abgeleitete Con- 
gruenz (40) weggelassen werden. 



694 Gesammtsitzung vom 19. Juni. — Mittheilung vom 22. Mai. 

Es sei nunmehr n ungerade. Alsdann muss gemäss der Con- 
gruenz (50), da n- 1 grade ist. die Hauptsubdeterminante (re — i)ter 

Ordnung ., für das Modulsystem (JQ einem Quadrate 33 a congruent 
v a 

sein. Es muss ferner, gemäss der Congruenz (51), wenn darin V 

3 TT" 
durch , und SB durch 23a ersetzt wird, die Congruenz stattfinden: 
d r„ 

= o (modd. 23«, '•„. '•,/, + '•/,,) „> A 

Wird hiervon in der Identität: 

*y 8'v . _8f 

Gebrauch gemacht, so resultirt die Congruenz: 

f i r 
(52) 5 — = o (modd. 93«, r„, v ik + r kl ) (>, k = 1, 2. . . . »), 

in welcher // eine ungerade Zahl und sowohl g als auch // irgend eine 
beliebige der Zahlen 1,2....// bedeutet. 

Bezeichnet man jetzt (für eine beliebige, gerade oder ungerade 
Zahl n) die durch Differentiation von V nach 111 Grössen v ü entstehenden 
Subdeterminanten (/i m)tev Ordnung in irgend einer Reihenfolge mit: 

Vi"" (x=i,a,...»J. 

ferner mit v eine unbestimmte Variable und mit V(v) die Determinante: 

\r,,+ rZ,,,\ dJ. --,.2....»). 
SO wird: 

". = 1 , 2 , . . . I 



(53) ; 1» ö y« /=o,., a> . 

Nun bestehen, gemäss den Congruenzen (45) und (50) die Relationen: 

l ■"' o oder V". ("IV")'-' (modd. r„ . r , k + r,,,) </.*.- 1. 2. .. .«). 

je nachdem n I ungerade oder gei'ade ist, und es bedeuten dabei S B1," 
ganze Grössen des Bereichs der Elemente v ik . Es ist ferner gemäss 
der Congruenz (51) für gerade Zahlen 11 I: 

-5 — = o modd. SSI", '•„■ &*+»*) _, , 

und gemäss der Congruenz (52) für ungerade Zahlen // — /: 



, Ä, i , 




1 . 2 , . . . 


x = I 


. z. . 


• ■ "/ 


\=\ 


.2,. 


■ ' '/+! 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 696 

-^- = o (modd. S3i' +,) 3 r„, r lk + r h ) 

Setzt man also für ungerade Werthe von // /: 

iV" = o, 
so können die vorstehenden Congruenzen in folgende vereinigt werden: 

V? = (W (modd. ,„./■„ + ,,,) ,,./,.,/,■ = , 3....- 

(c^l ?V" I ' i,2,...», | 

OVgk 

Für das aus den Elementen des Modulsystems (M ) und aus allen den- 
jenigen Grössen 53'" gebildete Modulsystem, bei welchen /<«/ ist, 
finden daher, wenn n m eine gerade Zahl ist, die Congruenzen statt : 

V(r) = 2^2$^ 

' /x = I 2 . V \ 

(") 37(b) = ^ _ 9 Vf ] 1*=«,»+ 1', ... »)■ 

Da die Grössen SS (i) , für welche n — l ungerade ist, gleich Null sind, 
so besteht das angegebene Modulsystem, welches mit (M' m) ) bezeichnet 
werden möge, in Wahrheit nur aus den Elementen: 

Sg(m-2) «ß(m-4) Jg(m-6) 

und aus den j-n(n+i) Elementen: 

/•„ . r,,, + 'V, (i, & = i, 2 n\ i<k). 

Das in den Congruenzen (55) enthaltene Resultat kann hiernach, 
wenn n — m = 2m gesetzt wird, in folgender Weise formulirt werden: 
Im Sinne der Congruenz für das Modulsystem (Mj" ~~ 2m] ) be- 
ginnt die Entwickelung der Determinante: 

| P a + rd lk | (i,* = i,2,...n) 

nach steigenden Potenzen von v mit r"~ 2 "\ und die Ent- 
wickelung jeder ihrer ersten Subdeterminanten mit v"~ 
oder einer höheren Potenz von v. 
Nun ist die bilineare Form: 

die reciproke der bilinearen Form: 

-l£ü»a\-y*+]£**y* oder ]£(— + £»U,-y* (i-,A = J,a, ■■•»); 



696 Gesai tsiteung vom 19. Juni. Mittheilung vom 22. Mai. 

das vorstehende Resultat kann demnach auch, wenn man die Reci- 
proke einer Form / zur Abkürzung mit Rec. (/') bezeichnet, durch 
die Congruenz dargestellt werden: 

Rep - fe (v + **) w*) -2^2 (W = l - '"ü fl V- - w* ( modd - w-" )). 

( ''. /i' = i . 2 . . . . « : x = i, 2 , . . . v t ; l = n — 2ltl . n — 2111 4- 1 . . . . n \ 

und hieraus folgt, dass, wenn man zu den Elementen des mit (J/,'" -2 "") 
bezeichneten Modulsystems noch das Element r hinzunimmt, die Con- 
gruenz besteht; 

(56) Ree. (X(> + 4)^) .2,(*rf =XS -^ *&. 

(/./.• = 1 . 2 » : x = 1 . 2 ... . > m : m — n — 2111) 

Setzt man für die ir Variabein v ik ganze Grössen eines Rationalitäts- 
bereichs (SR', SR", . . .), und entnimmt man aus demselben Bereich ein 

Modulsystem (591', 9Ä", . . .), welches in allen Kiementen des Modul- 
systems (!/,""'). also sowohl in jeder der \u(u-\-i) Grössen: 

V», <"/* + r k ., (i.lc=i.2....n: i<fc) 

als auch in jeder der Grössen: 

Sß< tt _ 2m _ 2 ^ 5g (re _ 2m _ 4) ^(„_ 2m _6)_ 

enthalten ist. für welches aber die Grösse: 

nicht congruent Null ist, so erhält man die Congruenz: 

(56O R^. (v(- 4- üW^2(8L'f =22-^?- ".<■;</; (modd. ^,gr,3R", . . .». 
Vt* '' ' J . tun dv * 

fi, k = 1, 2, . . . n; x = i, 2, . . . >' m : <» = « — ;ra) 

Die Coefficienten der bilinearen Form auf der rechten Seite sind Sul>- 
determinanten (n -m)ter, d. h. also 2tnter Ordnung. Die Subdeter- 
minanten gerader Ordnung bleiben aber, wie schon oben dargelegl 
ist, im Sinne der Congruenz für das Modulsystem (55R„), also auch 
für das darin enthaltene Modulsystem (ü,SR', fSl", . . .), ungeändert, 
wenn man die Horizontalreihen und Verticalreihen ihrer Elemente mit 
einander vertauscht. Die bilineare Form auf der rechten Seite der 
Congruenz (56') ist daher symmetrisch. 



vn. 

Legi man den n* Variabein r ik reelle Werthe ~, k hei. welche den 
Bedingungen : 

T„ = O , T ik + Tfi = ° ''■ k [ > 2 > • ■ ■") 

genügen, also die Coefficienten einer alternirenden bilinearen Form 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 697 

bilden, und welche überdies so beschaffen sind, dass die Entwickelung 
der Determinante : 

| T ik + Vd, k \ (i,k=l,2,...n) 

nach steigenden Potenzen von v genau mit r'" beginnt . so müssen 
die m Gleichungen bestehen: 

V(^"f=o (* = U2 i ), 

in welchen SS*' ganze ganzzahlige Functionen der reellen Grössen r ik 
sind, und es müssen daher die sämmtlichen Grössen: 

selbst gleich Null sein. Es sind also dann die sämmtlichen Elemente 
des oben mit (M* m) ) bezeichneten Modulsystems gleich Null, und die 
Entwickelung jeder der ersten Subdeterminanten von: 

|r ; ,+ r4| (>•>*= i, *,...•.) 

fängt daher mit v m ~' oder einer höheren Potenz von v an. 

Nimmt man für die oben mit SR', SR",... bezeichneten Modul- 
system -Elemente die folgenden: 

'■„ . '•,, + v H , SS (n - 2ra - 2, ! S8" , - 2ra - 4) J W'- 2m - 6 \ ..., 
welche, sobald man die Variabein % durch die Grössen r ik ersetzt, 
sämmtlieh gleich Null werden, so reducirt sich das Modulsystem in 
der Congruenz (56') auf den einfachen Modul v. Nimmt man endlich 
auch ü = o, so geht die Congruenz (56') in die Gleichung über: 

(57) hmRec.(2(- + 4)**J = g^SS-g^-*.*, 

370— i) 
vorausgesetzt, dass auf der rechten Seite in den mit W"' und 

ov a 

bezeichneten ganzen Functionen der n 2 Grössen r it . , für diese die ent- 
sprechenden reellen Grössen t, x . substituirt werden. 

Die bilineare Form auf der rechten Seite der Gleichung (57) ist, 
wie schon am Schlüsse- des vorigen Abschnittes erwähnt worden, 
symmetrisch; es gilt daher der bemerkenswerthe Satz: 
Die Reciproke der bilinearen Form: 

d. h. also des Aggregats einer bilinearen alternirenden Form. 

(58) mit reellen Coefficienten, dividh't durch r, und der sym- 
metrischen Form ^ ^.y Ä . , nähert sich, wenn man v bis zu 
Null abnehmen lässt. einer symmetrischen bilinearen Form, 
deren Coefficienten reelle (endliche) Werthe haben. 

Sitzungsberichte 1890. 61 



698 Gesammtsitzung vom 19. Juni. — Mittheilung vom 22. Mai. 

Dieser Satz lässt sich noch allgemeiner in folgender Weise formuliren : 
Wenn / und /' zwei conjugirte bilineare Formen mit reellen 
Coefficienten : 

!►, ßu, %i Vk , X °* t/i ** ( / . t = 1 , 2 , . . . ») 

bedeuten, und die Determinante der symmetrischen Form 
f + f nicht gleich Null ist, so nähert sich die Reciproke 
der bilinearen Form: 

wj + i 

welche eine Schaar mit conjugirten Grundformen darstellt, 
für w 4- i = , einer symmetrischen Form mit reellen (end- 
lichen) Coefficienten. 
Setzt man nämlich: 

o + i 

w = , 

V — I 

, wf+f .., 
so geht — über in: 



20 



(/-/') + !(/ + ./"). 



und wenn nunmehr die symmetrische Form v (/+/') durch congruente 
Transformation in die Form: 

k=n 

"%* k yk 

tvf+f 
verwandelt wird, bleibt die Form -(/" — /") alternirend. und - 

2 sc 4- i 

erhält also in der That die obige Gestalt: 



V r ac x i y k 4- ^x k y h . («, *-=s:, 



in welcher die Coefficienten r tt die Bedingungen : 

T,-, = O , T tt 4" 1*,- = O (i, *= I, 2, . . . n) 

erfüllen. 

Die vorstehenden Sätze haben übrigens nur eine Bedeutung, 
wenn die Determinanten der alternirenden bilinearen Formen: 

2"»»*¥y*.i t(/— /') (.-,i = i,2,...n) 

i,* 

gleich Null sind; denn anderenfalls werden, für r = o oder «• 4- i = o, 
in den Reciproken der bilinearen Formen: 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 699 

I _-a ^-* »'/'+/" 
— > *«*& +2*x k y k , ■ — (i, * = i, 2, . . . ») 

'■ r* t «■ + 1 

die Coefficienten sämmtlich gleich Null. 

In dem obigen mit (58) bezeichneten Satze findet die am Schlüsse 
des art. V erwähnte Frage ihre Erledigung, nämlich die Frage, wie 
man sich bei der CAYLEY'schen Darstellung orthogonaler Systeme (<-, k ) 
denjenigen, welche zugleich symmetrisch sind, nähern kann. Denn 
bei dieser Darstellung wird das System der Elemente: 

T c * +T*a (•■,*=!, 2,... n) 

als das reciproke eines Systems von Elementen 2 t ik charakterisirt, 
welche den Gleichungen: 

tik+ h-i = $ik (i,A=i,2,...n) 

genügen , oder also auch als das reciproke eines Systems von Elementen : 

— + 4 (.",*= 1, 2,... „), 

V 

welche die Bedingungen erfüllen : 

t, 7 = o , r a 4- r H =0 (i, k = i, 2, . . . n). 

Nun können die Elemente eines reciproken Systems, als die nach 
den einzelnen Elementen des ursprünglichen Systems genommenen 
partiellen logarithmischen Differentialquotienten der Determinante, wenn 
diese gleich Null wird, nicht sämmtlich endliche Werthe behalten. 
Bei Annäherung an Systeme (jC a + 7^*), deren Determinante gleich 

Null ist, muss daher wenigstens eine der n 2 Grössen — über jede 

Grenze hinaus wachsen. Erfolgt nun die Annäherung in der Weise, 
dass man für die >r Grössen r ik irgend welche endliche Werthe, wofür 
die Determinante | r ik . | gleich Null ist . festhält und v bis zur Null hin 
abnehmen lässt, so nähert man sich, wie der obige Satz (58) zeigt, 

stets einem zu dem Systeme (— - + ^*J reciproken symmetrischen 

Systeme (7^ + 7^)1 dessen Elemente endliche Werthe haben, und 
dessen Determinante gleich Null ist.' Das auf diese Weise aus dem 

Systeme I — + ö^a- ) resultirende System der n 2 Elemente c a ist daher 

zugleich orthogonal und symmetrisch. 

(Fortsetzung folgt.) 



Avisgegeben am 26. Juni. 



Berlin, gedruckt in de 



701 
1890. 

XXXII. 

SITZUNGSBERICHTE 

DER 

KÖNK i I M !I 1 PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 
26. Juni. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 

1. Hr. Klein las die umstehend folgende Abhandlung: Krystallo- 
graphisch-optische Untersuchungen an Rhodizit, Jeremeje- 
wit, Analcim, Chabasit und Phakolith. 

2. Hr. Waldeyek legte die gleichfalls hier folgende Mittheilung 
des Hrn. Prof. L. Auerbach in Breslau vor: Zur Kenntniss der 
thierischen Zellen. I. Mittheilung. 



Sitzungsberichte 1890. 60 



703 



Kry stenographisch - optische Untersuchungen, 

vorgenommen anRhodizit, Jeremejewit, Analcim, 

Chahasit und Phakolith. 

Von Carl Klein. 



. I. Einleitung. 

1. Beobachtungsinstrument. 

Als Beobachtungsinstrument wandte ich zu den vorliegenden Unter- 
suchungen ein completes Mikroskop mit Nebentheilen an, wie ein 
solches durch Hrn. Fuess kür/lieh im Neuen Jahrbuch für Mineralogie 
u. s. w., 1890, Beilage B. VII, S. 55 — 89 beschneiten worden ist. 
Dieses Instrument ward mir durch die Königliche Akademie der 
Wissenschaften dahier für meine Untersuchungen zur Verfügung ge- 
stellt. Es besitzt ausser den oben erwähnten, bereits beschriebenen 
Nebentheilen einige Vorrichtungen zum Erwärmen der Krystalle, die 
II r. Fuess nach den Angaben construirt hat, die ich ihm über den 
Zweck und die Verwendung besagter Apparate mitgetheilt habe. Er 
wird seinerseits genannte Erwärmungsvorrichtungen noch näher mit 
Rücksicht auf das Detail ihrer Construction schildern, während hier 
mehr eine Übersicht über sie und ihre Anwendung gegeben werden soll. 
Im Ganzen sind drei Er wärmungs Vorrichtungen geplant, von 
denen zwei für alle wichtigsten Versuche ausreichen. Es nöthigt nur 
die. Kostspieligkeit einer derselben, die Construction einer sie in der 
Hauptsache ersetzenden, einfacheren vorzunehmen. Mit dieser letzteren 
ist Mr. Fuess zur Zeit noch beschäftigt, die beiden anderen sollen 
liier beschrieben werden. 

a. Erhitzungsapparat für Temperaturen bis zu 4.50 ( 
Dieser Apparat ist darauf berechnet, bei dem Mikroskop in 
dessen verticaler Stelluni;' angewandt zu werden, hauptsächlich zu 



Man kann natürlich mit dem Apparat noch höhere Temperaturen erzielen. 
dieselben aber nur bis 450" ('. messen. Nach der Prüfung des Mitgliedes der physi- 

60* 



/"I Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 26. Juni. 

Untersuchungen im parallelen polarisirten Lichte Verwendung' zu finden 
und die Erforschung des Krystalles in trockener oder feuchter Luft 
zu gestatten. 

Zu dem Ende ist ein länglich rechteckiger Kasten aus dünnem 
Metallhlech und mit Ashestpappe umkleidet, angefertigt worden, dessen 
einer Theil, von einem Mittelstück an gerechnet, horizontal liegt und 
dessen aiiderer nach oben zu aufgebogen ist. Im Mittelstück besitzt 
der Kasten oben und unten auf der breiten Seite zwei runde Öffnungen 
und erlnuht der Luft an der schmalen Seite des horizontalen Tlieils 
einzutreten und den Kasten durch den aufsteigenden Theil zu ver- 
lassen. Dieser Kasten sitzt versehraubt auf einer die Wärme schlecht 
leitenden Unterlage, welche auf den Tisch des Mikroskops passt und 
es gestattet, dass der Kasten nicht auf dem Metalltische aufliegt, 
sondern sich, durch seine. Unterlage getrennt, in gehörigem Abstand 
von demselben befindet. Hierdurch wird eine zu rasche Erwärmung 
des Mikroskoptisches vermieden. Da aber der Erhitzungsapparat auf 
dem durch Mikrometerwerke beweglichen Tische fest aufgesetzt und 
angeklemmt ist, so kann er mit diesem durch die Mikrometerschrauben 
verschoben werden und gestattet überdies der Tischumdrehung mit 
einem mehr als genügenden Winkel von über 13 5 zu folgen. 

Innerhalb des rechteckigen Kastens befindet sich über dem Loch, 
was denselben auf seiner Ober- und Unterseite durchsetzt, eine Glas- 
platte auf einem Dreifuss ruhend. Auf diese Glasplatte wird der 
Krystall gelegt. Demselben möglichst nahe greift ein Thermometer. 
welches über dem Quecksilber eine Stickstofffüllung besitzt, hufeisen- 
förmig vor und hinter dem Krystall herum und geht in der Richtung 
des aufsteigenden Tlieils des Kastens in die Scala aus. Dieselbe ist 
in einer Rinne auf der Oberseite des aufsteigenden Theils des Kastens 
eingebettet. Das Thermometer kann bei etwa nothwendig werdenden. 
sein- starken Erhitzungen heraus genommen werden. Das obere und 
untere Loch im Kasten werden durch Glasplatten geschlossen, sodass 
das Objectiv des Mikroskops und dessen Condensorsystem nicht von 
der Hitze im Kastenraum leiden. Die Erwärmung wird durch Gas 
bewirkt, das auf der dem Thermometerende entgegengesetzten, hori- 
zontal liegenden Seite des Kastens durch einen BuNSEN'schen Spalt- 
brenner, der gegen das Object hin verschoben werden kann, ausströmt. 1 



kaiisch- technischen Reichsanstalt hierseihst, Hrn. Wiebe, Zeitschrift für Instrumenten- 
kunde 1890, Juni- Hell . sind die von Hrn. Fuess gefertigten Stickstoff - Quecksilber- 
thermometer liis 450 ('. verwendbar. 

1 Der Krystall oder die Platte befinden sich danach gegenüber der zugeführten 
Geissen Luft möglichst unter denselben Umständen wie die Thetmotneterenden. — Um 
sich zu überzeugen, wie genau dies der Fall ist. kann die Einrichtung getroffen 



Klein: Krystaliographisch - optische Untersuchungen. 705 

Reicht der durch die Leuchtgasflamme erzeugte Wasserdampf nicht 
für die Zwecke der Beobachtung aus. so kann durch ein über der 
Flamme mündendes Röhrchen noch solcher von ausserhalb zugeführt 
weiden und wird dann durch den Luftzug mitgeführt, im Kasten 
vert heilt und tritt an dessen entgegengesetzter Öffnung wieder aus. 
Um endlich die bei etwaiger unvollkommener Verbrennung gebildeten 
Gase zu zerstören, stelle man vor die Austrittsöffnung derselben, 
in gleicher Höhe mit ihr, eine brennende Spirituslampe. 

Mit diesem Instrumente lassen sich gradweise bis zur Temperatur 
von 450° C. und über diese hinaus bei herausgenommenem Thermo- 
meter alle Phaenomene bei der Erwärmung im parallelen polarisirten 
Lichte sehr schön beobachten. 

Das Mikroskop leidet, wenn für gewöhnlich nicht über 450° C. 
gegangen wird, gar nicht unter der Hitze und der über seinem 
( (cular mit dem Auge befindliche Beobachter bei kurzer Versuchs- 
( lavier auch nicht; bei längerem Beobachten empfiehlt es sich freilich, 
durch eine Spiegelvorrichtung mit Tubus das Ocular wagerecht ein- 
zuführen und das Auge somit von der Wirkung der Hitze zu befreien. 

Befolgt man noch die Vorsicht, am Eintrittsrohr für den Wasser- 
dampf eine Gabelung anzubringen, so dass man nach dem Erwärmen 
durch ein Gebläse auch kühle Luft eintreten lassen kann, 1 so kann 
die Vorrichtung zu manchen anderen chemischen und physikalischen 
Versuchen dienen. 

Vergleicht man diese Vorrichtung mit einer kürzlich von IL Brünnee 
in Göttingen verfertigten und in der Zeitschrift für Instrumentenkunde 
1890, S. 63 und 64 beschriebenen, so hat diese vor der hier ge- 
schilderten die grössere Beweglichkeit bei dem Umdrehen des Tisches 
voraus. Da sie sich aber in den Tisch conisch einsetzt, so wird 
demselben die Erwärmung mehr wie hier mitgetheilt, eine besondere 
Zufuhr von Wasserdampf ist nicht vorgesehen und schliesslich leiden 
die Schutzgläserund namentlich das (das. was den Krystall trägf . durch 
die angewandte Art der Erhitzung, so dass man wenigstens auf 



werden, von oben her in den Kasten und denselben schliessend ein Thermometer 
gleicher Güte, wie das im Kasten befindliche, so einzulassen, dass sein Reservoir 
genau an dir Stelle kommt, wo sich der Krystall befindet; durch Beobachtung beider 

Ther meter kann man dann linden, wie gross die Verschiedenheit der Temperatur 

ist, die in einem gegebenen Momente am Orte des Beobachtungsthermometers und 
an .Irin des Krystalls sieh zeigt. 

1 Dil- Vorrichtung lässt sich, wir Hr. Fuess zeigen wird, auch so benutzen, 
dass man l.nl't in dir Flamme blasen und dadurch eine gegen das Praeparal (hei heraus- 
genommenem Thermometer) wirkende Stichflamme von hoher Temperatur erzeugen 

kann. Das Praeparat darf alsdann nicht auf (.las. s Irin muss etwa auf ein Platinnetz 

mit weiten Maschen gelegt werden. 



<0(> Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 26. Juni. 

Objectträgern von Glas sehr oft die Praeparate durch das Zerspringen 
letzterer verliert. Diesem sehr unangenehmen Übelstande müsste 
jedenfalls dadurch abgeholfen werden, dass man die Platte auf eine 
nicht zerspringende und. wenn undurchsichtig, mit weiten Öffnungen 
versehene Unterlage legt. - Beide Vorrichtungen können natürlich 
dem ferneren Übelstande nicht entgehen, dass bei höherer Temperatur 
die VerschlussgläseT polarisirend wirken. 

b. Erhitzungsappafat für Temperaturen bis zur hellen 
Rothglutli. 

Bei Anwendung des in der Folge zu beschreibenden Apparates, 
der von dem eben erwähnten Übelstand frei ist, dafür aber auch die 
Temperatur nicht ohne Weiteres 1 zu bestimmen erlaubt, wird man 
zweckmässig das Mikroskop etwas neigen oder ganz horizontal stellen. 
Der Apparat folgt den Mikrometerbewegungen des Tisches und lässl 
eine nahezu volle Umdrehung desselben zu. 

Ki' besteht im Wesentlichen aus folgenden Theilen. Eine in der 
Mitte durchbohrte kleine, länglich viereckige Schieferplatte trägt rechts 
und links einen Metallstift, gegen den die Tischklemmen wirken. 
Auf dem Sehiefertisch liegen zwei sich nicht berührende Metalltheile, 
die in der Mitte zu einem grösseren Sehloche sich erweitern. Jeder 
Metalltheil kann vermöge einer Klemme den Zuleitungsdraht (Kabel) 
einer Thermosäule aufnehmen. Senkrecht zu der Trennungsfuge der 
beiden Metallplatten auf dem durchbohrten Sehiefertisch stellen zwei 
schuhsohlenartige Vorrichtungen, vorn und hinten mit einer Spitze 
versehen. Nach Hrn. Frass' ingeniöser Disposition kann ein Paar 
über einander liegender Platinbleche, die ihrerseits in der Mitte ein 
kleines Loch haben, so eingesetzt werden, dass sie, mit Löchern an 
den Enden versehen, jeweils in die einander zugekehrten Spitzen 
der Schuhsohlen eingreifen. Werden nun die mit entsprechenden 
Löchern versehenen Schuhobertheile auf die Sohlen gesetzt und die die 
beiden Th eile verbindenden Schrauben angezogen, so ist eine leitende 
Verbindung der beiden Metallplatten auf der Schieferplatte hergestellt. 
Wäre die Vorrichtung damit vollständig erörtert, so würde sie noch 
nicht genügend wirken. Nim lässt sich aber noch der eine Ober- 
und Unterschuh gegen den anderen bewegen und geht, wenn der 
Druck nachlässt, durch eine Feder zurück. Hierdurch wird es ein- 
mal erreicht . dass die Platinbleche stets angespannt sind und das 
zwischen sie gespannte kleine Praeparat festhalten, andererseits kann 
man «dien dann, wenn sich die Bleche federnd öffnen, sehr leicht 



1 Ich werde in der Folge darauf Bedacht nehmen, diese Bestimmungen aus- 
führen zu können. 



Klein: Krystallographisch - optische Untersuchungen. (07 

das Praeparat einschieben. Im zu verhüten, dass ti'otz dieser vorher- 
genannten Vorsichtsmaassregel ein vielleicht etwas zu grosses Praeparal 
nicht doch herausgleiten könne, ist das eine (von dein Beobachter 
abgekehrte) Platinblech auf seiner unteren Seite rechtwinkelig um- 
gebogen, SO dass sieh darauf die Platte des Krystalls. wenn sie 
durchgleiten will, stützen kann. 

Die Wärme wird hei dem Apparat durch eine Thermosäule nach 
E. Raub's Patent 1 (Centralblatt für Elektrotechnik 1888 S. 175) er- 
zeugt. Die nach dem Tische des Beobachters hingeleitete Elektricität 
geht durch einen Rheostat, um deren Wirkung an der Vereinigungs- 
stelle des Stroms reguliren zu können. Von unten her gesehen muss 
an dem Erwärmungsapparat alles, was von Metall ist, sehr ausge- 
arbeitet sein, so dass die Condensorlinsen dicht an die Platte heran- 
gebracht werden können und doch durch die Metallfassungen der- 
selben keine Stromschliessungen stattfinden. 

Da ein solcher Erhitzungsapparat verhältnissmässig kostspielig 
wird, wenn zu seiner Bedienung eine besondere, die Elektricitäl er- 
zeugende Vorrichtung von constanter Wirkung angeschafft werden 
muss. so soll noch auf einen Ersatz dieser Heizvorrichtung durch 
eine mit Gas zu betreibende Bedacht genommen werden. Hr. Füess 
ist. wie schon erwähnt, mit der Construction derselben beschäftigt. 
Sie wird an einem horizontal zu stellenden Instrument angebracht 
werden, aber nicht gestatten mit dem Tische desselben verbunden 
zu sein, da. sie demselben eine zu hohe Temperatur mittheilen würde. 
Es muss in Folge dessen Bedacht daraufgenommen werden, an Stelle 
des früher mittelst des Tisches drehbaren Praeparates jetzt die Nicols 
des Instrumentes gleichzeitig zu drehen. 

Sieht man einstweilen von dieser dritten Vorrichtung ab. so erlaubt 
die zweite es ohne Weiteres während der starken Erwärmung im 
parallelen polarisirten Lichte zu beobachten. Die zu erhitzende Partie 
ist nur klein, die Erhitzung selbst kann momentan unterbrochen 
werden, — alles dies schadet dem Instrument, welches überdies noch 
horizontal gestellt werden kann, wenig oder gar nicht. 

Auch zu Untei"suchungen im convergenten Lichte kann die Vor- 
richtung dienen, wenn man nur darauf Bedacht nimmt das untere 
Condensorsystem und namentlich das Objectiv nur im Momente des 
Erwärmens zu nähern und dann wieder rasch zu entfernen. Das 



1 Die Säule leistet etwa dasselbe, was 5 — 6 BuNSEN'sche Elemente üblicher 
Grösse bewirken, d. h. hat eine Stromstärke von 15 Ampere und eine elektromotorische 
Kraft vciri 3 Volt. Sic liefert aber im Vergleich zu den BuNSEN'schen Elementen einen 
sehr constanten Strom und kann im Beobachtungszimmer aufgestellt werden, — \ or- 
theile, die man bei den BuNSEN'schen Elementen nicht hat. 



708 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe vom 20. Juni. 

Instrument niuss zu diesem Behufe horizontal gestellt und ausser dem 
Beobachter noch von einem Anderen bedient werden. Auch bringt man 
zweckmässig an der unteren Frontlinse des Objectivs noch eine die 
Messingtheile bekleidende Hülle von Hörn an, auf dass beim Nähern 
des Objectivs an das Praeparat demselben durch die Metalltheile nicht 
allzu viel Wärme entzogen werde und das Praeparat dadurch aus dem 
Glühen komme. 

2. Beobachtungsinethode. 

Abgesehen von den allgemein bekannten Methoden optischer 
Erforschung wandte ich bei den nachfolgenden Untersuchungen mehr- 
fach diejenige an. auf welche ich in diesen Sitzungsberichten 1890 
S. 347 die Aufmerksamkeit der Forscher gelenkt habe. 

Ich erlaube mir zu dem früher Mitgetheilten zunächst in histori- 
scher Hinsicht zu bemerken, dass nach gefälligen Mittheilungen des 
Hrn. Prof. von Redsch bereits Nörrenberg besagte Methode kannte. 
Hr. Prof. von Keusch schreibt mir darüber: 

»Von Ihrer Methode der Umhüllung hat auch Nörrenberg mehr- 
fach Gebrauch gemacht; publicirt hat er aber nichts hierüber. Ich 
besitze aus seinem Nachlasse einige leider verwitterte, sehr sauber 
ausgeführte Praeparate von mellitsaurem Ammoniak.« 

Weiterhin hatte mein verehrter College F. E. Schulze die Güte mich 
darauf aufmerksam zu machen, dass in der 1887 erschienenen Arbeit 
von V. A r ON Ebner Ȇber den feineren Bau der Skelettheile der Kalk- 
schwämme nebst Bemerkungen über Kalkskelete überhaupt« Wien. 
Akademie Sitzher. B. XCV 1887 ähnliche Anwendungen vorkommen. — 
Da mir die Arbeit nicht zu Gebote stand, so wandte icli mich direct 
an Hrn. von Ebner, zumal aus dem Referat über genannte Arbeit in 
der Zeitschrift für Kristallographie B 17. i88q. S. 292 nichts für jene 
Angabe Sprechendes zu ersehen war und erhielt die Antwort, dass 
Hr. von Ebner die in Rede stehende Methode in ausgedehntestem 
Maasse bei seiner Arbeit benutzt habe. 

Indem ich diese beiden Mittheilungen zur öffentlichen Kenntniss 
bringe und ihnen, wie selbstverständlich, ihr Recht werden lasse, 
glaube ich mich trotzdem zu dem Ausspruch berechtigt halten zu 
dürfen, dass bei der < resammtheit der Mineralogen vor meiner Ver- 
öffentlichung nichts oder nur Ungenügendes über die in Rede stellende 
Methode bekannt war, die, wie sich immer mehr herausstellt, ein 
vortreffliches qualitatives Mittel zur Untersuchung der Krystalle ist. 

Bei ihrer Anwendung scheinen mir folgende Hauptverwendungen 
in Betrachl zu kommen; ich erlaube mir bei Anfahrung derselben 
einige seither erprobte Erfahrungen u. s. w. mitzutheilen : 



Klein: Krystallographisch - optische Untersuchungen. i 09 

a. Das Aufsuchen der optischen Erscheinungen in unbekannten, das 
Licht doppelt brechenden Körpern. 

Vorab erkennt man deutlich, ob ein Körper doppelbrechend ist 
oder nicht. Vorausgesetzt er sei in seinem Brechungsverhältniss unter 
dem der umhüllenden Flüssigkeit, so wird ein isotroper Krystall bei 
passender Verdünnung der Flüssigkeil plötzlich in derselben, nach allen 
Richtungen gesehen, verschwinden; es ist dies der Fall, wenn die Flüssig- 
keit ebenso das Licht bricht, wie er. Ein doppelbrechender Krystall 
kann, nach allen Richtungen besehen, niemals dies Verhalten gleich- 
zeitig zeigen; ja man könnte sogar durch consequente Weiterausbildung 
dieser Methode ein- und zweiaxige Krystalle damit unterscheiden. In 
der Praxis erreicht indessen die Unterscheidungsfähigkeit bei schwacher 
Doppelbrechung bald eine Grenze und man bedient sich zur Fest- 
stellung des Thatbestandes besser der gewöhnlichen Hülfsmittel. 

Von gebrauchsfähigen Flüssigkeiten stehen uns, wie bekannt, 
durch die Untersuchungen der IIH. Goldschmidt 1 und R. Brauns" das 
Kaliunnpiecksilherjodid und des Methylenjodid zur Verfügung. — 
Ersteres hat bei einem spec. Gew. von 3.1b für n D den Werth 1.726. 
Es liisst sich beliebig mit Wasser verdünnen, wobei spec. Gew. und 
Brechungsvermögen sinken; man darf alter die Lösung nicht mit 
Metallen in Berührung bringen, weil diese sie zersetzen. 

Das Methylenjodid hat bei i6°C. n B = 1.741. Es lässt sich 
zwar nicht mit W'asser aber doch mit Benzol (n B = 1.5 bei 1 5 G.) 
verdünnen: gegen Metalle ist es unempfindlich. Überdies soll sein 
Brechungsvermögen nach Bertrand' 5 durch Auflösen von Schwefel 
in der Flüssigkeil in der Wärme über 1.8 4 , durch Auflösen von 
Schwefel und Jod über 1.85 gebracht werden können. 

Zur Untersuchung hätte man also geeignete, verdünnbare Flüssig- 
keiten. Es können damit selbst Krystalle geprüft werden, deren 
Brechungsexponenten über den durch die höchst brechbare Flüssig- 
keit gegebenen liegen. Die Erscheinungen werden sich nur nicht ganz 
so vollkommen darstellen, als wenn Flüssigkeit und Krystall in der in 
Frage kommenden Richtung mit ihren Brechungsverhältnissen über- 
einstimmen. 

Zur Untersuchung der Krystalle müssen dieselben in einem Glas- 
gefasse möglichst ausgiebig gedreht werden können. In Annäherung 
ist dies schon vermittelst der Dreh- und Justirvorrichtungen des 



1 X. Jahrb. I'. Min. 1881. Beilage Band I. S. 232. 

2 X. Jahrb. f. Min. 1886. B. II. S. 72 „. f. 

;; Bulletin de la See. francaise de Mineralogie 1888. T. XI. p. 31. 
1 Nach gef. Mittheilungen von IL Zeiss in Jena ist der Brechungsexponent 
nur 1.787. 



<|0 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 26. Juni. 

FüESs'schen Axenwinkelapparates möglich, Hr. Füess hal aber überdies 
die Anfertigung einer besonderen, speciell diesen Zwecken dienenden 
Vorrichtung in Aussicht gestellt. Bemerkt sei, dass bei einaxigen 
Krystallen schon röcht bedeutende Dicken (his zu 1.5"" und mehr) 
in Betracht kommen können: bei zweiaxigen dagegen die Dicke des 
Krystalls mit wachsendem Axenwinkel sinkt und bei grossen Winkeln 
nur etwa 5 — 6°™ betragen darf, wenn man noch die beiden Axen- 
pole gleichzeitig übersehen will. 

Bei der Operation verdünnt man die Flüssigkeit so lange, bis 
der Kn stall für eine mittlere Laue in derselben annähernd verschwindet, 
sucht dann durch passendes Drehen das betreffende optische Element, 
Richtung der ersten Mittellinie bei den zweiaxigen oder der optischen 
Axe hei den einaxigen. in die Visirlinie zu bringen und bringt nun 
die Flüssigkeit durch weiteres Verdiinnen oder Concentriren dahin, 
dass für diese Richtung der Krystall in ihr überhaupt (einaxig) oder 
vornehmlich in der Richtung der Axenebene (zweiaxig) verschwindet. 
Den Brechungsexponenten der Flüssigkeit kann man dann am besten mit 
Hülfe eines AisnE"schen Refractometers für Flüssigkeiten, was mit Glas- 
prismen von höheren Brechungsverhältnissen versehen ist. bestimmen. 

A. Dir Herstellung von Praeparaten :ur Untersuchung im parallelen und 
im convergenten polarisirten Lichte. 

ct. Praeparate zur Untersuchung im parallelen 
polarisirten Lichte. 

Ganze Krystalle oder Bruchstücke derselben können untersuch! 
werden in Rücksicht auf Auslöschungsrichtungen auf gewissen Flächen 
nach bestimmten Kanten, hinsichtlich des Pleochroismus, der eventuell 
vorkommenden Feldertheilung u. s. w. 

Will man die zu untersuchenden Körper nicht in dem vorhin 
angedeuteten Apparate zum Drehen der Krystalle in Flüssigkeiten 
prüfen, sondern Dauerpraeparate aus ihnen anfertigen, so fixire man 
sie in der erforderlichen Stellung mit Wachs oder einem anderen 
Klebstoff auf einem Objectträger, stülpe über sie einen auf dem 
Objectträger festzukittenden Abschnitt einer Glasröhre und fülle den- 
selben mit dem entsprechenden Medium von passendem Brechungs- 
verhältniss aus. so dass dasselbe ganz den Krystall umhüllt. 

Als solche Medien empfehlen sich neben den oben erwähnten 
Flüssigkeiten eine Menge von Ölen, Monobromnaphtalin, Schwefel- 
kohlenstoff, vielfach auch Canadabalsam 1 u. s. w. 



1 Bei der Wahl von Canadabalsam kann man, wenn man mit BERTRAND'scher 
Linse und Ocular als schwach vergrösserndem Mikroskop eine Übersieh! über den 



Klein: Krystallographisch- optische Untersuchungen. 711 

Man wähle im Allgemeinen das Brechungsverhältniss des Me- 
diums so, dass alle Strahlen, selbst die mit stärkstem Brechungs- 
verhältniss noch in dasselbe übertreten können. Höher mit dem 
Brechungsverhältniss des .Mediums zu gehen, empfiehlt sich nicht, 
weil sonst das unter dem Krystall befindliche, stärker brechende 
Medium Totalreflexion an den Flächen desselben bewirken könnte. 
Niedriger als den kleinsten Brechungsexponenten dürfte man auch 
die Brechbarkeit des den Krystall umgebenden Mediums nicht wählen, 
weil sonst über dem Krystall die denselben verlassenden Strahlen 
unter Umständen auch total reflectirt werden könnten. 

Man wird daher für die Zwecke der Praxis am besten von einem 

ä + /3 + 7 o + o + ^ 

Mittelwerth, etwa - . resp. - ausgehen, zusehen. nl> 

3 3 

die gewünschten Erscheinungen deutlich hervortreten, und nach der 

einen oder anderen Seite noch etwas nachhelfen, wenn es erforderlich 

sein sollte. 

In dem einen besonderen Falle, in dem man bei einaxigen Krystallen 

die einlache Brechung in der Richtung der Axe c an einem ganzen 

Krystalle ohne Basis, z. B. einen Spaltrhomboeder von Kalkspath, 

zeigen will, ist der Krystall mit einer Flüssigkeit zu umgeben, die 

vmn Brechungsverhältniss o ist. Hierzu eignet sich bei Kalkspath 

Monobromnaphtalin fast ganz genau. 

ß. Praeparate zur Untersuchung im convergenten 
pola i-isi i-t en Lichte. 

Bei den hier vorzugsweise in Betracht kommenden Praeparaten, 
senkrecht zur optischen Axe der einaxigen oder der ersten (respective 
zweiten) Mittellinie der zweiaxigen Krystalle. wähle man die umgebende 
Flüssigkeit nach denselben Rücksichten, die eben erörtert wurden, 
d. h. man gehe von einer der mittleren Brechung entsprechenden aus 
und ändere sie nach Bedürfhiss. 1 

Da Cur den Axenwinkel die Relation: 

• 1- " ■ TT 

sin 1 „ = = sin H„ 
P 



Schliff nimmt, besonders leiclii zur Darstellung von Axenerscheinungen , namentlich 
bei einaxigen Krystallen. übergehen, wenn man convergentes Licht einfallen lässl und 
das freie Tubusende bis zur Bildung einer Blase in den Balsam taucht. Diese wirkt 
dann wie «-in Objecth und die Umwandlung des [nstrumentes ist für diesen /weck 
genügend erreicht. 

1 Versuche, an optisch einaxigen Krystallen angestellt, ergaben das Resultat, 
dass die Erscheinungen am deutlichsten und am wenigsten von den vorhandenen Flächen 

beeinflussl auftraten, wenn das Brecl gsverhältniss der Flüssigkeit dem am stärksten 

gebrochenen Strahl entsprach. 



i \'2 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 26. Juni. 

gilt, worin V„ den halben wahren Winkel im Krystall, 3 dessen mittleren 
Brechungsexponenten, H„ den halben Winkel im umgebenden Medium 
vorstellt und u dessen Brechungsverhältniss ist, so wird, wenn n = /3 
wird, im umgebenden Medium der Winkel seiner Grösse nach erscheinen 
wie im Krystall. Tritt er dann in Luft aus, so bietet er sich dar. als ob 
er an einem passend hergestellten Schliff in Luft besehen würde. 

Da es schwer ist n absolut = ,S zu machen, auch die Brechungs- 
exponenten der Flüssigkeiten mit der Temperatur Änderungen, z. Th. 
fühlbarer Art unterworfen sind, das Zittern der Flüssigkeit störende 
Erscheinungen hervorbringt, so erscheint es für die Zwecke der Praxis 
nicht thunlich . das sieh Darbietende zu einer Messung des wahren 
inneren Axen winkeis zu benutzen, obwohl sich Dispositionen der 
Instrumente ersinnen liessen, dies zu bewirken. 

Der Hanptwerth der Methode wird vielmehr in der leichten Dar- 
stellbarkeit der optischen Erscheinungen zum Zwecke der Demonstration 
und ersten Orientirung sein und den erfüllt sie in vollem Maasse. 

Da es aber nicht bloss auf den Abstand der Axenpunkte, sondern 
auf die deutliche Erscheinung des ganzen Axenbildes ankommt, so 
muss man die Flüssigkeit jedenfalls so wählen, dass auch andere als 
die Strahlen geringster und mittlerer Brechbarkeit den Krystall ver- 
lassen können. 

Sehr empfindlich sind die Krystalle dann, wenn die Axenebene 
über eine Kante wegläuft (Beispiel: Baryt: Axenebene das seitliche 
Pinakoid, I. Mittellinie die Axe ä; Krystall mit Flächen von ' , P 55 [201]). 
Hier wirken, wenn das Brechungsverhältniss ihr Flüssigkeit nicht 
genau das geforderte ist, die Flächen des Doma's ablenkend und das 
(urvensystem um die erste Mittellinie erseheint so. als wenn aus seinem 
Centraltheil ein Stück herausgeschnitten wäre. Erst dann, wenn die 
Flüssigkeit das erforderliche Brechungsverhältniss hat. gehen die Curven 
um die eine Axe in die um die andere gesetzmässig über. — Zur Her- 
stellung eines normalen Bildes ist es auch nöthig, dass der Krystall 
zu beiden Seiten, wo die Axen austreten, gleichmässig entwickelt, it. h. 
gleich dick sei. sonst erscheinen im Bilde die Axenpunkte von ungleich 
weiten und der Zahl nach verschiedenen Curven umgeben. 

Nicht so empfindlich wirken die Flächen, wenn die Axenebene 
sich auf ihnen vollständig projicirt (Beispiel: Topas: Axenebene 'las 
seitliche Pinakoid I. Mittellinie Axe c; Krystall mit einer Fläche eines 
Brachydoma's, z. B. 4 P 00 [041]). 

Hier erscheint im Bilde das Doma gewissermaassen Ms in die 
Lage der Basis gehoben, die Axen treten auf einer Fläche aus und 
die prismatische Beeinflussung derselben könnte höchstens, wenn sie 
nicht aufgehoben wäre, 'las ganze Bild einseitig verschieben. 



Klein: Krystallographsich - optische Untersuchungen. i 1 • > 

B. Specieller Theil. 

1. Rhodizit. 

Dir erste Nachricht von dem Vorkommen des Rhodizits gab 
bekanntlich G. Rose. 1 Kr beschrieb die Krystalle als auf Turmalin 
sitzend und von der Combination ooO(uo) mit einem oder den 

beiden x(m). Als Fundort wird Seh aitansk am Ural angegeben; 

wie sich später herausstellte, ist, aber der richtige Fundort Sarapulsk. 
Einige Zeil später berichtet (>. Rose' 2 über Krystalle von Schaitansk. 
Dieselben stammen aus einem granitischen Gesteine und sitzen auf 
Quarz und in rothem Turmalin. Ihre Grösse ist bedeutender als die 
der Sarapulsker. Sie .sind etwas frühe und zeigen die Combination 

coO(iio), x.(i i i). Das elektrische Verhalten wird wie das des 



Boracits angegeben: an den durch ■/. ( i i i ) abgestumpften Ecken 

Liegen die antilogen, an den nicht abgestumpften die analogen Pole. 
Die Härte ist über 8, des spec. Gew. 3-415- In chemischer Hinsicht 
wird vermuthet, es liege ein Kalkboracit vor. 

Eine Wiederholung dieser Mittheilungen bringl ('•. Rose in seiner 
Reise nach dem Ural und dem Altai 1837. B. I. S. 468, ebenso handeln 
P. Riess und G. Rose in ihrer Abhandlung über die Pyroelektricität 
der Mineralien, Pogg. Ann. 1843. B. 59. S. 353, wesentlich über das 
heim Rhodizit. was schon (I. Rose in elektrischer Hinsicht früher 
gefunden hatte. 

Erst im Jahre 1882 sind die Untersuchungen am Rhodizit durch 
E. Bertrand 3 wieder aufgenommen worden. Er erkannte, dass der 
Rhodizit nicht isotrop ist. sondern aus mehreren doppelbrechenden, 
verzwillingten Einzelkrystallen besteht. Ein Schliff nach einer Fläche 
von ooO(iio) zeigt die Zweiaxigkeit und lässt erkennen, dass die 
Ebene der optischen Axen parallel der kurzen Diagonale auf der 
Fläche des Rhombendodekaeders ist. Bald darauf vervollständigt 
Bertrand 4 seine Angaben auf Grund von Material, welches Websio 
an Des-Cloizeaux gesandt hatte. 

Auf Grund der nunmehr vorgenommenen Untersuchung wird 
angegeben, dass sich die Rhodizitkrystalle, wie die Boracite. leicht in 



1 Pogg. Annalen 1S34. B. 33. S. 253 u. f. 
- Pogg. Annalen 1836. B. 39. S. 321 11. f. 

3 Proprietes optiques de la Rhodizite. Bull, de la Soc. Min. de France T. \ 
[882. p. 31. 

1 Sur In forme cristalline de la Rhodizite; ibid. p. 71. 



714 Sitzung der physikalisch -mathematischen Gasse vom 26. Juni. 

die Einzelindividuen trennen. Bezüglich der optischen Verhältnisse wird 
die Lage der Ebene der optischen Axen entsprechend der früheren 
Angabe wiederholt und hinzugefügt, die positive Mittellinie stehe schief 
auf der Flüche von co ( i i o) und bilde mit der Normalen dazu io°. 
Wahrscheinlich entferne sie sich, von der Tetraederffäche ab, um diesen 
Winkel von ihr. 

Der Axen winkel sei gross um die -f-, wie um die — Mittellinie. 
Die Zusammensetzung aus i 2 Einzelindividuen erfolge wie heim Boracit, 
dieselben seien jedoch nicht wie dort hennedrisch. Sie. müssen als 
monoklin gelten und man könne die Krystalle entweder unter der 

Annahme einer Fläche von ooO(iio) oder einer von — x(iii) als 

2 

Basis betrachten. 

Die chemische Analyse führte Damouk 1 aus; sie lässt die Zu- 
sammensetzung als aus K 2 . 2A1 2 3 . 3B 2 3 bestehend erkennen. 
Gkotii- fasst dies als |B() : J ; [A1()] 2 K auf. 

Die mitgetheilten Untersuchungen lassen noch manche Fragen 
offen. Ich suchte daher, so gut dies mit dem äusserst sparsamen 
Material anging, dieselben zu beantworten. 

In krystallographiseher Hinsicht fand ich zunächst auch 

nur ooO(iio) und — x(mi) vor. — coO(iio) ist nicht eben. 

2 

sondern im Sinne der langen Diagonale auf der Fläche als Wolbungs- 

axe gewölbt. — x ( i i i ) ist meistens glatt. Genaue Winkelmessungen 

sind nicht auszuführen. 

In elektrischer Hinsicht konnte ich (i. Rose's Angaben be- 
stätigen. Es wurde mit der Kumrr'schen Methode gearbeitet und die 
Krystalle heim Abkühlen untersucht. 

Die Ecken von coO(iio) mit — x(iii) wurden gelb. 

» » » » ohne » » roth. 

Die Gesammtwirkung war aber schwach und lange nicht so deutlich 
wie beim Boracit. 

Die abgestumpften Ecken repraesentiren in Folge obigen Verhaltens 
die antilogen und die nicht abgestumpften die analogen Pole. Mit 
Rücksicht auf die durch die optischen Verhältnisse angedeutete Sym- 
metrie lässt dieses Verhalten den gegenwärtigen Zustand der Krystalle. 
wie wir später sehen werden, als monoklin und hemie'drisch erscheinen. 



Sur In Rhodizite. Bull, de la Soc. Min. de France T. V. 1882. p. 98. 
Tabellarische Übersichl der Mineralien. 1889. S. 68. 



K i i in: Krystallographisch - optische Untersuchungen. 



715 



Bezüglich der optischen Untersuchung konnten nur solche 
Schliffe hergestellt werden, an denen möglichst viel zu erkennen war. In 
Folge dieser durch die Seltenheit der Suhstanz gebotenen Beschrän- 
kung auf gewisse Schlifflagen kamen nur Schliffe nach 3o0(iio) und 
zwar mediane und periphere zur Untersuchung. Ganze Krystalle waren 
aus leicht erklärlichen Gründen nicht zur Untersuchung zu verwenden. 
Dieselbe hatte ihre eigenthürnlichen Schwierigkeiten und würde 
ohne Kenntniss entsprechender Schliffe heim Boracit wohl kaum be- 
friedigend auszuführen gewesen sein. 

Ich beziehe mich auf meine Arbeit über den Boracit, N. Jahrb. f 

Mineralogiei 880. B.II. Tafel VI. 
Fig. 1 5 und nenne, wie dort, 
die einzelnen Felder des Schliffs 
A,B,ai),E,F, G, veröl die 
beistehende Fig. i 1 . 

Bringt man ein solches 
Praeparat zwischen gekreuzte 
Nicols auf den Tisch eines 
Polarisationsmikroskops und 
lässt die Trennungslinie von 
DjE und G/i^einemNicolhaupt- 
schnitt parallel laufen, so löscht 
das Feld A aus. die Felder B, 
C und D, E nahezu, dagegen sind /'. G im Begriffe in die Hell- 
st ellung überzugehen. 

Schaltet man ein Gypsblättchen vom Roth I. Ordnuno- ein, dessen 
kleinere Elasticitätsaxe MM' hier und in der Folge immer von unten 
links nach oben rechts verlaufen soll, so ist in der oben geschilderten 
Stellung der Platte (ihr mittlerer Theil A zeige in seiner Hellstelluni; 
das Hellgraublau der I. Ordnung) 
das Feld A völlig roth, 

dagegen B roth mit leicht bläulichem Ton, 
C roth mit leicht gelblichem Ton, 
ferner D hlauroth, 
E gelbroth, 
endlich G blau, 
F gelb. 
Wie man sieht, entspricht diese Anordnung einem monoklinen 
Bau vollkommen. 




1 In derselben sind die Auslöschungsschiefen der einzelnen Felder, um deutlich 
hervorzutreten, etwas übertrieben dargestellt. Ihre Werthe werden später mitgetheill 
werden. 



7K) Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 26. Juni. 

Stellt man die lange Diagonale von A senkrecht zu MM' im 
Gypsblättchen , so werden die Tlieile A reingelb, B und C gelb in 
verschiedener Abtönung, die Theile D, E, G blau in verschiedener 
Nuance, der Theil F beginnt sich roth zu färben. 

Klimmt die lange Diagonale parallel MM', so erscheint A rein- 
blau, die Theile B, C verschieden abgetönt blau, D, E, F in ver- 
schiedenen Nuancen gelb und der Theil G beginnt roth zu werden. 

Dieses auf den ersten Anblick verwirrende und mit dem Wesen 
des monoklinen Systems scheinbar nicht im Einklang stehende Ver- 
halten, entspricht demselben vollkommen, wie eine Betrachtung der 
Lage der Auslöschungsrichtungen auf den einzelnen Theilen erweist. 
Man beobachtet nämlich hier das folgende: 

Auf A zeigt sich Auslöschung nach den Diagonalen, 
» B und C eine Schiefe von io° — 12 zur äusseren Kante. 
» 1) und E 1 eine Schiefe von 7 , seltener von io° zur Grenze 

der Felder, 
» G und F eine Schiefe von 24 — 27 zur Feldergrenze. 

Diese Werthe stellen Mittelwcrthe aus verschiedenen Beobach- 
tungen und Platten dar. Letztere sind äusserst selten ganz einheitlich 
gebildet. Nicht nur greifen einzelne Felder in andere über, auch 
ein und dasselbe Feld ist manchmal sehr gestört gebildet, schwankt in 
der Auslöschung seiner Theile, zeigt parallel den Begrenzungseleinenten 
eingelagerte Streifen optisch anders orientirter Substanz und hie und da 
sogar isotrope Stellen. Es stellen aber die initgeth eilten Werthe der 
Auslöschungsschiefen die besten dar, die zu erlangen waren. 

Legen wir sie vorläufig der Betrachtung zu Grunde, so ergibt 
sich, dass, wenn die lange Diagonale von A mit MM' eoineidirt und 
das Feld blau wird , die Felder B und C in ähnliche Lagen kommen, 
da sie auch ein abgetöntes Blau zeigen. Es liegen also in allen drei 
Feldern die kleineren Elasticitätsaxenspuren im Sinne der langen Dia- 
gonale von A. Für A selbst ist jene Spur aber die der Elasticitäts- 
axe b, sie fällt genau parallel zur langen Diagonale und ist in der 
Plattenebene die kleinere Axe gegenüber der in die kurze Diagonale 
(allenden Spur der grössten Axe a. Da nach den Untersuchungen 
von Bkrtrand die Axencbene senkrecht auf A steht und in der kurzen 
Diagonale liegt, so folg! daraus, dass die auf A überdies schiel' stehende 
Mittellinie = c ist. und der Krystall um diese Mittellinie positiv sein 
rnuss. Der Spur von a in A müssen aber in B und C die Spuren 
von a annähernd parallel (d. h. symmetrisch entgegengesetzt unter je 



1 In diesen Feldern beobachtet man eine zur Feldergrenze unter je 35 circa 
gerichtete Streifung, die möglicherweise mit einer Bildung hohler Kanäle, ähnlich 
wie beim Boracit . zusammenhängen könnte. 



Klein: Krystallographisch-optischi ungen. (1/ 

io°) liegen, also auch die Spuren von r unter je demselben Winkel 
von der Normalen zur äusseren Kante abweichen. 

Wenn aber die lange Diagonale von A parallel MM' geht, so 
kommt auch die Normale zur Feldergrenze l> E in dieselbe Lage. Bei 
dieser Lage werden die Tlieile /). K gelb; es müssen daher die nur 
wenig (symmetrisch entgegengesetzt um 7 ) von dieser Normalen ab- 
weichenden Auslöschungsrichtungen den Spuren der grösseren Elasti- 
citätsaxen in den resp. Plattenebenen entsprechen. Da bei jener eben 
erwähnten Lage der langen Diagonale von A aber auch F gelb zu 
werden beginnt, so liegen in diesem Feld die optischen Elemente in 
demselben Sinne wie in E. Das Fehl G endlieh kommt hei der be- 
wussten Stellung der langen Diagonale nicht allzu sehr aus der diago- 
nalen Stellung seiner Elasticitätsaxenspuren (Ausweichung etwa 1^ 1 
zu .)/ .)/' heraus; es wird also noch angenähert roth erseheinen, die 
Elasticitätsaxenspuren werden in ihm aber symmetrisch entgegengesetzt 
liegen wie in F. Die scheinbar gesetzwidrige Färbung der Felder ist 
also hierdurch erklärt. 

Im convergenten polarisirten Lichte beobachte! man auf A, durch 
Axenbarren angezeigt, den schielen Austritt zweier optischer Axen von 
grossem Winkel. Die Erscheinung ist nicht sehr präcise, da auch die 
Felder .1 wenig einheitlich gebildel und ungestörl sind. Immerhin 
kann man constatiren, dass die Ausweichung von der Flächennormalen 
in der Ebene der Axen vorhanden ist und im Sinne einer Neigung 
nach der vorhandenen Tetraederfläche zu erfolgt. 1 Die Fläche A ent- 
spricht also einer monoklinen Basis. — B und C repraesentiren Klino- 
pinakbidflächen , die Schiefen auf B und C jeweils zur äusseren Kante 
können als Maass der Ausweichung der + Mittellinie auf A von der 
Normalen zu A gelten. D und E, sowie G und F entsprechen etwa 
4- und — Hemipyramiden. 

Bei dieser Darstellung ist angenommen worden, das jetzt in Er- 
scheinung tretende monokline Gebilde habe in seinem Einzelindividuum 
dieselben Gestalten wie der ganze Zwillingscomplex , d.h. es treten 
zu demselben sechs Krystalle zusammen, ein jeder befähigl so aus- 
gebildet zu sein, wie der ganze Complex. Diese Annahme spricht 
nicht zu Gunsten eines Aufbaues der Rhodizitkrystalle aus ursprüng- 
lichen Theilen niederer Symmetrie: man ist aber zu ihr, wie heim 
Boracit, durch den Umstand gezwungen, dass die Felder in einander 
übergreifen und somit das theoretisch auf die vierseitige Pyramide 

1 Derselben liegen die Felder mit kleinerer Auslöschungsschiefe an. \n einem 
IVaeparat wurde auch die Lage der Mittellinie c, entgegengesetzt wie angegeben und 
so wie es Bertrand gesehen zu haben glaubt, gefunden. Das Praeparat war aber 
nicht mi gut gebildet, \\ i f • das oben untersuchte. 

Sitzungsberichte 1890. 61 



718 Sitzung der physikalisch- mathematischen Classe vom 26. Juni. 

(Spitze im Kiystallmittelpunkt , Basisfläche in der Rhombendodekaeder- 
fläche) beschränkt sein sollende Einzelindividuum in seine Nachbar- 
individuen hinein sich erstreckt. Bezüglich der weiteren Erörterungen 
über diesen Punkt beziehe ich mich auf die seiner Zeit gegebenen 
Auseinandersetzungen im X. Jahrb. für Mineralogie 1 88 1 I. S. 241 u. f. 
und bemerke nur, dass in neueren Arbeiten Anderer hierauf keine 
Rücksicht genommen ist, vielmehr Einzelindividuen construirt werden, 
die rein theoretisch recht einfach ausgedacht sind, in Wahrheit aber 
durch ähnliche Momente, wie die sind, die hier erwähnt wurden, als 
sehr viel eomplicirter gebildet angenommen werden müssen. 

Lässl man sieh von dem optischen Befund leiten und berück- 
sichtigt das eben Gesagte, so zerfällt die reguläre Combination: 

OoO(iio) in: oP(ooi), — P(i 1 1), + P(7ii), coPcb(oio). 

— x(m) in: -",Poo( 102), -f ' 2 Pöö(To2), oo?2(i2o). 

Dabei ist ä : b: c = 0.707107 : 1 : 1. 

ß = 90 . 

Die Ausbildung der Einzelkrystalle ist aber nicht holoedrisch. 
Zu Basis, Klinopinakoid und Pyramiden treten die parallelen Gegen- 
fiächen auf. Sie fehlen bei den Orthodomen und Prismen. Wie man 
bemerken wird steht dies vorab mit den elektrischen Verhältnissen 
im Einklang, indem an den Enden der ehemals trigonalen Zwischen- 
axen verschiedene krystallographische Entwickelung sich zeigt. — In 
gewissem Sinne würde diese Ausbildung alier auch einer Hemiedrie 
entsprechen, von der u. A. Mallard in seinein Tratte de Cristallo- 
graphie 1N79. T. I p. 196 zum Schluss Kunde gibt; wenigstens ist das 
dort Gesagte l'ür die Orthodomen und das Prisma zutreffend, da diese 
nur mit der Hälfte der Flächen, symmetrisch zum Klinopinakoid an- 
gelegt, erscheinen. Die Pyramiden würden in unserem Falle mit den 
beiden hemiedrischen Formen vorkommen. 

Wie dem nun auch sei. ob man den Rhodizit ansieht als monoklin 
durch seeundäre Umstände geworden oder ursprünglich so aufgebaut, 
immer bleibt es interessant zu sehen, wie sich die monokline An- 
ordnung im regulären Rahmen abfindet oder wie sie sich gestaltet, 
um die scheinbar reguläre Bildung nachzuahmen, und von diesem 
Standpunkte aus hat, die Sache ein Interesse, einerlei, wie man sich 
zur erst aufgeworfenen Frage selbst stellen möge. 

Dem am Boracit erkannten Verhalten entsprechend hätte man 
auch erwarten sollen, es trete beim Erwärmen eine Umlagerung der 
Theile oder gar ein Übergang zu einer anderen Gleichgewichtslage 
ein. allein nichts Min all' dem zeigte sieh. Die Kn stalle wurden in 



Klein: Krystallographisch - optische Untersuchungen. i I '.I 

Schliffen anfangs vorsichtig, nach und nach immer stärker, endlich 
unter Aufbietung aller Mittel bis zur hellen Rothgluth erhitzt, ■ — 
trotz all' dein blieb die optische Structur, von ganz unwesentlichen 
Änderungen abgesehen, immer dieselbe wie vor der Einwirkung der 
Wärme, so dass diese, wenigstens innerhall» der erwähnten Tem- 
peraturgrenzen, ohne Wirkung ist. 

Da mit dem nur sparsam vorhandenen Material andere Versuche 
uieht anzustellen waren, so ist. auf Grund der vorliegenden die schon 
oben aufgeworfene Frage nach der Ursprünglichkeit der sich jetzt 
darbietenden Erscheinungen nichl definitiv zu entscheiden. 

Dem, der in den Rhodiziten, Zwillingsgebilde, aus Theilen niederer 
Symmetrie bestehend, sieht, wird die Aufgabe zufallen, die reguläre Form 
zu erklären, die jene Gebilde trotz des vielfachen Wechsels im Innern, 
so namentlich der vielen Überlagerungen und der damit im Zusammen- 
hang stehenden Differenzen in den Auslöschungen zeigen. Auch würde 
ihm die Fixirung des Einzelindividuums, so complicirl gebildet wie der 
ganze vorliegende Complex, die Erklärung nicht sonderlieh vereinfachen. 

Der, welcher die Rhodizite als ursprünglich reguläre geneigt- 
flächig -hemiedrische Gebilde auffasst, findet sich, wenn sieh das 
Moleculargefüge ein Mal ändert, schon mit der monoklinen Gleich- 
gewichtslage ali, auch mit besonderer Rücksicht auf die Beschaffen- 
heit der Flächen. Das Einzelindividuuni kommt hier nicht in Be- 
tracht. Die unregelmässigen Auslöschungen auf den einzelnen Feldern, 
die noch isotropen Theile derselben u. s. w. sind Folge der secundär 
eingetretenen Änderungen. Wodurch diese aber zu Stande gekommen 
sein könnten, darüber fehlt, mit besonderer Berücksichtigung dessen, 
was die Krystalle unter dem Einfluss der Wärme zeigen, der nähere 
Anhalt. 

2. Jeremejewit. 

Im Jahre 1883 untersuchte Damoik ' ein Mineral vom Berge 
Soktuj in Daurien und fand dessen Constitution als aus (AF, Fe 2 ) 3 ., 
B 2 ;! bestehend. Das specihsche Gewicht ermittelte er zu 3.28, 
die Härte zu 6.5. — Websky 2 zeigte im Anschluss an Unter- 
suchungen von Jereme.iew, dass die Krystalle optisch aus einem 
einaxigen Mantel — Jeremejewit - bestehen, der einen zweiaxigen 
Kern - - Eichwaldit — in Form eines rhombischen Durchkreuzungs- 
drillings gebildet, umschliesst. Webskv bestimmte den Charakter der 
Doppelbrechung in beiden Theilen als negativ, den Axenwinkel zu 



1 Note sur hm horate d'alumine cristallise de la Siberie. Nouvelle espece 
minerale. Bulletin de la Soc. Min. de France 1863. T. VI. p. 20. 

- Sitz. Berichte «1. K. Akad. d. Wissensch. /.. Berlin 1S83. S. 171. 

er 



720 



Sitzung 



ptays 



calisch - mathematischen Classe 



26. Juni. 



52' in Luft und für rotbes Lieht, ermittelte dann R>Bl und in An- 
näherung «=1.65, /3 = I -<" > 4> endlich stellte er durch mühsame 
goniometrische Unsersuchungen System, Axenverhältniss und Gestalten 
von Jeremejewit und Eichwaldit fest. Nach Groth 1 kann die Zu- 
sammensetzung als BO 2 [AlO] angesehen werden und es werden 
unter der Voraussetzung, dass Jeremejewit und Eichwaldit, wie wahr- 
scheinlich, gleiche chemische Zusammensetzung haben, beide in dem 
Sinne als dimorph angesehen, dass ersterer aus sehr dünnen Lamellen 
des letzteren aufgebaut ist. 

Bei dem grossen Interesse, was ein so eigentümliches Mineral- 
gebilde in theoretischer Hinsicht besitzt, schien es mir geboten, noch 
mehr Schliffe als den einen, den seiner Zeit Websky prüfte, zu 
untersuchen, und es wurde zu dem Ende der Krystall, dessen Haupt- 
theil Damouk zu seiner Analyse benutzt hatte, in seiner (von jener 
Zeit her noch erhaltenen) grösseren Hälfte zu Schliffen senkrecht zur 
langen Erstreckung verwandt. 

Bei der Untersuchung dieser Schliffe trat alsbald eine sehr viel 
complicirtere und interessantere Erscheinung zu Tage, als sie Websky 
in seinem einen Schliff sah. woselbst Manches nicht zur Ausbildung 
gekommen, Anderes durch Einlagerungen verhüllt gewesen war. 

Betrachtet man die Schliffe zunächst im Polarisationsmikroskop 
zwischen gekreuzten Nicols, so besitzen dieselben von aussen nach 

innen gehend, Fig. 2, eine Zone A, 
die bei einer vollen Horizontal- 
drehung des Praeparats dunkel bleibt, 
dieselbe ist gefolgt von einer Zone I!. 
die öfters scharf, hie und da mehr 
oder weniger verschwommen in A 
übergeht, aber immer scharf gegen 
C absetzt. Diese Zone verhält sieh 
nicht wie A ; es bleiben von ihr 
bloss die Theile dunkel (in Fig. 2 : 
B und B 6 ), die mit ihrer Längs- 
richtung in eine der Polarisations- 
ebenen der gekreuzten Nicols fallen, 
die anderen Theile erscheinen er- 
hellt. Beim Drehen des Praeparats 
sind immer die zwei gegenüber- 
liegenden Theile dunkel, die einer 
der Polarisationsebenen der gekreuzten Nicols parallel laufen. 




tabellarische Übersieh! der Mineralien. 1889. S. 68. 



Klein: Krystallographisch- optische Untersuchungen. i '21 

Die nun folgenden Theile C sind abwechselnd hell und dunkel. 
Es ist letzteres der Fall, wenn die Halbirende des Winkels des durch 
sie gebildeten Sechsecks oder die Senkrechte dazu mit den gekreuzten 
Polarisationsebenen der Nicols coincidirl (in Fig. -i (\ und C 4 ); ersteres 
wenn diese Richtungen 45° zu den Polarisationsebenen der Nicols 
machen. Die Theile C schliessen im Innern häufig, aber nicht immer, 
ein zu dem äusseren über Eck stehendes Hexagon ein. das sich 
optisch annähernd verhält wie der Rand A. 

Wie man bemerken wird, giebt die WEBSKY'sche Beschreibung 
weder von der optischen Beschaffenheil von II. noch von dem Theil l) 
Kunde. Letzterer war in dem untersuchten Praeparate nicht zur Aus- 
bildung gekommen, ersterer durch Einlagerungen getrabt und wenig 
mehr zum Studium geeignet. 

Untersucht man im Polarisationsinstrument, so zeigen die 
Theile A den Austritt, der optischen Axe der einaxigen Krystalle. 
Dieselben erweisen sich als optisch negativ. 

Die Theile B sind zweiaxig mit kleinem bis mittlerem Axen- 
winkel. Derselbe geht für weisses Licht meist allmälig von an 
liis 35 c in Luft. Letzteren Werth erreicht er an der Grenze zu ('. 
ersteren an der zu A. Die Axenebene steht in jedem Sector auf der 
Grenze B/C senkrecht, die spitze Mittellinie ist normal zur Schliff- 
fläche und negativen Charakters. 

Die Theile C sind stärker doppelbrechend wie die Theile B. 
Auch sie sind zweiaxig und die Axenebene steht jeweils senkrecht 
zur Halbirenden des Sechseckswinkels. Der Axenwinkel ist hier grösser 
als in den Theilen B und innerhalb eines Feldes manchmal constant, 
manchmal etwas schwankend: er beträgt im Mittel etwa 52 in Luft, 
wie es auch Wkkskv fand. Die Mittellinie des spitzen Axen winkeis 
seht senkrecht auf der Schlifffläche und ist ebenfalls negativen Cha- 
rakters. 

Der Centraltheil D ist wiederum optisch einaxig negativ. 

Lin feineres Detailstudium wird ermöglicht, wenn man ein Gyps- 
blättchen vom Roth I. Ordnung in bekannter Weise in ein Polarisations- 
mikroskop einschaltet, die Nicols kreuzt und mit wechselnden Ver- 
grösserungen die Schliffe untersucht. 

Die Theile A färben sich dann im Normalzustand roth und be- 
halten diesen Ton bei einer vollen Umdrehung des Praeparates bei. 
Nicht alle Schliffe" zeigen indessen solche ganz normale Bildung. 
Es kommt vor. dass in die Theile A Streifen eingelagerl sind von 
der Beschaffenheit der anliegenden Theile />'. Diese Streifen sind, 
mit dem Gypsblättchen untersucht, gefärbt wie B. Meist sind sie 
parallel den äusseren Begrenzungen eingelagerl . seltener stellen sie 



00 



Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 26. Juni. 



>■':/■ 3. 



sich senkrecht zu jenen Richtungen ein. 1 In solcher Häufigkeit wie 
dies Websky a. a. 0. S. 673, Fig. 1 abbildet, habe ich sie in dünneren 
Schliffen nicht beobachtet. Sprünge und Klüfte mit Spannungshöfen 
treten hie und da auf. Die einzelnen Theile A gehen theils ver- 
schwommen, theils distineter in 
die Theile B über. Da, wo die 
Theile B am 120 Winkel von C 
zusammenstossen, hebt, die Theile B 
kräftiger scheidend, die Theile A 
zarter trennend, eine wellig und 
zackig verlaufende Grenze an, die 
bis in den 1 20° Winkel der Theile A 
verläuft. 

In gewöhnlichen Dünnschliffen 
zeigen die Theile B in der Diagonal- 
stellung hellgraublau I. Ordnung; 2 
sie werden durch das Gypsblättchen 
so verändert, dass in Fig. 3 /i, und 
B 6 roth (schraffirt), B, und B 4 gelb 
(weiss), B, und 5. blau (getüpfelt) 
erscheinen. 1 Dies lässt die Spur der 
Ebene der optischen Axen (II. Mittellinie) als die kleinere, folglich die 
erste Mittellinie als die grössere Elasticitätsaxe und damit ihren Charakter 
als negativ erkennen. — Die Stärke der Doppelbrechung nimmt in 
den Feldern B gegen die Theile A hin ab. Schwankungen fehlen aber 
auch hier nicht. Sehr lebhaft wirkende Spannungsbezirke kommen 
besonders an der Grenze B C vor. 

Die Theile (' sind hei gleicher Dicke wie die Theile B stärker 
doppelbrechend als diese. Zeigen die Theile B in der Diagonalstellung 
hauptsächlich hellgraublau I. Ordnung, so lassen jene gelbweiss 
I. Ordnung erkennen. 

In Folge davon sind. Fig. 3. mit dem Gypsblättchen untersucht 
und wenn C, und T den Ton des Gesichtsfeldes haben, (horizontal 
gestrichelt), C, und <\ graulich weiss (lieht). C. und C 6 gelblich grün 
(getüpfelt). Da in C 3 und C t] die Farbe steigt (genau genommen muss, 
die Axenebene /.um Zwecke der Beobachtung unter ^ c zu den ge- 




1 In ganz seltenen Füllen beobachtete ich sie parallel der äusseren Begrenzung 
und /.. B. in />', \ om Charakter des nicht zugehörigen Theils B 2 . 

'-' Dieser Tim steigt bisweilen gegen C hin dem WCiss l. Ordnung zu. 

■ : Dil' Stellen, welche ohne Gypsblättchen in der Diagonalstellung einen Ton nach 
dem Weiss [.Ordnung hin zeigen, bieten mit erstere'm combinirt reih, gelblich weiss 
und grünlich blau dar. 



Klein: Krystallographisch- optische Untersuchungen. i'2'.\ 

kreuzten Nicols stellen), so isl die Spur der Axenebene (II. Mittellinie) 
kleinste Elasticitätsaxe , daher die erste Mittellinie grösste und die 
Krystalle um sie negativ. ~ Während die Grenzen BJC meistens schai'f 
und einlieitlich , selten gebogen und abgesetzl sind, beobachtel man 
bei den Grenzen der Felder C untereinander theils scharfe, theils 
gebogene Grenzen, auch wohl schiefes Einschneiden derselben. Die 
Felder selbst sind manchmal im Gleichgewicht, manchmal ist eins 
oder es sind mehrere auf Kosten anderer zurückgedrängt. Die nicht 
selten an Klüften und Kissen vorkommenden Spannungsbezirke zeichnen 
sich wie in B durch lebhafte Wirkuhgen aus. Wie dort setzen auch 
hier diese Bezirke nicht ofl von einem Felde auf das andere über. 

Wahrend die Felder C meist einen einheitlichen Ton Laben, 
gibl es auch andere, deren Doppelbrechung in der Richtung nach der 
Mitte zu zunimmt. Hie und da geben sich auch Anfänge zu einer 
regellosen Untertheilung der einzelnen Felder kund. 

Das Centralfeld 1) behält entweder den Ton des Gesichtsfelds hei. 
oder zeigt Spuren schwachen Wechsels in der rothen Farbe an ein- 
zelnen Stellen beim Drehen des Tisches. 

Untersucht man die mit Hülfe des Gypsblättchens als besonders 
merkwürdig erkannten Stellen im eonvergenten Lichte, so erhält man 
folgende Resultate. 

Die normalen Stellen in den Feldern A zeigen ein ungestörtes 
schwarzes Kreuz. Da wo Überlagerungen des Theils B in Form feiner, 
senkrecht zur Hexagonkante gerichteter Lamellen vorkommen , ist das 
Axenbild gestört. 

In den Theilen B ist da. wo die Doppelbrechung am stärksten 
ist. auch der Axenwinkel am grössten. Beides trifft am Rande nach 
C zu zusammen. 

Die Theile C haben stärkere Doppelbrechung wie die Theile I! 
und auch grössere Axenwinkel. Hie und da beobachtet man. dass 
in den Seetoren die Doppelbi'echung im Innern stärker ist als aussen, 
dann ist auch der Axenwinkel aussen kleiner als innen. 

Setzt man eine Platte mit Theilen A, B, C in einem Erhitzungs- 
instrumente lebhafter Rothgluth aus. so bleiben die Grenzen der Felder 
(\rv einzelnen Theile gegeneinander ungeänderl und das System der 
Theile des Kerns geht nicht in das der Theile des Mantels über oder 
umgekehrt. 

Stellt man in dem Erhitzungsapparat für höhere Temperaturen 
eine Platte auf Axenaustritt ein und arbeitet mit convergentem polari- 
sirtem Lichte, so erblickt man bei gewöhnlicher Temperatur deutlich 
das Axenbild. Dasselbe verändert sich nicht, wenn auch die Tem- 
peratur bis zu heller Rothgluth der Platte gesteigerl wird. 



724 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 26. Juni. 

Das Mineral zeigl sich also der Wirkung der Wanne gegenüber 
höchst unempfindlich. 

I ),-i dasMaterial nicht ausreichend war, um eine gesonderte Analyse 
von Mantel und Kern zu machen, so wurde zu ermitteln versucht, 
ob ein Unterschied im specifischen Gewichte von Mantel und Kern 
besteht. 

Es wurden zu diesem Heimle auf mit sehr wenig Benzol ver- 
dünntem Methylenjodid (ursprüngliches specif. Gew. = 2.32) ans einer 
Platte, Theile .1. Theile C, Theile .1 mit /*'. Theile C mit /; aufgetragen. 
Dieselben schwammen und sanken in späterer Folge fast zu gleicher 
Zeit, so d.-iss das specifische Gewicht innerhalb der durch die Platten- 
Iheile hereingebrachten möglichen Versuchsfelder (bedingt durch Ein- 
schlüsse, kleine Hohlräume) jedenfalls sehr wenig verschieden, wenn 
nicht gleich zu nennen ist. 

Hält man dies mit der einfachen chemischen Formel des ganzen 
Kryslalls zusammen, so dürfte dieselbe wohl auch für jeden der drei 
Theile A. ß. C dieselbe sein. 1 

So unempfindlich das Mineral gegen Wärmewirkungen ist. in so 
hohem Grade empfindlich zeigt es sich gegen Pressungen. 

Werden Theile A senkrecht gegen die A\e c gepresst, so stellt. 

sich sofort Zweiaxigkeit ein, und die Ebene der optischen A.xen kommt, 
senkrecht zur Druckrichtung zu stehen. Man kann den scheinbaren 
Axenwinkel in Luft so gross machen, das er am Rande des Gesichts- 
feldes des Nörrenberg' sehen Polarisationsinstrumentes austritt. 

Werden Theile />' gepresst, so Lässt sich leicht der Axenwinkel, 
wenn senkrecht zu der Ebene der optischen Axen gedrückt wird, ver- 
grössern wie im vorigen Falle, aber auch = o machen, wenn man 
die Pressung in der Richtung- der optischen Axen einleitet. — Das- 
selbe gilt für die Theile C. 

Es stellt, sich sonach eine sehr grosse Empfindlichkeit des Minerals 
gegen Druck und Zug ein. die gewiss ein Licht auf das Zustande- 
kommen seiner optischen Erscheinungen wirft. 

Ich glaube indessen nicht, dass es gerechtfertigt ist anzunehmen, 
wir hätten nur eine Gleichgewichtslage vor uns. die hexagonale 2 
und die rhombische Mitte sei durch eine vom Centrum ausgehende 
Spannung gebildet worden, ebenso wie der erste Mantel /.'. Dem 



1 \m-li die Ätzversuche mit lieisser Schwefelsäure ergahen, obwohl keine deut- 
lichen Ä.tzfiguren erhalten wurden, doch so viel. d.-iss die sämmtlichen Theile i\rf Schliff- 
platte gleichmässig angegriffen wurden. 

2 Wäre es zulässig das Mineral in seiner verschiedenen Schichten als aus 
wechselnden Mengen von A1 8 3 und B a 3 nach der Formel (AI 2 , B 2 )0 3 aufgebaut scu 
denken (die DAMouRsche Formel wäre dann mir der Ausdruck des mittleren Ver- 
hältnisses), so könnte obige Annahme srli.ni eher gelten. 



Klein: Krystallographisch -optische Untersuchungen. f25 

widersprechen die scharfen Grenzen von C zu B, die nicht selten 
ebenso scharfen Grenzen der meist einheitlichen Felder C, sodann 
auch der durch Websk\ klargestellte geometrische Befund. 

Meine Meinung ist vielmehr mi1 Websky die, es habe sich zuerst 
df\- rhombische Kern C gebildet, nicht ohne im Innern Hohlräume 
offen zu lassen. In einer späteren Periode, als die Umstände bei der 
Krystallisation (Druck. Temperatur u. s. w.) sich geändert hatten, sei 
der hexagonale Mantel .1. I! entstanden. Die Anlagerung des hexa- 
gonalen Mantels an den nun unter geänderten Umständen befindlichen 
rhombischen Kern konnte aber nicht erfolgen, ohne dass derselbe 
einen störenden Einfluss auf die nächstliegenden Theile I! ausübte. 
Dieselben wurden in einer Richtung parallel der Begrenzung von BJC 
zusammengedrückt und daher zweiaxig. Diese Zweiaxigkeil nimmt 
aher in der Richtung senkrecht zu HC immer mehr mit dem ab- 
nehmenden Einfluss des Kernes (" ab, bis sie im Theile A in die Ein- 
axigkeit verläuft. Wo im Theile A andere als einaxige Partien vor- 
kommen, haben sich die Umstände local geändert und zur Bildung 
derselben Veranlassung gegeben. 

Man wird vielleicht hie und da geneigt sein, wie Groth es 
andeutet, den einaxigen Mantel A durch einen Aufbau aus recht- 
winkelig gekreuzten zweiaxigen Lamellen des Theils C zu erklären, 
alsdann müsste man. abgesehen von den hierzu erforderlichen, be- 
stimmten neuen Stellungen der Theile C im Mantel .1, nothwendig 
auch das Mittelglied B in entsprechender Weise auffassen, und es 
bliebe danach zu erörtern, was die Substanz veranlass! haben könnte, 
zu diesen Bildungen zusammen zu treten. 

Mir seheint zunächst die Nothwendigkeü einer solchen Anschauung 
nicht erwiesen zu sein, denn da. wo die Substanz im ManteLl lamellen- 
frei ist. ist sie auch ungestört, und wo sie Kamellen führt, zeigt sie 
Störungen. Freilich würde für die einheitlichen Stellen ein submikro- 
skopischer Lamellenbau vorausgesetzt werden, dem man makroskopisch 
und mikroskopisch nichts anhaben könnte. Kr müsste aber, wenn 
auch submikroskopisch, doch immer aus rechtwinkelig gekreuzten, zwei- 
axigen Kamellen bestehen, also in dem einen Zuge die Ebene der 
Axen von links nach rechts, im anderen von vorn nach hinten ge- 
lagert haben. Presst man ein solches Gebilde senkrecht zur Vertical- 
axe, so kann die Wirkung unmöglich die sein, wie hei einem ein- 
axigen Krystall. dessen optischer Bau um die Axe c in allen Rich- 
tungen, die mit ihr denselben Winkel bilden, der gleiche sein nuis\ 
vorausgesetzt, dass der Krystall ungestört ist. In unserem Falle er- 
hält man aber durch Pressungen senkrecht zur Axer die Erscheinungen, 
welche ein normal gebauter optisch einaxiger Krystall negativen Charak- 



/26 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom "20. Juni. 

ters liefert und die seine Imitation aus zweiaxigen Lamellen nicht in 
gleicher Weise liefern kann. Ich sehe daher den Mantel A als ein- 
axig und die Zweiaxigkeit in der Hülle B als durch Zerrungsvorgänge 
beim Waehsthum erzeugt an. Hierfür sprechen auch die Trennungsfügen 
der Theile A und. stärker angezeigt, die der Theile B unter einander 

Was endlich den nicht in allen Schliffen wiederkehrenden Theil 
]) anlangt, so ist er wohl gleicher Bildung- wie der Theil A und eine 
Ausfüllung der Hohlräume von C mit der Masse von A. Um /ai 
diesen Hohlräumen zu gelangen, musste die Masse von C irgendwo 
Zuführungscanäle haben ; in der That sind solche vorhanden, wie man 
sich durch Zerschneiden des Krystalls parallel C überzeugen kann. 
Endlich bemerkt man auch in den Schliffen seihst, sei es an der Stelle 
]), sei es durch die Theile A,B,C hindurchziehend, eindringende 
Masse, die kein fremder Körper sein kann, weil sie, abgesehen von 
einer leichten braunen Färbung, dieselben Eigenschaften besitzt wie 
die übrige Substanz. Der Mantel C musste auf den Kern 1) im Allge- 
meinen ebenfalls einwirken, in der That sind auch in letzterem öfters 
Störungen gefunden; hie und da ist er aber auch frei davon. Man 
muss alsdann wohl annehmen, die Substanz habe sich an diesen Stellen 
abgesetzt, als die störenden Einflüsse schon weniger wirksam waren. 
Andere werden sagen, es finde hier eine innige Mischung der drei 
(Komponenten von C statt. 

Wie dem auch sei, jedenfalls muss die Molecularanlage der hexa- 
gonalen Partie sehr ähnlich der der rhombischen sein, liierfür sprechen, 
soweit man dies weiss, die Zusammensetzung und das specifische 
Gewicht, welch letzteres für beide Partien gleich oder annähernd 
gleich ist. Die überaus grosse Empfindlichkeit gegen Druck trägt 
jedenfalls dazu hei. die Ehergänge von dem einen in den anderen 
Zustand, in dem sich die Substanz uns darbietet, leicht in Erscheinung 
treten zu lassen. 

3. Analcim. 

Ben Saude war bekanntlich der erste Forscher, der uns die merk- 
würdige Erscheinung kennen lehrte 1 , dass der Analcim hei der Er- 
wärmung eine Steigerung seiner Doppelbrechung erfährt und früher 
inaetive Theile nach dem Erwärmen activ werden. Bei dem dama- 
ligen Stand der Kenntnisse wagte man indessen es noch nicht aus- 
zusprechen, dass das Entstehen der optischen Anomalien dieses Minerals 
auf den Wasserverlust zurückzuführen sei und von demselben abhänge. 

1 [naugural Dissertation. Göt'tingen 1881. p. 31 und N. Jahrb. f. Mineralogie 1882, 
Bd. II. S.41. 



Klein: Krystallographisch- optische Untersuchungen. i'2i 

Erst später gelang es mir diese Thatsache in dfis rechte Lieht 
zu stellen und durch Versuche zu erhärten. 1 - - Der Analcim verliert 
danach in einer heissen Atmosphaere von Wasserdampf oder in lieissem 
Wasser seine Anomalien und wird wieder isotrop: lässl man aber 
anstatt der feuchten Hitze trockene einwirken, so treten die optischen 
Abnormitäten, stärker als sie im Anfangszustand vorhanden waren, 
auf. — Ich schloss daraus, dass die optischen Abnormitäten vom 
Wasserverlust abhängig seien. — In einer späteren Mittheilung spricht 
R. Brauns 2 die Ansicht aus. der heisse Wasserdampf verhindere wohl 
nur den Austritt, weiteren Wassers und das Verschwinden der Ano- 
malien unter der Einwirkung der Hitze sei auf ein Aufheben von 
Spannungen zurückzuführen. — Ich glaube nicht, dass diese Ansicht 
die richtige ist, denn, wenn man einen durch trockene Hitze stark 
optisch wirksam gemachten Analcimschliff wieder in lieissem Wasser 
oder noch besser längere Zeit in heissen feuchten Dämpfen erhitzt, 
so wird er, wenn er dünn genug ist, wieder völlig isotrop zum Be- 
weise, dass es das Fehlen oder Vorhandensein von Wasser in ihm 
ist. was sein Verhalten bedingt. 



1 Mineral. Mitth. X. N. Jahrb. f. Mineral. 1884. B. 1 S. 250 und N. Jahrb. f. Min. 
1887. B. I S. 241. 

In einer in der neuesten Zeit erschienenen Arbeit nelit IL Brögger, Zeitschr. f. 
Krystallographie B. XVI. 1890 S. 565 585 auf die optischen Eigenschaften des Anal- 
eims scandinavischer Fundorte unter gleichzeitiger Berücksichtigung seiner chemischen 
Zusammensetzung ein. Er findet, dass die untersuchten, meist schon etwas im An- 
sehen getrübten Analcime kräftige Wirkungen auf das polarisirte Licht haben, dabei 
alier in ihrer empirischen Zusammensetzung mich normal sind, sogar öfters etwas mehr 
Wasser enthalten als es der Formel entspricht. 

Ich erlaube mir zur Deutung dieses scheinbaren Widerspruchs mit der Reserve, 
die einem Jeden geboten ist. der das Material des Anderen nicht gesehen hat. zu 
bemerken, dass der trübe Zustand von ehemals hellen Krystallen wie bekannt 
hauptsächlich von Änderungen in der ('(Institution und von molecularen Umlagerungen 
herrühren kann. Erstere scheinen im vorliegenden Falle, in Anbetracht der Analysen- 
resultate, ausgeschlossen, letztere aber, wozu auch II. Brögger neigt. S. s8 ; und v s 4. 

durchaus möglich zu sein, auch in Anbetracht des gegen die übrigen Analcimvor- 

ko en geänderten optischen Befundes. Nimmt man solche Umlagerungen, respec- 

tive Bildung neuer Verbindungen, an. so hat es nichts Befremdendes, dass bei l\^•[■ 
normalen empirischen Analcim - Zusammensetzung Anomalien vorkommen können, denn 
die nunmehr vorhandene oder vorhandenen Neu - Gruppirungen können als solche hei 
gleichbleibender empirischer Analcim -Zusammensetzung Erscheinungen zeigen, die bei 
diesem sich erst bei einer Änderung der Constitution einzustellen pflegen. - Jeden- 
falls wäre es recht interessant gewesen, wenn H. Brögger seine Analcimplatten nach 
einer passend eingeleiteten Erhitzung in trockener sowohl, als in feuchter Luft studirl 
hätte. Warum ist ihm dies nicht ■eingefallen.:' S. 566. Die von ihm a. O. O. citirten 
Beobachter haben wohl den Eudnoplht nur deshalb nicht untersucht, weil sie kein 
genügendes Material hatten. 

2 R. Brauns. Was wissen wir über die Ursachen der optischen Anomalien'.' 
Yerhandl. des naturh. Vereins zu Bonn 1887 S. 13. 



MUH . 



«28 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 20. .Ti 

Die des Wassers baare Substanz ist selbstverständlich kein nor- 
maler Analcim mehr, vielmehr ein Anhydrid desselben, das sich im 
Rahmen der Form mit seiner Molecularanordnung Platz gemacht hat. 

Durch die Methode der Einhüllung — Canadabalsam reicht hierzu 
aus — ist es leicht sieb zu überzeugen, dass die meisten Analcime 
in ganzen Krystallen untersucht, selbst wenn sie ganz klar zu sein 
scheinen, schon etwas Wasser eingebüsst haben müssen, denn es gibt 
kaum einen ohne Andeutungen von optischen Anomalien. Dieselben 
sind alier bisweilen sehr schwach und es zeigt der aus dem Krystalle 
gefertigte Schliff, zu dessen Herstellung' doch mindestens ein Aus- 
schnitt von mehr als seiner 3 — 4 fachen Dicke verwendet werden 
muss, die Abnormitäten oftmals so stark als der ganze Theil des 
Kr\ stalls. der verschliffen wurde, zum Zeichen, dass die Anomalien 
in der Platte durch die Art der Schliffherstellung', das Aufkitten und 
Erwärmen dabei, an Stärke zugenommen haben. 

\\"u- ich seiner Zeit ein Ikositetraeder nach dem Würfel geschlif- 
fen von Golden in Colorado prüfte, 1 so untersuchte ich jetzt ähnliche 
Gebilde klarster Art von Duingen und den Cyclopen gleichfalls in 
Schliffen nach coOoo(ioo). 

Die Structur, wie sie Ben Saude beschreibt, war am Rande vor- 
handen, nach der Mitte zu fehlte sie oder war nur ganz zart ange- 
deutet. Es wurde trocken erhitzt und der Krystall zeigte danach 
die Structur über die ganzen Felder wen'. Da. wo sie schon vorher 
vorhanden gewesen war, war jetzt die Doppelbrechung gestiegen und 
höhere Polarisationstrine boten sich dar. da, wo sie vorher fehlte oder 
nur zart angedeutet war. zeigte sie sich jetzt in deutlicher Weise. 
Als die Krystalle wieder in feuchte Hitze kamen, wurden sie wieder 
isotrop, um nach dem. abermals trockener Hitze ausgesetzt, wieder 
activ zu werden. In diesem Zustande wurden sie in Canadabalsam 
eingelegt und aufbewahrt. 

Schliffe aus sehr klaren Würfeln von den Cyclopeninseln , die 
an den Ecken das Ikositetraeder gross entwickelt trugen, wurden 
ebenfalls erwärmt. Es bot sich im Wesentlichen dieselbe Erscheinung 
dar. wie früher. Die Ecken des Schliffs." schon vorher activ. zeigten 
die Activität stärker, das Centrum, vorher inactiv, oder polarisirende 
Stellen in Streifen darbietend, wurde optisch wirksam und zeigte 
Felderthcilung nach der Mitte der Kanten des Schliffs. Da von jedem 
Schliff ein Stückehen nicht erhitzt worden war und dasselbe beim 



' 1. c. 1884 S. 25O. 

- Derselbe gehl nach dein Würfel, hat aber als Begrenzungselemente die Combina- 
tionskanten des Ikositetraeders, steht also zu den Grenzen der Würfeliläche über Eck. 



Klein: Krystallogra2>hisch - optische Untersuchungen. 729 

Einlegen nun den erhitzten Theilen wieder angepasst wurde, so 
konnte man sein- schön die Wirkung der Erwärmung verfolgen. 

Schliffe ans würfelförmigen Krystallen nach dem Würfel zeigten 
Theilung nach den Ecken zart angedeutet, im Centrum wohl auch 
ein ungetheiltes Feld von isotroper Beschaffenheit. Nach dem Erhitzen 
war eine deutliche Viertheilung vorhanden. Die Wirkung auf das 
polarisirte Lieht war an den Kanten, wo vorher schon etwas Wirk- 
samkeit vorhanden gewesen war. am stärksten und nahm nach der 
Mitte zu ab. Passendes Erhitzen in einer feuchten Atmosphaere 
machte auch diese Schliffe wieder isotrop, ein Zustand, den sie beim 
Erkalten und trocknen Erhitzen wieder verloren. -- In letzterer Be- 
schaffenheit wurden sie in Canadahalsam eingeschlossen und auf- 
bewahrt. 

Alle Versuche beweisen gleichmässig, dass die optischen Anomalien 
vom Wasserverlust herrühren. Nach dem Austritt des Wassers nimmt 
die verbleibende Substanz eine andere Anordnung ihrer Molecüle an, 
als deren Ausdruck das nieder symmetrische System anzusehen ist, 
was jetzt vorliegt. Bei dieser Neuordnung übten die Umgrenzungs- 
elemente einen bestimmenden Einfluss aus. 1 



4. Chabasit und Phakolith. 

Wie bekannt ist der Zustand, in dem sich die Chabasite und 
Phakolithe jetzt befinden, durch F. Becke 2 erkannt und eingehend ge- 
schildert wurden. 

Für den Ghabasrl wird das Bestehen aus triklinen und und für 
den Phakolith aus monoklinen Einzelindividuen angenommen und nach 
dem optischen Befunde ist an dieser Annahme nicht zu zweifeln. 

Es fragt sich nur, ob diese Mineralien, deren geometrische Er- 
scheinungsweise eine ganz andere ist. sich auch ursprünglich zu- 
sammengesetzt haben aus Theilen niederer Symmetrie, oder oh diese 
letztere nicht etwa später erst Platz gegriffen habe. 

Ehe ich zur Beantwortung dieser Frage übergehe, will ich vor- 
her den Befund eines in optischer Hinsicht ausgezeichnet schön ge- 
bildeten Phakoliths schildern, auch mit Rücksicht darauf, dass man 



1 Wäre dieser nicht entschieden vorhanden, so könnte man auch sagen: »Nach 
dem Austritt des Wassers blieb die übrige Substanz in inner minder symmetrischen 
Gleichgewichtslage zurück. Es würde dadurch wahrscheinlich gemacht sein, dass 
die Anordnung des Restes zusammen mit der Anordnung des Ausgetretenen eine 
reguläre Gruppirung der kleinsten Theilehen von der Analcim- Zusammensetzung dar- 
gestellt hätte. 

- Über die Zwillingsbildung und die optischen Eigenschaften des Chabasit. 
Mineral, u. petr. Mitth., herausgegeben v. Tschermak, N. Felge B. II. [88o S. 391 u. I'. 



730 



Sitzung der physikalisch-mathematischen Classe \ 26. Jun 



von den Phakolithen bezüglich ihrer optischen Structur noch nicht 
allzuviel Sicheres weiss. Es ist dies der Phakolith von Annerod bei 
(dessen, von dein ich schöne Krystalle meinem Freunde Prof. 
Streng in (dessen verdanke. über seine geometrischen Verhält- 
nisse, Zusammensetzung und Vorkommen gibt Streng 1 schon 1877 
eingehend Bericht, so dass ich mich hierauf beziehen kann. 

In optischer Hinsicht zeigt der Anneroder Phakolith die nach- 
folgenden Erscheinungen, die an Phakolithen anderer Fundorte 
(Böhmen, Ganseburg hei (dessen") mehr oder weniger ähnlich, wenn 
auch nicht so schön, wiederkehren. 

Schleift man das Mineral nach der hexagonalen Hasis an und 
betrachtet es im parallelen polarisirten Lichte, so tritt in der sechs- 
seitig begrenzten Figur (die Grenzen sollen die Parallelen der &-Axen 
darstellen) gewöhnlich eine markirte Zwölffelderth eilung, die manch- 
mal einer scheinbaren Sechsfeldertheilung in Schliffen nach der Mitte 
zu weicht, ein. 

Stellt man die Spur einer hexagonalen Axe l> von oben nach unten, 
Fig. 4, so liegen dieser Axe zwei, einem ehemals hexagonal-rhom- 
boedrischen Individuum angehörende, symmetrisch entgegengesetzt 
auslöschende, dreieckige Felder an. In einem jeden dieser Felder 

bildet die kleinere Klasticitätsaxe 
mit der Axe /> einen Winkel von 
(i l bis 7° In genannter Richtung 
liegt auch die Ebene der opti- 
schen Axen, deren I. Mittellinie 
auf der Schliffläche senkrecht 
steht. Dieselbe muss die Axe a 
sein, also negativen Charakter 
haben, wie dies auch eine directe 
Beobachtung bestätigt. Der Axen- 
winkel um diese Mittellinie ist 
nicht klein; der schwachen Dop- 
pelbrechung wegen sind aber 
die Axenerscheinungen sehr ver- 
schwommen, so dass er ideht 
sehr genau gemessen werden 
kann. Sein Werth beträgt un- 



% /. 




der oberhess. Gesellsch. 1'. Natur- 



Heilkunde. 



1 Über den Chabasit. 
B. XVI. 1S77. S. 74 ... f. 

- \'cin diesem Vorkommen gab Streng Kunde in den Ber. der oberhess. 
Gesellschaft f. Natur- u. Heilkunde. B. XXVII. 1800 S. 119. Ich verdanke seiner 
Güte eine Anzahl schöner Krystalle. 



Klein : Krystallogi aphisch- optische Untersuchungen. 



'31 



gefähr 75 s " in Luft für mittlere Farben. Wie dieser eine vier- 
seitige Ausschnitt aus der Fig. [ . so sind auch noch die übrigen fünf 
gebildet, so dass durch Zusammentreten derselben das Gesammtansch.cn 
der obigen Figur erhalten werden kann. Abgesehen von diesen Partien, 
die mit wenig scharfen Grenzen gegeneinander absetzen, selbsl aber 
median durch eine scharfe Linie getheilt sind, beobachtel man in 
der Richtung der Axen b die Entwickelung eines deutlichen feder- 
artigen Gebildes, Fig. 5, dessen Axe mit b zusammenfällt und dessen 
Fahnen parallel den anliegenden Axen a gehen. Ferner ist ein zweites, 
sehr viel schwächer angezeigtes Federgebilde vorhanden, an a an- 
liegend, die Fahnen parallel b gerichtet. 

Um diese interessanten Verhältnisse etwas besser zu übersehen, 
werde paralleles polarisirtes Licht und ein Gypsblättchen vom Roth 
I. Ordnung in bekannter Weise angewandt. 

Alsdann färbensich, Fig. 5, 
dieTheilel blauroth, II gelb- 
roth: III dunkelblau, IV hell- 
blau; A T hellgelb, VI dunkel- 
gelb. In dem deutlicheren 
Federgebilde nehmen dage- 
gen die Fahnen folgende 
Töne an. Im Sector I gelb, 
in II blau; im Seetor III roth, 
in IV gelb; im Sector V blau, 
in VI roth. Aus diesen Fär- 
bungen kann man schon auf 
die Lage der Auslöschungen 
in den Fahnen schliessen und 
findet, wie auch die directe 
Beobachtung ergibt, dass sie 
jeweils dieselben sind . wie 
in dem anliegenden Sector 
des Nachbarindividuums. Dies wird durch die arabischen Zahlen in 
der Fig. 5 im Vergleich mit den römischen der Sectoren einleuchtend. 
Die directe Beobachtung zeigt ferner, dass dies so sein muss, da die 
Fahne dadurch zu Stande kommt, dass die Theile des Nachbarindivi- 
duums entsprechend in die des Grundindividuums eingreifen. Verhält- 
nisse, die man an den ganzen Krystallen sehr schön verfolgen kann. 
Die an den a Axen gelegenen schwächeren Fahnen entsprechen 
den Streifungen auf den Pyramidenflächen; sie sind nie so distinet 
wie die anderen und heben sich in den einzelnen Feldern auch Hin- 
durch schwache Änderungen der dort herrschenden Töne ab. 




i -VI Sitzung der physikalisch - mathematischen C1.-i.sm' muh 26. Juni. 

Sehr merkwürdig vorhalten sich ferner Schliffe aus anderen 
Krystallen. Während in dem erstbeschriehenen die Felder deutlich 
in der Mitte zusammenstossen und die deutlichen Fahnengebilde mehr 
nach (\c)\ Rändern zur Entwickelung gelangen, nehmen in anderen 
Schliffen die Fahnen überhand und drängen die einheitlichen Seetoren 
zurück, so dass dadurch ein Durchdringen der ehemals hexagonal- 
rhomboedrischen Theilkry stalle sich anzeigt. Manchmal geschieht es 
auch, dass die Fahnen- und Sectorentheile wirr durcheinander gehen; 
ein Mal beobachtete ich im Centralschliff nur 6 Seetoren mit je zwei 
unregelmässig ineinander greifenden Orientirungen und Andeutungen 
von Fahnen, während in den Schliffen darüber oder darunter deut- 
liche Zwölftheilung mit distineten Fahnen zu sehen war. Avis einem 
Kr\ stalle wurde auch ein Schliff erhalten, in dem die Fahnen zu 
breiten Händern umgeformt waren, so dass man die Auslöschungs- 
richtungen noch besser als in den früher nur abgesetzten Theilen 
bestimmen konnte. 

Alle diese Verhältnisse legen den Gedanken nahe, dass man es 
hier nicht mit einer ursprünglichen Bildung zu thun habe. -- Prüft 
man nun mit der Methode der Umhüllung die Chabasite und Phako- 
lithe diverser Fundorte durch, so zeigt sich das. was einem früher 
schon an Schliffen aufgefallen war, die von gleicher Dicke, nach 
dersellien Richtung aus Krystallen eines und desselben, sowie ver- 
schiedener Fundorte hergestellt worden waren. — die Stärke der 
Doppelbrechung in Platten senkrecht zu c ist bei den einzelnen Prae- 
paraten sehr verschieden. Es gib! welche, die noch fast normal 
zu nennen sind (das beste Beispiel fand ich in einem Chabasit vom 
Hohen-Hagen hei Göttingen, dem dortigen Basall entstammend), 
andere zeigen von schwächeren Wirkungen an allmählich Übergänge 
bis in die stärksten hinein. Die Wirkungen sind verschwindend 
oder gering, wenn die Krystalle klar sind: sie stellen sich um so 
deutlicher ein. je trüber die Krystalle erscheinen. Auch das 
Schwanken an ein und demselben Krystalle. wie an dem von Anne- 
rod mit der Sechstheilung in der Mitte und der Zwölftheilung oben 
und unten, lässt sich nur so deuten, dass der Wassergehalt des 
Krystalls in >\rv Mitte ein anderer ist als an den Enden, und die 
ganze optische Wirkung, insofern sie vom hexagonalen Systeme ab- 
weicht, wie heim Analcim, durch den Wasserverlust bedingt ist. 
Nach Austritt des Wassers findet eine andere Moleculargruppirung 
statt, die sich in Beziehung setzt zu den Umgrenzungselementen, sodass 
die Sectoren von der herrschenden Deuteropyramide bestimmt werden. 
Die deutlichen Federfahnen hängen mit dem Übergreifen der Sub- 
stanz aus einem Sector in einen benachbarten, einem anderen, ehe- 



Klein : Krystallographisch -op tische Untersuchungen. 733 

mals liexagonalen Individuum angehörenden, zusammen; die minder 
deutlichen Fahnen, an den Spuren der Axen a gelegen, aber be- 
kunden einen Einfluss der Streifung auf den Flächen der Deutero- 
pyramide. 

Durch die Erwärmung treten Erscheinungen auf, die das eben 
Ausgesprochene bestätigen. Es wird dadurch und durch den damit 
im Gefolge hergehenden Wasserverlust überall die Doppelbrechung 
steigert; wo sie nach der Weise dos einaxigen Systems vorhanden 
war oder als schwache Störung desselben im zweiaxigen Sinne auf- 
trat, wird sie überall nach dein Erhitzen energischer und so. wie 
sie bei zweiaxigen Krystallen auftreten tnuss. Dabei treten scharfe 
Feldergrenzen auf, aus Partien mit polarisirenden Streifen gib! es 
einheitliche Felder und es werden die Fahnen, wo sie vorhanden 
sind, distincter und ausgedehnter. In dieser Hinsicht zeigt sieh 
also voller Zusammenhang mit dem Verlust an Wasser. — Allein 
im Vergleich mit dem Analcim ist doch ein Unterschied vorhanden: 
die ein Mal optisch abnorm (triklin oder monoklin) gewordene Sub- 
stanz behält diese Gleichgewichtslage bei, die Änderung gelingt 
bloss im einen und nicht, wie beim Analcim, auch im rückläufigen 
Sinne. Die ganzen Versuche aber zeigen, mit welchem Rechte Chabasil 
und Phakolith ihre hexaffonal-rhomboedrischen Formen besitzen. 



Sitzungsberichte 1890. 



735 



Zur Kenntniss der thierischen Zellen. 

Von Prof. Leopold Auerbach 



ii Breslau. 



(Vorgelegi \<m Hrn. Walde yer.) 



1. Mittheilung. 

Über zweierlei chromatophile Kernsubstanzen. 

öeil in der mikroskopischen Technik die künstlichen Färbungen der 
Objecte eine grössere Ausbildung erlangt und zur Erkenntniss feinerer 
Structurverhältnisse auch in den Zellkernen geführt haben, unterscheidet 
man gewöhnlich in den letzteren eine die gebräuchlichen Farbstoffe 
begierig aufnehmende und festhaltende Substanz, die nach dem Vor- 
gange Flemming's Chromatin genannt wird, und eine andere, in der 
erwähnten Hinsicht negativ sich verhaltende, das sogenannte Achro- 
matm. 

So einfach ist jedoch die Sache nicht. Es haben schon Ogata 
(1883), Lukjanow (1887) und Steinhaus (1888) in einigen Füllen 
tinctionell unterscheidbare und bei combinirten Tingirungen verschieden 
gefärbte Innenkörperchen der Kerne beobachtet, welche sie als Plas- 
mosomen und Karyosomen unterscheiden, gelegentlich auch als eosino-, 
safranino-, haematoxylinophile bezeichnen. Freilich sind diese Angaben, 
obwohl besonders schon Ogata's Arbeit eine sehr eingehende und an 
Folgerungen reiche war. bisher last ganz unbeachtet geblieben. Ich 
bin indess in der Lage Übereinstimmendes zu melden auf Grund 
eigener, den Kreis unserer Anschauungen über diese Dinge und ihre 
Bedeutung nach einigen Richtungen erweiternder Wahrnehmungen. 

Indem ich erneute Untersuchungen über die Zellkerne vornahm, 
bei welchen ich mir zunächst die Aufgabe stellte, meine früheren . in 
meiner Schrift: »Organologische Studien« 1 kundgegebenen Ansichten 
mit Hülfe der jetzigen, mikroskopischen Technik von Neuem zu prüfen, 



Breslau 1S74 1 >ei E. Morgenstern. 



780 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom "2(1. Juni. 

iiiul dies auch in Bezug auf eine damals von mir erwähnte mikro- 
chemische Verschiedenheit der Nucleoli, kam ich naturgemäss , unab- 
hängig von den oben erwähnten, mir unbekannt gebliebenen Arbeiten, 
auch auf den Weg der Doppelfärbungen und gelangte an zahlreichen 
Zellenarten zu Thatsachen, die sowohl mit meinen früheren Angaben 
übereinstimmen, wie auch in wesentlichen Punkten mit den Dar- 
stellungen der genannten Forscher zusammenfallen. 

Diese Angelegenheit ist schon deshalb von grösserem Belang 
als es auf den ersten Blick scheinen könnte, weil sie am Ausgangs- 
punkte aller an Zellkernen mittels Färbungen vorzunehmenden Unter- 
suchungen liegt, die ja neuerdings eine so wichtige Rolle spielen; 
und es wird sich zeigen, dass sie von Einfluss ist auf die Beurthei- 
lung der Structur und der Lebenserscheinungen jener Gebilde. 

Meine bezüglichen Untersuchungen betrafen fast alle Arten von 
Zellkernen im Körper der Amphibien, Urodelen wie Amiren, im er- 
wachsenen und im Larvenzustande. Es soll aber hier nur von den 
sogenannten »ruhenden«, d. h. nicht in mitotischer Vermehrung be- 
griffenen Zellkernen die Rede sein. 

In dem beregten Punkte aber bin ich zu folgenden allgemeinen 
Ergebnissen gelangt. 

Erstens: in dem, was im Ganzen Chromatin genannt wird, sind 
thatsächlich zweierlei Substanzen zusammengefasst , die sowohl farb- 
lich unterscheidbar sind als auch ihre stoffliche Differenz noch ander- 
weitig, nämlich durch ungleiches Verhalten gegen gewisse chemische 
Reagentien. namentlich gegen Cl — Na, einfach chromsaures Ammo- 
niak und sehr verdünnte Sublimatlösung bekunden. 

Zweitens: es kommt vor, dass dasjenige, was bei einfacher 
Tinction farblos oder doch nur sehr schwach gefärbt erscheint und 
deshalb e-anz oder doch seiner Hauptmasse nach als Achromatin im- 
ponirt, thatsächlich zumeist aus einem Materiale besteht, das einer 
der beiden Chromatinsubstanzen angehört und nur bei der gerade 
angewandten Färbungsweise farblos ist. 

Die Färbungsabweichungen sind natürlich verursacht durch un- 
gleiche Anziehungskraft auf gewisse Farbstoffe. Sehr merkwürdig 
ist aber dabei noch das, dass diese Verschiedenheit hinausläuft auf 
Vorliebe für je eine bestimmte Farbe, bez. Farbengruppe, nämlich 
für Blau nebst Grün einerseits und für Roth nebst Gelb andererseits, 
und dies trotz theilweise erheblicher chemischer Divergenz der gleich- 
farbigen und trotz der stofflichen Verwandtschaft einiger der bezüg- 
lichen, sein- different-, nämlich annähernd complementärfarbigen Tinc- 
tionsmittel. Wenigstens gilt dies für folgende von mir versuchte 
Farbstoffe, nämlich 



Auerbach: Zur Kenntniss der thierischen Zellen. 7.1/ 

für die rothen, bez. rothgelben: Eosin, Fuchsin. Aurantia, 

Carmin und Pikrocarmin 
und für die blauen, bez. grünen: Methylgrün, Anilinblau, 

Haematoxylin. 

Ich werde deshalb die eine der beiden Substanzen als die 
fcyanophile, die andere als die erythrophile bezeichnen. Dies wird 
natürlich nur in Rücksicht auf die genannten Tinctionsmittel gemein! 
sein, während ich mich keineswegs für berechtigt halte, die gleichen 
Beziehungen auch zu allen anderen rothen und blauen Farbstoffen 
vorauszusetzen. Auch sollen die gewählten Bezeichnungen nicht den 
Sinn einer gänzlichen Unzugänglichkeit für die entgegengesetzte Farbe 
halien. Eine solche ist nicht vorhanden, wie ich bald noch näher 
erläutern werde. 

Es zeigen sich nämlich die erwähnten Differenzen vorzugsweise 
bei Doppelfärbungen, und zwar nach vorangegangener Erhärtung der 
Objecte, sei es in wässriger Sublimatlösuhg oder in Alkohol oder in 
Gemischen aus beiden Flüssigkeiten oder auch in Pikrinsäure-Lösung, 
so wie auch nach Behandlung mit einfach chromsaurem Ammoniak. 
Solche Doppelfärbungen habe ich in mannigfachen Combinationen aus 
den beiden oben angegebenen Farbstoff-Reihen bewerkstelligt und 
zwar, welches auch die Vorbehandlung gewesen war. immer mit 
wesentlich dem gleichen Erfolge. Es stellte sich heraus, dass, falls 
nur die besonderen Modalitäten des Färbungsverfahrens richtig ge- 
troffen sind, auch jeder Zellkern eine Doppelfärbung annimmt. So 
weit meine Beobachtung reicht, sind in jedem Zellkerne beide Arten 
von Chromatinsubstanz gleichzeitig vertreten, und zwar meist derartig 
räumlich gesondert, dass sie mit Immersionslinse und AßBE'scher Be- 
leuchtung bequem erkannt und auseinander gehalten werden können. 
Es erscheint also dann der Kern aus rein blauen und rein rothen 
Theilen zusammengesetzt. In bestimmten Fällen freilich verhält sich 
die Sache insofern etwas anders, als die beiden Substanzen derartig 
innig gemischt sind, dass bei Doppelfärbung eine violette Farbe aller 
Kembestandtheile resultirt. wobei indessen auch dann noch stellen- 
weise ein Nebeneinander äusserst feiner rother und blauer Körnchen zu 
erkennen ist. Diese feine Mischung beider Substanzen gilt namentlich 
für alle Zellkerne aus der Embryonalperiode und der ersten Zeit des 
Larvenlebens und für andere im erwachsenen Zustande des Thieres 
auftretende junge Kerne. Es sind also später entwickelungsge- 
schichtiiehe Differenzirungen im Spiele. Ein ähnlicher Zustand der 
Mischung beider Substanzen wird aber auch in älteren Zellkernen 
unter dem Einflüsse gewisser Reagentien herbeigeführt. Auf alle 
diese Punkte werde ich noch im Besonderen zurückkommen. 



(38 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 26. Juni. 

Zwischen den gefärbten Theilen sind zuweilen farblose Spalten 
bemerklich. Jedoch sind diese nur von geringer Breite, und es bleibt, 
insofern sie überhaupt als schon im natürlichen Zustande vorhanden 
anzusehen sein sollten, doch fraglich, ob es eine organische Materie 
ist. die sie erfüllt, und wenn so. ob diese dein Protoplasma verwandt 
ist. eine Eigenschaft, die für das Achromatin in Anspruch genommen 
worden ist und welche den beiden tingirbaren Substanzen entschieden 
zukommt, wie wir noch sehen werden. Ich will dabei nicht un- 
erwähnt lassen, dass zuweilen grössere roth gefärbte Innentheile sich 
so beschaffen zeigen, dass leine rothe Kügelchen in einer blassen 
Substanz eingebettet sind, und ich will nicht bestreiten, dass mög- 
licher Weise letztere die Trägerin der protoplasmatischen Eigen- 
schaften des Ganzen ist. Doch habe ich in ruhenden Kernen diese 
Erscheinung nur selten gefunden. Meist ist. auch bei Betrachtung 
mit stärkster Vergrösserung. die Färbung eine diffuse. Ich halte es 
deshalb für richtiger, vorläufig von der erwähnten Complication ab- 
zusehen, welche auch noch andere Deutungen zulässt. 

Wenn man nun aber blos einen der rothen Farbstoffe anwendet, 
so wird dieser auch von den kyanophilen Bestandtheilen aufgenommen, 
obwohl bei nicht zu starker Tingirung nur in geringerem Maasse als 
von den erythrophilen und nur so. dass er aus jenen leichter aus- 
zuwaschen ist als aus diesen und bei nachträglicher Anwendung der 
lilauen Farbe durch diese verdrängt oder doch so vollständig verdeckt 
wird, dass man ehen nur Blau sieht. In ähnlicher Weise zeigen hei 
anfänglicher Blaufärbung des Objeets auch die erythrophilen Bestand- 
teile, obwohl nur in geringerem Maasse und nicht immer die Fähig- 
keit, etwas blauen Farbstoff in sich aufzunehmen. Die Benennungen 
kyano- und erythrophil sollen also nur einen relativen Sinn haben, 
indem sie die Bevorzugung der betreffenden Farbstoffe, leichte Auf- 
nahme und Festhalten derselben bedeuten. 

Anlangend die Technik der Doppelfärbung, so ist diese für unseren 
Zweck theils folgeweise, theils gleichzeitig zu bewerkstelligen. Als ein 
für manche Fälle geeignetes Gemisch bietet sich die Ehrlich -BiONDi'sche 
Tinctionsflüssigkeit dar, die jedoch zuweilen einiger Abänderung ihrer 
Anwendungs weise bedarf. 

Bevor ich nun näher auf die Vertheilung der beiden Substanzen 
im Zellkerne eingehen kann, uauss ich vorerst noch einige den Bau 
der Zellkerne betreffende Resultate meiner Untersuchungen hier kurz 
anführen, ihre Begründung mir für demnächst folgende Mittheilungen 
vorbehaltend. 

Erstens: die von den Autoren so vielfach beschriebenen und 
auch wirklich liier und da anzutreffenden i n tr an ucleären Faden netze 



Auerbach: Zur Kenntniss der thierischen Zellen. < l> ( .) 

gehören nichl zur Fundamentalstructur der »ruhenden« Zellkerne. 
sondern sind unbeständige und nebensächliche, durch Umformung der 
Grundstructur entstehende Bildungen, die freilich theilweise schon im 
Leben sich einfinden, aber auch da, wo dies nicht der Fall ist, 
ausserhalb des Körpers durch verschiedene Behandlungsweisen mit 
Sicherheit herbeizuführen sind. Im normalen ruhenden Zustande ist, 
entsprechend der in einer früheren Periode der Wissenschaft herrschend 
gewesenen, richtigeren Ansicht, der Bau des Inneren des Zellkerns 
der. dass in einer Grundsubstanz, die im frischen Zustande homophan, 
im gehärteten auch mit den besten Linsen höchstens feinkörnig er- 
scheint, grössere, scharf begrenzte, isolirte, stärker lichtbrechende 
und stärker färbbare Körperchen, Nucleoli, von wechselnder, aber 
für die verschiedenen Zellarten und Thierspeeies typischer Anzahl ein- 
gebettet sind. Bei den Batrachiern enthalten die meisten Zellkerne 
eine grössere Anzahl, manche sogar sehr zahlreiche Nucleoli, die nicht 
Knotenpunkte eines Netzwerks sind. Es sind dies, wie ich die Sache 
schon früher bezeichnete, multinucleoläre Kerne. Sind die Nucleoli 
sehr zahlreich, so Liegt die Mehrzahl derselben wandständig. Es gilt 
dies Alles nach meinen Befunden sogar auch von den rolhen Blut- 
scheiben der Batrachier, denen ja neuerdings Nucleoli überhaupt gänz- 
lich abgesprochen werden. In allen diesen Punkten habe ich auch durch 
meine neueren, mit den besten ETülfsmitteln sorgfältig und vorurtheils- 
l'rei angestellten Untersuchungen meine früher (im 1. Hefte meiner 
Organol. Studien) ausgesprochenen Ansichten nur bestätigt gefunden. 

Zweitens: es gibt zwei Arten von Kernmembranen. Die eine 
derselben entspricht der zuerst von mir (Org. St. 1874) aufgestellten 
Theorie, nach welcher die Kernmembran als Verdichtungsschicht des 
den Kern umgebenden Zellenleibes, d. h. als »innere Zellmembran«, 
wie ich sie damals nannte, entsteht, und sie könnte in diesem Sinne 
auch als cytogene Kernmembran bezeichnet werden. Eine andere 
Art von Grenzschicht des Kerns hingegen bildet sich in nächstens 
zu schildernder Weise aus dem Material der Kernsubstanz seihst: ich 
werde mir erlauben, sie als karyogene Kernmembran zu erwähnen. 
In einzelnen Fällen ist keine von beiden deutlich ausgesprochen, 
öfters die eine oder andere: doch kommt es auch vor, dass. so lange 
der Kern in seiner Zelle steckt, beide als concentrische Grenzlinien 
in die Erscheinuni;- treten. 1 

An den somit erwähnten morphologischen Bestandteilen der 
Kerne machen sich nun die oben angekündigten Färbungsdifferenzen 
in folgender Weise geltend. 



1 Wie ich mich zu erinnern glaube, ist eins Vorkommen einer doppelten Kein 
membran in einem besonderen Falle schon einmal von W. Krause behauptet worden 



740 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe vom 26. Juni. 

Zunächst gibt es zweierlei Arten von Kemkörperchen mit gesetz- 
mässiger Veriheilung, nämlich solche, die bei der angegebenen Be- 
handlung blau, neben anderen, die roth werden und sieh zugleich 
widerstandsfähiger als jene zeigen. Mit Ausnahme der Blutscheiben 
erwachsener Thiere, welche blos kyanophile Kürperehen enthalten, 
sind in den meisten Zellenarten der Batrachier in jedem der multi- 
nucleolären Kerne Nucleoli von beiden Arten gleichzeitig eingeschlossen, 
so zwar, dass die kyanopbilen in überwiegender Mehrzahl vorhanden 
sind, nur einer oder verhältnissmässig wenige der erythrophilen Art 
angehören. 

Diese qualitativ differenten Innenkörperchen können natürlich 
auch in ihrer physiologischen Bedeutung nicht gleich werthig sein. 
Wenn ich nun dennoch auf beide die Bezeichnung Nucleoli anwende 
und vorläufig beide unter diesem Begriffe zusammenfasse, so ge- 
schieht dies aus folgenden Gründen. Erstens treten uns beide als 
isolirte Innenkörperchen von stärckerer Lichtbrechung und erheb- 
licher Grösse entgegen, so zwar, dass bald die eine, bald die andere 
Art durch grösseren Durchmesser hervorragt und man im unge- 
färbten Zustande des Objects öfters überhaupt nicht sagen könnte, 
welche man für die eigentlichen Nucleoli halten solle. Zweitens sind 
unter denjenigen Gebilden, welche seit Beginn der Zellenlehre allgemein 
als Kemkörperchen angesehen wurden und auch heute noch von den 
meisten Forschern als solche anerkannt werden, z. B. unter den 
grossen Innenkörpern der farblosen Blutkörperchen der Batrachier 
sowohl kyanophile als erythrophile enthalten. Drittens aber werde 
ich später Thatsachen erwähnen, die vermuthen lassen, dass beide 
Arten von Kemkörperchen entwickelungsgeschichtlich zusammen- 
hängen. 

Die Erscheinung der zweierlei Kemkörperchen tritt uns in be- 
sonders grossem Maassstabe entgegen in den Hautdrüsenkernen (»Riesen- 
kernen«) der Urodelen. Auch von diesen Gebilden gilt hinsichtlich 
ihres Baues all das, was ich vorhin von den Zellkernen im Allgemeinen 
behauptet habe. Ihre berühmten intranucleären Netze, welche bis jetzt 
eine Hauptsäule der Lehre von den Kernnetzen bilden, kommen im 
natürlichen Zustande nur vereinzelt und auch dann oft nur frag- 
mentarisch vor, wie man sich bei angemessen vorsichtiger Behand- 
lungsweise und bei Berücksichtigung auch der mittelgrossen und 
kleineren Exemplare dieser Gebilde überzeugen kann, während sie 
auf dem Wege der Praeparation in grosser Menge theils unabsichtlich 
erzeugt werden, theils planmässig in schönster Form hervorzurufen 
sind. Der gewöhnliche normale Bau dieser Kerne ist alier nach meinen 
Wahrnehmungen folgender. 



Auerbach: Zur Kenntniss der thierischen Zellen. i II 

Die sehr biegsame, faltbare und dehnbare Kernmeinbran ist aus- 
gefüllt vim einer weichen und feinkörnigen Substanz, in welcher 
zahlreiche, bei den grössten Exemplaren über hundert wohl isolirte, 
scharf begrenzte, in Tinctionsmitteln stark sieh färbende Innenkör- 
perchen eingebettet sind. Die Mehrzahl dieser Nucleoli ist wand- 
ständig, der Innenfläche der Kernmembran anliegend; doch ist auch 
eine nicht geringe Zahl derselben im Innenraume zerstreut. Sie haben 
meist eine rundliehe Form und keinen gegenseitigen Zusammenhang, 
sind jedoch im Einzelnen hier und da in Folge einer ihnen zukom- 
menden amöboiden Beweglichkeit umgestaltet, wurstförmig, spindel- 
förmig, lappig oder gar verzweigt und können auch mit benachbarten 
verschmelzen. Solche Formveränderungen dieser Innenkörperchen 
kommen übrigens spontan nur in den grösseren und sehr grossen 
Exemplaren der Hautdrüsenkerne häufiger vor, seltener in den kleineren, 
können aber unter praeparatoi'ischen Einflüssen in allen sich entwickeln. 
In den kleineren Kernen dieser Art sind sämmtliche Nucleoli kyanophil, 
auch in jedem grösseren die weit überwiegende Mehrzahl. Diese 
kyanophilen Körperchen sind in jedem Einzelkerne von ziemlich 
gleichem Durchmesser, während ihre absolute Grösse in umgekehrtem, 
ihre Anzahl hingegen in geradem Verhältnisse zum Gresammtumfange 
des Kerns steht. Diese ihre numerischen und auch ihre Lagerungs- 
verhältnisse sind völlig analog denjenigen, welche ich früher (Org. St. I) 
an den Keimbläschen der Fisch- und Batrachier-Eier beschrieben und 
aus einem Entwickelungsgange abgeleitet habe, der auch an unseren 
jetzigen Objecten stattfindet, nämlich aus Theilung eines einzigen oder 
einiger weniger ursprünglicher Nucleoli und successiver Weitertheilung 
ihrer Sprösslinge. 

In den mittelgrossen und sehr grossen der Hautdrüsenkerne linden 
sich nun aber neben den eben erwähnten immer noch je ein oder 
einige anders geartete Innenkörper. Ihre Anzahl beträgt je nach den 
Dimensionen des Kerns i 13, gewöhnlich jedoch 2 — 5. Sie unter- 
scheiden sieh von den ersteren durch fünf Eigenschaften. Erstens 
sind sie zumeist erheblich grösser, im Durchmesser etwa 2 — 4 mal 
so gross als jene. Zweitens haben sie vorherrschend eine mehr centrale 
Lage. Drittens nehmen sie hei jeder meiner angegebenen Doppel- 
farbungen eine brillant rothe oder gelbe Farbe an. bestehen also aus 
erythrophiler Substanz. Viertens enthalten sie zuweilen kleine Vacu- 
olen. Eine fünfte unterscheidende Eigentümlichkeit aber liegt in 
ihrem Verhalten gegen stärkere Salzlösungen. Es ist eine ganz un- 
beachtet gebliebene, obwohl von mir schon früher (0. St. I) hervor- 
gehobene Eigentümlichkeit der meisten Nucleoli, die auch da sich 
zeigt, wo nur ein einziger grosser, also unzweideutiger Nucleolus 



742 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 26. Juni. 

im Kern vorhanden ist. dass also die meisten Nucleoli in gewissen 
stärkeren Lösungen von Cl — Na und. wie ich jetzt hinzufüge, auch 
von neutralem chromsaurem Ammoniak erblassen, aufquellen und 
schliesslich ganz und gar oder doch bis auf einen geringen Res1 
dunkelkörniger Substanz sich auflösen. Ganz so verhalten sich nun 
auch die erst besprochenen kyanophilen Innenkörperchen der Haut- 
dinisenkerne der Urodelen und stimmen also auch hierin mit wahren 
Kernkörperchen überein, während hingegen die erythrophilen den- 
selben Reagentien bei der nämlichen Concentration einen viel stärkeren. 
unter Umständen absoluten Widerstand entgegenstellen. Diese ihre 
Eigenschaft kann man benutzen, um sie auch ohne Härtung und 
Färbung zur gesonderten mikroskopischen Anschauung zu bringen. 
Man braucht nur dem frischen Objecte eine 2 — 5 procentige Lösung 
eines de)- genannten beiden Salze hinzuzufügen . so klären sieh augen- 
blicklich die Kerne auf, in Folge Auflösung der kyanophilen inneren 
Bestandtheile , und es bleiben nur eine kleine Anzahl, meist 2 — 5, 
grössere Innenkörper übrig, welche jetzt um so deutlicher hervortreten 
und sieh durch ihre Zahl. Grösse und Lagerung als identisch mit den 
an tingirten Praeparaten zu erkennenden erythrophilen aufweisen, was 
sieh auch durch nachträgliche Färbung bestätigen lässt. Schon in 
nieinen Org. Studien, Heft I. S. 24 hol) ich hervor, dass in multi- 
nucleolären Kernen öfters 1 — 2 der Nucleoli der auflösenden Wirkung 
gewisser Reagentien viel länger Widerstand leisten als ihre Genossen. 
Unter solchen Umständen können freilieh diese übrig bleibenden 
Innenkörperchen sehr den Eindruck machen, als seien sie allein die 
eehten Nucleoli, eine Frage, die sich ja weiterhin noch aufklären wird. 
Jedenfalls gehören sie aber auch nach meiner Ansicht in den 
Kreis der Nucleoli. Ich zweifle daran um so weniger, als die gleichen 
reactiven Eigenschaften .auch den entsprechenden Gebilden solcher 
Zellen zukommen, an denen ich erkennen konnte, dass der ursprüng- 
liche embryonale, grosse und einzige Nucleolus in einem gewissen 
Stadium der Weiterentwickelung jene beiden Eigenschaften annimmt. 
Dies habe ich namentlich an den primären rothen Blutkörnerehen 1 
der Frösche beobachtet und werde das bald noch näher schildern. 
Jedoch lässt sich nicht eine identische Entstehungsweise für die 
erythrophilen Nucleoli unserer Hautdrüsenkerne behaupten. Es sprechen 



1 Unter primären rothen Blutkörperchen verstehe ich diejenigen, welche sich 
direct aus en I rchungskugeln entwickeln, im Gegensatze zu 

den später aus speeifischen farblosen Blutzellen oder auch auf dem Wege der mito- 
tischen Theihmg aus rothen Blutscheiben entstehenden, welcher letztere Modus schon 
im Larvenzustande der Frösche und in der ersten Woche selbst an solchen 
Blul cheiben vorkommt, die noch kleine Reste von Dottertäfelchen enthalten. 



Vüebbach: 7m\ Kenntniss der thierischen Zellen. 743 

im Gegentheile mehrere Umstände für eine secundäre, nachträgliche Aus- 
bildung derselben. Sic treten nämlich gewöhnlich erst auf, wenn die 
Kerne eine gewisse Grösse, etwa i 5 '/Dm. erreicht haben, und sind dann 
in solchen zunächsl nur in der Zahl von 1 — 2 anzutreffen, nehmen 
weiterhin mit dem Wachsthume der Kerne an Zahl zu, in den grössten 
Exemplaren bis zu 15 in einem Kerne. In den kleineren Hautdrüsen- 
kernen, von denen manche, wie ich finde, bestimmt als junge Gebilde 
anzusehen sind, leiden sie ganz; diese enthalten nur kyanophile Nucleoli. 
Ich werde weiter unten Gründe für die Wahrscheinlichkeil anführen, 
dass durch Neubildung aus der Kern -Grundsubstanz die erythrophilen 
Nucleoli hinzutreten. 

Die zweierlei Nucleoli sind aber in ganz analoger Weise auch in 
vielen anderen Zellen des Batrachier- Körpers zu eonstatiren und wahr- 
scheinlich in allen multinucleolären Kernen in gewissen Stadien ihres 
Lebens vorhanden. Abgesehen von den eben besprochenen »Riesen- 
kernen« sind in den übrigen, viel kleineren Zellkernen die erythro- 
philen Nucleoli nur in der Zahl von 1 — 2, höchstens 3 vorzufinden, 
während ihnen die kyanophilen an Zahl überlegen sind und dies zu- 
weilen in beträchtlichem Grade. Besonders deutlieh beobachtete ich 
die Gleichzeitigkeit der beiden Arten von Nucleolis in den Leberzellen, 
Darmepithelien. Bindegewebszellen, einem Theile der farblosen Blut- 
körperchen erwachsener Thiere und ebenso auch in den rothen Blut- 
scheiben der Larven von Pelobates fuscus und Ron<< temporaria während 
des grössten Theils ihres Larvenlebens, nämlich von der /.weiten Woche 
nach dem Verluste der äusseren Kiemen bis zur Metamorphose. Meine 
Wahrnehmungen an den letzteren Objecten waren in einigen Bezie- 
hungen besonders belehrend, und ich will deshalb hier in Kürze die 
bezüglichen Ergebnisse anfuhren. 

Die Blutkörperchen der Froschlarven entstehen aus kugeligen, 
mit grossen Dottertafeln vollgepfropften, farblosen, in dieser Gestalt 
in den Gefassen circulirenden Zellen, welche je einen kugeligen Kern 
mit einem einzigen grossen Nucleolus, seltener zwei solchen etwas 
kleineren enthalten. Wenn die Larve aus ihrer Gallerthülle entschlüpft, 
haben die Blutkörperchen noch die nämliche Verfassung und behalten 
sie noch ungefähr so während des ersten Tages ihres freien Lebens, 
bei kalter Witterung auch noch länger. Sodann aber beginnen sie 
deutlicher unter allmählicher Aufzehrung der Dottertäfelchen, unter 
entsprechender Gestaltveränderung und unter Ausbildung von Haemo- 
globin in ihrem Zellenleibe sieh in elliptische Blutscheiben umzuwan- 
deln. Die Haemoglobinbildung beginnt längere Zeit vor gänzlicher 
Schmelzung der Dottertäfelchen. Dieser ümwandelungsprocess nimmt 
je nach der herrsehenden Temperatur und je nach der Species längere 



/44 Sitzung der physikalisch -mathematischen ülasse vom 26. Juni. 

oder kürzere Zeit, ein paar Tage oder auch ein paar Wochen in 
Anspruch. Dabei erfahrt der Kern natürlich ebenfalls eine gewisse 
Abplattung und eine Verlängerung in der Längsaxe der Blutscheibe; 
im übrigen aber behält er eine Zeit laut;' noch den beschriebenen 
einlachen Bau bei. Seihst wenn das Blutkörperchen schon scharf 
scheibenförmig ausgestaltet und deutlich haemoglobinhaltig ist und 
nur noch geringe Reste der Dottertäfelchen oder auch solche nicht 
mehr enthält, ist der Kern noch uninucleolär, und der grosse ein- 
lache oder allenfalls auch doppelte Nucleolus ist auf's Deutlichste 
bequem zu erkennen. Bei Doppelfärbung, z. B. mit der Ehklich- 
BiONDi'schen Mischung nimmt der ganze Kern eine violette oder Lila- 
Färbung an. de)- Nucleolus eine etwas gesättigtere Nuance. Gegen 
das Ende dieser Umgestaltungszeit aber wird das Aussehen des Kerns 
insofern etwas complicirter, als neben dem grossen Nucleolus noch 
eine Anzahl sehr kleiner Körnchen sichtbar werden, welche bei Doppel- 
färbung von einem Mass rosafarbenen (■runde blau schimmernd sich 
abheben. Es macht den Eindruck, als habe die Grundsubstanz sich 
differenzirt, indem die kyanophilen Molecüle derselben sich zu den 
kleinen Kügelchen zusammengeballt hätten. Um diese Zeit kann man 
aber zuweilen auch an dem grossen Nucleolus etwas Analoges, nur 
in umgekehrter Richtung sich vollziehendes bemerken. Bei sehr gutem 
Lichte erkannte ich mittels der Immersionslinse mehrmals, dass der 
Nucleolus in diesem Stadium aus zwei Bestandteilen zusammengefügt 
ist. nämlich einer blauen Grundsubstanz und in ihr eingebetteten, 
verhältnissmässig grossen rothen Kügelchen. oder auch so. dass eine 
centrale rothe, bez. gelbe Kugel von einer blauen Schale umgeben 
ist. Im übrigen Kernraume aber werden nach und nach der blau 
tingirbaren Kügelchen mehr und mehr. Sie werden, besonders von 
der Zeit an. wo die äusseren Kiemen des Thieres schwinden, sehr 
zahlreich. Woher dieser Zuschuss stammt, darüber Lässt das weitere 
Schicksal des Nucleolus mir keinen Zweifel übrig. Während sich 
nämlich die Anzahl und die Gesammtinasse der Nebenkörnchen steigert, 
wird der ursprüngliche Nucleolus oder es werden event. die beiden 
Stamm -Nucleoli allmählich immer kleiner. Indem sie aber kleiner 
werden, nehmen sie auch zugleich immer mehr den erythrophileu 
Charakter an und erscheinen nach einiger Zeit . im Mai und besonders 
im Juni, bei Doppelfärbung rein roth. Ich glaube daraus schliessen 
zu müssen, dass der Nucleolus nach und nach von seiner Oberfläche 
aus einzelne Partikelchen des kyanophilen Theils seiner Substanz ab- 
str>sst. die sich zwischen den ähnlichen . früher aus der Grundsubstanz 
differenzirten vertheilen. Weiterhin aber geht mit diesen Neben- 
kügelchen dahin eine Veränderung vor sich, dass, wahrscheinlich 



Auerbach: Zur Kenntniss der thierischen Zellen. 745 

durch gruppenweise erfolgende Verschmelzung derselben, ihre Anzahl 
geringer, auf 6 — 8 reducirl wird und so grössere als Nucleoli anzu- 
sprechende Körperchen entstehen, deren Durchmesser jetzl demjenigen 
der Stamm -Nucleoli gleicht. In Folge dessen sind im bloss gehärteten 
oder einfach , z. I!. nur mit Eosin gefärbten Zustande die beiden Arten 
von Körperchen im Kerne nicht mehr zu unterscheiden. Wohl aber 
Lassen sich auch ohne Färbung dir erythrophilen Nucleoli deutlich 
machen durch Behandlung des frischen Objects mit wässeriger Su- 
blimatlösung villi i 1.3 pro Mille Gehalt, durch welche, grossentheils 
unter kugeliger Abrundung des Blutkörperchens und seines Kerns, 
die überwiegende Mehrzahl der Nucleoli aufgelöst wird, so dass nur 
einer oder zwei, nämlich die erythrophilen, als solche auch jetzt 
durch Doppelfärbung nachweisbar, bestehen bleiben u]\d in dieser 
Hinsicht eine Art Praeponderanz über die anderen bekunden. 

Wenn die ursprünglichen Nucleoli auf etwa ein Drittel ihres an- 
fänglichen Durchmessers und damit gänzlich auf den erythrophilen 
Theil ihrer Substanz reducirt sind, hat es den Anschein, als ob sie 
in diesem Zustande eine Zeit lang verharrten. Später aber wird es 
immer deutlicher, dass ihr Schwund, obwohl jetzt langsam, weiter 
geht. Sie erhalten sich während des ganzen Restes des Larvenlebens, 
werden aber im Laufe der Sommermonate kleiner und kleiner und 
verschwinden schliesslich zur Zeit der Metamorphose ganz. In Larven, 
an denen die Hinterbeine schon herausgewachsen sind, ist immer 
noch eine ziemliche Anzahl Blutscheiben mit freilieh sehr kleinen 
erythrophilen Nucleolis anzutreffen, hingegen kaum noch, wenn auch 
die Vorderbeine sich entwickelt haben. Ich werde bald Gründe dafür 
anführen, dass dieser ihr Untergang wahrscheinlich in der Weisi 
erfolgt, dass sie nach und nach von ihrer Oberfläche aus in feine 
Theilchen zerstäuben, die sich im Kernraume zerstreuen und zwischen 
den kyanophilen Nucleolis ablagern. An halbjährigen Herbstfröschen 
ferner zeigen sich schon ganz dieselben Verhältnisse, wie am erwach- 
senen Thiere. Es haben nämlich die Blutscheiben sämmtlicher über 
den Larvenzustand hinausgelangter Batrachier Kerne, deren jeder eine 
grössere Anzahl durchweg kyanophiler Nucleoli enthält, eingebettet 
in eine, die schmalen Spalten zwischen ihnen ausfüllende erythrophile 
Substanz. Biondi hat angegeben, dass durch die Ehrlich - BiONDi'sche 
Mischung die Kerne der Blutscheiben rein blau werden: das ist je- 
doch nicht ganz so, wenn die Vorbehandlung eine fixirende und 
namentlich das. was ich "innere Quellung« genannt hahe (0. St. I) 
vermeidende war. Freilich ist auch dann der hei Weitem grösste 
Theil der Masse des Kerns, weil den Nucleolis angehörend, blau 
gefärbt. Bei hellem Lichte aber kann man doch mit der Immersions- 



i H> Sitzung der physikalisch -mathematischen Ciasse vom "_'f>. .Imii. 

linse zwischen den rundlichen Nucleolis feine, tief rothe Spalten 
erkennen, die, beiläufig bemerkt, auch ein fadiges Netzwerk mit 
Knotenpunkten vortäuschen können, thatsächlich aber nur die aus 
der Grundsubstanz bestehenden Scheidewände zwischen den Nucleolis 
darstellen. Ein Irrthum in Folge Durch scheinens der roth tingirten 
Leibessubstanz des Blutkörperchens ist dadurch ausgeschlossen, dass 
das Gleiche auch an ausgetretenen oder sonstwie isolirten Kernen der 
Blutscheiben zu constatiren ist, sowie ferner auch dadurch, dass bei 
der bewussten Behandlung der Zellenleib der Blutscheibe meist eine 
gelbrothe, die Grundsubstanz des Kerns hingegen eine karmoisinrothe 
Farbe gewinnt. 

Diese Rothfärbung der Grundsubstanz ist alier so intensiv nur 
in ausgebildeten Thieren, viel schwächer im Larvenzustande und um 
so blasser je jünger die Larve ist, bis zurück zu der Zeit, wo die 
Differenzirung in Roth und Blau sieh noch nicht vollzogen hat. Eben 
deshalb nehme ich an, dass in den primären Blutscheiben die roth- 
Liebenden Molecüle der Kerngrundsubstanz grossentheils von den wäh- 
rend des Larvenlebens allmählich zerstäubenden erythrophilen Nucleolis 
herstammen. Die im späteren Lehen entstehenden Blutscheiben finden, 
so weit sie aus farblosen Zellen ihren Ursprung nehmen, eine analoge 
Quelle für ihren ähnlichen Aufbau in denjenigen erythrophilen Nucle- 
olis. welche in farblosen Blutzellen neben anderen blau werdenden 
auf's Schönste zu sehen sind. Es wird interessänl sein, weiter nach- 
zuforschen, wie sich bei der mitotischen Theilung der rothen Blut- 
körperchen und anderer Zellen diese Verhältnisse gestalten mögen, 
was freilich seine Schwierigkeit haben wird wegen der bei diesem 
Processe stattfindenden Vermischung der Kern- und der Zellsubstanz, 
ein Vorgang, der trotz seiner A.bleugnung aus den Beschreibungen 
und Abbildungen der Autoren wie auch aus der Betrachtung betref- 
fender Praeparate deutlich genug hervorleuchtet und im Wesentlichen 
meiner früher ausgesprochenen Theorie der Karyolyse entspricht. 
Ich selbst fand und besitze in meinen Praeparaten zwar eine ziem- 
liche Anzahl von Mitosen rother Blutkörperchen , jedoch die meisten 
aus einer Zeit, wo ich die erwähnten Doppelfärbungen noch nicht 
anwandte, und unter den übrigen gerade von den Anfangs- und 
Endstadien des Processes zu wenige Specimjna, als dass ich mir über 
das dabei obwaltende besondere Verhalten der beiden Kernsubstanzen 
schon eine feste Meinung hätte bilden können. 

Wir haben nun soeben in den Blutscheiben schon einen Fall 
kennen gelernt, in welchem die Grundsubstanz oder wie man sie 
vielleicht besser nennen könnte, die Füllsubstanz des Kerns bei den 
bewussten Doppelfärbungen eine intensiv und rein rothe Farbe an- 



Auerbach: Zur Ivenntaiss der thierischen Zellen. i 4 i 

nimmt, Das Gleiche habe ich nun aber in etwas wechselndem Grade 
noch bei manchen anderen Zellenarten beobachtet wie z. I!. besonders 
schön an d< n Leberzellen von Salatnandra rnaculata und ausserdem 
zuweilen an den oben schon in anderer Hinsicht besprochenen Haut- 
drüsenzellen vmi Triton oristatus. Bei letzterem Objecte ist indess 
der Grundsubstanz eine gewisse Unsicherheit der Färbungsbeziehungen 
eigen, welche sehr contrastirt gegen die von den beiderlei Nucleolis 
in diesem Punkte manifestirten Constanz. Zuweilen bleibl die Grund- 
substanz überhaupt ungefärbt, andere Male nimmt sie in blasserer 
Abstufung die Farbe der kyanophilen Nucleoli an, wodurch dann 
die anderen, roth gewordenen Innenkörperchen um so Lebhafter her- 
vorstechen. Wo letzteres der Fall ist. betrifft diese Art der Färbung 
zuweilen alle in dem Praeparate vorhandenen Hautdrüsenkerne , woraus 
ich schliesse, dass dann äussere Umstände bedingend sind, wahrscheinlich 
gewisse, noch nicht genügend beherrschte Abweichungen im Färbungs- 
und dem darauf folgenden Auswaschungsverfahren. Aul' letzteren 
Punkt könnte ich, ohne weitläufig zu werden, hier nicht eingehen 
und will deshalb nur hinzufügen, dass ich Grund zu der Annahme 
habe, es dürfte bei noch besserer Regulirung der genannten Proce- 
dunn die Grundsübstanz auch dieser Kerne sich immer als vor- 
herrschend erythrophil herausstellen. Wenn sich aber überhaupt an 
diesen Objecten die mibe Färbung der Grundsubstanz zeigt, dann ist 
dabei noch ein besonderes Verhältniss bemerkenswert!), das zu weiteren 
Folgerungen Veranlassung giebt. Es ist nämlich die Rothfärbung der 
Füllsubstanz des Kerns am intensivsten in den kleineren und mittel- 
grossen Kernen. Ein prachtvolles Bild bieten namentlich solche von 
10 — 20« Dm. durch den Contrast der grossen blauen Nucleoli von 
dem hochrothen Untergrunde. In den noch grösseren Exemplaren 
hingegen ist die rothe Färbung der Grundsubstanz viel blasser und 
weiterhin fast verschwindend, d. h. nur auf zerstreute rothe Pünktchen 
beschränkt in jenen gigantischen Formen, welche diesen Gebilden 
den Namen der Riesenkerne verschafft haben. Diese Abnahme der 
diffusen Rothfärbung mit dem Wachsen der Kerne scheint einen 
doppelten Grund zu haben. Der eine liegt in ihrer Anschwellung 
selbst. Die riesigen Kerne sind zwar ihrem Volumen nach nicht 
ganz sii gross, wie sie scheinen, da sie nach meiner Ermittelung 
immer, und zwar auch in situ, eine sehr abgeplattete Gestalt haben, 
sich aber bei der üblichen Praeparationsweise meist auf der flachen 
Seite liegend praesentiren. Immerhin erreicht, aber ihr Volumen 
ein bedeutendes Maass. Diese mächtige Vergrösserung verdanken sie 
aber, wie ich aus ihrem Verhalten gegen mechanische Einwirkungen 
schliesse. vorzugsweise einer reichlichen Aufnahme von Wasser in 



748 Sitzung der physikalisch -mathematischen Ciasse vom 26. Juni. 

ihr Inneres. Sie stellen Blasen dar, die mit einer dünnen, inst 
flüssigen Substanz gefüllt sind, während die kleineren Kerne des- 
selben Parenchyms Gebilde aus viel festerem und derberem Materiale 
sind. Dureb den Zuschuss von Wasser aber müssen die erythro- 
philen Molecüle der Grundsubstanz auseinander gedrängt, muss die 
Färbung verdünnt werden. Indessen dürfte nach dem zuvor Be- 
merkten diese Ursaehe nicht zur vollen Erklärung der Differenz aus- 
reichen, sondern wohl noch eine andere, an sich interessantere in 
Betrachl zu ziehen sein. Ich habe oben mitgetheilt, dass die grossen 
erythrophilen Nucleoli der in Rede stehenden Kerne erst in den 
grösseren derselben, welche einen Durchmesser von mindestens 1 5 u 
haben, sich einlinden. Wenn wir uns nun denken, dass jene durch 
Zusammenballung entsprechender Molecüle aus der Grundsubstanz 
sich bilden, so würde damit auch die gleichzeitige Verarmung der 

letzteren an farbbaren Partikelchen erklär) sein. In der Thal k it 

es ausnahmsweise vor. dass auch kleinere Kerne erythrophile Nucleoli 
enthalten, und dann ist auch in diesen die Grundsubstanz immer 
blass oder o- anz farblos. Wir hätten damit ein Gegenstück zu dem 
oben von den Blutscheiben der Froschlarven Berichteten, nämlich zu 
der dori von mir angenommenen Vertheilung des Materials der 
erythrophilen Nucleoli in die Grundsubstanz. 

hie erythrophile Kernsubstanz ist übrigens dem Protoplasma 
des Zellenleibes offenbar ähnlicher, als die kyanophile. Denn ich 
habe hier hinzuzufügen, dass hei meinen Doppelfärbungen in vielen 
Zellenarten auch die Zellenleiber eine rothe Färbung zeigen, nämlich 
immer dann, wenn sie überhaupt Farbstoff angenommen und heim 
Auswaschen festgehalten haben.' Jedoch besitzl auch die andere. 
blau sich färbende Kernsubstanz eine Haupteigenschaft des Proto- 
plasma, nämlich amoeboide Beweglichkeit, wie ich schon angab. 

Hinsichtlich weiterer Betheiligung der kyanophilen Substanz an 
dem Aufbau der ruhenden Kerne habe ich nur noch anzuführen, 
dass aus solcher Substanz auch die karyogene Kernmembran besteht, 
wo eine solche vorhanden ist. wie z.B. in vielen farblosen Blut- 
zellen und in manchen Leberzellen der Urodelen. 



1 In manchen Zellenarten nämlich, wie z.B. in denjenigen der Chorda dor- 
snlis. in Endothel- und platten Bindegewebszellen bleibt der Zellkörper ungefärbt. — 
Von den Intercellularsubstanzen bleibt diejenige des Bindegewebes farblos, während 
die Grundsubstanz des Knorpels eine schöne blaue Farbe annimmt, und /war sowohl 
bei solchen Doppelfärbungen, un die blaue Farbe durch Methylgrün , wie bei solchen, 
u (i sie durch Haematoxylin vertreten ist. so dass die Knorpelsubstanz sieh in einem 
allgemeineren Sinuc als kyanophil erweist. Andere secundäre Bestandteile mancher 
Praeparat« werden namentlich in der Ehrlich - BioNm'schen Mischung schön grün, 
andere violett, so dass sehr bunte Bilder entstehen können. 



Auerbach: Zur Kenntniss der thierischen Zellen. i 4!' 

Die Kenntniss der zweierlei Kernsubstanzen ist aber weiterhin 
sein wichtig wegen deren Beziehungen zu den intranucleären Netzen. 
Zur Bildung solcher liefern sie das Material und sind dazu ver- 
anlagt kraft mehrerer ihrer Eigenschaften, deren eine ich schon 
wiederholt erwähnte, nämlich ihre amoeboide Bewegungsfahigkeit. 
Aber auch passiv sind die inneren Kernbestandtheile , weil im 
lebendigen und überlebenden Zustande aus einem weichen und 
klebrigen Material bestehend, sehr bildsam und geneigt, bei gegen- 
seitiger Berührung zu verschmelzen. Auf Grund dieser Eigenschaften 
gestalten sie sich unter Umständen zu wirklichen inneren Netzen um. 
In der Regel ist es nur eine der beiden Substanzen, die dies thut, 
und zwar am häufigsten die kyanophile. Unter bestimmten Be- 
dingungen jedoch gestaltet sich jede der beiden Substanzen für sich 
zu einem Netzwerke, so dass man in dem Kern zwei durch einander 
geflochtene Netzwerke, ein rothes und ein blaues, sieht. 

Diesen Punkten soll eine demnächstige weitere Mittheilung ge- 
widmet werden. 



Ausgegeben am 3. Juli. 



Sitzungsberichte 1890. 63 



751 
1890. 

XXXIII. 

SITZUNGSBERICHTE 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 

26. Juni. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Curtius. 

Hr. von der Gabelentz sprach über die Kabakadasprache in 
Neupommern. 



Ausgegeben am 3. Juli. 



Berlin, gedruckt in <lo Keicludtuclt) 



753 
1890. 

XXXIV. 

SITZUNGSBERICHTE 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 



H.Juli. Öffentliche Sitzung zur Feier des LEiBNizischen 
Gedächtnisstages. 



Vorsitzender Secretar: Hr. E. du Bois-Rkymond. 

Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung, welcher Seine Exeellenz 
der vorgeordnete Minister Hr. von Gossler beiwohnte, mit folgender 

Rede: 

Vergegenwärtigt man sieh die geistige Gestalt des ausserordent- 
lichen Mannes, dem zu Ehren wir alljährlich an diesem Tage ver- 
sammelt sind, so erstaunt man stets von Neuem über die fast schranken- 
lose Weite seines Gesichtskreises und die last unendliche Mannig- 
faltigkeit seiner Interessen. Kaum erscheint es denkbar, dass dir 
Staatsschrift, welche dem Könige von Preussen das Fürstenthum 
Neuchätel zusprach, derselben Feder entsprang, wie die Protogaea; 
die Analysis des Unendlichen und das wahre Kräftemaass demselben 
Kopfe wie die praestabilirte Harmonie und die Theodicee. Eine Lücke 
indessen in diesem beim ersten Blick allumfassenden Bilde fallt bei 
näherer Betrachtung auf. Sieht man ab von dem lateinischen Gedicht, 
in welchem Leibniz Brand's Entdeckung des Phosphors überschweng- 
lich leiert, so sucht man wohl vergebens nach einer Beziehung unseres 
Heros zur Kunst. Dass seine Ars combinatoria mit schönen Knusten 
nichts zu thun habe, bedarf nicht der Erwähnung. Nur gelegentlich 
und sehr zerstreut kommen in seinen Schriften und Briefen Bemerkungen 
über Kunst und über das Schöne vor: einmal lässt er sich über das Wohl- 
Sitzungsberichte 1890. 64 



i .i 1 i Iffentliche Sitzung vom 3, Juli. 

gefallen an der Musik etwas ausführlicher vernehmen, dessen Ursache er 
in einer gleiehmässigen, obschon unsichtbaren Ordnung der Bewegungen 
der zitternden Saiten sucht, »die ... in uns ... einen mitstimmenden 
WiederhaU »machet, nach welchem sich auch unsere Lebensgeister 
regen«. Doch war sichtlich die Sinnenwell für Leibniz nur wenig da; 
die Alpen und die italiänischen Kunstschätze sah er wohl mit Augen, 
alier. wie wir heute sagen, seelenblind. Auf die Schönheit kam es 
ihm nicht sonderlich an; mit Einem Wort, dieser Hercules lässt sieh 
nie am Wocken einer Omphale ertappen. 

Dieselbe Vernachlässigung wenigstens der bildenden Kunst fällt 
bei Voltaire auf, der als Polyhistor sonst mit Leibniz einigermaassen 
vergleichbar ist. und man muss, wie ich früher einmal hier aus- 
führte, bis zu einer dritten Generation, Ins zu Diderot in Frank- 
reich, zu Lessing und Winckelmann in Deutschland herabsteigen, um 
auf entschiedene Theilnahme an bildender Kunst, und auf Würdigung 
ihrer Stellung im Culturleben der Völker zu treffen. 

Der so abgegrenzte Zeitraum ist für die Kunst, einiger hervor- 
ragenden Erscheinungen ungeachtet, einer des Niederganges gewesen, 
während er für die Wissenschaft inner der ruhmvollsten war. Be- 
trachtel man die geschichtliche Entwickelung dieser beiden Richtungen 
menschlichen Schaffens, so zeigl sich in dem beiderseitigen Gange 
keinerlei Übereinstimmung. Während der höchsten Blüthe der griechi- 
schen Plastik gab es noch kaum Wissenschaft. Am Anfang der Kunst- 
periode, die wir als Cinquecento zu bezeichnen pflegen, ragt freilich 
Lionardo's Riesengestalt, der neben unsterblichen Kunstschöpfungen 
zugleich Physiker Indien Ranges war. Doch war er als solcher seiner 
Zeit so sehr voraus, dass dies gewiss nicht als Beweis dafür angeführt 
werden kann, wie Aufschwung der Wissenschaft Aufschwung auch 
der Kunst bedinge: s " wenig, dass Michelangelo starb an dem- 
selben Tage, wo Galilei geboren wurde. Wenn gegen das Ende des 
vorigen Jahrhunderts Kunst und Wissenschaft gemeinsam einen hohen 
Fhu; nahmen, wird man darin doch nur ein mehr zufälliges Zusammen- 
treffen erblicken dürfen, da denn auch die Kunst seitdem bestenfalls 
auf gleicher Höhe verharrte, die Wissenschaft noch immer in unab- 
sehbarem Siegeslauf begriffen ist. 

In der Thal sind die beiden Richtungen so verschieden, dass 
man leicht begreift, wie der Kunst von der Wissenschaft, dieser von 
jener nur mehr äusserlich geholfen werden kann. »Die Natur«, sagte 
Goethe treffend zu Eckermann, - ohne zu ahnen, wie herbe An- 
wendung dieser Ausspruch auf eine Seite seiner eigenen wissenschaft- 
lichen Bestrebungen finden könnte - »die Natur versteht gar keinen 
»Spass, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge; sie hat 



E. DU I'miis- REYMOND : I / .").") 

»immer recht, und die Fehler und [rrthümef sind immer des Menschen. « 
Um <li< j Richtigkeit davon vollauf zu empfinden; muss man gewohnt 

sein, indem man als Experimentator oder Beobachter selber Hand an's 
Werk legt, der Natur Ln's unerbittliche Antlitz zu scbauen, und die, 
mau möchte sagen, ungeheure Verantwortlichkeil zu tragen, welche 
in dem Aufstellen auch des geringfügigsten Sachverhaltes liegt. Was 
in diesem Augenblick, unter diesen Umständen geschieht, würde unter 
denselben Umständen vor negativ unendlicher Zeit auch geschehen sein. 
uach positiv unendlicher Zeh noch geschehen: das ist der inhaltschwere 
Sinn jeder richtig gedeuteten Erfahrung. Nur der Mathematiker, dessen 
Thätigkeit der des experimentirenden Forschers näher verwandt ist. 
als man sich vorzustellen pflegt, kennt ewig unverbrüchlichen Ge- 
setzen gegenüber das gleiche Gefühl der Verantwortlichkeit. Ge- 
schworene Zeugen vor dem Richterstuhl der Wirklichkeit streben sie 
beide nach der Erkenntniss «1er Welt wie sie ist. innerhalb der uns 
durch die Natur unseres [ntellects gesteckten Grenzen. Was aber 
den Forscher für diesen beängstigenden Druck, unter dem er arbeitet, 
vollauf entschädigt) das ist das Bewusstsein, dass auch die geringste 
seiner Leistungen ein Schritt vorwärts ist über die höchste Stufe seiner 
grössten Vorgänger; dass sie möglicherweise den Keim unermesslich 
wichtiger theoretischer Einsichten und praktischer Errungenschaften 
enthält, wie die WoLLASTON'schen Linien im Spectrum den der Spectral- 
analyse; dass solcher Preis nicht bloss dem von der Natur erhobenen 
Genie, sondern auch dem gewissenhaften Fleisse des mittelmässig Be- 
gabten winkt; endlich dass die Wissenschaft, indem sie dem mensch- 
lichen Geist die Herrschaft über die Natur verleiht, das absolute 
Organ der Cultur ist; dass ohne sie nie eine wahre Cultur geworden 
wäre, und dass ohne sie die Cultur mitsammt der Kunst und ihren 
Werken jeden Tai;' wieder rettungslos versinken könnte, wie am Aus- 
gang der antiken Welt. 

Auch darüber tröstet, dies Bewusstsein den Forscher, dass eine 
gedankenlose Menge, indem sie die ihr so gespendeten Wohlthaten 
geniesst, kaum weiss, wem sie sie verdankt; dass während i\<>y 
Namen jedes Musikvirtuosen in Aller Munde, und der Unsterblichkeit 
in den ( onversations - Lexicis Cur die gebildeten Stände gewiss ist. 
bei uns der Namen dessen so gut wie unbekannt blieb, dem jener 
höchste Triumph des erfindenden Menschengeistes gelang, über weite 
Länderstrecken, über Gebirg und Thal durch einen Kupferdraht den 
Klang einer Stimme vernehmbar zu machen, gleich als spräche sie 
uns in's Ohr. 

»Ernst ist das Wissen, heiter ist die Kunst«, könnte man das 
Dichterwort wenden, ohne dass es minder zuträfe. Die Kunst ist das 

<vt* 



756 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

Reich des Schönen, des Schaffens dessen, was durch hall) sinnliches, 
halb seelisches Wohlgefallen uns beglückt, und damit ist gesagt, dass sie 
im weitesten umfange ein Reich der Freiheit ist. Hier walten keine 
starren Gesetze, keine strenge Causalität bindet das Geschehen in der 
inwart an das in Vergangenheit und Zukunft: kein absolutes Merk- 
mal verbürgt das Gelingen; wechselnder Geschmack der Zeiten, Völker 
und Menschen maassl sich Lob und Tadel an. wie denn die Herr- 
lichkeil gothischen Kirchenbaues dem achtzehnten Jahrhundert zum 
Gespötl geworden war. Hier wird zu Schanden jene Erklärung des 
Genies als des Talentes zur Geduld; eine glückliche Offenbarung er- 
zeugt ein uns mit elementarer Gewalt hinreissendes und erhebendes 
Gebilde, das der nachträglich von der Kunstkritik ihm aufgedrun- 
genen tiefsinnigen Deutung zu spotten scheint; und die begnadete 
Hand, welche Solches vollbringt, ist auch eine Wohlthäterin der sorgen- 
trüben Menschheit. Leider liegt es in der Natur der Dinge, dass nicht 
jeder Zeit solche Kraft entspriesst: hier wird Einmal in Einer Richtung 
das Höchste hervorgebracht, in dessen Nacheiferung dann Menschen- 
alter um Menschenalter verzweifelnd sich abmüht. Die schönsten 
Kunsttheorien vermögen weder den Einzelnen über die Schranken 
seines natürlichen Könnens zu erheben, noch im grossen Ganzen 
einer sinkenden Kunstperiode ein besseres Loos zu bereiten. Was 
fruchtet das nun schon geraume Zeit die Kunstwelt spaltende Gerede 
über Idealismus und Naturalismus? Hat es uns vor den oft schwer 
zu ertragenden Ausschreitungen des- letzteren bewahrt? Sucht nach 
Neuem, dreistes Aufstecken einer Fahne, welcher der unmündige Haufen 
blindlings folgt, tragen den Sieg davon, bis das Abgelebte irgendwie 
durch Frisches abgelöst wird, oder bis einer Erscheinung von ge- 
bietender Hoheit die Herrschaft unweigerlich zufällt. 

Noch weniger kann die strengere Wissenschaft der Kunst auf- 
helfen, und so einander innerlich fremd, ohne einander wesentlich 
zu beeinflussen, gehen beide ihren eigenen Weg, jene bald etwas 
schneller, bald etwas langsamer stetig aufsteigend, diese in erhabenen 
Wogen auf- und abschwankend. Eine von beiden, die Kunst allein, 
zum Merkmal höchster Entfaltung menschlicher Geisteskraft stempeln 
zu wollen, wie es von den der Wissenschaft ferner Stehenden nicht 
selten geschieht, ist zweifellos ein Irrthum; aber freilich leuchtet der 
Menschengeist am hellsten, wo Glanz der Kunst mit Glanz der Wissen- 
schaft sich eint. 

Übrigens findet hier etwas Ähnliches statt wie in der praktischen 
Ethik. Je tiefer gesunken die Sitten einer Zeit, eines Volkes sind, 
um so mehr bekanntlich wird von Tugend geredet. Je mehr natur- 
wüchsige Schöpfungskraft versagt und versiegt, um so höher schwillt 



E. i>r Bois-Reykond: Festrede. i ."> t 

die l'luih aesthetischcr Theorien. Hermann Lotze's 'Geschichte der 
Aesthetik in Deutschland' bietet ein ermüdendes und entmuthigendes 
Bild dieser langen und fruchtlosen Bemühungen. Die Philosophen aller 
Schulen haben sieh in abstracten Formeln überboten, um begrifflich 
festzustellen, was Schönheit sei. Sie sei die Einheit -in der Mannig- 
faltigkeit, oder die Zweckmässigkeit ohne Zweck, oder die unbewusste 
Vernunftmässigkeit, oder das Absolute in sinnlicher Existenz, oder die 
genossene Harmonie des absoluten Geistes, und Ähnliches mehr. Aber 
/wischen diesen allem Schönen zugeschriebenen, angeblieh sein Wesen 
ausmachenden Eigenschaften, und der Empfindung selbst des Schönen, 
ist kaum mehr Zusammenhang als /wischen den Aether- und Schall- 
schwingungen und den uns dadurch zum Bewusstsein gebrachten 
Qualitäten. Es dürfte denn auch wohl ein verfehltes Unternehmen 
sein, einen Ausdruck zu ersinnen, der die mannigfaltigen Arien der 
Schönheit gleichmässig deckte: die Schönheit des Kosmos im Gegen- 
satz zum Chaos, einer Gebirgsaussicht, einer Symphonie, eines Dicht- 
werkes. der "Ristoki als Medea, einer Rose: oder allein in der bildenden 
Kunst die Schönheit des Kölner Doms, des Hermes, der Sixtinischen 
Madonna, eines Genrebildes, einer Landschaft, eines Stilllehens, eines 
Japanischen Rankengeflechtes. Sagen wir lieher. dass wir hier, wie 
an so vielen Punkten, auf ein Unerklärliches in unserer Organisation 
slossen: ein Unaussprechliches, aber darum nicht minder sicher Em- 
pfundenes, ohne welches das Leben uns schmucklos grau dahinflösse. 
Bei Schiller findet sich eine Untersuchung über die Schönheit 
des menschlichen Körpers. Kr unterscheidet eine architektonische 
Schönheit und eine solche, welche auf Annmth beruht. Vor zwanzig 
Jahren am gleichen Tage, in einer Rede über Lr.iHNizisehe Gedanken 
in der neueren Naturwissenschaft, bekämpfte ich den Rationalismus 
in der Aesthetik. in welchem das vorige Jahrhundert vielfach be- 
fangen war, und ich wagte unter anderem den Ausspruch : "So wenig 
»wie für die Wirkung der Melodie, ist eine Erklärung für die Anziehung 
»denkbar, welche die schönen Formen des einen Geschlechtes auf das 
«andere ausüben.« Bei näherer Überlegung ist in der That gar nicht 
einzusehen, warum gerade diese Form, die man nach Fechsteb durch 
eine trockene Gleichung mit drei Variablen darstellen könnte, mehr 
als tausend andere Möglichkeiten uns beglückt. Aus keinem abstracten 
Princip, keiner Architektonik, keiner HouARTn'schen Wellenlinie lässi 
sich dies ableiten. Ein Jahr nach meiner Bemerkung erschien aber 
Charles Darwin s Descenl of Man, worin die in der Origin of Spedes 
nur angedeutete Lehre von der geschlechtlichen Auslese ausführlich 
abgehandelt und in ihre Consequenzen verfolgt wird. Noch steht mir 
Lebhaft im Gedächtniss. wie unser Dove, als ich einst ihm gegenüber 



758 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

die Berechtigung des Vitalismus bestritt, mich mit dem Einwand in 
Verlegenheit setzte, dass in der organischen Natur, beispielsweise in 
dem Gefieder eines Pfaues oder Paradiesvogels, Luxus herrsche, da 
doch Muri ktiis' Satz von der kleinsten Action in der unorganischen 
Natur solche Verschwendung ausschliesse. Nun war dies Etäthsel 
gelöst: unter der Voraussetzung freilich, dass man auch Thieren in 
ihrer Art einigen Schönheitssinn zugestehe. Das farbenprächtige Hoch- 
zeitskleid der männlichen Vögel ist entstanden, indem die Weibchen 
dem am besten geschmückten Freier den Vorzug schenkten, so dass 
eine immer reicher verzierte Nachkommenschaft erwuchs. Die männ- 
lichen Paradiesvögel sieht man zur Zeil der Paarung ihre Schönheit 
vor den Weibchen wetteifernd zur Schau tragen. Die melodische Be- 
gabung der Nachtigall kann man gleichfalls so zu Stande gekommen 
sich denken, wenn man den Nachtigallenweibchen, statt des Gefallens 
an bunterem Gefieder, musikalische Empfindung zuschreibt. Darwin 
spinnt seinen Gedanken weiter dahin aus, dass auch beim Menschen- 
geschlecht gewisse Merkmale der Geschlechter, der würdevolle Bart 
des Mannes, der herrliche Kopfschmuck des Weihes, durch geschlecht- 
liche Auslese entstanden sein möchten. Es ist bekannt, wie durch 
die ofl wiederholte Einführung schöner Tscherkessischer Sclavinnen 
in die Harems der vornehmen Türken der ursprüngliche mongolische 
Typus oft zu edelster Gestall umgewandeil worden ist. Noch höher 
hinaufsteigend dürfen wir aber jetzt in demselben Gedanken die Ant- 
wort auf die Frage finden, worin die Anziehung wurzele, welche die 
weibliche Schönheit auf den Mann übt. Nach unseren Vorstellungen 
isi das Weib nicht aus einer Rippe des ersten Mannes geschaffen 
worden, was auf' morphologische Schwierigkeiten stösst, sundern der 
Manu selber war es, der im Lauf zahlloser Geschlechter durch natür- 
liche Züchtung das Weih so sieh erschuf, wie es ihm gefallt, und 
umgekehrt so das Weih sich den Mann. Dies nun nennen wir schön; 
man braucht aber nur einen Blick auf eine RuBENs'sche und eine 
TiTiANÜsche Venus zu werfen, vollends an die verschiedenen Menschen- 
rassen zu denken, um zu erkennen, wie wenig seihst dies Schöne 
ein absolutes sei. 

Einen Fall, in welchem es scheint, als lasse sich Schönheit noch 
am besten zergliedern , biete! die Schönheit dar. welche man die 
mechanische nennen kann, und welche am wenigsten beachtet ist. 
weil zu ihrer Würdigung eine besondere Schulung des Auges gehört. 
Es ist die Schönheit, welehe eine Maschine oder ein physikalisches 
Instrument besitzen kann, an welchen jeder Theil das richtige Maass, 
die richtige Gestall und Lage für seine Verrichtung hat. Auf sie 
passt allenfalls die Definition der unhewiissten Vernunftmässigkeit. 



E. du Bois-Reymond: Festrede. 7.)'.) 

denn hier Iässt sieh das Wohlgefallen mit Fug und Reeht darauf 
zurückführen, dass wir, bei genügender Bildung, ünbewussi Lnne 
werden, wie genau das Nöthige geschehen ist. um Festigkeil mit 
Leichtigkeit, und nach Bedürfniss mit Beweglichkeil zu möglichsl 
vorteilhafter Kraftübertragung, ohne unnützen Aufwand an Stoff zu 
verbinden. Zwar ein Treibriemen erscheint weder schön noch un- 
schön; aber da die Festigkeit einer Bläuelstange in der Mitte ihrer 
Länge am stärksten beanspruchl wird, so gefällt es dem visus erudilus, 
sie von den Enden nach der Mitte zu angemessen anschwellen zu 
sehen. Diese Art von Schönheil ist natürlich erst neueren Ursprungs, 
und es verdient bemerkl ZU werden, dass sie bei dem Bau unserer 
physikalischen und Messinstrumente "meines Wissens zuerst in Deutsch- 
land, nämlich von Georg von Reichenbach in München, verstanden 
and zum Princip erhoben wurde. Zur Zeit, wo aus den Münchener 
und Berliner Werkstätten schon Instrumente von vollendeter mechani- 
scher Schönheit hervorgingen, kamen aus Frankreich und England 
noch solche zu uns. an wehdien gekünstelte Säulchen und verschnör- 
kelte Karniesse an die unreinen Formen in der Architektur und dem 
Mobiliar des Rocoeo's widerwärtig erinnerten. 

Ich weiss nicht welcher französische Mathematiker im vorigen 
Jahrhundert beim Anblick der St. Peters-Kuppel in Koni versuchte, 
von dem Eindruck vollkommenster Befriedigung des Auges, welchen 
sie hervorbringt, sich Rechenschaft zu geben. Er maass die Krüm- 
mungen der Kuppel aus. und (and, dass ihre Gestalt gerade die ist. 
welche unter den gegebenen Umständen nach den Regeln der höheren 
Statik das .Maximum der Stabilität liefert. Unbewusst, durch sicheren 
Instincl geleitet, hat also Michelangelo an seinem Modell (denn die 
Kuppel wurde erst nach seinem 'Tode aufgeführt) eine Aufgabe ge- 
löst, die ihm mit Bewusstsein kaum verständlich, ja zu seiner Zeit 
noch nicht einmal mathematisch zu behandeln gewesen wäre. Ks 
scheint übrigens, als habe in diesem Falle die Schönheitsgleichung, so 
zusagen, mehrere Wurzeln: denn es giebt mindestens noch eine an- 
dere Kuppelform, als deren Typus mir die des Val-de-Gräce in Paris 
vorschwebt, welche einen ebenso befriedigenden, wenn auch vielleicht 
nicht so erhellenden Eindruck macht, wie die Michelangelo's. 

Hier greift, wie man sieht, die mechanische Schönheit in die Bau- 
kunst ein, und dies geschieht heute um so häufiger, je mehr die Eisen- 
construet innen der Neuzeit im Vergleich zu Steinbauten Gelegenheit 
geben, mechanische Schönheit zu entfalten. Das veränderte Material 
hat nach Anton Hallmann's Ausdruck eine veränderte Statik des Ge- 
fühles zu Wege gebracht. In dem Eiffel-Thurm offenbarte sich die 
mechanische Schönheit wohl zum ersten Male Vielen, welche sonst 



VfiO Öffentliche Sitzung pom 3. Juli. 

nicht Gelegenheit hatten, ihre Wirkung zu empfinden, und gewiss 
entbehrt ihrer die neue Forth- Brücke nicht. Doch ist keine Frage, 
d.'iss auch in den Steinbauten neben vielem Hergebrachten und ge- 
wohnheitsmassig Wohlgefälligem das Gefallen an bestimmten Formen, 
an der zarten Schwellung und Verjüngung der dorischen Säule nach 
oben, ihrer Verbreiterung zum Echinus und Abacus, an dem Profil der 
architektonischen Glieder auf mechanischer Schönheil beruhe, und 
ebenso auf dem Vermissen ihres wohlthätigen Eindruckes der Wider- 
wille, den die sinnlose Ornamentation des Barockstiles dem geläuterten 
Geschmack einflösst. 

Sogar in den Gebilden der organischen Natur spielt mechanische 
Schönheit eine Rolle, ja bis zu dem Grade, dass Manches, was dem 
unerzogenen Auge Grauen erweckt, das ■ geschulte Auge ergötzt und 
mit Bewunderung erfüllt. Sie ist es, welche der Anatom in der 
Bildung der Knochen, besonders der Gelenke, freudig erkennt; welche 
ihm noch aus anderen Gründen, als aus dem Gegensatz zu der Art 
wie die Alten den Tod gebildet, einen Todtcntanz abgeschmackt er- 
scheinen lässt; welche schon Benvenuto Cellini, was ihm alle Ehre 
macht, am Skelet aufgefasst hatte; und welche, reichte nur unser Ver- 
ständniss aus, Ins in's Aquarium, ja bis unter das Mikroskop, jede orga- 
nische Form uns verklären würde. Seil ist in dem Aufbau des Pllanzen- 
leibes weist Hr. Schwendenek die für die Organisation charakteri- 
stische, mit dem Material sparende Erhaltungsmassigkeit nach, wovon 
wir heim Anblick eines breit wurzelnden, sein kräftiges Gezweig nach 
Luft und Licht ausstreckenden Eichenstammes wohl etwas empfinden. 

Wenn nun aber auch die Wissenschaft, wie wir sahen, der 
Kunst das ihr zu Zeiten ausgehende Leben nicht einzuhauchen, neuen 
Schwung ihr nicht zu ertheilen vermag, so ist sie doch stets im 
Stande, ihr unschätzbare Dienste anderer Art zu leisten, indem sie 
ihre Einsichten mehrt, ihre technischen Mittel vervollkommnet, sie 
nützliche riegeln lehrt und vor Fehlern behütet. An so Rohes, 
wie Bereitung von Pigmenten oder Kunstgriffe Keim Erzguss denken 
wir liier um so weniger, als merkwürdigerweise unsere heutigen 
Farben bekanntlich schlechter halten als die einer ganz unwissen- 
schaftlichen Vorzeit, und als unübertroffene Dünnwandigkeit ein Merk- 
mal ächtgriechischer Bronzestatuen abgiebt. Auch kann es kaum aöthig 
sein, an die schon seit lange bekannten Vortheile dieser Art zu er- 
innern, welche wissenschaftliche Erkenntniss der Kunst verschallt hat. 
Die Linearperspective ist von Lionardo und Dürer selber erfunden 
worden: die den ant iken Malern . nach den Pomjiejani.schen Narcissus- 
bildern zu urth eilen, noch unbekannten Gesetze der Spiegelung, die 
Schattenconstnietionen haben sieh angeschlossen. In der Darstellung 



E.di Bois-Retmond: Festrede. 7(il 

des Regenbogens, der besser ungemaU bleibt, wurde trotz den Be- 
lehrungen der Optik, viel und arg gesündigt. Die Statik lieferte die 
besonders dem Bildhauer wichtigen Vorschriften der sogenannten Pon- 
deration. Die Luftperspective verdankt wohl wieder mehr den Malern 
selber, vorzüglich nördlicherer Länder, ihre Ausbildung. 

Zur richtigeu Zusammenstellung der Farben wurden die grossen 
Meister vergangener Jahrhunderte schon allein durch ihr Gefühl ge- 
leitet, wie, nach Johannes Müller, jederzeit auch geschmackvolle Frauen 
bei der Wahl ihrer Kleidung das Rechte trafen; und die morgenländi- 
schen Teppichweber sind darin nicht zurückgeblieben. Allein der Sinn 
dessen, was so unbewusst gelang, konnteerst durchschaut werden, nach- 
dem durch die älteren Darwin, durch Goethe, Purkine, Johannes 
Müller und Andere die subjeetive Physiologie des Gesichtsinnes ge- 
schaffen worden war. Diese Dinge sind von unserem Mitgliede-, Hrn. 
Kknsi \d\ Brücke, in seiner 'Physiologie der Farben für die Zwecke des 
Kunstgewerbes' mit solcher Sachkenntniss abgehandelt worden, wie sie 
nur durch das seltene Zusammentreffen der im Atelier seines Vaters er- 
worbenen künstlerischen Bildung mit seinem physiologischen Wissen er- 
möglicht wurde. Auch Hr. von IIelmiioltz stellte seine tiefen physio- 
logisch-optischen Einsichten in gemeini'asslichem Vortrage in den Dienst 
der Kunst, die ihm schon auf dem Gebiete der musikalischen Harmonie 
so wichtige Aufschlüsse verdankte. Kr klärte unter Anderem das Ver- 
hältniss auf, in welchem die Helligkeitsunterschiede der wirklichen 
(legenstände zu denen stehen, über welche der Maler gebietet, und 
er wies auf die Mittel hin. deren dieser sieh 7.11 bedienen hat. um 
die daraus erwachsende Schwierigkeil zu besiegen. Durch die Nach- 
ahmung der von ihm in ihrer wahren Bedeutung erkannten Irradia- 
tion, eines Fehlers unserer Gesichtswahrnehmungen, ist der Maler 
sogar in Stand gesetzt, den blendenden Eindruck der Sonnenscheibe 
vorzutäuschen; wovon das Castell Gandolfo von Roquepi.an in der 
RACZYNSKi'schen Galerie ein durch seine Kühnheit interessantes Bei- 
spiel bietet. Auch die Vorstellung der Sterne als Sterne, nach denen 
die Ordenssterne gebildet und die Seesterne genannt werden, beruht 
auf Fehlern unserer Augen . da die Sterne am Himmel nur leuchtende 
Punkte ohne Strahlen sind, wie auch einige bevorzugte Augen sie 
sehen. Der Heiligenschein jedoch , das Phosphoresciren heiliger Köpfe, 
weiches in die Nacht des Correggio auf das ganze Christuskind sich 
erstreckt und tue Scene olijectiv beleuchtet, hat hiermit nichts zu 
thun. sondern sofern er nicht ganz freiem Spiel der Phantasie ent- 
sprang, lässt er sich nach Hrn. Kxnkk vielleicht auf den Lichtkran/, 
zurückführen, welchen man im Sonnenschein auf bethautei Wiese um 
den Schatten des eigenen Kopfes sieht. 



/()2 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

Durch einen anderen Fehler des menschlichen Auges, den Astig- 
matismus, dessen höhere Grade, wie die Kurzsichtigkeit, schon der 
Pathologie angehören, konnte Hr. Richard Liebeeich gewisse lange ganz 
unbegreiflich gebliebene Eigenheiten erklären, welche die letzten Werke 
des ausgezeichneten Englischen Landschaftsmalers Türneb entstellen, 
und vor welchen es einem heutigen Augenarzte leicht gewesen wäre, 
ihn bis zu einem gewissen Grade durch eine wagerechte Cylinderlinse 
zu schützen. Die altbekannte, aber erst in unseren Tagen genauer 
ergründete Farbenblindheit ist noch ein anderer, sein- häufiger Fehler 
unseres Auges, dem am Ohre der Mangel an Unterscheidungsvermögen 
für die Tonhöhe entspricht. Ein farbenblinder Maler ist vielleicht 
nielit so undenkbar wie ein Musiker ohne Gehör; beide werden nichts 
Erfreuliches zustande bringen, und zu helfen ist keinem von beiden. 

Die Grenzen zu ziehen, jenseit welcher gewisse optische Kennt- 
nisse dem Künstler nichts mehr nützen können, möchte nicht gut 
angehen. Die Gesetze der Augenbewegungen zu kennen, zu wissen 
worin das Seilen in die Nähe von dem in die Ferne sich unterscheidet. 
Johannes Müller's Bemerkungen über den menschlichen Blick aus seiner 
Jugendschrift über die 'vergleichende Physiologie des Gesichtssinnes' 
sich zu eigen gemacht zu haben, wird keinen Maler gereuen. Doch 
muss zugestanden werden, dass er ein Auge vortrefflich darstellen 
könne, ohne etwas von den S\Nso\'schen Bildchen zu wissen, auf 
denen der sanfte Glanz eines milde, wie das wilde Feuer eines zornig 
dareinschauenden Auges beruht: ganz wie der Landschafter den blauen 
Himmel auf seine Leinwand nicht besser übertragen wird, wenn er ge- 
lernt hat, die Jahrtausende lang unbemerkt gebliebenen, seit Baidinger's 
Entdeckung den Physiologen vertrauten gelben Büschel in jedem durch 
die Sonne gelegten grössten Kreise der Himmelskugel zu erkennen. 

Dagegen in der vielumstrittenen Frage nach der Polychromie der 
antiken Statuen und Bauwerke und nach der Zweckmässigkeit sie 
nachzuahmen, hat man, wie mir scheint, eine Bemerkung der Physiker 
bisher nicht genug beachtet. Es ist die. dass in sehr starker Be- 
leuchtung alle Farben weisslich werden, so dass an dem unmittelbar 
im Fernrohre betrachteten Sonnenspectrum fast jeder Farbeneindruck 
schwindet; nur am rothen Ende bleibt noch ein hellgelber Schimmer 
bestehen. Indem die Farben weisslich werden, mindert sich ihr 
greller Gegensatz, sie fliessen mehr harmonisch ineinander. Daher 
unter freiem Himmel der feuerrothe Rock der Contadina, der auf 
Hrn. Oswald A.chenbach's Campagna-Bildern fast so bezeichnend wieder- 
kehrt wie auf Wouwerman's kriegerischen Sceneh der Schimmel, keinen 
das Auge verletzenden Eindruck macht. Unter dem leuchtenden 
griechischen Himmel mochten die mehr oder minder ereil bemalten 



E. tu Bors Eti i im. \n : I 'est n 763 

Architekturen und Bildsäulen einen gefalligen Anblick gewähren, im 
grauen nordischen Lichte, vollends in geschlossenen Räumen sind sie 
nicht glücklich angebracht. 

Von einer anderen Seite her hat Wheatstone der zeichnenden 
und malenden Kunst eine wert li volle Bereicherung ihrer Einsichten 
verschafft, indem sein Stereoskop den Unterschied klarlegt, der das 
binoculare Sehen näherer Gegenstände grundsätzlich auszeichnet vor 
dem monocularen Sehen, wie auch vor dem binocularen Sehen so 
entfernter Gegenstände, dass der Abstand der Augen gegen ihren 
Abstand verschwindet. Letzteres ist die einzige Art. wie der Maler 
die Natur wiederzugeben im Stande ist. daher er die Tiefendimension 
nur durch Luf'tperspective und durch Abschattirung auszudrücken, 
jedoch nie eine wahrhaft körperliche Erscheinung auf seiner Bildfläche 
zu erzeugen vermag. Während Wheatstone's Pseudoskop ein mensch- 
liches Gesicht unerhörterweise concav zeigt, vergrösserl das Helmholtz- 
sche Telestereoskop gleichsam den Abstand der Augen, und Lös! ohne 
Luftperspective die lerne Baum- oder Bergwand in ihre verschiedenen 
Gründe auf. Das Stereoskop mit beweglichen Bildern aber bestätig! 
die, wie ich glaube, \ <m dem alten Dr. Robert Smith herrührende Deu- 
tung lies vielbesprochenen Umstandes, dass Mond und Sonne am Hori- 
zont um fast zwei Zehntel ihres Durchmessers grösser erscheinen als im 
Zenith, und führt das Räthsel darauf zurück, weshalb wir die Himmels- 
wölbung als Uhrglas und nicht,, wie wir sollten, als Halbkugel sehen. 

Aher von noch ungleich grösserer Bedeutung für die bildenden 
Künste sollte die fast zu gleicher Zeit mit dem Stereoskop entstandene 
Photographie werden. Nicht allein erleichterte sie die Arbeil des 
Architektur-, Interieur- und Vedutenmalers, und machte, sogar 
für Rundsichten, die Camera clai'a überflüssig, sondern sie gab auch 
vielfach nützliche Fingerzeige in Betreff von Licht und Schalten. Re- 
flexen und Halbdunkel, und überhaupt der Art, körperliche Gebilde 
in einer Ebene möglichsi naturgetreu hervortreten zu lassen. Sie lehrte 
Felsen mit geologischer, Pflanzenwuehs mit botanischer Treue wieder 
geben, und Gletscher darstellen, was noch kaum versucht worden, 
jedenfalls nicht gerathen war. Das Bild der Wolken hielt sie fest, 
wenn es ihr auch dazu etwas an Überblick des Himmels fehlte. 
Endlich den Bildnissmaler unterstützte sie. ohne seinen Neid zu er- 
regen, denn indem sie nur einen einzelnen, oft langweilig gespannten 
Ausdruck auffing, war sie seiner Aufgabe nicht gewachsen, ein mitt- 
leres Bild des Menschen herzustellen, und die ungefällig starre photo- 
graphische Physiognomie wurde fast sprichwörtlich für ein schlechtes 
Portrait, Aber sie lieferte ihm doch in vielen Fällen eine uner- 
setzliche, wenn auch von ihm erst künstlerisch zu belebende Unterlage. 



76 1 Öffentliche Sitzung v 3. Juli. 

Allein die neuere Gestaltung der Bildnissphotographie ist geeignet, 
die Aufmerksamkeit des Künstlers nach mehreren Richtungen zu be- 
anspruchen. Die Augenblicksphotographie fasst Gesichtsausdrücke und 
Stellungen während eines so kurzen Zeitraumes auf, dass sie dadurch 
wieder gut macht, was sie in Bezug auf den mittleren Ausdruck 
entbehren lässt, und zu höchst werthvollen Wahrnehmungen führt. 
Duchenne und Darwin haben die Lehre vom Gesichtsausdruck in den 
Leidenschaften neugeschaffen , ersterer indem er durch elektrische 
Reizung der Gesichtsmuskeln die verschiedenen Ausdrücke nachahmte, 
letzterer indem er ihrer phylogenetischen Entwickelung in der Thier- 
rcihe nachging. Leide haben den Künstler mit photographischen 
Abbildungen solcher Gesichtsausdrücke beschenkt, neben welchen die 
demselben Zwecke dienenden Vorlegeblätter der Kunstschulen völlig 
veraltet erscheinen. Seitdem ist der englische Anthropologe Mr. Francis 
Galton auf den Gedanken gekommen, photographisch eine Aufgabe zu 
Lösen, welche dem Künstler gerade so unzugänglich war. wie dem 
Photpgraphen die Wiedergabe des mittleren Gesichtsausdruckes einer 
Person, nämlich die mittlere Gesichts- und Schädelbildung einer he- 
liebigen Anzahl von Menschen von gleichem Alter, Geschlecht, Beruf, 
gleicher geistiger Bildungsstufe oder von gleichen verbrecherischen 
Neigungen in Einem typischen Bilde zusammenzufassen. Dies geschieht, 
indem auf demselben Negativ die schattenhaften Bilder aller dieser 
Gesichter zur Deckung gebracht werden. Professor Bowditch von 
der Harvard Medical School hat auf diese Art das initiiere Bildniss 
oder den Typus von amerikanischen Studenten und Studentinnen, 
von Pferdebahnkutschern und -Schaffnern aufgenommen. Im letzteren 
Falle ist es sein- auffallend, wie der Schaffner -Typus den Kutscher- 
Typus an geistigem Ausdruck überragt. Das wäre etwas für Lavater 
und Kall gewesen. 

Selbst die Pathologie drängt sich hier in den Dienst der bildenden 
Kunst. Hr. Charcot hat in den photographisch festgehaltenen krampf- 
haften Stellungen und Gesichtsverzerrungen der Hysterischen die 
classischen Darstellungen von Besessenen wiedererkannt. Das Merk- 
würdigste in dieser Beziehung ist wohl, den sonst nur im Idealen 
verweilenden Rafael auf seiner Transfiguration bei der Figur des 
besessenen Knaben so realistisch verfahren zu sehen, dass man aus 
<\rr MAGENDiE'schen Augenstellung des Kranken mit einiger Sicherheil 
ein centrales Leiden diagnosticiren kann. 

Noch nach einer anderen Seite hat die Entwickelung der Photo- 
graphie der Kunst wichtige Aufschlüsse gegeben. Im Jahre 1836 
stellten die Gebrüder Wilhelm und Eduard Weber in ihrem berühmten 
Werk über die 'Mechanik der menschlichen Gehwerkzeuge' einen 



E. di Boi estr 765 

gehenden Menschen in den theoretisch erschlossenen Stellungen dar, 
welche er während der Dauer eines Schrittes folgweise einnehmen 
inuss. I),-d>ei zeigte sieh das Sonderbare, dass /war zu Anfang und 
zu Ende des Schrittes, wo der Mensch eine kurze Zeh auf beiden 
Füssen ruht, die Abbildung vollkommen richtig aussah, so. wie schon 
immer die Maler gehende Menschen darzustellen gewohnl waren, 
dass alter in der Mitte des Schrittes, wo das sogenannte Spielbein 
am Standbein vorbeipendelt, der fremdartigste, ja lächerlichste Anblick 
sieh darbot; i\''\- Mensch schien, wie ein betrunkener Dorfmusikant, 
über seine eigenen Füsse zu stolpern, und nie hatte Jemand einen 
gehenden Menschen in solcher Lage gesehen. Die Gebrüder Webeb 
schlagen auf der letzten .Seite ihres Werkes zwar vor, die Richtigkeh 
ihrer schematischen Zeichnungen mit Hülfe der sogenannten strobos- 
kopischen Scheiben von Stampfeb und von Plateau zu prüfen, welchen 
sie übrigens schon die vortreffliche, uns erst vor wenigen Jahren als 
eine Neuigkeit aus Amerika unter dem Namen »Zootrop« oder wohl 
gar »Vivantoskop« zugekommene Form gehen; doch ist mir nicht 
bekannt, dass dieser Vorschlag wirklich ausgeführt worden sei. 

Hr. Wilhelm Webeb hat aber erlebt, dass nach last einem 
halben Jahrhundert die Augenblicksphotographie ihm und seinem 
Bruder vollkommen Recht galt. Mr. Mutbetoge in San Francisco 
wandte sie zuerst an, um die aufeinanderfolgenden Stellungen von 
Pferden in verschiedenen (Jangarten aufzufassen. Dabei zeigte sieh 
dasselbe wie an den WEBEß'schen schematischen Zeichnungen, es 
kamen Bilder zum Vorschein, wie sie in Wirklichkeit Niemand ge- 
sehen zu haben glaubte. Auf Strassenscenen, Aufzüge u. d. in. ge- 
richtet, fing die Camera häufig Bilder von Menschen in ebenso 
wunderlichen Stellungen auf, wie die, welche die Gebrüder Weher 
ihnen aus theoretischen Gründen ertheilt hatten. Nicht anders \ er- 
hält es sieh mit den wunderbaren Reihen von Bildern eines fliegenden 
Vogels, welche Hr. Marev mittels seiner photographisehen Flinte er- 
zielt hat. 

Die Erklärung ist bekanntlich gewesen, dass, wenn ein Gegen- 
stand mit periodisch veränderlicher Geschwindigkeit sich bewegt, 
wir einen stärkeren und dauerhafteren Kindruck davon in t\vn Lagen 
erhalten, in welchen er länger verweilt, einen schwächeren und 
flüchtigeren in den Lagen, die er schnell durchläuft. Auch ohne dies 
Gesetz zu kennen, wird kein Maler die Schwarzwalder Uhr in einer 
Bauernstube mit senkrecht herabhängendem Pendel darstellen, da 
jeder Beschauer fragen würde, warum die Uhr stehe. Weil nämlich 
das Pendel, wenn es auf einer Seite ausgeschwungen hat und zur 
Umkehr sich anschickt, nothwendie einen Augenblick stillesteht. 



< »ffentlicl - Bi 3. Juli. 

sich uns diese abgelenkte Lage stärker ein. als die, wo das 
Pendel mit dem Maximum d tadigkeit durch seine Gleich- 

gewichtslage hindurchgeht. Ganz ebenso ist es mit den abwechselnd 
pendelnden Beinen des gehenden Menschen; in der Stelluni;-, wo er 
auf 1 iciden Beinen ruht, verharrt er länger als in jeder anderen, am 
kürzesten in der. wo das Spielbein am Standbein vorbeischwingt. 
I>ie letztere Stellung und die ihr benachbarten machen uns deshalb 
.ir keinen Eindruck, wir stellen uns einen gebenden 
Menschen vor. und der Maler stellt ihn demgemäss dar, in der 
Stellung, wo er zwischen zwei Schritten den Boden mit beiden 
Füssen berührt. 

Bei dein Schnelllauf des Pferdes ereignet sich aber noch etwas 
Besonderes. In wie dichtgedrängten Augenblicken man auch «las 
Pferd aufnehmen mag, nie erhält man das Bild eines wettrennenden 
oder jagenden Pferdes, wie es in den besonders aus England uns 
zukommenden und zur Zeit der Rennen und Hetzjagden an den 
Schaufenstern der Bilderläden ausgehängten Darstellungen zu sehen 
ist, und wie es uns selber beim Anblick so bewegter Pferde in die 
Augen fällt. Darin unterscheidet sich der Fall von dem am Menschen, 
wo unter den zufällig oder methodisch gewonnenen Bildern neben 
den mit blossem Auge, so zu sagen, nie gesehenen auch solche vor- 
kommen, welche dem gewohnten Anbück gehender Menschen ent> 
sprechen. Der Unterschied beruht darauf, dass am wettrennenden 
Pferde der Augenblick, in welchem die vorgestreckten Vorderbeine 
länger verweilen, nicht zusammenfällt mit dem. in welchem dies 
die nach hinten gestreckten Hinterbeine thun, sondern ihm um eine 
kleine Zeitgrösse voraufgeht. Dem Auge prägen sich diese beiden 
Lauen vorzugsweise ein und verschmelzen zu dem gewohnten Bilde 
des Wettrenners, die Augenblicksphotographie fasst ihr Nachein- 
ander auf. 

Eine illustrirte amerikanische Zeituns' brachte 1882 das Bild eines 
Jagdrennens mit Hindernissen, wo alle Pferde in lauter wirklichen, 
den Muybridge sehen Photographien entlehnten Stellungen erscheinen, 
wie nur die schnellempfindlicbe Platte sie sieht. Hr. Professor Eher 
in Wien hat uns in einer Schrift über Momentphotograpbie diese 
sinnreiche Skizze zugänglich gemacht, und ein mehr fremdartiger 
Anblick lä>>r sieh nicht denken. Hr. 1 Ittomar Anscbütz aber, welcher 
bei uns die Augenblicksphotographie mit besonderem Geschick hand- 
habt und dessen Thierstudien für den Thiermaler ein unschätzbarer 
Quell der Belehrune; sind, hat die stroboskopischen Scheiben in seinem 
'elektrischen Schnellseher' zu höchster Vollkommenheit gebracht, und 
mit diesem Apparat den Gedanken der Gebrüder Webeb verwirklicht, 



E. dd Bois-Reyi de. i 6< 

die gleichsam in Differentäalbildi gte periodische Bewegung wieder 

zum Gesammteindruck zu integriren. Nun sieht man Menschen und 
Pferde scheinbar wieder verständig gehen, laufen und springen; man 
sieh; den Speerwerfer in den verschiedenen Stadien seines gewalt- 
samen Schwunges, bis zuletzt das der Hand entflogene Geschoss 
noch im Bilde erscheint: denn es kann sieh nicht schneller bewegen 
als die Hand im Augenblick, wo sie es entl -- 

Auch auf im Sturm brandende Wellen ist die Augenblicksphoto- 
graphie, wie Jedermann weiss, mit überraschendstem E 
gewandt worden. Doch müsste bei Benutzung solcher Bilder der 
Seemaler nicht vergessen, dass unser Auge auch die Wellen nicht 
sehen vermag, wie die schnellempfindliche Platte, und da-s 
er dabei leicht in den Fall käme, uns von den Wellen ein in u r e- 
Beziehung - unrichtiges Bild vorzuführen, wie das der 

scheinbar stehenden Uhr oder des über seine Füsse stolpernden 
Menschen. 

übrigens hat Hr. von Brücke in einem besonderen Aufsatz die 

i entwickelt, die sich aus dem Allen für 'die Darstellung der 

Bewegung durch die bildenden Künste' ergeben, und. gleich den 

-en der Farbenstellung, von den Meistern stet- schon unbewusst 

gl wurden. Von der Photographie in natürlichen Farben, von 
der Künstler und Laien noch immer träumen und Grosses hoffen, ist 
leider nicht bloss für die nächste Folgezeit, sondern aus theoretis 
Gründen, welche die Erfahrung schwerlich Lügen strafen wird, auch 
für alle Zukunfl - , wie nichts zu erwarten. 

Sollte man es nun aber für möglich halten, da-s es nicht 2 
überflüssig erscheinen könne, liier auch noch von dem Nutzen zu 
sprechen, den da» Studium der Anatomie dem Künstler gewährt? 
Hat denn nicht der Borghesische Fechter dazu gefuhrt, anatomische 
Mysterien der griechischen Künstler zu vermuthen, als das einzige 
Mittel, wodurch eine so vollkommene Nachbildung des naekten männ- 
lichen Körpers habe erreicht werden können? Hat nicht Michelai 
durch jahrelange anatomische Studien sich die ausreichende Ken 
für die unerhörte Kühnheit seiner Körperstellungen und Verkürzungen 
erworben? Sind nicht überall, wo die Kunst einer geordneten Pflege 
a-eniesst. staatlicherseits Veranstaltungen getroffen, um den Jüngern 
der Kunst Gelegenheit zu geben, an der Leiche sich den Blick zu 
schärfen für das was sie am Lebenden unter der Haut sehen lernen 
sollen? Sind nicht hier in Berlin nacheinander drei spätere Mitglieder 
dieser Akademie mit diesem Lehrauftrage betrau ? Endlich 

besitzen wir nicht vortreffliche, für den Gebrauch von Künstlern 
eigens bearbeitete Lehrbücher der Anatomie? 



768 Öffentliche Sitzung rom 3. Juli. 

Allein der angesehenste englische Kunstschriftsteller unserer Tage, 
der einen gesetzgeberischen 'Ton anstimmt wie kein Lessing, und der 
in seinem Vaterlande wie ein Lessing Verehrung und Ruhm geniesst, 
Mr. RisKiN, untersagt in seinen, an der Kunstschule zu Oxford ge- 
haltenen Vorlesungen 'über das Verhältniss der Naturwissenschaft zur 
Kunst' seinen Schülern ausdrücklich die Beschäftigung mit Anatomie. 
Gleich in der Vorrede beklagt er den verderblichen Einiluss, den die 
Anatomie auf Mantegna und Düeeb geübl habe, im Gegensatz zu 
Botticelli und Holbein, die sich davon frei gehalten hätten. »Das 
Studium der Anatomie«, sagl er später wörtlich, "ist zerstörend für 
»die Kunst, es ist nicht bloss hindernd, sondern auch entwürdigend«; 
es führe dazu, dass der Maler, wie es Düreb begegnet sei, im Gesichte 
nur noch den Schädel sehe und abbilde. Der Künstler »soll sich von 
»Thieren "jede mögliche Vorstellung bilden, nur eine nicht, die des 
»Fleischers. Er darf nie an sie als aus Knochen und Fleisch bestehend 
»denken.« 

Es wäre Vergeudung von Zeit und Mühe, solche Irrlehre zurück- 
weisen, ausführlich darlegen zu wollen, welche unentbehrliche Stütze der 
Künstler überall in der Anatomie findet, ohne welche er wie im Nebel 
tappt. Es ist ganz schön sich auf sein Auge zu verlassen, aber 
doch noch besser begriffen zu haben, beispielsweise worin das weih- 
liche Skelet vom männlichen sich unterscheidet; weshalb bei ge- 
strecktem Beine die Kniescheibe der Richtung des Fasses folgt, bei 
gebeugtem Beine nicht; weshalb hei supinirter Hand die Seitenansicht 
des Oberarmes eine verschiedene wird von der in der Pronation; 
weshalb die Falten und Kunzein der Gesichtshaul wegen der darunter 
liegenden .Muskeln gerade so und nicht anders verlauten. Der 
CAMPER'sche Gesichtswinkel, wenn auch für höhere Zwecke durch 
Hrn. Vibchow's Sattelwinkel entthront, eröffnet doch eine Fülle der 
werthvollsten Einsichten. Wie ohne Kenntniss des Schädels eine 
Stirn richtig modellirt, eine Stirnbildung wie die des Jupiters von 
Otricoli oder <\cs Hermes verstanden werden könne, ist unfassbar. 
Endlich ein bischen vergleichende Anatomie schützt vor solchen 
Feldern wie, was einem hochherühmten Meister begegnete, einem 
Pferde durch Knickung des Oberschenkels ein Gelenk zuviel in seinem 
Hinterbeine zu machen, oder, wie man es an der Fontaine Cuvier 
beim Jardin des plantes zum ewigen Spott der Naturforscher sieht, 
ein Krokodil seinen steifen Hals soweit zurückbiegen zu lassen, dass 
die Schnauze die Weiche des Thieres berührt. 

Man staunt allerdings weniger über Mr. Ruskin's Urtheil, wenn 
man erfährt, dass er auch das Studium des Nackten mit dem gleichen 
Bann belegt, wie das der Anatomie. Es solle sich nicht weiter 



E. di Bois Ri i «o i' : I estrede. i 69 

erstrecken, als Gesundheit, Sitte und Anstand die Entblössung des 
Körpers gestatten, wodurch freilich der Nutzen der Anatomie etwas 
eingeschränkt wird. Es ist nur gut, dass Anstand. Sitte und Ge- 
sundheit bei den Hellenen in dieser Beziehung mehr Freiheit zu- 
liessen, als in England. Glücklicherweise hat uns die Englische 
Abtheilung der Jubelausstellung vor vier Jahren Gelegenheil gegeben 
uns zu überzeugen, dass Mi'. Ruskin's gefährliche Paradoxien noch 
nicht durchgedrungen sind, und sie über Mr. Alma Tadema's und 
Dil'. Heekomee's herrlichen Gaben zu vergessen. Mr. Walter Ceane's 
köstliche Bilderreihen, die Zierde unseres Büchertisches, sind wohl 
auch nicht ohne einige Auflehnung gegen Mr. Ruskin's wunderliche 
Doctrin entstanden. 

In denselben Vorlesungen erhebt sieh Mr. Ruskin mit äusserster 
Heftigkeit gegen die Descendenz- und Selectionstheorie , und gegen 
den darauf gestützten Tadel der künstlerischen Gebilde, welche 
Wirbelthiere mit mehr als vier Extremitäten vorstellen. Er sagt: 
«Ist ein mehr willkürliches oder mehr der Begründung entbehrendes 
»Gesetz denkbar? Wie stark auf drei Füssen stehende Thiere könnte 
»es gegeben haben! wie symmetrisch strahlende fünffüssige! wie sechs- 
»flüglig beschwingte! wie vorsichtig aus sieben Köpfen um sich 
»schauende! Wäre der Darwinismus wahr gewesen, so hätten wir 
»Menschen längst mit unserem thörichten Denken uns statt Eines 
»Kopfes deren zwei angeschafft, oder über unserem sehnsüchtigen 
»Herzen hundert begehrliche Arme und zugreifende Hände ausgestreckt, 
»und uns in Briareische Cephalopoden verwandelt.« 

Es ist danach klar, dass dieser falsche Prophet keine Ahnung 
von dem hat. was wir in der Biontologie einen Typus nennen. Kann 
es nöthig sein, es Sir Richard Owen's und Prof. HrxLEv's Lands- 
mann vorzuhalten: Jedes Wirbelthier hat zur Grundlage seines 
Körpers, daher es so heisst. eine Wirbelsäule, vorn zum Schädel 
sich entfaltend, hinten zum Schwänze verkümmernd: vorn und hinten 
umgeben von zwei Ringen, dem Schulter- und dem Beckengürtel, 
von welchen die vorderen und hinteren Extremitäten, gesetzmässig 
gegliedert, herabhängen. Dass die Palaeontologie nie eine Wirbel- 
thierform aufgedeckt hat. welche aus diesem Typus sich entfernte, 
ist gerade ein schlagender Grund für die Abstammungslehre und 
gegen die Annahme wiederholter Neuschöpfungen; denn es ist nicht 
einzusehen, weshalb eine frei schaffende Macht sich solche Be- 
schränkung sollte auferlegt haben. So wenig weicht Natur von dem 
einmal gegebenen Typus ab, dass die Teratologie sogar die Miss- 
geburten darauf zurückführt. Nicht diese sind wahre Monstra; nicht 
einmal die mit nur Einem Auge mitten in der Stirne, in welchen Ht.Exneb 

Sitzungsberichte 1890. 65 



7 i Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

das Urbild der Kyklopen sucht, da denn Flaxman sicher mit Un- 
recht dem Polyphem drei Augen, nämlich neben den beiden nor- 
malen noch ein drittes in der Stirne, zuertheilt hat. Sündern wahre 
Monstra sind die in der Jugend der Kunst von einer ungezügelten 
Einbildungskraft erfundenen, ursprünglich aus dem Orient stammenden 
Flügelgesta'lten : die Stiere von Nimrüd. die Harpyien, der Pegasus, 
die Sphinx, der Greif; die Artemis, die Psyche, die Victorien, der 
Notos vom Windethurm, die Engel des semitisch -christlichen Vor- 
stellungskreises. Das dritte Paar Extremitäten (bei liesekiel kommt 
sogar ein viertes vor) ist nicht, allein paratypisch, sondern auch mecha- 
nisch sinnlos, da es an Muskeln zu ihrer Bewegung fehlt. Mit glück- 
lichem Tacte hat Schillee im Kampf mit dem Drachen es vermieden, 
das Ungeheuer mit den üblichen Flügeln auszustatten, welchem dann 
Retzsch in seinen Umrissen eine vergleichend anatomisch immerhin 
so mögliche Gestalt ertheilte, dass man den Plesiosaurus oder den 
Zeuglodon wiedergekehrt und zum Landthier geworden vor sich zu 
halien meint. 

An die Flügelgestalten schliessen sich, als ähnliche Greuel, die 
Kentauren mit zwei Brust- und Bauchhöhlen und doppelten Einge- 
weiden, der Kerberos und die Hydra mit einer Mehrzahl von Köpfen 
auf mehrfacher Halswirbelsäule, die warmblütigen Hippokampen und 
Tritonen. deren Körper, ohne hintere Extremitäten, als kaltblütiger 
Fisch endet, woran schon Hobaz Anstoss nahm. Eher sind noch zu 
dulden die bocksfüssigen Faunen, deren Hörner, spitze Ohren und 
Hute unser Teufel geerbt hat, dessen Drohungen deshalb, in Franz 
von Kobell's witzigem Apolog, Cuviek als die eines harmlosen Pflanzen- 
fressers ^ erspottet. 

Es ist ein sein- merkwürdiges Beispiel der Biegsamkeil unseres 
Schönheitssinnes, dass wir, auch getränkt mit den Grundsätzen der 
vergleichenden Anatomie, durch einige unter diesen Missgeschöpfen, 
wie die Flügelgestalten der Nike, der Engel, unser Auge nicht 
mehr beleidigt fühlen, und es wäre vielleicht pedantisch, jedenfalls 
wohl aussichtslos , den Künstlern diese althergebrachten, mehr sinn- 
bildlichen Darstellungen untersagen zu wollen, von denen übrigens 
die grössten Meister der besten Zeiten nur einen sehr bescheidenen 
Gebrauch gemacht halien. Doch hat solche Duldung ihre Grenzen. Die 
Giganten in unserer Gigantomachie , welche auf Schlangen stehen. 
in welche ihre Oberschenkel auf ballier Länge sich verwandeln, also, 
statt auf zwei Beinen, auf zwei in Köpfen auslaufende Wirbelsäulen, 
mit besonderem Gehirn, Rückenmark, Herzen. Lungen und Darm- 
kanal — sie sind und bleiben dem morphologisch gebildeten Aut^v ein 
unerträglicher Anblick, und liefern den Beweis, dass, wenn die 



E. di Bois-Reymond: Festrede. 771 

Pergamenischen Bildhauer an technischem Vermögen ihre Vorgänger 
in der Perikleischen Zeil übertrafen, sie an künstlerischem Fein- 
gefühl hinter ihnen zurückstanden. Sie waren indess zu entschuldigen, 
sofern Überlieferung .sie band, die Giganten durch Schlangenbeine 
zu kennzeichnen. Die Hippokampen und Tritonen mit Pferdebeinen, 
welche das Geländer unserer Schlossbrücke verunzieren, rühren her 
aus einer Zeit, wo die Antike noch uneingeschränkt herrschte, und 
die morphologischen Anschauungen noch nicht so zum Gemeingui ge- 
worden waren, wie sie es heule sein könnten und müssten; und des- 
halb sei Schinkel, der ja wohl jenes Geländer entworfen hat, ver- 
ziehen. Was uns alier im Innersten empört, das ist, wenn ein 
gefeierter Maler der Gegenwart solche Unholde und Unholdinnen, vom 
Unterleib ab als fette silberglänzende Lachse gestaltet, die Nath 
zwischen Menschenhaut und Schuppenkleid irgendwie spärlich be- 
mäntelnd, crass realistisch auf Klippen sich rekeln oder in di'r See 
umherplätschern lässt. Die Menge staunt solche blauen Meerwunder 
als geniale Schöpfungen an; welch ein Genie muss dann erst der 
Höllen -Bkeughel gewesen sein. 

Sonderbar genug: die Urmenschen in den Höhlen des Perigord, 
Zeitgenossen des Mammuths und des Bisamochsen in Frankreich, die 
Buschmänner, deren Malereien Hr. Fritsch entdeckte, haben nur ihnen 
bekannte Thiergestalten möglichst naturgetreu abgebildet, während die 
vergleichsweise so hoch civilisirten Azteken in scheusslichen Er- 
findungen Alles Orientalische weit hinter sich Hessen. Fast scheint 
es als ob zum Ungeschmack eint" gewisse mittlere Bildung gehöre. 

Vielleicht, wird man nun den Naturforscher eines Mangels an 
Folgerichtigkeit zeihen, wenn er in einer anderen Richtung auf Beach- 
tung vim Naturgesetzen in der bildenden Kunst gern verzichtet. Die 
tausend schwebenden und fliegenden Gestalten in den Kunstwerken alter 
und neuer Zeit freveln unzweifelhaft ebensosehr gegen das allgewal- 
tige, lief empfundene Gesetz der Schwere, Wie das greulichste Geschöpf 
entarteter Phantasie gegen die nur in wenigen Eingeweihten lebendigen 
Grundgesetze der vergleichenden Anatomie. Und doch stossen wir uns 
nicht daran, die Sixtinische Madonna auf Wolken stehen, die Neben- 
figuren auf diesem unmöglichen Hoden knien zu sehen. Das Gesicht des 
Hesekiel im Palast Pitti ist minder ansprechend; dagegen der Zug der den 
Troern zu Hülfe eilenden Götter bei Flaxman, Cornelius' apokalyptische 
Reiter. Aky Scheffer's göttliche Francesca di Rimini. mit welcher 
Gustave Dore den aussichtslosen Wettkampf aufnehmen musste, uns 
zur reinsten Bewunderung hinreissen. Wir stossen uns sogar nicht 
daran, bei Flaxman Schlaf und Tod den Leichnam des Sarpedon 
durch die Lüfte tragen zu sehen. 

65 * 



772 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

Hr. Exner hat schon in einem Vortrage über 'die Physiologie 
des Fliegens und Schwebens in den bildenden Künsten' die Frage zu 
beantworten versucht, weshalb uns diese Darstellungen unmöglicher, 
nie gesehener Zustände von Menschen und Thieren so vertraut und 
natürlich erscheinen. Ich kann nicht sagen, dass die Lösung, bei 
welcher er mit Vorliebe stehen bleibt, mir besonders zusagt. Er 
meint, dass wir beim Schwimmen Ähnliches erfahren, und beim 
Tauchen (auch ohne Hrn. Hirschberg's coneave Luftbrille) an über 
uns Schwimmenden Ähnliches sehen. Erwägt man. seit wie kurzer 
Zeit das Schwimmen bei der Europäischen Menschheit in weiteren 
Kreisen verbreitet ist, vollends von unseren Damen geübl wird, denen 
die schwebenden Gestalten nicht minder gefallen, so erweckt schon 
dies Zweifel an Hrn. Exner's Erklärung. Es wäre doch etwas be- 
denklich, im Sinne Darwjn's auf eine aus der Fischzeit des Menschen 
herstammende, atavistische Empfindungsweise sich zu berufen. Besser 
gefiele mir schon Hrn. Exner's Bemerkung, auf die ich selber ver- 
fallen war. dass wir unter besonders günstigen körperlichen Um- 
ständen im Traum zuweilen die beseligende Täuschuni;- des Schwebens 
und Fliegens haben. Auch 

ist es jedem eingeboren, 

Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt, 

Wenn über uns. im blauen Raum verloren 

Ihr schmetternd Lied die Lerche singt, 

Wenn über schroffen Fichtenhöhen 

Der \.l!ci- ausgebreitel schwebt, 

Und filier Flächen, über Seen 

Der Kranich nach der Heimatb strebt. 

Wer möchte nicht mit Faust der sinkenden Sonne nach- und 
immer nachstreben und im ewigen Abendstrahl die stille Welt zu 
seinen Füssen sehen? Aber was wir gerne mögen, davon hören wir 
auch gern im Liede und sehen es gern im Bilde uns vor Augen ge- 
stellt. Der Lust an dem Aufsteigen in den Aether, an Himmelfahrten 
und ähnlichen Darstellungen , kommt dann noch zu Hülfe der uralte 
Wahn der Menschheit von den himmlischen Wohnungen der Seligen 
hoch über uns im Sternenzelt, welchem zwar Giordano Bruno ein 
Ende gemachl hat. aber doch nicht so gründlich, dass wir in jedem 
Augenblick uns erinnern, wie übel ein Auffahren in den unendlichen, 
luftleeren, eisigen Baum uns bekommen würde, wo selbst ein Adler 
erst nach Jahren auf einem Weltkörper von zweifelhafter Bewohn- 
barkeil landen könnte. 

Was vermag nun wohl umgekehrt die bildende Kunst für die 
Naturwissenschaft als Entgell für so viele und mannigfaltige Dienste? 
Sieht man ab von so äusserlichen Dingen wie Abbildung der Natur- 



E. di Bors - 1 v i i «ond : Festrede. i i 3 

gegenstände, so bietel sich nicht viel Anderes dar, als die Rück- 
wirkung der Erfahrungen der Maler über Mischung und Zusammen- 
stellung der Farben auf die Farbenlehre, welche indess an Bedeutung 
nicht vergleichbar ist der der Musik auf die Akustik. Doch wäre 
noch zu sagen, dass die dem Polykxet zugeschriebene Lehre von den 
Proportionen des menschlichen Körpers, die zum Nachtheil der alten 
Kunst nur den Erwachsenen berücksichtigte, neuerlich zur natürlichen 
Grundlage eines vielversprechenden Zweiges der Anthropologie, der 
Anthropometrie in ihrer Anwendung auf die Menschenrassen, ge- 
worden ist. 

Dehnt man den Begriff der Kunst weiter aus bis zu dem des 
künstlerischen Denkens und Schaffens überhaupt, so fehlt es freilich 
nicht an Verwandschafl und Übergängen /.wischen Künstler und 
Forscher, wie weit auch nach dem Eingangs Gesagten ihre Pfade 
sonst auseinandergehen. Doch ist nicht gewiss, dass der Natur- 
forschung künstlerische Auffassung ihrer Aufgaben überall zum Segen 
gereiche. Die unter dem Namen der Natmphilosophie bekannte Ver- 
irrung der deutschen Wissenschaft am Anfange des Jahidiunderts 
war ebenso sehr aesthetischen wie metaphysischen Ursprungs, und 
auch Goethe's naturwissenschaftliche Bestrebungen Latten denselben 
Hintergrund. Diese künstlerische Auffassung der Naturprobleme fehlt 
darin, dass sie sich damit begnügt, bei schön abgerundeten Bildern 
stehen zu bleiben, und nicht weiter zum ursächlichen Zusammen- 
bange des Geschehens, zur Grenze unseres Verstehens durchdringt. 
Sie reicht allenfalls ans. wo es sich darum handelt, mit plastischer 
Phantasie Analogien organischer Formen zu erkennen, wie des Pflanzen- 
baues oder des Wirbelthierskelets ; sie kommt zu kurz, wo sie, wie 
in der Farbenlehre, anstatt mathematisch -physikalisch zu zergliedern, 
sich am Betrachten vermeintlicher Urphaenomene genug sein lässt. 
Es war Hrn. von Brücke vorbehalten, die Farben trüber Medien, auf 
welche Goethe seine Karbeidehre gründete, und die in manchen 
deutschen Köpfen bis auf den heutigen Tag Trübe statt Helle ver- 
breiteten, an der Hand der Undulationstheorie auf ihren physi- 
kalischen Grund zurückzuführen, worin der Unterschied zwischen 
künstlerischer und wissenschaftlicher Behandlung klar hervortritt. 

Damit soll jedoch nicht gesagt sein, dass nicht künstlerischer 
Sinn auch dem theoretischen Naturforscher von Nutzen sein könne. 
Ks giebt eine Aesthetik des Versuches, welche danach strebt, einer 
experimentellen Anordnung mechanische Schönheit in dem oben 
bestimmten Sinne zu ertheilen, und nie wird ein Experimentator 
bereuen, ihren Forderungen nach Möglichkeit entsprochen zn haben. 
An der Grenze der litterarischen und der naturwissenschaftlichen 



774 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

Culturperiode einer Nation entspringt sodann dorn Einfluss des 
schwindenden und dem dos aufgehenden Genius zuerst das Bestreben 
zu schöner Darstellung der Naturerscheinungen, wie in Frankreich 
Buffon und Bernahdin de Saint-Pierre, bei uns Alexander von 
Humboldt zeigen, in welchem diese Neigung bis in sein höchstes 
Alter lebendig blieb. In der Folge klärt sich diese nicht unbedenk- 
liche Mischung der Stile dahin ah. dass sinnreich geschmückte Dar- 
stellung dem gemeinfasslichen Vortrage erhalten bleibt, während der 
Gang und die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung nur 
noch eine Schönheit, beanspruchen, die auf litterarischem Gebiet der 
mechanischen Schönheit entspricht. In diesem Sinne kann, wie ich 
einmal liier sagte und als wünschenswerthes Ziel hinstellte, eine streng 
wissenschaftliehe Abhandlung in geschmackvoller Hand zu einem Kunst- 
werk werden wie eine Novelle. Darin das Vollkommene zu erstreben 
wird dem Naturforscher gleichfalls die Mühe lohnen, sofern es das 
beste Mittel abgiebt, die lückenlose Richtigkeit der eine Summe von 
Erfahrungen zusammenlassenden Gedankenreihe zu erproben. 

Und an Beispielen von dieser Art von Schönheit, welche dem 
Talent oft ungesucht und unbewusst in die Feder fliesst, wird denn 
auch wohl bei Leibniz kein Mangel sein. 



Im Anschluss an die Festrede berichtete Hr. Zelleb über die 
Vollendung der akademischen Ausgabe von Leibniz' philosophischen 

Schriften. 

Die Ausgabe der philosophischen Schriften von Leibniz, welche 
seit 1875 im Verlage der Weidmann'schen Buchhandlung erscheint, 
ist so eben mit ihrem siebenten Bande zum Abschluss gelangt. Durch 
dieses Unternehmen, dem das correspondirende Mitglied unserer Aka- 
demie. Hr. Gerhardt in Eisleben, seit mehr als zwanzig Jahren eine 
hingehende und erfolgreiche Arbeit gewidmet hat, ist dem Begründer 
der deutschen Philosophie, welcher zugleich der unserer Akademie ist, 
mit Unterstützung der letzteren ein seiner würdiges Denkmal gesetzt 
worden. Denn diese Ausgabe seiner philosophischen Schriften zeichnet 
sich vor allen früheren nicht allein durch ihre vortreffliche äussere 
Ausstattung, sondern auch durch die Vollständigkeit und Urkund- 
lichkeit aus, welche dem Herausgeber durch die sorgfältige Ver- 
gleichung des in Hannover aufbewahrten LEiBNizischen Nachlasses zu 
erreichen gelungen ist. Die drei ersten Bände, zu denen der siebente 
wert livolle Nachträge bringt, enthalten den Briefwechsel, den Leibniz 



Berichl über die pliilosoph. Schriften \<m Leibniz. — Engler: Antrittsrede. i i ■> 

während eines halben Jahrhunderts nicht blos mit zahlreichen Gelehrten, 
sondern auch mit andern Personen (wie der Herzog Johann Frieorich 
von Braunschweig -Lüneburg, Kurfürstin Sophie von Hannover, Königin 
Charlotte von Preussenj Lady Masham) über philosophische oder 
mit der Philosophie in Verbindung stellende Fragen geführt hat. 
Die drei folgenden Bände und der grössere Theil des siebenten bringen 
nicht blos einen vielfach verbesserten Neudruck der schon früher ver- 
öffentlichten philosophischen Arbeiten, sondern sie verbinden damit eine 
Anzahl von Aufzeichnungen, Abhandlungen und Entwürfen, welche 
bisher unbekannt an manchen Punkten auf die Entwicklung der Ge- 
danken, in denen das LEiBNizische System sieh bewegt, ein schärferes 
Licht zu werfen geeignel sind. Wir bezweifeln daher nicht, dass die 
nunmehr vollendete neue Ausgabe dieser Schriften allen denen, welche 
den grossen deutschen Philosophen genauer kennen lernen wollen, in 
hohem Grade willkommen sein wird. 



Darauf hielt Hr. Englee folgende Antrittsrede: 

Zum dritten Mal in meinem Leben das Amt meines leider so 
früh im besten Mannesalter dahingeschiedenen Freundes Eichler über- 
nehmend, bin ich nun auch der Ehre für würdig erachtet worden, 
an seiner Stelle in diese hohe Körperschaft einzutreten. Gestatten 
Sie mir, Ihnen nicht nur für die mir persönlich zu Theil gewordene 
Ehre meinen tiefgefühlten Dank auszusprechen, sondern auch dafür. 
dass Sie dem Vertreter der sogenannten systematischen Botanik und 
Pflanzengeographie einen Platz gönnen unter Männern, welche die 
Lösung der höchsten wissenschaftlichen Probleme zu ihrer Lebens- 
aufgabe gemacht haben. Es sei mir daher erlaubt, in Verbindung 
mit dem dei' akademischen Sitte gemäss zu erstattenden Berieht über 
meine eigene wissenschaftliche Thätigkeit Ihren Blick auch hinzulenken 
auf die gegenwärtigen Aufgaben der von mir vertretenen botanischen 
Disciplinen. 

Der Beginn meiner wissenschaftlichen Thätigkeit fiel in eine Zeit, 
zu welcher glanzvolle Entdeckungen auf dem Gebiet der Entwickelungs- 
geschichte und die Resultate scharfsinniger Forschungen auf dem Ge- 
biet der Pflanzenphysiologie das Interesse an den Formen der höheren 
Pflanzen theilweise zurückdrängten, andererseits jedoch Darwin's 
Theorieen und Beobachtungen in der Anschauung derselben viellach 
neue Bahnen eröffneten. -- Als einen wesentlichen V ortheil darf ich 
es ansidien, dass ich frühzeitig an monographische Untersuchungen 



776 Öffentliche Sitzung vom 3. .tuli. 

herantral und hierbei die feste Überzeugung gewann, dass das an 
und luv sich nicht gerade sein- erquickliche Studium der zahlreichen 
Formen eines Typus schliesslich doch auch Resultate von allgemeiner 
Bedeutung ergiebt, sobald man nicht bloss die Unterscheidung und 
Beschreibung der Formen, sondern die Ermittelung ihrer gegenseitigen 
Beziehungen und der natürlichen Verwandtschaftskreise zum Zweck der 
Untersuchung macht. — Die monographische Bearbeitung der Saxi- 
fragen führte mich zu der Erkenntniss, dass in den Gebirgssystemen 
der nördlich gemässigten Zone verschiedene Formenkreise einer Gattung 
sich unabhängig von einander entwickelt hatten, und dass während 
sowie unmittelbar nach der Glacialperiode zwischen den einzelnen 
Gebirgssystemen ein Austausch der Formen erfolgt war. — Als ich 
dann mehrere grössere, vorzugsweise in den Tropen entwickelte 
Familien bearbeitete, richtete ich auch bei diesen mein Augenmerk 
auf die Beziehungen der einzelnen Vegetationsgebiete zu einander und 
auf ihre Umgrenzung. 

Sollte aber von den in den einzelnen Florengebieten vertretenen 
Formenkreisen auf die Beziehungen der Gebiete zu einander geschlossen 
werden, dann war es auch nothwendig, die Verwandtschaft der Formen 
mit allen nur anwendbaren Mitteln restzustellen. Lange Zeit versuchte 
man dies nur mit Berücksichtigung der äusserlich hervortretenden 
Merkmale. Anatoinische Eigentümlichkeiten wurden trotz der umfang- 
reichen Arbeiten der Pflanzenanatomen von anderen Botanikern nur 
wenig beachtet, höchstens von Pharmakognosten und Phytopalaeonto- 
Logen, wenn sie die von ihnen studirten Pflanzenfragmente nicht 
anderweitig charakterisiren konnten: dagegen konnte man sich nicht 
entschliessen , anatomische Merkmale bei der Charakterisirung ganzer 
Verwand Isehal'tskreise zu verwerthen. zumal auch häufig äussere Gründe, 
namentlich der Zustand des Materiales, die Durchführung der ver- 
gleichend-anatomischen Untersuchung erschwerten. — Während ein 
grosser Theil der Anatomen gar kein Interesse daran hatte, die 
anatomischen Thatsachen für die Systematik zu verwerthen. strebten 
andere dieses Ziel zwar an. waren aber enttäuscht, wenn die auf 
anatomischer Grundlage basirende Eintheilung einer Pflanzengruppe 
mit der oft sehr künstlichen der Systematiker nicht übereinstimmte. 
— So wurde es bei der Mehrzahl der Botaniker Axiom, dass der 
anatomische Bau lediglich zu den Existenzbedingungen in Beziehung 
stehe und für die systematische Gruppirung nicht von Belang sei. 
Es darf alter nicht unerwähnt bleiben, dass schon im Jahre [856 
Weddell bei den Urticaceen , im Jahre 1865 Milde bei den Equisetaceen 
anatomische Merkmale zur systematischen Gruppirung mit Erfolg ver- 
wendeten. Seil ['872 beschäftigte auch ich mich mit mehreren umfang- 



Engler : Antritts] i 7 i 

reichen Familien, bei denen der Werth histologischer Verhältnisse sich 
deutlich herausteilte. Ich kam zu dem Resultat, dass die nahe ver- 
wandten Rutaceen, Burseraceen und Simarubaceen sieh durch anato- 
mische Merkmale scharf gegen einander abgrenzen, dass andererseits 
innerhalb der Araceen anatomische Eigentümlichkeiten die engeren 
Verwandtschaftskreise in erster Linie charakterisiren ; ich konnte dar- 
thun, dass die auffallenden Verschiedenheiten im Blüthenbau, welche 
bei anatomisch gut charakterisirten Gruppen häufig hervortreten, nur 
verschiedene Stufen eines Gestaltungsprozesses darstellen, der zumeist 
auf Reduction, auf Vereinfachung des Blüthenapparates beruht. 

Nachdem ich auch bei den Bearbeitungen der wärmeren Zonen 
Angehörigen Pflanzen erkannt hatte, dass vielfach ganze Verwandt- 
schaftskreise auf einzelne grössere, geographisch gut begrenzte Ge- 
biete beschränkt sind, andere aber in gegenwärtig getrennten Gebieten 
auftreten, welche vordem in engerem Zusammenhange standen; — 
nachdem ich erkannt hatte, dass trotz der grossen Bedeutung des 
Klimas für den physiognomischen Charakter der Florengebiete oft in 
physiognomiseh vollkommen übereinstimmenden Gebieten die Floren- 
bestandtheile völlig verschieden sind, und dass anderseits oft in 
physiognomiseh recht verschiedenen, aber benachbarten Gebieten syste- 
matisch zusammengehörige Formenkreise gleichzeitig vertreten sind: 
da drängte es mich, die Entwickelungsgeschichte der gegenwär- 
tigen Pflanzenverbreitung im Zusammenhang mit den jüngeren geolo- 
gischen Veränderungen unserer Erdoberfläche zu studiren. Selbst- 
verständlich musste ich hierzu die Arbeiten zahlreicher Forscher zu 
Rathe ziehen; namentlich waren es die Arbeiten Alphonse de Candolle s, 
Sir Joseph Hooker's, sowie auch die nicht ohne Vorsicht zu benutzen- 
den Angaben der Phytopalaeontologen, welche für derartige Unter- 
suchungen eine wesentliche Gründlage bildeten. Auch darf ich nicht 
unerwähnt lassen, dass gerade für diese Forschungen die bisweilen 
etwas unterschätzten Arbeiten der Floristen, auch wenn diese noch 
nicht das Entwickelungsgeschichtliche der Pflanzenverbreitung im Auge 
hatten, nicht zu entbehren sind. Das beste Rüstzeug aber für pflanzen- 
geschichtliche Forschungen sind gründliche Monographieen von (Gat- 
tungen und Familien, welche über einen grösseren Theil der Erde 
verbreitet sind. 

Die hier angedeuteten Ziele der systematischen und pflanzen- 
geographischen Forschung werden jetzt von nicht wenigen Botanikern 
verfolgt; namentlich hat sich eine rege Thätigkeit in der Verwendung 
der histologischen Merkmale für die Ermittelung natürlicher Ver- 
wandtschaftsgruppen entwickelt. Dass auch hierbei bisweilen Fehl- 
schlüsse gemachl werden, ist gewiss; aber trotzdem ist unbestreitbar. 



77S Öffentliche Sitzung vom 3. Jnli. 

dass diese Methode zur Vertiefung des systematischen Studiums er- 
heblich beiträgt. Auch ist durch die von meinem verehrten Collegen 
Schwendener begründet c Erforschung der physiologischen Bedeutung 
einzelner Gewebesysteme dafür gesorgt, dass einseitige Auffassungen 
sieh nicht (lauernd einwurzeln. 

Indem ich hoffe, dass die erwähnten Ziele und Methoden der 
systematischen und pflanzengeographischen Forschung auch von dieser 
Körperschaft, der ich nun anzugehören die Ehre habe, gebilligt 
werden, glaube ich auch zugleich als berechtigte Aufgabe meiner 
akademischen Verwaltungsthätigkeit die fortdauernde Vermehrung 
unserer botanischen Sammlungen neben ihre wissenschaftliche Aus- 
nutzung hinstellen zu müssen. Für die vergleichend- anatomischen 
Untersuchungen ist es nothwendig, auch solche Pflanzen in unseren 
Gärten zu eultiviren, welche nur selten zur Blüthe kommen; und 
für pflanzengeographische Arbeiten, wie ich sie vorher angedeutet 
halie. wird das botanische Museum stets das unerlässliche Material 
liefern, zu dessen Vervollständigung wir jetzt um so mehr ver- 
pflichtet sind, als grosse, botanisch noch völlig unerforschte Gebiete 
nunmehr von Deutschen nach allen Richtungen hin durchreist werden. 



Der Vorsitzende, als Secretar der physikalisch -mathematischen 
(lasse für die physikalischen Wissenschaften, antwortete Hrn. Engler: 

Ein eigenes Verhängniss, Hr. Engler. hat über die jetzt von 
Ihnen eingenommene Stelle eines systematischen Botanikers in der 
Akademie gewaltet. Dreimal schon sah ich sie leer werden, und 
dies ist das zweite Mal, dass ich berufen hin, den, der sie ausfüllt, 
an dieser Stelle feierlich zu begrüssen. 

Als ich vor fast vier Jahrzehnden Mitglied der Akademie ward, 
waren Link und Kuntii eben gestorben, und wurden durch Alexander 
Braun und Klotzscii ersetzt, auf deren Antrittsreden am Leibniztage 
1852 Ehrenberg antwortete. Es liest sieh heute merkwürdig, wie 
er es damals für nöthig hielt, für Linne in die Schranken zu treten 
und dessen künstliche Methode in Schutz zu nehmen; wie er mit 
sichtlicher Vorliebe Klotzsch's systematische Thätigkeit preist, da- 
gegen Bratjn's wohl von seiner Jugendzeit her noch etwas natur- 
philosophisch angehauchte 'Verjüngung der Pflanze' mit Stillschweigen 
übergeht. 

Klotzsch starb schon [860, und siebzehn Jahre lang wäre die 
Botanik in der Akademie glänzend zwar. al>er doch nur nach Einer 



E. du Bois-Reymond : Antwort an Hm, E glei 7 i 9 

Richtung, durch Bhatjn vertreten gewesen, hätte aichi eine seltene 
Gunst des Geschicks uns auf aussergewöhnlichem Wege den seharf- 
sinnigen Forscher geschenkt, der gerade bei den niedersten unter 
Linne's Pflanzen mit verborgener Hochzeit, bei den Algen, den Vor- 
gang der Befruchtung zuerst mit leiblichem Auge belauschte, und 
seitdem dem tiefsten Probleme des Stoffwechsels, dem Wiederaufbau 
der organischen Materie in den grünen Pflanzen theilen , seine Be- 
mühungen zuwandte. 

Mittlerweile hatte sieh über die Systematik im Thier- und 
Pflanzenreiche die mächtige Woge des ÜAKWiN'schen Gedankens er- 
gossen, sie hatte die Trümmer des Alten, vielleicht mehr als zu 
wünschen, fortgespült, und eine Fülle neuer Fragen aufgeworfen. In 
der allgemeinen Umwälzung war von den früheren Gegensätzen keine 
Rede mehr; selbst die von Schleiden etwas gewaltsam angebahnte 
Reform erschien über Nacht wie veraltet. Nach Bkaun's Tode 1*77 
fand eine Neugestaltung des botanischen Unterrichtes bei der Uni- 
versität statt. Nach dem altbewährten Schema, wie einst, Link und 
Kuxtii. wurden Hr. Schwendener für allgemeine Botanik, Eichler 
für Systematik berufen und auch in die Akademie aufgenommen. 
Damals, an diesem Tage vor zehn Jahren, sprach sich der Umschwung 
der Wissenschaft in den Antrittsreden der beiden neuen Mitglieder 
auf das Deutlichste aus, indem Hr. Schwendener ausdrücklich zur 
mechanischen Naturanschauung sich bekannte, welche er in der Be- 
trachtung des Pflanzenleibes einzubürgern sich bestrebt, Eichler in 
der durch die Abstammungslehre bedingten veränderten Auffassung 
der Systematik es ebensowenig an Entschiedenheit fehlen Hess. 

Sein Erbe, Hr. Engler, treten nunmehr Sie an. Sie haben uns 
soeben die Gesichtspunkte bezeichnet, welche Sie bei der feineren 
Ausführung des natürlichen Systemes , durch Berücksichtigung histo- 
logischer Charaktere, im Auge halten, ein Vortheil, dessen sich die 
zoologische Systematik noch nicht bemeistert hat. Im erweiterten 
Geist der Neuzeit dehnen Sie Ihn- systematischen Operationen bis 
in's palaeophytische Gebiet ans. Allein nicht bloss in Ihrer Eigen- 
schaft als Gelehrter und Forscher setzt die Akademie ihre Hoffnung 
auf Sie. Der Küchengarten des Grossen Churfürsten, den trotz aller 
Ungunst der Verhältnisse die Geschichte der Botanik seit anderthalb 
Jahrhunderten neben dem Jardin du Ria/ und Kew Gardens nennt, 
geht unter Ihrer rüstigen Leitung und unterstützt durch die Colonial- 
politik des Deutschen Reiches einer neuen Periode rühmlichen Ge- 
deihens entgegen. Um so mehr freuen wir uns, dass dessen alte 
Verbindung mit der Akademie durch Sie erhalten und befestigt werden 
soll. Möge es Ihnen vergönnt sein, länger als Klotzsch und als 



780 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

Eiciileb unter uns die Scientia amabilis zu vertreten. In diesem 
Sinne. Hr. Engler, heisse ich Sie heute im Namen der Akademie 
in unserer Mitte herzlich willkommen. 



Hr. Weinhold hielt folgende Antrittsrede: 

Die öffentliche Aufnahme in die Königliche Akademie der Wissen- 
schaften erfüllt mich mit erneutem Danke gegen Sie. meine Herren. 
dass Sie mich zu Ihrem Mitgliede gewählt haben. Sie bewegt mich 
ahev auch zu dankbarer Erinnerung an Männer, welche von früh an 
Vorbilder meines Lebens und Streitens gewesen sind und die durch 
lange Zeit die deutsche Philologie in unserer Akademie vertreten 
lialien. Denn unvergesslich muss mir der Eindruck sein, den Kahl 
Lmumann's fest ausgedrückte Persönlichkeit auf mich machte, als ich 
durch seine Vorlesungen lebendig erfuhr, was es heisse. Denkmäler 
unserer alten Poesie philologisch behandeln. Und lebhaft stehn die 
Gestalten von Jacob und Wilhelm Grimm vor mir, zu denen ich mit 
aller Andacht aufschaute, die ein junges von Begeisterung für deutsche 
Art und Geschichte bewegtes Herz empfinden konnte. 

In jenen Zeiten, da ich mich entschloss, die Bahn meines Lebens- 
schiffleins zu ändern und dorthin zu steuern, wohin mich eine dunkele 
Ahnung mehr als klare Erkenntniss trieb, war die deutsche Philologie 
noch eine junge Wissenschaft. 

Die Meister, welche dem oberflächlichen Betrieb unserer Alter- 
thumskunde ein Ende gemacht, welche die Regeln der klassischen 
Philologie auf die Behandlung unserer Sprach- und Literaturdenkmäler 
übertragen, welche die praktische Sprachlehre in historische Grammatik 
umgesetzt hatten, stunden noch in voller Schaffenskraft, und ein kleines 
Häuflein pietätsvoller Schüler schloss sich eng an sie an. Das Lernen 
war eine fromme Lust. Man freute sieh auf den Wegen der geliebten 
Meister zu wandeln und hinter ihnen her ergänzende Nachlese zu 
halten, oder ab und zu Seitenwege zu reuten, die sie gern überliessen, 
weil sie die Hauptstrassen durch den Wald zu hauen hatten. Aber 
man verirrte sieh dabei nicht in dürres Gestrüpp, worin man den 
Ausblick verlor. Man strebte gleich den Meistern und Führern nach 
lichten Höhen, von denen die Überschau möglich war über das ganze 
Gelände. Man war sich bewusst, dass den Schlag des ganzen Volks- 
herzens verstehen müsse, wer die einzelnen Lebenserscheinungen be- 
urtheilen wolle. 

Die wunderbare Natur Jacob Grimm's zog midi vor allem an. 
Poesie und Wissenschaft. Ahnen und scharfes Sehen, mächtiges 



Wi i mi ii d Antrittsrede. / S 1 

Schaffen im Grossen und Liebevolles Bilden des Kleinen lagen in ihm 
eng beisammen. In dem einzelnen Worl erschien ihm die ganze 
Begrifi'swelt , mit der es zusammenhing, und diese Begriffswell war 
uichts kall Abgezogenes, sondern das wanne Erzeugniss di's sinnlichen 
und geschichtlichen Lebens des Volkes. 

Volkssprache und Volksdenken, Volkssitte und Volksgeschichte 
lockten mich, und ich begann mit dem Sammeln dafür in meiner 
schlesischen Heimath, denn der Erdgeruch des Bodens, auf dem man 
geboren, lässt die Forschung am besten gedeihen. 

Neben Jacob Grimm war Johann Andreas Schneller mein Muster. 
Wort und Sache erkannte ich als untrennbar. Die schriftlichen Denk- 
male der Vergangenheit sollten nicht bloss die Grammatik, das Wörter- 
buch und das metrische Regelbuch erläutern, sondern das Wissen 
vom gesammten Leben. 

Auf diesen Grundlagen haben sich nieine wissenschaftlichen Be- 
strebungen bewegt. 

Ich entwart' den Plan einer grammatischen Darstellung der Dia- 
lekte der "rossen Volksstämme Deutschlands, und habe einen Theil 
davon ausgeführt. Im Zusammenhang damit stund mein Versuch, das 
Gemeinsame wie das Besondere der Sprache unserer mittelalterlichen 
Blüthezeit darzustellen. 

Ich suchte sodann das germanische Leben nach seinen äusseren 
Bedingungen und seiner inneren Entwickelung zu erforschen und zu 
schildern. 

Die eigenthümlichen religiösen Vorstellungen und Einrichtungen 
unseres Alterthums reizten mich, in sie einzudringen. 

Aus der Geschichte unserer Litteratur wählte ich mir persön- 
liche Erscheinungen, in denen die seelischen Vorgänge ergründen und 
die Spiegelungen der Zeit erforschen Gewinn verhiess. 

Ich weiss sehr wohl, dass meinem Willen die Kraft oft nicht 
entsprochen hat, und dass ich den Kranz nicht schliessen werde, 
den ich einst zu winden dachte. Wenigen Bevorzugten nur wird 
solches beschieden. 

Wenn mir aber auf dem neuen Boden, auf den ich bei steilem 
Abfall meines Lebensweges gerufen ward, gelingen sollte, noch Saat 
zu ernten, so werde ich es dem ermunternden Vorbilde schulden, 
Mas mir so viele Glieder dieser erleuchteten Körperschaft geben, und 
es wird dm- beste Dank sein, den ich Ihnen, meine Herren, für den 
Platz in Ihrer Mitte erweisen kann. 



782 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

Hi". von Uli; Gabelentz hielt folgende Antrittsrede: 

Die Wahl, durch die Sie meine wissenschaftlichen Bestrebungen 
so wohlwollend anerkannt halten, verpflichtet midi zu aufrichtigster 
Dankbarkeit. Ich schätze es als ein (duck und als eine Ehre, der 
hohen Körperschaft anzugehören, die seiner Zeit meinen unvergess- 
lichen Vater in die Zahl ihrer correspondirenden Mitglieder auf- 
genommen hat. Als ein Glück und als eine Ehre schätze ich es, 
hier den Platz einnehmen zu dürfen, den länger als ein Menschen- 
alter hindurch Wilhelm Schott innegehabt hat. Ich weiss, was ich 
diesem Vorgänger verdanke, und die Verpflichtung, dies auszu- 
sprechen, empfinde ich heute lebhafter denn je. 

Es gab eine Zeit, wo das Chinesische für die schwierigste 
Sprache der "Welt galt, und wo jene Wenigen, die sie zu verstehen 
vorgaben, als wahre Wundermänner angestaunt wurden. Dem 
machte Abel Remusat's didaktisches Geschick ein Ende — , schien 
es wenigstens zu machen. Die Elemens de In grammaire chinoise, 
lange Zeit hindurch das verbreitetste Lehrbuch seiner Art. schienen 
mit einem Male den Schleier zu lüften, den Weg durch das Wirr- 
sal zu bahnen. Damals trat auch unser grosser Wilhelm von Humboldt 
mit Zuversicht an die neu erschlossene Sprache heran. Sein be- 
rühmter Brief an den Verfasser der Elemens sollte den Einblick 
in das sich hier offenbarende wunderbare Geistesleben vertiefen, 
beruht aber doch ganz auf den thatsächlichen Unterlagen, die durch 
das Lehrbuch gegeben waren. Bald kam die Zeit, wo man an 
diesen Unterlagen zweifeln lernte. Remusat's unsterblicher Nach- 
folger, Stanislas Julien, zeigte in einer Reihe bissiger Streitschriften, 
dass zum Verständnisse des Chinesischen mehr und Anderes gehöre, 
als in den Elemens stand. Leider war er selbst so wenig Linguist 
als Philosoph. Chinesisch verstehen hiess in seinem Sinne kaum 
mehr, als aus dem Chinesischen richtig in's Französische übersetzen. 
Darin galt er als Meister und gelegentlich als unantastbarer Censor. 
Allein einen wissenschaftlichen Neubau aufzuführen, war nicht seine 
Sache, lag jenseits seines Könnens. Den kühnen Gedanken, die 
chinesische Sprache in einen grammatischen Rahmen zu fassen, der 
keine andere Voraussetzung gelten lässt, als den Bau und Geisl 
dieser Sprache selbst, hat zuerst Wilhelm Schott ausgesprochen und 
zu verwirklichen gesucht. Man mag es zugeben, dass seine Chi- 
nesische Sprachlehre dem sprachphilosophischen Interesse mein- Rech- 
nung trägt, als dem philologischen; immerhin waren es mehr äusser- 
liche Umstände, die dem genialen Luche die verdiente Anerkennung 
schmälerten. Auf den Wegen, die Schott gewiesen, müssen wir 



von der Gabei.entz: Antrittsrede. (OS 

Sinologen weitergehen, wenn wir etwas Anderes ausmachen wollen, 
als eine Art Übersetzungsbureau. 

Urtlieile man über die Litteratur der Chinesen, wie man wolle: 
vier Vorzüge kann man ihr nicht abstreiten: den eines sein- hohen 
Alters, den einer last Lückenlosen Vielseitigkeit, den der voll- 
kommensten Eigenartigkeil und endlich, wenn es ein Vorzug ist. 
den einer unerinessliclien Bändezahl. Die schrifstellerische Arbeil 
des ältesten und zahlreichsten unter den Lebenden Culturvölkern und 
seine Sprache würden schon als solche eine vorzugsweise Beachtung 
verdienen. Die chinesische Philosophie spiegelt in einer Langen, 
kämpfereichen Geschichte ein Geistesleben, von dessen Vielgestaltig- 
keit die Landläufigen Schilderungen des Mittelreiches und seiner Be- 
wohner keine Ahnung haben. 

Mir aber, da ich doch wohl an dieser Stelle von mir reden 
nmss. mir ist zunächst die chinesische Sprache als solche interessant, 
das lieisst als eine der eigentümlichsten , zugleich der einfachsten 
und der mächtigsten Entfaltungen des menschliehen Sprachvermögens. 
Mein Standpunkt isl <\i-r der allgemeinen Sprachwissenschaft, auch 
dann, wenn ich mich bemühe, dieser Sprache in rein philologischer 
Arbeit immer neue Feinheiten abzulauschen. Denn in der Thal isl 
der Arbeit der allgemeinen Sprachwissenschaft, wie ich sie verstehe, 
keine verwandter, als die der Philologie. Die sprachgeschichtliche 
Forschung hat sich da am Glänzendsten bewährt, wo sie es mit hauten. 
Wörtern und Wortformen zu thun hatte. Jene Untersuchungen, die 
sich die Verwandtschaftsverhältnisse der Sprachen festzustellen be- 
mühen, sind manchmal auf dürftige Wörtersammlungen und noch 
dürftigere Texte und grammatische Nachrichten angewiesen und können 
darum doch zu ihrem Ziele führen. Wie sieh aber jene eigenste Be- 
gabung des Menschen zum gegliederten Ausdrucke seiner Gedanken in 
lautlicher Rede volkweise verschieden äussert, wie diese Äusserungen 
in Wechselwirkung stehen zum Geistesleben der Völker: »bis zu be- 
antworten dürfte nur dem zustehen, der sich in die fremden Sprachen 
wahrhaft eingelebt hat. Verdient die Geschichte der Sprachen und 
Völker, verdienen ihre Wanderungen und Wandelungen, ihre Spal- 
tungen und die dabei wirksamen Mächte die sorgsamste Untersuchung: 
so hat es nicht minderes Interesse, in der Vielheit der Völker die eine 
Menschheit und in der Mannigfaltigkeit ihrer .Sprachen, die Äusserung 
einer allgemeinsamen Anlage zu suchen und nun weiter zu arbeiten 
an der Aufgabe, die uns Humboldt gestellt hat. Diesem Interesse 
sind auch jene vielberufenen, ärmsten und rohesten Sprachen nicht 
zu gering; und manche von diesen. - wenn anders ich meinen be- 
scheidenen Erfahrungen trauen darf. — erscheinen bei näherer Be- 



i 84 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

trachtung doch besser als ihr Ruf. Gilt es, die Sprachen auf ihren 
geistigen Werth zu prüfen, so sind kurze Grammatiken in der Regel 
verdächtige Zeugen: Bis vor Kurzem war man nur zu schnell bereit, 
aus den äusseren Lebensumständen eines Volkes voreilig gering- 
schätzige Schlüsse auf seine ursprüngliche Beanlagung zu ziehen, und 
da liess man es sieh natürlich gern gefallen, wenn nach Ausweis 
einer dürftigen Sprachlehre der geistige Haushalt der armen Barbaren 
nicht besser bestellt zu sein schien, als der leibliche. Seitdem hat 
man gelernt, jene ungeschriebenen Litteraturen der Naturvölker zu 
protocolliren , hat von den sinnigen Märchen der Bantu und Hotten- 
totten, von dem wunderbar metaphysischen Mythus der Polynesier 
gehört, weiss, dass die Australneger, vielleicht die ärmsten und ver- 
kommensten unter den Menschen, ein Eherecht entwickelt haben, 
das mit den wunderlichsten Blüthen des Corpus iuris canonici wett- 
eifern darf, und erkennt je länger je mehr Kraft und Streben auch 
da, wo das Schicksal die Menschen auf eine niedere Entwickelungs- 
stul'e gebannt oder zurückgeworfen hat. Der Geist zeigt seine Flügel 
auch, wenn er im Käfig aufflattert. 

Niedrig stehende Völker sind einseitig entwickelte, sie sind an eng 
begränzte Berufskreise gebunden. Das muss sich in ihren Sprachen 
wiederspiegeln, und zwar im Sprachbaue nicht weniger, als im Wort- 
schatze. Gilt es also, den Einflüss der nationalen Lebens- und Denk- 
gewohnheiten recht klar vor Augen zu führen, so sind jene ver- 
achteten Barbarensprachen für uns unschätzbar; denn nirgends fliessen 
die Quellen lauterer. Es war ein grosser, kühner Gedanke, den un- 
längst Byrne in seinen Principles of flu Slructure of Language aus- 
gesponnen hat. Es mag der scharf- und tiefsinnige Mann in seinen 
schwerfälligen Deductionen oft zu weit, manchmal fehlgegangen sein; 
es man', wie dies in der That leicht nachzuweisen ist. sein Werk in 
vielen Fällen auch in der Induction an den Folgen unzulänglicher 
litterarischer Hülfsmittel kranken: die sprachphilosophischen Voraus- 
setzungen, von denen er ausgeht, und die Forderungen . die er stellt, 
muss ich im Wesentlichen als berechtigt anerkennen. Nicht immer frei- 
lich liegen die Dinge so klar, wie hei jenen Sprachen nordamerikanischer 
Jägerstämme, die in der einseitig reichen Entfaltung ihres Formenwesens 
dem aufmerksamen Beobachter wahre tndianergeschichten CooPEE'schen 
Stils zu erzählen scheinen. Aber auch da. wo die scharf ausgeprägten 
Eigentümlichkeiten der Völkerfamilien und ihrer Spraehstämme weni- 
ger sinnfällig zusammen zu stimmen scheinen, hei den Uralaltaiem , den 
Malaien, den Semiten, den Bantus, wird es hoffentlich gelingen, die 
verknüpfenden Fäden bloszulegen. Und ist es einmal soweit, welche 
Fülle der weittragendsten Schlussfolgerungen wird uns dann eröffnet! 



von deb Gabeli . i / : Vntrit tsi 785 

Allerdings mag nirgends die Gefahr der Voreiligkeit näher liegen, 
als hier. Byrne hat in seine Untersuchungen auch Sprachen hinein- 
gezogen, die gerade für seine Zwecke unbrauchbar sein dürften. Er 
hat der Störungen nicht Ach! gehabt, denen das Leben der Sprachen 
wie das der Völker unterworfen ist: der Mischungen und der Ver- 
kümmerung durch ungünstige äussere Verhältnisse. Wo dergleichen 
zu vermuthen isi . da darf man nichl erwarten, dass sich der 
Parallelismus zwischen Sprache und Volksthum so bald wieder her- 
gestellt hahe, da werden die Völker je nachdem besser oder schlechter, 
\ielleichi ganz anders geartet sein, als ihre Sprachen. Ein anglo- 
chinesisches Mischvolk, so hoch seine Gesittung sein möchte, würde 
erst nach der Arbeit vieler Geschlechter sein elendes Pitchen- Englisch 
zu einer tauglichen Trägerin seines Geisteslebens gestalten, lud 
sollten doch noch die Tscheroki mit ihren Culturbestrebungen an's 
Ziel gelangen, so hätten wir dereinsl ein Volk von Ackerbauern und 
Bürgern, das die Sprache eines Jägervolkes redete. Wer weiss, oh 
nicht schon jetzt ein solches lebt, — am biskaischen Meerbusen. Hie 
sesshäften Finnen, Esthen und Liven reden Sprachen, die ui'sprünglich 
nomadenmässig sein mussten, und es gälte zu beobachten, durch 
welche Mittel diese Sprachen den neuen Bedürfnissen angeglichen 
worden, mit ihren höheren Zwecken gewachsen sind. 

Ein besonderes Interesse knüpft sieb für mich an jene Sprachen 
halbmalaisehen Ursprungs, die man zunächst mehr aus geographischen 
und anthropologischen, als aus linguistischen Gründen die melanesischen 
genannt hat. Nicht nur wegen des hervorragenden Antheils, den mein 
unvergesslicher Vater an ihrer Erforschung genommen, sondern noch 
mehr wegen des bunten Bildes und der vielfachen Räthsel, die sie bieten. 
Nun wird uns je länger je mehr das vielsprachige Neu-Guinea er- 
schlossen werden. Eine seiner Sprachen, das Mafoor, habe ich und dann 
Kern dem malaischen Verwandtschaftskreise eingereiht; andere, an <\cv 
Maclay-Küste, scheinen gleich denen der Australneger Absenker der ko- 
larischen Sprachen Vorderindiens zu sein; und somit, da. wir Endpunkte 
der Wanderungslinie haben, dürfen wir ahnen, welcherlei Sprachen die 
Vorfahren der heutigen Melanesier geredet haben vor dem Eindringen der 
malaio-polynesischen Elemente. Jenes syntaktische Unicum,' die Sprache 
der Annatom -Insulaner, wird dann freilich erst recht räthselhaft. 

Neigung und Schicksal haben mich bisher dahin geführt, an 
sehr verschiedenen Punkten des Globus linguarum Umschau zu halten. 
Oft nur sehr flüchtige ömschau, aber — das hat die Landstreicherei 
für sich. — überall anregende. Inwieweit ich fernerhin der einen 
oder anderen dieser Anregungen folgen werde, das hängt nur zum 
kleinsten Theüe von meinem Willen alt. 

Sitzungsberichte 1890. 66 



786 Öffentiiche Sitzung vom 5. Juli. 

Hr. Curtius als beständiger Secretar antwortete im Namen der 
philosophisch. -historischen (lasse mit folgenden Worten: 

Die Ansprachen, mit denen Sie, geehrte Herren Collegen, in 
unseren Kreis Sich einrühren, sind ihrem Inhalte nach, äusserlich 
betrachtet, so verschieden von einander wie möglich. Die eine fährt 

uns in den uns Allen vertraulichen Kreis des heimathliehen Landes 
und Volks, die andere in eine weil entlegene MenschenWelt, deren 
Namen und Gestalten dem Meisten von uns durchaus fremd sind. 
Eins aber ist beiden gemeinsam, die Pflege einer Forschung, welche 
mehr als alle anderen Forschungszweige den aus dem Alterthum über- 
lieferten Wissenschaften gegenüber eine selbständige Errungenschaft 
und volles Eigenthum der neueren Culturentwickelung ist, und 
die zugleich unter allen Geisteswissenschaften der Naturforschung am 
nächsten steht, indem sie die organische Entwickelung des Menschen- 
geistes, wie sie sieb in Lautbildung und Sprachbau bezeugt, zum 
Gegenstand einer Wissenschafi gemacht bat. von welcher man im 
klassischen Alterthum keine Ahnung gehabt hat. Dazu kommt ein 
Anderes, was beim Anhören Ihrer Worte gewiss uns Alle wohlthuend 
berührt hat. Denn fär das wehmüthige Gefühl, das wir an unseren 
L-EiBNiz-Tagen haben, indem sie uns an den unaufhaltsamen Wechsel 
aller Kreise menschlicher Thätigkeit mahnen, giebt es keine trost- 
reichere Erhebung als die Lebendige Überzeugung von dem allen 
Wechsel der Generationen überdauernden Zusammenhange echter 
Geistesarbeit, als die Gewissheit, dass die wahrhafl lebensvollen 
Keime wissenschaftlicher Erkenntniss nach dem Hinscheiden derer. 
die sie gepflanzl haben, in treuem Gedächtniss der Vorangegangenen 
durch die Hand geistverwandter Forscher eine ununterbrochene 
Pflege und Fortbildung erhalten. So treten von Leibniz an. dem 
Propheten der Sprachwissenschaft, die Gestalten der Heroen, die einst 
an diesem Tische gesessen, Wilhelm von Humboldt, Bopp, die Ge- 
brüder Grimm aus Ihren Anreden uns wieder persönlich und lebendig 
fortwirkend vor die Seele und als ihre Nachfolger treten Sie nicht 
wie Fremde, sondern wie Verwandte und Angehörige in unsern 
Kreis ein. 

Gleichwie einst vom Herde der Mutterstadt die Flamme entzündet 
wurde, welche in der Pflanzstadl jenseits des Meers entbrennen 
sollte, ist auch Ihre Wissenschaft, Hr. Weinhold, hier zu Hause und 
von hier haben Sie als ein echter Schüler von Jacob Grimm, dessen 
Wirksamkeit durch Lachmann's philologische Schärte in so seltner 
Weise ergänzt wurde, die Weihe Ihres Lebens empfangen, den Zug zur 
liehevollen Vertiefung in deutsches Wesen und deutsches Alterthum. 



Curtius: Antwort an die HH. Weinhold und von der Gabelentz. 787 

an welcher unser ganzes Volk sich zu einem neuen Volksleben erhoben 
hat. Mil einer nie nachlassenden Arbeitsamkeil haben Sie nach allen 
Seiten, .sprachlich und geschichtlich, die junge Wissenschaft rüstig 
ausgebaut, die Grammatik der Mundarten sowie die Erkenntniss des 
religiösen Glaubens der Vorzeit mil den an den Cultus sieh anschlies- 
senden Feierlichkeiten, von altnordischen Bräuchen bis zu den in 
unsere Zeit hinabreichenden Festspielen des Landvolks, welche wie 
bei den Hellenen der fruchtbare Keim eines Volksschauspiels geworden 
sind. Indem Sie diesen Zusammenhang zuerst darlegten und das 
gesammte Culturleben der verschiedensten Zeiten und Gegenden in 
seinen äusseren Formen wie nach seinem inneren Gehalt zur Anschauung 
brachten, ist die deutsche Sprach- und Alterthumskunde im Geiste 
ihres Meisters und Schöpfers allseitig von Ihnen gefördert worden, 
und nachdem sie durch die schweren Verluste, welche die Akademie 
durch das frühzeitige Hinscheiden von Müllenhoff und Scheeek erlitten. 
bei uns verwaist war, wünschen und hoffen wir um so herzlicher, 
dass es Ihnen vergönnt sein möge, diese uns allen so theuern Studien 
im Sinne Ihrer unvergesslichen Vorgänger mit frischer Kraft lange 
in unserer Mitte zu vertreten. 

Ihre Studien, Hr. von der Gabelentz, sind der Art, dass wir nur 
durch Sie selbst in dieselben eingeführt werden können. Das Feuer 
Ihrer Wissenschaft brannte auf dem Herde des Vaterhauses, und Sie 
haben in Ihrem, der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissen- 
schaften gehaltenen Vortrage ȟber Hans Gonon von der Gabelentz 
als Sprachforscher« den Schlüssel zum Verständniss Ihres eigenen 
Geisteslebens gegeben. Sein stiller Landsitz war eine kleine Akademie 
der Sprachen; schon als Knabe von einem angeborenen Durst nach 
Sprachkunde erfüllt und von dem Zauber fremder Schriftzeichen 
wunderbar gefesselt, hat er, der vielbeschäftigte Staatsmann, wie 
andere Edelleute das Waidwerk treiben, so in unermüdlicher Geduld 
seine Netze ausgestellt, um die ganze Mannigfaltigkeit, in welcher 
der sprachbauende Menschengeist seine Organismen geschaffen hat, 
möglichst vollständig zu überblicken, wie ein Zoologe oder Botaniker 
nicht rastet, bis er alle erreichbaren Formen einer Gattung des phy- 
sischen Lehens zum vergleichenden Überblick vereinigt hat. Er hatte 
den Geist eines Entdeckers; unbebautes Land zu bahnen war seine 
Lust, an litteraturlosen Idiomen machte er sich die Anfange mensch- 
licher Sprachbildung deutlich, und jede Volksindividualität, die ihm 
wr\{ entgegentrat, entzückte ihn. wie eine lehrreiche, anregende Be- 
kanntschaft, die man im Umgang macht. Kr hat aber nicht nur 
über Melanesien und Mikronesien sein weites Netz ausgespannt, son- 
dern die Sprachenwelt (Istasiens, wo bis dahin nur Franzosen heimisch 

GG* 



(88 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

waren, zum ersten Mal der deutschen Wissenschaft erschlossen. Sie 
haben es selbst in liebenswürdiger Weise ausgesprochen, dass Sie 
zwischen väterlichem und selbsterworbenem geistigen Besitz nicht 
scharf zu scheiden wüssten; um so mehr glaubte ich mich berechtigt, 
Ihres Vaters heute zu gedenken, welchen wir auch zu den Unsrigen 
zählen durften. Sie halten in Ihren Worten eine doppelte Aufgabe 
angedeutet, erstens die des Sinologen, der eine eigenartige, ehrwür- 
dige Culturwelt nach und nach unsern Blicken entschleiert, und hier 
war es uns besonders wohlthuend, das Verdienst Ihres Vorgängers in 
der Akademie. Wilhelm Schott, der mit so seltener Anspruchslosig- 
keit sein Wissen mehr verbarg als zur Schau trug, in so warmer 
und kräftiger Weise anerkannt zu sehen. Die zweite Aufgabe ist die 
der allgemeinen Sprachwissenschaft, welche in der Vielheit der Volks- 
sprachen die Äusserung einer allen Völkern gemeinsamen menschlichen 
Naturgabe erkennt, eine Aufgabe, in der Sie an Wilhelm von Humboldt 
anknüpfen, und so fremd uns die rohen Inselneger erscheinen, so 
ist doch jeder Einblick in ihre Art zu denken und zu sprechen auch 
ein neuer Einblick in unser eigenes Geistesleben, ein Fortschritt 
wissenschaftlicher Psychologie und Anthropologie von unabsehlicher 
Bedeutung. Möge Ihnen auf beiden Feldern eine reiche und Sie voll 
befriedigende Thätigkeit vergönnt sein! 

Mit diesen Worten habe ich die Freude, im Namen der Akademie 
Sie Beide in unserem Kreise willkommen zu heissen. 



Hr. Harnack hielt folgende Antrittsrede: 

Bevor ich dem Brauche der Akademie folge und Rechenschaft 
ablege über meine wissenschaftlichen Ziele, spreche ich nochmals 
meinen Dank aus für die durch die Wahl mir erwiesene Ehre. 

Die Geschichte des Christenthums und der Kirchen halte ich in 
Ihrem Kreise zu vertreten, und es erfüllt mich mit hoher Freude. 
dass Sie, einer alten Tradition folgend, dieser Wissenschaft eine 
Stelle unter den Disciplinen gegeben haben, mit denen sich die 
Akademie beschäftigt. Man hat Mosheim mit Recht den Vater der 
kirchengeschichtlichcn Wissenschaft genannt; aber dieser grosse Ge- 
lehrte verdankte das Beste, was er besass, einem Grösseren. Leibniz. 
I.iii;mz ist in Wahrheit, wenn auch mittelbar, der Begründer der 
unparteiischen und kritischen Kirchengesehichtsschreibung , und unsere 
Akademie folgt auch hier den Anregungen dieses universalen Geistes, 
indem sie die Beförderung der kirchenhistorischen Forschungen in 
den Kreis ihrer Aufgaben wieder aufnimmt. Möge es mir vergönnt 



Haenack: Antrittsrede. 789 

sein, den Verpflichtungen nachzukommen, welche die Würde des 
Gegenstandes und die Traditionen der Akademie mir auferlegen! — 

Durch eine Preisaufgabe über den Gnostiker Marcion, welche 
die Universität Dorpat vor zwanzig Jahren stellte, wurde ich zur 
Geschichte der alten Kirche geführt. Die Aufgabe gehörte zu jenen 
treulichen Thematen, die zur genauesten philologischen \\]u\ kritischen 
Arbeit zwingen und doch zugleich nöthigen, den Blick auf den Zu- 
sammenhang der geschichtlichen Erscheinungen zu richten und be- 
deutende Gesichtspunkte zu gewinnen. Aus einer grossen Menge von 
Fragmenten ist das Bild einer der einflussreichsten Persönlichkeiten 
der Kirchengeschichte des zweiten Jahrhunderts zu gestalten, und 
mit einem Schlage sieht sich der Forscher mitten in die zahlreichen 
und verwickelten Probleme versetzt, welche die Religionsgeschichte 
des ersten und zweiten Jahrhunderts bietet. Unter der ausgezeich- 
neten Anleitung von Engelhardt's versuchte ich, mich in dieselben 
einzuarbeiten. Sie bilden noch heute den eigentlichen Gegenstand 
meiner Untersuchungen. Wenn es mir gelungen ist, Einiges zu ihrer 
Aufhellung beizutragen, so verdanke ich das dem glücklichen Um- 
stände, dass mir niemals eine andere Aulgabe begehrenswerther oder 
interessanter erschienen ist. 

Die Probleme der Kirchengeschichte des Alterthums lassen sich 
auf ein einziges zurückführen: wie hat sich aus der Predigt des 
Evangeliums der Katholicismus und die katholische Reichs- und 
Staatskirche entwickelt? Diese Frage scharf gestellt zu haben, ist 
das unvergängliche Verdienst F. Cur. Baur's. Aber Baur hat sie 
nicht nur gestellt, sondern in umfassender Weise selbst zu lösen 
gesucht. Bei diesem Unternehmen folgte er dem Grundsätze, die 
Wandelungen, welche das Christenthum im zweiten Jahrhundert in 
Lehre, Verfassung und Cultus erfahren hat. soweit irgend möglich, 
aus den inneren Spannungen abzuleiten, welche bereits im apostoli- 
schen Zeitalter vorhanden waren. Allein er selbst erkannte doch, 
dass diese Art der Ableitung ihre Grenzen hat, und dass man neben 
den inneren Spannungen auch die äusseren Zustände ins Auge lassen 
müsse, um die Entwickelung der christlichen Religion zum Katholi- 
cismus zu verstehen. In der Gegenwart ist unter den Forschern 
darüber kein Zweifel, dass keine der beiden Erklärungen vernachlässigt 
werden darf; aber über das Maass ihrer Anwendung herrscht noch kein 
Einvernehmen. Ich habe mich — Anfangs im Anschluss an Ritschl's 
Forschungen — bemüht zu zeigen, dass die innerchristlichen Be- 
wegungen des apostolischen Zeitalters nach der Zerstörung Jerusalems 
wesentlich zur Ruhe gekommen sind, und dass daher die Entwicke- 
lungen, welche nun folgten, nicht aus ihnen abgeleitet werden können. 



790 Öffentliche Sitzung rom 3. Juli. 

Demgemäss suchte ich nachzuweisen, dass die ungeheuren Krisen, 
welche die neue Religion im zweiten und dritten Jahrhundert erlebt 
hat, aus der Verflechtung mit der sie umgebenden griechisch-römischen 
Welt hervorgegangen sind, und dass die neuen Ordnungen der Kirche 
auf den Gebieten der Lehre, der Verfassung und des Cultus Com- 
promisse sind zwischen der evangelischen Verkündigung und der 
Denkweise und den Institutionen der Antike. 

Diese Auffassung ist keineswegs neu: nicht wenige Forscher, 
vor Allem R. Rothe. haben sie bereits vorgetragen. Ich bin lediglich 
in die Reihe derer eingetreten, welche versuchen, sie pünktlich im 
Einzelnen durchzuführen. Mit dem allgemeinen Grundsatz ist wenig 
erreicht; es gilt vielmehr, alle Erscheinungen des kirchlichen Lebens 
im Alterthum mit den entsprechenden des antiken Lebens zu ver- 
gleichen, um ihren Ursprüngen und ihrer Geschichte auf den Grund 
zu kommen. Der Religionshistoriker nimmt an diesen Untersuchungen 
einen noch höheren Antheil als der politische Historiker; denn seine 
oberste Aufgabe ist es, festzustellen, was in der Geschichte der Re- 
ligion aus ihrem eigenen, ursprünglichen Geiste geflossen ist. Um 
dieser Aufgabe zu genügen, muss er versuchen, die Elemente kennen 
zu lernen und zu sondern, welche sich die Religion — in der Rege] 
unter schweren Opfern — lediglich assimilirt hat. »Sie hat auch bei 
diesen Assimilationen ihre. Kraft bewiesen; aber man darf die so ent- 
standenen Producte doch nicht als ihren reinen Ausdruck betrachten. 

Die Forschungen in dieser Richtung sind noch in den Anfangen. 
Im vorigen und in unserem Jahrhundert ist viel Talent und viel Geist 
auf die Geschichte der Kirche im Alterthum verwendet worden: aber 
verhältnissmässig wenig planvolle historisch -philologische Arbeit. Die 
Durchforschung der patristischen Litteratur hat seit den Tagen der 
gelehrten Benedictiner und Jansenisten nur in Bezug auf das zweite 
Jahrhundert und die lateinischen Schriftsteller erhebliche Fortschritte 
gemacht. Noch immer gleichen weite Strecken dieser Litteratur nicht 
einem gepflegten Garten, sondern einem Urwalde, den man sich zu 
betreten scheut. Und doch sind die Schriften der Kirchenväter Quellen 
der Nationallitteraturen der Romanen, Germanen und Slaven und 
das Mittelglied zwischen der antiken und der mittelalterlichen Litteratur. 
Nicht viel günstiger steht es in Bezug auf die Geschichte der kirch- 
lichen Institutionen. Zwar ist die Entstehungsgeschichte dos Neuen 
Testaments mit vielem Fleiss untersucht worden, und an der Auf- 
hellung der Geschichte der Dogmen hat man seit dem Ende des 
vorigen Jahrhunderts ununterbrochen gearbeitet. Allein eine Geschichte 
der kirchlichen Verfassung im Zusammenhang mit der allgemeinen 
Verfassungsgeschichte fehlt uns mich, und ebenso fehlt uns eine 



Harnack i Antrittsrede Mommsi Antwort an II n Har lci < MI 

kritische und vergleichende Geschichte des kirchlichen Cultus, sowie 
eine Geschichte der socialen Wirkungen des Christen thums. Auf diesen 
Gebieten hat man eben ersl damit begonnen, die ausgezeichneten 
schritte, welche die Erforschung der römischen Kaiser- und Religions- 
geschichte gemacht hat, für die Kirchengeschichte zu verwerthen. 

Der Zaun, welcher früher das Feld der Kirchengeschichte von 
dem Felde der allgemeinen Geschichte getrennt hat, is1 niedergerissen. 
Für die Bearbeitung beider Gebiete bedeutet der begonnene Austausch 
die höchste Förderung; er stellt auch neue Aufgaben. Wenn es aber 
den Kirchenhistorikern in der Gegenwart möglich ist, sich ausserhalb 
ihrer eigenen Grenzen auf den Gebieten der römischen Kaisergeschichte 
und dev antiken Philosophie zurechtzufinden, so verdanken sie das in 
erster Linie der Lebensarbeit zweier Männer, welche unsere Akademie 
zu den ihrigen zu zählen das Glück hat. Es ist mir ein Bedürfniss, 
an dem heutigen Tage meinen besonderen Dank Hrn. Mommsen und 
Hrn. Zeller auszusprechen, und ich weiss, dass alle meine Fach- 
genossen in diesem Danke mit mir übereinstimmen. 

Mein Lehrauftrag an der Universität verpflichtet mich, über das 
gesammte Gebiet der Kirchengeschichte Vorlesungen zu halten. Es ist 
für den Einzelnen schlechterdings unmöglich, sieh hier überall selbst- 
ständige Kenntnisse zu erwerben oder auch nur dem Gang der 
Forschung pünktlich zu folgen. Zwar empfinde ich die Forderung, 
immer wieder den Blick auf das Ganze zu richten und die verschie- 
denen Entwicklungen in den verschiedenen Epochen zu verfolgen, 
als einen heilsamen Zwang; aber das Gefühl des Unvermögens gegen- 
über dem Umfang der Aufgabe ist oft genug drückend Desshalb 
schätze ich nieine Aufnahme in die Akademie als ein (duck, weil 
sie es mir ermöglichen wird, eine Fülle von Belehrung über die der 
Kirchengeschichte verwandten Disciplinen -- auch in Bezug auf das 
Mittelalter und die Neuzeit — in willkommenster Weise einzusammeln. 



Hr. Mommsen, als Secretar der philosophisch -historischen (lasse. 
erwiderte : 

Ich darf heute der Freude Ausdruck geben, dass es uns er- 
stattet ist den Verfasser der Dogmengeschichte des Christenthums den 
unsrigen zu nennen, den Mann, welcher die Entwickelung des orien- 
talischen Wunderkeimes zur weltgeschichtlichen, die Geister durch 
zwanzig Jahrhunderte bald befangenden, bald befreienden Universal- 
religion uns erschlossen, uns von Christus und Paulus zu Origenes und 



792 Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

Augustinus und Luther gefuhrt hat, welcher uns gelehrt hat die Macht 
und die Wirkung des Christenthums nicht lediglich in seinem Sprossen 
zu erkennen, sondern ehenso sehr in seiner Verzweigung und Verästüng. 
Freilich, die zufälligen Schranken, welche zwischen Theologie und 
Philosophie und Geschichte die Facultätsorthodoxie zu gegenseitigem 
Schaden aufgerichtet hatte, schwinden hüben wie drüben mehr und 
mehr vor der mächtig vordrängenden rechten Wissenschaft; unsere 
Akademie aber darf tnil Stolz darauf hinweisen, dass wir sie nie an- 
erkannt haben und dass in dem Kreise, den Leibniz gezogen hat. für 
die freie Forschung von je her Raum gewesen ist. In wie hohem 
Grade gerade Ihre Studien, Hr. Harnack, ergänzend und belebend 
in diejenige Geschichtsforschung eingreifen, welche uns die Gegenwart 
verständlich macht, wie die griechisch-römische Civilisation eben 
durch ihre meistent heils gegensätzliche Verschmelzung mit dem im 
Orient wurzelnden Christenglauben zu einem nothwendigen Bestand- 
teil der heutigen geworden ist. das mit einem Wort zu be- 
zeichnen muss heute genügen; Ihre und meine und vieler anderer, 
die da waren und sind und sein werden. Lebensarbeit ist es diesem 
in seiner vollen Höhe unerreichbaren Ziel näher und näher zu kommen. 
Al.er einen der vielen Momente, um deren willen wir Sie mit besonderer 
Freude als unseren Genossen begrüssen, gestatten Sie mir heute noch 
besonders zum Ausdruck zu bringen. Ich meine, Ihre Gabe jüngere 
Genossen zu fruchtbarer Arbeitsgemeinschaft zu gewinnen und bei 
derjenigen Organisation, welche die heutige Wissenschaft vor allem 
bedarf, als Führer aufzutreten. Sie empfinden es, dass die Aufgabe 
des rechten Akademikers eine andere und eine höhere ist als sich 
Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu nennen 
und statt des bescheidenen Octavformats unserer Zeitschriften im vor- 
nehmen Quart gedruckt zu werden. Auch die Wissenschaft hat ihr 
sociales Problem: wie der Grossstaat und die Grossindustrie, so ist die 
Grosswissenschaft, die nicht von Einem geleistet, aber von Einem ge- 
leitet wird, ein nothwendiges Element unserer Culturentwickelung, 
und deren rechte Träger sind die Akademien oder sollten es sein. 
Als einzelner Mann haben Sie in dieser Richtung gethan, was wenige 
Ihnen nachthun werden. .letzt sind .Sie berufen dies im grösseren 
Verhältnisse weiterzuführen; und die wenigen Monate, seit sie uns 
angehören, haben uns gezeigt, dass Sie es können und dass Sie 
es wollen. Freilich hängt dies nicht allein von Ihnen und auch 
nicht allein von uns ah. Die Grosswissenschaft braucht Betriebs- 
kapital wie die Grossindustrie und wenn dies versagt, so ist die 
Akademie eben ornamental und müssen wir es uns gefallen lassen 
von dem Publicum als Decoration angesehen und als überilüssig be- 



Mommsen: Antwort an Hrn. Harnack. — S'rEiNER'scher Preis. 7!)3 

trachtet zu werden. Wir müssen es hinnehmen, aber es wird uns 
dies nicht leicht. Wenn der Soldat nichts leistet, so fragt man 
nicht viel danach, ob das Pulver gefehlt hat oder der Mann ver- 
sagt hat; ihm bleibt im ersteren Fall neben dem schmerzlichen 
Gefühl des vergeblichen Beginnens noch der bittere Eindruck des 
unverdienten Tadels. 



Steiner 'scher Preis. 



In der Leibniz- Sitzung am 28. Juni 1888 wurde die bereits am 
LEiBNiz-Taye [886 gestellte Preisfrage unverändert erneuert. 

«In der Absicht, das Studium der Schriften Steiner's zu er- 
leichtern und zum Fortschreiten auf den von ihm eröffneten 
Bahnen anzuregen, hat die Akademie die Herausgabe der ge- 
sammelten Werke desselben veranlasst, welche in den Jahren 
1881 und 1882 erschienen sind. Es bleibt jetzt noch, wie 
aus der Schlussbemerkung zum zweiten Bande hervorgeht, die 
Aufgabe, die Resultate der einzelnen Schriften einer Sichtung 
und Prüfung zu unterwerfen. Die Akademie wünscht, dass 
dieses zunächst für diejenigen Untersuchungen Steiner's ge- 
schehe, welche sich auf die allgemeine Theorie der 
algebraischen Curven und Flächen beziehen. Es wird 
verlangt, dass die hauptsächlichsten Resultate derselben auf 
analytischem Wege verificirt und alsdann durch synthetische 
Methoden im Sinne Steiner's hergeleitet werden.« 
Es sind zwei Arbeiten eingegangen. 

Die erste trägt das Motto Portes firmat concordid. Dieselbe be- 
sehäftigt sich nur mit den ersten Formeln, die in den Anwendungen 
der Differentialrechnung auf die Geometrie aufgestellt werden, und geht 
auf die von der Akademie gestellte Aufgabe nicht ein. Diese Arbeit 
kann daher bei der Preisbewerbung keine Berücksichtigung linden. 
Die zweite Arbeit ist mit dein Motto Per aspera <"/ asira ver- 
sehen. Der Verfasser derselben hat zur Lösung der von der Akademie 
uesi eilten Aufgabe einen Weg eingeschlagen, der zu einem befriedigenden 
Ergebniss nicht führen konnte. Um die von Steiner ohne Beweis 
aufgestellten Sätze zu prüfen, hat er eine Verquickung von analytischen 
und geometrischen Hüllsmitteln angewendet, durch welche aus dem 
Grunde nur selten etwas entschieden werden konnte, weil die 
geometrische Schlussweise des Verfassers zum grossen Theile nicht 
auf sicherer Grundlage beruht, zum Theil aber auch irrig ist. Ver- 
wunderlich ist es. dass er zuweilen Abschnitte der STEiNER'schen 
Sitzungsberichte 1890. 67 



704 i (ffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

Schriften, welche schon von anderen Geometern erledigt worden sind, 
derselben ungenügenden Behandlung unterwirft. Es muss zwar an- 
erkannt werden, dass in einzelnen Theilen der Arbeit die Methode 
nicht ganz so schwerwiegenden Bedenken unterliegt, und dass es dein 
Verlasser an einer Stelle auch gelungen ist, eine von Steiner aus- 
gesprochene Vermuthung auf eine einfache Weise zu bestätigen. Aber 
dieses genügt nicht, um die Arbeit als eine den Bestand der auf die 
allgemeine Theorie der algebraischen Curven und Flächen sich be- 
ziehenden SrEiNER'schen Schriften gründlich sichtende, beziehungsweise 
begründende Leistung zu bezeichnen. Es konnte daher derselben der 
Preis nicht ertheih werden. — 

Die Akademie hält dafür, dass es jetzt an der Zeit ist, auf eine 
schon in früheren Jahren gestellte, bisher unerledigt gebliebene geo- 
metrische Frage zurückzukommen. Sie verlangt die Lösung eines 
bedeutenden Problems aus der Theorie der Krümmungslinien der 
Flächen, und hebt als ein solches namentlich die Ermittelung der Be- 
dingungen hervor, unter welchen die Krümmungslinien algebraischer 
Flächen algebraische Curven sind. 

Der hierfür ausgesetzte Preis beträgt Dreitausend Mark. 

Bewerbungsschriften , welche in deutscher, lateinischer, franzö- 
sischer, englischer oder italienischer Sprache verfasst sein können. 
sind bis zum 3 i . December 1894 bei der Akademie einzuliefern. Jede 
Bewerbungsschrift ist mit einem Spruchwort zu bezeichnen, welches 
auf einem beigefügten versiegelten innerlich den Namen und die 
Adresse des Verfassers angebenden Zettel äusserlich wiederholt ist. 
Schriften, welche den Namen des Verfassers nennen oder deutlich 
ergeben, werden von der Bewerbung ausgeschlossen. 

Die Verkündigung des Urtheils erfolgt in der Leibniz- Sitzung 
des Jahres 18Q5. 



Hierauf berichtete Hr. Coktiüs als Secretar der philosophisch- 
historischen 1 lasse über die von derselben am 28. Juni 1888 gestellte 
Preisaufgabe aus dem von MiLOSZEWSKi'schen Legat. 

Der MiLOszEwsKi"sche Preis ist an die Lösung folgender Autgabe 
geknüpft worden: die Entwickelung der deutschen Psychologie in 
der Periode, welche annähernd durch den Tod von Christian Wolff 
und das Erscheinen der Vernunftskritik von Kant begrenzt wird. 
soll vorgelegt werden und es soll besonders der Einiluss dieser 
psychologischen Arbeiten auf die Ausbildung der Aesthetik unserer 
classischen Literaturepoche dargestellt werden. 



Preisaufgabe aus dem von MiLoszEWSKi'schen Legat. i 95 

Von den beiden eingelieferten Arbeiten trägt die eine das 
GoETHE'scbe Motto : »das Besondere unterliegt ewig dem Allgemeinen, 
das Allgemeine bat ewig dem Besonderen sieb zu fügen.« Dieselbe 
zeichnet sich durch umfassende Kenntniss der deutschen Psychologie 
und schönen Literatur im 18. Jahrhundert aus. Auch besitzt <I<t 
Autor die für die Lösung der Aufgabe unentbehrliche Kenntniss ihr 
heutigen Psychologie in ausreichendem Grade. Die von ihm gewählte 
dogmatische Anordnung des Stoffs ist zweckmässig. Doch leidet die 
I bersichtlichkeit durch zu grosse Specialisirung dieser Sacheintheilungi 
Der Verfasser erläutert durch ein breites, vielfach schätzenswe.rthes 
Material die Denk- und Arbeitsrichtungen der Epoche, aber die einzelnen 
wirklichen Fortschritte hätten auf dieser Grundlage mit festerer Hand 
registrirt und an diesen entscheidenden Punkten hätte das belegende 
Material gesammelt werden müssen. Die Darstellung ist zwar lebendige 
doch nicht überall bestimmt, klar und knapp genug. So ist dem 
Verfasser vor dem Druck der Arbeit eine Umarbeitung und Zusammen- 
ziehung derselben dringend anzurathen. 

Die andere Abhandlung trägt das Motto aus dem Aesthetiker 
Meier: »die künstliche Aesthetik ist ein philosophischer Commentarius 
zur natürlichen.« Sie gliedert den Stoff nach Personen. In einzelnen 
historischen Blicken, ja in dem intimen geschichtlichen Verständniss 
überhaupt, ist sie der ersten entschieden überlegen, doch steht sie in der 
Kenntniss des literarischen Materials hinter derselben zurück. Werden 
die schönen geschichtlichen Beobachtungen in ihr. die jetzt unfertig und 
vielfach unbestimmt dastehen, zu Reife und Klarheit durchgebildet, so 
wird dieselbe ein sehr nützlicher Beitrag zur Kenntniss der Epoche sein. 

Hiernach erscheinen beide Abhandlungen , obwohl sie die Auf- 
gabe nicht voll und ganz lösen, doch als noch preisfähig. Den Vor- 
zug verdient die erst eharakterisirte mit dem GoETHE"schen Motto 
und ihr wird der Preis zuerkannt. Da alter die andere Abhandlung, 
mit dem MEiER'schen Motto, ihr ganz nahe kommt und die Vollendung 
derselben im Sinne eines später eingelieferten Nachtrages schöne 
Resultate verspricht, so hat auf Antrag der Akademie das vorgesetzte 
Ministerium in dankenswerthester Weise die Ertheilung eines zweiten 
Preises an diese Abhandlung ermöglicht. 

Als Verfasser der ersten Abhandlung nennt sieh 
Dr. phil. Max Dessoir. Berlin. 

Als Verfasser der zweiten 

Dr. Robert Sommer, 
Assistenzarzt an der Pro v. -Irrenanstalt zu Rybnik 0. S. 



79fi Öffentliche Sitzung vom 3. Juli. 

Die philosophisch -historische Classe der Königlichen Akademie 
der Wissenschaften stellt, folgende Preisaufgabe: 

Es soll eine Untersuchung der biographischen Artikel des Suidas 
veranstaltet werden hauptsächlich zu dem Zwecke, die unmittelbar 
benutzten Quellen des Lexikons festzustellen und die Arbeitsweise des 
Compilators aufzuzeigen. Es wird gewünscht, dass eine orientirende 
Zusammenstellung der bisher sicher ermittelten Resultate auf diesem 
ganzen Gebiete gegeben werde. Wie weit die Untersuchung auch 
auf die lexikalischen Glossen und die Primärquellen auszudehnen sei. 
wird dein Ermessen der Bewerber anheimgegeben. 

Die Preisarbeit kann in deutscher, lateinischer, französischer, 
englischer und italiänischer Sprache abgefasst sein. Schriften, die 
in störender Weise unleserlich geschrieben sind, können von der Be- 
werbung ausgeschlossen werden. 

Jede Preisschrift ist mit einem Spruchworte zu bezeichnen, welches 
auf einem beizufügenden versiegelten, innerlieh den Namen und die 
Adresse des Verfassers angebenden Zettel äusserlich wiederholt ist. 
Schriften, welche den Namen des Verfassers nennen oder deutlich 
ergeben, werden von der Bewerbung ausgeschlossen. 

Der Tag, bis zu dessen Ablauf die Einlieferung an die Akademie 
statthaft ist, ist der 31. December 1893. Der ausgesetzte Preis be- 
trägt 5000 Mark. Zurückziehung einer eingelieferten Preisschrift ist 
nicht gestattet. 



Ausgegeben am 10. Juli. 



gedruckt in «Icr Reichsdruckei 



797 
1890. 

XXXV. 

SITZUNGSBERICHTE 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 
10. Juli. Gesammtsitzung. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Curtius. 

1. Hr. Mommsen las über das römisch-gerüianische Herr- 
sche rj ah r. 

2. Hr. von Helmholtz legte vor eine Abhandlung des Hrn. Dr. 
M. Thiesen: Beiträge zur Dioptrik. 

Die Mittheilung erfolgt umstehend. 



Durch Rescript des vorgeordneten Ministeriums wird zur Voll- 
endung des Corpus Inscriptionum latinarum auf drei Jahre (bis Ende 
März 1893) ein Zusehuss von jährlich 7000 Mark bewilligt. 



Sitzungsberichte 1890. 68 



799 



Beiträge zur Dioptrik. 

Von Dr. M. Thiesen 

in Charlottenburg. 



(Vorgelegt von Hrn. von Helmiioltz. 



Vorbemerkungen. 

Unter Dioptrik pflegt man heute die Lehre von der Umformung 
eines Lichtstrahlen - Bündels durch ein Diopter, d. h. durch eine 
Reihe von durchsichtigen Medien zu verstehen, indem man die ver- 
einlachende Annahme macht, dass das Licht sich in Strahlen fort- 
pflanze, welche in demselben optischen Medium geradlinig fortlaufen. 
an der Grenzfläche zweier Medien durch Brechung oder Reflexion ab- 
gelenkt werden, und deren Zusammentreffen stets eine entsprechende 
Vermehrung der Lichtstärke zur Folge hat. Obgleich es unter diesen 
Voraussetzungen nicht schwer fallt, den Gang eines gegebenen Licht- 
strahles durch ein gegebenes Diopter zu verfolgen, so ist doch eine 
eigentliche Theorie nur für einen sehr speciellen Fall vorhanden, 
dessen Behandlung im wesentlichen durch Gauss zu ihrein Abschlüsse 
gelangt ist, für den Fall nämlich, dass das Diopter eine Axe hat, 
und dass die Lichtstrahlen sehr kleine Winkel mit dieser Axe bilden. 
Die Theorie dieses Falles lässt sich dadurch kennzeichnen, dass das 
Diopter nur in seiner Wirkung als Ganzes betrachtet wird, soweit es 
nämlich eine Umformung des in das Diopter eintretenden in das aus- 
tretende Strahlenbündel bewirkt, während der Gang der Lichtstrahlen 
im Diopter selbst unbestimmt bleibt, und dadurch, dass das Diopter 
in dieser Wirkung durch wenige Bestimmungsstücke, seine Haupt- 
ebenen und seine Brennweiten in den angrenzenden Medien ver- 
treten wird. 

Bei der üblichen Behandlung dieses Falles macht man von der 
Eigenschaft des GAUss'schen Diopters Gebrauch, die von einem Punkte 
ausgegangenen Lichtstrahlen stets wieder nach einem Punkte eonver- 
girend zu machen. Da solche conjugirten Punkte 1 »ei andern Dioptern 
nicht oder nur ausnahmsweise vorhanden sind, so haben die nicht 

68* 



800 Gesammtsitzung vom 10. .luli. 

seltenen Versuche, die GAüssische Theorie von der gleichen Grund- 
lage ans zu verallgemeinern, zu keinem befriedigenden Resultate führen 
können. Sucht man aber das Wesen der GAüss'schen Theorie darin, 
dass dieselbe von der nähern Zusammensetzung des Diopters und von 
dem Gange des Lichtstrahls in demselben absieht, dass sie, wie in 
andern fruchtbringenden Theorien der mathematischen Physik, die 
wahre Erscheinung durch eine andere ersetzt, die mit jener an den 
der Beobachtung zugänglichen Stellen zusammenfallt, so ist es leicht, 
eine Verallgemeinerung diu 1 Theorie für beliebige Diopter zu finden, 
in dem man diejenige Grösse sucht, welche das Diopter in seiner 
Wirkungsweise als Ganzes charakterisirt. Da jeder Strahl durch drei 
Variabein vollständig bestimmt wird, so muss es, welches auch die 
Gesetze der Umformung eines Strahlenbündels in ein anderes sind, 
eine Function von sechs Variabein, den Bestimmungsgrössen des ein- 
tretenden und des austretenden Strahles geben, welcher die Rolle 
der Charakteristik zukommt. Es liegt ziemlich nahe, in dem vor- 
liegenden speciellen Falle, in welchem die Umformung der Strahlen 
nur nach den Gesetzen der Licht -Brechung und -Spiegelung erfolgt, 
bei dem Suchen nach einer solchen Charakteristik die Zeit einzufühlen, 
welche das Licht braucht, um von einem Punkte der einen Grenz- 
fläche des Diopters zu einem Punkte der andern Grenzfläche zu ge- 
langen, und es ergibt sich dann sofort, das diese Function von nur 
vier Variabein selbst die gesuchte Charakteristik ist. 

Die Einführung dieser Grösse in die Dioptrik ist allerdings 
nicht neu; namentlich hat Clausus mit ihrer Hülfe einen wichtigen 
dioptrischen Satz bewiesen, unabhängig von den HH. Abbe und 
von Helmholtz, welche denselben etwas früher veröffentlicht hatten. 
Dass man aber meines Wissens noch nicht den Versuch gemacht hat. 
die betreffende Function als Charakteristik einzuführen, liegt wohl 
zum Theil daran, dass dieselbe gerade in dem besonders wichtigen 
Falle entartet, wenn man sie auf conjugirte Punkte bezieht, und dass 
sie daher gerade in dem meist als Ausgangspunkt gewählten Falle 
unbemerkt bleiben musste. 

Ich werde zunächst die Grundlagen der Theorie, welche sich 
aus den vorstehenden Bemerkungen ergibt, kurz auseinandersetzen 
und darauf die Fruchtbarkeit dieser Theorie durch die Anwendung 
derselben auf ein Diopter zeigen, welches eine Axe hat. mit welcher 
die Lichtstrahlen nur massige Winkel bilden. Entwickelt man die 
charakteristische Function nach Potenzen dieser Winkel, so gibt 
die erste Näherung die GAüSsische Theorie, während die folgenden 
Näherungen die bisher noch fehlende Grundlage für eine Theorie der 
Abbildungsfehler von Linsensystemen, namentlich von astronomischen 



Thiesen: Beiträge zur Dioptrik. 801 

und photographischen Objcctiven, sowie für die Prüfung und Con- 
struction solcher Systeme liefern. 

In einer besonderen Veröffentlichung beabsichtige ich eine aus- 
führliehe und erweiterte Darstellung der Untersuchungen zu geben, 
welche hier nur kurz und oft nur andeutungsweise angeführt werden 
konnten. 



Grundlagen der Theorie. 

Der Gang eines Lichtstrahls durch optisch gegebene Medien wird 
durch ein Princip bestimmt, welches gewöhnlich nach Fermat benannt 
wird, aber für Spiegelungen schon auf Heron von Alexandria zurück- 
geführt werden kann, während es andererseits erst später auch auf 
kristallinische Medien ausgedehnt wurde und erst neuerdings durch 
Hrn. Dorn seine ursprünglich zu beschränkte teleologische Fassung- 
verloren hat. Nach diesem Princip verschwindet die Variation der 
Zeit, welche das Licht braucht, um den Weg zwischen zwei Punkten 
zurückzulegen; bezeichnet also ds ein Element dieses Weges, n die in 
der Zeiteinheit zurückgelegte Strecke, so ist der Weg des Lichtstrahls 
durch die Bedingung gegeben 



o = h\nds. 



liier soll das durch (.deichung 1. gegebene Princip in einer etwas 
andern Form benutzt werden. Das Integral, dessen Variation ver- 
schwinden soll, wird nach Ausführung der Integration auf dem durch 
die Bedingungsgleichung vorgeschriebenen Wege eine Function der 
sechs Coordinaten, welche den Anfangs- und Endpunkt des Licht- 
strahls bestimmen. Liegen, wie wir annehmen wollen, diese Punkte 
auf den gegebenen Flächen (i) und (2), so möge das ausgeführte In- 
tegral mit T r , bezeichnet und die Charakteristik des Diopters T2 ge- 
nannt werden: diese Charakteristik ist nun eine Function der vier 
Coordinaten x i , y, , x., , y 2 , welche die Lage der Schnittpunkte des 
Strahls mit den Flächen (1) und (2) bestimmen. Schliesst sich an 
das Diopter 12 unmittelbar das Diopter 23 mit der Charakteristik 
7!,., an, so führt die Forderung, dass die drei durch die Coordinaten 
x i > Vi ■ x i ■ .'/■ ■ •''; • .'/, bestimmten Punkte demselben Strahle angehören, 
durch Anwendung der Gleichung 1. unmittelbar auf die Bedingungen 



802 Gesammtsitzung vom 10. Juli. 

Die Gleichungen 2. erlauben im allgemeinen den Schnittpunkt 
des Strahls mit einer der drei Flächen (1), (2), (3) zu bestimmen, 
falls die beiden andern Schnittpunkte gegeben sind. Sei insbesondere 
das gegebene Diopter 12 auf beiden Seiten von optisch gegebenen 
homogenen Medien begrenzt und ziehen wir in diesen Medien die 
beliebigen Flächen (o) und (3), so sind auch die beiden Charakte- 
ristiken T 0I und T 2i bekannt, wie weiterhin näher ausgeführt werden soll. 
Ist nun in dem ersten Medium ein Strahl gegeben, so sind auch dessen 
Schnittpunkte mit den Flächen (0) und (1) bekannt, und die An- 
wendung der Gleichungen 2. auf die Flächen (o), (1), (2) erlaubt, den 
Schnittpunkt des Strahls mit der Fläche (2) nach seinem Durchgange 
durch das Diopter Ti" zu bestimmen. Eine nochmalige Anwendung 
dieser Gleichungen auf die Flächen (1)9(2), (3) bestimmt dann auch 
den Schnittpunkt mit der Fläche (3) und damit den austretenden 
Strahl selbst. Ist also ein Strahl gegeben, welcher aus einem optisch 
bekannten Medium in ein Diopter von gegebener Charakteristik ein- 
tritt. 'so ist auch der zugehörige Strahl bekannt, welcher aus dem 
Diopter in ein gegebenes Medium austritt, während der Verlauf des 
Strahls in dem Diopter selbst unbekannt bleibt. 

Setzt man die aus den Gleichungen 2. folgenden Werthe von 
x 2 ,y 2 in den Ausdruck T 12 + T 23 ein, so erhält man die Zeit, in welcher 
ein Lichtstrahl das zusammengesetzte Diopter 13 durcheilt, d.h. die 
Charakteristik T,, dieses Diopters als Function der vier Coordinaten 
x t , y x , #., , y,. Man kann also die Charakteristik eines zusammenge- 
setzten Diopters aus den Charakteristiken seiner Componenten ableiten. 

In einem optisch homogenen Medium ist der Verlauf der Licht- 
strahlen ein geradliniger. Bezeichnen daher jetzt x l ,y 1 , ~, und x 2 ,y 2 ,z 2 
rechtwinklige, demselben System angehörige Coordinaten, so wird 
die Charakteristik des von homogener Masse erfüllten Diopters T2 : 



3- T 12 = n l2 Y(x 2 - Xi y + (y 2 - yi f + &-*,)*. 

Die Grössen z 2 und z t sind durch die Endflächen des Diopters 
bestimmte Functionen von bez. x 2 , y 3 und x 1 , y t ; die Grösse n rl kann 
im Allgemeinen noch eine Function der Richtung, d. h. der Verhält- 
nisse # 2 — x l :y 2 — y t :z 2 — c, sein; für isotrope Medien ist sie constant 
und bei passender Wahl der Einheiten dem Brechungscoefficienten 
gleich zu setzen. Damit ist der Weg gezeigt, wie die Charakteristik 
von solchen Dioptern berechnet werden kann, welche aus verschiedenen, 
homogenen, durch gegebene Flächen von einander getrennten Medien 
zusammengesetzt sind. 



Tmiimn: Beiträge zur Dioptrik. 803 

Diopter, welche eine Axe haben. 

Von den vorausgeschickten Grundsätzen soll jetzt Gebrauch ge- 
macht werden, um die Theorie eines Diopters zu entwickeln, welches 
eine Axe hat, und in welchem die Strahlen mit der Axe so kleine 
Winkel bilden, dass sich die Charakteristik nach Potenzen dieser 
Winkel entwickeln lässt. Ich habe die Theorie dieses Falles bis zur 
dritten Näherung ausgearbeitet, will aber an dieser Stelle nur die' 
Formeln mittheilen, welche der ersten und zweiten Näherung ent- 
sprechen. 

Setzen wir 

f\ = < + y\ 
4- pl = x\ + yl 

- k 12 = x t x 2 + y,y 2 , 

so ist in dem vorliegenden Falle die Charakteristik des Diopters 1 2 
eine Function der drei Variabein p] , p\ , x 12 , welche, abgesehen von 
einer nicht weiter in Betracht kommenden Constanten, die Form hat: 

5. T l2 = A 12 p] + B l2 pl + 2C 12 k I2 + D l2 p\ + E l2 pi + 4 F 12 ^ 2 + 2G 12 p\pl 

+ 4H l2 p 2 I K 12 + 4,/ i: ,p; jc,., . 

Die Constanten A l2 u. s. w. können zunächst leicht für den Fall be- 
rechnet werden, dass das Diopter von optisch homogener Masse er- 
füllt ist. Die Rotationsflächen, welche das Diopter begrenzen, mögen 
durch die Relation gegeben sein 

6. z = a + l>p~ + cp* , 

wo allen Grössen der Index beizufügen ist, welcher sie auf die be- 
treffende Fläche bezieht. Setzt man noch 



und entwickelt die Wurzelgrösse in 3. nach absteigenden Potenzen 
von e l2 , nachdem man die z,y,x durch die Gleichungen 4. und <i. 
eliminirt hat, so erhält man unter Fortlassung der selbstverständlichen 
Indices 1 2 für ein isotropes Medium 



A = 



&-) 



8. 



B = n\ + b. 

\ 2? 

2e 

\ 8 e 3 2 e- J 



804 Gesammtsitznng vom 10. Juli. 

E 



~ n {i? + h- c ) 



F=- — = - — 

8e 3 4* 2 

\8e 3 4?- J 

*=-(£— M = 

\86> 3 4e 2 / 



4^ 



J= — ! 

4r 

Sind die Flächen Kugelflächen mit dem Radius r, dessen Zeichen 
passend zu bestimmen ist, so wird 

2 7' 

" = "=873- 

Wäre das Medium des Diopters ein einaxiger Krystall, dessen 
Axe mit der Axe des Diopters zusammenfällt, so könnte man für 
den extraordinären Strahl setzen: 

o , >fi + pl + 2 K <2 , n " W + Pl + 2 x ™) 2 

n = n° + n r - v — 1 

e- 2 e 4 

Die Constanten ergäben sich dann leicht durch Multiplication dieses 
Ausdruckes mit der entwickelten Wurzelgrösse in 3. 



Erste Näherung (GrAüss'sche Dioptrik). 

Wir behalten zunächst nur die ersten Potenzen der Grössen 
p\ , pl , x,, bei und erhalten dann leicht die bekannten Gesetze der 
Gauss': sehen Dioptrik. 

Für zwei hintereinander liegende Diopter 1 2 und 2 3 erhält man 
durch Anwendung von 2. 

1 o. i>, 3 #, = C l2 x t + C 33 x 3 , 

wo zur Abkürzung gesetzt ist : 

11. v, 3 = B 12 + A 2 . . 

Eine ähnliche Gleichung wie 10. gilt für die y. 
Hieraus folgt 

Ai ?l = tfitf + C23P3 — 2 C ^- C n K n 

12. v 13 x 12 = —c tI pi + c 23 x n 

"13*23 = ~~ '-"23 P3 + t/|2 X I3 • 



Thiesen: Beiträge zur Dioptrik. 805 

Setzt man diese Werthe in T l2 + T 23 ein, so ergibt sich die Charak- 
teristik des zusammengesetzten Diopters i 3 

13. T 13 = A l3 p* + B liP l+2C n K l3 , 

wo 

A -A -*L 

•4- B l3 = B 23 -^ 

".3 
r c 

y~l ^12 ^23 

o, 3 — . 

"-.3 

Die wiederholte Anwendung der Gleichungen 14. erlaubt die Charak- 
teristik eines beliebig zusammengesetzten Diopters zu berechnen. 

Ist das Diopter 23 unendlich dünn d. h. ist e 2J = o, so werden 
die Grössen A 23 , -B,., , < ',., unendlich ; doch bleiben die Gleicbungen 1 4. 
noch bestehen. Ihre Entwickelung gibt, n 2J als constant vorausgesetzt, 

A l3 = A l2 
15. 2?, 3 = B, 2 + n 23 (b 3 — b 2 ) 

C 13 = C I2 . 
Geht man in derselben Entwickelung noch einen Schritt weiter 
und setzt man e 23 = dz, b 3 — b 2 = db, A l3 — A l2 = dA u. s. w., so 
erhält man für den Fall, dass die optischen Constanten des Diopters 
sich continuirlich ändern, Differentialgleichungen, deren Integration 
die Constanten A, B, C zu bestimmen erlaubt. 

Ein wichtiger Ausnahmefall bei der Berechnung zusammengesetzter 
Diopter tritt ein, wenn v 1} verschwindet. In diesem Falle erhält man 
an Stelle der Gleichungen 10. und 12. 



^3 _ Vi Pi _ x n _ C 12 _ 

— — _ y,, . iui v 13 

Xi Vi P. ".2 C23 



Diese Gleichungen sagen aus , dass die beiden Grenzflächen des Diopters 
zu einander conjugirt sind und dass das in einer Grenzfläche (1) des 
Diopters vorhandene Object in der anderen Grenzfläche (3) geometrisch 
ähnlich mit der Vergrösserung y„ abgebildet wird. Die Gleichungen 
16. bleiben, wie aus den Gleichungen 15. folgt, ungeändert, wenn 
man die wahren Endflächen des zusammengesetzten Diopters durch 
andere dieselben berührende Flächen z. B. die berührenden Ebenen 
ersetzt; man kann also bei dieser Näherung stets von einer Krüm- 
mung der Object- und Bildebenen absehen. 

Die Charakteristik geht in diesem Ausnahmefalle über in 

16. T I3 = A, 2 p\ 4- 5„ p 2 3 = — fA t3 x„ = y, 3 ß n p] = — 3 p\ , 

7i 3 



80() Gesammtsitzung vom in. Juli. 

wo die neu eingeführte Grösse 

18. \x , 3 = — - + y n B n 

der Modul des Diopters T3 genannt werden soll. Die beiden Con- 
stanten y,, und u,.. genügen in dem Ausnahmefall zur Charakte- 
risirung des resultirenden Diopters. 

Die Zusammensetzung eines Diopters 12 mit conjugirten End- 
flächen mit einem Diopter 23 ergihl wieder ein gewöhnliches Diopter 
oder ein solches mit conjugirten Endflächen, je nachdem 23 ein ge- 
wöhnliches Diopter oder ein solches mit conjugirten Endflächen ist. 
Im ersten Falle erhält man 

1 9 . r i3 = (A 2i 7? 2 — 7,2 ^2) P? + B 2i pl + 2 y l2 C, 3 x, 3 

im zweiten Falle wird 

7,3 = 7,2 723 

20. |W, 2 

M-I3 = 1-^3 7l2 

- 72 3 

Wir behandeln jetzt den Fall, dass ein Diopter 12 mit ge- 
gebener Charakteristik von beiden Seiten von homogenen isotropen 
Medien begrenzt wird. In diesen Medien ziehen wir senkrecht zur 
A.xe die einander conjugirten Ebenen (o) im ersten und (3) im zweiten 
Medium, wir führen ferner eine etwas einfachere Bezeichnung ein, 
indem e statt e 01 , c' statt r.,... n statt ra 0I , n' statt n 23 gesetzt wird. 
Der Einfachheit wegen nehmen wir ferner an, dass das Diopter 12 
durch Ebenen begrenzt sei, ist diess nicht der Fall, so ist in den 
folgenden Gleichungen A l2 durch A^ + nb, und B l2 durch B l2 — n'b 2 
zu ersetzen, wie aus den Gleichungen 15. unmittelbar folgt. 

In dem vorliegenden Falle wird 

^01 = -"o, = Coi = ~~~ 

■!/■ 

■°-23 -"23 ^23 1 ' 

Bildet man nun mittelst 14. entweder die Constanten des Diopters o~2 
oder diejenigen des Diopters 13 und stellt dann die Bedingung dafür 
auf, dass die Ebenen (o) und (3) conjugirt sind, indem man entweder 
A^. + B 02 oder A, 3 -\-B 02 verschwinden lässt, so erhält man die Grund- 
formel der GAUSs'schen Dioptrik 

a„+-)(b, 






Thiesen: Beiträge zur Dioptrik. 807 

Ferner ergibt sieh für die Vergrösserung und den Modul des Diopters 
03 unter Fortlassung der Indices 

ne C 12 ne ie 

11 e . n 11 e < ',, 

ie 

A 12 B I2 -C? 2 

23 - ß= — ^~ 

Der Modul wird also von der Grösse t oder e ganz unabhängig, 
ebenso auch bei ebenen Endflächen des Diopters 12 von den Brechungs- 
coeflScienten der anstossenden Medien. 

Den Gleichungen 21. und 22. kann man leicht die bekannten 
einfachen Formen geben. Setzt man 

B, 





/ 


= 


2jX 




''- f = -^t 


24. 


/' 


= 


n 

2fX 




2 fX C I2 




/' 


= 


e + h 




q = e + h-f 




P 


= 


e + h' 




q' = e' + h'+f 


so wird 












2 5- 








f_ 

P 


P 


26. 








qq' 




27. 











np' 
n'p 


28. 


7 = 




1 




q n 2ßq' 
f ~ 2^g n' 



Betrachtet man zwei benachbarte Strahlen , welche von demselben 
Punkte der Ebene (o) ausgehen und sich daher wieder in einem Punkte 
der Ebene (3) treffen, so erhält man durch Differentiation von 10. 

dx l v, 3 
dx 2 C, 2 

e 
und nach Multiplication mit -- bei Benutzung von 22. 

dx, e' n 

e dx 2 n 

Diese Gleichung führt leicht auf den Satz, dass die Divergenz eines 



S08 Gesammtsitzung vom 10. Juli. 

Strahlenbündels multiplicirt mit dem Brechungscoefncientcn und der 
Bildgrösse constant bleibt. 

Damit sind alle Fundamentalgleichungen der GrAuss'schen Dioptrik 
abgeleitet. 

Zweite. Näherung. 

Wir berücksichtigen jetzt auch die zweiten Potenzen der Grössen 
f und x und berechnen mittelst der Grundgleichung 2. die Charakte- 
ristik eines aus zwei Dioptern 1 2 und 23 zusammengesetzten Diopters 1 3. 

Die Gleichungen 2. nehmen jetzt die Gestalt an 

30. x 2 II = x l I-\- x 3 III, 

wozu eine entsprechende Gleichung für y statt .r kommt und wo: 

II = u n + 2 \G 12 p\ + (E l2 + D 23 ) pl + G 2 , p\ + 2 J l2 k„ + 2# 23 x 23 j 

31. J = C J2 + 2 j# I2 rf + J„ pl + 2 F 12 k 12 \ 
III = C 23 + 2 jÄ 3 pl + J 23 p* + 2F 23 x 23 j . 

Man kann durch die vorstehenden Gleichungen pl , x r2 und jc„ 
durch die Grössen p,, p 3 , x,„ ausdrücken und erhält, wenn man jetzt 
die Werthe dieser Grössen in T I2 + T 23 einführt, T l3 als Function von 
p\ , p 3 , je,,. Doch erspart man die angedeutete Rechnung durch die 
Überlegung, dass in T l3 die Coefficienten der Quadrate und Potenzen 
der Abhängigen, soweit sie nicht in die Grössen D 12 , D„, E I2 , E 23 u. s. w. 
multiplicirt sind, nur von dem Ausdrucke v l3 p\ + 2C l2 x l2 -f- 2C 23 x 23 
herrühren können, dass aber auch dieser Ausdruck solche Glieder 
nicht liefert, weil die unmittelbar aus 30. folgende Beziehung 

o = pl II+k 12 I+ x, 3 III 

gilt. Es ist daher gestattet, die Grössen pl , x„ , x 23 durch die Glei- 
chungen 12. in T l2 + T 2i zu ersetzen, und man erhält sofort: 

Z>, 3 = D l2 - 4*H l2 + icc (6\ 2 + iF l2 ) - 4*?J l2 + ** (E n + D 23 ) 

E s3 = E 23 - 4ßJ v + 2P {G 23 + zF 23 ) - 4&H 2J + fr(E n + D 23 ) 

F l3 = o?F 23 + &F a - 2**ß H 23 - 2*/3 2 J, 2 + ffr (E l2 + D 23 ) 

G l3 = et G 23 + ß 2 G l2 - 2x*ßH 23 - 2uß*J l2 + «rß 2 (E l2 + D 23 ) 

H l3 = ßH l2 -uß(G I2 + 2F l2 ) + c i?H 23 +^ßJ l2 -ot?ß(E l2 + D 23 ) 

J,, = aJ 2J - *ß(G 23 + 2F 23 ) + &j„ + 3uß*H 23 -*&(E l2 + D 23 ). 

Dabei ist zur Abkürzung gesetzt 



32- 



c c 

33. * = — ; P — — 

'13 '13 



In dem besonderen Falle, dass das zweite Diopter 23 unendlich 
dünn ist. erhält man 



Thiesen: Beiträge zur I > i ■ > | > 1 1 i 1< . 809 

A 3 =A, 

E t . = E l2 + — - (6, - 6.) + n„ (c, - c 2 ) 



n, 



K = F. 



34 ' G 13 =G I3 + 5?(6 2 -6,) 

A3 = Aa 

j; =j i2 + ^Si { b 2 - 63). 
«», 

Ist im Ausnahmefall v,, = o, so gestatten die Gleichungen 30. 
und 31. nicht mehr, die Coordinaten der Fläche (2) als Functionen 
der Coordinaten der Flächen (1) und (3) zu bestimmen, dagegen 
kann man z. B. die Coordinaten der Fläche (3) durch die Coordinaten 
der 1 iciden andern Flächen bestimmen. Man findet leicht 

35. x 3 = x, l7-öp?-3/>a- 2 3*.J +*i i®rf + ££+ »3*»! 

eine Gleichung, die auch gilt, wenn man x durch y ersetzt, und in der: 
<Z=2(E 12 + D 23 ):C 23 
Z=2(F I2 + y*F 23 ):C 23 

36. ® = 2(G l2 + y*G 23 ):C 23 
& = 2(H I2 + yiJ 23 ):C 23 
% = 2(J 12 + yH 23 :C 23 . 

In zweiter Näherung findet demnach eine scharfe geometrisch 
ähnliche gegenseitige Abbildung der Flächen (1) und (3) nur dann 
noch statt, wenn die fünf Grössen £ , Jv , © , £ > 3 sämmtlich ver- 
schwinden. Wir werden diese Grössen die Allbildungsfehler nennen 
und mit ihren betreffenden Buchstaben bezeichnen. 

Ersetzt man die Fläche (3) durch eine sie berührende alter anders 
gekrümmte Fläche, so ändern sich, wie die Gleichungen 34. zeigen, 
nur die Grössen E 23 ,G 23 ,J 23 , und daher nur die @- und .sv Fehler. 
Denkt man sich die Fläche (1) anders gekrümmt, so ändern sich nur 
D n , G l2 , H l2 ; also wieder nur die @- und §- Fehler. Der ^-Fehler 
nimmt insofern eine ganz besondere Stellung ein, als sein Vorhanden- 
sein nicht einen Mangel an Schärfe in der Abbildung, sondern nur 
einen Mangel an Proportionalität der Dimensionen der auf die #y- Ebene 
projicirten Bild- und Object- Ebenen, einen Mangel an Orthoskopie 
kennzeichnet. Der ©-Fehler ist der eigentliche Krümmungsfehler, 
der zum Verschwinden gebracht werden kann, wenn man der Bild- 
oder Object -Fläche eine andere Krümmung gibt. 

Die drei übrigen von der Krümmung unabhängigen Fehler sind 
dadurch gekennzeichnet, dass sie bewirken, dass ein Punkt der Object- 



blO Gesanimtsitzung vom 10. Juli. 

ebene in der Bildebene zu einer Fläche ausgebreitet wird, deren 
Dimensionen mit den Dimensionen des Objectivs wachsen. Der 
©-Fehler, unter dem Namen der sphaerischen Abweichung bekannt 
und bisher am meisten untersucht, verursacht eine Ausbreitung, welche 
an jeder Stelle der Bildebene die gleiche ist und mit der dritten Potenz 
der Übjectivöflhung wächst, die 3" un( l 3 -Fehler verschwinden in 
der Mitte der Bildebene und sind den zweiten bez. ersten Potenzen 
der Objectivöffhung und den ersten bez. zweiten Potenzen der Abstände 
des abgebildeten Punktes von der Axe proportional. Diese Fehler 
sind wenig merklich bei astronomischen Fernröhren, deren zu Messungen 
benutztes Gesichtsfeld sehr klein bleibt, gewinnen aber an Bedeutung 
bei Instrumenten wie das Heliometer und namentlich die neueren 
photographischen Fernröhre, für die ein grosses Gesichtsfeld ge- 
fordert wird. 

Wir behandeln jetzt in zweiter Näherung den praktisch wichtigen 
Fall , dass ein gegebenes Diopter 1 1 von beiden Seiten von isotropen 
Medien begrenzt wird, in welchen die zu einander conjugirten Ebenen 
(o) und (3) liegen. Um möglichst einfache Ausdrücke zu gewinnen, 
nehmen wir an, dass das Diopter 1 2 nicht auf seine wahren Endflächen, 
sondern auf die durch seine Brennpunkte gelegten Ebenen bezogen 
sei; es ist dann A I2 = o, B 12 = o, C l2 = — \x zu setzen und der Abstand 
zwischen den Ebenen (o) und (1) ist durch q, der Abstand zwischen 
den Ebenen (2) und (3) durch q zu bezeichnen. Zwischen den q und 
q herrschen die Beziehungen 26. und 28. Berücksichtigt man nun, 
dass die Constanten zweiter Ordnung des Diopters 23 sich sämmtlich 

auf - — r reduciren, und dass cc = fo, 7=1 wird, so erhält man 
8g- 3 

zunächst mittels 32. für die Constanten des zusammengesetzten Diopters 

T3 die Werthe 



= D l2 - 4 yH l2 + 2 7 2 {G 12 + 2F n ) - 47 3 J l2 + Y 



(«.-£) 



E n = E l2 

F 13 = F lt - 27 J 12 + rE l2 

Gr I3 = G l2 — 27 J 12 + y 2 E l2 

H t3 = H l2 ~y(G l2 +2F 12 )+ 3 fJ t2 -yiE l2 

Jii — J,2 — yE 12 . 

Setzt man jetzt die Diopter öT, deren Constanten zweiter Ordnung 

sämmtlich den Werth — — — haben, und TT zu einem Diopter 03 mit 

8r/ D r 

conjugirten Endflächen zusammen und berechnet mittels 36. die Fehler 
dieses Diopters bezogen auf die Zwischenebene (1), so erhält man 



Tiuim n: Beiträge zur Dioptrik. 811 






2f/" 2jtT 

ra' 2 



L% = -±\F l2 -2yJ 12 + y 2 Ej-^v 

-L © = - — j <? M - 2yJ 12 + fE 12 j - ~ 7 

7- \x { \ n 

7 3 M ( ^ n- 

-% = --\H I2 -v(G I2 +2F l2 ) + 3 y>J t2 -yiE l2 \ %f 
7^( ) n 

Die Gleichungen 37. zeigen, in welcher Weise die Abbildungs- 
fehler eines Linsensystems, welches hier durch das Diopter 12 reprae- 
sentirt wird, von den Constanten des Systems und von der Vergrösse- 
rung 7 abhängen, bei welcher das System benutzt wird. Kennt 
man die fünf Fehlergrössen für eine bestimmte Vergrösserung, ausserdem 
den durch die Brennweiten gegebenen Modul und noch eine Consta nte 
des Systems, so ist dasselbe in Bezug auf seine Abbildungsfehler mit 
der hier festgehaltenen Näherung vollständig bestimmt; es ist hiermit 
der Weg gezeigt, wie ein Objectiv mit Hülfe von endlich entfernten 
Objecten auf seine Brauchbarkeit für die Abbildung unendlich ent- 
fernter Objecte geprüft werden kann. 

Wie die Gleichungen ferner zeigen, verschwindet jeder der fünf 
Fehler für gewisse Werthe der Vergrösserung 7 und zwar der .\V Fehler 
nur einmal, der J- un d ©-Fehler zweimal, falls nicht etwa die be- 
treffende Gleichung imaginäre Wurzeln hat, der 3"F e l 1Kn * dreimal, 
der S- Fehler viermal unter derselben Voraussetzung. Man schliesst 
hieraus leicht, dass es unmöglich sei, ein körperliches Gebilde, welches 
sich in einem optisch -homogenen Medium befindet, in einem ähnlichen 
Medium scharf abzubilden. 

Die Frage, ob es möglich sei, zwei Ebenen fehlerfrei aufeinander 
abzubilden, ist von Hrn. Abbe verneint worden. Derselbe gibt an, 
dass mit einer scharfen Abbildung stets eine ganz bestimmte Verzerrung 
des Bildes, also ein bestimmter §- Fehler verbunden sei. Indessen 
dürfte die von Hrn. Abbe nur angedeutete Herleitung dieser Behauptung 
auf einer Verwechselung zweier verschiedener Winkel mit einander 
beruhen, von Winkeln, deren Scheitel in der Bild- und in der Object- 
ebene liegen und deren Sinus nach einem von Hrn. Abbe zuerst ver- 
öffentlichten Satze bei scharfer Abbildung einander proportional sein 
müssen, mit Winkeln deren Öffnung in den betreffenden Ebenen liegt 
und deren Tangenten bei geometrisch ähnlicher Abbildung einander 
proportional werden. In Wirklichkeit liegt kein Hinderniss vor, ein 



812 Gesammtsitzung vom 10. Juli. 

Diopter zu berechnen, für welches bei einer bestimmten Vergrösserung 
die fünf Fehler sämmtlich verschwinden, und diess gilt unzweifelhaft auch 
für die Fehlergrössen, welche bei weiter getriebener Annäherung auftreten, 
nur wird das betreffende Diopter dann mehr und mehr complicirt. 

In dieser Beziehung sei noch folgendes bemerkt. Wie aus den 
Gleichungen 34. und 36. unmittelbar folgt, kann der (£- Fehler unab- 
hängig von allen übrigen geändert und zum Verschwinden gebrachtwerden, 
wenn bei einer der Linsenflächen, d. h. der ZwischenÜächen, welche 
Medien verschiedener Brechbarkeit von einander trennen, das c oder 
die Abweichung von der Kugelgestalt geändert wird. Ferner kann 
man die ©- und 3 "Fehler unabhängig von den $~ unu £1- Fehlem 
durch Änderung der Linsenkrümmungen oder Einschaltung unendlich 
dünner Diopter ändern, falls bei diesen Änderungen die Abbildung 
der Object- und Bildflächen auf einander und die Vergrösserung in 
erster Näherung gewahrt bleibt. Das einfachste Diopter, für welches 
die JV und §- Fehler bei einer bestimmten Vergrösserung verschwinden, 
ist die coneav-convexe dicke Linse mit gleich gekrümmten Endflächen, 
geht man von einem solchen Diopter aus, so kann man durch die an- 
gedeuteten successiven Änderungen zunächst die ©- und 3" Fehler 
und dann noch den 6 -Fehler beseitigen und so zu einer fehlerfreien 
Abbildung gelangen. 

Bei optischen Messinstrumenten ist es besonders wichtig, die 
Lage der Helligkeitsschwerpunkte der Lichtflecke zu kennen, welche 
in der Bildebene einzelnen Punkten der Objectebene entsprechen. 
Gehen wir auf Gleichung 35. zurück und nehmen an, dass sich in der 
Zwischenebene (2) ein Diaphragma befindet, welches die von dem 
Objectpunkte ausgehenden Strahlenbündel begrenzt, so kann man die 
Coordinaten des Helligkeitsschwerpunktes durch Integration über die 
freie (')ffnung des Diaphragmas erhalten; Unterschiede in der Helligkeit 
der einzelnen Theile des Diaphragmas kommen erst bei der folgenden 
Näherung in Betracht. Wir berücksichtigen ferner, dass die Ein- 
stellung im allgemeinen nicht in der hier als Bildebene definirten, 
sondern in einer Fläche (4) erfolgt, und nehmen an, dass die Flächen 
(2) (3) (4) Ebenen sind, die in demselben Medium in den Abständen e 
und e von einander liegen. Dann wird 

e + e s 

J/j JUn X n 

C i € ' 

und die Gleichung 35. geht über in 

e ' \ ) 



e + e 



["hiesen: Beiträge zur Dioptrik. 813 

Wir nehmen jetzt an, das Diaphragma habe die Form eines 
Halbkreises, setzen x 2 = p 2 cos <p 2 , y 2 = p, sin <p 2 , nehmen das Mittel 

für alle <p 2 zwischen o und - untl das Mittel für alle p\ zwischen o 
und p\ und erhalten als Coordinaten der Lichtschwerpunkte 

*i , 7 X>fx ~3P» + — Ott fr 



e + e ' ' 37T 

4 
e 4- e "' ( 3 71 " 



39- y 4 = rr~. y. \y — ^P> - '3 fr + — &/. fr ( 



e G, K 1 2 2 E ) 

+ - ^ — %fi + — <£pl - 

^ 4- £ TT ( 3 5 3 e ' 

Für den andern Halbkreis kehrt sich das Zeichen der in p 2 multi- 
plicirten Glieder um, für den Vollkreis verschwinden diese Grössen. 
Es wird damit die Wichtigkeit auf's neue klargelegt, l>ei optischen 
Messwerkzeugen eine unbedeckte Öffnung zu haben. 

Die hier angeführten Beispiele dürften genügen, auch die prak- 
tische Bedeutung der Theorie klar zu legen. 



Sitzungsberichte 1890 69 



8 1 5 



Über absichtslose Missethat im altdeutschen 
Strafrechte. 

Von IIkinkich Brunner. 



(Vorgetragen am 13. März [s. oben S. 255].) 



I. 

Am den auffallendsten Eigentümlichkeiten des germanischen Strafrechts 
gehört die Behandhing der absichtslosen Missethat. Missethal wurde 
begangen durch rechtswidrige Zufügung eines Übels. 1 Audi wer das 
Übel ohne Absicht und ohne Fahrlässigkeit verursacht hatte, haftete 
für seine That als Missethat. Die Thal tödtet den Mann, sagt ein 
deutsches, le fait juge l'homme, ein französisches Rechtssprichwort. 

Wie jedes Strafrechl is1 auch das germanische Strafrecht generell 
darauf angelegt im Verbrechen den verbrecherischen Willen zu strafen 
und ferne steht ihm der Grundsatz strafen zu wollen, wo es keinen 
Willen, keine Schuld sieht. Allein das jugendliehe Recht begehrt 
den sichtbaren sinnlichen Ausdruck de^ verbrecherischen Willens und 
sieht ihn in dein schädlichen Erfolge der That. Es verhängt daher 
keine Strafe wo ein Übel nicht verursacht wurde. Der Versuch 
bleibt straflos, denn »man kann falschen Muth nicht sehen, wenn 
die That nicht dabei ist«." Andererseits wird gemäss dem formellen 
Zuschnitte der ganzen Rechtsordnung 3 aus dein schädlichen Erfolg 
mit einer Logik, welche blind ist gegen die Lage des einzelnen 
Falles, auf das Dasein des verbrecherischen Willens geschlossen. In 
ähnlicher Weise galt dem germanischen Rechtsgang das Wort als 
der Ausdruck des Willens, ohne dass auf den Mangel des Willens 
Rücksicht genommen wurde, wenn Wort und Wille sich nicht deckten. 
Wie der Rechtsgang im Worte, sieht das Strafrecht im Werke das 



1 Über <!>'n germanischen Begriff dei Missethal vergleiche die gedrängte und 
inhaltvolle Darstellung bei min Amira. Abschnitt Recht in Paul's Grundriss der ger- 
manischen Philologie II. i. 8.171(1890). 

'-' Graf und Dietherr, Deutsche Rechtssprichwörter S 

3 Näher ausgeführt in meiner Deutschen Rechtsgeschichte I 1 1 1 I'. 

69* 



816 Gesammtsitzung muh 10. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

Wollen. Gleich dem Rechtsgang bekundet auch das Straf recht einen 
starren Formalismus in der typischen Behandlung des Willens. 

Dieser Formalismus des Strafrechts zeigl sich in der nordischen 
Göttersage, welche auch die dritter für ungewollte Thaten büssen 
lässt. Allbekannt ist der Mythus, nach welchem Baidur durch den 
Mistelzweig getödtet wurde, den der blinde Hödur auf Lokis Rath 
gegen ihn abschoss. Dem Thäter fehlte nicht nur die böse Absicht, 
man wird nicht einmal von einer Fahrlässigkeit sprechen können, 
da den Äsen, die Baldur's Unverwundbarkeit prüften, bekannt war. 
dass Frigg ihm von allen Wesen Sicherheit ausgewirkt habe und 
die NichtVerpflichtung der Mistel ihnen ein Geheimniss geblieben 
war. Nichtsdestoweniger gill Hödur's That für eine solche, welche 
die Rache herausfordert. Noch will ich wissen . fragf Odin die 
Seherin nach einem der ältesten Eddalieder 1 : Wer wird an Hödur 
Rache gewinnen und Baldur's Mörder (bana) auf den Scheiterhaufen 
bringen? Der Bücher war Wali, Baldur's nachgeborener Bruder, der 
die Hand nicht wusch und das Haar nicht kämmte . ehe er die 
Hache vollzogen und Baldur's Mörder (handbana) erschlagen hatte'" 1 . 
Höchsl bezeichnend ist es. dass die Snorra Edda sich veranlasst 
sieht, zu erklären, gewissermaassen zu entschuldigen, weshalb die 
versammelten Äsen an Hödur nicht sofortige Rache nahmen. Ab 
Baidur gefallen war. heisst es in Gylfaginning 50, standen die Äsen 
alle wie sprachlos und gedachten nicht einmal ihn aufzuheben. Einer 
s;ih den anderen an: ihr aller Gedanke war wider den gerichtet, 
der diese That vollbrachl hatte. Aber sie durften sie nicht rächen. 
Es war an einer heiligen Friedensstätte '. 

Ein verwandter Fall, in welchem unverschuldete Tödtung ge- 
sühnt werden muss, findet sich in dem zweiten Liede von Sigurd, 
dem Fafnirstödter. Von Odin und Hönir begleitet, hatte Loki 
durch einen Steinwurf eine Otter getödtet, welcher die Äsen den 
Balg abzogen. Sie ahnten nicht, dass es der Sühn Hreidmar's war, 
der die Gestall einer Otter angenommen hatte. Dennoch müssen sie 
dem Hreidmar die absichtslose Tödtung seines Sohnes büssen. indem sie 
das Otterfell innen mit Gold ausfüllen und von aussen damit liedecken. 1 

Einen hochtragischen Conflict gewinnt aus der Strafbarkeit der 
ungewollten Tödtung das angelsächsische Heldengedicht Beowulf. 5 

1 Vegtamskvida 10. Sophus ISu^lm'. Norruen Fornkvaedi, Christiania 1867, S. 1 17 

2 Hyndluljöd 29, Bugge a. O. S. 159. 

3 Edda Snorra Sturlusonar ed. Jönsson 1875, S. 59. Vergl. Gylfaginning 34, wo 
dieselbe Reflexion es erklären will, weshalb die Asch den Wulf nicht tödteten. 

1 Sigurdarkvida Fäfnisbana 2, Buggi a. <>. S. 212. Vergl. Grimm, Rechts- 
alt er t hü mer S. 670. 

"' Ed. Heyne, v. 2 430 IV. 



Brunner: Über absichtslose Missethat im altdeutschen Strafrecht. Sil 

Von den drei Söhnen des Geatenkönigs Hredel hatte der zweite, 
Hsedcyn, das Unglück, seinen älteren Bruder durch einen Pfeilsehuss 
zu tödten, der das Ziel verfehlte. Das bereitet dem Vater schweren 
Harm. Denn der Tod des Edeling fordert Sühne. Aber zu grauen- 
voll dünkt es dem König, dass sein zweiter Sohn auf dem Galgen 
reite und den Raben zum Rauh werde. In dieser Seelenqual wird 
Hredel trübsinnig und wählt den 'Tod. Nach der Auffassung des 
Gedichtes hatte Ihedeyn den Tod verdient. Er hatte mit Frevel 
gesündigt. Seine That galt für unsühnbar. 

Dass die Götter- und Heldensage eine uralte Rechtsüberzeugung 
des Volkes wiederspiegelt, bestätigen vereinzelte Aussprüche der 
Rechtsquellen, sei es nun, dass sie das alte strenge Recht mit Be- 
wusstsein festhalten, sei es, dass sie uns einen Einblick gewähren 
in den unablässigen Kampf, welchen strenges Recht und Billigkeit 
in der Behandlung der ungewollten Missethat zu kämpfen hatten. 
Dabei sind es weniger die Volksrechte der fränkischen Zeit, als viel- 
mehr jüngere Quellen, in welchen die ursprüngliche Rechtsauffassung 
am klarsten hervortritt, eine Erscheinung, die sich daraus erklärt, 
dass man bei der Aufzeichnung der Volksrechte nur solche Fälle 
hervorzuheben bestrebt war. in welchen das alte Recht eine Milde- 
rung erfuhr, oder dass die Rechtsüberzeugung des Volkes durch die 
vorgeschrittene Theorie des Gesetzgebers überholt, aber nicht auf 
die Dauer überwunden worden war. 

Von den deutschen Volksrechten enthält die Fex Baiuwariorum 
eine Bestimmung, aus der sich ergiebt, dass im bairischen Rechte 
der Fall der Abirrung gleich der gewollten That behandelt wurde. 
Wer den Leichnam eines Menschen verletzt, den ein anderer getödtet 
hat, sei es nun. dass er ihm das Haupt oder den Fuss oder das 
Ohr abhaut oder dass er ihm die geringste Blutwunde beibringt, 
verbricht eine Busse von zwölf Schillingen.' Die Lex setzt nun den 
Fall, dass die Leiche eines Ermordeten von Geiern oder anderen 
Aasvögeln entdeckt wird und diese sieh darauf niederlassen . um sie 
zu verzehren. Jemand sieht dies und schiesst einen Pfeil ab, um 
einen der Vögel zu erlegen, trifft aber die Leiche, so dass sie ver- 
wundet wird. Dann hat der Schütze die Zwölfschillingsbusse ver- 
wirkt 2 , ein Rechtssatz, der voraussetzen lässt, dass auch die Ver- 
wundung, die der abirrende Pfeil einem Lebenden beibringt, gleich 
der gewollten Verwundung geahndet wurde. 

Ein Gesetz Roger' s von Sicilien, das der ersten Hälfte des zwölften 
Jahrhunderts angehört, bestimmte vermuthlich unter dem Einfluss 

1 Lex Baiuw. 19, 6. 
'-' Lex Baiuw. 19, 5. 



818 Gesammtsitzung TOtn 10. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

normannischer Rechtsanschauung: qui de alto so ipsum precipitat et 
hominem occiderit el ramum incautus prohiciens non proclamaverit 
seu lapidem ad aliud Lecit hoininemque occidit, capitali sententia 
feriatur. 1 Die Stelle ist um so beweiskräftiger, als sie ihren Wort- 
laut zum Tlieil den Digesten entlehnt. 2 Während aber die Vorlage, 
eine Stelle des Paulus, die zwei erstgenannten Fälle erwähnt, um 
auszuführen, dass nur der dolus und nichl auch lata culpa der An- 
wendung der Lex Cornelia Raum gehe, 3 schreibt die normannische 
Constitution die hei Paulus ausgeschlossene Todesstrafe vor und dehnt 
sie auf den Fall der Abirrung aus. 

Einen merkwürdigen Rückschlag hatte das westgothische Hecht 
durchzumachen. Die Lex Wisigothorum unterscheide! bereits zwischen 
Fällen gewollter und ungewollter Tödtung, stellt aber für diese ge- 
künstelte Normen auf.' Wohl weil sie nichl genügten, bestimmte 
Wamba in einer Satzung, die freilich der Lex nichl einverleibt 
worden ist: ut quicumque deinceps occideril hominem. si volens aut 
nolens homicidium perpetraveril . . in potestate parentum vel propin- 
quoruin defuncti tradatur. 5 

Vereinzelte Rechtsquellen halten das strenge Recht theoretisch 
aufrecht, stumpfen es aber dadurch ah. dass sie seine Anwendung an 
kaum erfüllbare Bedingungen knüpfen. Line berühmte Stelle des 
Pactus Alamannorum giebl für den Fall, dass jemand durch den 
Hund eines anderen todt gebissen wurde, dein Bluträcher den un- 
bedingten Anspruch nicht auf das ganze, sondern nur auf das halbe 
Wergeid. Verlangt er aber das ganze, so soll er es haben, jedoch nur 
wenn er duldet . dass ihm der Hund über der Schwelle der Eingangs- 
thüre aufgehängt werde und dort so lange hängen bleibt, l>is er ab- 
gefault ist." Wer von einem Baume fällt und herabstürzend einen 
Menschen tödtet, soll nach den sogen. Leges Henrici primi für un- 
schuldig gelten. Falls dennoch jemand darauf bestünde die That zu 
rächen oder das Wergeid einzuklagen, so soll ihm die Hache gestattet 
sein, aber nur so. dass er seihst, auf den Baum steigt, um den 
anderen todt zu fallen.' Dieselbe Lösung, die sich übrigens auch in 

' Merkel, Commentatio , qua iuris Siculi siw- assisiarum regum regni Siciliae 
fragmenta proponuntur 1856, S. ;i, fragm. 42. 

- L. 7 T > i j-v - (S. s (ad legem Corneliam de sicariis). 
Neque in hac lege culpa lata pro dolo accipitur. quare si ipiis alto se pre- 
cipitaverit ef super alium venerit eumque occiderit aut putator, ex arbore cum ramum 
deiceret, nun praeclamaverit et praetereuntem occiderit, ad huius legis coercitionem 
non pertinet. 

1 Wilda, Strafrecht S. 427 f. Dahn, Studien S. 1 4. 3 t". 
Walter, Corp. iur. nenn. I 

6 Pactus Alarn. 111. n>. 

7 Leges Henrici primi 90, 7. 



Brunner: Über absichtslose Missethat im altdeutschen Strafrecht. 819 

einem altindischen Märchen' findet, hat das Brieler Rechtsbuch, wo 
auf ein derartiges Lübecker Urtheil hingewiesen wird. 2 Die peinlich 
genaue Anwendung der Talion soll das strenge Recht ad absui'dum 
fuhren, welches einst der Sippe des Getödteten die Befugniss gab 
Blutrache zu üben oder das Wergeid zu beanspruchen. 

Im Gebiete des fränkischen Rechts und seiner Tochterrechte 
diente das königliche Recht der Billigkeitsjustiz als Auskunftsmittel, 
um das strenge Rechl auszuschliessen , soweit es liei absichtslosen 
Missethaten noch festgehalten wurde. 

Nach holländischem Rechte verwirkt noch im fünfzehnten Jahr- 
hundert Leib und Gut an den \ Landesherrn, wer unwissend durch 
Ungefähr einen Menschen todtschiesst. 3 Doch vermag der Landes- 
herr in solchem Falle die Strafe zu erlassen. Ein Beispiel gewährt 
eine Urkunde des Herzogs Philipp , von Burgund vom 6. November 1425. 
Nach derselben hatte der Bürger, van Delft, Aelwyn »by ongevalle 
ende onwetende sonder liaet ende nyt« einen Mann todtgeschossen. 
Die Sache gelangte an den Landesherrn, welcher erklärt: So hebben 
\v\ .. Aelwyn voirnoemt quytgescouden ende vergeven, quytscelden 
ende vergeven mit disen brieve van alsulker brueke ende misdaet, als 
hy dair an tegen ons ende onser Heerlicheit misdaen ende verbuert mach 
hebben ende geven him weder syn lyf ende goeden, die dair 
aen tegen ons verbuert mögen wezen. 4 Daran schliesst sich der Befehl, 
den besagten Aelwyn in Frieden zu lassen und all sein Gut und ihn 
wegen des absichtslosen Todtschlages nicht zu belangen. Im Jahre 
1438 verlieh Philipp von Burgund den Mitgliedern einer Schützen- 
gilde, der Sint Joris Gilde zu Leyden by speciaale gracien das Privileg. 
dass der Gildegenosse, der by ongeval of quader aventuren jemand 
todtschiesst, deshalb gegen den Landesherrn weder Leib noch Gut 
verwirke' unbeschadet der Sühne, die er den Magen des Getödteten 
schuldet. 6 

Der französische Jurist Beaumanoib widmet der absichtslosen 
Missethat eine längere Ausführung, welche in klassischer Weise den 
Übergang von der alten gebundenen zu einer neuen freieren Rechts- 
auffassung darstellt. Er giebt dem 69. Capitel seiner Coutumes du 
Beauvoisis die Überschrift: (Jas d'aventures, qui avienent par mes- 



1 Kohler. Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz S. 93. 

- Matthijssen, Het Rechtsboek van den Briel ed. Fruin en Fels. S. 212. 

3 Rechtsgeleerde 1 Ibservatien dienende toi opheldering van . . . passagien nyt de 
Inleidinghe tot de Hollandsche Rechtsgel. van HugodeGroot, 3. Deel (1778) S. 250 f. 

4 Mieris, Grool Charterb. 4.800. 

om dal wy onnosele (schuldlose) saecken altyts mit ontfermherticheyt aen- 

sien willen . . 

6 Mieris, Handv. Privil. u. s. w. der Stad Levden S. 289. 



820 Gesammtsitzung vom L0. Juli. - Mittheilung vom 13. März. 

queance, es quix cas pites et misericorde doivent mix avoir liu quo 
i'ude justice. Es sei in solchen Fällen Aufgabe der Gerichtsherrn, nicht 
immer vorzugehen selonc rigueur de droit. 1 Auch bei Behandlung 
einzelner Fälle lieht Beaumanoib gelegentlich hervor, dass Milde an- 
gebracht sei. Wenn jemand seinen Wagen wendet und dabei einen 
Menschen tödtet oder verwundet, c'est cas de mesqueance et bien 
appartient c'on ait misericorde du caretier, s'il n'apert quil versast 
a essient se carette por li blecier par hayne. 2 Wenn jemand zwei Strei- 
tende trennen will und durch Missgeschick denjenigen von ihnen tödtel 
oder verwundet, der sein Freund ist. misericorde apartient en cel cas.'' 

Bouteillee macht in seiner Somme rurale, wo er die Tödtung 
von Ungefähr bespricht, die wichtige Bemerkung: les coustumiers 
dient, quo crime n'a point d'adventure, qu'il ne chee en peine de mort 
ou remission de Prince. 1 An einer anderen Stelle heisst es, dass, 
wenn ein schädliches Thier einen Menschen tödtet. nachdem der 
Eigenthümer von der Obrigkeit aufgefordert worden, es wegen seiner 
schädlichen Eigenschaft in Gewahrsam zu halten, dieser /um Tode 
und zur Friedlosigkeit (ä mort et en exil) verurtheilt werde. Mais 
taut de remede y a, que de sa vie est en la volonte du seigneur, 
qui est roy ou prince souverain du royaume. 5 

Audi das englische Recht hält das Eingreifen der königlichen 
Gewalt für nöthig, um bei absichtslosen Missethaten Billigkeit walten 
zu lassen. Die sogen. Leges Henrici primi stellen den allgemeinen 
Grundsatz auf, dass büssen müsse, wer nicht schwören kann, quod 
per eum non fuerit aliquis vitae remotior, morti propinquior. fi Während 
aber der Verfasser einerseits ausführt, es sei Rechtens, dass qui in- 
scienter peccat. scienter emendet et qui brecht ungewealdes, bete 
gewealdes, fügt er nach Aufzählung einzelner Beispiele hinzu: in 
hiis et similibus, ubi homo aliud intendit et aliud evenit, ubi opus 
aecusatur, non voluntas, venialem potius emendationem et honorificen- 
tiam iudices statuant sicut aeeiderit. 7 Bracton zählt unter die Fälle 
der dem König vorbehaltenen Jurisdiction u. a. das Verbrechen des 
Todtschlags, das crimen homieidii, sive sit casuale vel voluntarium, 

1 ( 'mit. du Beauvoisis 69, 1 8. 

2 A. O. 69, 1. 

: \. M. 69,8. 

1 Somme rurale II. 40. d'oecire autre par cas d'adventure (ed. 1 61 1 , p. 870). 
Somme rurale I. 38 (p. 267), de la beste luer homme. 

6 Leges Heur. primi 90, 1 1. Her Passus ist formelhaft. Hei Brai con fol. i4i b und 

in der Kleta 50'' schwört der Beklagte: n< eeidi vel plagam ei feci tali (ullo) genere 

armorum, per quod remotior esse debuit a vita et morti propinquior. Vergl. Brai l - on's 
Note Book ed. Maitland, 111 400. Nr. 1 (.60: quod . . nee per ipsum t'uit morti appro- 
piatus, nee a vita elongatus. 

7 Leges llenr. |uiiiii 90, 1 1 . 



Brunner: Über absichtslose Missethal im altdeutschen Stcafrecht. 821 

Licet eandein poenam non contiheant, quia in uno casu rigor, in 
alio misericordia.. 1 Dass die Anwendung der misericordia ein 
«lein Könige vorbehaltenes Recht war, zeig! das Statut von Gloucester 
von 1278 (6 Edw. I). welches in c. 9 bestimmte, dass, wenn jemand 
einen Menschen tödtete soi defendant 2 ou par misadventure , derselbe 
in Haft gehalten werden, das Gericht aber an den König berichten 
solle. Et le roy lui en fera sa grace s'il luv pleist. 3 Nachmals ge- 
hörten solche Fälle zur Zuständigkeit der Court of Chancery, des 
Organs der königlichen Billigkeitsjustiz. 4 

Der Standpunkt, welchen die fränkischen Tochterrechte ein- 
nehmen, findet sieh für bestimmte Fälle schon in karolingischen 
Capitularien angedeutet. So bestimmt ein Capitular Karl's des Grossen, 
dass die Haftung des Herrn für die Missethaten des Knechtes nicht 
über das Wergeid des freien Mannes hinausgehen solle. s Soweit 
diese Grenze nach Lage des Falles überschritten werden müsste, 
zieht ihn der König an sich, selbstverständlich um Billigkeit wallen 
zu lassen. Ein Capitular von 819 enthält folgende Instruction an die 
Missi über Eintreibung der dem König gewetteten Schuld, worunter 
Friedensgeld und Bannbusse zu verstehen sind: Ut de debito, quod 
ad opus nostrum fuerit rewadiatum, talis consideratio Hat. ut si qui 
ignoranter peccavit, non totum secundum Legem conponere cogatur, 
sed iuxta quod possibile visum fuerit. 1 ' Die Zahlung der Brüche ist 
dem strengen Rechte gemäss rechtsförmlich versprochen worden. 
Allein die Missi sollen bei Eintreibung der Bräche, wenn sie un- 
wissentlich verwirkt worden war. Billigkeit walten lassen. 



1 Bbacton fol. 104''. Dagegen eilt Bracton seiner Zeit voraus, wenn er fol. 
1 3 < > ,J mit Berufung auf Dig. 48,8, 1. 14 (in maleficiis autem speetatur voluntas nun 
exitus) den Satz, verficht, dass I >ei willenloser Tödtung freizusprechen sei. An einer 
anderen Stelle (fol. 120 f.) unterscheidet Bracton, ob eine erlaubte oder eine unerlaubte 
Handlung Vnlass des Ungefährs war und ob im ersteren Fälle die erforderliche Sorg- 
falt angewendet worden sei. 

2 Das englische Hecht behandeil das ~l licidium se defendendo« (wie das frän- 
kische) nach Vnalogie der Tödtung von Ungefähr. In dem Rechtsfall Bracton's Nute 
Book ed. Maitland 111 220. Nr. 1216 v.J. 1236/7 urtheill die Jury, dass der Beklagte 
non neeidii in felonia set In se defendendo . . . Dominus rex de gracia sua et non per 
Judicium perdonavit ei mortem illam et similiter fugam quam fecerat pro morte illa. Vgl. 
Ssp. Ldr. II, 14. Über den Begriff der Tödtung se defendendo Wilda, Strafrecht S. 563, 
Blackstone, ('omni. 4. 186. 

3 Vergl. Fi, 1.1 \ I. 2 3 . i. [5: sed si talis . . convincatur per patriam (durch den 
Walll'Spi'Uch der Jury), quod id feeil per infortunium vel se defendendo. tunc re 

mittatur gaolae et cum regi super facti veritate certioretur, gratiose dispen- 
sabil cum tali, salvo iure cuiuslibel (vergl. oben S. 5 zu Anm. 6). 

1 Siehe CoKE, Institutes II 3 1 6 und vergl. BlACKSTONE, < 'omni. 4. 182; 188. 

• Cap. 803 — 813. c. 1, Boretius, Capit. 1 143. Die Haftungsgrenze findet ihre 
Erklärung in Decretio Childeberti v. .1. 596, c. 10. 

Cap. missorum 819, c. 15. Boretius, Capit. 1 290. 



S22 Gtesammtsitzung vom 10. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

Kin noch altertümlicherer Rechtszustand ist darauf angewiesen, 
mit dem Billiglceitsgefühl des Verletzten zu rechnen. Nach schwedischen 
Rechten wird unabsichtliche Tödtung und Verwundung ;ils Ungefähr- 
wrrk (v;i|)av;erk) nicht behandelt, wenn nicht beide Theile, der 
Thäter und der Verletzte, es wollen. 1 Es hing somit von dem Willen 
des Verletzten beziehungsweise seiner Sippe ab, ob sie die That als 
absichtslose wollten gelten lassen, wenn der Thäter seinerseits gewisse 
Bedingungen erfüllte, die noch unten zur Sprache k men sollen. 

Kin auffallendes Beispiel der Zähigkeit, mit welcher die Volks- 
sitte die Verantwortlichkeit für schuldlos veranlasstes Unglück bei 
kaum wahrnehmbarer Causalitäl geltend machte, liefert ein nord- 
friesisches Urtheil vom Jahre 1439. 2 Ouen Alwerk braute Bier. 
Während er gerade abwesend ist. stehen Sweines Pons' Kinder bei 
der Braupfanne. Da gleitet die Planne vom Stapel und eines der 
Kinder wird so arg verbrannt, dass es am dritten Taue stirbt. Des 
Kindes nächste Magen wollen darum den Ouen Alwerk todtschlagen. 
Der Herr des Hauses, zu welchem er auf Besuch gekommen war. 
wehrt ihnen die Rache, tödtet aber dabei seinen eigenen Schwester- 
sohn Der Handel kommt vor sechs Schiedsrichter, die zu Recht 
finden, dass Ouen Alwerk den todten Mann und das todte Kind 
bezahlen und eine Pilgerfahrt nach Rom unternehmen müsse. Das 
Urtheil machte also Ouen Alwerk für beide Todesfälle verantwortlich, 
für den des Kindes, weil seine Braupfanne, für den des Mannes, 
weil in letzter Linie er den Tod desselben veranlasst hatte. Aller- 
dings wurde das Urtheil von Ouen Alwerk gescholten und im Wege 
des Rechtszuges dabin abgeändert, dass jener des Kindes schlechthin, 
des todten Mannes aber dann quitt sein solle, wenn er schwöre, dass 
er den Hausherrn nicht kämpfen hiess. Nichtsdestoweniger findel 
die Auffassung jener harten nordfriesischen Bauernköpfe, die das 
Schiedsurtheil fanden, hinsichtlich des Kindes Stützpunkte in älteren 
Rechtsquellen, wenn wir voraussetzen, dass Alwerk. weil er das Un- 
glück sieh auch nicht als Ungefährwerk zurechnete und daher jede 
Haftung ablehnte, gewisse Massregeln unterlassen musste, welche der 
.ollen Zurechnung des Unfalles vorgebeugt hätten. 



II. 

Trotz der Ahndung absichtsloser Schädigung war der begriffliche 
Gegensatz gewollter und ungewollter That den Germanen nicht fremd. 



Vom Amika. Altschwedisches Obligationenrecht, S. 382. 
Von Richthofen, Friesische Rechtsquellen, S. 570. 



Brunner: über absichtslose Missethal im altdeutschen Strafrecht. 823 

Die Unterscheidung war sprachlich vorhanden. 1 So hatte das Alt- 
deutsche um die rechtswidrige Absicht zu bezeichnen u. a. das Sub- 
stantivurn fära, färida, unser Gefährde, das Verbum fären, intendere, 
insidiari (vergl. unser willfahren), die Adjectiva färi, gifari, färig. 2 
Die lateinisch geschriebenen Rechtsquellen der fränkischen Periode 
sagen: per malum ingenium, ingenium, voluntate, per invidiam, 
inimicitiam , praesumptioneni , de asto. Den Gegensatz bilde! die 
an gevaere, an gevserde, die ohngefähr begangene That. Sie schliesst 
nach unserer heutigen Auffassung sowohl die casuelle als die fahr- 
lässige Handlung in sieh, wobei denn freilich zu erwägen ist, dass 
das germanische Strafrecht entsprechend der pantheistischen Welt- 
anschauung des germanischen Heidenthums den Zufall nicht kennt 
und einen gegen den casus abgegrenzten Begriff der Fahrlässigkeit 
ebensowenig ausgebildet hatte als das griechische und altrömische 3 
Recht. Lateinisch wird der Begriff des Ohngefährs gegeben durch 
non volens. nolens. extra voluntatem, casu, casu faciente, negligentia, 
wobei casus die negligentia, negligentia nicht selten den casus deckt. 
Die Angelsachsen unterschieden gewealdes und ungewealdes 4 , willes und 
unwilles. Die altfranzösische Rechtssprache nennt das durch Ungefähr 
veranlasste Übel mesaventure, misaventure und seine Ursache mes- 
cheance 5 oder meschief, Ausdrücke, die mit den Normannen auch 
in England heimisch wurden. Die Niederländer sprechen von onge- 
vall, quade aventure, aventure." Bei den Nordgermanen hiess die 
I rsache der absichtslosen Übelthat vabi. wörtlich ein Ding, das 
Schrecken bringt' und wird demgemäss /wischen viliaverk oder valds- 
verk einerseits, vabaverk andererseits unterschieden. 

(deich der s] iraehlichen geht auch die rechtliche Unterscheidung 
in hohes Altertbum zurück. Doch fehl! dem älteren Rechte der 
dui'ch greifende Rechtssatz, dass absichtslose That anders zu behandeln 
sei als absichtliche. Ks wird nicht in jedem Einzelfalle untersucht, 
ob die That mit oder ohne l'ära begangen worden sei. Sondern es 
gelten für Ungefährwerke bestimmte Typen von Thatbeständen, welche 



1 Siehe die Zusammenstellung der maassgebenden Ausdrücke bei von Amira in 
Paul's Grundriss II. 2, S.171. 

- Graff III 575. Daneben ahd. und ags. inwit, ags. fäcen, langob. de asto (in 
der allgemeinen Bedeutung von dolus). 

3 A. Pernice, Labei> II 243. Brunnenmeister, Das Tödtungsverbrechen im 
altrömischen Rechte 1887. 8.133. 

4 Siehe oben Seite 6 zu Ainu. 7. 

■' Beaumanoir eh. 69, iff. Von mescheoir, minus cadere, übel fallen. 
8 Stallaert, Glossarium van verouderde rechtstermen 1887, S. 105. 
7 Nach von Amira, Mtschwedisches Obligationenrecht S. 376. Brandt. Fore 
Uesninger over den Norske Retshistorie II 38. Wii.ua. Strafrecht S. -44. 



8*24 Gesammtsitzung vom 10. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

derart gelagert sind, dass die Volksanschauung ohne Untersuchung 
des Einzelfalles das Vorhandensein böser Absicht ausschliesst. ' Da- 
neben kommt in Betracht, dass bei gewissen Verbrechen, /.. B. 
allgemein bei der Brandstiftung die böse Absieht als begriffliches 
Merkmal in den Thatbestand aufgenommen war.' 2 So reicht einerseits 
die Behandlung der Tödtungen, die durch Thierfallen, Brunnen. 
Gruben veranlasst wurden oder bei dem Fällen eines Baumes ge- 
schahen, andererseits die Behandlung der Feuerverwahrlosung 3 sicher- 
lich in sofern in die altgermanische Zeit zurück, als sie nicht für 
Friedensbrüche galten. Die Absichtslosigkeit muss, wo nicht aus- 
nahmsweise die böse Absicht zum Thatbestande gehört, zu sinn- 
fälligem, allgemein begreiflichem Ausdruck gelangen. Darum hält 
man es für typisches Ungefähr, wenn die aufgehängte Walte herab- 
lallt und einen Menschen tödtet oder wenn das durch ein Geschoss 
geschieht, das von, einem Steine aliprallt. Dagegen sträubt man 
sich die Tödtung durch ein unmittelbar aus der Hand des Schützen 
abirrendes Geschoss als Ungefähr zu behandeln, weil in diesem Falle 
der Gegensatz von Wille und That in dem Thatbestande nicht zur 
Genüge verkörpert ist. 

Der typische Zuschnitt der Ungefährwerke kann zur Folge 
haben, dass im einzelnen Falle als absichtslos auch eine That be- 
handelt werden muss, welche die Form des Ungefährs an sich 
trägt, obwohl sie absichtlich begangen wurde. 4 Beseitig! oder doch 
wenigstens vermindert wird diese Gefahr durch das Erforderniss 
gehöriger Verklarung der That. Nach manchen Rechten gehört 
nämlich zum Thatbestande des Ungefahrwerkes oder doch gewisser 
Ungefährwerke ein bestimmtes Benehmen des Thäters nach der 
That.' insbesondere eine Handlung, durch welche er den Uniall als 
Ungefähr constatirt, eine Verklarung des Unfalls, welche mit der 
Verklarung des deutschen Seerechts verwandt ist. 1 ' 



1 II. Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte I 165, Holtzendorff's Encyclopaedie, 
i. Aufl. I 222. 

- Das trifft in den deutschen Volksrechten und ebenso in den nordgermanischen 
Quellen mit verblüffender Regelmässigkeit zu. Rothari 146; 140. Lex Alain. 70. 
Lex Baiuw. 10, 1. Lex Kit». 17. 1. Lex Fris. 5, 1. Lex Sax. 38. Gulabingslög 98. 
Skänelagen 14. 5. Sunesen 61; [29. Den dolus schliessen auch die ausdrücke focum 
mittere, Feuer setzen, für Brandstiftung, bläsere (angelsächsisch) für Brandstifter in 
sich. Vergl. noch die schwedischen Stellen l»-i Wilda, Strafrechl S. 945. 

: Dafür fällt u. a. auch die tlbereinsti ung zwischen Rothari 148 und Lex 

Sax. 55 ins Gewicht. 

1 Von Amira in l'.u i.'s Grundriss S. T72. 

1 VonAmira, Altschwed. Obligationenrecht S. 379 ff. Wii.da. Strafrechl S..595 

' ; Ein Gegenstück zur Behandlung des Ungefährs bildet die des Mordes im 
salischen Rechte. Wie dort, so wird auch hier ein bestimmtes Benehmen des Thäters 



Brunner: Über absichtslose Missethal im altdeutschen Strafrecht. 825 

Nach nordischen Rechten wird Ungefähr als solches nur dann 
behandelt, wenn der Thäter, ohne den Rechtsgang abzuwarten, 
einen Eid anbietet und schwört, ausserdem die Leistung gelob! und 
sicherstellt, die er in Folge der That schuldet. Der Eid heissl 
schwedisch vapaejper und lautet daliin. dass dieses kam von va|>i 
und nicht von vili. Er ist ein ausserprocessualischer Eid. 1 

Dass auch nach westgermanischen Rechten der Thäter die Sache 
nicht immer an sich kommen lassen durfte, folgl schon daraus, dass 
er ein Interesse hatte, die That als Ungefähr zu verklaren, um die 
Fehde auszusehliessen , die statt des Rechtswegs zu wählen in ge- 
wissen Fällen, namentlich bei Todtschlag, ein Recht des Verletzten 
bez. der beleidigten Sippe war. Übrigens finden sich auch in den 
deutschen Quellen deutliche Spuren eines dem vapaeper verwandten 
Eides. Man darf ihn, obwohl er die Arglist, das Gefährde, negirt, 
als Gefährdeeid mit demselben Rechte bezeichnen, mit welchem wir 
das iuramentum calumniae so nennen. 

Nach der Lex Saxonum kann der Herr, dessen Lite einen Todt- 
schlag verübte, den Liten preisgeben und selbzwölft schwören: se in 
hoc conscium non esse. Die That darf dann nur an dem Liten und 
sieben seiner Magen gerächl werden. 2 Der Eid des Herrn ist als 
ein der Rache und Klage zuvorkommender ausserprocessualischer 
Eid aufzufassen, weil er den Zweck hat. die Fehde auf den Liten 
und dessen Marschall zu beschränken und die Erhebung der Fehde 
gegen den Herrn eine gerichtliche Klage nicht voraussetzen, sondern 
ausschliessen würde. Auch in Stellen des langobardischen . des angel- 
sächsischen, friesischen und alemannischen Quellenkreises linden sich 
Beispiele von Gefährdeeiden, welche als ursprünglich ausserproces- 
sualische aufzufassen wenigstens möglich ist. 3 

Das fränkische Rechl verlangt in Fällen erlaubter Tödtung einen 
ausserprocessualischen Gefährdeeid, welchen hier zu besprechen ge- 



1 1 . i < 1 1 der Thal verlangt. Aber nicht Verklarung, s lern Verdunklung der That. 

Der Todschlag qualificirl sich als Mord durch die Absicht der Heimlichkeit. Diese 
Absicht muss sich nach" salischem Hechte darin äussern, dass der Todtschläger den 
Leichnam des Erschlagenen .zu verbergen sucht. Wie beim Ungefähr, wird beim 
Morde aus dem Benehmen des Thäters nach der That zurückgeschlossen auf die 
Beschaffenheil des Willens während der That. aus i\r\- Verklarung auf den Mangel 
des bösen Willens, aus der Verbergung des Leichnams auf die Absicht der heim- 
lichen Tödtung. 

1 Von Amira, a. 0. Für das dänische Rechl siehe Erik's Saell. Lo\ (ed. Thorsen) 
c. 93 (III, 15). 

2 Lex Saxonum c. 18. 

3 Rothari 204; 342 (quia . . . mox debuit proprio domino innotescere). Knut 
II. 75. Lex Fris. I. 13 (vergl. Richthofen, friesische Rechtsquellen 60, 32). Lex 
Alani. 78. 6. 



820 Gesi itsitzuDg vom 10. Juli. — Mittheilung \'>ni 13. März. 

stattet sei, weil er den salischen Gefährdeeid l>ei Ungefähr in helleres 
Licht setzt. Wer einen handhaften Missethäter erschlug, der sich 
der Festnahme widersetzte, soll nach Lex Ribuaria 77 beschwören, 
dass er ihn als friedlosen Mann erschlug. Sin autem ista non adim- 
pleverit, homicidii culpabilis iudicetur. In einer Formel von Tours (30) 
wird ein Rechtsfäll berichtet, wie jemand von einem anderen räuberisch 
angefallen, diesen ans Nothwehr tödtete. Er schwört deshalb zu- 
nächst, sicut mos est, in die Hände des Richters einen Zwölfereid, 
dass die Sache sieh so verhalten habe: et sie est verilas absque ulla 
fraude vel conludio et in sua culpa seeundum legem ipsum ferrobat- 
tudö fecit. Dieser Zwölfereid war kein prozessualischer Eid. Denn 
trotz dieses Fides ergeht hinterher das Urtheil, dass der Mann, der 
die Nothwehr freiwillig beschworen hatte, hinnen 40 Nächten mit 
36 Helfern schwören müsse. Et si hoc facere potuerit, de ipsa morte 
qnietus valeat residere. 1 

Nach Lex Salica 36 soll der Eigenthümer eines Hausthieres, 
welches einen Menschen getödtet hat, die Hälfte des Wergeides zahlen 
und für die andere Hälfte das Thier ausliefern, falls der Kläger die 
Tödtung per festes beweist. 2 Das Erforderniss des Beweises setzt 
voraus, dass Klage erhoben wurde und der Beklagte die That ge- 
leugnet oder doch jedenfalls nicht eingeräumt hatte. Eine Anzahl 
von Texten der Lex Salica macht aber die Pflicht zur Zahlung des 
Wergeides noch von einer anderen Bedingung abhängig. Sie fügen 
nämlich hinzu: dum et ille dominus, cui pecus fuisset, antea. legem 
non adimplevit. 3 Eine Gruppe von Handschriften sagt dann am Sehluss 
der Stelle: Si enim dominus intellexerit .' per lege se defendere potest, 
ut nihil pro ipso pecore solvat.' Die Einendata verlangt vom Kläger 
den Beweis: quod dominus peeudis antea legem non adimpleret. 
Unter dem legem adimplere, welches antea. d.h. vor Erhebung des 
Rechtsstreites geschehen muss, ist m. E. die Leistung des Gefahrde- 



1 Der Tenor dieses zweiten Eides ist in Form. Turon. 31 angegeben. Kr ent- 
sprich) dem ersten. Doch fehl! das ■ .>l>si pie fraude vel conludio«. 

- Ki hoc (per) testibus fuerit adprobatus, Hessel's Cod. 1 u. 2; ei Ihm- per 
(cum) testibus potuerit adprobare, Cod. 1 - 6, io; el hoc parentes illius testibus 
potuerinl ad probare, < 'od. 7 —9. 

1 Sn in Cod. 5 und 6; dum ille dominus pecoris antea legei in adimpleverit, 

Cod. 7, 8,9; dum illius dominus cuius pecus erat ante legem non adimplevit, Cod. 10 
(lli rold). 

1 Wenn er von dem Unfall Kenntniss erhalten hat. 

5 Cod. 7. s.m. Die Heroldina hat: si vero pecoris dominus Vitium in eo non 
intellexerit, seeundum legem exinde sc potest defendere el i\r ipso pecore nihil solvat 
(d. h. wenn der Herr niilii unsste. d;iss das Thier ein schädliches Thier sei. dessen 
Kelder nicht kannte). 



Brunner: I ber absichtslose Missethat im altdeutschen Strafrecht. 82/ 

eides und die sofortige Auslieferung des Thieres zu verstellen. 1 Das 
echt miis der Vergleichung mit Lex Salica 33.5 und Edictum Chilperici 
e. 5 liervor. Hai ein Knecht oder Lite einen Menschen getödtet, so 
wird er für die Hälfte des Wergeids den Verwandten des Getödteten 
ausgeliefert. Die andere Hälfte hat der Herr zu zahlen. Jüngere 
Texte haben den Zusatz: et si intellexerit, de lege potest se ohmallare 
in hoc nun solvat, 2 am si intellexerit, de lege se obmallare potit, 
ut ipsa leode non solvat.' Der Zusatz beruht auf c. 5 des Edictum 
Chilperici: 4 si servus hominem ingenuum occiderit, tunc dominus 
servi cum VI iuramento (affirmet) quod pura sit conscientia sua. nee 
suuin consilium factum sit nee voluntatem eins et servum ipsum dit 
ad vindietam. Offenbar ist es ein derartiger Gefährdeeid und die 
Preisgebung des Thieres, was die jüngeren Texte der Lex Salica in 
Titel 36 meinen. Beide Handlungen müssen erfolgt sein, »die es der 
Eigenthümer zur Klage kommen liess, wie besonders aus der Fassung 
der Emendata deutlieh hervorgeht. 

Line niederländische Rechtsquelle, das Brieler Rechtsbuch 5 , er- 
wähnt einen Gefährdeeid für den Fall, dass der Diener, den Jemand 
gedungen, durch Ungefähr den Tod findet. Besorgt deshalb der 
Herr eine Ansprache von Seite der Obrigkeit oder ongonste ende 
bedenckenisse von Seite der Verwandten", so bittel er den Richter 
einen Tag zu setzen, damit er sich entrede von seines Loten Tod. 



1 Nach schwedischen Rechten darf es '1er Thiereigner nicht auf den Process 
ankommen lassen, wenn er nicht strafrechtlich verfolgbar werden will, d. h. er uiuss 
;i 1 1 -■ freien Stücken anbieten, was er zu leisten hat, die framsaeld, nämlich die Vus- 
lieferung des Thieres und die orunbot. Von Amira, Altschwed. Obligationenrechl 
S. 307. 

- Cod. =, und (1. 

: Cod. 7, s . '1. Cfr. Cod. 10 und Emendata. 

1 Das bemerkten schon Jastrow, Zur strafrechtlichen Stellung der Sklaven bei 
Deutschen und Angelsachsen 1878, S.17 und Leseur, 1.'- consequences du delit de 
l'esclave, Revue historique t\i- droit franpais el etranger 1 888 , S. 702. 
Matthijssen ed. Fruin en Pols S. 210 f. 

6 Mit Recht sagt schon Wilda, Strafrecht, S. 554: Es müssen diejenigen, welche 
hu Geschäft oder Dienst eines anderen umgekommen oder beschädig! wurden, von 
diesem vergolten werden. Unbegründet isl der Widerspruch, welchen Hertz; Die 
Rechtsverhältnisse des freien Gesindes in Gierke's Untersuchungen 6,5g dagegen 
erhebt. Den in Rothari i ? i vermissten Beweis liefern u.a. Paenitentiale Valicellanum 
I.e. is bei Wasserschieben, Bussordnungen S. 54g (IL c. 8 bei Schmitz, Bussbücher 
1883), wo die Auen absichtslosen Todtschlags angeführt werden: quartum (genus 

nolentis homieidii), cum quis in suo aedificio ali((uem operandi causa solumi In 

invitaverit el ille forte hoc nun' rte periclitaverit, invitator eins III annos peniteal 

eci quod pro suo eum conduxerit opere; quintum, cum quis in quocumque s ifficio 

vel ministerio sive per arborem, sive per ignem, sive per aquam, sive per qualecunque 
opus suuin aliquis quovis periclitaveril casu, \' annos peniteal eo quod casu li>>e aeeidit, 
ferner Leges Henrici primi go e. 11: si quig alii missione in missatico causa mortis sit . . . 



828 Gesammtsitzung muh 10. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

Nachdem er herausgegeben, was er von des Todten Habe in seinem 
Hause hatte, und den rückständigen Liedlohn bezahlt hat, sagt ihm 
ein Urtheil der Schöffen, er solle schwören, dass B. sein Knechl 
by versuuimenisse sijns tselfs ende by quader aventuren ende sonder 
toedoen van hem van live ter dool comen is. Der Herr schwört 
diesen Eid und bittet dann um ein Urtheil: so hy hem aldair mit 
rech! ende vonnes . . hem selven ghevrijt heeft von B' doot, dat 
li\ dairof vry ende onbelasl wesen sal jeghen der heerlicheit, jeghen 
I! vrienden ende maghen ende jeghen yghelic anders. Ueber das 
Urtheil: vry ende quyte van B" doot, lässt er sich schliesslich einen 
Stadtbrief geben. 

Einen ähnlichen Gefährdeeid zeigen niederländische Verklarungs- 
urkunden aus der ersten Hallte des fünfzehnten Jahrhunderts. 1 Kam 
auf einem Schiffe ein Schiffsmann durch Ungefähr um das Leben. 
so hatte der seipheer unter Eideshülfe seiner Leute mit aufgereckten 
Fingern einen gestabten Lid zu schwören, dass der Verunglückte 
aflivich geworden is by crancker aventuer ende by sijn selfs versume- 
nisse sonder yements toedoen " Auch die Verklarung von Seeuntalien. 
welche Schiff und Ladung betreffen, war nach deutschen Seerechten 
ursprünglich nicht ein Zeugenbeweis zum ewigen Gedächtniss, sondern 
ein lud mit Hellern, ein ausserprocessualischer Gefährdeeid, durch 
welchen der Schiffer und seine Leute die Schuld an dem Unfälle von 
sich ablehnten. 3 

Im allgemeinen ist bei den deutschen Stämmen der ausser- 
processualische Gefährdeeid schon früh in einen processualisehen ver- 
wandeil werden.' indem man bei U ngefäl irwerken . die als solche 
beschworen werden mussten, dem Verantwortlichen auch nach er- 
hobener Klage gestattete die Absichtslosigkeit geltend zu machen 
und eidlich zu erhärten. 



in. 

Die Behandlung des Ungefährs, welches als solches anerkannt 
war. gestaltete sich verschieden in den verschiedenen Rechten und 
zu verschiedenen Zeiten. Gemeinsam ist. dass die That nicht als 



1 Frcin. I). dste Rechten der Stad Dordrechl 1882, II 52, Nr. 70 v.J. 1427. Vergl. 

Nr. 99, S. 7^ v. .1. 1436, wo ein Zeugenbeweis geführt wird. 

- Lauf der Verklarung von 1427 hinterlegte der Schiffer vor Gericht des Verun- 
glückten Lohn, eine gute Krone, hei- Bruder desselben nimmt sie in Empfang ende vor- 
droege ende quijtscoude H.endeY. daerof alle moynisse. Früin II 52, vergl. 1 235, Nr. 79. 

■ Mim. Pohls, Handelsrecht 111. 2, S. 688 f. R.Wagner, Handbuch des See- 
rechts I 399. 

1 Vergl. von Amiua in Pauls Grundriss a. 0. S. 172. 



Brunner: Über absichtslose Missetbat im altdeutschen Strafrecht. N'2 ( .) 

Friedensbrueh angesehen wird und dass dalier die Rache und Fehde, 1 
sowie die Zahlung von Friedensgeld ausgeschlossen bleibt. Dagegen 
legt das ältere Recht wenigstens in den meisten Fällen dem Verant- 
wortlichen die Pflicht auf, volles Wergeid bezw. volle Busse zu zahlen. 
Strafrechtliche Ahndung ist damit nicht völlig ausgeschlossen. 
Denn die Compositio geht auch nach Abzug des Fredus durchaus 
nicht gänzlich in dem Gedanken des Schadenersatzes auf. Soweit sie 
nicht einen rein pönalen Charakter hat, 2 schliesst sie regelmässig 
Ersatz und Strafe in sich. 3 Doch zeigt sich schon früh die Tendenz, 
die Ungefährbussen möglichst auf den Schadenersatz einzuschränken, 
die Strafe, soweit eine solche in der Compositio steckt, auszuschliessen. 
Das geschieht aber nicht etwa in der Weise, dass ein der Lage des 
Falles entsprechender Ersatzanspruch gegeben wird, sondern so, dass 
nur eine Quote, z. B. die Hälfte oder ein Drittel des Wergeides oder 
der Busse verlangt wird. So hat nach salischem Rechte der Herr, 
wie bereits oben bemerkt wurde, bei Auslieferung des schuldigen 
Knechtes oder des schädlichen Thieres, die einen Freien tödteten, 
nur die Hälfte des Wergeides zu zahlen. Es scheint dies gerade jene 
Quote des Wergeides zu sein, die man bei den Franken als Ersatz 
zu betrachten geneigt war. Ein jüngeres Stadium der Entwickelung 
bezeichnet es, wenn das Recht nicht mehr eine Quote der Compositio, 
sondern schlechtweg den Schadenersatz verlangt. Manchmal wird 
die Haftung noch weiter abgeschwächt, insbesondere auf eine blosse 
Sachhaftuno- eingeschränkt, zumal wenn der Verantwortliche gewisse, 
die Verantwortlichkeit abwälzende Bedingungen erfüllt, von welchen 
noch unten die Rede sein wird. Dagegen ist der Grundsatz des 
entwickelten römischen Rechtes, dass Haftung nur im Falle der culpa 
begründet sei, dem deutschen Rechte in der Zeit seiner ungestörten 
nationalen Entwickelung fremd geblieben, eine Erscheinung, die nicht 
etwa nur aus dem jugendlichen Charakter des deutschen Rechtes zu 
erklären ist, sondern mit seiner socialen Struetur zusammenhängt, wie 
denn z. B. die Zahlung des Wergeides in gewissen Fällen unver- 
schuldeter Tödtung wirthschaftliche Functionen versah, für welche 



1 Mit den bekannten Stellen der deutschen Volksrechte, Lex Burg. 18,1. Roth. 
75; 138; 387, Liu. 136, Lex Sax. 57, 59 vergl. man Beaumanoir, Cout. du Beauvoisis 
eh. 69,3 über den Fall der Abirrung: on ne lor en doit riens demander, ne metre 
en guerre cell qui trait le seete. 

2 So die saliscben Diebstahlsbussen, welche neben dem Ersatz (capitale und 
dilatura) zu leisten sind, so die saliscben Bussen für Lebensgefährdung (seolandefa), 
bei welcher ein damnum nicht vorliegt. 

3 So die Busse für Tödtung eines Knechtes, die sieb bei den tranken nach 
Abzug des fredus als Verdoppelung des Sachwerthes darstellt. Siehe 11. Brunner, 
Deutsche Rechtsgeschichte 1 232. 

Sitzungsberichte 1890. 70 



Süd Gesammtsitznng vom In. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

unsere neueste Reichsgesetzgebüng die Rechtssätze über Haftpflicht 
und Unfallversicherung geschaffen hat. 1 

Der Fortschritt in der Behandlung des TJngefährs zeigt sieh im 
allgemeinen darin, dass die strafrechtliche Verantwortlichkeit mehr 
und mehr der rein civilrechtlichen weicht und die Zahl der Typen 
des Ungefährs vermehrt wird, indem sie zugleich eine abstractere 
A usprägung erfahren. 

Der Einfluss, den die Kirche auf diese Entwicklung nahm, darf 
nicht überschätzt werden. Einerseits finden sich Rechtssätze, in 
welchen, weil ein kirchliches Interesse in Frage steht, die absichts- 
lose That schonungslos gleich der alisichtlichen geahndet wird, wie 
z. B. der durch Ungefähr veranlasste Brand einer Kirche. 2 Anderer- 
seits stehen die kirchliehen Bussbücher z. Th. unter dem Einfluss 
des germanischen Rechtes. Dass unfreiwillige Tödtung kirchlich ge- 
luisst werden musste. war allerdings altes kirchliches Recht. Schon 
das (oncil von Ancyra verlangt dafür mehrjährige Busse. Allein rein 
germanisch ist es, dass die Fälle casueller Tödtung in einzelnen Buss- 
büchern typisch behandelt werden. So zählt ein fränkisch -lango- 
bardisches Paenitentiale 3 sieben »genera nolentia homicidiorum« auf, 
darunter den Fall, dass der für einen Bau gedungene Arbeiter 
durch denselben verunglückt, dass jemand im Dienste eines anderen, 
durch einen Baum oder durch Feuer oder Wasser sive per quale- 
cumque opus suum von Ungefähr das Leben verliert, dass jemand 
auf ein Thier schiesst und einen Menschen trifft, dass der Arzt den 
Kranken zu Tode kurirt. dass die nutrix ein Kind erdrückt. 



IV. 

Als eine besondere Gruppe heben sich unter den Ungefährwerken 
diejenigen heraus, in welchen der zunächst Verantwortliehe die Ver- 
antwortung theilweise oder gänzlich auf ein caput nocens, auf den 
unmittelbaren auctor criminis abwälzen konnte, für welchen er nach 
strengem Rechte als Eigenthümer haftete. Solche Haftung bestand 



1 Argum. Rothari 144; 152. Siehe oben S. 13 Anni. 6. 

2 Lex Saliea, Herold 71 (Hessels, Sp. 358): si <|iiis vohratärio ordine aüt 
fortasse per negligentiam basilicam incenderit . . . 8000 den. qui fac. sol ('('. (culp. 
im!.), eine Bestimmung, die um so härter ist, als sonst gerade bei der Brandstiftung 
böse Absicht verlangt wurde. Vergl. noch Cap. legg. add. 818/9, c - '• I 28 1 . 

3 Valicellanum I, c. 15 bei Wasserschieben S. 549 (II, c. 8 bei Schmitz). Es 
beruht nuf Colnmbanischer Grundlage, ist in. E. langobardischer Herkunft und geht 
vermuthlich auf den Einfluss Bobbios zurück. Der Versuch von Schmitz, eine Anzahl 
von Bussbüchern, darunter die beiden Valicellana auf römischen Ursprung zurückzu- 
führen, darf, wie das ^;in/.e Buch, nicht einst genommen werden. 



Brunner: Über absichtslose Missethal im altdeutschen Strafrecht. S.! 1 

für Unthaten des Knechtes und für Unfälle, welche durch Hausthiare, 
ja sogar l'ür solche, welche durch leblose Gegenstände verursacht 
wurden. In all den Fällen dieser Haftung lässt sich ein auffallender 
Parallelismus der Entwickelung wahrnehmen. 

Es gab eine Zeit, da der Herr für Unthaten des Knechtes die 
volle Verantwortung trug. Er war der Fehde ausgesetzt oder hatte 
die Missethat als Processpartei zu vertreten und zu sühnen. Diese 
unbeschränkte Haftung des Herrn wurde nur für den Fall der Mit- 
wisserschaft aufrecht erhalten, im Übrigen aber die Vergeltung thed- 
weise oder gänzlich auf das Haupt des Unfreien gelegt. Wie für die 
processualische Behandlung der Sklavendelicte sich im fränkischen 
Rechte zunächst ein besonderes Beweis verfahren gegen den Sklaven. 
dann ein selbständiger Sklaven process ausbildet, so entsteht ein be- 
sonderes Sklavenstrafrecht, welches den Herrn seiner Haftung mehr 
und mehr entlastet. 1 

Der Ausgangspunkt dieser Entwickelung liegt in der Auslieferung 
und in der Preisgebung des Unfreien. So lange die Fehde erlaubt 
war, stand es bei Tödtungen in der Wahl der Sippe, gegen den 
Herrn die Fehde oder den Anspruch auf Sühne geltend zu machen. 
Seit die Fehde auf den Fall der Mitwissenschaft beschränkt ist, hatte 
der Herr, um den Todtschlag zu sühnen, den ohne sein Wissen der 
Knecht begangen hatte, an die Magschaft des Getödteten das Wer- 
geid zu zahlen und den schuldigen Knecht auszuliefern, an welchem 
sie Vergeltung übte. Die That des Knechtes wird nicht mehr als 
absichtliche That des Herrn, sondern, wenn er den Schuldigen aus- 
liefert, nur noch wie ein Ungefährwerk des Herrn behandelt. Das 
ist im Wesentlichen der Standpunkt des altlangobardischen Rechtes, 
nach welchem der Herr die volle compositio zahlt, in welche der 
Werth des »ad oeeidendum« ausgelieferten Sclaven einzurechnen ist. 2 
In anderen Rechten wird die Haftung des Herrn auf eine Quote des 
Wergeides beschränkt. So auf die Hälfte im salischen Rechte, nach 
welchem die Zahlung der anderen Hälfte durch die Auslieferung 3 des 
Unfreien ersetzt wird. Mit dem halben Wergeid begnügt sich auch 
das alamannische Recht. 4 Zwei Drittel verlangen das mittel- und das 
westfriesische Recht. 5 Bei den Franken wurde es dem Herrn gestattet, 



1 Georg Meyer, Z. f. R. G. germ. Abth. II 94 ff. Leseur a. < •. S. 576 ff. 

2 Rothari 142 hei Giftmord. I >,iss es nicht darauf beschränkt war, zeigt Luit- 
prand 21. Cf. Grimuald 3. Georg Meyer, a. < >. S. in. Anni. 2. 

'-'■ Lex Salica 35,5. Die Vuslieferung erwähnen u. a. auch Lex Almn. 30 (bei Dieb- 
stahl in curte ilueis), die Lex Baiuw. 8, 2: 8. (hei Ehebruch und Unzucht), Hloth. 
und Eadric 1 — 4. Ine c. 74. 

4 Pactus Alam. III . 17. 

5 Lex Frisionum 1. 1 3. 



832 Gesainmtsitznng vom 10. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

sich durch Erfüllung gewisser Bedingungen von jeder persönlichen 
Haftung zu befreien, so nach Chilperichs Edict (c. 5), indem er den 
Gefährdeeid schwört und den Knecht ad vindictam ausliefert oder, 
falls dieser entflohen war. sein Recht daran aufgiebt. 

Verschiedene Rechtsquellen verlangen nicht geradezu die Aus- 
lieferung, sondern begnügen sich mit einem einseitigen Entäusserungs- 
acte, durch welchen der Herr den missethätigen Eigenmann auf- 
giebt. So soll nach Lex Saxonum c. 1 8 der Herr, dessen Lite einen 
Todtschlag beging, diesen entlassen (dimittatur a domino) und damit 
der Rache der beleidigten Sippe preisgeben, wodurch sich der Herr, 
wenn er den Gefährdeeid schwört, von jeder persönlichen Haftung 
befreit. Nach Ine c. 74 darf der Herr den wälischen Knecht, der 
einen Engländer erschlug, freigeben (gefreögan). Hat der Wale eine 
freie Magschaft, so mag diese das Wergeid für ihn bezahlen. Wenn 
nicht, so mögen seine Feinde sieh seiner bemächtigen. 1 Ein einsei- 
tiges dimittere kannte auch das fränkische Rechtsleben. Hat ein 
Schuldknecht eine Missethat begangen, so kann sich der Herr der 
persönlichen Haftung entledigen, indem er den Schuldknecht vor 
Gericht aufgiebt (demittit), wodurch er freilich auch seine Forderung 
verliert." Auch bei eigentlichen Knechten suchten sich im fränkischen 
Reiche die Herren durch einseitigen Abandon zu helfen. Allein dies 
wurde durch karolingische Capitularien im Interesse des Landfriedens 
und der Straf Justiz verboten und der Grundsatz aufgestellt: neniini 
liceat servum suum propter damnum ab illo cuilibet inlatum dimittere. 3 

Nach jüngeren Quellen des deutschen Rechtes, welche die Misse- 
that des Knechtes ausschliesslich ihm selbst zurechnen, haftet der 
Herr nur, wenn er ihn, nachdem er die Unthat erfahren hatte, 



1 hedan his bä gefän. Schmid übersetzt: sich hüten. Hedan heisst aber einer- 
seits jemanden hüten, öbservare, andererseits auch sich bemächtigen. Exodus 583. 
Metr. 27, 15. Grein, Sprachschatz s. h. v. 

" Cap. legg. add. 803, c. 8', Boretius, Capit. I 1 14. 
Cap. legi Rib. add. v. J. 803, c. 5. Boretius, Capit. I 117. Cap. 803 — 813, 
c 1. I 145. Ob unter dem dimittere ein formloses Aufgeben oder eine förmliche Frei- 
lassung zu verstehen sei. ist streitig. Für das erstere v. Richthoeen in Mon. Germ. 
LL. V 57, Anm. 43, dagegen neuerdings Leseur, Revue historique de droit francais 
1888, S. 583, Anm. 1, S. 704 ff. aber nicht überzeugend. Trotz des Verbotes der di- 
missio finden wir die rechtsförmliche Freilassung im südlichen Gallien, wahrscheinlich 
als Nachwirkung des bekannten römischen Grundsatzes: noxa Caput sequitur (Lex Rom. 
Wisig. Paulus 11. 32. § 12). Laut einer Urkunde von 819. Yaissete. 1 1 ist. de Langue- 
doc II Nr. 4M wurde ein Knecht freigelassen, welchem wegen Todschlags amtliche 
Verfolgung drohte. Die Freilassung vermittelt ein Abt. den der Herr gebeten hatte, 
111 si de Benedicto servo suo aliquid contingeret de parte imperatoris aut Berengarii 
comitis, qui eum requirebat propter homieidium, unde eum interpellabat ... inge- 
nuiun eum faceret. Die Urkunde steht auch bei Thevenin. Textes relatives aux insti- 
tutions privees etc. p, 80. 



Bri'nner : Über absichtslose Missethal im altdeutschen Strafrecht. S.!.> 

in seiner Were behält, wenn er ilini Nahrung giebt oder wenn er ilm 
durch Längere Zeit (z. B. über Nacht) behält oder wenn er ihm mehr 
als einmal zu essen giebt. Dieser Grundsatz galt auch für den Haus- 
herrn schlechtweg in Ansehung der Hausangehörigen, insbesondere 
der Hauskinder. 1 Er beruht auf dem Gedanken, dass wer den Ver- 
brecher, den Friedlosen beherbergt oder unterstützt, sich straf barer 
Begünstigung schuldig macht. 2 

Das Schicksal des ausgelieferten oder preisgegebenen Knechtes 
Lag ursprünglich in der Hand des Verletzten bez. seiner Sippe.' Doch 
forderte bei Tödtungen und bei schwereren Missethaten die Volks- 
anschauung schon aus religiösen Gründen den Tod des Schuldigen, 
der einstens wohl regelmässig Opfertod war, wie denn überhaupt 
das sacrale Moment der sogenannten Todesstrafe auch in Fällen der 
Rache, namentlich bei Auslieferung des Verbrechers an den Verletzten 
eine bedeutsame Rolle spielte. 4 Nach Rothari 370 soll der Knecht 
des Königs, der einen Mord begangen hatte, über dem Grabe, des 
Ermordeten aufgehängt, nach Lex Salica 70 der Knecht, der sieh 
mit einer Freien verbunden hatte, gerädert werden. In beiden Fällen 
handelt es sich um Racheacte der beleidigten Sippe. 5 



1 Siehe Stobbe, Deutsches Privatrecht III 38Q. Rivk. Vormundschaft II. 2, 

5. 56 f. Hertz, Rechtsverhältnisse des freien Gesindes in Gierke's Untersuchungen 

6, 43 ff. Siegel und Tomaschek, die Salzburgischen Taid'nge 1876, S. 433 in den 
unter Antwortpflicht angeführten Stellen. 

2 So schon Rive a. O. S. 56. Über das altnorwegische Recht siehe insbesondere 
von Amira. Vollstreckungsverfahren S.8if. 

: ' Unbegründet sind in. E. die Zweifel, welche von Ajiira, Vollstreckungsverfahren 
S. 84 gegen die Rache an dem unebenbürtigen Knechte, an dem unvernünftigen Thiere 
erhebt. Siehe oben S. 831 f. und unten S. 835 Anm. 4. 

4 Das Verbrennen wegen Zauberei in Lex Sal. 19, 1 Cod. 2 ist eine Handlung der 
beleidigten Sippe. Denn in erster Linie steht auf Giftmord Zahlung des Wergeids, 
eventuell Feuertod, nämlich bei Insolvenz, also in dem Falle, in welchem der Schul- 
dige nach salischem Rechte dem Verletzten übergeben wird. Als Racheact ist es auch 
zu erklären, wenn Fredegunde (Gregor. Tur. Hist. Franc. 6. 35) geständige Hexen, 
weil sie den Tod des Königssohnes verschuldet hatten, theils verbrennen, tbeils rädern 
lässt. Nach dem Briefe des heiligen Bonifacius an Aethilbald von Mercien (Jaffe, 
Bibliotheca III 172) a. 744 — 747 wurde bei den Altsachsen die Entehrte gezwungen 
sich das Leben zu nehmen. Über ihrem Grabe wurde dann der Entehrer aufgehängt. 
Die ihn aufhängen, sind dieselben, welche die Entehrte zum Selbstmorde zwingen. Nur 
Genossen der verletzten Sippe können damit gemeint sein. 

5 Gregor von Tours erzählt Hist. Franc. 7, 47. dass ein Sklave, der seinen Herrn 
verwundet hatte, von dessen Verwandten mit abgehauenen Händen und Füssen an den 
Galgen gehängt wurde. Nach Ostgötalagen Db. 13, § 2 darf der Unfreie, den der 
Herr nicht auslöst, von den Verwandten des Erschlagenen mit dem Eichenstrang um 
den Hals am Thürpfosten seines Herrn aufgehängt werden. Von Amira, Altschwed. 
Obligationenrecht I 708. Die Bemerkung Brunnenmeister's , Tödtungsverbrechen im 
altröm. Recht S. 173, dass bei den Germanen die Blutrache mit religiösen Vorstel- 
lungen nichts zu tliun habe, lässt sich nicht aufrecht erhalten. 



< s -! 1 Gesammtsitzung vom 10. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

Seit die Christianisierung der Germanen die religiösen Motive 
der Rache abschwächte, begann die Rechtsordnung auf verschiedene 
Weise die Bestrafung des Schuldigen sicher zu stellen. Sie verhängte 
über den Knecht in schwereren Fällen die Todesstrafe, in leichteren 
Verstümmelung oder Prügelstrafe. 1 Soweit die Lehens- oder Leibes- 
strafe von dem Verletzten vollstreckt ward, vollstreckte er sie nicht 
mehr kraft eigenen Rechtes, sondern als Organ der öffentlichen Ge- 
walt. 2 Bei gewissen Verbrechen, so bei Raub und Diebstahl macht 
es schon die merowingische Gesetzgebung im Interesse der Friedens- 
bewahrung dem Herrn zur unbedingten Pflicht, den Knecht an die 
öffentliche Gewalt auszuliefern, welche das Verbrechen von Amts- 
wegen bestraft. Stellen des langobardischen Edicts lassen es zwar 
bei der Auslieferune- an den Verletzten bewenden, verbieten aber in 
bestimmten Fällen, dass der Herr den Knecht wieder einlöse, 3 oder 
sprechen, wenn die Ahndung unterbleibt, den Schuldigen der öffent- 
lichen Gewalt zu. 4 

V. 

Was die Haftung für Übelthaten von Thieren betrifft, so scheint 
hinsichtlieh bestimmter Hausthiere eine altgermanische Überlieferung 
bestanden zu haben, wie aus der Übereinstimmung der alliterirenden 
Formeln gefolgert wird, in welchen einst bei Friesen und Lango- 
barden, bei ost - und westnordischen Stämmen von der Haftung für 
Hengstes Huf, Rindes Hörn, für den Hauer des Ebers und für den 
Biss des Hundes die Rede war.' Fehlt es nicht an Spuren unbe- 
schränkter Haftung des Eigenthümers für Übelthaten von Thieren, 6 
so hat sich doch schon frühzeitig der Grundsatz ausgebildet, dass 
das Unheil, das jene Hausthiere anrichten, in der Regel nicht als 
Friedensbruch angesehen werde. Nach Rothari 326 ist die Fehde' 



1 Georg Meyer, '/.. f. R. G. germ. Abth. II 92 1'.. \\\ f. 

- Argum. Cap. ital. a. 801, c. 4. Bori rn s, Capit. I 205 verglichen mit Ed. Chilperci 
c. 8, i. f. Boretiüs, Capit. I 10 (cni malum fecit, tradatur in manu et facianl exinde 
quod voluerint). 

3 Rothari 142. 

4 In Rothari 221 heisst es von dein Knechte, welcher sieh mit einer Freien 
verbindet, animae suae ineurrat periculum. Was damit gemeint sei, zeigt Liutprand 24. 
wonach, wenn die Verwandten nicht binnen Jahresfrist Rache nehmen, ipse servus ad 
puplicum replecetur. 

■ Grimm, Etechtsalterthümer S. 664. Von Amlra, Zweck und .Mittel S. 5b. 

6 Hinsichtlich wilder Tliiere siehe Ssp. Ldr. 11,62, Sunesenc. 55: pro illala 

morte ab animalibus assumens seeundum antiquas iegr> tenetur persolvere, 

qtiantum si facinus in persona propria commisisset. Volles Wergeid verlangt Pactus 

Uam. III. 17. si caballus boves aut porcus hominem oeeiderit. 

7 Vergl. Lex Burg. 18, l.ex Sax. 57. 



Brunner: Über absichtslose Missethni im altdeutschen Strafrecht. S.i.i 

ausgeschlossen, quia mutares 1 fecit, nam non hominis Studium. In 
der Rechtsanschauung, dass Vieh kein Gewette verbrieht, stimmen 
Rechtsquellen örtlich weit getrennter Rechtsgebiete überein. 2 Dagegen 
ist der Eigenthümer verpflichtet, Wevgeld oder Busse oder eine Quote 
der Compositio zu zahlen, die sich in den einzelnen Rechten ver- 
schieden gestaltet. 

Bei schwereren Übelthaten, so insbesondere im Falle der Tödtung 
eines freien Menschen ist das schädliche Thier an den Verletzten bez. 
an dessen Sippe auszuliefern. Wie schon J. Grimm 3 bemerkte, wurde 
die Auslieferung wahrscheinlich verlangt, damit die Verwandten des 
Getödteten das verhasste Thier umbringen könnten. 4 Der Werth des 
ausgelieferten Thieres wurde wohl meist in die Zahlung des Wer- 
geides oder der Busse eingerechnet. Nach den beiden fränkischen 
Volksrechten wird bei Tödtungen freier Menschen das Thier eben- 
so wie der Knecht statt der Hälfte des Wergeides hingegeben. 5 
Gemäss den Zusätzen jüngerer Texte der Lex Salica, welche oben 
S. 826 erörtert worden sind, brauchte der Eigenthümer nichts zu 
zahlen, wenn er, ehe die Sache streitig wurde, den auetor criminis 
auslieferte und den Gefährdeeid leistete. Dieser Eid lautete nach 
der Heroldina dahin, dass er die schädliche Eigenschaft des Thieres 
nicht gekannt habe Ich halte es für wahrscheinlich, dass die ältesten 
Texte der Lex Salica. im Titel 36 bereits ein ursprünglich strengeres 
Recht gemildert haben, welches den Gefährdeeid und die freiwillige 
Auslieferung des Thieres neben dem halben Wergeide verlangte, 
während im Fall processualischer Überführung die That als eigene 



1 Sprachlose Wichte (oquepins vitr), nennt jene vier Thiere eine schwedische 
Rechtsquelle. Von Amira, Altsehwed. Obligationenrecht S. 397. Indem Beaumanoir 
die Justificirung der Thiere bekämpft, die einen Menschen getödtet haben, führt ei- 
ch. 69,6 aus: car bestes nmes n'ont nul entendement, qu'est biens ne qu'est maus. 
Et por cc est che justice perdue. Car justice doit estre fete pur le venjance du meffet 
et que eil qui a fet le meffet, sace et entende que por cel meffet il empörte tel paine; 
mais cix entendemens n'est pas entre les bestes mues. 

2 Lex Rib. 46. Ssp. Ldr. II, 40. § 3. Livre des droiz et des commandemens d'of- 
fice de Justice eh. 119: cellui ä qui la beste sera, est tenu de amender les dommages 
au blecie; et si ne fera amen de ä justice, par quoy il ose iurer qu'il ne sceust 
la teiche de la beste. Keure des Landes Waes von 1241, c. 41. Warnkönig. Flan- 
drische Rechtsgeschichte II. 2, Urk. Buch Nr. 220. S. 183: . . seeundum quantitatem 
laesurae . . debet satisfieri laeso vel laesis. Dominus autem equorum vel boum . . . 
remanebit erga comitem absque forefacto. Über die schwedischen Rechte von Amira. 
Altsehwed. Obligationenrecht S. 396 ff". 

3 Reehtsalterthümer S. 664. 

4 Vergl. Lex Wisig. 8,4, c. 20: eum (canem) illi tradat . . . ut cum oeeidat 
und Schwabenspiegel. Lassberg e. 204: und dem der schade geschiht, wil der. er 
mag ez toeten. 

5 Lex Salica 31"}. Lex Rib. 46. 



8.H) Gesammtsitzung vom 101 Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

zu büssen war. Darauf lässt der Umstand zurückschliessen , dass 
Quellen der salischen Tochterrechte strenger sind, als die Lex Salica. 
Nach den Etablissements de Saint Louis und den damit verwandten 
Rechtsquellen zahlt der Eigenthümer des tödtenden Thieres le relief 
d'un hemme, nämlich iooSous und i Denar 1 und verliert ausserdem 
das Thier, welches der Obrigkeit verfallt. Dabei muss er schwören, 
dass er die schädliche Eigenschaft des Thieres nicht gekannt habe. 
Denn wenn er darum wusste, wird er autgeknüpft.' 2 Nach Bouteiller 
soll der Herr, wenn er vorher wegen der Schädlichkeit des Thieres 
vergeblich von der Obrigkeit verwarnt worden war, zu Tod und 
Friedlosigkeit vcrurtheilt werden.' 1 Eine Keure für das Dorf Piet in 
Flandern von 1265 spricht den Eigenthümer von der Haftung gegen 
die Obrigkeit frei, wenn er dem Verletzten die That bessert. Leugnet 
er aber und wird er vom Gericht überführt, so soll er nicht nur 
den Schaden bessern, sondern dem Herrn 1 o Schillinge und ebenso 
viel dem Verletzten zahlen. 4 

Günstiger ist dem Eigenthümer eine Gruppe von Rechtsquellen, 
welche nicht die Auslieferung und Darbringung des Thieres verlangt, 
sondern sich mit einseitiger Preisgebung begnügt, die aber sofort 
erfolgen muss, nachdem der Eigenthümer von der Übelthat Kennt- 
niss erlangt hat. 

Der Sachsenspiegel lässt den Herrn des tödtenden Thiers das 
Wergeid zahlen, wenn er es in die Gewere nahm, nachdem er das 
Unheil erfahren hatte. Sleit he't aver ut unde ne hovet noch ne 
huset noch ne etet noch ne drenket he't, so is he unschuldich an'me 
scaden; so underwinde's sik jene vor sinen scaden of he wille. 5 

Nach flandrischen Keuren aus den Jahren 1241 und 1264 ist 
der Eigenthümer des Pferdes oder Ochsen, die einen Menschen ge- 
tödtet haben, von Haftung frei, wenn er das (seit zwei Nächten) 
schädliche Thier aus dem Hause treibt und sich davon lossagt. 6 



1 Wohl das alte Romanenwergeld und kaum das halbe Wergeid des freien Franken. 
entsprechend der medietas conipositionis in Lex Salica 36. 

- Etablissements de Saint Louis 1. eh. 125. Vergl. Viollet, Etabl. de Saint 
l.di iis I 232 ff. 

1 Summe rurale 1. titre 38. de la beste tuer honmie. 

4 Warnkönig, Flandrische Rechtsgeschichte IL 2. Urkundenbueh Nr. 234, S. 226. 

6 Ssp. Ldr. II, 40. Auf das Erforderniss eines Gefährdeeides lässt die Glosse 
zu Ssp. II. 62, § 1 zurückschliessen. Schwabenspiegel, Lassuerc, . e. 204: wil er ez 
lau varn, daz tuot er vvol und giltet nüt . so hat ez iener für sinen schaden. 

6 Keure der vier Ämter von 1241 bei Warnkönig, Flandrische Staats- und 
Etechtsgesehicbte, II, 2, Urk. Buch. Nr. 222, S. i>_)3. c. 41 : similiter si aliquis alienus 
simili casu laedatur. possessor equorum vel bouni non debet subjacere alicui forefacto, 
nisi ab heri et nudius tertius animal fueril manifestae noxae. Aüoquin debet ex fore- 
facto eins iuri Stare, nisi illud de domo sua expellal et abneget. Das Thier muss 



Brunner: Über absichtslose Missethat im altdeutschen Sträfrecht. 837 

Eine altfranzösische Rechtsquelle, der in Poitou entstandene 
Livre des droiz et des commandemens d'office de Justice hat den 
Rechtssatz, dass der Eigenthümer des Hundes oder Pferdes sich von 
der Haftung befreie, en le desadvouant, das heisst indem er sich 
davon lossagt. Et si apres Le desadveu il reprenoit, il y seroit tenu 
(au dommage).' 

Nach den norwegischen Frostupinsgslög soll der Herr Ross, 
Kind. Schwein oder Hund, die einem Menschen Schaden gethan, 
sich von der Hand sauen (segia afhendis). Thut er es nicht, dann 
hat er es so gepflegt, wie den Todtschläger eines Menschen, wenn 
er vorher darum angesprochen wurde. 2 Die Gulapingslög bestimmen: 
Wenn Hörn oder Huf oder Hund eines Menschen Todtschläger sind, 
so sage man sich das Thier von der Hand. Wenn man es aber füttert, 
nachdem das Urtheil erging, so zahle man 40 Mark, 5 eine Brüche, 
die an Stelle älterer Friedlosigkeit getreten ist.' 

Das Preisgeben des Thiers, das abnegare, desavouer, von der 
Hand sagen, entspricht dem dimittere bei dem Unfreien. Es ge- 
schieht zu Gunsten des Verletzten, der des Thieres sich unterwinden 
oder das Thier bei dem Eigenthümer holen kann. Der Beschädigte 
mag, wenn er will, das Thier tödten. 5 Der Haftung des Herrn, 
der das Thier in der Gewere behält, liegt die Fiction zu Grunde, 
dass das Thier den Frieden gebrochen habe. Das Thier wird per- 
soniricirt und daraus die Consequenz gezogen , dass der Eigenthümer 
verantwortlich werde, wenn er es füttert oder tränkt, wie ja jeder 
strafbar wird, der einen Verbrecher, einen Friedlosen, nährt oder 
haust und hoft. 6 Dass die Terminologie der Friedlosigkeit auch 
auf Thiere angewendet wird, rindet sich in ost- und westgermanischen 
Quellen. Für öheilagr gilt auf Island der Bär und der Stier, der 
einen Menschen getödtet hat. Eine jüngere nordische Sage 7 will 



seit zwei Nächten (seit gestern und vorgestern) die Eigenschaften eines schädlicher. 
Thieres gezeigt haben. Ebenso in der Keure für Saffellaere von 1264. Warnkönig 
a. 0. III. Nachtrag zum Urk. Buch. Nr. 166. c. 6. S. 39. 

1 Livre des droiz ed. Beautemps-Beaupre, eh. 871. 

2 Frostubingslög V, 16. Norges Gamle Love I. 180. Siehe von Amira, Voll- 
streckungsverfahren, S. 83 ff. Brandt, Forekesninger over den Norske Retshistorie II 46. 

3 Gulapingslög 165. Leugnet der Herr und wird er beweisfällig, so büssl er 
gleichfalls 40 Mark und zahlt Busse an die Verwandten. Nach Gulapingslög 147 soll 
der Herr, der sich weigert, das Thier dem Verletzten in die Hand zu liefern, be- 
handelt werden, als ob er ihn seihst verwundet hätte. 

4 K. Lehmann. Der Königsfriede der Nordgermanen , S. 198. 

5 Siehe oben S. 835 Anm. 4. 

6 H. Brenner. Deutsche Rechtsgeschichte 1 167 Anm. 

7 Eine freundliche "Mittheilung Konrad Maurers. Finnbogasaga ed. Gering 
1878, p. 23. Vergl. darüber Mogk in Faul's Grundriss der germanischen Philo- 
logie II . 1 . S. 120. 

Sitzungsberichte 189Q. 71 



838 Gesammtsitzung vom 10. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

sogar wissen, dass in Helgeland ein Bär wegen Beschädigung von 
Vieh friedlos gelegt und ein Kopfgeld auf seine Tödtung gesetzt 
worden sei. Auch nach holländischen Quellen 1 gelten gewisse schäd- 
liche Thiere für friedlos. Man mag sie tödten und auf dem Felde 
aufhängen oder über die Einfriedung werfen, hinnen welcher sie 
»Schaden gethan haben. Wenn Bouteiller 2 sagt, dass das Thier, 
welches einen Menschen tödtete, doit estre condamne en exil, so ist 
darunter nicht Verbannung, sondern Friedlosigkeit zu verstehen, 
welche durch Tödtung des Thieres geltend gemacht werden soll. 3 
Nach jüngeren Rechten tritt an Stelle des Verletzten die Obrig- 
keit. Das Thier wird nicht mehr dein Verletzten ausgeliefert oder 
preisgegeben, sondern von der Obrigkeit eingezogen, gefrohnt. So 
nach altfranzösischen 4 und nach niederländischen 5 Rechtsquellen. 
Sachez, sagt Bouteiller, que la beste selon le plus des coustumiers 
et coustumes locaux . . demeureroit en la main du Seigneur. Nach 
Beaumanoir soll der Gerichtsherr das Thier nicht etwa en maniere 
de justice um's Leben bringen, sondern, wenn es gefährlich ist, zum 
eigenen Nutzen tödten, wenn es ein Pferd. Maulthier oder Esel ist, 
zum eigenen Nutzen behalten. Auch in Deutschland erlangte der 
Grundsatz der Frohnung weite Verbreitung. So sagen z. B. die 
Bordesholmer Amtsgebräuche (a. 46): Wird befunden, dass Viehe, 
etwa Pferde, einen Menschen tödten, auf solchen Fall ist das Viehe 
an die Herrn verfallen.' Und noch die Carolina ist veranlasst, in 
Art. 218 die Rechtssitte zu verbieten, dass in etlichen Orten ein 
Fuhrmann, der mit einem Wagen umwirft und unversehens einen 
Menschen tödtet, der Obrigkeit mit Wagen. Pferden und Gütern ver- 
fallen sei. Die ausgedehnteste und consequen teste Anwendung machen 
von der Frohnung das anglonormannische und das schottische Recht. 8 
Thiere und leblose Gegenstände, die Anlass eines Todesfalles waren, 



1 Fockema Andreae , Stadregt van Vollenhove I 316. 
- Somme rurale, 1 titre 38, de la beste tuer. 

3 Das ergiebt schon der Zusammenhang mit dem Anfang des Capitels, wo auf 
die bekannte Stelle des Exodus verwiesen wird, und mit dem folgenden Capitel, wo 
es heisst: et doit la beste estre destruitte, si comme dessus est dit. Der Ausdruck 
exil ist wohl gewählt, um die rechtsförmliche Hinrichtung auszuschliessen. 

4 Coutume de Touraine-Anjou 114. Etablissem. de S. Louis I, eh. 125. Livre 
des droiz et des commandemens 1 10. Siehe Violle'j . Etablissements de S. Louis I 
232 ff. und IV 116. Vergl. Li Livres de Jostice et de Plet XVIII. 24. §. 10, XIX. 
48 . §. 9 «'. 

: ' Noordewier, Regtsoudheden S, 80, 300. 

Somme rurale, I, titre 37, de brebis. moutons et autres bestes 

7 Nach dem Eiderstedtischen Landrecht 4,55 ist das Pferd den nächsten Erben 
des Getödteten zu verabfolgen. 

8 Holmes, Common Law 1881, S. 24fr. Blackstone, Comm. I 300. 



Brunner: Über absichtslose Missethat im altde i Btrafrecht, 839 

lallen hier dem König anheim. Sie sind und heissen deodand, deo dan- 
dum. weil sie der König zu frommen Zwecken verwenden soll. 

Neben dem Rechte der Obrigkeit tritt der Gesichtspunkt der 
Sachhaftung des Eigenthümers schliesslich zurück. Das Thier wird 
von Ämtswögen eingezogen, weil es Schaden gethan, auch wenn der 
Eigenthümer sellist oder ein Angehöriger desselben beschädigl worden 
ist. 1 Ist es doch in solchem Falle nicht mehr und nicht weniger 
schuldig, als wenn es einen Dritten verletzt hätte. 

Die Gleichartigkeit in der Behandlung diu- Uebelthaten von 
Knechten und Thieren ging soweit, dass der Ausbildung eines selb- 
ständigen Sklavenprocesses ein besonderes Strafverfahren gegen Thiere, 
der amtlichen Hinrichtung von Sklaven eine amtliche Justificirung 
von Thieren entspricht mit all den Förmlichkeiten, welche Recllts- 
gang und Hinrichtung des germanisch- romanischen Mittelalters aus- 
zeichnen. Beispiele von Todesstrafen, welche an Thieren vollzogen 
wurden, reichen bis in unser Jahrhundert herein. Nicht nur wegen 
unmittelbarer Thäterschaft, sondern auch wegen Theilnahme und 
Begünstigung wurden Thiere justificirt. So mussten die Pferde 
hüssen. mit welchen eine Jungfrau entführt worden war." Im drei- 
zehnten Jahrhundert war es weit verbreiteter Rechtsbrauch . dass. 
wenn in einein Hause Nothzucht verübt worden, alles Lebendige, 
was darin war. Leute und Vieh, dem Tode verfiel, weil sie die 
Misset hat geduldet hatten. 3 

Das in Einzelnheiten vielbesprochene Thema der Bestrafung der 
Thiere. bedarf, um völlig aulgeklärt zu werden, noch einer ein- 
gehenden methodischen Untersuchung, Da eine solche von K. von 
Amira zu erwarten ist, unterlasse ich es, auf den Gegenstand näher 
einzugehen. 4 



1 Aus der Beseitigung oder Ablehnung dieses Grundsatzes erklärt sich folgende 
merkwürdige Bestimmung der Keure des Landes Waes von 1241. c. 41 1 >ei Warn- 
könig a. 0. II. 2. I'B. S. 1S3: cum equi vel boves vel equi curruin vel carrucam 
trahentes, effrenes vel praeeipites cueurrerint et aliquem laeserint, sive aliquis a quo- 
cumque molendino vel a domo cum elevatur, laesus fuerit; si possessor eorundem 
vel filius vel filia vel uxor sive pecora vel quodcuihque ad ipsum pertinet, laesum 
fuerit, debet über remanere al> omni forefacto erga dominum comitem cum infortunio 
suo . . •• Cf. Keure der vier Aemter a. 1». S. 193, c. 41. 

- Neues Archiv für Crlminalrecht 4, 302, Amu., wo auf eine mir unzugängliche 
Dissertation Henr. Jac. Beyer's, Ad tit. I. 1. 4, Inst, de oblig. quae ex delicto naseuntur, 
Lugd. Bat. 1728 verwiesen wird. 

3 J. Grimm. Z. f. D. R. V 18. Gierke, Humor im Recht, S. 17. 

1 Von Amira stellt in Pauls Grundriss II. 2. S. 173 eine Untersuchung über 
die Bestrafuni; der Thiere In Aussicht, indem er zugleich die für das Thema maass- 
gebenden Probleme hervorhebt. Ist biblisch-kirchlicher Einfluss sicherlich nicht alizu- 
weisen, so geht doch der Gedanke, das Thier zu strafen, wahrscheinlich auf arische 
religiöse Vorstellungen zurück. Man denke an das angebliche Gesetz des Numa 



840 Gesammtsitzung vom 10. .Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

VI. 

Germanische Rechte kennen auch eine Haftung des Eigenthümers 
für Unglücksfalle, welche durch leblose Gegenstände angerichtet werden. 

Vereinzelte Quellenaussprüche machen z. B. den Eigenthümer der 
Waffe verantwortlich für den damit verursachten »Schaden. Die sog. 
Leges Henrici primi führen unter den Fällen stricto iure zu blässenden 
Ungefährs auch den Fall an: si alicuius arma perimant aliquem ibidem 
posita ab eo cuius erant. 1 Und als Aufhebung eines älteren Rechts- 
satzes dürfte es sich erklären, dass die Lex Burgundionum es für 
nöthig hielt, die Haftung des Eigenthümers auszuschliessen für den 
Unfall, den die abgelegte Waffe veranlasst.' 2 Jüngere Reflexion scheint 
es zu sein . wenn in manchen Quellen die Bussfälligkeit des Eigen- 
thümers auf die Pflicht zurückgeführt wird, die Waffe zu bewahren 
und zu behüten, damit durch sie niemand zu Schaden komme. 

Nach Knut II 75 wird der Eigenthümer, der seine Waffe vor- 
sichtig hinstellte oder aufbewahrte, frei mit seinem Gefährdeeid, wenn 
ein Dritter sie wegnahm und damit Schaden anrichtete. Die soge- 
nannten Leges Henrici primi (87,2) wiederholen diese Stelle, fügen 
aber hinzu: observet autem ille, cuius arma erant. ut ea non recipiat, 
antequam in omni calumpnia munda sint. Den Sinn dieser 
eigenthümlichen Warnung gewinnen wir aus einer bedeutsamen Stelle 
des ribuarischen Volksrechts. 

Lex Ribuaria 70, 1: si quis homo a ligno seu a quolibet manu- 
factile lüerit interfectus, non solvatur. nisi forte quis auctorem inter- 
fectionis in usos propios adsumpserit; tunc absque frido eulpabilis 
iudicetur. 

Wird ein Mensch durch einen Balken oder durch irgend eine mit der 
Hand hergestellte Sache getödtet, so wird er nicht gebüsst. Wenn aber 
jemand die betreffende Sache, den auctor interfectionis, in Gebrauch 
nimmt, so büsst er den Todtschlag, ohne Friedensgeld zu bezahlen. 

Der Entstehung dieses eigenthümlichen Rechtssatzes scheint ein 
uralter religiöser Gedanke zu Grunde zu liegen. Aus Norwegen wird 
uns über einen sonderbaren Aberglauben berichtet. »Hier und da, 



Pompilius: eutn qui terminum exarasset et ipsum et boves sacros esse, man denke an 
die griechische Rechtssitte, Thiere und leblose Gegenstände, die einen Menschen ge- 
tödtet, über die Grenze zu bringen, i£oai£iu>, viripoptgew, bezw. in die See zu ver- 
senken. Hermann. Lehrbuch der griechischen Antiquitäten II. 1: Die griechischen 
Rechtsalterthümer 3. Aufl. besorgt von Thalheim 1884. S. 44. Leist, Graeco-italisclie 
Rechtsgeschichte 1884, S. 344 t!'. Holmes. Common Law S. 7 ff. 

1 Leges Henrici primi 90. § 11. 

2 Lex Burg. 18.2: Lancea vero el quodcumque genus armorum aut proiectum 
in terra am fixum simpliciter fuerit et casu (sei ibidem homo aut animal inpulerit, 
illum cuius arma fuerint, nihil iubemus exsolvere. 



Brt-xner: Über absichtslose Missethat im altdeutschen Strafrecht. 841 

erzählt Liebrecht, Zur Volkskunde 1879, S. 313. finden sich gewisse 

Dinge, wie Messer. Äxte. Leuchter. gl'OSSe hässliche Birkeilstul dien 

u. s. w.. mit welchen der Sage rtach Menschen erstochen oder todt 
geschlagen sind. Sie liegen da ungebraucht und werden gleichwie 
Götzenbilder aufbewahrt. Nur Kranke bedienen sich ihrer, um sich 
damit bestreichen zu lassen.« Dieser Aberglaube verbietet gleich der 
Lex Ribuaria, dass der auctor interfectionis in Gebrauch genommen 
werde. Lr ist von der täglichen Benutzung ausgeschlossen und wird 
gewissermaassen als ein heidnisches Deodand aufbewahrt. 

Derselbe Gedanke begegnet uns in den Stadtrechten von Schles- 
wig, Flensburg und Apenrade.' Wird Lei einem Hausbau jemand durch 
einen Balken, Sparren oder durch ein Holzstück getödtet, so büsst 
der Herr des Hauses neun Mark und ist von weiterer Haftung frei, 
nach dem älteren Schleswiger Stadtrecht, wenn er den tödtenden 
Balken den Verwandten des Erschlagenen überlässt, nach dem jüngeren, 
wenn er ihn wegwirft. Wird aber der Balken eingebaut, so hat der 
Eigenthümer für den Todestall mit dem ganzen Hause zu büssen. 8 

Bei den Angelsachsen ist nach Alfred 13 der Baum, durch 
welchen jemand hei gemeinschaftlichem Werke erschlagen wurde, den 
Magen des Erschlagenen auszuliefern. Nehmen sie ihn nicht Linnen 
30 Nächten, so nehme ihn der Eigenthümer des Waldes. 

Die Auslieferung, das Preisgeben des Balkens, des Baumes spielen 
hier eine ähnliche Bolle, wie die Auslieferung, das Preisgeben des 
Knechtes, des llausthieres. Die Verwendung des Holzes oder des 
Instrumentes begründet eine Haftung ebenso wie das Hausen und 
Höfen des Knechtes, das Füttern des Hausthiers. 

Wie nach manchen Rechten der missethätige Knecht, das schäd- 
liche Thier der Obrigkeit verfällt, so werden auch leblose Gegen- 



1 Auf diese Stellen hat schon Hepp, Die Zurechnung auf dem Gebiete des 
Civilrechts, insbesondere die Lehre von den Unglücksfällen nach den Grundsätzen 
des römischen und deutschen Rechtes und den neueren Legislationen, 1838. S. h., ii: 
hingewiesen und damit die richtige Erklärung von Lex Rib. 76, 1 gegeben. IL: in- 
verweist auch auf die griechische Sitte, leblose Gegenstände, die einen Menschen 
getödtet, in die S,t zu versenken. Vergl. oben S. 840, Anm. 4 zu S. 830. 

- Älteres Schleswiger Stadtrechl a. 83 bei Thorsen, Die dem Jütischen Low 
verwandten Stadtrechte S. 19: item si eleventur domus alieuius el aliquis a tigno vel a 
trabe vel a pinnaculo percutiatur ad mortem, lignum percutiens heredibus defuneti ex- 
ponatur et dominus domus pro mortuo IX marcas emendabit. Si vero lignum, de 
quo percussus est mortuus, sub tecto locatur, etiam ipsam domum totaliter emendabit. 
Jüngeres Schleswiger Stadrecht a. 94 a. < ». S. 49: Boret men eyn hüs/. unde wert we 
slagen van eneine balken edder sparen edder holte' todöde. de liere des hfiszes werpe 
dal slande holl envvech unde betere vor den döden IX mark; men brukel he des slanden 
hohes, de here des hüszes betere tnyl deine gantzen husze. Im lateinischen Texte: 
Lignum uoxium abjicito, in Flensburg 40, a. Ü. S. 75: legge dat holt wech. Vergl. 
Apenrade 49, a. O. S. 192. 

Sil/Iiniistierichtf 1890. 72 



842 Gesammtsitzung vom 10. Juli. — Mittheilung vom 13. März. 

stände gefrohnt. Nach englischem und schottischem Rechte sind sie 
deodand. 1 Es soll noch vorgekommen sein, dass eine Dampfmaschine 
als deodand eingezogen wurde. Auch flandrischen und nordfranzö- 
sischen Rechten seheint bei Ungefähr eine Verwirkung lebloser Ge- 
genstände nicht fremd gewesen zu sein." 

Der amtlichen Hinrichtung von Thieren ist es an die Seite zu 
stellen, wenn bei dem Verbrechen der Nothnunft oder des Frauen- 
raubes nicht nur alles lebende, das gegenwärtig war, getödtet, sondern 
auch das Haus, in welchem das Verbrechen geschah oder der Ver- 
brecher sich aufhielt, zerstört werden soll. 3 Nach friesischen Quellen 
muss jedes Haus, in welchem eine Gerauhte gewaltsam über Nacht 
gehalten wurde, verbrannt werden. Wird der Räuber mit dem Weibe 
flüchtig von einem Hause zum zweiten, vom zweiten zum dritten, 
so soll man die drei Häuser verbrennen. Das Rechtsbuch nach 
Distinctionen (4, 10) lässt das Haus niederbrechen, wo die Noth ge- 
schah. Was davon abkommt (das abgebrochene Material) ist des Ge- 
richtes, die Hotstätte der Gemeinde. 



' Vfergl. die trefflichen Ausführungen bei Holmes, Common Law S. 24 ff. und 
siehe ohen S. 839. 

- Bouteiixeh bemerkt, Somme rurale 1. titre 39, d'homicide par ad venture, dass, 
wenn anlässlich eines Hausbaues ein Mann erschlagen ward, l'oeuvre ne le maistre 
de In maison n'en porteroit aueune penitence criminelle ne civile, vorausgesetzt, dass 
ein Warnungszeichen angebracht war. Vergl. Keure von Waes v. 1241. c. 41 i. f. 
Keure der vier Amter v. 1242. c. 41, Keure von Saefelaare v. 1264, c. 6. 

; J. Grimm. Über die Notnunft an Frauen Z. f. D. R. Yi-tl'.. der darin An- 
klänge an heidnische Sühnopfer findet. Geib, Lehrbuch des deutschen Strafrechts 
S. 234. Gierke, Humor im Recht S. 10. Landfriede von 1094 — '097. c. 4 bei Waitz, 
Urkunden zur deutschen Verfassungsgeschichte, 2. Aufl. S. 30. 



Ausgegehen am 17. Juli. 



Berlin gedruckt 



843 
1890. 

XXXVI. 

SITZUNGSBERICHTE 

DEB 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 

17. Juli. Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Auwers. 

1. Hr. Möbius las über die Bildung und Bedeutuni; der 
Gruppenbegriffe unserer Tliiersysteme. 

2. Hr. von Helmiioltz las über die Energie der Wogen und 
des Windes. 

Beide Mittbeilungen folgen umstellend. 



Sitzungsberichte 1890. 



845 



Über die Bildung und Bedeutung der Gruppen- 
begriffe unserer Thiersysteme. 

Von K. Möbius. 



In einer gedankenreichen Schrift über zoologische Classification setz! 
L. Agassiz 1 auseinander, dass die Merkmale der Speciesbegriffe und 
die aller höheren Gruppenbegriffe aus Eigenschaften der Individuen 
abgeleitet werden und dass diese dalier die realen Repräsentanten 
aller classificatorischen Gruppenbegriffe seien. Alle Biologen, welche 
über die logische Thätigkeit des Classificirens der Organismen nach- 
gedacht haben, werden dies richtig finden. Aber die Behauptung 
des berühmten Begründers der vergleichenden Zoologie in Nordamerika. 
dass es ihm gelungen sei, festzustellen, welche Eigenschaften der 
Individuen die Charaktere der verschiedenen classificatorischen Gruppen- 
begriffe liefern, hat keine Zustimmung gefunden. Schon 1860 erhöh 
Rudolph Wagner Bedenken dagegen," und E. Haeckel 3 hat Agassiz's 
Ansichten einer scharfen Kritik unterworfen. 

Vor Linne werden alle höheren Thiergruppen ihren untergeord- 
neten Objecten gegenüber im Sinne der formalen Logik Genern 
genannt. 

In den zoologischen Schriften des Aristoteles haben die Worte 
yevog und stäoe nicht die Bedeutung der Ausdrücke Genus und Species 
unserer Systeme; yevvi sind übergeordnete, sidr, untergeordnete Thier- 
gruppen, deren Umfang von verschiedenen morphologischen oder 
physiologischen Merkmalen abhängt, welche gerade Aristoteles ihrer 
Vergleichung zu Grunde legt. So sind svxiux und kva.'i\xct, Genera von 



1 Essnv eii Classification. In: Contribution to the natural history of the Un. States. 
Boston 1857, I Pari I. AK besondere Schrift erschienen 1859. Französisch unter dem 
Titel: De l'Espece et de la Classification en Zoologie par L. Agassiz. Traduction de 
l'anglais par Felix Vogeh. Edition revue et augnientee par l'Auteur, Paris 1869. 

2 Loeis Agassiz's Principien der Classification der organischen Körper ins- 
besondere der Thiere mit Rücksicht auf Darwin's Ansichten im Auszuge dargestellt und 
besprochen. Separat- Abdruck a. d. Göttingischen gelehrten Anzeigen. Göttingen 1860. 

3 Generelle Morphologie II. 1866, S. 179. 

7:i* 



S4() Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 17. .hili. 

höherem Umfange, ^worixot,, ojotoxcl, fxd.Xa.y.oiipot,y.oi und evroua Genera 
von geringerem Umfange. 1 

Auch Ray 2 , der bedeutendste Vorgänger Linne's in der zoolo- 
gischen Systematik, nennt Genera im Aristotelischen Sinne die um- 
fangreichen Gruppen: Quadrupedia vivipara pilosa und Quadrupedia 
ovipara; bei den lebendig gebärenden, behaarten Vierfüsslern führt 
er als untergeordnete Genera an: SoUdungula^ Ruminanlia } Por- 
cinum genus u. A.. und stellt dann unter die Ruminantia als noch enger 
begrenzte Genera: Genus Bnviuum , Genus Ovinum , Genus Caprivurn 
und Cervinum genus. 

Erst Linne bezeichnete mit den Ausdrücken Classis, Ordo und 
Genus bestimmte systematische Abstufungen von Gruppen des 
Thierreichs. Seit der Veröffentlichung seiner tabellarischen Übersicht 
des Natursystems im Jahre 1735 3 bis zu den Systemen unserer 
Tage haben aber diese Benennungen einen sehr verschiedenen Werth 
besessen. Bei Linne umfasst die Classe der Insecten alle Arthro- 
podenclassen der heutigen Systeme, und seine Würmer werden jetzt 
fünf bis sechs Thier kr eisen zugewiesen. 

Der Gruppenbegriff Familia fehlt noch in dem LiNNE'sehen Thier- 
systeme. Er tritt zuerst auf bei J. Th. Klein* (175 1 und 1759), erhält 
aber erst im Anfange unseres Jahrhunderts eine bestimmte Stelle 
zwischen den Gruppenbegriffen Ordo und Genus. Denn in dem Systeme 
von J. G. C. Batsch 5 stehen die Familien unmittelbar unter den Classen 
und auch G. Cuvier hatte noch eine sehr unbestimmte Vorstellung 
von dem elassificatorisehen Range der Familien, wenn er in seinem 
Tableau elementaire de l'histoire naturelle des animaux, Paris [798, 
die Affen in Familien cintheilt, aber auch die Vögel, ohne diese 
vorher in Ordnungen zu zerlegen, und die Insecten eine Ordnung 
nennt, welche er in Familien theilt. P. A. Latreille" ist der Erste, 



1 Hierüber handelt ausführlich: Jürgen Buna Meyer. Aristoteles' Thierkunde, 
Berlin [855. 

2 J. Rajüs, Synopsis methodica animalium quadrupedum et serpentini generis. 
Londini 1693. 8°. 

3 ('. Linnaei Systema naturae sive Regni Irin naturae systematice proposita per 
classes, ordines, genera et species. Lugdun. Batav. 1735. Fol. 

1 .1. Th. Klein , Quadrupedum dispositio, Lipsiae 1751 und Stemmata avium. 
Lipsiae 1759- Von dem ersteren Werke erschienen deutsche Ausgaben von G. Reyer: 
Klein's Natürliche Ordnung und vermehrte Historie der vierfüssigen Thiere, Danzig 
17(111. und von F. I). Behn: Klein's Classification und kurze Geschichte der vierfüssigen 
Thiere, Lübeck [760. 

5 Versuch einer Anleitung zur Kenntnis* der Geschichte der Tliiere und Mine- 
ralien I . Jena . 1788. 

6 Histoire naturelle des Crustaces et des [nsectes. Suite ä Buffon. An XII 

(1804). — Genern Crustaceon i [nsectorum seeundum ord. natural, in Familias 

dispositi. Paris 1806 — 9. 



Möbius: Bildung u. Bedeutung der Grupnenbegriffe unserer Thiersystenie. 84/ 

welcher in seinen Systemen der Crastaceen, Arachniden und Insecten 
den Gruppenbegriffen Classe, Ordnung, Familie und Gattung 
einen bestimmten Stufenwertli beilegt. Manche Ordnungen theilt er 
in Sectionen oder Tribus, ehe er sie in Familien zerlegt. Von nun 
an linden alle diese Gruppenbegriffe allgemeine Anwendung, so bei 
G. CrviER in: Regne animal d'apres son Organisation, 1817, bei 
G. A. Goldfuss in: Handbuch der Zoologie, 1820, und in der zweiten 
Aullage von Lamarck's Amimaux saus vertebres (par Deshayes et 
H. Milne Edwards) Paris 1835 — 45. 

Je bestimmtere Werthe diese Gruppenbegriffe nach und nach er- 
hielten, je klarer gestaltete sich die Idee einer »natürlichen Classi- 
fication«, deren Ziel schon 1820 A. F. Schweigger 1 in folgenden 
Sätzen kennzeichnete: "Sie soll die Körper nach der Stufenfolge, in 
welcher ihre Organisation sich vervollkommnet ordnen: sie soll die 
Species in Gattungen, die Gattungen in Familien, die Familien in 
Ordnungen und diese in (lassen auf Grand anatomischer und physio- 
logischer Untersuchungen nach hervorstehenden und den Grad orga- 
nischer Ausbildung möglichst bezeichnenden Merkmalen so vereinigen, 
dass ihre natürliche Verwandtschaft und ihre Unterschiede deutlich 
hervorspringen. « 

Diesem Ziele immer näher zu kommen, dienen alle andauernd 
fortgesetzten morphologischen, histologischen, embryologischen und 
physiologischen Untersuchungen lebender und ausgestorbener Thiere. 
Die thatsächlichen Kenntnisse, welche dadurch über deren Form, 
inneren Bau, Entwickelung und Lebensthätigkeiten gewonnen werden, 
lassen sich nach logischen und nach erklärenden speculativen Principien 
für die Aufstellung von Thiersystemen verwerthen. 

Die rein logische combinatorische Classification beginnt mit der Bil- 
dung der Artbegriffe, in denen die übereinstimmenden Merkmale aller 
im Räume und in der Zeit zerstreuten Individuen des nächsten Verwandt- 
schaftsgrades in eine geistige Gegenwart zusammengedrängt werden." 
Da die Eigenschaften der Arten direct vererblich sind, so ruhet das 
System mittels der Artbegriffe auf einem realen, der Forschung allgemein 
zugänglichen Grunde. Die Merkmale der Gattungs- und aller höheren 
Gruppenbegriffe liefert die Natur aber nicht unmittelbar. Sie werden 
nach logischen Gesichtspunkten aus den Merkmalen verglichener Art- 
begriffe ausgewählt; ihr Umfang und Inhalt richtet sich daher nach dem 
Standpunkte, den die Classificatoren einnehmen. Diese bestimmen also 
die Anzahl, den Umfang und den Inhalt aller Kategorien ihrer Systeme. 



1 Handbuch da- skelettlosen Thiere, Leipzig 1S20. §. 40. 

2 K. Möbius, die Bildung, Geltung und Bezeichnung der Artbegriffe 
Verhältnis« zur AliNtaiiiiniiiiii'slelire. .lenn 188Ö, S. 21. 



848 Sitzung der physikalisch -mathematischen ('lasse vom 17. Juli. 

Aber zeichnet ihnen die Natur in den vererblichen Eigenschaften 
der Species nicht ganz bestimmte Bahnen vor. welche sie zu gehen 
haben, um die Merkmale für Gattungs-, für Familien-, für Ordnungs- 
und für Classenbegriffe auszuwählen? 

Wer sich diagnostische Systeme von Säugethieren , Vögeln, 
Reptilien. Insekten. Mollusken, Echinodermen ansieht, mag vielleicht 
den Eindruck empfangen, als lieferten Artmerkmale nur die Grösse, 
die Form und die Farbe der Hüllen und Gliedmassen. Jawohl, die 
unterscheidenden Merkmale sehr vieler Species sind lediglich von 
Eigenschaften der dauerhaftesten Organe entnommen, von hornigen, 
ehitinösen oder kalkigen Hautbildungen, von Zähnen und Knochen. 
Mit ausserordentlichem Scharfsinn hat man deren Unterschiede bei 
verschiedenen nahestehenden Species aufgesucht, um gute Diagnosen 
entwerfen zu können. Doch bieten diese dauerhaften Organe durch- 
aus nicht allein oder besser als andere Organe geeignete Species- 
merkmale dar. Gerade ebenso scharfe Unterschiede liefern genaue 
vergleichende Untersuchungen aller leichter vergänglichen Theile. wie 
die Form der Muskeln, der Ursprung und Verlauf der Nerven, der 
Bau der Sinnesorgane, der Verdauungs - . Athem- und Begattungs- 
organe, die Form und Grösse der Blutkörperchen, der Eier und Sper- 
matozoen, die Trächtigkeitsdauer, die embryonalen und postembryo- 
nalen Entwicklungsformen, die Nahrung, die Lebensweise u.a.m. 

Und wie für Speciesbegriffe , liefern sämmtliche Organe auch 
Merkmale für höhere Gruppenbegriffe , was auch E. Haeckel 1 den An- 
sichten Agassiz's gegenüber hervorhebt. Vergleicht man die besten 
systematischen Monographien höherer und niederer Thiere mit ein- 
ander, so ergibt sich, dass in den verschiedenen Thierclassen sehr 
verschiedene Organe Merkmale für Gattungs-, Familien-, Ordnungs- 
und Classenbegriffe liefern, dass aber innerhalb jeder höheren Gruppe 
die Merkmale der untergeordneten Gruppenbegriffe gleichen 
Ranges gewöhnlich von einander entsprechenden Theilen der 
verglichenen Species entnommen werden. Weiter ins Einzelne ge- 
hende Regeln, welche bei der Eintheilung aller Thierclassen zur 
Richtschnur dienen könnten, lassen sich nicht aufstellen. Hierin 
linde ich mich in Übereinstimmung mit M. Füebringek, der in seinem 
bewunderungswürdigen grossen Werke über Vögel' 2 die Principien der 
zoologischen Systematik sehr ausführlich dargestellt hat. 

F. Brauer dagegen weist am Ende des ersten Theiles seiner 
gedankenreichen »Systematisch- zoologischen Studien. System und 



1 Generelle Morphol. 11. S. 381. 

- Untersuchungen zur Morphologie und Systematik der Vögel. Amsterdam uni 

Jena 1888. 11. S. 302. 



Möbius: Bildung n. Bedeutung der Gruppenbegriffe unserer Thiersysteme. 849 

Stammbaum«, 1 auf »die Verhältnisse hin, welche bei der Charakte- 
risirung der Kategorien: Typus, Classe, Ordnung, Familie, Gattung 
und Species meist in Betracht gezogen werden«. Bestimmte, allgemein 
anwendbare Vorschriften für die Auswahl der Merkmale jener Kate- 
gorien enthalten seine Angaben aber nicht. Wer noch die unklare 
Vorstellung hat, dass die zoologischen Systeme mein- oder weniger 
bewusst nach solchen Vorschriften ausgearbeitet würden, der möge 
nur einmal die (lassen-. Ordnungs- und Familiencharaktere der In- 
fusorien, Spongien, Hydrozoen, Bryozoen, Insecten und Vögel mit- 
einander vergleichen, um sieh von dem Irrt Imme seiner Vorstellung 
zu überzeugen. 

Der Rang jener Kategorien wird auch verschoben, wenn zur 
Darstellung aller systematischen Abstufungen zwischen sie in ver- 
schiedenen Typen noch Cladi, Subcladi, Unterclassen , Unterordnungen, 
Tribus und andere Sectionen eingeschaltet werden. 

Alle diese einander untergeordneten Gruppen stimmen nur darin 
überein, dass ihr Umfang in absteigender Stufenfolge ab- 
nimmt. Eigenschaften, welche in verhältnissmässig wenigen Spe- 
cies des Typus wiederkehren, besitzen blös Werth als Gattungs- 
merkmale; Eigenschaften, die in verhältnissmässig vielen Species 
auftreten, können Familien- und Ordnungsmerkmale liefern; 
Eigenschaften, welche den meisten oder allen Species des Typus 
gemeinsam sind, können zur Charakteristik der Unterclassen. 
Classen und Zweige der Stämme oder Typen dienen. 

Was für eine morphologische und physiologische Bedeutung die 
Meikmale der niederen, mittleren oder höheren Kategorien haben, 
kommt bei der Bestimmung ihres classificatorischen Werthes nicht 
in Betracht. 

Alle Charaktere der Kategorien unserer .Systeme treten stets und 
nur in specifischen Ausbildungen auf. Organe und histologische 
Elemente, welche bloss rein allgemeine (ideelle) Eigenschaften besässen, 
hat kein Thier. Es giebt keine wirklichen Gattungs- Knochen, 
keine Familien-Füsse, keine Ordnungs-Spermatozoen, kein Classen- 
Blut, keine Typus-Eier, wie es auch keine Zellen giebt, welche aus 
unspecifischem Protoplasma von nur allgemeinem Charakter bestünden, 
aus welchem lebensfähige Wesen jeder Art werden könnten. 

Die Stämme, Classen, Ordnungen, Familien. Gattungen und alle 
zwischen sie gesetzte Kategorien sind also keine Gruppen lebender 
Wesen, Avelche nur Eigenschaften ihrer Kategorie besässen, 

1 Sitzungsberichte der math.-naturwiss. Classe der k. Akad. d. Wissensch. zu 
Wim. XCI. IM. I. Abth. Jahrg. 1885. S. iku. 



850 Sitzung der physikalisch - mathematischen Ciasse vom 17. Juli. 

sondern gedachte Einheiten, deren begrifflicher Inhalt von den nie- 
deren zu den höheren Gruppen hinauf abnimmt. Hieraus folgt, dass von 
einein verschiedenen Alter der systematischen Kategorien gar 
nicht gesprochen werden kann, was E. Haeckel thut, indem er in seiner 
Generellen Morphologie II, S. 402 jeder höherstehenden weiteren 
Kategorie ein höheres Alter zuschreibt, als jeder darunter stehen- 
den nächstengeren Kategorie , den Classen ein höheres Alter als den 
Ordnungen und so weiter hinunter bis zu den Arten und Varietäten. 
Er setzt sich damit in Widerspruch mit dem kurz vorher S. 393 des- 
selben Werkes stehenden Satze, dass allen diesen Kategorien keine 
Realität zukomme. Dieser richtige Satz, den er L. Agassi/, gegenüber 
vertheidigt , behält seine volle Gültigkeit auch für genealogische 
Systeme, in denen, wie Haeckel a. a. 0. S. 402 sagt, die höheren 
Grade der Differenz von einer längeren Reihe vererbender Genera- 
tionen abgeleitet werden. 

Da alle Differenzirungen nur in Individuen wirklich werden 
können, werden, wenn sie sich vererben, zuerst Varietäten der 
variirenden Art, dann bei fortschreitender Spaltung verschiedene 
Alien entstehen, welche zur Bildung eines Gattungsbegriffes dienen 
können: und wenn auch die gattungsverschiedenen Individuen 
wiederum artverschiedene Nachkommen erzeugen, dann erst mögen 
die Verschiedenheiten aller Abkömmlinge der angenommenen Stamm- 
species so bedeutend sein, dass sie als eine Familie von Gattungen 
und Arten betrachtet werden können. 1 Hiernach sind die realen 
Grundlagen für die Kategorien genealogischer Systeme um so 
jünger, je weiter ihr Umfang reicht. 

Es gibt eigenthümliche Thierformen. welche nur in einer einzigen 
oiler nur in wenigen nahe verwandten Arten bekannt sind und 
welche von allen andern Arten ihres Kreises oder ihrer (lasse so sehr 
abweichen, dass man, um sie zu classificiren, für sie einen höheren 
Gruppenbegriff aufstellen muss, ohne genug reale Grundlagen für die 
Bildung von Gruppenbegriffen mittleren Ranges zu haben. Solche 
Thiere sind z. B. GaleopitheeuSj CMromys, Ihjrnx , ILtttrriu . Caecilia^ 
AmphioxvSj Chiton, Sagitta. 

Geleitet durch Vergleichungen mit andern höheren Gruppen, ist 
man logisch berechtigt, aus den Eigenschaften einer Art oder den Merk- 
malen nur einer Gattung weniger Arten unmittelbar einen höheren 
Gruppenbegriff auszuscheiden. Setzt man aber dann unter die Zu- 
sammenstellung der Merkmale der neugebildeten Gasse oder Unter- 



1 Dies versuch! G. Seidlitz durch ersonnene Zahlenbeispiele deutlich zu machen. 
Die DARwiu'sche Theorie. 2. Aufl. 1875, s. 208. 



Möbids: Bildung u. Beili'unmu der Gruppenbegriffe unserer Thiersysteme. S.)l 

clnssc einen blossen Ordnungs- oder Familiennamen mit der Be- 
merkung: »Mit den Merkmalen der vorstehenden Classe oder Unter- 
elasse«, so vcrstösst man gegen die Regeln der classificatorischen 
Logik: denn untergeordnete Gruppenbegriffe Laben stets einen grösseren 
Inhalt und also mehr Merkmale als die ihnen übergeordneten. 
Ihren vollen Inhalt erhält man erst, wenn man zu ihren Merkmalen 
noch die ohne Ausnahme geltenden Merkmale aller übergeordneten 
Gruppenbegriffe hinzuzählt. Es müssen also Verweise auf die Merk- 
male einer höheren systematischen Kategorie bei dem nackten Namen 
einer darunter stehenden, wie sie in manchen zoologischen Hand- 
büchern nicht ungebräuchlich sind, besser wegbleiben und die Bildung 
von Namen für Gruppenbegriffe mittleren Ranges ist so lange aufzu- 
schieben, bis die Entdeckung und Untersuchung verschiedener Species 
genügende Unterlagen dafür darbieten. 

Das höchste Ziel der zoologischen Classification besteht darin, 
alle Riehtungen und Grade der grösseren und geringeren morpho- 
logischen und physiologischen Ähnlichkeiten sämmtlicher Thiere so 
darzustellen, dass die Gharakterisirung und Anordnung der höheren 
und niederen Gruppen den wirklichen Eigenschaften und gegenseitigen 
Beziehungen aller bekannten lebenden und ausgestorbenen Species so 
vollkommen wie möglich entsprechen. 

Combinatorische Classificationen, welche sich auf die besten 
Monographien aller Thiergruppen stützen und welche in ihren Ein- 
theilungen auf alle Organgebiete Rücksicht nehmen, sind die besten 
logischen Abbilder der Thierwelt, die vollkommensten natürlichen 
Thiersysteme ihrer Zeit. Frei sowohl von erdachten Übergangs- 
formen als auch von künstlichen Vereinigungen und Trennungen , zu 
denen die Überschätzung des classificatorischen Werthes einzelner 
Organe leicht verleitet, sind sie ein vorzügliches Mittel, d<-n wirk- 
lichen Reichthum der thierischen Gestalten und Lebensthätigkeiten 
übersichtlich darzustellen und bilden daher auch die beste wissen- 
schaftliche Grundlage nicht nur für diagnostische Bestimmungstabellen, 
sondern auch für speculative phylogenetische Systeme. 



853 



Die Energie der Wogen und des Windes. 

Von II. von Helmholtz. 



In meiner Mittheilung an die Akademie vom 25. Juli 1889 habe ich 
darauf aufmerksam gemacht, dass eine ebene Wasserfläche, über die 
ein gleichmässiger Wind hinfahrt, sich in einem Zustande labilen 
Gleichgewichts befindet, und dass die Entstehung von Wasserwogen 
wesentlich diesem Umstände zuzuschreiben ist. Ebenda habe ich 
hervorgehoben, dass der gleiche Vorgang sich auch an der Grenze 
verschieden schwerer und aneinander entlang gleitender Luftschichten 
wiederholen nmss, hier aber viel grössere Dimensionen annehmen 
könne, und ohne Zweifel bei den unregelmässig eintretenden meteoro- 
logischen Erscheinungen eine wesentliche ursächliche Bedeutung hat. 

Die Wichtigkeit dieser Vorgänge hat mich veranlasst, die Ver- 
hältnisse der Energie und ihre Vertheilung zwischen Luft und Wasser 
noch eingehender zu untersuchen, zunächst allerdings immer noch in 
der Beschränkung auf stationäre Wellen, bei denen die Bewegungen 
der Wassertheilehen nur parallel einer senkrechten Ebene, in der die 
(Koordinaten x vertical, die y horizontal verlaufen, vor sich gehen. 
Da wir aber auch dieses beschränktere Problem zunächst nur durch 
Herstellung convergenter Reihen lösen können . deren höhere Glieder 
zwar an Grösse schnell abnehmen, aber ziemlich verwickelte Form 
darbieten, so bleiben Schlüsse, die man nur aus der Kenntniss der 
ersten grossesten Glieder solcher Reihen gezogen hat, nothwendig 
immer beschränkt auf Wellen von geringen Höhen, und lassen die Rich- 
tigkeit mancher wichtiger Verallgemeinerungen zweifelhaft- erscheinen. 

Mehrere dieser Schwierigkeiten haben sich umgehen lassen da- 
durch, dass es mir gelang die Gesetze der stationären geradlinigen 
Wellen auf ein Minimalproblem zurückzuführen, in welchem die 
potentielle und actuelle Energie der bewegten Flüssigkeiten die zu 
varürenden Grössen bilden. Aus diesem Variationsproblem lassen 
sich allgemeingültig mehrere Schlüsse über das Abnehmen und Zu- 
nehmen der Energie und die Unterschiede stabilen und labilen Gleich- 
gewichts der Wasseroberfläche herleiten. 



854 Sitzung der physikalisch- mathematischen (hisse vom 17. Juli. 

In theoretischer Beziehung trat hierbei eine einigermaassen neue 
Aufgabe ein, insofern es sich um den Unterschied stabilen und labilen 
Gleichgewichts nicht mehr von ruhenden, sondern von dauernd be- 
wegten, aber in stationärer Bewegung begriffenen Massen handelte, 
/war sind schon einige Beispiele dieses Unterschieds gelegentlich be- 
handelt worden, wie bei der Rotation eines festen Körpers um die 
Axe des grossesten oder kleinsten Trägheitsmoments, und bei der 
Rotation eines flüssigen schweren Ellipsoids. Aber ein allgemeines 
Princip, wie es für ruhende Körper in der Forderung gegeben ist, 
dass das stabile Gleichgewicht ein Minimum der potentiellen Energie 
erfordert, ist für bewegte Systeme noch nicht aufgestellt worden. 

Die folgenden Untersuchungen führen auf solche Formen, die 
übrigens auch als Verallgemeinerungen derjenigen Sätze angesehen 
werden können, die ich aus den allgemeinen Bewegungsgleichuhgen 
von Lagrange in ihrer Anwendung auf die Bewegungen »poly- 
cyklischer« 1 Systeme hergeleitet habe. 

§• i. 

Der Minimalsatz für stationäre Wellen bei constanl 

bleibenden Strömungsmengen. 

Ich stelle wieder, wie in meiner vorjährigen Arbeit die Ge- 
schwindigkeitscoinponenten u, v der Wassertheilchen während einer 
wirbelfreien Bewegung durch die Gleichungen dar 

dy ('.r ' 

3\f/ _ 3</> i 

dx dy 

Ich setze wieder, so weit nicht ausnahmsweise das (icgentheil 
ausdrücklich ausgesprochen wird, voraus, dass das Coordinatensystem 
der x,y als ruhend gegen die Wellen genommen wird, x vertical, 
(der Regel nach aufwärts positiv), y horizontal. Die Wellencurve 
wird als periodisch angesehen von der Wellenlänge A. Andererseits 
wird die strömende Flüssigkeit begrenzt gedacht durch zwei Horizontal- 
ebenen, deren Gleichungen sind: 

x = H i ) 

und x = — H 2 ) 

Dem entsprechend bezeichne ich auch die übrigen Grössen, die 
sich auf diejenige Flüssigkeit beziehen, die auf Seite der positiven x 



Journal für Mathematik. Bd. 97, s. iiS. 



von II11.511K11.1/,: Die Energie der Wogen und des Windes. 855 

liegt, mit dem Index i, die auf Seite der negativen x dagegen mit 
dem Index 2. 

Die Wellenlinie und diese beiden horizontalen Grenzlinien müssen 
Stromlinien sein. d. h. in ihrer ganzen Länge constante Werthe von -i- 
haben. Da jede der Functionen -4/ eine willkührliche additive Con- 
stante enthalten kann, lässt sich an einer der Stromlinien der Werth 
beider yp willkührlich wählen. Ich setze fest, dass er an der Wellen- 
linie, wo 

X = X 

sei, den Werth habe 

^=o |i\ 

Dagegen an der Grenzlinie 

x= H, 
sei 

>k = fc ! ■' 

und für 

x = IL 

sei 

^. = ft ! '''• 

Die Grössen p, und p 2 gehen dann bekanntlich das Volumen 
der betreffenden Flüssigkeit an, welches in der Zeiteinheit jeden 
Querschnitt zwischen der Wellenfläche ■4/ 1 = 4/ 2 = o einerseits und 
der oberen oder unteren Grenzfläche andererseits in der Zeiteinheit 
durchströmt. Es sind dies die Grössen, die ich oben als Strömungs- 
mengen bezeichnet habe. Bei der Variation werden in diesem Para- 
graphen also p, und p 2 als unveränderlich angesehen. 

Als Nullpunkt für die x soll diejenige Höhe festgehalten werden, 
in welcher die Grenzfläche der beiden vorhandenen Flüssigkeitsmengen 
im Ruhezustande liegen würde, was durch die (deichung ausgedrückt 
wird : 



x • dy = o r 

d. h. x = o ist diejenige Ebene, über die ebensoviel Wasser gehoben, 
als darunter gesenkt ist. 

Schliesslich ist der Raum, innerhalb dessen die der Variation zu 
unterwerfenden Grössen liegen, noch durch zwei Verticalebenen zu 
begrenzen, die um eine Wellenlänge von einander abstehen. Da die 
Bewegungen nach der Wellenlänge A periodisch sein sollen, müssen 
an der rechten, wie an der linken Verticalfläche die Geschwindig- 
keiten 



856 



Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 17. .Ii 



dx 



3^ 



gleich sein, daher auch für 



gleiche Werthe der x 
ip r = 4^i, 



und 



welche letztere (deicliuili 



d-^r 8\!/, 

8y ~ 8y ' 

auch geschrieben werden kann: 

3<ft r _ 3<fo 
8« 8a; 



oder 



</>,. — <pi = Const I i . 

Zunächst ist bekannt, dass die Gleichungen i ihre Lösung finden, 
wenn (\1/ + </>,■), als eine Function von (x + //,) dargestellt werden kann, 
welche innerhalb des von der betreuenden Flüssigkeit gefüllten Ge- 
biets keine Discontinuitäten und keine unendlichen Werthe zeigen darf. 
Wenn die Form der Wellenlinie gegeben ist. sind bekanntlich 
die Werthe der beiden Functionen \£/ durch die angegebenen Grenz- 
bedingungen i 1, bis i ? vollständig bestimmt, und zwar werden dabei 
die beiden Integrale, welche mit der halben Dichtigkeit der be- 
treffenden Flüssigkeit multiplicirt die lebendigen Kräfte ergeben, nämlich 



und 



2i, 

iL, 



-II 



3a; 

3^V 



+ 



, 1 



. dS, 



+ 



,!S,. 



dx J ' \ 2y 

absolute Minima für die unter den angegebenen Umständen möglichen 
Variationen der Functionen \l,. wenn dabei die Werthe p, und p 2 als 
unveränderlich betrachtet werden. 

I »agegen ist die Form der Wellenlinie durch die bisher besprochenen 
Bedingungen noch nicht bestimmt, als insoweit, dass sie periodisch 
nach der Periode A sein soll. Man kann aber die Form dieser 
Grenzlinie der physikalischen Bedingung entsprechend, dass der Druck 
auf ihren beiden Seiten gleich gross sei. dadurch bestimmen, dass 
man verlangt, die Variation der Differenz zwischen der potentiellen 
Energie $ und der lebendigen Kraft L = jL, + L 2 , solle verschwinden. 

£[*-£] = 2 b . 

Die potentielle Energie ist bedingt durch die ungleiche Erhebung 
der verschiedenen Theile der Oberfläche der schwereren Flüssigkeit 



von Helmholtz: Die Energie der Wogen und des Windes. 8>m 

über die Niveaufläche x = o. Ihr Betrag ergiebl sicli Leicht als gegeben 
durch die Gleichung 

* = t9( s 2 - «>) \x 2 -dy [ 2 C . 

Ist s 2 die dichtere Flüssigkeit, so müssen die positiven x, wie schon 
bemerkt, als senkrecht steigend und y als eine positive Grösse ge- 
nommen werden. 

Wenn das Längenelement ds der Grenzlinie der beiden Flüssig- 
keiten um die verschwindend kleine Breite &N normal zu seiner 
Richtung nach oben verschoben wird, ergiebt sich die Variation 

to =g{8 a — s l )'(x&N*d8 J2 d . 

Die Variation von L kann man in zwei Schritten ausführen. Im 
ersten denkt man die Grenzlinie verschoben in der angegebenen Weise. 
und lässt zunächst die beiden Functionen \I/, und \|/, in jedem Raum- 
punkte unverändert, wobei man aber auf der Seite, wo Raum durch 
die Verschiebung des ds gewonnen wird, diesen gewonnenen Streiten 
mit der continuirlichen Fortsetzung des yp dieser Seite ausgefüllt denkt 
und zwar so, dass die Gleichung A\^ = o dort erfüllt bleibt, und die 
genannte Fortsetzung statt der bisher dort liegenden Werthe der an- 
deren Function -p eintreten lässt. Diese Fortsetzung der in den 
Streifen einrückenden Function \p ist bekanntlich immer nur in einer 
Weise möglich ohne Discontinuitäten zu bilden. Nur wenn in der 
früheren Grenze schon ein Verzweigungspunkt der betreffenden Func- 
tion \p liegt, also namentlich, wenn die Grenzlinie eine scharfe Ecke 
bildet, ist eine continuirliche Fortsetzung derselben ausgeschlossen. 
Die besondere physikalische Bedeutung eines solchen Falls werden 
wir später zu besprechen haben. 

Durch diesen ersten Schritt in der Variation erhalten wir 

i .Y. ) '" s ' \dN t 

Nun sind alier die Werthe des \|/, und i- , an der neuen Grenze nicht 
mehr Null, sondern es ist annähernd daselbst: 

und um sie wieder zu Null zu machen, muss also ein zweiter 
Schritt in der Variation ausgeführt werden, wobei die Functionen \t 
so variirt werden, dass sie nunmehr an den neuen Grenzen- den 
Werth Null erhalten. 



ä l L 



ds ■ M. 



>k = - T^lr'&N, 



858 Sitzung der physikalisch - mathematischen Classe vom 17. Juli. 

Da nach den allgemeinen Gesetzen der Potentialfunctionen 

so wird, wenn man 

•+■= + $■»* 

setzt, wie in unserem Falle verlangt wird, der schliessliche Werth 



&L = - -1- 



3ivJ 'UiV, 



rfs • *iV. 



Da endlich bei der Variation das Volumen jeder der beiden Flüssig- 
keiten unverändert bleiben muss, so wird noch gefordert 

^ SN- ds = o | 2 f . 

Daraus ergiebt sich die Variation 

=— r&. *jv. [p 3 -i>,] j 2«. 

Wenn also die Gleichung 2 b erfüllt ist, d. h. wenn 

B j $ - £ | = o 
ist, so wird längs der Grenzfläche 

P* = P, 
welches die Bedingung der stationären Oberfläche ist. 

Stabilität der stationären Bewegung. 

Dabei ergiebt sich für eine Form der Oberfläche, welche einer 
stationären nahe liegt, und die also mich Unterschiede des Druckes zeigt, 
ilass eine solche, wenn sie den Unterschieden des Druckes folgt, so 
dass SN da positiv gemacht wird, wo p 2 >p, , auch die Grösse (* — L) 
abnimmt, die Fläche sich also einem nahegelegenen Minimum von 
($ — L) nähern, von einem nahe gelegenen Maximum derselben Grösse 
dagegen entfernen muss. 

Die hydrodynamischen Gleichungen zeigen dann in der That, 
dass die Druckgleichheit in solchem Falle nur durch Beschleunigungen 
hergestellt werden kann, die in der Richtung vom stärkeren zum 
schwächeren Druck eintreten, und die stationäre Bewegung stören. 



von Helmholtz: I>ie Energie der Wogen und des Windes. 859 

Es wird also stabiles Gleichgewicht einer stationären Wellen- 
form bei den möglichen Variationen einer solchen Form einem Minimum 
der Grösse (•!> — L) entsprechen müssen, wie bei den polyeyklischen 
Systemen bei constanter Geschwindigkeit ihrer cyklischen Bewegungen. 
Wenn dagegen dieselbe Grösse bei einer anderen Curvengestalt zu 
einem Maximum oder Sattelwerthe wird, ist die Bedingung der Gleich- 
heit des Druckes beiderseits der Grenzfläche allerdings augenblicklich 
erfüllt; aber einzelne oder alle kleinste Störungen der Gleichgewichts- 
gestalt werden anwachsen müssen: das Gleichgewicht wird labil 
werden, was sich bei wirklichen Wasserwellen im Schäumen und 
Branden der Wellenkämme zu erkennen giebt. 

[ndessen ist dabei zu bemerken, dass diese Sätze nur gelten, wenn 
die Functionen Z, und L, im Innern der Räume, für die sie gelten, 

schon ihren Grenzbedingungen gemäss als Minima bestimmt sind I 

für jede geänderte Form der Grenzlinie als solche bestimmt bleiben. 

Die Function ( 1> ist unter den gemachten Annahmen jedenfalls 
positiv und endlich, da nur eine endliche Menge von Flüssigkeit 
vorhanden ist, die um die endliche Höhe //, gehoben werden kann. 
L ist ebenfalls nothwendig positiv, kann aber + co werden, da die 
Wellenberge sich der oberen, die Wellenthäler sich der unteren Grenz- 
fläche würden nähern können, und der gesammte constant bleibende 
Flüssigkeitsstrom dann durch unendlich enge Spalten mit unendlicher 
Geschwindigkeit gepresst werden müsste. 

Die Grösse (4> — L) wird also bei ebener Grenzfläche, wo <I> = o 
ist. einen positiven Werth haben müssen, und kann bei steigender 
Wellenhöhe negativ unendlich werden. Ob zwischen diesen Grenzen 
ein Minimum eintritt, und bei welchen Werthen den- p dies geschieht, 
kann nur durch Untersuchung der einzelnen Wellenformen entschieden 
werden. Ein Sattelwerth ist jedenfalls bei ebener Oberfläche gegeben. 

Nur lässt sich schon erkennen, dass. wenn ein vollkommenes 
Minimum existirt, ein Übergang von diesem zu den unendlichen nega- 
tiven Werthen des (<|> L ) führen nmss, welcher zuerst mit steigen- 
den Werthen beginnt, und dann wieder fällt. Es wird dann einen nie- 
drigsten Werth der Übergangsstelle zwischen steigenden und fallenden 
Werthen geben müssen, der einem Maximo- Minimum ^\w Grösse 
(4> — ]j) entspricht, also auch einer stationären Wellenform, aber einer 
solchen von labilem Gleichgewicht, die an der Grenze des Brandens ist. 

Existirt ein solches Minimum, so muss daselbst hei Variationen 
in der Form der Wellen, welche * steigen machen. L um ebenso- 
viel steigen. Ebenso auf dem Sattel, wenn wir den Wellenformen 
folgen, die die Thallinie bilden. Vergrössern wir aber die Werthe 
von p, und p 2 , d. h. vergrössern wir die Fortpflanzungsgeschwindig- 

Sitzuns;slierichte 1890. 74 



860 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 17. .Juli. 

keil und Windstärke der Wellen, .so werden die Differentialquotienten 
von L an beiden Stellen grösser, und die beiden Grenzwerthe werden 
sieli einander nähern müssen, schliesslich in einander übergehen, 
womit das absolute Minimum aufhört zu existiren. Daraus ist zu 
schliessen, dass bei steigenden Strömungen stationäre Wellen be- 
stimmter Wellenlänge unmöglich werden müssen. 

Notwendigkeit der Brandung hei zu grossen Strömungen. 

Dass Cur grosse Werthe der ^, und p.,, die über ein bestimmtes 
Maass hinausgehen, keine Minima der Function (4» — L) bei (-(instantem 
endlichen Werthe der Wellenlänge mehr möglich sind, liisst sich. 
wie folgt erkennen. Man berechne die Werthe von .L, und L 2 unter 
der Annahme |), = p 2 = i für eine beliebig gewählte Wellenform. 
und suche alsdann für einen beliebig gewählten Werth von £<!' die- 
jenigen beiden Variationen der Curve, welche die eine SL t , die 
andere <)/■ . zu einem Maximum macht. 

unter den möglichen Variationen der Wellenform, welche positive 
Werthe des ci'l' ergehen, sind auch diejenigen, hei denen die Gipfel 
dr\- Wellenberge gesteigert, die Thäler gesenkt werden. Da die obere 
Flüssigkeit über den Bergen den grössten, über den Thälern den 
kleinsten Querschnitt hat, so muss über den Bergen grössere Strom- 
geschwindigkeit herrschen, als über den Thälern, d. h. die Werthe 

der . ' müssen an den Berggipfeln absolut grösser sein, als in den 

Thälern. Daraus folgt nach Gleichung (2e), dass wenn wir die Berge 
erhöhen und die Thalia- vertiefen, wir nicht blos positive Werthe des 
rVl>, sondern auch positive der beiden SL erhalten. Folglich ist der 
gesuchte maximale Werth der beiden Grössen &L, und <57^ . der zu dem 
vorgeschriebenen positiven Werthe des ö<l> gehört, nothwendig ein 
positiver Werth, und zwar ist hei endlicher Höhe der Wellen das 
Yerhältniss ci<i> : &L, wie S$ : £L 2 nothwendig endlich. 

Bezeichnen wir nun mit a. einen ächten Bruch, und denken wir 

nunmehr die Variation für L, im Betrage a ausgeführt, wie es der 

Variation st«o$ entsprechen würde. Die Variation &L, dagegen werde 

um Betrage ( i - «) ausgeführt. Dann ist die gesammte Variation für *: 

fo = [ot+(i— *)] 6<\>. 

nl. = «•££, + (I— *).$L 2 . 

Ist nun o/., nl... so erhalten wir die grösste Variation von &£, 
wenn wir et = i machen; im entgegengesetzten Falle dagegen würden 
wir ül = o zu machen haben. Dann erreicht $L den grössten Werth, 
den es bei dem gegebenen Werthe von $$ bei der gewählten Wellen- 
form überhaupt haben kann. 



von Helmholtz: Die Energie der Wogen und des Windes. SOI 

Wenn der grösste positive Werth des &L kleiner als ö<\> ist, so 
würde man jedenfalls für p] einen Werth finden können, der 

machte, und ;\lso die Variation o N (* — i) für wenigstens eine Art der 
Formänderung negativ, was sie für eine Minimalform nicht sein darf. 

Da $ immer endlich bleibt, kann man auch immer endliche 
Variationen seiner Grösse vollziehen, die von der Grössenordnung 
der Verschiebung &N der Linienelemente ds sind, und die letzteren 
ergeben auch immer endliche Variationen der L, und /.. wenigstens 
bei endlichen Geschwindigkeiten der Sti'ömung längs der Fläche. 

Unendliche Geschwindigkeiten würden nur an vorspringenden 
Ecken der Wellenlinie vorkommen können, und wenn dort Strömung 
ist, unendlichen negativen Druck ergeben, d. h. Brandung. Nur wenn 
keine relative Bewegung der Wellen gegen das Medium vorhanden 
ist, in welches die Kanten hineinragen, (wenn der Wind genau so 
schnell wie die Wellen geht) können solche Ecken bestehen. 

Diese letzteren Fälle, die an der Grenze des Brandens liegen 
ausgenommen, werden wir also für alle continuirlich gekrümmten 
Wellenformen für jedes ^4> stets ein Maximum des dL von derselben 
Grössenordnung haben. Und wenn wir den kleinsten Werth dieses Ver- 

sl 

hältnisses -v— aufsuchen, und ein lr suchen, welches grösser als der 

<£* 
grösste so gewonnene Werth von yy ist, so wird für die dadurch 

oh 

gegebene Stromstärke überhaupt die Möglichkeit stationärer Wellen- 
bildung von der vorgeschriebenen Wellenlänge A ausgeschlossen. 

Stationäre Wellen von vorgeschriebener Wellenlänge 
sind also nur für Werthe der Strömungsgeschwindigkeiten 
p\ und pl möglich, die unterhalb gewisser Grenzen liegen. 

Andrerseits zeigt dieselbe Betrachtung weiter, dass Verkleinerung 
der Werthe von p] und p: nothwendig auch grössere ÄL, und $L 2 
gegen <k> wird verschwinden machen. Dann können Variationen von 
&<b durch entgegengesetzte gleicher Grössenordnung von L nicht mehr 
aufgehoben werden, und dann könnte höchstens nur noch der eine Grenz- 
werth, der ebener Oberfläche entspricht, bestehen. Die Grenze für die 
kleinsten zulässigen Werthe der p, und p 2 ergiebt sich schon aus den 
bisher angestellten Untersuchunsren: 1 



1 Ich bin seitdem darauf aufmerksam gemacht worden, dass schon SirW. 1 
diese Gleichung erster Annäherung mit Berücksichtigung der Windstärke gegeben hat. 
Philos.Mag. 1871. (4) XL 11. S. 362. wo übrigens auch der Einfluss der Capillarität 
berücksichtigt ist. 



IV 



862 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 17. Juli. 

Somil isl das Gebiet der Wert he (p,)- und (p,)\ welches 
stationäre Wollen zulässt, auch in Richtung der kleineren 
Werthe hin beschränkt. 

Zu beachten ist, dass die Grösse p 2 die Fortpflanzungsgeschwin- 
digkeit der Wellen gegen das Wasser bestimmt, p, dagegen die Ge- 
schwindigkeit des Windes relativ zu den Wellen. Jede einzelne von 
ihnen kann klein werden, wenn die andere hinreichend gross ist. 



9- -• 

Der Minimalsatz für stationäre Wogen bei eonstant 

gehaltenem Gesch windigkei t spotential. 

Den Werth für die lebendige Kraft, wie er in Gleichung (2) ge- 
geben ist, können wir durch partielle Integration umbilden 

s, f^ c 1 -^, 

worin sich das Integral nur auf die obere horizontale Grenzlinie bezieht. 
Die Theile des [ntegrals für die andern Grenzen des Raumes N, 
fallen alle fori. Da nun nach Gleichungen (1) 

so ergiebt sich: 

Oder indem wir den von x unabhängigen Werth der Differenz 



A = i h ■ g-' ■ % 



setzen, erhalten wir 



und ebenso 



A = £ Pr f 3- 



'•■ ;-P..-f.. 



Die Grössen p und f sind von einander abhängig, sobald die 
Gestalt des Raumes gegeben ist. an dessen Grenzen sie gelten sollen, 
so dass wir setzen können 

p = f ■ SR 



\ n\ IIi i Miim i / : Die Energie der Wogen und des Windes. 863 

wo N nur von der Grösse und Form dos Raumes abhängt. Daraus 
ergiebt sich 

Wenn also 9? eine Änderung 5SR erleidet, so wird, wenn f un- 
verändert bleibl 

$L = — . f . £$R 

2 

*f = o ; 
dagegen, wenn p unverändert bleibt, 

2 !H 2 

d> = o. 

Beide Variationen haben also gleichen Werth bei entgegen- 
gesetztem Vorzeichen. Wir können demnach die Variationsform des 
stationären Zustandes, wo die Variation des öL aus einer solchen 
der Raumform hergeleitel ist: 

<k> — SL = o 
S\\ = dp, = o 
auch schreiben 

d> -f SL = o 
*f, = *f, = o. 

Die Grössen f haben nach ihrer Definition bekanntlich den Werth: 

r'--" + ' 

f = I (u • dx + r • dy) 

< ,n 

dies Integral genommen für irgend einen Werth. der von dem 
Punkte x,y zu dein Punkte x,y + X führt. Wenn wir für diesen 
Wen' die Stromlinie J/ = const. wählen, so bezeichnet er auch einen 
Weg, in welchem eine Reihe materieller Wassertheilchen forffliessen. 
Der Werth des Integrals f , . berechnet für eine solche Reihe derselben 
fortfli essenden materiellen Theilchen, bleibt bekanntlieh ungeändert, 
wenn keine Verschiedenheiten der Summe des Drucks und des Potentials 
der äusseren Kräfte zwischen Anfang und Ende der Reihe bestehen und 
keine Reibung da ist, welche Bewegungen auch sonst in der Flüs- 
sigkeil vor sich gehen mögen. Es ist diejenige Summe, die auch bei 
der Wirbelbewegung in jedem geschlossenen Ringe von materiellen 
Theilchen ungeändert bleibt. Wir können also s,f, und s 2 f, für die 
Flüssigkeitsbeweguneren als die ohne Einwirkung direct beschleunigender 



S64 Sitzung der physikalisch- mathematischen Clnsse vom 17. Juli. 

Kräfte unveränderlich bleibenden Bewegungsmomente betrachten. 
während die Strömungsgfössen p, und p., dadurch die Bedeutung der 
Geschwindigkeiten erhalten. Dann sind die beiden gefundenen Varia- 
tionsproblemc vollkommen analog den von mir in der Theorie der 
polycyklischen Systeme entwickelten Sätze, dass 

*(*-Z)= -2[P„-^J } 3 e 

&q, = o 

wenn die Geschwindigkeiten q,. der cyklischen Bewegungen constant 
gehalten werden. Darin sind p a die veränderlichen Goordinaten und 
P die auf ihre Vergrösserung hinwirkenden Kräfte. Stabiles Gleich- 
gewicht entspricht, wie leicht zu sehen, einem Minimum des ($ — L). 

1 T 
Andererseits, wenn man die Bewe°uns:smomente ■= — constant 

hall . ist 

S[* + L]= -S[P..*J | 3'' 

c 

\ucli hier erfordert stabiles Gleichgewicht ein Minimum der Grösse 
(<i> + L) d. h. der gesammten Energie des Körpers. 

Der obigen Gleichung 3* für polycyklische Systeme entspricht 
durchaus die Gleichung 2 g , nur dass darin «lie Anzahl der veränder- 
lichen Coordinaten der Oberflächenelemente SN unendlich gross ist. 
und die Kraft (p 2 — p t ), welche statt der P tt eintritt, eine continuir- 
liche Function der SN ist. Daher das Integral statt der Summe. 

Dass auch in der Theorie der Wellen das stabile Gleichgewicht 
dem Minimum der Energie bei festgehaltenem Werthe des f entspricht, 
zeigt sich, wenn man an den Einfluss der Reibung denkt, die ein 
gestörtes stabiles Gleichgewicht wieder herstellen kann, nicht aber 
ein Labiles. Reibung vermindert immer den vorhandenen Energie- 
vorrath. Sie kann also ein gestörtes Minimum der Energie wieder- 
herstellen, nher die Abweichung von einem Maximum nicht. 



§• 3- 
Minimalform für unendliche Dicke der Schichten. 

Im Folgenden wollen wir die beiden Flüssigkeitsschichten, an 
denn Grenzfläche sich die Wellen bilden, als sehr dick in verticaler 
Richtung betrachten, also die Werthe H, und H, als sehr gross, be- 
ziehlich über alle Grenzen in das Unendliche wachsend ansehen, um 
die Theorie der Wellen von denjenigen Verwickelungen zu befreien, 



von Helmholtz: Die Energie der Wogen und des Windes. 865 

die durch den Einfluss der oberen und unteren begrenzenden Horizon- 
talflächen hervorgebracht werden. 

Unter diesen Umständen entfernt sieh die Bewegung an diesen 
beiden weit entfernten begrenzenden Horizontalflächen nicht mehr 
merklich von einer geradlinigen von gleich massiger Geschwindigkeit. 
An der Flu ehe //, setzen wir diese gleich a, , an der //, gleich ( — a 2 ), 
indem wir der Letzteren die entgegengesetzte Richtung zuertheilen, 
wie sie ihr in den normalen Fällen, wo der Wind den Wellen voran- 
läuft, zuzukommen pflegt. 

Dann ist zunächsl 

+ f, = ", • Ä 
— f 2 = ß 2 • X 

und in den höheren Schichten der Flüssigkeit 

-4/, + </V = + Oi U' + yi) ' /', 
worin h eine durch Gleichung ( D zu bestimmende Constante ist. Ebenso 

■>p 2 + <p 2 i = — a 2 {x + yi) 

Bei ebener Grenzfläche, wenn für diese, wie oben festgesetzt ist. 
\p, = y}/ 2 = ö sein soll, und auch x = o. werden h, und //, beide gleich 
Null, und die lebendige Kraft in diesem Falle 

L\ = '"' p t f, = - a\ ■ H 2 X. 

Wenn dagegen Wogen entstanden sind, ist L, bei festgehaltenem 
Werthe von a l3 und daher auch von f, kleiner, da, wie wir gesehen 
halien. dann bei Steigerung der Wellenhöhe ein negativer Werth des 
&L, eintritt. Wir können also unter diesen Umständen setzen 



< (//, - r t ) • ? 4 - 



worin r, ein positiver Werth ist, der von der Form und Höhe der 
Wellen, aber nicht von H, abhängt. Denken wir nämlich das //, 
vergrössert um J)fT, und das L, dem entsprechend um DL, . so ist 
in dem dem Felde zugesetzten Streifen die Geschwindigkeit überall 
gleich a, und also 

DL, S| a 2 , ■ DK 



L, + DL, = ^cq\(H,+ DU,) 

2 L 



A. 



866 Sitzung der physikalisch -mathematischen f'lasse vom 17. .luli. 

Es gilt also derselbe Werth von r, auch für die grössere Höhe, unab- 
hängig von dem Werthe des DH,. 

Die Formel 4 ergiebt unmittelbar 

fc = -f^fli-r.) j 4 a. 

Verglichen mit galvanischen Verhältnissen, misst p, die Gesammt- 
strömung (Intensität des Stromes), f, den Potentialunterschied an den 
Grenzflächen, demnach (//, - r,) die Leitungsfälligkeit, die dem Quer- 
schnitt proportional ist. Fs entspricht also /•, derjenigen eonstanten 
Verminderung des Querschnitts, welche die Strömung ebenso stark 
herabsetzen würde, wie die ungleichmässige Eindämmung durch die 

Wellen. 

Die Minimalformel bei constant gehaltenem n, und a 2 ergiebt, 
da Ä. //, und II, unveränderl bleiben, 

<J(* + L) = Ä* — -d!&r, - - a] • S>\ = U b . 

22" ) 

Die andere, in der ilie a zu ersetzen sind durch 

P 



1 '- H -r 




s' , *r, 


2 V2 {H 2 -r 2 f 



£(* - Z,) a<l> 

fallt mit der erst gefundenen vollständig zusammen. 

Die Grössen r, und r 2 hängen nur von der Wellenform ab, und 
ergeben sich meist durch einfache Rechnungen . sobald man die Form 
der Functionen \b, und \^ 2 gefunden hat. 



Fortführung der oberflächlichen Schichten. 

Die Strömungsgrösse p, und p, der beiden Flüssigkeiten ist nicht 
mein- dieselbe, wie sie bei den gleichen Werth en der Geschwindig- 
keiten 11, und n., über ebener Wasserfläche sein würde, sondern sie 
ist im oberen Medium um r,a, kleiner als vorher, im unteren um r,n,. 
Denken wir uns nun auf beiden Seiten die Geschwindigkeit — a., 
hinzugesetzt, so dass das untere Medium zur Ruhe kommt, die Wellen 
alier mit der Geschwindigkeit — a 2 fortlaufen, so fällt unter ebener 
Grenzfläche daselbst jede Bewegung fort; aber unter der wogenden 
Fläche tritt ein Strom auf von der Grösse «■,>'.,, und dafür gehl 
der Wind im oberen Räume nicht durchweg mit der Geschwindigkeit 
(a, + "■•), sondern nahe über der wogenden Fläche tritt eine Ver- 
minderung der Strömung der Luft im Betrage von a t r, statt. 



\(>n Ilii.Miii.ii/: Die Energie der Wogen und des Windes. oh t 

Diese beiden Ströme bedingen nun, dass die Masse der Luft 
und des Wassers zusammengenommen ein anderes Bewegungsmoment 
in horizontaler Richtung haben, als wenn sie mit den gleichen Ge- 
schwindigkeiten (7, und n. 2 über ebener Grenzfläche flössen, und zwar 
beträgt diese Differenz .1/ des Bewegungsmomentes (in Richtung des 
Windes als positiv gerechnet): 

M = s 2 a 2 r 2 — s/Vi | 3. 

(deich Null würde dies nur sein können, wenn 

•w -w, ; 5 a , 

wäre, oder indem wir die Windgeschwindigkeit w einführen 

w = a, -f- o 2 ! 3 1 '. 

würde die Gleichung 5" werden 

s,r.w 



■Vi "' 



■V, h s 2 r 2 
Da nun /-, und r, für die gewöhnlich vorkommenden Wellen 
wenig unterschiedene Werthe haben, wie uns die späteren Rechnungen 
zeigen werden, und für Luft und Wasser 
S, : S 2 = 1 : 773.4 

ist. so würde diese Bedingung die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der 
Wellen gegen Wasser a 2 annähernd ergeben: 

ir 



774-1 
Für niedrige Wellen ergiebl Gleichung I S. 773 meines vorjährigen 
Aufsatzes (unter Vernachlässigung der kleinen Grössen : und :i 

s l a 2 l + s 2 d l a = : --. 

27T 

Setzen wir w — io m , was einem ziemlich kräftigen Winde ent- 
spricht, so ergiebt sich für niedrige Wellen von unverändertem Be- 
wegungsmoment: 

ß] = 9*98709 
a 2 — o m o 1 29 1 
A = 0^082782. 

Diese Wellen von nur 8 cm Länge würden offenbar nur den ersten 
Kräuselungen der Oberfläche entsprechen können, die ein starker, 
diese treffender Wind augenblicklich erregt. Erst dadurch, dass der- 
selbe Wind lange über diese erst erregten Wellen hinbläst, und ihnen 



868 Sitzung der physikalisch -mathematischen Classe vom 17. Juli. 

einen Theil des Bewegungsmoments langer Luftstrecken abgießt, werden 
Wellen mit höheren Fortpflanzungsgeschwindigkeiten zu gewinnen sein. 

Daraus würde übereinstimmend mit der Erfahrung folgen, dass 
gleichbleibend starker Wind, der eine ruhige Wasserfläche trifft, 
schneller laufende, d. h. längere und höhere Wellen erst erzeugen 
kann, wenn er längere Zeit auf die erst entstandenen Wellen gewirkt, 
diese auf einem längeren Wege über die Wasserfläche begleitet hat. 

Gleichzeitig erhellt auch, dass die Wellen unter gleichbleibendem 
Winde nur wachsen können, wenn der Wind schneller in derselben 
Richtung vorwärts geht, als sie selbst. 

Energie fortlaufender Wellen auf ruhendem Wasser. 
Ähnlich wie mit dem Bewegungsmoment verhält es sich mit dem 
Energievorrath der Wellen. Unsere bisherigen Vergleichungen der 
Energie verschiedener Wellen unter einander beziehen sich auf die 
Energie der relativen Bewegung der Flüssigkeit gegen die als still- 
stehend gedachten Wellen gerechnet. 

Der bekannte Satz, dass die lebendige Kraft eines be- 
liebig zusammengesetzt en mechanischen Systems gleich ist, 
der lebendigen Kraft der Bewegungen relativ zu seinem 
Schwerpunkte plus der lebendigen Kraft des Schwerpunkts, 
in welchem man die Gesamintmasse des Systems sich vereinigt 
denkt, kann mit einer kleinen Anderungsweise des Ausdrucks auch 
auf unseren Fall übertragen werden. Da nämlich die gesammte Masse 
des Systems multiplicirt mit der Geschwindigkeit b des Schwerpunkts den 
Betrag des gesammten Bewegungsmoments des Systems in Richtung 
dieser Geschwindigkeit angiebt, so kann man die lebendige Krafl ö 
des Schwerpunkts auch setzen 

g = IJf.» = ;• 3tf.tr \6, 

wo M wieder das Bewegungsmoment des gesammten Systems in 
Richtung von t>, und 9Jt die Masse des Systems bezeichnet. Ver- 
gleicht man nun zwei verschiedene Bewegungszustände und t'onfigura- 
tionen des Systems mit einander, in denen />, und L, die lebendigen 
Kräfte der Bewegungen relativ zum Schwerpunkt, <I>, und 4>., die 
potentiellen Energien sind. D, und D 3 die parallel gerichteten Ge- 
schwindigkeiten des Schwerpunkts, so ist der Unterschied ihrer ge- 
sammten Energien 

E t — E 2 = $, - * 2 + L, - L 2 + i-SÄ- r>] - J-SÄ- b*. 
Füge ich nun ohne die relativen Bewegungen zu verändern bei 
beiden den Betrag c hinzu zur Geschwindigkeit des Schwerpunkts in 
deren Richtung, so wird der Unterschied geändert in 
/•:; E^ = JS l -E t + c{M l -M i ) 



von Hei. Muni, tz: Die Energie der Wogen und des Windes. 869 

Ist also HI, M 2 = o, so ändert sich der Werth des Energie- 
unterschiedes nicht durch Hinzufügung der Geschwindigkeit c. Dies 
würde, da l'ür unsere wogenden Flüssigkeiten die Unterschiede (I\ /:'.) 
und (M, — M 2 ) für jede Wellenlänge endlich sind, selbst wenn die //, 
und H 2 , also die Massen der bewegten Flüssigkeiten in das Unend- 
liche wachsen, gelten müssen. 

Also nur für die Wellen, die der Bedingung (5*) genügen, wird 
der Unterschied der Energie bei ruhenden Wellen und bei ruhendem 
Tiefwasser gleich gross sein. Nach den oben ausgeführten Sätzen 
werden stationäre Wellen dieser Art geringere Energie haben müssen, 
als ebenes Wasser, was also in diesem Falle auch für diese Art von 
Wellen über ruhendem Wasser gilt. 

Bei den Wellen, welche grösseres a 2 haben, wird Zusatz einer 
gemeinsamen Geschwindigkeit ( — a 2 ), welche die Wassertiefe in Ruhe 
bringt, den Energieunterschied zwischen glatter Oberfläche und Wellen- 
bildung verändern um den Betrag 

E[ — E 2 = E l — E 2 + a 2 [s 2 a 2 r 2 — s, </, r,] . 

Der Index 1 bezieht sich auf die wogende Fläche, 2 auf die 
ebene, die Strichelung K' auf ruhendes Tiefwasser, die ungestrichelten E 
auf ruhende Wellen. 

Daraus geht hervor, dass die doch meist sehr kleinen Unter- 
schiede (E t — E 2 ) bei Wellen von erheblicheren Fortpflanzungsge- 
schwindigkeiten auf ruhendes Tiefwasser übertragen ihren negativen 
Werth verlieren und einen positiven annehmen werden. 

Auch hier wird die Energie, die dem vorher ruhenden Wasser 
in Form der Hebung seiner Oberfläche und lebendiger Kraft seiner 
Bewegung gegeben wird, der Luft genommen werden müssen. Um 
den genügenden Betrag für die Bildung grosser Wellen zu gewinnen, 
wird auch aus diesem Grunde nöthig sein, dass erst lange Luft- 
schichten vorübergezogen sind, und einen Theil ihrer lebendigen Kraft 
abgegeben haben. 

Im ersten Moment, wo ein neuer Windstoss die Wasserfläche 
trifft, werden sieh stationäre Wellen nur mit M = o und E, — *E 2 = o 
von dein in Gleichung 5 a gegebenen Werthe von a 2 bilden können. 
Die letztere Bedingung zeigt an, dass dieselben nahe am Zerspritzen 
sein würden, was man in der That oft bei ganz kleinen, plötzlich 
erregten Kräuselungen sieht. Übrigens kommt bei diesen kleinen 
Wellen, wie Sir William Thomson 1 nachgewiesen hat. auch noch die 
Capillarspannung der Flüssigkeit in Betracht, die den Energiewerth der 
wogenden Fläche etwas höher stellt. 



1 S. früheres Citat. 



870 Sitzung «Irr physikalisch- mathematischen Classe vom 17. Juli. 

Der Regel nach werden sich also nicht gleich von Anfang an 
stationäre Wellen bilden, da die Wellen von unverändertem Be- 
wegungsmoment , einen Überschuss von Energie zurücklassen würden. 
Wenn sich aber von Anfang an Wellen von theils positiver, theils 
negativer Differenz des Bewegungsmomentes und der Energie neben 
einander auf dem ruhenden Wasser erzeugen, so wird die Summe 
dieser Differenzen Null werden können. Diese Wellensysteme von 
verschiedener Wellenlänge und Fortpflanzungsgeschwindigkeit, werden 
indem sie fortlaufen mannigfache Interferenzen erzeugen, und nach dem 
von mir für Combinationstöne angegebenen Princip. was in seiner An- 
wendung auf die Fluthwellen schon sehr schöne Bestätigungen durch 
Sir W. Thomson's Analyse der von der British Association angeord- 
neten Fluthbeobachtungen erhalten hat. werden sich auch allmälig 
Wellen von grösseren Wellenlängen bilden können. 

So lange der Wind den Wellen noch voreilt, wird er den Energie- 
vorrath und das Bewegungsmoment der Wellen weiter steigern können, 
und so lange noch die für ruhende Wellen berechnete Energie ab- 
nehmen und ein noch tieferes Minimum bilden kann, wird auch die 
Neigung unter der Einwirkung aller der kleinen Störungen, welche die 
mitlaufenden andern Wellen in den Fällen der Wirklichkeit erzeugen. 
der form geringster Energie zuzustreben weiterwirken. Diese wird 
endlich an den Sattelwerth und zum Zerschäumen der Oberkante 
fuhren, falls dies bei der gegebenen Windgeschwindigkeit erreicht 
werden kann. 

Ich habe im April d. J. versucht durch Beobachtungen, die ich 
auf dem Cap d'Antibes anstellte über diese Folgerung aus der Theorie 
Aufschluss zu gewinnen. Ich maass mit einem kleinen tragbaren 
Anemometer die Windstärke unmittelbar am Rande der dort theil- 
wreise steil aufsteigenden Klippenwände der schmalen Landzunge, die 
ziemlich weit in das Meer hineinragt. Indessen zeigten die Beobach- 
tungen, dass mehrere Male draussen auf dem Meere stärkerer Wind 
geherrscht haben musste, als ich hatte beobachten können. 

Ausserdem zählte ich die Anzahl der ankommenden Wogen. 

Es ist bei den Wasserwellen ebenso gut, wie bei den Schall- 
wellen darauf zu rechnen, dass bei allen Ablenkungen. Verzögerungen, 
Dämpfungen, die sie erleiden, die Schwingungsdauer unverändert bleibt. 
Diese wird man also am Ufer noch ermitteln können, wenn auch die 
Fortpflanzungsgeschwindigkeit in flachem Wasser geändert wird. \\]\d 
Form und Länge der Welle sieh ändern. Die Anzahl ZV der Wellen 
in der Minute wird durch 



ton Helmholtz: Die Energie der Wogen und des Windes. 8* I 

ausgedrückt. Wenn n, auf //", steigt, steigt, wie mein vorjähriger 
Aufsatz zeigt, X auf /rÄ, und also 

N. = * 

II 

Eine Geschwindigkeit o 2 = io m würde 0.4 Wellen in der Minute 
ergeben; dagegen a 2 y' gäbe 18.8. 

Die Zählung der Wellen ohne L'egistrirende Instrumente ist nun 
nicht mit grosser Genauigkeit auszuführen, da auf dem Meere, so 
weit ich es gesehen, immer neben einander Wellen von etwas ver- 
schiedener Zeitperiode zu bestehen scheinen, welche interferh'en, und 
das den akustischen Schwebungen entsprechende Phaenomen geben. 
Während des Minimum der Bewegung wird man in der Zählung 
Leicht unsicher. Bei wiederholten Zählungen an derselben Stelle er- 
hält man also leicht Schwankungen von etwa ^ oder selbst mehr 
der gesuchten Anzahl. 

Die Windstärke, die ich am Ufer beobachtete, ist nicht über 6fi 
gestiegen. Dies war am Abend meiner Ankunft in Antibes, i. April 
d. J.; der Wind war OSO. Wellen zählte ich zwischen 8.5 und io. 
Am anderen Morgen, 2. April, waren es noch io bis 10.5, obgleich 
der Wind last ganz verschwunden war. Die Wellenzahl erklärt sieh 
nur, wenn auf hohem Meere Wind bis etwa i<>"' bestanden hatte. 
Der Wind höh sieh am 2. April im Laufe des Tages bis auf 4'". 
Dennoch war die Wellenzahl auch am 3. April noch 9.5 bei ganz 
schwachem Winde, am 4. April erst war Zunahme wahrnehmbar bis 
zu [2.5 Wellen. 

Während einer Reihe von ruhigen Tagen steigerte sich die Zahl 
der immer kleiner wer dendeu Wellen allmälig auf 1 7 bis 1 8. Endlich 
am 7. April fing der Wind wieder an sich zu heben. Am Morgen 
(and ich 3?3 Windgeschwindigkeit, die im Laufe des Tages bis 
anwuchs, und die Anzahl der Wellen bis auf 11.5 herabbrachte. 
Dieses Mal aber war der Ort des stärkeren Windes nachweisbar. 
In Marseille hatte in der Nacht vorher ein schwerer Wirbelsturm 
geherrscht, und die von ihm erregten stärkeren Wellen zogen als ein 
scharf abgegrenzter dunkelgrauer Streifen vom Meereshorizonte heran, 
und erreichten Cap d'Antibes gegen Mittag lange vor dem stärkeren 
Winde, der sie erregt hatte, und da- am letzteren Orte überhaupt 
nicht dieselbe Gewalt, wie in Marseille, annahm. 

Die wenigen Beobachtungen zeigen also einen Zusammenhang 
zwischen Wellenzahl und Windstärke allerdings an, und auch Überein- 
stimmung, wenigstens in der Grössenordnung. Aber die Wellenzahlen 
sind alle etwas kleiner, als sie aus der Stärke des Uferwindes berechnet 



872 Sitzung der physikalisch -mathematischen (.'lasse vom 17. Juli. 

sein sollten und lassen auf stärkeren Wind in hoher See schliessen. 
Sie zeigen aber auch, dass die Nachwirkung eines starken Windes 
mehrere Tage dauern kann. 

Bei io m Fortpflanzungsgeschwindigkeit durchlaufen die Wellen 
in einem Tage -] 3 L Längengrade. Wenn also das Mittelmeer bis zur 
grossen Syrte hin am i. April durch eine kräftige Brise von [o m Ge- 
schwindigkeit in Wellen versetzt war. konnten diese 2 l j 1 Tage brauchen, 
ehe die letzten die Küste von Südfrankreich erreichten. 

Gründlicher wird sich das Problem jedenfalls erst lösen lassen. 
wenn Registrirungen der Wogen und ausgedehnte Beobachtungen der 
Windgeschwindigkeit vorliegen. Letztere sind leider für den April 
dieses Jahres noch nicht zusammengestellt oder wenigstens noch nicht 
veröffentlicht, und konnten von mir noch nicht benutzt werden. 



873 



Über orthogonale Systeme. 

Von L. Kronecker. 



(Fortsetzung der Mittheiluug v 22. Mai Si. XXV11.) 



VIII. 

Dedeuten ;,, , z l2 , . . . c„ „_, . z nn reelle Variabein und £ M , £,,, . . . £„,„_, , £„„ 
solche Werthe derselben, die den l -n{n+i) Bedingungsgleichungen 
genügen : 

(59) %Z g £hi = ** b>< h = '.»-.«!?; *). 

1 

so bilden die Systeme (£ ljt ) eine aus der gesammten //' fachen Mannig- 
faltigkeit der Systeme (z ik ) ausgesonderte l -n(n — i) fache Mannigfaltig- 
keit, welche aus den sämmtlichen orthogonalen Systemen mit n 2 
reellen Elementen besteht. Diese ^-n(n - 1) fache Mannigfaltigkeit 
hat zwei getrennte Theile, von denen der eine die orthogonalen 
Systeme mit der Determinante +1, der andere diejenigen mit der 
Determinante -1 enthält. Bezeichnet man die einen mit (£ ik ), die 
anderen mit(^!~'), so sind die charakteristischen Bedingungsgleichungen: 

?,&$* = **, I4 +, I=' <*m.*=.. ■ 

Nun entstehen sämmtliche Systeme (£^ ) aus den Systemen (C) 
durch die Substitution: 

£<->= -<*<+> (* = .,».. ..»)■ 

und es können daher auf diese Weise die beiden ' n{n — 1) fachen 
Mannigfaltigkeiten orthogonaler Systeme : 

(4 +) ).(4- ) ) 

auf einander eindeutig bezogen werden. 



874 Sitzung der phys.-math. Classe v. IT. Juli. — Mittheilung v. 22. Mai. 

Aus den Gleichungen : 

2 (4- + t u z)Z* = 4 + 4- (*> <- *=!,»,... ») 

folgt die Determinantenrelation: 

Nimmt man hierin für (£ tt ) ein System mit der Determinante i 

und setzt dann z= i, so resultirt die Gleichung: 

IC + 'M = ° (*•*= '■-■■•■»)■ 

Die \ ii[n i) fache Mannigfaltigkeit (^ ) ) besteht also aus lauter ortho- 
gonalen Systemen, welche sich der am Schluss des ai't. V entwickelten 
CAYLEY'schen Darstellung entziehen. Aber von orthogonalen Systemen 
(<!,") giebl es. wie nun gezeigt werden soll, keine ^n(n — i) fache 
Mannigfaltigkeit, für welche die Bedingung: 

|^ + 4| = o »,*=,,......) 

erfüllt wäre. 

Gäbe es nämlich eine solche \ n {n i) fache Mannigfaltigkeit, so 
inüssten \n{n -i) von den Grössen <*£* beliebig bestimmt und dabei 
die Gleichungen: 

1CC=^, |^.| = i. IC+4| = o ^,»,1,*=..,,....) 

durch reelle oder complexe, endliche oder unendliche Werthe der 
übrigen Grössen <',' / +l befriedigt werden können. Es müsste also, wenn: 

gesetzt wird, bei beliebiger Annahme von '//(// i) Grössen s^, den 
homogenen ( deichungen : 

(6o) 2^%=^, |**| = .s", |^ + ^«| = (s-,*,f,* = i,a,...») 

so genügt werden können, dass eine der n 2 + \ Variabein z unbestimmt 
bleibt. Wählt man nun für die \n (n — i) Grössen :, /i ., bei welchen 
jeder der beiden Indices kleiner als n und der erste nicht kleiner als 
der /.weile ist , die Werthe: 

Zhh = ~ ■ 2* = O {h,i,k - 1,2, ...h-i; i fr), 

so bestimmen sich die Werthe der übrigen Grössen :., ; mittels der 
t deichungen : 

^Ä„=^ fe,A,<=,, a ,...„) 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 875 

in folgender Weise: 

C ik =0, Z hn = 0, Z nh = (h,i,k = l,2,...n—i;i<k) 

Da ferner durch die Bedingung: 

\z a \ = z n M=i,2,...n) 

der Werth z nn = z ausgeschlossen wird, so ergeben sich auf Grund 
der gemachten Annahme und der ersten beiden von den Gleichungen 
(<io) für die «"Grössen : ik die Werthe: 

Z a = S,,; (i,A = i,2,...«), 

und die letzte von den Gleichungen (60) erfordert alsdann, dass s = o 
wird. Bei der obigen Bestimmungsweise von 4- ra (« — 1 ) Grössen z a 
kann also den Gleichungen (60) nicht anders als durch Nullwerthe 
sämmtlicher ir + 1 Grössen z genügl werden, und es ist somit der 
Nachweis geführt, dass es keine ^n(n 1) fache Mannigfaltigkeit von 
Grössen £}£ giebt, für welche die Determinante: 

K'*"' +^*| (i,k = l,2...n) 

gleich Null ist. 

Da diejenigen Systeme der jtl(n — 1) fachen Mannigfaltigkeit (<^ + ')- 
für welche die Determinante: 

|4 +, + 4| ft * = !.»....) 

gleich Null ist, nur eine besondere, minder ausgedehnte Mannigfaltigkeit 
bilden, so lassen sich die sämmtlichen Systeme der jn(n — i)fachen 
Mannigfaltigkeit (^^ ), abgesehen von einer darauf befindlichen beson- 
deren Mannigfaltigkeit geringerer Ausdehnung, in der CAYLEY'schen 
Form darstellen. Bezeichnet man demnach mit T ik für solche Werthe 
der Indices, bei denen i<»<;&<w ist, ^n(n — 1) reelle unabhängige 
Variable und setzt für alle diese Werthe von i und k: 

und überdies: 

so werden, gemäss der oben entwickelten ÜAYLEY'schen Darstellung 
orthogonaler Systeme, die beiden ~>i(n -i)fachen Mannigfaltigkeiten 
(£«!") und (T ile ) auf einander eindeutig bezogen, indem man je zwei 
Systeme (£|*') , {r ik .) als einander entsprechend aufl'asst, für welche 
die Systeme: 

zu einander reciprok sind. 

Sitzungsberichte 1890. 75 



8 i (i Sitzung der phys.-math. Classe v. 17. Juli. — Mittheilung v. ■_!'_'. Mai. 

Die Systeme (t^) bilden eine ebene \n{n i (lache Mannigfaltig- 
keit; die darauf eindeutig bezogene Mannigfaltigkeit der Systeme 
(££"') ist daher Lrreductibel , und da die Systeme {^) und (£») 
einander eindeutig zugeordnet sind, so ergiebt sich als Resultat der 
vorstehenden Entwickelung, 

dass die gesammte Mannigfaltigkeit der orthogonalen Systeme 
( ^ ) aus zwei irreduetibeln \ n (n — i ) fachen Mannigfaltigkeiten 
besteht-, von denen die eine die orthogonalen Systeme mit 
der Determinante + i , die andere diejenigen mit der De- 
terminante — i enthalt. 
Dem Nullpunkt der x -n (n i ) fachen Mannigfaltigkeit T tt , d. h. 
dem Systeme : 

r ik = o (»,&= 1,2,... ii). 

entspricht in der Mannigfaltigkeit {('^ ) der Punkt: 

also das Einheitssystem {£#). Für solche Punkte der Mannigfaltig- 
keil (££"'), für welche die Determinante des Systems (££"' + $ ;/ .) gleich 
Null ist. giebt es in der ebenen Mannigfaltigkeit (r tt ) keine ent- 
sprechenden Punkte in endlicher Entfernung vom Nullpunkte, d. h. 
keine solchen, für welche jede der ^ « (n i) Grössen r, k und also 
die Quadratsumme : 

^T« ft*=i,2,...n) 

i.k 

einen endlichen Werth hätte. Bezeichnet man diese Quadratsumme 
mit f und setzt : 

T ik = p T tt ('■ 4 = i, 2, . . . n; p > o), 

sii erfüllen die Systeme (t,,,.). da. die Summe der tr Grössen T a gleich 
Eins ist, eine »einheitssphaerische« Mannigfaltigkeit. 

Nach diesen Vorbemerkungen kann das im art. VII erlangte 
Resultat folgendermaassen formulirt werden: 

Wenn n ungerade ist, nähert sieh die der °esammten 
sphärischen {\n{n - \ ) — i ) fachen Mannigfaltigkeit (pT a ) ent- 
sprechende Punktmannigfaltigkeit (<^ +) ) mit wachsendem p 
derjenigen, welche von den orthogonalen symmetrischen 
Systemen {£$) gebildet wird; wenn aber n gerade ist, so 
tritt dies nur für diejenige Punktmannigfaltigkeit (c^ x +l ) ein, 
welche der besonderen durch die Bedingung: 

|r,- x .| = o (i,A= i,2,...») 

charakterisirten {~n(n i) — 2) fachen Mannigfaltigkeit {pr, k ) 
entspricht. 



Kronecker: über orthogonale Systeme (Forts.) 8/ i 

Es ist also für ungerade Zahlen« die unendliche sphaerische 
(jn(n— i)— i) fache Mannigfaltigkeit (t, x .) , für gerade Zahlen n die 
unendliche sphaerische (y n (n — i ) — 2) fache Mannigfaltigkeit (r,,.) mit 
verschwindender Determinante, welche der Mannigfaltigkeil der orthogo- 
nalen symmetrischen Systeme (£# ) entspricht. Aher da. dir Mannig- 
faltigkeit der letzteren, wie schon Hr. Lipschitz gezeigt hat, 1 eine 
geringere ist, so treten sie bei der angegebenen Beziehung zur Mannig- 
faltigkeit (r, A .) mehrfach auf. 



IX. 

Nunmehr sollen, gemäss der Ankündigung im Eingang des art. V. 
die Eigenschaften des aus den '//(// + 1) Elementen: 

Kh ~~ 2"> "'>" (ff,h = l,2,...n; ff < h) 

bestehenden Modulsystems untersucht werden, weil dadurch eine 
vollständigere Einsicht gewonnen wird als durch die Untersuchung 
des für orthogonale Systeme (£ Ä ) charakteristischen Gleichungs- 
systems: 

ih~%^f,i=0 {g,h ,,.,...»: g h) 

Denn es können überhaupt zwischen zwei Systemen ganzer Grössen 
eines natürlichen Rationalitätsbereichs (W. 9t", . . .): 

(W, Sft", W", . . .). (31'. M", 31", . . .) 

Relationen ganz verschiedener Art bestehen, welche die unbedingte 
Aequivalenz der beiden Gleichungssysteme: 

(3tt' = o. W= o. W"= o. . . .), {M'=o, 31" = o, 31'"= o, . . .) 

begründen; die Untersuchung der zwischen zwei Modulsystemen: 

(W, W, 3)1'", . . .), (31', 31", 31'", . . .) 

obwaltenden Beziehungen führt daher zu einer vollständigeren Er- 
kenntniss, als die Erforschung der gegenseitigen Abhängigkeit der 
beiden Gleichungssysteme : 

(9Ä'= o, m"= o. W" = o, . . .), (31' = o, 31"= o, M'"= o, . . .) 

gewähren kann. 

Im Sinne der Congruenz für das aus ^n{ji-\-i) Elementen be- 
stehende Modulsystem : 



1 Verel. den Schluss des art II. 



8 i 8 Sitzung der phys.-math. Gasse v. I 7. .Inli. — Mittheilung v. "_'2. Mai. 

(61) ^«Oji- ^ (.?," = 1,2....«: y &) 

I 

ist (1ms System der /r unbestimmten Variabein: 

V,,. ('./.'- 1,2 «) 

ein »orthogonales«. Dieses Modulsystem (6i) ist ein reines Modul- 
system «1er durch die Anzahl seiner Elemente bezeichneten Stute. Denn 
wenn es irgend ein Primmodulsystem einer geringeren (^n(n-{- 1) v)ten 
Stute enthielte, so niüsste den ^n{u + i) Gleichungen: 

^ «V ""*' = ^ """ (g,h=l,2,...n; g K) 

t= i 

durch eine ({u{i/ i) + v+i)fache Mannigfaltigkeit von Werthen der 
ic 4- 1 Variabein w, also l>ei beliebiger Wahl von l -n{n i) derselben, 
Doch durch eine (v-j-i)fache Mannigfaltigkeit genügt werden können, 
während doch, wie im vorhergehenden Abschnitt gezeigt worden ist, 
bei Festsetzung der ^n(n-i) Bestimmungsgleichungen: 

n 'i,h = "' • "",/;■ = O (*,»',*= i, a,. ..ji—i; i>k), 

sieh die Werthe der übrigen Variabein w in folgender Weise be- 
stimmen: 

»•„„ —.+ //• . W hn = O , »'„/, = O . HJtf = O (*,»,*= 1,2,... n—i; i<*). 

Es bleibt also nur eine einfache Mannigfaltigkeit der >r + i Grössen ip, 
und es ist somit, wie gezeigt werden sollte, in der That v = o. 
Das Modulsystem: 

(hi) %Wgi w hi — $gh ig,h=i,*,...n;g<h) 

i 
ist dem Modulsysteme: 

(62) 2 W * W * ~ d ''' fe ' A= '•»•■•■""S*) 

i 1 

vollkommen aequivalent. Denn, setzt man zur Abkürzung: 

C'3) ^ " V "'*■ - — K* = 00* • -L "'" ""'* ^A = ?J* <<7.» = 1.2....»: .?</.), 
.1 1=1 

so bestehen, gemäss den Formeln (39) im art. V, die Relationen: 

<pgh= %^M "',/'''.« - 0,a = X w ** w ^« (y,*,i,*=i,a. — »)- 

Da nun das Product jedes Elements des zu («?«,) reeiproken Systems(«4) 
mit der Determinante W des Systems (w tt ) eine ganze Grösse des Be- 
reichs der ft 2 Grössen w ik ist. so erhall man durch Multipücation mit 
W die Congraenzen: 
(64) Wipgi o (niodd. ./i,,) . \l',/> //( = o(modd. </>,,) ig,h,i,k 1,2,...»). 



Kronecker: flirr orthogonale Systeme. (Forts.) 879 

Aus den Congruenzen 

X !( V W '« — ^g* (»» 0,l(1 - <Pik) , ^ "\,,<>;/, = &gh (modd. f lk ) , 

[g,h, i,k - i. ±....n) 

folgt aber, dass für beide Modulsysteme (<p, Ä .) und (f jk ) die Congruenz: 

W = i 

stattfindet, und man gelangt daher, wenn man die Congruenzen (64) 
mit W multiplicirt, zu den beiden Congruenzen: 

<p gh = o (modd. 0,,) , (/y, = o (modd. <p ik ) ig, h,i, i r, •-....„), 

durch welche die nachzuweisende Aequivalenz der beiden Modul- 
systeme (61) und (62) begründet wird. 

Da für das Modulsystem (61) die Congruenz \Y' r 1 besteht, so 
muss für jedes darin enthaltene Primmodulsystem die Determinante U 

entweder congruent + 1 oder congruent 1 sein. Jedes in dem Modul- 

systeni (61) enthaltene Primmodulsystem muss daher in dein einen 
oder dem andern der beiden Modulsysteme: 

(65) (i»V'',„ ■$*,W r -lJ > (2»V"'/»-~^- Ar +'j (ff,h = l,2,...n) 

enthalten sein. Diese beiden Modulsysteme sind aber selbst prim; 
denn, wenn eines derselben ein Modulsystem .'//(// l-iller Stufe: 

(Jf, M", M'", ) 

enthielte, so würde die durch die Gleichungen M ' = o , M" = o , 
3f"' = o, .. repraesentirte ',-//(/> 1 (fache Mannigfaltigkeit einen Theil 
derjenigen bilden, welche durch die Gleichungen: 

X "V w hi = K'' ' W — £ (</,./<= 1 , 2, . . . « ; 9 <h) 

für e = -+- 1 oder für e = — 1 dargestellt wird. Es ist aber im vorher- 
gehenden Abschnitte nachgewiesen worden, dass diese Mannigfaltig- 
keiten irreductibel sind, und es zeigt sich also. 

dass das Modulsystem (61), sowie das damit vollkommen 
aequivalente Modulsystem (62) keine anderen Primmodul- 
systeme enthält als die beiden, welche oben mit (65) be- 
zeichnet worden sind. 
Dabei möge noch hervorgehoben werden, dass das Modulsystem, 
welches ans der Composition der beiden Modulsysteme (65) entsteht, 
in folgendem enthalten ist: 



(»^»„ttfo-a^j 



(</./< = 1,2,. . .«), 



880 Sitzung der phys.-math. ( 'hisse v. 17. Juli. — Mittheilung v. 22. Mai. 

da bei der bezeichneten Composition die Elemente: 

^ »V «?« — ^ (g,h = i,i,... n) 

i i 

sowohl mit W + 1 als auch mit W — i multiplicirt vorkommen und also 

die Differenz von je zwei solchen Producten dem aus der Composition 
entstehenden Modulsystem als Element hinzugefügt werden kann. 



X. 

Die Aequi valenzeigenschaft, welche im vorhergehenden Abschnitte 
für die beiden Modulsysteme (G i ) und (62) dargelegt worden ist 
kommt auch den allgemeineren Modulsystemen zu : 

(67) % u gi v ih — <^l 

', (g , h, i =? 1,2,... n), 

(68) 2v"</< Ö V< 

in welchen die Grössen: 

%., r, k (/.<■= 1,2. ...») 

je /r unbestimmte Variable bedeuten. 

Um dies nachzuweisen, setze ich zur Abkürzung: 



Mgh = 2 V 9 i V * ~ $* ' ^ ? Ä = 2 *V W >» — ^A 



(g,h,i= i.2,...«) 



|«fa|= fs |%|=V {i,k= h 2,...n). 

Alsdann bestehen die Relationen: 



S3 U , r rr - 



(ff,h,i 7 k= 1,2, ... n), 



und also die Congruenzen: 

(69) UM ik = o (modd. d/, A .), rJK^= o (modd. JQ (i,*= 1,2,.. .n). 

Ferner ergeben sich unmittelbar aus den Definitionen von M gh xm& M gl 

die Congruenzen: 

(7°) 2 "y. ü a = ^(modd. .17,,) . V o .,„ Ua \/, (modd. iJQ , 

(y . A, t, Ar= 1,2 n) 

und hieraus folgt, dass für jedes der beiden Modulsysteme (M, k ) und (M lk ) 
die Gongruenz: 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 881 

stattfindet. Multiplicirt man nun die erstere der beiden Congruenzen 
(69) mit V, die letztere mit U, so resultiren die beiden Congruenzen: 

M„, = o (modd. M lk ) , M ik = o (modd. .)/,,) (i,k 1,2 », 

durch welche die nachzuweisende Aequivalenz der beiden oben mit 
(67) und (68) bezeichneten Modulsysteme (M lk ) und (31;,,) begründet wird. 
Die ersteren der beiden Congruenzen (70) definiren das System (/-,,) 
als »das zu (%.), im Sinne der Congruenz für das Modulsystem (M^), 
reeiproke«; ebenso definiren die letzteren der beiden Congruenzen (70) 
das System (//,,,) als »das zu (r, 7 ,), im Sinne der Congruenz für das 
Modulsystem {M ik ), reeiproke«. Da sich nun die beiden Modulsysteme 
(M a ) und (My) als einander vollkommen aequivalent erwiesen haben, 
so erweisen sich auch die beiden Definitionen als aequivalent. Der 
ebenso einfache als wichtige Satz, 

dass das reeiproke eines reeiproken Systems das ursprüng- 
liche System ist, 
behält daher im Sinne der Congruenz für jedes beliebige Modulsystem 
seine Gültigkeit. Denn wenn die n 2 Congruenzen : 

^UgiVa = 8 g}t oder also M gh = o (g,h,i= i,2,...n) 

für irgend ein Modulsystem (SR', SR", . . .) des Rationalitätsbereichs 
(SR', SR", . . .) bestehen, sobald für v ik . , r ;/ , gewisse ganze Grössen 11,, . 95 a 
desselben Bereichs gesetzt werden, d.h. also, wenn das System (33,*), 

im Sinne der Congruenz modd. SR', SR" zu (U, 7l ) reeiprok ist. so 

ist das Modulsystem (SR', SR", .. .) in dem Modulsystem (M&) und also 
auch in dem aequivalenten Modulsystem (M ik ) enthalten, d. h. es be- 
stellen auch die ?r Congruenzen : 

M gh = o oder ^ V«'*— *«* (modd. SR', SR", . . .) (g,k,i= r>2,...n), 

sobald darin 2L für r nl und 11,/, für //,,, substituirt wird, und es ist 

daher auch, im Sinne der Congruenz modd. SR, SR" das System (U, 7 ) 

reeiprok zu (SS a ). 

Für die Doppelsumme: 

X v gi "<* ( yr '>/'- - v h*) 0, Ä, i, * = 1, 2, . . . «) 

erhält man, je nachdem man zuerst nach h und dann nach i oder 
in entgegengesetzter Folge summirt, die beiden Ausdrücke: 

V ( UV — l ) "2 v s< Mik ' V ' '"'■ '> + H ( VUhk ~ " u) M s h ■ 

h 

{g , h, 1 , k = 1, 2 , . . . n) 



882 Sitzung der phys.-math. Classe v. 17. Juli. — Mittheilung v. 2'2. Mai. 

Hieraus erschliesst inan, da UV= i (modd. M&) ist. die Congruenzen: 

''*— Vü a = o (modd. Jf^,) oder (modd. ^%% — ^ ?Ä )• 

(ff,h,i,k = 1,2,...«) 

Andererseits resultiren aus den Gleichungen : 

^«^Oa — ^j = (UV— i)^ A + ^%(»a Vr A ) («,,/. = 1,2,...») 

die Congruenzen: 

Xv r ''<~<^ — ° ( m0( W. fT-I, ütf — YZ7 tt ) ig,h,i,k = 1, 2,. ,.n). 

Es besteht daher die Aequivalenz : 

(7 1 2 V'<* — &gk J <*> ( UV 1 . r y/ ,- VU gh ) ig, h =i,2,... b), 

welche bei Vertauschung der Grössen u und r in folgende übergeht: 

(72) I 2 »ji «« — ^ J co ( UV— I , M ?Ä — UV gh ) ig . A -- i, 2, . . . n). 

Da nun, wie oben gezeigt worden ist, die beiden ersteren Modul- 
systeme in den Aequivalenzen (71) und (72) einander aequivalent 
sind, so sind auch die beiden Modulsysteme: 

( UV- I , U gh - UV gh ) , ( UV- I , V gh - VU gA ) ig,h=,,2,...n) 

einander aequivalent. 

XL 

Setzt man: 

«a = w* + 4 , | «a | = U (.-, k = 1, 2, . . . «). 

so gehen die obigen Gleichungen (63), sowie die im art. V an- 
gegebenen Formeln (34) für 11 = 1 , in folgende über: 

h = n 

<Pik = X "<>' U M ~~ U * ~ "'*•' (i, * = i, 2 , . . . n), 

A = 1 

und das System (% — $ it ) ist für das Modulsystem (</),,[.) sowie für das 
aequivalent« System (i/>, A .) ein orthogonales. 
Setzt man ferner: 

4"ik = $*— »a — % (*.* = •. 2.- ••»), 

so hat man, entsprechend den Relationen (3 7) im art.V, die Congruenzen : 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 883 

$</!> — 2 "i"' W ** ^ ik ' ^ ~ X l V ' ■** ( />* (? , A , •■, Ar ±= i , 2 , . . . n) 

für das im vorhergehenden Abschnitte mit (i^,/,) bezeichnete, aus den 
n 2 Elementen: 

^UgsVik — ägh (g,h = i,2,...n) 

bestehende Modulsystem. Es ist daher: 

<p a = o (modd. \J/ a . dQ , \J/ tt = o (modd . </>,,. , M tk ) (», * = i, a , . . . »), 

d. h. die beiden aus je 2 /r Elementen bestehenden Modulsysteme: 

(</>,,, JQ, (^*, M*) (i,k=i,2,...n) 
sind einander vollkommen aequivalent. Indem man nun für die Ele- 
mente <f> a , -^/ ik , M a ihre Werthe substituirt. erhält man die funda- 
mentale Aequivalenz : 

(73) ( 2 "<* ""' M * — M « ' X "■>> Vhk ^ ) °° ( ^* ~~ r * — '^ • X "'* ü ** ~~ ^<* ) 

(t, A = i, a, . . .n) 
und also unter Benutzung der im vorhergehenden Abschnitte her- 
geleiteten Aequivalenzen (71), (72) noch die beiden folgenden: 

(74) (2 u * M *i ~~ w * ■ M « ' ''* - vu * ) ^ tä* ~ "* ~ r « ' r * ~~ r r <<- - r r_ ■ )» 

(75) (2 w ' 7 ' w « ~~ u<k ~ Uki ' M * ~ uv * ) °° $* ~ ö « ~~ r « > '"'*■ ~~ f '"** ' f n '~ ' )' 

(»,fc=i,2,...n) 

welche die Ausdehnung der CAVLEv'schen Darstellungsweise orthogo- 
naler Systeme auf solche Systeme enthalten , denen die Eigenschaft der 
Orthogonalität nur für ein gewisses Modulsystem zukommt. 
Um dies näher darzulegen, seien: 

11,* («\i = i,2,...n) 

solche ganze Grössen eines natürlichen Rationalitätsbereichs (SR', SR". . .). 
dass das System: 

(U,,. -4.) (<,*=!, a 1- 

im Sinne der Congruenz für ein demselben Bereich (SR', SR", . . .) an- 
gehöriges Modulsystem (9R', 9R", . . .), ein "orthogonales« wird. Die 
hierfür charakteristischen Congruenzen sind sowohl: 

h = n 

(76) 2 U<äU * a ~ U *~ U ' k = ° ( mocld - SR'. SR", . . .) (»,*=i,a,...n) 

4=i 



884 Sitzung der phys.-math. Classe v. 17. Juli. — Mittheilung v. 2"2. Mai. 

als auch: 

h = n 

(?<>') ^«äi«ä*— «»— «« = ° (modd. SÄ', SÄ", . . .) (/.a- = i, 2. ...«). 

Falls nun das System (%) überdies die Eigenschaft hat. dass 

die Determinante U. im Sinne der Congruenz modd. SÄ', SÄ" ein 

Divisor von i ist, d. h. dass es eine ganze Grösse 53 des Bereichs 
(SR'. SR", . . ■) giebt. welche mit U multiplicirt der Einheit congruent ist, 
so resultiren aus der Aequivalenz (74), wenn darin: 

v a = TT', (,\*=i,2,...n) 

gesetzt wird, die Congruenzen : 

(77) 4-SUtt-SSU« == O (modd. 3Ä',SÄ", . . .) ii.k = u2....n), 

in welchen 53 durch die Congruenz bestimmt ist: 
U53 = 1 (modd. SÄ', SÄ", . . .) , 

und \[ !k . die Elemente des zu (%) adjungirten Systems bedeuten. 

Wenn andererseits die Elemente eines dem Bereich (SÄ', SR", . . .) 
angehörigen Systems : 

'Ö # (t,*=i,2,...n) 

den Congruenzen genügen: 

4- - &tt — Ü*i = O (i, * = 1, 2 , . . . n) 

und überdies die Eigenschaft haben, dass die Determinante des Systems 
(\> a ) . welche mit SS bezeichnet werden möge, im Sinne der Congruenz 
modd. SÄ', SÄ", . . . ein Divisor von 1 ist. d. h. dass es eine ganze 
Grösse il des Bereichs (SR', SR", . . .) giebt, welche mit 93 multiplicirt 
der Einheit congruent ist. so resultiren aus der Aequivalenz (75), 
wenn darin: 

U ik = VU ik ((,* = !,»,. ..n) 

gesetzt wird, die Congruenzen: 
h = » 

(78) V U93,vi 1153,,, - U53,, - U33« = o (modd. SÄ', S JÄ ",...), 

(i,£ = i,2,...n) 

in welchen 11 durch die Congruenz bestimmt ist: 

U93 = i (modd. SÄ', SÄ", ...), 

und 33 a die Elemente des zu {o ik ) adjungirten Systems bedeuten. 

Man erhält somit alle, im Sinne der Congruenz modd. SÄ', SÄ", . . . , 
orthogonalen Systeme: 

(U* — *») (.\*= 1, 2,... n), 



Kronecker: Über orthogonale Systeme. (Forts.) 88") 

für welche die Determinante: 

| H,7,- | '(»,* = I, 2, . . . «). 

im Sinne der bezeichneten Congruenz, ein Divisor von i ist, wenn 
man aus allen Systemen (U, y ). deren Determinante "11 in eben dem- 
selben Sinne ein Divisor von i ist. also einer Congruenz: 

Uls-i (modd. 2»', SR", ...) 
genügt, und für welche überdies die Congruenzen: 

4 - 0« b M = ° (modd. SÄ', SÄ", ...) 
erfüllt sind, Systeme (i\ lk ) mittels der Gleichungen: 

u,, = u s i\, ((,*= i,2 — ) 

bildet. Denn dass diese Systeme orthogonale (im Sinne der Con- 
gruenz modd. WY, 9JI", . . .) sind, geht aus den Congruenzen (78) hervor, 
und dass es keine anderen giebt, wird durch die Congruenzen (77) 
dargelegl . 

(Fortsetzung folgt.) 



887 



Neue histologische Untersuchungen 
über die Eisenaufnahme in den Körper des Proteus. 

A r on Dr. Robert Schneider 



(Vorgelegt von Hrn. Schulze am 28. November 1889 [S. B. S. 1045].) 



Hierzu Tat'. V. 



In meiner einleitenden Arbeit über natürliche Eisenresorption im thie- 
rischen Körper war auch der Resultate Erwähnung geschehen, welche 
die Untersuchung einiger Exemplare von Proteus anguineus I.aur., dieses 
auch in anderweitiger histologischer Beziehung so interessanten Höhlen- 
bewohners, ergeben hatte. 1 Darnach konnte gerade der Körper dieser 
Kiemenmolche als zu intensiver und typischer Eisenresorption in hohem 
Grade neigend bezeichnet werden, entsprechend dein allgemeinen, von 
mir autgestellten Gesetze , dass subterran lebende Wasserorganismen 
diese Eigenthümlichkeit und Fähigkeit in hervorragender Weise besitzen. 
Indessen verdiente dieses Untersuchungsobject, bei seiner besonderen 
histologischen Bedeutung, weiteren und umfassenderen Verfolg, um 
den schon gewonnenen Ergebnissen vollen Werth zu verleihen. 

Besonders interessante, zum Theil neue, zum TheU die früheren 
bestätigende Thatsachen hat nun ein Proteus- Exemplar geliefert, 
welches mir durch die Gefälligkeit des Hrn. Prof. Dr. Möbius und 
des Hrn. Dr. Reichenow zum Zwecke der Untersuchung auf Eisen- 
resorption übermittelt worden war. Dasselbe hatte längere Zeit im Ber- 
liner Aquarium gelebt und war nach seinem Tode in den Besitz des 
Zoologischen Museums übergegangen. Äusserlich war der Körper dieses 
Ohmes in besonders hohem Grade durch jene Erscheinung charakterisirt. 
welche, wie schon mehrfach beobachtet, eine regelmässige Folge län- 
geren Aufenthaltes am Tageslichte oder wenigstens im diffusen Lichte zu 
sein scheint: nämlich durch eine lebhafte Nachdunkelung der sonst 



1 Abhandlungen der Königl. Preuss. Akad. d. Wissensch.: Über Eisenresorption 
in thierischen Organen und Geweben. 1888. S. 41. 



SSS Sitzung der phys.-math. Classe v. 17. Juli. - Mittheilung v. 28. Nov. 1889. 

bleichen oder doch nur licht fleischfarbenen Hautdecke, wie sie für 
den unter normalen Bedingungen, d. h. im Dunkel lebenden Olm so 
bezeichnend ist. Daher war, seitdem jenes Nachdunkeln der Körper- 
oberfläche beobachtet worden, die Auffassung naheliegend, dass die 
unter dem Einflüsse von Lichtmangel verloren gegangenen oder .stark 
reducirten Pigmente vieler Höhlenbewohner durch nachhaltige Ein- 
flüsse entgegengesetzter Art sich allmählich wieder zu bilden im Stande 
seien; ganz entsprechend der Thatsache , dass auch Pflanzen, im Dunkel 
aufgezogen und dadurch dem Etiolement verfallen, wieder dem Lichte 
ausgesetzt verhältnissmässig schnell Chlorophyll zu bilden pflegen. 
Auch an anderen Dunkelthieren, wie z. B. Gammariden, konnte 
ähnliches constatirt werden.' 

Der hier in Frage stehende Proteus nun war gleichfalls längere 
Zeit hindurch dem Lichte ausgesetzt gewesen und forderte bei der 
Intensität seiner Nachdunkehmg zu einer genaueren Untersuchung der 
hier obwaltenden feineren Verhältnisse und Gesetzmässigkeiten heraus. 
Bei oberflächlicher Betrachtung mit der Lupe traten, als Hauptursache 
der besonders strichweise stark .bräunlichen Färbung, die zahlreich 
über den Körper verbreiteten Hautdrüsen hervor, welche überall als 
schwarz- Ins rothbraune Punkte erschienen; übrigens schien wenigstens 
ein Theil der Färbung seinen Sitz in den tieferen Körper- bez. Fleisch- 
schichten zu haben, was die nachfolgende Untersuchung auch bestä- 
tigen sollte. 

Das Princip, welches mich hei der genaueren Beobachtung gerade 
dieses Objects leitete, war folgendes. Schon früher war nachgewiesen 
worden, dass jene bräunlichen oder schwärzlichen, im Körper der 
Vertebraten entstehenden und allgemein verbreiteten Pigmente, be- 
sonders das Melanin, eisenhaltig seien. Physiologisch glaubte man 
dies mit der Entstehung jener Stoffe (sowie auch der Gallenpigmente) 
aus zersetzten Blutkörperchen in Verbindung bringen zu sollen." Nun 
hatte sich der Proteus als ein Thier bekannt gemacht, welches, für 
gewöhnlich bleich, unter den Einwirkungen des Lichtes verhältniss- 
mässig schnell jene Ha.utdunkelungen erkennen lässt, die aller Wahr- 
scheinlichkeit nach auch nur von der nachträglichen Bildung und 
Ablagerung organischer Farbstoffe der eben erwähnten Art herrühren 
konnten. Andererseits hatten nun abier meine histologischen Unter- 
suchungen ergeben, dass sich im Körper des normal lebenden Proteus, 
besonders den central gelegenen Organen desselben, also den Einge- 
weiden, besonders Leber, Milz und Darm, aber auch im Skelette, 



1 Friks. Mittheilungen aus dem Gebiete der Dunkelfauna. S. 5. 

2 Verel. Abhandl. der Akad. a. a. 0. S. 6. 



Schneider: Eisenaufnahme in <len Körper des Proteus. HS 1 .) 

eine auffallend bedeutende Quantität Eisen aufzuspeichern pflegt, 
dass also ausser dem Eisen der Blutkörperchen hier meist noch ein 
wesentlicher Überschuss vorliegt, über dessen Bedeutung, Verbleib 
und fernere Verwerthung, besonders unter geänderten Lebensbedin- 
gungen, man sehr zweifelhaft sein konnte. Hingegen hatten sieh 
die peripherischen Körpertheile , d. h. besonders Haut- und Muskel- 
system, bei den bisher untersuchten, der natürlichen Fundstätte 
direct entnommenen Exemplaren als ziemlieh eisenfrei ergeben. 1 

Diese Thatsachen, zusammengehalten, legten mir den Gedanken 
nahe, dass jene Hautdunkelungen mit der Ablagerung oder Aus- 
scheidung von Eisenverbindungen in directem oder indirectem Zu- 
sammenhange stehen möchten. Schon die zunächst nur behufs ober- 
flächlicher Prüfung an den verschiedensten Körpertheilen vor- 
genommenen Untersuchungen sollten diese Vermuthung liestätigen. 
Bei probeweiser Behandlung einzelner grösserer Stücke und Korper- 
abschnitte mit Ferrocyankalium und Salzsäure erfolgte nicht nur sofort 
eine meist intensive Bläuung der ganzen Hautschichten , welche sich 
noch ein gut Stück in die tieferen Lagen hinein erstreckte, sondern 
es traten auch ganz besonders die vorher bräunlichen Hautdrüsen als 
tiefblaue Punkte hervor. Die lichtorangefarben erscheinenden Rumpf- 
muskelschichten, besonders die nach innen zu gelagerten, behielten 
ihre Naturfarbe bei, während die vorher farblosen Bindegewebshäute 
der inneren Rumpfhöhle, des Gaumens u. s. w. sich ebenfalls lebhaft 
bläuten. 

Die feinere histologische Untersuchung nun. welcher eine grosse 
Zahl von Dünnschnitten durch alle wichtigeren Organ- und Gewebe- 
theile zugrunde gelegt wurde, ergab zunächst auch an diesem Exem- 
plare eine Reihe von Bestätigungen der schon vorher von mir be- 
obachteten Verhältnisse. So war auch hier wieder jene für den 
Proteus so charakteristische Eisenresorption im ganzen Skelett- 
systeme zu verfolgen, insbesondere in der eigentlichen faserigen 
Knochengrundsubstanz, sehr stark auch wieder in den Zähnen 
unter kräftigster Anhäufung in den Spitzen derselben (Fig. 9), wobei 
aber gerade an diesen Organen deutlich zu erkennen war, dass der 
ursprüngliche Sitz der Resorption ein tieferer ist und dieselbe schon 
vorher den papillären Anlagen zukommt,' von da aus sich dann 



1 Dass speciel) den Hautdrüsen jener ihrem natürlichen Aufenthaltsorte direct 

entstammenden Thiere die Eisenresorption fehlte, habe ich besonders hervorgehoben. 
A. a. O. S. 51. 

2 Ich habe inzwischen diese Erscheinung als für alle Amphibien und Fische 
gesetzmässig nachgewiesen, als im offenbaren Zusammenhange stehend mit dem Wasser- 
aufenthalte dieser Thiere. Vergl. Humboldt, Bd. VIII, Heft 9, Verbreitung und 



890 Sitzung der phys.-math. Classe v. 17. Juli. — Mittheilung v. 28. Nov. 1889. 

während der weiteren Entwickelung besonders den Zahnkronen mit- 
theilend. Wenn irgend etwas, so scheint mir diese Thatsache dafür 
zu sprechen, dass dem Eisen an gewissen Theilen des Thierkörpers 
die Function eines irgendwie schützenden oder festigenden Momentes 
zufallt. Während also die wirklich ossificirten Partieen überall eisen- 
haltig waren (Figg. 8 und 9), zeigten hingegen die inneren knor- 
peligen Lagen nur geringe Spuren davon, und konnte ich besonders 
jene scharfe Eisenresorption in den Kernen der Hyalinknorpelzellen 
hier nicht nachweisen. 1 Die ganze Ablagerung macht also, im Gegen- 
satze zu den früher untersuchten Exemplaren, soweit zunächst das 
Skelet in Frage kam, den Eindruck einer mehr in die peripherischen 
Lagen concentrirten. 

Die Leber, welche ich ja allgemein als ein hervorragendes 
Centralspeicherorgan für das im Körper assimilirte und weiter zu 
verwerthende Eisen nachgewiesen habe, zeigte auch hier kräftige Ab- 
lagerungen , welche in gleichförmiger Vertheilung der gesammten 
bindegewebigen Grundlage des Organes zukamen, aber sich auch 
wieder ganz besonders in jenen dunkelfarbigen Massen concentrirten, 
die keineswegs, wie Leydig meint, blosse Pigmenthaufen sind, sondern 
sich zu einem grossen Theile aus eisenoxydreichen Bestandteilen 
zusammensetzen. 2 In den Kernen und Plasmen der secernirenden 
Zellen hingegen waren keine bemerkenswerthcn Resorptionen vorhanden. 
In der Milz waren es ebenfalls wesentlich die bindegewebigen Theile, 
die Trabekeln, das feinere netzartige Fachwerk und theilweise die 
Malpighischen Körper, welche Eisengehalt zeigten. Die Resorptionen 
in den verschiedenen Partien des Tractus waren - im Vergleiche 
mit den früher beobachteten und abgebildeten 3 — als ziemlich schwach 
zu bezeichnen, ein offenbarer Beweis dafür, dass diesem Organe, 



Bedeutung des Eisens im animalischen Organismus. S. 6 und 7 separ. — Natur- 
wissenschaftliche Rundschau. IV. Jahrg. Nr. 43. das Eisen im Körper meer- 
bewohnender Thiere, S. 546. — 

1 A. a. O. Tat. 111 .Fig. 9. 

- Ich hatte in meiner früheren Arbeit diese Eisenanhänfungen als Cumuli be- 
zeichnet. Vergl. a. a. 0. S. 42. An weiteren jüngster Zeit untersuchten und frisch 
getödteten Proteus- Exemplaren konnte ich nachweisen, dass sich bei der Bildung dieser 
Cumuli sehr wesentlich Massen von Blutkörperchen, die ja hier beim Proteus 
auffällig gross sind, betheiligen, meist in schon mehr oder minder zersetztem und 
verödetem Zustande, zuweilen aber auch als solche erkennbar und auch dann mit 
deutlichem, direct nachweisbarem Eisengehalte und /war im Kerne, vergl. Figg. j 
und 4. Taf. 11. Das Haematin derselben war insofern schon einer gewissen künstlichen 
Zersetzung anheimgefallen, als die Objecte vorher behufs Härtung mit Chromsäure 
behandelt worden waren. Jedenfalls weisen auch diese Thatsachen von neuem darauf 
hin, dass, wie ich schon damals betonte, die Blutkörperchen in der Leber am ehesten 
geeignet sind, über Natur und Form ihres Eisengehaltes Aufschluss zu geben. 

3 A. a. O. Taf. III, Figg. 8 und 11. 



Schneider: Eisenaufnahme in den Körper des Proteus. 891 

welches doch die im Körper weiterhin verwendeten Eisenmassen zu- 
erst aufzunehmen hat, in vorliegendem Falle schon lange Zeit hindurch 
keine Gelegenheit mehr geboten war. Eisen in erheblicheren Mengen 
zu resorbiren. In der That hatte das hier behandelte Thier im 
Berliner Aquarium gewöhnliches, eisenarmes Wasser zum Aufenthalte 
gehabt und die übrigens im Körper vorhandenen, zum Theil so ausser- 
ordentlich starken Eisenmengen offenbar schon aus seiner Heimath 
mitgebracht. Die geringen Resorptionen im Darme beschränkten sich 
auf die submukösen und serösen, also wieder die vorherrschend 
bindegewebigen Schichten. Überhaupt war es unverkennbar, dass 
alle in den eben aufgeführten, mehr central gelagerten Organen deut- 
lichen Eisenresorptionen an Intensität und Ausdehnung weit zurück- 
standen hinter jenen, wie ich sie früher in den entsprechenden Körper- 
theilen beobachten konnte. 

Das gerade Gegenstück da/u aber lieferten die peripherischen, 
die eigentlichen Rumpfwandungen bildenden Partien dieses Olmes. 
Es wurden nun die verschiedensten Körperstücke , vom Kopf bis zur 
Caudalgegend hin, meist auf Querschnitten , einer eingehenden Prüfung 
unterzogen, also derart, dass die Gesammtmuskulatur , das Skelett- 
und Hautsystem im Zusammenhange übersehen und auf ihre gemein- 
same Beziehung zu der hier vorliegenden starken Eisenresorption 
untersucht werden konnten. Das hierbei zu Tage getretene Resultat 
dürfte den Prolins in histologischer Beziehung noch beachtenswerther 
erscheinen lassen als schon bisher. 

Vom Skelettsysteme aus. dessen Eisenablagerung schon vorhin 
erörtert, waren die grossen Ligamenta intermuscularia, gewisser- 
maassen als strahlenförmige Ausläufer des vertebralen Centrums, als 
eisenhaltig zu verfolgen (Fig. 8). Dieselbe Figur gibt das Gesammt- 
bild eines solchen Querschnittes und lässt die hier geschilderten Resorp- 
tionsverhältnisse im Zusammenhange übersehen. Von da aus erstreckt, 
sich die Eisenresorption in die feineren bindegewebigen Auskleidungen 
der Muskelfascien und -Elemente, und zwar eben so gut in Perimysium 
wie Sarkolemma. Wie man aus jener Figur ersieht, findet sich die 
Haupteoncentration zwischen den peripherisch gelagerten Muskelfasern. 
Die Ergebnisse der feineren histologischen Untersuchung sind in den 
Figg. 3 und 4 der Tafel zur Anschauung gebracht. Fig. 3 stellt einen 
Längsschnitt durch solche mehr oberflächlich gelagerte Muskidpartie 
vor. Man sieht hier, dass die fibrillären Bindegewebselemente 
selbst . welche zwischen den einzelnen Muskelcylindern sieh hinziehen, 
die Träger <\<-v Eisem*esorption sind. Fig. 4 gibt einen diesbezüglichen 
Querschnitt, welcher erkennen lässt, dass die Umhüllung der Muskel- 
elemente durch das eisenhaltige Bindegewebe eine vollständige ist, also 
Sitzungsberichte 1890. 7ti 



892 Sitzung der phys.-math. Clässe v. 17. Juli. - Mittheilung v. 28. Nbv.1889. 

der Eisengehalt des Letzteren hiev zwischen die feinsten Fugen ein- 
dringt. Die stärker vei'grösserte Fig. 3 zeigt, dass ausser den Fi- 
brillen alu-r aneh die Bindegewebskörper in gleichem Maasse bei 
der Resorption betheiligl sind, was übrigens auch ans Fig. 6 ersichtlich 
ist. Dabei scheint das einzelne hier in Frage kommende Bindegewebs- 
körperchen das Eisen wesentlich in seiner äusseren Schicht zu ent- 
halten, da die fein granulären hihaltstheilchen mit mehr graulicher 
Farbe durchschimmern. 

Noch eine andere Erscheinung geht aus Fig. 5 hervor: dass 
nämlich auch die Kerne der (hier im Schrägschnitte dargestellten) 
Muskelelemente selbst von der Eisenresorption getroffen sein können. 
Dieser auffällige Befund ergab sieh hier mehrfach innerhalb der an 
der äussersten Peripherie, also direct unter den Hautlagen, sitzenden 
Muskelgruppen , zumal da, wo die Eisenablagerung in die betheiligten 
Bindegewebsschichten eine besonders kräftige war. Die eisenhaltigen 
Muskelzellkerne finden sich auch, wie aus der Figur hervorgeht, mit 
Vorliehe an Stellen, wo stark eisenhaltige Bindegewebselemente , be- 
sonders Bindegewebskörper, unmittelbar angrenzen. Es steht dies 
in einem gewissen Widerspruche zu der im übrigen von mir als 
allgemeines Gesetz hingestellten Thatsache, dass die eigentlichen 
Muskel- (und Nerven-) Elemente von der Eisenresorption nicht be- 
rührt zu werden pflegen. 1 Denselben Fall hatte ich übrigens an der 
Muskulatur der schon früher untersuchten Proteus -Exemplare ver- 
einzelt beobachtet, stellte ihn aber damals noch als zweifelhaft hin." 
Jedenfalls seheint er etwas A.ussergewöhnliches und Seltenes zu sein 
und nur bei so ausnahmsweise intensiver Eisenaufnahme. wie sie 
hier ja vorliegt, denkbar, denn ich muss auch nach meinen weiteren 
umfangreichen Untersuchungen über die Muskulatur jenes Grundgesetz 
vollkommen aufrecht erhalten. Immerhin ist es bezeichnend, dass 
es gerade wieder die Nuclei sind, welche auch hier die Neigung zur 
Resorption bekunden. 

Fig. 6 stellt ein Stück der bindegewebigen Membran dar. welche 
die gesammte Rumpfhöhle innerlich auskleidet. Ix 1 /., der Körper- 
muskulatur gegen die Eingeweide eine Art Ä.bschluss gibt. Dieselbe 
gewährte, an den verschiedensten Stellen untersucht, überall dasselbe 
Bild wie hier. Man sieht hier zwischen die zahlreichen, in bestimmter 
Richtung verlaufenden, eisenhaltigen Bindegewebskörper Hohlräume, dem 
Lymphcapillarsysteme angehörig, eindringen . deren Lymphkörperchen 
zum grösseren Theile ebenfalls deutliehen Eisengehalt verrathen. Die 



1 Vergl. a. a. 1 >. S. 58, sowie Humboldt Bd. VIII, Hefl 9, S. 2 separ. 
1 A. a. 0. S. 42, Anm. 2. 



Schneide] i isenaufnahme in den Körper des Protei 893 

nahe genetische Beziehung /.wischen interstitiellem Bindegewehe und 
Lymphsystem wird wohl kaum noch bezweifelt, und die bei dieser 
Gelegenheil ermittelte Thatsache, dass Bindegewebs- und Lymphzell- 
elemente hier, in unmittelbarem Nebeneinander, gleichen Eisengehall 
besitzen, dürfte diese Anschauungen vollends stützen. Leydig spricht 
sieh gei'adezu dahin aus. dass die verzweigten Zellen der Binde- 
substanz sich unmittelbar zu den Capillaren der Blut- und Lymph- 
gefässe fortzubilden vermögen, oder dass die feinsten Gefässe nur 
für entwickelte Bindegewebskörper angesehen werden könnten. 1 Bei 
n völligen ineinander übergehen des Lymph- und Bindegewebs- 
systems erscheint einerseits die mein- und mehr als durchaus gesetz- 
mässig und allgemein hervortretende Rolle, welche das Eisen in letzterem 
spielt, sehr verständlich, andererseits wird aber auch, wie mir scheint, 
die Bedeutung des Eisens im Blute, eine immer mich viel um- 
strittene Frage, in ein eigenes Licht gesetzt. .Meines Wissens sind 
dies die ersten Beobachtungen, bez. bildlichen Darstellungen von einem 
directen Nachweise des Eisens in den mich unzersetzten , mikroskopisch 
erkennbaren blutbildenden Zellelementen, und zwar des Eisens in 
unverkennbar oxydischer Verbindungsform. 2 Eisenhaltige Lymphzellen 
sind auch in Fig. i. welche einen IlauHlachschnitt . von oben gesehen, 
darstellt, zwischen den Drüsen zu erkennen. 

Die ausgesprochen zellig entwickelten Bindegewebseiemente , wie 
sie sieli besonders im dorsalen und ventralen Abschnitte des Rumpfes, 
gewissermaassen als obere und unlere Ausläufer der skeletogenen 
Bögen, linden und allmählich in die Bindegewebslagen der Cutis 
verlaufen (Vergl. Fig. *). zeigten ihren EisengehaH wieder regel- 
mässig in den wandständigen Kernen concentrirt, während Plasma 
und Membran frei erschienen. An den Grenzen dieses blasig -maschigen 
Zellgewebes, wo noch fibrilläre Elemente und Bindegewebskörperchen 
den Übergang vermitteln, konnte man den Gegensatz zwischen den 
letzteren Formen und den kernhaltie'en .Zellelementen in ihrer beider- 



1 Leydig, Histologie S. 27 und ebenda S. 37. 

- Ich habe analöge Erscheinungen im vergangenen Frühjahre im zahlreichen 

Pelobates- und Bnfolarven beobacht I dieselben kurz berührt in meiner AI 

hing, Humboldt a. a. O. S. 3 separ. Interessant war es, dass hier wieder ausschliess- 
lich dir Kerne '1er Lymphz.ellen in scharf begrenzter Weise das Eisen in sich 
führten. Vergl. Fig. 5 Taf. IL Ich nniss aber hinzubemerken, dass hier die Reaction 
deutlich und praecise nur an vorher durch Chromessig gehärteten Exemplaren 
hervortrat und dann auf Dünn- und Hautabschnitten zu verfolgen war. Das Eisen 
wurde also offenbar durch die Wirkung der Chromsäure erst für die Ferroeyankalium- 

Reaction völlig zugänglich gemacht. Dieses Mi nl Rillt aber für das in 1 

Arbeit behandelte Object, den Proteus, fort, du hii glichen Körpertheile nicht 

mit Chromessig behandelt worden waren, sondern mir der Wirkung des Weing 

itzt, 

7Ü* 



894 Sitzung der phys.-math. Classe v. 17.Juli. — Mittheilung v. 28.Nov.1889. 

seitigen Beziehung zur Eisenresorption recht scharf erkennen, wie 
dies auch in Fig. 7 besonders dargestellt ist. 

Was die eigentlichen Hautschichten betrifft, so fallen bei vor- 
liegendem Proteus, ausser einer ebenfalls vorhandenen und nach dein 
Vorausgeschickten auch eigentlich .selbstverständlichen Eisenresorption 
im cutanen Bindegewebsnetze , zwei weitere Erscheinungen ungemein 
auf: erstlich eine ganz gleichmässige Resorption in den Kernen der 
Hautdrüsenzellen und zweitens eine solche in den sä mint liehen 
Zillen der Epidermisschicht, welche auf diese Weise eine förm- 
liche Eisenhülle um den Körper des Thieres bildet. Diese letztere 
Resorption, also die an der äussersten Körperperipherie vorhandene. 
stellte sieh als die bei weitem intensivste unter allen hier nach- 
gewiesenen heraus; die Eisenconcentration in der äussersten Haut- 
decke war gelegentlich eine so starke, dass solche Körperabschnitte 
auf der Oberfläche nach Vornahme der Ferrocyankalium-Reaction eher 
schwarz als blau erschienen. In dem Gesammtquerschnitte. Fig. 8, 
sind diese Verhältnisse im kleineren Maassstabe zu übersehen. Fig. 1 
zeigt ein solches Stück Haut im Flachschnitte. Es treten hier die, 
von oben gesehen, unregelmässig rundlich erscheinenden Drüsen mit 
ihren eisenhaltigen Zellkernen deutlich hervor, zwischen und über 
ihnen die theilweise noch dicht angehäuften Epidermiszellen mit 
ihrem kräftigen Eisengehalte (theilweise sind die letzteren entfernt). 
Fig. 2 gibt dieselben Hautresorptionen noch übersichtlicher im Quer- 
schnitte. Es Hess sich nun mit Hülfe solcher Praeparate an vielen 
Stillen erkennen, dass besonders an den Drüsenmündungen, also in 
dem Drüsenhalse selbst und den unmittelbar denselben umgebenden 
Epidermislagen ganz besonders massige Eisenanhäufungen stattgefunden 
hatten. Es war hier also offenbar eine starke Ausscheidung eisen- 
haltigen Drüsensecretes vor sich gegangen, welche sich, zum grossen 
Theile wenigstens, dem Epidermisgewebe mitgetheilt hatte und hier, 
in fixirter Form, zum Ausdrucke kam. Demnach war eine nahe Be- 
ziehung zwischen der Resorption in den Hautdrüsen und der in der 
obersten Hautlage unverkennbar: diese eigentümliche Eisenauflagerung 
wird wesentlich der Thätigkeit der Secretion zuzuschreiben sein. Aus 
derselben Figur ersieht man. dass bei diesem Ohne sich in der That 
während seines Aufenthaltes am Tageslichte auch wirkliche, meist 
strahlig verästelte Pigmentzellen entwickelt hatten, innerhalb deren 
ein Eisengehalt nicht direct zu erkennen war. Indessen waren die- 
selben immerhin so spärlich und der organische Farbstoff so matt 
(meist lielit bräunlieh), dass die ausserordentlich starke Xaehdunkelung 
der Haut, wie sie gerade dieses Exemplar aufzuweisen hatte, gar 
nicht oder nur in sehr unbedeutendem Maasse dadurch beeinllusst 



Schneider: Eisenanfhahme in den Körper des Proteus. 895 

oder bedingt worden sein konnte. Vielmehr stellten sich gerade die 
am intensivsten gedunkelten Körperstelleh und Körperstriche als die- 
selben heraus, welche nachher die tiefste Bläuung, also die mächtigste 
Eisenablagerung, erkennen Hessen, d. h. die Hautdrüsen, die Epidermis- 
lagen oder besonders stark von Eisenoxyd durchsetzte Pallien im 
cutanen, bez. subcutanen Bindegewebe. 

Es resultiren sonach ans dem Verfolge dieser Einzelerscheinungen 
vor allem folgende zwei Thatsachen. 

Erstlich: der Haupteisengehalt, der bei den bisher untersuchten. 
ihrer normalen Wohnstätte direct entnommenen Proteus- Exemplaren 
sich immer mehr in den tieferen Organen, den Eingeweiden, den 
centralen .Skelettheilen u. s. w. concentrirt gefunden hatte, war hier, 
dem Verlaufe des Gesammtbindegewebes folgend, mehr in die peri- 
pherischen Körpertheile und Gewebschichten verlegt, speciell in die 
äusseren (besonders intermuskulären) Bindegewebe und die Hautdecke. 
Die Tendenz, das überschüssige Eisen sogar auf dem Wege der Secretion 
nach aussen hin abzustossen, ergab sich aus dem histochemischen 
Verhalten der Hautdrüsen und der Epidermiszellen. Diese Wanderung 
des Eisens im centrifugalen Sinne, wie ich es geradezu nennen möchte, 
wird aus der Übersichtsfigur 8, einigermaassen deutlich hervorgehen. 
Es liegt nahe, diesen gegen frühere Beobachtungen abweichenden 
Befund mit den geänderten Lebensbedingungen, denen dieses Thier 
ausgesetzt gewesen war, in ursächlichen Zusammenhang zu bringen. 

Zweitens: die starke Nachdunkelung des äusseren Körpers rührte 
nur zu sehr geringem Theile von abgelagertem, organischem Pigmente 
her. vielmehr der Hauptsache nach von den in die peripherischen 
Schichten concentrirten und hier eine dunklere Färbung hervorbrin- 
genden Eisenmengen. 

Ob sich bei allen Olmen, welche gezwungen werden, längere 
Zeit in gewöhnlichem Wasser und unter dem Einflüsse des Lichtes 
zu leben, jene auffällige Translocation des immer mehr oder minder 
bedeutenden Eisengehaltes aus den mehr centralen Körpertheilen in 
die mehr peripherischen vollzieht, mag vorläufig dahingestellt bleiben. 
Andererseits scheint es mir. mich vorliegenden Analogien zu schliessen, 
ebenso festzustehen, da.ss auch unter ihren normalen Bedingungen 
lebende Ohne wenigstens jene histologisch so merkwürdige Haut- 
resorption besitzen können. So glaube ich bestimmt, dass jene eigen- 
thümlichen Dunkelpunktirungen und Nuancirungen, von Fitzixc.eu bei 
Aufstellung seiner verschiedenen i¥ofe«s-Subspecies, welche wohl nur 
als Localvarietäten aufgefasst werden können, angeführt und zu deren 
feinerer Unterscheidung herangezogen, — zum Theil wenigstens der 
Gegenwart und typischen Ablagerung des Eisenoxydes zuzuschreiben 



896 Sitzung der phys.-math. Classe v. 17. Juli. — Mittheilung v. 28. Nov. 1889. 

sind. 1 So ist nach jenem Forscher die Körperfärbnng von Vr. Zoisii 
durch sehr kleine, hochrothe Punkte ausgezeichnet, die von Pr. 
xanthostictus durch kleine unregelmässige schmutziggelbe Flecke, von 
l'r. Schreibersii durch sehr zahlreiche und kleine röthlichweisse Punkte. 2 
Dass bei einem so vollkommen subterran angepassten Thiere rein 
organische PigmentablagerungeD derart verbreitet sein sollten, erscheint 
wenig glaubhaft; alle jene. Farbennuancen stimmen mit denen aus- 
geschiedener oxydischer Eisenverbindungen sehr wohl überein. 3 

Von schon anderwärts hervorgehobenen allgemeinen Gesetzmässig- 
keiten, wie solche sich auch hier wieder in recht handgreiflicher Weise 
geltend machten, erwähne ich die Bedeutung der Nuclei als Haupt- 
träger bez. -Speicher der resorbirten Eisenmengen. Aus ver- 
schiedenen der beigefügten Figuren geht diese Beziehung der Kerne 
zu Plasmen und Gesammtgewebe unverkennbar hervor und bestätigl 
ihrerseits von neuem die schon früher von mir gezogenen Schlüsse 
hinsichtlich der histochemischen Bedeutung des Zellkernes 
ü berhaupt. 4 

Dass sich jenes grosse allgemeine Gesetz von der vorherr- 
schenden Eisenablagerung in den Bindegewebsarten, welches 
ich an anderen zahlreichen Thieribrmen nachgewiesen und schon 
ausführlich behandelt habe, 5 auch an diesem Objecte bestätigt findet, 
ergibt sich ohne weiteres. Gerade hier stellt das System der Binde- 
substanzen, von den centralen Knochenelementen der Golumna bis 
zu den Grenzen der Gutisschichte, ein förmliches, den Köper durch- 
fechtendes Eisennetz dar. 

Auch jene drei wohl zu unterscheidenden Resorptionsstadien, 
welche sich in den verschiedenen Körperorganen und -geweben be- 
merkbar machen und gleichzeitig den Hauptabschnitten im Verlaufe 
des physiologischen Stoffwechsels entsprechen , treten hier scharf her- 
vor: die Resorption im engeren .Sinne, d. h. Eisenaufnahme und 
erste Assimilation, in Darm- und Leberzellen, — die Accumulation 



1 Fitzinger, Proteus anguineus, Sitzungsber. der Wiener Akademie. V. 1S50. 

2 Di-. E. Zeixer in Winnenthal hall in einem Gartenbassin Oline, also schon 
■ /eil drin Lichte ausgesetzt, wobei auch einige Larven aus den Eiern gezüchtet 

wurden. Bei diesen waren interessanterweise die Augen als kleine schwarze Punkte 
sichtbar, ein unzweifelhafter Rückschlag, und gleichzeitig die Ihm! mit kleinen 
bräunlich-grauen Punkten dicht besäet, — was ich auch wesentlich auf 
Rechnung einer peripherischen Eisenanhäufung setzen möchte. 

' Überhaupt verdienen die sogenannten Hautpigmente auch bei anderen Thieren 
auf diesen Gesichtspunkt hin uoch eingehender untersucht zu werden, da ich auch 
bei Fischen, z.B. Colitis, Anyuilla, Petromyzon, gelegentlieh starken Eisengehalt der 
dunkelfarbigen Haiitzelllagen beobachtet leihe. Vergl. Abhandl. der Akadem. a. a. 0. S. 36. 

1 Vergl. a. a. ( >. S. 57 sowie Humboldt a. a. < >. S. 1 separ. 
\ ergl. 11 11 mlmld t a.a. 0. S. 2 und Naturwissenschaft!. Rundschau a.a.O. 



Sitzwigsber. d. Berl.Akad a 



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Schneider: Eisenaufnahme in den Körper des Proteus. 897 

oder eigentliche stabile Aufspeicherang in den Bindegeweben (und 
Blutzellelementen), — die Secretion, A.bscheidung überschüssiger 
Eisenmengen, in Hautdrüsen und Epidermis. 1 



Humboldt a. a. 0. S. 7 und 8. 



Tafelerklärnng. 

Fig. 1. Haut des Proteus^ von oben gesehen (— °). 

Fig. 2. Haut im Querschnitte (— ). 

Fig. 3. Muskelbünde] im Längsschnitte; zwischen den Cylindern die 
eisenhaltigen Bindegewebsfibrillen ( — ). 

Fig.4. Muskelbünde] im Querschnitte (— ). 

Fig. 3. Ein gleiches im Schrägschnitte; eisenhaltige Bindegewebskörper 
und Muskelzellkerne (cc. — Y 

Fig. 6. Bindehaut aus der Rumpf höhle; eisenhaltige Bindegewebskörper 
und Lymphkörperchen ( '"" ). 

Fig. 7. Bindegewebszellen aus dem dorsalen Körperabschnitt (cc, - ) 

Fig. 8. Querschnitt durch die ganze Caudalregion des Proteus (——)• 

Fig. 9. Querschnitt durch den Gaumenthei] mit zwei Zähnen (" "'). 

Fig. in. Querschnitt eines Blutgefässes aus der Leber von einem anderen, 
frischgetödteten Proteus: Blutkörperchen mit eisenhaltigen Kernen ( 1 

Fig. 11. Zwei isolirte Blutkörperchen (cc. 

Fig. 12. Lymphgefässstück aus der Haut einer Pelobateslarve : Lymph- 
körperchen mit eisenhaltigen Kernen und eisenhaltige Bindegewebskörper 

(cc. :). 



Ausgegeben am '24. .Tuli. 



899 
1890. 

XXXVII. 

SITZUNGSBERICHTE 

DER 

KÖNIGLICH PREÜSSIS( 'I IEN 

AKADEMIE DER WISSENS! HAFTEN 

ZU BERLIN. 

17. Juli. Sitzung der philosophisch -historischen Classe. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Curtius. 

Hr. Weber las über die Griechen in Indien. 
Die Mittheilung erfolgt umstellend. 



901 



Die Griechen in Indien. 

Von Albr. Weber. 



L/as Nachstehende bezweckt nur eine cursorische Übersicht zu geben 
filier das, was theils von sicheren Daten, theils von mein- oder weniger 
plausiblen Vermuthungen aus indischen Quellen über Stelluni;' und 
Einfluss der Griechen in Indien vorliegt. 

Die Inder benennen die Griechen mit dem im Orient (cf. die 
Hebräer, Syrer, Araber und die altpersischen Keilschriften) allgemein 
für sie üblichen Namen der Ionier: Yavana, und zwar haben sie 
diesen Namen 1 zunächst wohl von den Persern entlehnt, sei es schon 
damals, wo sie, nach Herodot's Zeugniss, als persische Hülfstruppen 
an den Perserkriegen gegen die Griechen theilnahmen, oder sei es 
erst später, als Alexander, bei seinem Einfall in Indien, sieh ver- 
muthlich wohl iranischer Dolmetscher zu dem Verkehr mit den in- 
dischen Fürsten etc. bediente 2 . 

Die älteste Erwähnung des Namens in einem indischen Werke 
ist bis jetzt, wenn man nämlich die übliche Annahme über das Zeit- 
alter Pänini's, als um den Beginn des dritten Jahrhunderts v. Chr. 
zu setzen, theilt. die bei diesem Grammatiker vorhegende, der uns 
daraus (4. 1. 4.9) das Wort yavauäni. dem värtt. nach zur Bezeichnung 
der Schrift »lipi« der Yavana. bilden lehrt. — Chronologisch fest 
lixirt sodann ist deren Erwähnung in dem dreizehnten Edicte des 



1 von den Griechen ist darin der Name Yavana mit' ihre ebenfalls fremd- 
sprachigen Nachfolger im nordwestlichen Indien, die Indoskythen, von diesen dann 
weiter auf die Parther und Perser (Arsaciden und Sassaniden), danach auf die Araber, 
resp. Moslims, schliesslich auch auf die Europäer übergegangen. — Lassen's An- 
nahme (Ind. A. K. 1, 729. 861), dass das Wort schon von alter Zeit her die Araber 
bezeichnet habe, beruht auf keinem stichhaltigen Grunde; darüber sowie übei 
Erklärung des Namens der Inner als "die Jungen« s. das von mir in Knix's Zeitschrift 
5. 221-28 (1856) Bemerkte. 

5 in die eine oder andere Zeit ist denn wohl auch schon die Herübernahme des 

Wortesmudrä, »Siegel«, aus dem Persischen (neup.^o) zu setzen, welches meiner 
Vermuthung nach, ähnlich wie das Porcellan im Englischen: China genannt, wird. 
so seinerseits aus dem altpers. Namen für: Aegypten altp. Mudräya herzuleiten ist, 
s. Häla p. XVII. 449 (1881). 



902 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 17. Juli. 

Piyadasi in der Mitte desselben Jahrhunderts, wo die Yona(Yavana)- 
Könige: Antiyoka. Turamaya, Antigona, Maga 1 als dessen Vasallen, 
so zu sagen, aufgeführt sind. Bekanntlich ist dies überhaupt der 
feste Punkt, um den sich die ältere indische Chronologie nach rück- 
wärts wie vorwärts dreht. 

In einer der verschiedenen Copieen dieser Edicte, der »Khälsi- 
Version«, in welcher dieselben besonders gut erhalten sind, wird hier- 
bei sogar auch der Name Alexander's selbst genannt. Freilich zunächst 
in einer Stellung, welche jedenfalls befremdet, hinter den vier anderen 
Namen nämlich; und sodann in immerhin annoch unsicherer Form. 
Cunningham hat diese Khälsi -Version zuerst publicirt, s. Plate XLI 
seines »Archaeological Survey of India during the years 1862-65« 
1,346(1871); bei meiner Besprechung des Werkes (1873, s. Ind. 
Streifen 3, 195) schlug ich für die betreffende Stelle die Lesung: 
Aliksa(m)dala vor. Nach Bühler's Meinung aber, ZDMG. 40, 128, ist 
vielmehr Alikyashudala zu lesen, was denn freilich sehr sonderbar- 
lich klingt. 

Anderweit liegt der Name Alexander's bis jetzt nur in dem 
Namen der Yona-Stadt Alasaddä, im Mahävanso'" vor, insofern 
darunter wohl die Stadt Alexandria am Indischen Kaukasus zu ver- 
stehen ist. Nach Spence Haedy Manual of Buddhism p. 516 (s. Ind. 
Stud. 3, 121) war Alasandä (so Hardy) die Geburtsstadt des in Sa- 
gala (XocyyocXoc) herrschenden Yona-Königs Milinda (Menander, s. im 
Verlauf) und auch im Eastern Monachism, p. 300, führt Hardy 
den Namen in der Form Alasandä auf. 

Endlich aber möchte ich noch, allerdings nicht mit voller Con- 
fidenz, in anderer Richtung eine Spur des Namens Alexander's suchen, 
die dann aber zugleich auch ein Zeugniss dafür sein würde, welch' 
gewaltigen Eindruck seine jugendliche Heldengestalt auf die Inder 
gemacht hatte. Aus den griechischen Berichten über Alexander's Zug 
ist bekannt, dass seinen Soldaten der Name des indischen Flusses Can- 
drabhägä, bis zu welchem er sie führte, von so übler Vorbedeutung 
erschien — sie fassten denselben als: %otvc>ct,po<{>ct,yog «den Alexander 
verzehrend« auf — dass sie meuterten und ihn zwangen, hier seinen 
Siegeslauf einzustellen und umzukehren. Es ergiebt sich hieraus, dass 
schon damals die später allein für ihn im Orient übrig gebUebene 3 

1 s. Lassen Ind. Altk. 2,241 und von neueren Arbeiten darüber speciell die von 

11. Kern over de Jaartelling van de zuidelijke Buddhisten Amsterdam 1873 und JRAS. 

12, 379 (1880), E. Senakt les inscriptions de Piyadasi (2 voll. 1881. 1886), und G. Bühleb 
ZDMG. 37, 87 fg. 253 fg. 422 fg. 572 fg. 39, 449 fg. 40. i2 7 fg. 41. 1 fg. (1883 : 87). 

2 Ti rnoir p. 171 und Index p. 1 ; der Text auf p. 171 hat °sanna, siehe aber: 
Errata p. XXV). 

3 cf. Skander, Iskender. 



Weber: Die Griechen in Indien. 903 

Namensform ^otvfyog, unter Abtrennung des AAs (etwa weil die im 1 leere 
befindlichen Semiten resp. Araber darin den Artikel: al fanden?) üblich 
war. Und hieran habe ich denn meinerseits eine allerdings wohl etwas 
kühne Vermuthung geknüpft (s. Ind. Streifen 3, 478; 1876). Im Sans- 
krit giebt es eine Wurzel skand »schnellen, springen, überfallen«, 
und das daraus stammende Wort: skanda ist zunächst, in den grihya- 
sütra, der Name eines die Kinder überfallenden Krankheitsdämons 
(bälagraha), im weiteren Verlauf aber der Name des (ewig) jungen 
(kumära) Kriegsgottes. In dieser letztern Verwendung des Wortes 
nun vermutlie ich eine Beziehung auf, resp. eine Reminiscenz an, den 
fremden jugendlichen Melden, der wie ein Kriegsgott in das Land 
eingefallen war 1 . Wie die Griechen in Indien ihren Dionysos, Herakles 
etc. wiederfanden, so können ja wohl auch die Inder in dem sie 
wie ein Dämon überfallenden gewaltigen Ksandra (Skandra), ihren 
bösen Dämon Skanda, wiedergefunden haben, wodurch dann die 
ursprüngliche Bedeutung desselben in einer Weise erweitert und er- 
höht wurde, dass sie vor der neuen Stellung ganz in den Hintergrund 
trat und ihrerseits verlosch. - - In den Atharvaparicishta findet sieh unter 
Nr. 21 ein: Skandayäga, d.i. eine an den kumära Skanda gerich- 
tete Ceremonie, die dabei zugleich auch als: dhürtakalpa bezeichnet ist. 
und in welcher Skanda speciell eben mit diesem Namen als: dhürta 



1 beiläufig möchte ich hier mich eine anderweite Vermuthung gleicher An 
wagen. Im Zitmyäd - Yasht wird unter den Fürsten, denen der königliche Glanz in 
voller Fülle zu Theil ward, als Letzter KereQäQpa (der indische Kri<;äcva), und als 
Letzte Heldenthat desselben die Besiegung des Qnävidhaka »Sehnenspalter« (§43.44) 
aufgeführt. Von Diesem aber heisst es, nachdem er als: crvöjana »mit Hörnern (oder: 
Klauen) tödtend« und aeahho-gava »steinerne Hände habend« bezeichnet ist: 

»er brüstete sich: ich hin unvolljährig, nicht volljährig. Wenn ich voll 
jährig wäre, würde ich die Erde zum Rade machen, den Himmel zum Wagen. Ich 
würde herabholen den Cpeütö - mainyu ans dem glänzenden Himmel (garo omäna, 
Orl des Lobgesanges, gir), ich würde heraufholen den Anro-mainyu ans dem argen 
Dunkel (duzaka). Beide würde ich an meinen Wagen spannen, den Qpentö mainyu 
und den Aiin'i(m.|. wenn mich nicht vorher tödten sollte der männlich gesinnte Kere- 
cäcpa. .Miichtc ihn doch tödten (Conjunctiv, jan.it) der männlich gesinnte Kerocäcpa 

durch Beseitigung des Lebens, Zerschneidung der Lebenskraft«. 

Ich meine, dass wir auch hier unter diesem noch nicht volljährigen und 
doch sehen so übergewaltigen und ruchlosen Bedränger ebenfalls den jugendlichen 
Alexander zu verstehen haben, und zwar lässt sich der Schlusspassus geradezu so 

lassen, als oli er noch während dessen Lebzeiten abgefasst sei. und den StOSS- 
seuf'zer eines durch ihn in seinem Gemüthe schwer bedrückten ätarvan enthalte, der dem 
gewaltigen Feinde seines Landes und Glaubens ein baldiges Ende wünscht! vgl. 
meine ähnliche Vermuthung in Bezug auf die Kr recä 11 i - Stelle V.-icna 9,75, in 
den Ind. Streifen 2.420. 430. — Aus vedischer Zeit möchte ich hier übrigens mich 
als einen zu göttlicher Symbolik, resp. Würde gelangten Fürsten den Nada (Nala) 
Naishidha heranziehen. Qatapathabr. 2, 3, 2, 1. 2. der geradezu (neben Indra. und 
Yama stehend) mit dem anvähäryapacana - Feuer identilicirt wird. Käty. it. 4. i) paddh. 
[p. 414, 21] 15, 34 schol. [p. 420, 8], 



-'04 Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 17. Juli. 

»Schelm, Bösewicht« angerufen wird, eine Bezeichnung, die den 
eigentlich bösartigen Charakter dieses Gegenstandes der Verehrung klar 
genug markirt. Dabei wird von ihm im ersten Verse der betreffenden 
Litanei gesagt, dass er «nur weissen Rossen daherfahre« : yam vahanti 
hayäb cvetä nityayuktä manojaväh| tarn aham cvetasamnaham dhür- 
tam ävahayämy aham||. Und hierin möchte ich denn in der That 
auch nueh eine wirkliche historische Reminiscenz vermuthen 1 . — Neben 
Skanda erscheint denn nun freilich daselbst (und dies ist ein immerhin 
erschwerender Umstand) sein »Bruder« Yieäkha. der in den 
späteren Berichten über Skanda ganz fehlt oder nur als ein Beiname 
desselben selbst erscheint, in den älteren dagegen noch mehrfach 
neben ihm genannt wird. Und /war geschieht dies bereits an der 
Stelle, wo das Vorkommen beider (resp., wenn wir Kumära an- 
scliliessen, aller drei) Namen überhaupt zuerst historisch gesichert 
ist. als Göttername nämlich auf den Münzen des indoskythischen 
Königs Kanishka (c. 300 — 400 Jahre nach Alexander), wo: ^-/.uvSo 



1 das betreffende paricjshtam ist im Übrigen schon ganz von den kurz gesagt 
epischen Anschauungen vonSkanda als Kriegsgott getragen, uii-l >i ihm die üblichen 
Attribute: shadänana (resp. ashtädacjalocana; jedes der 6 Antlitze also drei äugig, offen- 
Erbe von Rudra) und Kärttikeya, bezieht resp. letztern Namen bereits irrthüm- 
lich (s. Ind. Stud. 1. 263. 13, 346, ZDMG. 27, 194, lud. Streifen 3. 241")) auf dir sechs 
krittikäs (shannäm sutam krittikänäm , krittikäputram). — Der alte Kriegsgott der 
[tider war theils Indra, theils, und vor Allem, resp. aber doch eist in etwas secun- 
därer Entwickelung , Rudra mit seinen Schan Rudra wird sogar auch 

direct: skanda-rüpa genannt, s. Ind. Stud. 2, 44 und Skanda erscheint als Autor 
eines der Rudra -Sprüche des Qatarudriya (Vs. 16, 49). Dir älteste Erwähnung dieser 
Stellung des Rudra als Kriegsgott ist wohl die im Taitt. Ar. X. 1 . 6 wo Mahä,- 
sena und: Shanmukha neben Vakratunda Danti (Ganega), resp. in Verbindung mit 
!\lahäde\ a erscheinen. Ebenso stöhen im Sämavidhänabr. 4. 18. im p. 28 (ed. Burnell, 
s. Ind. Streifen 3, 275) Vinäyaka und Skanda neben einander. — Auch die Beziehung 
des Ki /um Feuer (das ebenso verheerend wirkt, wie der Krieg) ist bereits 

eine alle; cf. Ind. Sind. 17. 180. 271) über das dem Heere als Symbol hierfür voran- 
Kutragende Heeresfeuer (senägni). Die im Yajus-Ritual vorliegende Bezeichnung 
des Feuers als kumära (s. Catap. >'>. 1. 3, S) neben: rudra, sarva((; ), pagupati, ugra, 
ai;,-mi. bhava, maliau de\ a . icana. markirt dasselbe, wohl wegen seiner täglich 
neuen Erzeugung, s. Rik 5, 2, 1.2. als -Kind, Knabe«, resp. wohl als »ewig 
jung« (cf. Sana 1 - kumära 1 und kann ganz wohl auch noch ihrerseits mit dazu hin- 
gewirkt halien. d,iss der jugendliche Kriegsheld Ksandra der Griechen den 

Indern als ein ('nri'ekil ihres Skanda. resp. ihres wie eine FeuersbnMSl dalnn- 
lahrenden Heerführers Rudra erschien. — Die Stellung des Skanda in der Chän- 
)-.. wo er als Schüler eines brähman. Weisen erscheint, ist selbstverständlich eine 
ganz seeundäre; es Liegt darin wohl nur das Bestreben vor, sogar den gewaltigen 
Kriegsgott der Kshatriya als himmfrominen Brähmana- Schüler hinzustellen. — Worauf 
die schon im Taitt. Ar. X. 1. 6 vorliegende Bezeichnung des Mahäsena (Rudra, Skanda) 
als »sechs antlitzig» eigentlich zurückgeht, ist noch unklar: sollte etwa damit das nach 
allen Richtungen, allen: shad urvih, hin sich ausbreitende, alles verzehrende 

Wesen des Feuers (Kriegsfeuers) symbolisirt sein!' (zu shanmatura s. Ind. Stud. 13. 
,17k 



\\ i i;i i: ; Die i kriechen in fndien. 00t» 

KofjMpo Bifeyo* direct zusammen stehen 2 . Oder sollte nichi gerade etwa 
in dieser ihrer Verwendung ein unmittelbares Moinenl für die von mir 
vermuthete Übertragung der Kriegsgotts-Würde von dem jugend- 
lichen (Kumära) Helden Alexander (Skandra) auf den bälagraha 
Skanda zu suchen sein? Was in aller Well Latte Letzterer auf 
diesen Münzen zu suchen?- Aber freilich, wer ist Vicäkha? Die 
Bedeutungen des Wortes: »verästelt, gegabelt«, oder: »astlos«, 
oder: »unter dem Gestirn Vicäkha geboren«, geben hierbei gar keinen 
Anhalt. — Sollte daran etwa der secundäi'-orientalische Name Alexan- 
ders: dhül' qarnain »Herr der beiden Hörner« , worunter in der 
Regel die Herrschaft über den Orienl und den Occidenl verstanden 
wird, irgendwie zu knüpfen sein? 

Auf etwas festerem Boden bewegen wir uns anscheinend bei 
einem Umstände, den ich ebenfalls bereits direel mit Alexander's 
Zuge in Verbindung gebracht habe 3 ; ich meine die Angabe des Apieali, 
eines der von Pänini citirten Lehrer, über die Bildung des Composi- 
tums: Kshaudraka-Mälavi (senä), »Heer der Kshudraka und Mä- 
lava«, O^vfyaxot und MatAAot. Den Nachrichten der Griechen 4 zufolge 
nämlich standen diese beiden Völker einander auf das Feindlichste 
gegenüber, schlössen sieh aber, aus Furcht vor Alexander, zu einem 
Bunde zusammen, so dass nunmehr für ihr gemeinsames Heer 
jener Name erforderlich ward. Ist diese meine Auffassung desselben 
richtig, so ist damit dann zugleich auch für Äpicjali's, resp. Pänini's 
Zeil ein fester Hall gewonnen 5 . 

Was sodann Alexander's Nachfolger, die griechischen Könige 
und Satrapen im nordwestlichen Indien anbelangt, so ist zunächsl die 
bereits erwähnte Aufführung der Namen: Antiyoka (°ga), Turamaya 



1 \. Sam.i i . Die Nachfolger Alexander's, p. 205 (1879). Ind. Streif. 3, 478. 

- ganz ebenso (resp. gleichzeitig mit Kanishka?) im Mahäbhäshya an Pänini 6,1, 
[26, Fol. 90% wo es sich resp. , s. Ind. Stud. 13. 344- 34''. ,inl Bilder des Civa, Skanda 
iiinl Vicäkha handelt, welche von den »goldgierigen Maurya« -Fürsten zum Verkauf 
gestellt wurden, d. i.. meiner Meinung nach, um von ihnen geprägte Goldmünzen 
mit diesen Bildern resp. Emblemen, die sie in den Handelsverkehr bn 
(ibid, p. ;'-i). — Allerdings sind ja, soweit meine Kmntniss reicht, ■•■ titi M-uuya- 
Münzen bis jetzt noch nicht gefunden. Die älteste indische Münze scheint vii 
noch immer die von I. assin. [hd. Alt. K. 2,47 beschriebene Münze des Vg(g)ir 
des Nachfolgers der Maurya, zu sein (s. noch Ind. Streifen 2, 79). 

3 hui. Stud. 13. 373. Akad. Vorl. über ind. L. G. 2 p. 238. 

1 ä. Dkoysen Geschichte Alex. p. 433. Lassen Ind. Altk. 2,11 

6 um nichts zu übergehen, muss ich hier auch noch auf meine freilich unter 

allem Vorbehalt § (s. Ind. Stud. 13.373") "'' "" 

Hinblick auf dir Sauvira-Stadt Dättämitri Demetrias (s. sogleich), untei 
von Pänini selbst (4. 1. 148.150) genannten Sauvira - Namen: Phäntähril 
Mimata, resp. unter dem im Calc. schol. dazu noch genannten: Jamunda, an grie- 
chische Namen, etwa an: PantarchoSj Mimas, Diomedes zu denken sei? 



906 Sitzung der philosophisch- historischen Classe vom 17. Juli. 

(Tula ), Antigona ( c kona), Maga (°ka) in dem dreizehnten Edicte 
des Piyadasi in den Vordergrund zu stellen. 

Von diesen Namen', denen von indischer Seite die beiden Porös 
(Paurava), Sandrokyptos (Candragupta) , Amitrochates (Amitraghäta), 
Sophagasenos (Sauhhagasena), Morieus 2 (Maurya) zur Seite treten, ist 
bis jetzt nur einer, und auch dieser nur auf Grund einer etwas kühnen 
Vermuthung meinerseits 3 , in Indien weiter noch nachweisbar. Tura- 
maya nämlich, der Name des Ptolemaios, ist von mir mit dem Namen 
des: asura Maya, des Baumeisters der Asura, in Verbindung ge- 
bracht wurden, der im zweiten Buch des MBhär. als Freund des 
Königs Yudhishtbira erseheint, und demselben einen Palast baut, 
dessen Wunderwerke allgemein Staunen und Bewunderung erregen. 
In diesem: asura Maya seheint mir nämlich eine volkse'tyinologische 
Aneignung des Namens: Turamava. und in seiner Baukunst ein Bezug 
auf die Bauten der Ptolemäer , resp. die aegyptischen Wunderbauten, 
vorzuliegen 1 . Und zwar tritt hierfür noch ein weiterer Umstand ein. 
Eine zweite Verwendung nämlich des: asura Maya ist die in dem 
gegenwärtigen, freilieh seeundären Text des Sürya-Siddhänta, wo er 
(1,2) als der Vater der indischen Astronomie erseheint"'. Da 
ist es dann freilich nicht mehr der aegyptische König Ptolemaios, 
sondern der griechische Astronom dieses Namens (erste Hälfte des 
2. Jahrh. u. Z.), um den es sich handelt, Aber beide Male ist der- 
selbe Name in Indien durch die gleiche mythische Persönlichkeit 
vertreten. 

Nach den früheren Anschauungen über das Alter des Mahä- 
Bbärata könnte es ja freilich bedenklich erscheinen, darin dem Namen 
lies Ptolemaios begegnen zu wollen. Indessen, davor braucht man 
sich jetzt nicht mehr zu scheuen. Schon Tod hat in dem Namen des 
Vavana-Königs Dattamitra, der darin unmittelbar als am Kampf 



1 in Bezug auf die je darunter zu verstehende Persönlichkeiten s. noch lud. 
Studien ;. 168. 169. 

- bei Nomus; cf. auch Morcheus. 

3 s. lud. Studien 2.243. I" 1 '- Streifen 3,477. 

4 sollten nicht einige der hierbei berichteten Einzelheiten sich geradezu auch 
in diu griechischen Berichten über die Bauten der Ptolemaeer resp. Aegypter, wieder- 
finden? Nu z. B. die Angabe von dem Saal mit dem so wundersam geglätteten spiegel- 
hellen Boden, den Duryodhana deshalb für einen Teich hielt, in den er hineinsprang 
ihm sich darin zu baden, wobei er sich dann arg verstauchte. 

"' s. Verz. der Berl. S. H. [,233. 2 *7- 288; er wird dabei zugleich auch, freilich 
erst im Jnänabhäskara, einein vermuthlich noch späteren Texte, mit Romaka-pura 
(d. i. Alexandrien oder Byzanz), resp. dem Lande der Mlecha in Bezug gesetzt; s. 
noch Ind. sind. 2, 243. 244. — Höchst eigentümlich ist im Übrigen auch die im 8. Buche 
des Kathäsarits. vorliegende Erzählung von der Besiegung der Götter unter Indra's 
Führung durch die asura unter Maya's Führung, s. Ind. Streifen 2, 218. Unter <\<-f 
Dänava oder Asura sind eben mehrfach fremde Völker zu verstehen. 



Webek: Die Griechen in Indien, 1)11/ 

betheiligt erscheint, den Namen des Demetrios (180-165 v - Chr.) 
erkannt, und auch Lassen hat sich ihm angeschlossen 1 . Auch die 
von ihm erbaute Stadt Demetrias erscheint theils im Rämäyana 2 
unter dem weiter cornunpirten Namen Dandämiträ, theils in dem 
Votiv- Spruche eines buddhistischen Neigungen zugethanen: Dättä- 
mittiyaka Yonaka 3 . — Ebenso hat A. v. Gutschmid 4 in dem Bhaga- 
datta, König der Yavana, der über Maru (Marwar) und Naraka im 
»Westen« herrschte, und specicll als alter Freund des Vaters des 
Yudhishthira (MBhär. 2,578. 579) genannt wird 5 , eine Übersetzung 
des Namens des Apcdlodotos (nach 160 v.Chr.) wie mir scheint, mit 
gutem (duck, erkannt. 

Ausserhalb des MBhärata ist sodann in dem Namen des Kashmir- 
Fürsten Jalaukas von mir ebenfalls bereits, freilich mit allem Vor- 
behalt, eine volksetymologische Aneignung des Namens: Seleukos 
gesucht worden 1 '. 

Endlich aber ist der Name des Menander (144 — 120 v. Chr.). 
von welchem die griechischen Nachrichten allerhand berichten, was 
ihn zum Buddhismus, speciell seinem Reliquiendienst, in nahen Bezug 
bringt, von mir' wohl mit Recht mit dem Namen des Yavana-Königs 
Milinda, in Sägala 'ZxyyoiXot, gebürtig aus Alasandä (Alexandria), 
identificirt worden', der bei den südlichen Buddhisten eine grosse 
Rolle, spielt*, und sich noch bis in die Purana-Zeit 9 hinein im Ge- 
dächtniss erhalten hat 9 . 

Hierher gehört denn auch was bei Panini, und im MBhäshya 
dazu, von den Yavana erwähnt wird. Dass P. selbst lehrt, wie das 
Wort Yavanani, nach dem vartt. zur Bezeichnung: Schrift (lipi) der 
Yavana, zu bilden sei, ist bereits bemerkt. Aber es scheint sogar 
auch directe Benutzung derselben durch Panini vorzuliegen. Nach 
Goldstücker (Panini pag. 53) braucht er den zweiten Buchstaben 
des indischen Alphabets als Bezeichnung der Zahl: zwei; und Burnell, 
Elem. of South Ind. Palaeogr. 1 p. q(>.( 2 p. 77), Aindra Grammarians 
p. 88, nimmt an, dass er sich hierbei von der gleichartigen Verwendung 
der Buchstaben des griechischen Alphabets als Zahlmarken (^ 1 , 



1 s. Lassen Ind. Altk. 1, 657. 2, 344; — cf. Ind. Sind. 5, 150 resp. 13. 381. 
" 4.43, 20 Gorr. s. meine Abb. über das Rämäyana ]». 77. 

3 s. Ind. Skizzen p. 37. 82. 

4 Beiträge zur Gesell, des alten Orients p. 75. 

5 s. Ind. Stud. 5. 152. Vorl. über ind. Lit. G. 2 205. 

6 s. nieine Abb. über das Hain. [1. 33 n. 2. 

7 s. Ind. Stud. 3. 121 (1853). 

8 wir kommen auf den von ihm speciell handelnden Milindapanha in \ erlauf 
zurück. 

9 s. Verz. d. Beil. S. H. 2, 120. 

Sitzungsberichte 1890. 77 



,1)08 Sitzung der philosophisch -historischen C'lasse vom 17. Juli. 

/3'2, 73 etc.) habe leiten lassen 1 . — Von Interesse sodann ist die charak- 
teristische Notiz" im Calc. scltol. zu 3, 2,120: cayäna bhuiijatc Yavanäh, 
»die Yavaha essen liegend«; dieselbe findet sieb zwar im MBhäshya 
nicht vor (s. Ind. Stud. 13, 381), beruht aber offenbar auf alter Be- 
obachtung, resp. Überlieferung. -- Von der allergrössten Bedeutung 
aber sind die beiden Beispiele im MBhäshya zu Pän. 3,2,111: 

Yavano 'runan Mädhyamikän: »der Yavana-Fürst bedrängte 
die Mädhyamikä« und: 

Yavano 'runat Säketam: »der Y.Fürst bedrängte Säketa«, 
weil sie als Beispiele für den Gebrauch des Imperfecta zur Be- 
zeichmmg eines vor Kurzem erst stattgehabten Vorganges aufgeführt 
sind, und somit für die Zeit ihrer Abfassung 3 die kurz vorher statt- 
gehabte Bedrängung des Volksstamms der Mädhyamika sowohl wie 
der Stadt Säketa durch einen Yavana -Fürsten bedingen. Leider lassen 
sich Beide nicht mit voller Bestimmtheit geographisch fixiren 4 . In- 
dessen, aller Wahrscheinlichkeit nach ist hierbei unter Säketa wirk- 
lich das jetzige Oudh Xocyti^u gemeint, und es wird damit eine Aus- 
dehnung der griechischen Herrschaft nach dem eigentlichen 
Indien hinein indicirt, welche aus den griechischen Nachrichten bis- 
her nicht zu vermuthen war. Wohl aber scheint dafür von indischer 
Seite her. s. Kern's Angaben 5 aus dem »Yuga-puräna« genannten Ca- 
pitel der Garga-Samhitä 6 , weitere Beglaubigung gewonnen zu werden. 
Daselbst wird nämlich, entsprechend der im prophetischen Tone 
gehaltenen dortigen Darstelluni;', nicht nur die Besetzung von Säketa 
durch die Yavana in Aussicht gestellt (d. i. wohl: als kurz zuvor 
stattgehabt berichtet?), sondern auch der Weitermarsch derselben bis 
Kusumadhvaja , resp. Pushpapura d.i. Pätaliputra (IlctXißcSpa,) an- 



1 s. akad. Vorl. ind. Lit. Gesch. 2 p. 238. Ind. Streifen 3, 359. 

- s. Ind. Skizzen p. 85. 

'■' man hat sie auch als beweiskräftig zur Bestimmung der Zeil des Werkes 
selbst, indem sie uns mitgetheilt werden, des Mahäbhäshya also, verwenden wollen. 
Indessen dies ist unrichtig. Sie können theils sehr wohl aus älterer Zeit stammen, 
resp. event. von Pänini selbst her, und als dessen solenne Beispiele durch die 
Folgezeit fortgeführt sein (wie dies ja auch im weiteren Verlaufe wirklich der Fall 
ist; sie werden auch von den späteren Coinmentatoren mitgetheilt, nicht etwa von 
diesen durch je ihrer /eil entlehnte Beispiele ersetzt). Theils aber können sie 
auch event. bei irgend einer der verschiedenen Redactionen, die das MBhashya 
erfahren hat. in den Text gekommen sein. 

4 s. (im iisi i"< 1.! R »Pänini« 22<_) fg. Ind. Stud. 5, 151 fg. '3. 301 fg. Bhändarkar im 
Indian Antiquary 1,299 fg. 2 j6i fg- Akad. Vorles. über ind. L. G. s 240. 269. 

Vorrede zu s. Ausgabe dir Brihatsainhitä des Varähamihira pag. 37; — s. 
resp. dazu Ind. Sind. 13. 306. 

6 die im Verz. der Berl. S. 11. 2. 1 19 fg. verzeichnete Garga-Samhitä ist ein andres. 
seeundäres Werk-, — dasselbe isl . beiläufig, 1883 in Benares gedruckt worden, s. Klatt 
im Lit. Bl. Orient. Phil. 2, 213(1885). 



Weber: Die Griechen in Indien. 909 

gekündigt. Hierbei ist denn aber freilich zu beachten, dass anderweil 
bis jetzt eine so weite Ausdehnung der Fremdherrschaft dieser Zeiten. 
mitten nach Indien hinein, nur von den Indoskythen (speciell von 
Kanishka) berichtet wird , und es bleibt somit zunächst noch zweifel- 
haft 1 , ob unter den Yavana-des Yugapuräna nicht vielmehr diese zu 
verstehen sind. resp. das was von ihnen. den Gaka, gilt, in diesem 
Texte irriger Weise von ihren Vorgängern, den Yavana, erzählt wird, 
resp. deren Name auf sie übertragen ist. 

Um alles das, was sich von legendarisch - historischen 
Nachrichten über Va va na-Fürst en der alten Zeit im MBharata etc. vor- 
findet, hier zu erledigen, ist noch darauf hinzuweisen . dass der Käla- 
Yavana, der »schwarze Y.« 2 , ein Name, der den Träger desselben, 
von den übrigen Yavana allerdings auszuscheiden bestimmt scheint. 
darin mit Krishna und mit Garga 3 in speciellen Bezug gebracht wird. 
— Weiter aber ist zu bemerken, dass der Yavana-König Kaserumant 
darin ebenfalls in einer feindseligen, resp. untergeordneten Stellung 
erscheint. Bei dem Namen dieses Kaserumant nun habe ich schon in 
den Indischen Skizzen, pag. 88. 91 (s. auch akad. Vorl. ind. L. G. 2 205) 
an einen Reflex des Namens der römischen Caesaren gedacht, und 
Leon Feee hat dann später aus dem buddhistischen Avadänat ataka die 
Vorstellung von einem: kesari näma samgrämah »ordre de bataille 
cesarien ou Romain« (s. Comptes rendus de l'Acad. des Inscr. 1 8 7 1 , 
p.47. 56. 60) nachgewiesen. Diese Angaben würden somit in die Zeit 
gehören, aus welcher die reichen römischen Münzfunde in Indien 
stammen, gäben resp. einen gewissen legendarischen Hintergrund für 
dieselben al>. 

Endlich sei hier noch die hervorragende Stellung betont, welche 
die Yavana, im Verein mit den Kamboja, Qaka, Pahlava 4 , Balhika 5 



1 s. Ind. Sind. 13, 306 — 308 akad. Vorl. ind. L. G. 2 269. 

s über die hieran sich knüpfenden Fragen habe ich in den Akad. Vorl. ind. 
Lit.G. 2 237 eingehend gehandelt. 

5 die Familie der Garga, die charakteristisch genug (mit Ausnahme einer 
Stelle im Käthaka) erst in den spätesten Abschnitten der Brähmana und Sütra ge- 
nannt wird, speciell aber im MBhashya in den Vordergrund tritt (s. Ind. Stud. 13,4111 fg.), 
wird von der Legende wiederholentlicli mit den Yavana in nähere Beziehung gesetzt. 
Insbesondere wird ein Vers, der die Yavana als Lehrer in der Astronomie reihen licht, 
dem Garga zugetheilt. 

4 über die chronologischen Bedingungen dieses Namens s. Nöldeke's Angabe 
in meinen akad. Vorl. ind. Lit. G.- p.338; — danach kann dieses Wort schwerlich 
vor dem ersten Jahrhundert 11. Z. entstanden sein, und gehört somit jedes 
indische Werk, in dem es sich vorfindet, eo ipso erst in noch spätere X ii (l'arasi- 
prak. 1, 6). 

5 charakteristisch ist die nur theilweise Übereinstimmung, resp. mehrfache 
Differenz dieser Völkernamen und derer, die in den aus noch späterer Zeit (etwa 
dein 2. — 4. Jahrh. 11. Z.) stammenden lastender fremden Völker in dem alten Jaiua- 

77* 



Dil) Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 17. .luli. 

etc. im MBhärata wie im Ramäyana einnehmen 1 , und welche für die 
Bestimmung der Abfassungszeit dieser Werke so bedeutsam ist. — 
Auch die Roma ka werden dabei, jedoch nur selten, erwähnt. Unter 
Romakapura aber, welche Stadt, s. oben p. 906, in der astronom. 
Litteratur eine specielle Rolle spielt, wie denn auch ein Roniaka- 
siddhänta unter den von Varähamihira (504 — 87 u. Z.) benutzten 
Vorlagen erscheint, ist nicht sowohl Rom selbst als vielmehr ent- 
weder Alexandrien oder gar schon: Byzanz zu verstehen. Ebenso 
wohl unter den Rauma des Vishnupuräna 2 . 

Eine freilich ziemlich abgeblasste Spur davon liegt endlich auch 
noch in der Verwendung der Yavana-Frauen als unmittelbarer Be- 
gleiterinnen des Königs in den Dramen des Kälidäsa (c. Mitte des 
6. Jahrhunderts) vor. Ich habe schon in der Vorrede zu meiner 
übers, des Malavikägnimitram p. xivn darauf hingewiesen (1856), dass 
die durch den Periplus maris eurythraei bezeugte Ausfuhr von irmp^Evoi 
evEi&etg irpog ■nctfXa.v.ia.v . aus Alexandrien nach Indien, wohl eine der Vor- 
bedingungen für diese eigentümliche Sitte bildet, wie denn auch noch 
in den Inschriften des Samudragupta die Lieferung von Mädchen als Tri- 
but, der Seitens des Shähän Shähi, Sassaniden- Königs, zu zahlen war. 
aufgeführt wird 1 . Offenbar feiert hierbei die feinere Gesittung und 
bessere Bildung der griechischen Hetären einen Triumph. Auf den 
Einfluss, den diese Mädchen, ihrem Metier gemäss, ausübten, — die in- 
dischen Colleginnen mögen bei diesen vom Auslande her geholten Vor- 
bildern immerhin noch, so zu sagen in die Schule gegangen sein — habe 
ich denn auch bereits vor Jahren 4 einige Einzelheiten in dem Dienst 
des indischen Liebesgottes zurückgeführt, speciell den Umstand, 
dass er, wie der griechische Eros, den Delphin im Banner" führt, wie 
er denn auch tlieils als Sohn der Göttin der Schönheit . die ihrerseits 
wie die schaumgeborene Aphrodite aus den Wassern emporsteigt", 
theils als (bitte der schämigen Liebeslust erscheint. In einem Relief 
des Bhuvanecvara- Tempels in Orissa, anscheinend aus dem 7. Jahr- 
hundert u.Z., schimmert noch das Urbild der Aphrodite, mit Eros 
und Delphin vereint, freilich arg verunstaltet, durch'. -- Und noch 



Texten enthalten sind: die letzteren zeigen eine noch weit grössere Mannichfaltigkeit, 
führen resp. speciell auch die Unna. Marunda etc. auf. s. Ind. Sind. 16.237.303. 

1 s. akad. Verl. ind. Lit. Gesch. 2 271. Abhl. über das Kam. p. 23 s'. 

'- Wilson - Halt. , 1,130. Ind. Streifen 2. 359. 

3 im letzten Drittel des 2. Jahrhunderts u.Z.. s. Lassen Ind. Altk. 2. •157(752). 

4 Pfeil und Bogen scheinen dem Kama schon ans indischer Quelle her zu gehören, 
s. Ind. Stud. 5. 285. 286. 

5 s. ZDMG. 14. 269. Akad. Verl. i. L. G.- 209. 

6 dies ist resp. eventual. ein uralter, indogermanischer Zug, der auf die Morgen- 
rö 1 he zurückgeht. 

s. Akad. Vorles. ind. L. G.~ 368 (u. Nachtrag p. 16). 



Weber: Die Griechen in Indien. Dil 

eine andere Vermuthung ist hier anzuschliessen. In für uns zunächst 
ganz unfasslicher Weise sind die männlichen und weiblichen Kimnara, 
Affen, zu »heavenly choristers« geworden. Dass wirklich das ohr- 
zerreissende Affengekreisch hierbei zu Grunde liegen könnte , ist wohl, 
selbst wenn man sich auf den Standpunkt indischer Hörer stellt. 
ausgeschlossen. Ich möchte meinen, dass die y.ivvpa, 1 jener griechischen 
Mädchen am Hofe der indischen Fürsten dieser sonderbaren Vorstellung 
zu (irunde liegt; hauptsächlich sind es eben die weiblichen Kimnara, 
die in dieser Stellung erscheinen. — Endlich sei hier noch eine freilieh 
auch wieder sehr kühne Vermuthung 2 erwähnt, wonach in dem Gruss- 
wort, mit welchem, der Päniniyä Cikshä zufolge, die »Frauen aus 
Suräshtra« anzureden pflegten, und für welches ich den dortigen 
Fesarten gegenüber die Form: kherän zu restituiren vorschlug, 
gradezu der griechische Gruss (im Infinitiv!): ^aipen 3 vorliegen 
würde. Suräshtra' ist derjenige Theil des westlichen Indiens, in 
welchem sieh anseheinend der Einfluss der griechischen Herrschaft 
am längsten gehalten hat. cf. die Münzen der dortigen kshatrapa- 
Dynastie 5 , die bis in das 2.. 3. Jahrhundert u. Z. hinabreichen. 

Für die politische Stellung der Griechen in Indien ist schliesslich 
auch noch die Herübernahme gerade der Wörter cvpiy^ »unterirdischer 
Gang, Mine« und yflkivog »Zaum, Zügel, bes. das Gebiss beim Pferde- 
zaum« in das Sanskrit resp. Päli, cf. suruiigä 6 und khalina 7 , von 
Interesse 8 . 

Wenn wir hier noch der Vollständigkeit wegen, die nur lexicalisch 
belegbaren Wörter: yavanapriya Pfeifer, yavaneshta Zinn, yävana 
Weihrauch anführen, so betreten wir damit allerdings ein Gebiet, 



1 s. Akad. Vorl. ind. L. G. 2 322; xwvpa ebenso wie "pog "potai wird allerdings 
eigentlich nur von traurigen, kingenden Tönen gebraucht. Solche werden diese grie- 
chischen Mädchen denn wohl aber auch häufig genug haben ertönen hissen! 

- s. Ind. Stud. 9, 380 (4, 269). 

3 der Inlinitiv yiti'j;ir (geschrieben %sgiv, »byzantinische Aussprache.«) ist als 
Grussform statt des Imperativs: y/xigs inschriftlich mehrfach beglaubigt, s. A. Nauck 

in seinen »kritischen Be rkungen V« (1 871) in den Melanges Greco -Romains 3, 332 

der Petersburger Akad. (1874). 

4 Wilson Hindu Th. pref. p. XIX. Monatsber. Berl. Akad. 1S71 p. 619. 

'- man hat früher dieser sogenannten Sah -Dynastie sogar auch die Benutzung 
der Seleuciden- Aera zugeschrieben (s. Ind. Streifen 2, 267), ist indessen jetzt davon 
zurückgekommen. 

s. in. Abh. über das Rämäyana p. 13- 14. 

7 im ardharcagana zu Pänini 2, 4, 3 1 ; — eine Regel darüber von Cäkatavana findet 
sieh in Vardhamäna's schol. zu seinem Ganaratnamahodadhi 1,72 (113,7 ''''• l'- (l : 

H cf. die auf gleichartigen Verhältnissen beruhende Herübernahme politisch- 
kriegerischer Ausdrücke aus dem Persischen (während der Beziehungen zu den 
Arsaciden und Sassaniden), s. resp. Monatsber. d. Akad. 1879 p. 463 fg. , 810 fg. , 922. 
Sitz.B. 1883 p. 1109. Häla ( 1 88 1 ) p. XVII., Pärasipr. 1. 7. 



912 Sitzung der philosophisch- historischen Classe vom 17. Juli. 

auf welchem es sich wohl nicht mein' nothwendig 1 um die Yavana- 
G-riecheu, sondern eventual. bereits um die Völker handelt, welche 
nach ihnen als Erben ihres Namens in die Handelsgeschichte Indiens 
eingetreten sind. Wohl aber sind hier Wörter wie: kastira 2 xct<r<n- 
Tepog, kastüri" xoccToopeiov , marakata 3 CfjLcipxySog , dräkshä 4 po&£, culväri 5 
sulphur, cringavera 8 zingiber u. a. dgl. zu nennen, bei denen jedoch 
leider über ihre eigentliche Herkunft und Bedeutung, resp. darüber, 
ob sie nicht theilweise sogar gerade umgekehrt zu erklären, resp. 
aus Indien entlehnt sind, grosse Unsicherheit besteht. Bei einer 
ganzen Zahl von Handelsgegenständen ist ja doch jedenfalls die in- 
dische Herkunft entschieden gesichert, z. B. 7 bei: oiruXot; upala, fr/ipvXXo<; 
veluriya 8 (vaidürya, Vaidüiya), xapvo<f>vXXov katukaphala", xivvaßot.pi klrin- 
navari 9 etc. 

Der gewaltige Einfluss, den die Herrschaft der griechischen 
Könige im Nordwesten Indiens auf die Gestaltung des indischen Lebens 
ausgeübt hat, zeigt sich besonders entschieden auf dem Gebiete der 
Baukunst 10 . Durch die Forschungen von Cunningham, Fergusson etc. 
ist es gelungen, in den erhaltenen Resten alter Bauwerke die dorische 
(in Kaschmir), jonische (in Taxila), korinthische (in Gandhara), Her- 
kunft der einzelnen Fürsten zu erkennen, welche je in einer dieser 
kleinen Satrapien ursprünglich, oder im weiteren Verlauf geherrscht 
haben." Auch zahlreiche acht hellenische Basreliefs und Sculp- 
turen sind aufgefunden worden (Apollon mit seinem Dreigespann'-, 
Scenen baccliischer und silenischer Art etc.). Hier fehlt es leider 
noch völlig an einer ordnenden und die weitere Verzweigung nach 
Indien hinein 13 nachweisenden Darstellung. Auch der »Heiligen- 



1 s. (hi/.u meine Bern, in den Akad. Vorl. ind. L. G. 2 237. 

2 cfr. Kästirä Pän. 6, [,155 Name einer Stadt; s. resp. Ind. Stud. 13, 36711. 

3 im Präkrit bei Iläla 1887 Vorw. p. XVII. 

4 1' Ind. Sind. 1, 336. 

' volksetymologisch !' Schwefel zerfrisst cuva: Kupfei i (?) oder: Stricke(?) 
r ' MBh. zu Pän. 2. 1, 1. 35 värtt.9 Ind. Stud. 13.471. 

7 s. hierüber meine »Beiträge zur Geschichte der Aussprache des Griechi- 
schen«, Monatsber. der Akad. 1871, p. 613 fg. (Indian Antiquary 2. 143 fg. 1873), 
speciell p. 6 1 9. 

s s. Ind. Stud. 3, 148. 13. 370. 

8 s. Ind. Streifen 3.121. 
111 s. Ind. Streifen 3, 476. 

11 die makedonisch - griechischen Monatsnamen finden sieh mich Cunningham, 
Dovvsos etc. (s. Ind. Streifen 2, 277) auf einigen der in arianischer Schrift geschriebenen 
Inschriften der indoskythischen Nachfolger <\rv Griechen vor. 

'- s. F.. ( Vi: ins die griechische Kunst in Indien. Archaeolog. Zeitung 23,90 fg. 
(1876). 

18 cfr. Aphrodite, Eros, Delphin im Bhuvanecvara- Tempel , s. oben p. 910. Ind. 
Streifen 2, 477. 



Weber: Die Griechen in Indien. 1)13 

schein«, dem man früher indischen Ursprung zuwies 1 , soll nach 
Lrnoi.F Stefiiani vielmehr griechischen Ursprungs sein". 

Speciell ist mich die indische Münzkunst aus griechischem 
Muster erwachsen 2 . A. v. Sallet's schöne Schrift: Die Nachfolger 
Alexander's (1878. (879) gieht eine nute Übersicht über das, was 
davon noch unmittelbar oder mittelbar griechisch ist 3 . Aber auch 
hier fehlt es noch an einer Darstellung der weiteren Verzwei- 
gung nach Indien hinein. — In einer viel ventilirten Stelle des Mahä- 
bhäshya über die Götterbilder, welche die golddurstigen Maurya zum 
Verkauf stellten, möchte ich die erste Erwähnung indischer Münzen 
von indischer Seite her erkennen 4 . 

Nach J. IIalkvy's neuerdings (1884 fg.) wiederholt aufgestellter 
Ansicht wäre sogar auch die indische Schrift seihst, wie sie uns 
zuerst hei Piyadasi vorliegt, aus der griechischen herzuleiten'. 
Mir scheint dies aber wenig glaubhaft und setze ich vielmehr, wie ich 
dies schon 1855 gethan habe 1 ', die Wanderung der semitischen Schrift 
nach Indien und nach Griechenland in die gleiche Zeit, und erkläre 
daraus die grosse Ähnlichkeit mehrerer der wichtigsten Zeichen'. 
Von Interesse bleibt jedoch immerhin, dass der griechische Name der 



1 s. Spencehardy Eastern Monachism p. 416; resp. dazu Ind. Stud. 3. 1 19. 

2 »über den Nimbus« Petersburg 1859; s. in. Abh. über Krishna's Geburtsfesl 
(1868) p. 340. 

3 die Wörter: dramma hpayjjLYi und: dinära oyivccoiov sind speciell im Sinne von: 
Silber-, resp. Goldmünze bis in das 15. Jahrhundert (ja wohl noch weiten- hinab) 
üblich geblieben. — Die Entlehnung von Sr,iiasioi/ (stets Neutrum) selbst aus lat. denarius 
datirt, mich einer freundlichen Mittheilung Mommsen's, frühestens aus der Zeil des 
Caesar und Augustus, die zuerst eine für das ganze Keich geltende Goldmünze ein- 
führten, die darum eben mit einem lateinischen Worte (gewöhnlich: aureus, aber 
auch: denarius aureus) bezeichnet wurde. Die Herübernahme des Wortes: dinära 
nach Indien, resp. die Einführung desselben in die indische Literatur, hat nun 
schwerlich alsbald stattgefunden, man kann wohl ziemlich sicher etwa ein Jahr- 
hundert als dazu erforderlich betrachten. Und hieraus ist denn zu folgern, dass kein 
indisches Werk, in dem das Wert dinära Vorkommt, älter als das zweite Jahr- 
hundert 11. Z. sein kann. 

4 s. Ind. Stud. 13. 331. 344-46. oben p. 905 n. 2. 

5 also ganz wie .sich Otfried Müller seiner Zeit (Gott. Gel. Anz. 1838 p. 252) 
dem Ausspruche J. Prinsep's gegenüber stellte. da>s die griechische Schrift nur 
eine umgestülpte (turned topsy turvy) indische sei. Dagegen trat dann aber Lassen 
auf in s. »Geschichte der griechischen und indoskythischen Könige« p. 107 fg. (1838). 

c cf. ZDMG. 10. 389 fg. (1856. geschr. Aul;. 1855). Indische Skizzen p. [35 %. — 
s. dann mich Burnell Elements of South Indian Palaeography (1874) resp. dazu 
wieder Ind. Streifen 3. 349 fg. 

7 jedenfalls ist die weitere Schlussfolgerung, die Hali'.vy aus seinem Theorem 
gegen das Alter dei indischen Literatur in's Feld führt, durchaus hinfällig, da die 
mündliche Überlieferung der alten Texte entschieden in hohe-. Alterthum hinaufreicht. 
Über die etwaige Benutzung der griechischen Schrift durch Pänini, s. im l brigen 
oben [i. 907. 



914 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 17. .luli. 

Dinte ßeXuv, rnelä 1 , sowohl, wie des Schreibrohres xccAäjuo, kalama 2 , 
in das Sanskrit Aufnahme gefunden hat; und ich bin fast versucht, 
auch das Wort pustaka, Buch, als eine Umgestaltung aus einem 
etwaigen griechischen 7Tv^ikov zu erkennen. 

Und hiermit gelangen wir denn zu dem wichstigsten Punkte, in 
welchem griechischer Einfluss in Indien nachweisbar ist, zur 
Poesie, Wissenschaft etc. 

Wir sahen bereits, dass im Epos selbst die griechischen 
Fürsten als in unmittelbarer Beziehung zu den Trägern der Erzählung 
stehend aufgeführt werden. Es kann daher nicht mehr befremden, 
wenn die Frage auftaucht, ob nicht die grossen Analogieen und Über- 
einstimmungen, welche zwischen dem Mahä-Bhärata, resp. Rämäyana, 
und der Ilias und Odyssee bestehen, irgendwie auf eine Kenntniss 
und Verwerthung der homerischen Sage durch die Vff. der beiden 
grossen indischen Epen zurückzuführen sind. Schon der Rhetor Dio 
Chrysostomos, der zur Zeit Trajan's (98 — 117) lebte, hebt speciell 
die das MBhärata hierbei betreffenden Einzelheiten hervor, und be- 
zeichnet sie als solche, welche für das Bekanntsein des Homer 
in Indien einträten. Als ich im Jahre 1851 auf diese Angabe des 
Dion hinwies 3 , war ich meinerseits noch so ziemlich in dem Glauben 
an das hohe Alter des indischen Epos befangen, und fasste daher diese 
Angaben nur als ein Zeugniss für das damalige Bestehen des MBhä- 
rata auf. Indessen, wie die Sachen zur Zeit liegen, wäre doch immer- 
hin die Annahme einer Benutzung der homerischen Sage auch 
durch die Verfasser des ältesten, des sogenannten Kampf'-. Theiles 
des MBhär. vielleicht nicht so ganz ohne Weiteres, abzuweisen. Ful- 
das Rämäyana wenigstens glaube ich in der That aus der völlig ver- 
schiedenen Fassung, welche die Räma-Sage in der buddhistischen 
Legende, gegenüber der von Välmiki ihr gegebenen, zeigt, das höhere. 
Alterthuin der ersteren, und damit die Möglichkeit, dass Väl- 
miki für seine Darstellung die homerische Sage benutzt hat, 



1 so 11. A. in einem Roman (Väsavadatta.) , der allem Anschein nach mit einer 
milesischen Fabel in Bezug stellt, s. im Verlauf. 

2 es handelt sich alier liier nur um kalama in dieser Bedeutung, nicht um das 
Wort kalama selbst, s. Hala (1881) Vorw. p. XVII. resp. Monatsber. 1871 p. 623. 

3 s. Ind. Stud. 1,161 fg. »Denn sogar bei den Indern, sagt man. wird Ilomer's 
Poesie gesungen, indem sie dieselbe in ihren eigenen Dialekt und Sprache übertragen 
haben, so dass auch die Inder . . . mit den Leiden des Priamos, mit den Klageliedern 
und Wehklagen der Andromache zur Hekabe, und mit der Tapferkeit des Achilleus 
und Hektor wohlbekannt sind«. Die hier ausgelassene, mii ... bezeichnete Stelle han- 
delt davon, dass der »rosse Bär in Indien nicht sichtbar sei. und tritt, s. das von mir 
ad 1. Bemerkte, für die Genuinität der ganzen Nachricht, resp. dafür ein. dass sie 
auf Solche zurückgeht, die Indien durch Autopsie kennen gelernt hatten: s. noch 
Akad. Vorl. ind. 1,. <;.' p. 202. 



Wi beb : Die Griechen in Indien. !U .) 

erwiesen zu haben 1 . Der Patriotismus der Inder is1 dadurch arg 
verletzt worden; man hat mich dahin verstanden, als ob ich das 
Rämäyana als »copied from Homer« halte bezeichnen wollen. Das 
ist natürlich meine Ansicht nicht. Alter so gut, wie sich immer 
mehr herausstellt, dass auch die Buddhisten bereits homerische 
Sagenstoffe in ihrer historischen Legende verwandt haben, cf. Kirke, 
Leukothea 2 , und trojanisches Pferd 3 , so wenig lässt sich a priori die 
von mir angenommene Möglichkeit in Abrede stellen. Erwiesen 
freilich ist sie selbstverständlich auch nicht. Bei der Beui'theilung 
des gegenseitigen Austausches von sagenhaften, epischen Stoffen 
wird man fast stets nur zu einem subjeetiven, selten zu einein objee- 
tiven Resultate zu gelangen im Stande sein. 

So weit es sich nämlich bei dgl. Übereinstimmungen überhaupt 
nicht etwa um rein spontane, sozusagen naturwüchsige, Entstehung 
an beiden Orten handelt, ist hierbei noch zweierlei im Auge zu be- 
halten. Einmal die Möglichkeit, dass es sich speciell bei Überein- 
stimmungen zwischen dem griechischen und indischen Epos überhaupt 
gar nicht um Entlehnung von einer oder der andern Seite her, 
in historischer Zeit handelt, sondern um Reste uralter natur- 
symbolischer Mythenbildung aus alt-indogermanischer Zeit. 
Zweitens alter ist, gesetzt es liegt Entlehnung in historischer Zeit vor. 
dann doch noch auch die Eventualität zu erwägen, dass die griechische 
Sage ihrerseits gar nicht griechischen Ursprunges, sondern seihst 
anderweiter, resp. für Griechenland orientalischer (für Indien resp. 
immer noch »occidentalischer«) Herkunft ist, somit auch nach Indien 
aus derselben Quelle her gekommen sein kann. 

(ranz dasselbe was ich hier von den Berührungen in Bezug auf 
epische Sagenstoffe bemerke, gilt im Übrigen auch von den Gestalten 
und Stoffen der Erzählungs-Literatur, der Feen- und Zauber- 
Geschichten, der bei unserer Kinderwelt so beliebten Geschichten (kurz 
gesagt) der GiUMM'schen Märchen, des Folklore. Die indische Lite- 
ratur ist, speciell durch die Thätigkeit der Buddhisten und. in 
späterer Zeit, ihrer Rivalen, der Jaina, ganz besonders reich an 
Werken dieser Art, deren vorliegende Form zum Theil in ziemlich 
junge Zeit hinabreicht, während klar ersichtlich ist. dass dieselbe auf 
alten Überlieferungen und verloren gegangenen Werken, die zum 
Theil gar nicht in Sanskrit, sondern in Volksidiomen abgefassl waren, 
beruht. Die älteren vorhandenen Werke dieser Art knüpfen mehrfach 
an den Namen des Cätavähana, die. jüngeren an den des Vikramäditya 



1 s. nieine Alili. »über das Rämäyana« 1870. 

'-' s. daselbst p. 13. 17. Ind. Streifen 2,216. 3.430. 524. 

3 »über das Rain.« p. 13. 75. Ind. Streifen 1.370. 3,16. 



Dlfi Sitzung der philosophisch • historischen Clnsse vom 17. Juli. 

an, welche beiden Könige denn zwar von der Tradition gleiehmässig mit 
der Beseitigung der Fremdherrschaft, speciell der Qaka, Indo- 
skythen, in Verbindung gebracht werden, dennoch aber gerade ihrer- 
seits mehrfach mit ans der F r e m d e stammenden Zügen ausge- 
stattet sind. 

Und ganz ebenso gilt das Gesagte auch von einem weiteren 
Literaturzweige, der ebenfalls grosse Übereinstimmung zwischen 
Griechenland und Indien aufweist, von der (kurzgesagt) fiesopi- 
schen Fabel. Man hat einige Zeit lang Indien geradezu für das 
Mutterland der Fabeln gehalten. Und allerdings trifft dies, auf 
Grund der seit dem 6. Jahrb. u. Z. erfolgten Übersiedelung indischer 
Fabelsammlungen nach dem Occident, für viele Thierfabeln, speciell 
für alle die. welche sozuzagen in den Dienst der Politik, mit 
dem Zweck als eine Art Fürstenspiegel zu dienen 1 , getreten sind, 
factisch auch zu. so dass hiernach zu den obigen drei, resp. vier 
Gesichtspunkten, nach welchen dergl. Übereinstimmungen zwischen 
Indien und dem was für Indien Occident ist. zu erwägen sind, auf 
diesem Gebiete, resp. für diese Zeit, eben noch dieser fünfte hinzu- 
tritt. Für die .ältere Zeit aber ist von dem Gedanken, Indien als das 
Mutterland der aesopischen Fabeln anzusehen, völlig Abstand 
zu nehmen. Vielmehr macht hier gerade die griechische Form 
der Fabel (abgesehen, notabene, von der Frage ihrer etwaigen eigenen 
Herkunft) der indischen gegenüber meist den Eindruck der grös- 
seren Schlichtheit und Ursprünglichkeit. Die in der Thierfabel 
speciell fungirenden Thiere gehören entweder der indischen Fauna 
gar nicht vorzugsweise an, oder zeigen doch nicht diejenigen Eigen- 
schaften, welche die Inder an ihnen betonen 2 . Ja. es liegt im Übrigen 
sogar die Annahme nahe, dass uns im Sanskrit direct zwei der grie- 
chischen Fabel entlehnte Wörter vorliegen, dass resp. die Namens- 
form: lopäka für: Schakal (der altindische Name dafür ist: »lo- 
päca«) auf aXwirvfc und der Name: kramelaka für Kameel auf y.^u.Yi?.:-- 
zurückgeht, Beides einfach auf Grund volksetymologischer Deutung 3 . — 
Die Buddhisten sind auch hierbei, speciell in ihren jätaka-Erzäh- 



1 ich möchte inst meinen, dass sogar Machiaveixi für seinen: »Principe» (15 15) 
diesen damals gerade eine grosse Rolle spielenden Übersetzungen zu Dank ver- 
pflichtet ist. 

2 siehe meine eingehende Dai-stellung hierüber im 3. Bande der Indischen Studien 
p. 327 fg. 1855, sowie Th. Benfey's treffliche Einleitung und Noten zu seiner Über- 
setzung des Pancatantra (1850). 

3 s. Ind. Stud, 3, 336 Mmiatslier. d. Berl. Akad. 1871 p. Ö19; beide Wörter sind 
im Übrigen selten, werden jedoch in den koca speciell verzeichnet. Für kramela 
wollte Lassen Ind. Altk. i.2qii" ; semitischen Ursprung annehmen; dagegen tritt 
indessen die Endung: ela entschieden ein. 



Weher: Die Griechen in Indien. 917 

hingen, die eigentlichen Träger dieser Einwanderung occidentalischer 

Stoße nach Indien gewesen. 

Handelte es sich im Bisherigen wesentlich um volksthümliche 
Stoffe und um deren so zn sagen gesprächsweise Aneignung, so scheint 
doch auch eine Kunstturin der griechischen Literatur, der grie- 
chische Roman nämlich, in Indien direct Eingang gefunden zu haben. 
Peterson eonfrontirt in der Vorrede zu seiner Ausgabe von Bäna's 
Kädambari (1883) ]>. 101 fg. den Styl des Autors direct mit dem des 
Alexandriners Achilles Tatius (AD 450). Und in meinen Bemerkungen 
dazu in DLZ 1884 ]>. 120 habe ich denn theils auf die -x.p~jsvct evsc^ek. 
resp. die Yavana -Mädchen an den Höfen der indischen Könige, als 
die vermuthlichen Träger einer solchen, ihrem Gewerbe so ganz 
einsprechenden Vermittelung milesischer Liebesgeschichten hingewiesen, 
theils speciell auch auf die stofflichen Beziehungen, welche zwischen 
der Vasavadattä des Subandhu, eines Vorgängers des Bäna, und einer 
Erzählung bei Athenaeus (13, 35) bestehen 1 , aufmerksam gemacht, 
wie denn auch die in beiden Autoren, bei Subandhu wie bei Bäna, vor- 
liegende Belebung einer steinernen Statue durch Umarmung speciell 
an Pygmalion erinnere. 2 Von besonderem Interesse in dieser Beziehung 
ist nun aber weiter, dass sich in der Vasavadattä bei einer jener in 
dem hierbei üblichen bombastischen Style gehaltenen Tiraden das Wort: 
Dinte direct durch melä fxeXav gegeben, findet (Väsavad. p. 239), 
während die betreffende Vorstellung selbst: »wenn der Himmel zum 
Blatt, das Meer zum Dintenfass (melänanda), der Schreiber zum 
Brahinan . . . würde, könnte er doch die Liebespein, die sie deinet- 
wegen ausgestanden hat, nicht in vielen yuga- Tausenden beschreiben» 
noch gegenwärtig in neugriechischen Liebesliedern populär ist : 
und, da sich Ähnliches, nach Hall auch im Qorän (18, 109) etc. 
vorfindet 4 , vermuthlich bereits auch in die milesische Literatur 
zurückreicht. 

Es scheint mir angemessen, hier, ehe ich weiter gehe, eine kurze 
Übersicht über das einzuschalten, was mir gerade noch von Überein- 
stimmungen griechisch -occidentalischer Erzählungs-Stoffe mit indi- 
schen zur Hand ist, ohne dass ich es übernehme, dabei im Einzelnen 
die fünf Gesichtspunkte, um die es sich dabei handelt (1. natur- 
wüchsig, 2. indogermanisch, 3. occidentalisch, 4- griechisch, 5. aus Indien 



1 cf. Rohde der griechische Roman p. 45. 51 ParasiprakäQa 1, 10. 

2 s. Ind. Streifen 1, 378. Ind. Stud. 3, 345. 

3 s. R. Köhler in Benfey's Orient und Occident 2. 54S: 

Tor o'j:nro xu/m/ui %apTi rr,v ^~ct/.ccTT(trtj.s).ctv/; (melänanda, Väsavad.), 

va ypcrl/uti rce TTtiT\xc(Ttxa . . . 

4 Einl. ziii' Väsavad. p. 39, s. Ind. Streifen i, 377". 



918 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 17. Juli. 

nach dem Occidenl gekommen) zu unterscheiden, da dies eben mehr- 
fach z. Z. überhaupt nicht gut thunlich ist. Wohl aber gruppire ich 
dieselben wenigstens im Allgemeinen in einer gewissen chronolo- 
gischen Reihenfolge. 

Die durch die vergleichende Mythologie als der indogerma- 
nischen Zeit, oder doch einzelnen Stufen derselben, angehörig erschlos- 
senen mythisch -natursymbolischen Gestalten der Sagen- und Märchen- 
Welt reichen auch in Indien noch bis in die letzten Ausläute der Literatur 
hinab. Der Sonnen-Vogel. Falke, Vogel Greif, Garuda, Suparna, 
der die Schlangen, die Symbole der wolkigen Umnachtung und Finster- 
niss. zerstückt S 1 3, 334, Str 3, 18. 433, — die Schlangen selbst als 
Hüter verborgener Schätze S 3, 334. 342. — der getreue Eckard 
(Waldhüter, Förster), der vor dem nahenden Ansturm der wüthenden 
Schaaren warnt und den himmlischen Soma hütet (somapäla, gandharva) 
Sz 1888, 14. 15, — die Schwan Jungfrauen mit ihrem Nebelschleier 
S 1, 197. 13, 135. 15, 257. Str 2, 178, — die Eiben und Nebelgeister, 
die im Schatten des Waldes unter den hohen Bäumen in goldenen 
Schaukeln sich wiegen, tanzen und singen 813,135, — die Wichtel 
und Kobolde in Haus und Flur S 14, 320. 337. 17, 287-89, — die 
Buhlkobolde S 5, 255.456. 13, 137. 184, — der Jungbrunnen Str 1, 13 
— der Wunschbaum, der wie dem Aschenbrödel, so auch der Qakun- 
talä (v. 100 ed. Pischel) die goldenen Kleider schüttelt, — die Wunsch- 
Kuh oder Wunsch -Ziege 85,442, — das sind alles uralte, indogerma- 
nisch -vedische Vorstellungen. Und dazu gehört, was sich besonders 
bei unserm Volk noch so reichlich an abergläubischen Vorstel- 
lungen, Sitten und Bräuchen, und daran sich knüpfenden, darauf 
fassenden Sagen aller Art erhalten hat, besonders in Bezug auf 
Zauberwesen, also Verzauberung von Personen (Prinzen. Prinzes- 
sinnen!) und Orten (Schlösser). Besprechung von Krankheiten etc., 
Zaubermittel aller Art, wie Zauber-Besen, -Gürtel. -Kappe, -Mantel. 
-Pferd, -Säckel, -Salbe, -Schuhe, -Schwert, -Spiegel, -Stab. -Stein 
etc. Gerade auf diesem Gebiete ist es alier ungemein schwer. 
Altes und Neues aus einander zu halten. Es liegt in vielen dieser 
Fälle nahe, Indien als die Quelle dafür anzusehen, wie ich dies denn 
auch selbst früher theilweise gethan habe, s. Sk.p. 1 1 1. indessen — die 
Griechen und Römer haben ein gutes Theil dieser Dinge auch bereits 
gekannt, s. Pkellee griech. Mythologie 2. 46. 85. Hier steht noch ein 
volles, reiches Feld der Untersuchung offen, s. S15, 33t». 



1 der Kürze halber brauche ich liier folgende sigla: M Monatsberichte der 
Berliner Akademie, i! meine Ahh. über (bis Rämäyana, S Indische Studien, Sk Indische 
Skizzen, Str Indische Streifen, Sz Sitzungsberichte der Berliner Akademie, V akad. 
Vorlesungen über indische Literatur-Geschichte, zweite Auflage. 



Weber: Die Griechen in Indien. 919 

Ad. IIoltzmann (sen.) u. A. haben auch in der Sage des MBhärata, in 
den Kämpfen zwischen den Kuni und den Pändava einen directen Reflex 
der alten Kämpfe zwischen den Genien des Lichtes und der Finster- 
niss erkannt, sind dabei jedoch im Einzelnen viel zu weil gegangen, 
s. Str. 2,73. 8.1,415. — Ebenso hat .1. Grimm in der deutschen 
Thiersage einen indogermanischen Hintergrund gesucht und dafür 
speciell die indische Fabel verwerthet, s. dagegen S. 3,363; mythische 
Grundlage ist resp. bei einzelnen Fabeln wohl nicht in Abrede zu 
stellen, s. S. 1 5, 257. 

Von in historische Zeit hinein reichenden, resp. nach Indien 
eingewanderten occidentalischen Erzählungs-, resp. Sagen-Stoffen seien 
die folgenden genannt: die Schatzkammer des Rhampsinii Str. 2, 368, 
die List des Zopyros S. 3, 356 Sk. in, — die menschenköpfigen 
Löwen von Ninive S. 9, 64. 65, — des klugen Knaben Cyrus Richter- 
talent S. 15,400, - die Vernichtung des Heeres des Nebukadnezar 
S. 15,455. die Fluthsage Str. 2.24. 3.5117. — die Orion-Sage 

S. 0.452, - die Zwölften S. 5,440. 10,242-3. 17,225, — der 
Durchzug durch das rothe Meer 1 (?) Sk. 111, -- die Opferung des 
eigenen Sohnes S. 14, 123, -- das goldene Kalb und Mammon'", - 
die redenden Figuren an Salomo's Thron 15.215. 217, — Salomo's 
Richterspruch Sk. 1 1 1 , — Uriasbrief M. 1 869 42 fg. S. 1 5. 308 Str. 2. 337. 

— Jonas im Fisch Sk. 111, Str. 2, 36S, — die Himmels-Scene im 
Hiob S. 15, 413 Verz. Kerl. S. H. 2, 1099, — die Achillesferse Sk. 1 1 1 
Sz. 1887 907, — Alkestis R. 18. 19, — Amor und Psyche Str. 3. 54, — 
Andromeda S. 15, 215. 348. Str. 2. 368, - der Raub des Ganymedes 
S. 1,38.9,41, -- der Sonnenflug des Ikaros R. 36 S. 15, 375, - 
Jason-Sage (gegenseitige Tödtung der aus der Drachenzahnsaat ent- 
standenen eisengepanzerten Männer) Sz. 1887 907, -- Orpheus und 
Eurydike S. 1,418, —Kraut Nepenthes R. 15, — wandernde Frucht 
S. 15. 210 fg., - »Bürgschaft« S. 15, 350, - - »Gang nach dem 
Eisenhammer« (Sk. 1 1 1 ) 31. 1869 26. 45 fg., — sibyllinische Bücher 3 , 
Verbrennung Rom's durch Nero Sk. 111, — Virgil's culex S. 3, 354. 

— Kahlkopf und Mücke S. 4, 392, — Menenius Agrippa S. 1, 388 3, 
369.370(1), -- Über christliche Sagenstoffe siehe im Verlauf. 

Kälidäsa's Cakuntalä hat gleich hei ihrem ersten Erscheinen zu 
der Frage, ob dabei ein Einfluss seitens des classischen Drama's an- 
zunehmen sei, Anlass gegeben, und auch ich habe mich meinerseits 



1 Josua's Gebol an die Sonne, in Japan, K.18. 

2 nach einer brieflichen Mittheilung von E. Leumanna, im Ävagy. 9, pi: s. mich 
Verz. der Berl. S. II. 2. 1120. 

3 Kathäsaritsägara 8, 29. 



Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 17. .luli. 

schon im Jahre 1N51 1 in bejahendem Sinne ausgesprochen. Dagegen 
hat Lassen den selbständigen Ursprung des indischen Drama's aus 
religiösen Festspielen (nach Art unserer Passionsspiele) behauptet, und 
diese Anna!. ine hat in neuerer Zeit durch die in dem Mahabhäshya 
enthaltenen entsprechenden Angaben , siehe Ind. Studien 13,490 fg., 
glänzende Bestätigung gefunden. Zwischen den dort geschilderten 
einfachen und grotesken Anfangen aber 2 bis zu der Vollendung, welche 
das indische Drama hei Kälidäsa, Mitte des (3. Jahrhunderts u. Z, 
zeigt, niuss eine lange Stufenfolge von Zwischenstadien angenommen 
werden, und hierbei ist es denn, wo dem etwaigen Einfluss des 
griechischen Drama's Thür und Thor offen steht. In Alexander's Heer 
befanden sich zahlreiche Jongleurs, Gaukler, Schaukünstler und 
Schauspieler aller Art. »Er 3 benutzte die dramatische Kunst als 
Mittel zur Hellenisirung der Welt« , und liess wiederholt griechische 
Dramen zur Ergötzung seines Heeres, zur Aufführung bringen. Er liess 
sich, nach Plutarch's Zeugniss, den Sophokles, Euripides und Aeschylus 
nach Indien nachschicken. Seine Generale und Satrapen, welche nach 
ihm in den griechisch -baktrischen Reichen als Könige herrschten, 
sind allem Anschein nach seinem Beispiele gefolgt. Plutarch berichtet, 
dass die »Kinder der Perser, Susianer und Gedrosier « die »Tra- 
gödien des Euripides und des Sophokles sangen« und dies ist denn 
wohl eben einlach in dem angeführten Sinne zu deuten 4 . Dass solche 
Aufführungen dann nicht verfehlt haben können, auf Geist und Gemütli 
der ihnen zuschauenden, für das Schöne so empfänglichen Inder be- 
fruchtend einzuwirken, liegt auf der Hand. Acht Jahrhunderte 
liegen zwischen dieser Zeit und der Zeit des Kälidäsa. Es kann daher 5 
nicht befremden, wenn die schöpferische Kraft der indischen Dichter 
im Wesentlichen die .Spuren verwischt hat, welche auf jene Be- 
fruchtung hinweisen könnten. Und doch sind dieselben keineswegs 
gänzlich verloren. Nachdem schon Edvard Brandes in der Vorrede zu 
seiner (dänischen) Übersetzung des einzigen Drama's. welches den 
Dramen des Kälidäsa den Rang der Priorität streitig macht, der 
Mricchakatikä, speciell auf die attische Komödie als hierbei besonders 
im Auge zuhalten, hingewiesen hatte, Kopenhagen 1870, hat später, 
ohne hiervon Kenntniss zu haben. Ernst Windisch in einer eingehenden 
Untersuchung, Verhdl. des Berliner Orientalisten -Congresses 1881 II. 



1 s. Ind. St ml. 2. 148 (das erste Heft erschien im März 1851). 

2 zu denen das moderne Indien in seinen heutigen Yäträ- Spielen wieder zurücl 
gekehrt ist. 

:: s.Otto Ludwig «Dionysische Künstler« 1873]!. 104. 

1 s. das Vorwort zu m. Übersetzung des Mälavikägn. XLVII. 

s s. Ind. Stud. 14, 193 fg. 



Wi bi r: Die Griechen in Indien. 92 I 

i-iot), diese Frage speciell erörtert. Ich selbst habe unter Anderem 
auch auf den Namen yavanikä »die Griechische«, als Name des 
Bühnenvorhanges hingewiesen 1 , sowie neuerdings noch darauf, dass 
der Name: vidüshaka »Verderber, Verunreiniger« nicht sowohl auf 
diejenige Rolle passt, welche diesen Namen im indischen Drama fuhrt, 
als vielmehr auf diejenigen, welche der oovXos, servus in der antiken 
Komödie 2 einnimmt. 

Was sodann die. Wissenschaften betrifft, so ist es vor Allem 
die Astronomie, in welcher der griechische Einfluss hell und klar 
zu Tage tritt. Die indischen Astronomen seihst geben die Yavana 
ausdrücklich ;ds ihre Lehrer an. Unter den fünf alten Siddhanta, 
welche der Astronom Varähamihira (AD 504 -87) speciell benutzt 
hat 3 , sind zwei, der Puliea- und der Romaka-Siddhänta, welche 
schon durch diese ihre Namen direct hierfür eintreten (unter PuÜQa 
ist resp. wohl Paulus Alexandrinus zu verstehen). Dass der vorlie- 
gende Siirya-Siddhanta den asura Maya (und zwar wie es dann weiter- 
hin heisst: aus Romaka pura) als den ersten Begründer der Astronomie 
hinstellt, und dass ich darunter den griechischen Astronomen Ptolemäos 
verstehe, habe ich bereits oben (p. 906) erörtert. Auch den Namen 
des Manetho, des Autors der Apotelesmata, habe ich 4 in dem des 
Manittha (Mänimdha), und einen: Aphroisios oder: Speusippos 
hat man' in dem Namen des Yavana- Lehrers (Yavanecvara) Asphu- 
ji(d)dhvaja (resp. Sphujidhvaja), zu erkennen gemeint. Während die 
älteste Stufe der indischen Astronomie, vermuthlich auf babyloni- 
scher Grundlage ruhend, sich mit dem Monde und seinen Stationen 
(nakshatra) beschäftigt, wendet sich die unter griechischem Ein- 
fluss stellende folgende Phase derselben speciell den Planeten 1 ' und 



1 s. Ind. Skizzen p. 85 ZDMG 14. 269. 
- s. Sitz. Ber. der Kön. Akad. 1887 p. 90g. 

3 et. die Herausgabe der Pancasiddhäntikä durch G. Thihaut (Benares 1889). 

4 s. akad. Vorl. - p. 278. 

s Kern, Vorrede zu s. Ausgabe (1865) yon Varähamihira's Brihatsamhita p. 48, 
resp. Blum Däji im Journal H. A. Soc. 1, 409 (1869). 

r ' doch waren dieselben den Indern auch schon vorher bekannt, denn sie kommen 
bereits auch in den ältesten astrologischen Texten, den Atharva-Parigishta, vor, und 
zwar in einer anderen Reihenfolge, als der griechischen (s. Vera. Beil. S. 11. 1 
■ iS" '). Dnch ist diese letztere daselbst auch schon (s. ibid p. 92 "■ ') gekannt. Nach 
ihr richtet sich dann weiter auch die indische Reihenfolge der Weichen taue ebenso 
wie bei uns. Benannt aber sind die Planeten (und dies tritt zu zweit dafür ein, dass 
dieselben schon von älterer Zeit her den ludern bekannt sind) nicht nur mit den grie- 
chischen oder diesen entsprechenden Namen, sondern auch mit einer ganz anderen 
ständigen Nomenclatur. Mars heisst theils: der rothe, theils: Sohn der Erde. Mir cur: 
Budha, Sehn des Soma (Mundes), Jupiter: Brihaspati, Sohn des Aügiras, Venus: 
Sohn des Bhri.nu, Saturn: Sohn der Sonne. Sonne und Mond sind wie bei den 
Griechen die Träger der beiden eisten Wochentage. 



!'22 Sitzung der philosophisch - historischen Classe vom 17. Juli. 

der Sonne resp. dein Zodiacus zu. Die unmittelbare Folge davon 
ist die Berichtigung der l>is dahin gültigen Krittikä -Reihe der naksh- 
atra, welche einem Taurus- Zodiacus entspricht, in die dem Aries- 
Zodiacus entsprechende Agvini-Reihe gewesen 1 . Es .sind im Übrigen 
nicht nur die Namen der Planeten und der Zodiacalbilder in unmittel- 
barer Transscription in das Sanskrit übergegangen und zum Theil darin 
bis in die neueste Zeit hüiab lebendig geblieben, wie z. B. ara 'Apy? und 
heb Y,Xiog, sondern es sind auch zahlreiche griechische termini technici 
demselben Lncorporirt 2 und z. Tb. sogar in die poetische Sprache auf- 
genommen worden, z. B. jämitra {^ia.fxtrpov) in Kälidäsa's Kumärasam- 
bhava. — Nach H. Jacobi ist es speciell die durch Firmicus Mater- 
nus (336-354 u. Z.) erreichte Stufe der antiken Astrologie, welche 
z. B. den bei Kälidäsa vorkommenden Anschauungen der Art zu 
Grunde liegt 3 . 

Auch in Bezug auf die Arithmetik und Algebra, in der die 
Inder bekanntlich Grosses geleistet haben, war schon Colebrooke (Mise. 
Ess. 2 2, 401. 446) geneigt, griechischen Einfluss, speciell den des 
Diophantus, anzunehmen. Dagegen tritt aber Run. Hörnle in dem 
Vorwort zu seiner trefflichen Bearbeitung, eines im Gäthädialekt ver- 
fassten, anscheinend buddhistischen, arithmetischen Textes, den 
er in das dritte, vierte Jahrb. u. Z. setzt, entschieden für »the entirelv 
native origin« der indischen Arithmetik ein 4 . 

Nun würde zwar die von Woepcke 5 angenommene Übereinstimmung 
in Bezug auf das von Buddha bei seinem Braut-Examen gelöste Exempel 
(betreffs des Atomen -Inhaltes eines Yojana) mit dem sogenannten Are- 
narius des Archimedes (287-212 v.Chr.) sich, im Fall ihrer Bewahr- 
heitung, einfacher durch die Annahme, dass hier die buddhistische An- 
gabe, deren Alter keineswegs feststeht, auf Entlehnung beruhe, als 
durch die von Woepcke angenommene Entlehnung von Indien her, 
erklären lassen 1 '. Auch ist in neuester Zeit sogar eine, freilich in 
ihrer vorliegenden Form erst auf den Anfang des vorigen .Jahrhunderts 
zurückgehende Sanskrit -Bearbeitung der Elemente des Euklid, auf- 



1 s. Ind. Stud. 9. 429. 

- s. Ind. Sind. 2. 254. akad. Vorl. i. L. G. 2 272. 273. 

1 »de Astrologiae Indicae horä appellatae originibus« Bonn 1S72; hora selbst 

ist J fl«. 

* Verh. des 7. intern. Or. Congr. 2, 127 — 147 (Wien 1888), speciell p. 133 fg.; — 
das betreffende, sehr schwer lesbare Mspt., dessen Entzifferung Hörnle zu grosser 
Ehre gereicht; ist etwa aus dem 8 — 10 Jahrh. 

: ' mem. sur la propagation des chiffres Lndiennes Paris 1863. 

r ' s. Ind. Stud. 8, 325. 437 ak. Vorl. ind. L. G. 2 274; — oder ob etwa beiderorts 
auf babylonischem Einfluss basirend? 



Weber: Die Griechen in Indien. 'J'2.\ 

getaucht. Die Nachrichten darüber sind jedoch /.. Z. noch sehr un- 
bestimmt 1 , und es steht in keiner Weise fest, ob diese Bearbeitung 
auf einer älteren dgl. beruht, deren Entstehung ihrerseits in alte Zeil 
hineinreicht, oder ob sie nicht einfach überhaupt nur eben dem 
Beginn des vorigen, resp. des töten, Jahrhunderts selbst angehört, 
somit erst durch modern-europäischen Einfluss 2 vermittelt ist? 
Immerhin ist dieselbe schon darum von Interesse, weil der fremde 
Stoff darin ganz in indische Form gegossen ist, was eine vortreffliche 
Parallele bietet für .ähnliche Vorgänge der alten Zeit. 

Neben solchen etwaigen, eben doch sehr zweifelhaften griechischen 
Einflüssen nun sind die Inder auf dem Gebiete der Arithmetik, 
Geometrie etc. jedenfalls auch ihre eigenen Wege gegangen. Die 
ältesten, ziemlich sonderbar abgefassten Regeln über Combi nationeu 
und Permutationen nämlich schliessen sich in ungezwungener Weise 
an metrische Fragen der Art an; wie viele Variationen wohl sich für 
ein Metrum von 2,3,4 und mehr Silben auf Grund der verschie- 
denen Quantitäten dieser Silben ergeben? 3 ; und dabei ist denn fremder 
Einfluss kaum irgend anzunehmen. — Ebenso wenig wohl auch bei 
den in den sogenannten culvasütra »(Mess-) Schnur -Regeln« enthal- 
tenen Angaben über die Art und Weise, wie bei der Errichtung eines 
Feuer- Altars aus Backsteinen, in niannichfachen Formen resp. Ostalten, 
die Modifikationen der regulären Vogel -Gestalt desselben in fest geord- 
neter Weise herzustellen seien. Um diese Variationen der Gestalt, /.. B. 
als Wagenrad, viereckiger oder runder Trog etc., unter den gegebenen 
Restrictionen in richtigem Verhältnisse herzustellen, hatte man sehr 
mannichfache geometrische Versuche, resp. Processe, vorzunehmen, und 
gelangte so, in rein experimenteller Weise, u. A. zur Auffindung und 
factischen Verwerthung des von den Griechen dem Pythagoras zu- 
geschriebenen Satzes von dem Verhältnisse der Hypotenuse zu den 
beiden Katheten, ja sogar zu Versuchen zur Quadratur des Kreises 1 . 

In Bezug hierauf nun hat L. v. Schröder neuerdings (1884) die 
Behauptung autgestellt, dass Pythagoras neben anderen Dingen auch 
jenen nach ihm benannten Lehrsatz von den Indern entlehnt habe. 
Hiergegen ist indessen zunächst zu bemerken, dass in keiner Weise 



1 ein junger Hindu, H. H. Dhri-va, Vertreter des Mahäräja von Baroda, berichtete 
darüber im Sept. vor. .1. in einer Sitzung des achten intein.it. Orient. Congresses in 
Stockholm/ Christi ania. 

2 man hätte dabei etwa .in die Jesuiten - Patres am Hofe des Kaiser's Akbar 

(1556- 1605) ZU denken:' 

3 s. Ind. Stud. 8, 425-32 Colebrooke Mise. Ess. 2 2,97; — die Darstellung hat eine 
gewisse Ähnlichkeit mit der des von Hörnle bearbeiteten Textes, mit dem ihnen ja 
auch das Wort rüpa in der Bedeutung: Eins (Hörnle p. 131) gemeinsam ist. 

4 s. G. Thibact the sulvasütras 1 S77 ; cf. dazu Ind. Streifen 3,485. 

Sitzungsberichte 1890. 78 



924 Sitzung der philosophisch - historischen ('lasse vom 17. Juli. 

feststeht, in welcher Zeit jene culvasütra, die ihrerseits nur einen 
Appendix zu einigen der sogenannten crauta-sutra des Yajurveda 
bilden, zu setzen sind? oh sie resp. wirklich als vor-Pythagoräisch 
gelten könnten? Die Blüthezeit des Fythagoras wird gewöhnlich 
/wischen 540 — 500 v. Chr. gesetzt. Dies ist immerhin für Indien ein 
bischen hoch! Nun beruhen ja diese Regeln selbst allerdings ihrer- 
seits auf einer alten praktischen Übung. Damit aber wird denn doch 
nicht beglaubigt, dass deren Träger auch bereits im bewussten 
Besitze derjenigen Vorstellungen waren, die man dann im Verlaufe 
eben aus ihrer Praxis gezogen und in die Form bestimmter Regeln 
gebracht hat. — Sodann aber ist ja überhaupt ein Schluss auf Ent- 
lehnung, da, wo es sich um richtige Resultate handelt, durchaus 
nicht irgendwie erforderlich. Richtige Resultate können sehr wohl 
an verschiedenen Orten, ganz unabhängig von einander, gefunden 
werden. Nur da, wo es sich um unrichtige resp. willkürliche An- 
sätze und Vorstellungen handelt, ist es schwierig anzunehmen, dass 
man in verschiedenen Ländern sollte selbständig auf die gleiche Idee, 
resp. Phantasie verfallen sein; und dabei liegt dann die Annahme einer 
Entlehnung von der einen oder anderen Seite her, nahe. -- Jene 
Vorschriften der eulva-sutra stehen im Übrigen, um dies noch zu 
erwähnen, in Indien ganz vereinzelt da, haben allem Anschein nach 
da keine Weiterbildung erfahren. — Auf die angebliche indische 
Schülerschaft des Pythagoras kommen wir im Verlauf nochmals zurück. 
Auch die indische Medicin scheint nicht unbeeinflusst von der 
griechischen geblieben zu sein. Von den früheren Träumereien über 
das hohe Alter der indischen Medicin, die in ihrer Naivität so weit 
gingen, einen Ausspruch Wilson's, der als äusserste Grenze für die 
Abfassungszeit eines ihrer Textbücher das Jahr 1000 ansetzte, auf das 
Jahr 1000 vor Christus statt nach Christus zu beziehen, ist man 
längst zurückgekommen. Haas freilich, welcher den Sucruta als 
nicht nur von der griechischen, sondern sogar von der arabischen 
Medicin beeintlusst auffasste, ist zu weit nach dem anderen Extrem 
hinübergegangen 1 ; obschon ja immerhin nicht ausgeschlossen bleibt, 
dass, ähnlich wie bei der Täjaka-Stufe der indischen Astronomie, so auch 
einzelne moderne indisch -medicinische Werke unter moslemischem 
Einiluss abgefasst sein können 2 . — Die Frage über die Tragweite des 
griechischen Einflusses auf die alten Texte der Art, bedarf nun aber 
allerdings doch erst noch einer eingehenden Prüfung. Rudolf Roth 



1 S.ZDMG 30,617(1876). 647(1877), und dazu Vug. Müller ibid. 34,465 (1880), 
sowie Ind. Streuen 3, 593. 

5 s. Pärasiprak. 1,8.9. 



Weber: Die Griechen in Indien. 925 

hat in ansprechender Weise 1 auf die Verwandtschaft des Asklepiaden- 
K'nles mit der Lehre des ( araka über die Pflichten der Arzte hin- 
gewiesen. Die Identität der Lehre von den drei humores 2 ist augen- 
fällig. Sollten sie]] denn weitere dergleichen Coincidenzen hei'ausstellen, 
so wird jedenfalls seitens der Chronologie kein Einspruch gegen eine 
Ableitung derselben aus griechischen Quellen erhöhen werden können 3 . 

Was endlich die Philosophie und die für Indien kaum davon 
trennbaren religiösen Vorstellungen, anbelangt, so lassen die 
Nachrichten der Griechen keinen Zweifel darüber, dass die indischen 
Asketen, yv^vocoftirroii , üAo/Sjoj einen tiefen Eindruck auf Alexander 
und seine Begleiter gemacht haben. Die Selbstverbrennung des 
Kalanos in Athen, rief dann staunende, wenn auch zugleich mitleidige 
Bewunderung hervor. Auch unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass 
die Lehren der alexandrinischen Neu -Platoniker ' wie Neu-Pythagoräer 
speciell auch die Lehren des Philo von Alexandrien und die von 
ihm wieder ressortirende Lcdire vom XÖyog'' im Johannes -Evangelium, 
indische Züge tragen, resp. als von indischer Seite her befruchtet 
erscheinen. 

In noch frühere Zeit hinauf zu gehen, und auch die Lehre des 
Pythagoras von der Metempsychose aus Indien herzuleiten, erscheint 
mir dagegen als bedenklich. L. v. Schröder, der dies neuerdings 
befürwortet hat, geht zwar nicht, so weit, wie einer seiner Vorgänger, 
der sogar den Namen des Pythagoras geradezu aus: Buddhaguru 
erklären wollte", aber er nimmt eben doch direct an, dass die 
Seelenwanderungs- Lehre des Pythagoras von Indien, resp. vom 
Buddhismus her stamme. In der That würde nur Letzteres 
anzunehmen sein, denn vor Buddha hat diese Lehre in Indien, wie 
es scheint, überhaupt nicht bestanden, während sie bei ihm einen Eck- 
stein seiner für das Volk bestimmten Predigten (speciell der jätaka- 
Legenden) bildet. Nun ist aber die immerhin noch nicht mit voller 
Sicherheit festgestellte Zeit Buddhas, der chronologisch fixirten Zeit 
des Pythagoras gegenüber (540 — 500) eben darum eher im Nachtheil 
als im V ortheil, zum Mindesten ihr ziemlich gleichstehend. Und 
es erscheint somit rein a priori in hohem Grade bedenklich, ihn 
als Lehrer des Pythagoras, diesen als seinen Schüler, hinzu- 
stellen. Da an eine dir e et e Beziehung der Art nicht zu denken ist. 



1 ZDMG. 26,448 (1872); s. akad. Vorl. ind. L. (I. p. 2N7. 
- allerdings schon im värttika zu I'aii. 5. 1.38. s. Ind. Sind. 1 13, 462. 
3 s. Stenzler's ähnliche Worte, citirt in den akad. Vorl. ind. L. G 2 285. 
1 Lassen, Ind. Ältk. 3. 417 Ilt. 
5 s. Ind. Stud. 9, 173-80. 

B ähnlich wir ein Anderer das lateinische flamen [flagmen, cf. Itamma] 
brahman identificirt hat! 

78* 



926 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 17. Juli. 

sondern nur an mittelbare, über Aegypten oder Persien hinweg, 
so gehören dazu doch wohl, wenn man die Langsamkeit des Welt- 
verkehrs in den damaligen Zeiten erwägt, mindestens mehrere 
Jahrzehnte, wenn das reicht!.— Nun liegt aber torner die Lehre 
von der Seelenwand«rung selbst dem menschlichen Geiste, 
zur Ausgleichung der Unbillen des irdischen Lebens, als Belohnung 
resp. Strafe für die Handlungen der Menschen, so nahe, ist geradezu 
eine so zu sagen so naturwüchsige Vorstellung, dass sie, obschon ja 
von ihr nicht das (deiche gilt, wie von dem sogenannten pytha- 
goräischen Lehrsatze, dass sie nämlich ein richtiges Resultat biete, 
dennoch sehr wohl von verschiedenen Völkern in verschiedenen Theilen 
der Erde selbständig aufgestellt worden sein kann 1 , ohne dass dabei 
an eine gegenseitige Entlehnung gedacht werden müsste. 

Wenn wir dagegen 2 bei Sokrates (Gorgias) für Gesetze und 
Lebensarten tu y.aXk, uxpiXifxa,, y,d;u, oder in lateinischer Ausdrucksweise 
das: honestum, utile, dulce als dafür maassgebend vorfinden, so 
ist dies theils eine so nahe Übereinstimmung mit den drei indischen 
Lebenszielen: dharma, artha, kama, theils trägt diese Aufzählung 
eine so individuelle Färbung, dass es zum Mindesten schwer fallt, 
hierbei an unabhängige Aufstellung beiderseits zu denken. In 
Indien nun ist diese Trias nicht in alter, sondern erst in seeun- 
därer Zeit nachweisbar, so dass ich nicht anstehe, hier dem Plato 
den Vorrang zu geben. Bei den Buddhisten und Jaina, die sie 
speciell betonen (die Brähmana kennen sie in der vedischeh Zeit 
noch nicht), stehen im Übrigen zwei dieser Wörter: dharma und 
artha auch anderweit sehr häufig in Verbindung mit einander 
aber in ganz anderer Bedeutung (dharma Gesetz, Vorschrift: 
artha: Sinn, Bedeutung des dharma) als in derjenigen, welche sie in 
dieser ihrer Verbindung mit dem dritten Worte: kama haben, so 
dass schon hiermit für diese Trias ein fremdartiges Moment 
den Hintergrund zu bilden scheint. So gut wie griechische Fabeln 
ihren Weg in die Jataka- Legenden Buddha's gefunden haben, ebenso 



1 wir finden sie bei den Aegyptern, Kelten, Griechen, Indern (Ind. Streifen i, 20). 
— Damit dass es vi.li bei ihr speciell um ein Postulal der ausgleichenden 
Gerechtigkeit handelt, ist eo ipso die Identität der seelischen Substanz, 
des wandernden Subjectes, des [ndividuums, bedingt. Und dass dies, beiläufig 
bemerkt, auch Buddha's eigene Anschauung war (während die buddhistische 
Hortrin darin im Verlauf andere Bahnen gewandelt ist), geht klar genug aus dem 
solennen Schluss der meisten jätaka- Erzählungen hervor: -der und der war ich, 
und der und der warst du«; diese rein praktische Wendung macht ganz den 
Eindruck eine originale, auf Buddha's Predigtweise zurückgehende zu sein, s. Ind. 
Streifen 3, 373. 376. 

2 s. Ind. Studien 17, 79. 



Weber: Die Griechen in Indien. 1)2/ 

gut kann dies auch lilatonischen Ideen passirt sein 1 . — Vielleicht 
liegt sogar noch die Brücke dazu vor. Sollten nämlich die in dem 
Milinda-panha enthaltenen Dialoge des Yavana - Königs Milinda 
(Menander) mit dem buddhistischen Priester Nagasena, nicht irgend 
wie mit den platonischen Dialogen in Connex stehen'-' nicht so zu 
sagen ein absichtliches indisches Paroli" ihnen gegenüber darstellen? 

Im vorstehenden Falle handelt es sich nun nicht sowohl um 
eine den eigentlichen Systemen der indischen Philosophie 
angehörige Doctrin, als vielmehr um eine so zu sagen volksthüm- 
liche Anschauung. Indessen gerade auch für jene stehen die 
literargeschichtlichen Chancen derselben denen der alten griechischen 
Philosophie gegenüber sehr ungünstig, da sie ja sämmtlich erst in 
viel spätere Zeit gehören als diese. Und wo daher in irgend 
welcher Richtung eine so specielle Übereinstimmung zwischen der- 
alt - griechischen und der indischen Philosophie statt findet (also 
eventualiter z. B. in Bezug auf die in Indien im Verlauf allerdings 
sehr eigenthümlich entwickelte Atomen -Lehre), dass diese Überein- 
stimmung nicht als spontane, selbständige Geistes -Production beider 
Völker betrachtet werden kann, wird man wohl stets an Entlehnung 
aus Griechenland her zu denken haben 3 . 

Ein Beispiel des Gegentheils möge denn freilich gleich liier folgen, 
doch handelt es sich dabei allerdings auch wieder nicht sowohl um eine 
der philos. Doctrin und Systematik, als vielmehr um eine dem Volks- 
gemüth angehörige Anschauung. Wir finden in Indien neben der 
obigen Trias der menschlichen Lebensziele auch eine Trias rein 
ethischer Art. und zwar eine solche, die von einem sehr hohen 
und reinen ethischen Bewusstsein des Volkes Zeugniss ablegl , eine 
Eintheilung nämlich der Sünden in solche des Gedankens, des 
Wortes und der That. Diese Trias aber liegt schon im Avesta 
ebenso wohl wie im Veda und bei den Buddhisten vor, gehört somit 
bereits der arischen Periode an, in welcher die späteren Iranier 



1 die Inder haben dann ihrerseits diese eventual. platonische Trias der Lebens 
ziele noch durch ein viertes dergleichen, den: tnoksha, die Erlösung, vermehrt. 

Es liegt im Übrigen nahe, mit derselben die rein indische Vorstellung von den 
drei guna: sattva, rajas und tamas in Verbindung zu bringen, resp. wohl als 
daraus selbständig entwickelt anzusehen? s. indess Atli. S. 10. 8,43 (wo Pet. W. 
freilich: tribhir gunebhih nur als: dreifach fasst). 

2 s. Oldenberg »Buddha« 2 p. 275 (1890) »in den Jahrhunderten, die auf den 
Inderzug Alexander's folgten , kann es im Lande am Indus nicht an Begeg gen rede- 
gewandter Griechen mit indischen Mönchen und Dialektikern gefehlt haben«, und die 
buddhistische Literatur hat eine Erinnerung an solche Begegnungen eben in 
jenen Dialogen bewahrt«. 

3 s. Ind. Streiten 2. 255 fg.: — zu ihn Atomen cf. Ind. Stud. 9, 9° (marici). 
17. 34. 107. 



928 Sitzung der philosophisch -historischen Classe vom 17. Juli. 

und Inder noch ein Volk bildeten. Wenn wir sie daher in unseren 
christlichen Poenitentialien, vom Papst Damasus (Mitte des vierten 
Jahrhunderts) an bis auf unseren Paul Gerhardt (»mit Herzen, Mund 
und Händen«) vorfinden, so haben wir darin eine indische 1 , ver- 
muthlich durch buddhistischen Einfluss nach dem (was für Indien) 
Occident (ist) gekommene Auffassung zu erkennen 2 . Zwar liegen auch 
für sie gewisse Anknüpfungspunkte bei Plato (Protagoras) , sowie in 
biblischen Redewendungen vor", indessen zu einer so festen ethischen 
Systematik, wie sie in jenen Poenitentialien zum Ausdruck kommt, 
reichen diese in keiner Weise aus. 

Und hier knüpft sich denn unmittelbar die in neuester Zeit 
durch Rudolf Seydel 3 , Jul. Happel u. A. speciell erörterte Frage an, 
in wie weit etwa buddhistische Einflüsse in der christlichen 
Legende, bis in die Evangelien hinein, anzunehmen sein möchten? 
Dass die Lehre Christi dadurch keine Einbusse erfährt, resp. in ihrer 
eigenartigen Bedeutung in keiner Weise taugirt wird, wenn sich Der- 
artiges herausstellen sollte, liegt auf der Hand. Die Frage, ob Gleich- 
nisse wie die vom verlorenen Sohne, von der Samariterin am Brun- 
nen' u. s. w. , die sich ziemlich identisch bei den Buddhisten vorfinden. 
hier christlichen oder umgekehrt in den Evangelien buddhistischen 
Einflüssen unterliegen, bleibt indessen zunächst für mich noch immer 
eine offene . Vor allem darum, weil ich nicht zu Denen gehöre, 



1 oder: avestische? 

2 s. Ind. Streifen 1.133. 134. 2,470. 3.258. ȟber ein Fragmeril der Bhaga- 

vati« 2,173. 

3 das Evangelium von Jesu in seinen Verhältnissen zu Buddha-Sage und Buddha- 
Lehre. Leipzig 1S87. 

4 die Cändäla (Paria) nehmen allerdings in Indien eine weit mehr verachtete 
Stellulli; ein. als die Samariter in Palästina, und es eignet sieh daher das cändäla- 

Mädchen bei weitem besser zu dem betreffenden Gleichniss, als die Samariterin. 

5 ich stehe in dieser Beziehung noch ganz auf demselben Standpunkt wie im 
Jahre 1863, wo Leb am 1 8. Juli an E. Rena» schrieb: 

»Ich stimme Ihnen völlig hei. wenn Sie sagen, daSS irgend welche direete 

Beziehungen zwischen Buddha's und Jesu's Lehre bis jetzt nicht nachweisbar sind, 

und dass SO gut wie Buddha selbständig in eigner That dasteht, eben so gut auch 
das Auftreten Jesu's als ein völlig selbständiges gedacht werden kann. Die Analogien, 
welche sieh in den beiderseitigen Parabeln finden, können, falls sie nicht etwa rein 
zufällige Berührungen sind, der Zeit nach ebenso gut in den buddhistischen Texten 
als entlehnt gedacht werden. Die vorliegende Form wenigstens des Saddharmapunda- 

rika, der dieselben enthält, ist entschieden eine höchst seeundäre. Von der ältesten 
chinesischen Übersetzung, die aus 2S0 p. Chr. datirl. wissen wir leider nichts Näheres, 
können also nicht sagen, ob sie diese Gleichnisse bereits enthielt. Indessen ist dies 
allerdings doch im höchsten Grade wahrscheinlich, ja man kann annehmen, dass 
grade sie eigentlich das einzige, wirklich Alte und Achte in dein ganzen Sehn all des 
Werkes sind, dass sie ihrem Fonds nach, abgesehen eben von der Form, die sie hier 
haben, wirklich direel von Buddha herrühren (s. Ind. Stud. 3.138%.). Wenn nun 
Woepcke Recht hätte, der im Journ. Asiat, dieses Jahres (März- April 1 den »arenaire 



Weber: Die Griechen in Indien, :)29 

die den betreffenden buddhistischen Texten ein so hohes Alter zu- 
sehreiben, als dies gewöhnlich geschieht 1 . 

Der Eintluss, welchen die buddhistische Religion durch 2 ihre 
Klöster Cur Mönche und Nonnen, ihre Heiligenlegenden, ihren Re- 
liquiendienst , ihre Thurmbauten, ihre Glocken, speciell auch durch ihr 
reiches rituelles und hierarchisches Gepränge" auf die Entwickelung 
des christlichen Cultus und Ritus ausgeübt hat, liegt im Übrigen 
klar vor. Auch der indische resp. buddhistische Einfluss auf die Ent- 
wickelung- der Gnosis und des Manichäismus steht fest 3 . Bekannt 
ist ferner, dass die beiden katholischen Heiligen Barlaam und U>sa- 
phat einfach einer missverständlichen Aneignung einer buddhistischen 
Legende ihren Ursprung verdanken. Endlich ist allem Anschein nach 
auch der Rosenkranz der katholischen Kirche indischen Ursprungs; 
der Name desselben resp. auf eine irrthümliohe Auffassung des Namens 
des indischen Gebetskranzes japamalä zurückzuführen 4 . 

Aber die Rechnung muss auch umgekehrt aufgemacht werden. 
Nirgendwo hat mehr als in diesen Dingen, die das menschliche Ge- 
müth so innig berühren, ein so stetiges Geben und Nehmen statt- 
gefunden. 

Wenn es denn z. B. in der Käthaka-Upanishad (i, 2, 23) heisst: 
«dieser atman (d. i. hier so viel als: Gott) ist nicht durch Unterricht 
zu erfassen, nicht durch Einsicht, nicht durch vieles Lernen; nur 



d'Archimede» aus Indien . resp. :111s dem Lalitavistara, ableitet, so wäre damit freilich 
eine Brücke geschlagen, auf welcher noch anderes buddhistisches Gut in vorchrist- 
licher Zeil nach dem Abendlande gelangen konnte. I>ass Letzteres bei den innigen 
Beziehungen, welche in den letzten Jahrhunderten v.Chr. zwischen Indien und den 
111 dessen nordwestlichen Theilen gegründeten griechischen Heichen, sowie mit 
A le\a n drie n stattfanden, nicht unmöglich, sogar im Gegentheil höchst wahr- 
scheinlich ist. liegt auf der Hand; nachweisbar ist indessen bis jetzt nichts der 
Art. Denn auch der von Woepcke angelegte Punkt scheint mir. hei dem höchst un- 
gewissen Aller des l.alita\ istara (Ind. Ntud. 3. 140 ; von den beiden ersten angeblichen 
chinesischen Übersetzungen des Werkes können wir gar nicht wissen, in wie weil 
sie mit dem vorliegenden Texte gestimmt haben mögen, da sie nicht vorhanden sind), 
bei weitem wahrscheinlicher zu Gunsten der Priorität des Archimedes entschieden 
werden zu müssen. Es liegt somit hier noch ein reiches Gebiet der Vennuthung 
und Forschung offen. Bei dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft wäre es ver- 
messen, sich mit Unbedingt hei t für die eine oder die andere Seite entscheiden 

zu wellen. Beweise sind eben für keine von beiden vorliegend.» — Zu dem hier 

Über den »arenaire d'Archimede.. bemerkten S. oben p. 922, zur Sache sellisi resp. 

noch Ind. Streifen 3. 375. 370 (1875). 

' S. Ind. Streiten 3,419.421. 375 und lnil. Stud. I 0. 275. Vei'Z. Berl.S.lI. 2, 824 n 5. 
- s. Ind. Streifen 1 . 1 10. 2, 1 24. 141 . 3, 50 ( Abondglorkenläulen ! ) : cf.C.F. KörPEK 
»die lamaische Hierarchie und Kirche» (1854; und dazu Ind. Streifen 2,163. "'4)- 

3 auch das Dogma von der Trinität, steht möglicherweise in Beziehung zu 
der avestischen Trias: Ahuramazda, Zarathustra und die Gemeinde und /u der 
buddhistischen Trias: Buddha, Dharma und Samgha; — s. Ind. Streifen 3,504. 

4 eig. »Gebetskranz«, s. meine Abh. über Krishna's Geburtsfest p. 340-41. 



930 Sitzung der philosophisch -historischen Ciasse vom 17. Juli. 

wen er sich selbst erwählt, durch den ist er zu erkennen«, 
so liegt dabei, da diese Vorstellung Indien sonst fremd ist, eine so 
nahe Beziehung zu der Lehre von der »Gnadenwahl« des Römer- 
briefes (9, 1 1 fg.) vor 1 , dass mir hier christlicher Einfluss anzu- 
nehmen scheint, wogegen die literargeschichtliche Stellung dieses 
Textes, in seiner vorliegenden Atharvan-Recension, meiner Meinung 
nach 2 , keinen Einspruch begründet. — Für die Bhagavadgitä so- 
dann sind wohl sicher, wenn auch Lorinser dabei viel zu weit geht, 
christliche Beziehungen anzunehmen. — Die ganze Lehre von der 
bhakti, der unbedingten gläubigen Hingabe an den »Herrn« 3 , 
d. i. an den betreffenden, sectarischen Gott, hat bereits Wilson auf 
eh ristliche Grundlage zurückgeführt. Wenn schon die vielfache 
Bezeichnung der dafür traditionell namhaft gemachten Lehrer, als 
cveta »weiss«, oder durch Namen, in denen cveta einen Theil 
bildet, auf weisse Männer, christlich^ Missionare also, hinweist 4 , 
so ist der eingehende Bericht des Mahä Bharata (12, 12771%.) von 
den Reisen'"' indischer Weisen (des Ekata, Dvita, Trita, speciell des 
Närada) über das Meer hinweg nach dem Cveta-dvipa, der Insel 
der eweta Weissen, um daselbst die Lehre von dem Eingotte 
kennen zu lernen, nur verständlich, wenn man darin Traditionen 
über Reisen indischer Frommen nach Alexandrien und über ihre 
daselbst erlangte Bekanntschaft mit dem Chris tenth um erkennt. — 
Der auf solche Weise nun, also theils durch christliche Missionare, 
theils durch in christlichen Ländern gewesene Inder, in Indien bekannt 
gewordene Name Christi, des Sohnes der göttlichen Jungfrau, 
und die ihm von seinen Anhängern zu Theil werdende göttliche 
Verehrung, konnten nicht verfehlen, die Inder an den von ihnen halb- 
göttlich verehrten Krishna 6 , Sohn der Devaki, (anscheinend der: 



1 s. Ind. Streifen 3, 574. 

2 nach Oldenberg »Buddha« 2 p. 56 (iSqo) freilich wäre die Käthakopanishad 
sogar als vor buddhistisch aufzufassen, und damit würde dann natürlich « 1 1 - Frage in 
umgekehrter Richtung zu entscheiden sein. Denn die betreffende Lehre ist keine 
so naturwüchsige, dass man ihre selbständige Entstehung in Indien sowohl wie in 
Galiläa anzunehmen berechtigt wäre. 

3 »parä 'nuraktir ievare« Qändilyasütra 2. 

4 s. Ind. Stud. 1,421. 2,168. 398. 400. 

5 s. Ind. Stud. 1.400; Abh. über Krishna's Geburtsfest p. 3i8fg. 

6 die ursprüngliche Bedeutung dieses, theils mit Indra (arjuna, phalguna) theils 
mit Vishnu in unmittelbarer Beziehung stehenden Heros, ist noch unermittelt ; - zu be- 
merken aber ist, dass er theils zu der Zeit, wo das Mahäbharata sich bildete, theils 
noch in der Zeit wo die alte Jaina - Hagiologie entstand (s. Verzeichniss der Berl. S. II. 
2,475, 498) als ein menschlicher, obschon bereits sagenhafter kriegerischer 
Held aufgefassl worden ist. Auf ihn bezieht sieh allem Anschein nach, was die Be- 
gleiter Alexanders über den indischen Herakles berichten. 



Weber: Die Griechen in Indien. 931 

Göttlichen) zu erinnern, und so ist es denn gekommen, dass auch 
zahlreiche christliche Stoffe und Legenden, speciell die von Christi 
Geburt unter den Hirten, von dem Stalle, der Krippe, als seiner Ge- 
burtsstätte, von dem Bethlehemitischen Kindermord, von der Schätzung 
des Kaisers Augustus, und anderes dergleichen, sich in den indischen 
Legenden von Krishna wiederfinden 1 . Speciell haben sich, und zwar 
bis in ganz moderne Ritual -Texte hinein, detaillirte Vorschriften über 
die Feier von Krishna's Geburtsfest erhalten, welche ihren fremd- 
ländischen" Ursprung deutlich dadurch bekunden, dass dabei, 
ganz im Widerspruch zu den sonstigen Angaben der indischen 
Legende über die Bedingungen, unter denen Krishna's Geburt statt 
fand (wonach nämlich das Kind noch in der Geburtsnacht, um es 
feindlichen Nachstellungen zu entziehen 3 , von seinem eigenen Vater 
aus dem Wochenzimmer entführt und seinen Pflegeeltern, dem 
Hirtenpaar Yaeodä und Nanda. übergeben ward), Devaki, die 
eigene Mutter des Kindes ruhig in ihrem Wöchnerinnenbett im 
Kuhstall liegt, wobei das Kind an ihrer Brust saugt, und zahl- 
reiche Gruppen von Hirten, Engeln u. s. w. dasselbe segnend und 
preisend umstehen. Ochs und Esel fehlen auch nicht 4 . Der Stern, 
der am Himmel steht und das Datum für die heilige Feier abgiebt, 
ist rohini, Aldebaran. 

An der frühen Existenz christlicher Gemeinden in Indien, an- 
geblich schon durch den Apostel Thomas gegründet'', ist wohl kein 
Zweifel zu hegen . — Nach dem Zeugniss des Nilos Doxopatrios 



1 s. meine Al>h. über Krishna's Geburtsfest (iSGS). passim. — In einem aller- 
dings ganz modernen Werke, welches zwar den alten Namen Romakasiddlhänta führt, 
alier offenbar moslemische Quellen benutzt hat, wird: lea, Jesus, als: Sohn der 
Mariyami, Maria, direct aufgeführt, s.Aufrecht Catalogus p.340, Ind. Streifen 2,292. 
Und so wird denn vielleicht auch schon die im Brahmavaivarta Pur. Krishnajanma- 
khanda 7, 14 vorliegende Angabe, dass Krishna's Vater Vasudeva ein Sohn der Mä- 
rishä war. als eine m i s s verständliche Aneignung gelten können; s. jedoch das hierzu 
in den Ind. Streifen 2. 30(1 Bemerkte. 

2 »Krishna's Geburtsfest« 11.310%. 

s und zwar ist diese Bedrohung des Kindes durch seinen eigenen Oheim, wie 
es scheint, eine bereits alte Vorstellung, die dann ihrerseits wohl auch noch, auf 
Grund ihrer Analogie mit der christlichen Legende von dem bethlehemitischen 
Kindermord, zu der Übertragung christlicher Stufte auf Krislina mit hingewirkt 
haben mag. 

4 «Krishna's Geburtsfest« p. 281. 339. 

5 vgl. noch Burnell: 011 some Pahlavi-Inscriptions (syrischer Christen nämlich) in 
South lndia 1873; und cf. dazu Ind. Streifen 3, 257 fg. 

s. W. Germann die Kirche der Thomaschristen Gütersloh 1877; — zum par- 
thieb. -indischen König Gundaphoror, Gondophares, YndophereSj Gadaphara Ga- 
thaspar, Kaspar (!) s. A. v. Gutschmid im Rhein. Museum 1^04 p. 101 fg.. A. v. Sallet 



932 Sitzung der philosophisch -historischen ('lasse vom 1 7. Juli. 

(zwölftes Jahrb.). schickte der Patriarch von Antiochien, noch damals 
einen jcäS-oTuxoc, Diaconus, nach Indien, resp. nach 'Pwßoyvpi, Rä 
magiri 1 . -- Die Portugiesen fanden im i6. Jahrhundert in Malabar bei 
den Thomas Christen noch syrische Bücher und arianisehen Gottes- 
dienst vor. Sie haben sich viele Mühe gegeben, diese »Ketzer« zu 
»bekehren«. — Auf die feine diplomatische Kunst der jesuitischen 
Missionare am Hofe Kaiser Akbar's des Grossen möchte event. ein 
Bild der Devaki. mit dem Säugling Krishna, zurückzuführen sein, 
welches sehr speciell an die Madonna Lactans erinnert, falls dasselbe 
nicht etwa doch direct noch auf alte byzantinische Motive zurück- 
gehen sollte 2 . 

Als eine alte Beziehung auf christliche Missionen, und zwar 
nicht in Bezug auf den Krishna -Dienst, sondern auf den des Räma, 
dessen milde Gestalt sich dazu eigentlich viel besser eignete, ist hier 
schliesslich noch die Sage von dem frommen Cüdra Qambuka 3 bei 
Kälidäsa im Raghuvanca 15.5" und bei Bhavabhüti im Uttara Räma- 
carita (Act. II Wilson Hindu Th. 1,319) anzuführen. Im Raghuvanca 
findet Qambuka einfach nur seinen Tod durch Rama, als Strafe dafür. 
dass er, obschon als Cüdra nicht dazu befugt, und somit den 
Frieden des Landes störend, asketischen Übungen obgelegen hat. 
um dadurch die Gotteswürde (surapadam) zu erlangen 4 , und erreicht 
er dieses Ziel nicht (gatim na prapa). Bei Bhavabhüti dagegen tritt der 
Erschlagene wirklich als devapurusha, in göttlicher Gestalt, auf, 
und bedankt sich bei Rama dafür, dass er durch sein Kommen ihm 
zum Tode und damit zur göttlichen Würde und Seligkeit verholfen 
habe. In dieser Lebende nun hat K. M. Banee.iea im Vorwort zu seiner 
Ausgabe des Narada-Pancarätra, wohl nicht mit Unrecht", eine An- 
spielung auf die Ansiedelung christlicher Missionare an der Küste 
von Coromandel und Malabar gesucht. In der Form der Sage bei Bha- 
vabhüti könnte resp. eventualiter sogar eine blasse Beziehung auf den 
Simeon des Lucas -Evangeliums (2, 25. 29) durchschimmern, freilich 
stark ins Indische verunstaltet! 



die Nachfolger Uexander's p. 223 fg. (Nachtrag, i*7>r. danach wäre G. 60 -80 u.Z. 
zu setzen), und Rhein. Museum 1879 p. 340. 

1 s. » Krishna' s Geburtsfest« |>. 330. 

2 s. »Krishna's Geburtsfest« |>. 342. 347. 

3 bei der Legende von der frommen Qavari Rämäy. 1, 55 fg. (59 fg.) liegt, in 
Folge ihrer Beziehung zu dein Gleichniss von der Samariterin am Brunnen resp. dem 
Cändälamädchen und Buddha, die Eventualität buddhistischen Ursprunges ebenso 
nahe, wie die Zurückführung auf die christliche Legende. 

1 ebenso im Rämäy. selbst Uttarakända 82, 3 (76,5). 
■' s. Ind. Streifen 3. 90. 



Weber: Die Griechen in Indien. !).>.> 

Endlich sei noch bemerkt, dass wohl nicht das neue Testament, 
sondern der Qorän gemeint ist, wenn in einem modernen Texte 1 , 
der Qukraniti nämlich (4,276. 304; resp. 4, 4, 29.62), bei Aufzählung 
der 32 indischen (!) Wissenschaften, in Letzter Stelle auch das 
Yävanam matam, und zwar als: die Lehre vom Eingotte predigend, 
aufgeführt wird." 



1 sein Herausgeber, G. Opfert, hält ihn freilich (1882) für sehr alt. 

2 s. dazu l>. Lit. Z. 18S3 ]>. 63 und Pärasiprak. 1.11. 



935 



Über Christian von Stavelot 
und seine Auslegung zum Matthäus. 

Von E. Dü.mmler. 



(Vorgetragen am 22. Mai [s. oben S. 5531. 



Die Zeit der Karolinger nimmt für das Mittelalter fast eine ähnliche 
Bedeutung in Anspruch, wie" für die Jahrhunderte der neueren Ge- 
schichte der sogenannte Humanismus. In beiden Fällen handelt es sich 
um ein Wiederaufblühen der klassischen Studien nach langer Barbarei 
und der von diesen ausgehende geistige Hauch ruft literarische Er- 
scheinungen hervor, an welche die folgenden Zeiten nicht immer heran- 
reichen. So erweckt die karolingische Literatur in ihrer grundlegenden 
Stellung, in ihrer z. T. freieren Richtung für uns eine gesteigerte 
Theilnahine, sie enthielt manche Keime, die sich nicht weiter ent- 
wickelt haben und es folgte auf sie unleugbar ein Herabsinken, das 
zum guten Theile durch die politische Lage, die Autlösung des Reiches, 
veranlasst wurde. 

Nicht allzuviel von jenem Autheil hat man in neuerer Zeit den 
zahlreichen Bibelerklärern zugewendet, ausser wo es sich etwa um 
Quellen der ahd. Literatur handelte, da man gewohnt ist bei jenen, 
wie z.B. bei Hraban, der seine Gewährsmänner stets gewissenhaft 
nennt, meist nur eine Mosaik aus den Arbeiten der Väter zu finden. 
Einen etwas andern, eigentümlichen Platz nimmt der Schriftsteller 
ein, über welchen ich hier handeln wollte, Christian von Stavelot, 
da er ausdrücklich in seiner Erklärung des Matthäus sich vorsetzt. 
von dem einfachen historischen Sinuc des Wortlautes und zwar in 
allgemein verständlicher Sprache auszugehen, damit die Auslegung 
nicht wieder eines Auslegers bedürfe.' und erst in zweiter Reihe den 
geistigen, d. h. allegorischen, Sinn zu berücksichtigen. Denn die Ge- 
schichte sei die Grundlage aller Erkenntniss und daher sei es thöricht, 



1 Prolog. 'Aperta quoque locutione ipsum contextum digessi, quoniam stulti- 
loquium est in expositione alieuius libri it;i loqui, a\ necessarium sil expositorem ipsius 
expositionis quaerere.' 



936 Sitzung der phil.-hist. Classe v. 17. Juli. — Mittheilung v. 22. Mai. 

sofort zu geistiger Auslegung übergehen zu wollen, die ohne die 
historische nicht möglich sei.' AVer war dieser Christian? Sigebert 
von Gembloux (De SS. ecclesiast. c. 72), der sein auch uns erhaltenes 
Werk kannte, lässt ihn aus Aquitanien, seiner Heimat, nach Gallien 
kommen." Der etwas jüngere sogen. Melker Anonymus (c. 90), indem 
er seine Schritt ganz deutlich bezeichnet, verwechselt ihn in unbe- 
greiflicher Weise mit dem Erzbischof Wimund oder Guitmund von 
Aversa, 3 einem Zeitgenossen Gregors VII. und Urbans IL, der als lite- 
rarischer Gegner Berengars bekannt ist. und setzt ihn deshalb erst 
in das 11. Jahrh. Dieser von allen neueren Forschem bekämpfte 
Irrthum hat nur an Joh. Alb. Fabricius einen Fürsprecher gefunden. 4 
Job. Trithemius endlich, der bekannte Abt von Sponheim, fugt der 
Nachricht Sigeberts, die ihm als Quelle vorlag, den selbständigen 
Zusatz bei. dass Christian auch Druthmar geheisen habe und Mönch 
und Priester zu Corbeia gewesen sei. Hiebei wird man zunächst an 
Corbie denken, während Mabillon 6 allerdings Corvei verstehen wollte. 
weil er den Namen Druthmar mit Recht für einen deutschen hielt 
und deshalb die aquitanische Abkunft Christians bezweifelte. 

Trotz der Unzuverlässigkeit des Trithemius, die freilich erst in 
den Letzten Jahrzehnten allgemein erkannt und anerkannt worden ist, 
bürgerte sich diese Angabe, welche schon die beiden ältesten Heraus- 
geber ihrer Ausgabe voranstellen, so vollständig ein, dass unser 
Schriftsteller in allen älteren und neueren Abdrücken sowie in allen 
Literatur- und Kirchengeschichten Christian Druthmar genannt wird. 
als ob letzeres sein Familienname sei. (Von dieser Bemerkung ist 
allerdings Ad. Ebert auszunehmen, weil er in seiner Literaturgeschichte 
unseren Christian überhaupt gar nicht berücksichtigt hat). Und doch 
wäre ein solcher Doppelname für die karolingische Zeit, die in der 
Regel nur Einen Namen kennt, sehr auffallend und einer besonderen 



1 III. 'Studui autem plus historicum sensum sequi quam spiritalem, quia irratio- 
nabile mihi ridetur spiritalem intellegentiam in libro aliquo quaerere et historicaui 
penitus ignorare, cum historia fundamentum omnis intellegentiae sii et ipsa primitus 
quaerenda el amplexanda el sine ipsa perfecte ad aliam non jmismi transiri.' 

- 'Christianus ab Aquitania in Galliam veniens a in suum scribendo notifi- 

cavit' (Miraei biblioth. eccles. p. 141. Fabricius bibl. eccl. p. 101). 

3 'Guidmundus, i|ni et Chris tianus, primo in monasterio Stabulaus tnonachus 
fuit, ubi dum abbas constitui atque ad alterum locum regendum mitti debuisset 
aufugit ignotamque piovinciaai appetens' etc. 

1 Bibliotheca mediae el infimae latinitatis I. 1040. 

■ De scriptorib. ecclesiast. c. 280: 'Christianus qui el Druthmarus monachus et 
presbyter Corbeiensis ordinis Benedicti . . natione Aquitanicus . . veniens ab Aquitania 
in Galliam nomen suum scribendo notificavit' (Fabricius |>. 154). 

6 Mabillon annal. ord. S. Bened. II. 661: 'Germanum tarnen potius quam Aqui- 
tanmn fuisse crediderim'. 



Dümmljer: Über Christian von Stavelol und seine Auslegung zum Matthäus. 931 

Erklärung bedürftig. Dem Namen Drutlimar aber fehlt jede weitere 
Beglaubigung, weil die beiden uns erhaltenen Handschriften, eine 
Wiener aus dem io. und eine Münchener (von St. Emmeram) aus dem 
1 i . Jahrb.* von diesem Namen nichts wissen, der demnach vollständig 
aufgegeben werden muss. Ein aus dein Kloster Lorsch stammender 
Abt Drutlimar von Corvei (1014^-1046) hat mit unserem Christian 
nichts zu thun und es bleibt unklar, wie Tritheim überhaupt auf 
diese Bezeichnung verfallen ist. Der Zusammenhang mit Corbie ist 
natürlich als mir auf dem gleichen Zeugniss beruhend, ebenfalls 
preiszugeben. 

Wenden wir uns an den Verfasser selbst um Auskunft über seine 
Lebensumstände, so ergibt sich aus der seinem Commentare voran- 
gehenden Widmung 1 an die Brüder der von jeher unter Einem Ahle 
verbundenen, von König Sigebert gestifteten, Klöster Stavelot im Lüt- 
ticher und Malmedy im Kolner Sprengel, dass er seihst als Priester 
und als Mitglied dort gelebt habe. Er bekennt sich ausdrücklich als 
Lehrer der Jugend und berichtet, dass seine Schrift ihm aus wieder- 
holter mündlicher Auslegung erwachsen sei, 2 durch welche er den 
li. Hieronymus habe ergänzen wollen, also aus einem Hefte, dessen 
Inhalt er durch die Schrift befestigen will, um dem Gedächtniss der 
Zuhörer nachzuhelfen. Mit hohem Lobe preist er die Gemeinschaft 
der Brüder, ihre Lauterkeit und aufrichtige Liebe.' doch scheint es 
eben deshalb, dass er seihst diesem Kreise noch nicht lange angehört 
habe und erst von einem andern Kloster dorthin gekommen sei. 
Leidei' ist das bisher bekannte urkundliche Material aus jenen \rer- 
schwisterten Klöstern, welche seit 870 dem ostfränkischen Reiche 
angehörten, sehr dürftig, indessen linden wir doch unter den Unter- 
schriften einer Urkunde des Abtes Hildebald von Stavelot aus dem 
J. 880 einen Dechanten Christian, 4 der mit unserem Verfasser sehr 
wohl identisch sein könnte. Hierzu kommt noch ein zweites Zeug- 
niss. auf welches bereits Mabillon aufmerksam gemacht hat: Bischof 
Notker von Lüttich (972 — 1008) erwähnt in der von ihm verfassten 

1 Dil' seit der ed. princ. verstümmelte Widmung lautet: • Venerabilibus in Christo 
patribus in coenobiis sancti Petri principis apostolorum cognominibus Stabulaus et 
Malmundario deo militantibus el ad feliciora tendentibus '. 

2 Prolog. • N.-iiii quia perspexi iuvenibus vestris post expositum bis texlum 
evangelii Mathei oblivioni habere, statui apud ine ipsain expositionem eo tenore literis 
mandari, quo coram \ ol ii^ verbis digessi*. 

3 Prolog. -Supra enim omnes homines vestra mihi est nr.'iiim- sotietas, quia 
est sincera et absque dolo . . . El licet rebus terrenis egentes sitis, virtutibus tarnen 
repleti estis, im ni qui vos perfecte agnoverit, ulterius dilectione .'i vobis non possil 
separari. Sed si modico tempore vobiscum moratus fuerit' etc. 

4 Ritz, Urkunden zur Geschichte des Niederrheins, S. 11 — 12: 'Signum 
Cristiani decani'. 



938 Sitzung der phil. -hist. ('lasse v. 17. Juli. — Mittheilung v. 22. Mai. 

Vita Hadalini ein Diptychon, das auf dem Altare der Kirche von 
Stavelot aufbewahrt wurde und in welchem nach andern Namen 
Christian der weiseste folgte. 1 

Für die von Sigeberl bezeugte Abkunft aus dem rem romani- 
schen Aquitanien, der Heimat des gewandten Dichters Ermold, welche 
an sich wohl Glauben verdient, liefert das Buch keinen weiteren 
Anhalt. Es sei denn, däss einmal von den Aquitanien benachbarten 
Basken und Spaniern berichtet wird . sie hätten die Sitte, bei Gelagen 
zu tanzen, während die Franken dies für unpassend hielten." Von 
dem nahen Burgund und seinen Bergen spricht Chr. wie von einem 
ihm bekannten Lande, 3 er redet ferner von unserem Gallien, wo die 
Gewohnheit bestände, den Herrn in der Mehrheit anzureden 4 und 
von dem Frankenvolke, unter dem er lebte, 5 seinen eigenen Stamm 
aber bezeichnet er damit nicht näher. Worte aus der Volkssprache 
kommen bei ihm nicht vor, selbst, mittellateinische fast gar nicht, 
die lateinische Sprache scheint ihm vielmehr als seine eigene zu 
gelten, auch wenn er einmal von einer bäurischen Sprache redet." 
So sagt er u. a., dass den barbarischen Namen, wenn sie in unsere 
lateinische Sprache aufgenommen würden, Endungen angehängt zu 
werden pflegten. 7 

1 Notgeri Vita S. Hadalini § 5 (Mabillon, Acta ord. S. Bened. saec. II. uns): 
'Christianus quoque sapientissimus'. 

2 Cap. 35 (col. 1379 ed. Migne): 'Saltare in conviviis multae gentes pro honore 
haben t, quasi appareal quis mobilior sit. Nam Wascones et Ispaniarum populi adhuc 
retinent. a|iud Francos autem improperium est". 

:! C. 36 (col. 1 40 1 ) : 'Excelsum pro valde celsum, sicul nostri A Ipes sunt in 
Burgundia, in quibus calor nun multum potest nocere etiam in aestate.' 

1 C. 35 (col. 1305): 'Notandum vei piod nun eo innre dominum appellat, 

i|ii(i saeculai'is doctrina apud uns docet, sed 'tu es', sicul in antiquis libris invenitur 
usus t'uisse uiaiores. Siquidem Romulus et ricinus duo fratres tantae concordiae fuisse 
dicuntur, ut nihil iinus sine alio vellel habere et omnia communia dicerenl et haberent, 
sicuti modo monachi faciunt. Ex hac re increvii consuetudo in nostra Gallia. ut domi- 
nus plurali nuniei'ii appellent'; cf. col. 1388: 'In totis libris nostris nee ad deum nee 
ad imperatorem invenietis plurali numero dici, quamvis in communi aostra lingua 
usus sit. Seil tarnen est causa, pro qua in nostra terra hie usus inolevit ad unum 
hominem quasi ad duos loqui'. 

' C. 34 (col. 1443): 'sicut inter uns sunt monachi et canonici et tarnende una 
gente Francorum sunt, similiter erant apud ipsos". 

,; ('. 11 (col. 1308): 'Raca.. potest dici inanis seu sine cerebro: quam in- 
iiiriam in vulgata locutione in usii habemus, quin qui cerebrum nun habet et mm est 
sanae mentis'; c. 29 (col. 1355t: 'creseunt (sc. arundines) in paludibus locis in modum 
herliae. i|iiae apud nus rosvocatur'; c. 35 (col. 1391): -sicut lieatus llieninimus dicit, 
in Latina lingua nun habet una intirmitas speciale minien sicut apud Graecos et in 
nostra rustica lingua, ideirco posuit debiles. Qui enim nostra lingua Luscus dicitur, 
Graece dicitur killos ' etc. 

' C. 26 (col. 1344): •cum ad l.alinitalem venil eins (sc. Iacobi) nomen . additum 
est in iine, sicut sulet fieri in barbaris nominibus. cum in nostram linguam veniunt '. 



Dümmler: Über Christian von Stavelol und seine Auslegung zum Matthäus. D;J9 

Auf den Zeitpunkt der Entstehung des Werkes kann man nur aus 
gelegentlichen Anspielungen Schlüsse ziehen. So heisst es von dem 
Kaiser Octavian , dass er schon seil 800 Jahren in der Hölle läge. 1 Wenn 
dies mindestens auf das Jahr 8 14 weist . so entspricht dem eine Nennung 
Karls des Grossen, dem der Herrscher von Jerusalem, nämlich Harun. 
ein Grundstück zur Anlegung des fränkischen Hospitals geschenkl 
hahe. Aber es wird hierbei ausdrücklich auf einen etwas, vielleicht 
um mehrere Jahrzehnte, späteren Zeitpunkt hingewiesen, in dem die 
Mönche und Pilger jenes Hospitals von Almosen leben mussten ,'" wie 
dies aus der Zeit Ludwigs des Deutschen bekannt ist. An zwei Stellen 
ist von dem finnisch -uralischen Volke der Chazaren die Rede, deren 
Reich am Nordufer des Schwarzen Meeres an Don und Wolga gelegen, 
damals mächtig war und mit Recht wird daraufhingedeutet, dass 
dieser Stamm sich der Beschneidung, d. h. dem Judenthume, zu- 
neigte, dem seine Beherrscher, die Khakhane, angehörten. Ihre Ab- 
sperrung durch eherne Pforten wird nach einer weit verbreiteten 
sagenhaften Auffassung Alexander dem Grossen zugeschrieben. In 
Verbindung mit den Chazaren, die Christian als die früheren Hünen 
betrachtet und zu den biblischen Völkern (Joe- und Magog zählt, ist 
auch von den ihnen verwandten Bulgaren die Rede, welche täglich 
getauft würden.'' Dies kann kaum vor der Taufe ihres Fürsten Bogoris 
oder Michael im J. 804 (oder *ti_s). aber auch nicht viel später, ge- 
schrieben worden sein, denn dies Ereigniss, welches im ganzen Abend- 
lande als Triumph der Kirche das grösste Aufsehen erregte, gab den 
Antrieb zur Bekehrung des gesammten Volkes, das seinem Fürsten 
rasch nachfolgte. Andere Beziehungen auf Zeitverhältnisse entsprechen 
nicht gerade einem bestimmten Jahre, sondern nur dem neunten 
Jahrhundert im Alleemeinen, worauf wir .sogleich zurückkommen, 



1 ' • 35 ( c "b '4°o): 'Quid profuil illis iinperatoribus, qui istum inund 

habuerunt per viginti anm in . ut Octavianus per 1.1II annos, cum iam per octingentos 
aimos iaceat in inferno '? 

2 C. 56 (col. i486): 'Tunc l'uil in sepulturam peregrinorum et modo klem ipse 
liiciis hospitale dicitur Francorum, ubi tempore Karoli villas habiiil concedente illo 

rege pro amore Karoli. Modo solumi lo de elemosina christianoruro vivunt el ipsi 

monachi et advenientes', vgl. Monachi Sangall. gesta Karoli M. II, c. 9 (SS. II. 753). 

;i ('. 37 (col. 1405): et de Mexandro rege legimus, quod ad conclusionem gen- 
tium Goc et Magoc, quae Gazares nunc vocatur, gentes quondam Hunorum cum neu 
potuisset ms hello delere, ad deum conversus j ><-r ici-it et deus ad conclusionem eorum 
montein adauxerit et quod remansit ipse cum populo suo eonclusit et portas aereas 
subter ipsum montem posuerit'; c. 56 (col. 14510: 'Nescimus iam gentem sub caelo, in 
qua christiani non habeantur. Nam el in Goc et in Magoc, quae sunt gentes lbi- 
noruin, quae ab eis Gazari vocantur, iam una gens que forcier erat ex liis quae 
Alexander conduxerat, circumeisa est et omne iudaisimim observat. Bulgarii quoque, 
qui el ipsi ex ipsis gentibus muh cottidie baptizantur'. Vergl. meine Geschichte des 
Ostfränk. Reiches II. 188. 

Sitzungsberichte 1890. 79 



'.»40 Sitzung der uhil.-hist. Classe v. 17. Juli. - Mittheilung v. 22. Mai. 

/.. B. wenn er in Bezug auf Herodes redet von 'villis, quae ad comi- 
tatum eius pertinebant' (col. 1288). 

An der gelehrten Bildung Christians ist uns vor Allem eine ge- 
wisse Kenntniss der griechischen Sprache auffallig. Wenn auch sehr 
selten, ist diese im karolingischen Zeitalter doch nicht geradezu un- 
erhört. Abgesehen von dem Iren Sedulius in Lüttich, der einen 
griechischen Psalter abschrieb und dem Hofphilosophen Karls des 
Kahlen, Johannes Scotus, der sogar griechische Gedichte abfasste und 
griechische Werke übersetzte, begegnen uns einzelne Brocken, ja Zeilen 
in dieser Sprache auch bei dem gelehrten Walahfrid Strabo, dem Abte 
von Reichenau, und bei seinem Schüler Erinenrich, dem späteren 
Bischof von Passau. Christian hegte jedenfalls für diese Sprache, die 
er öfter als die schönste und wohlklingendste bezeichnet, eine be- 
sondere Vorliebe, ebenso wie er die Griechen nach heimgebrachter An- 
schauung das weiseste aller Völker nennt. 1 Er erwähnt auch einen 
Griechen Eufemius — vereinzelte Glieder dieser Nation waren im 
Abendlande nicht eben selten — , bei dem er ein griechisches Evan- 
gelienbuch, angeblich des h. Hilarius, gesehen habe, in welchem 
Matthäus und Johannes an der Spitze standen." Christian kennt das 
griechische Alphabet und macht einige Male Bemerkungen über grie- 
chische Buchstaben, über' die Abkürzung griechischer Worte. Er er- 
wähnt und erläutert öfter griechische Vocabeln, da nicht alle Fein- 
heiten der griechischen Sprache im Lateinischen genau wiedergegeben 
werden könnten (c. 25 col. 1341), wie z.B. Xarpswig und Soväewk, 
öcyiog und bcios und führt bisweilen ganze Sätze an, auch verbessert 
er die Schreibart einzelner lateinischer Worte nach dem Griechischen.' 1 
Inwieweit er ausser dieser lexikalischen auch eine grammatikalische 
Kenntniss der Sprache besessen habe, lässt sich hieraus freilich nicht 
sicher abnehmen, doch ist die letztere mindestens zweifelhaft. Plato 
wird einmal von Hörensagen genannt (col. 1427). Ein Chat aus der 
Odyssee dagegen und Verweisungen auf Aristophanes, Isokrates und 



1 C. 1 (col. 12(16): 'Ipsa (| [ue sonorior omnibus Unguis habetur'; (col. 1276): 

'quia Graeca lingua sonancior et comptior est omnibus Unguis sub caelo . . ob Grae- 
cos <|ui sapientiores fuerunt aliis'; c. 26 (col. 1345): c. 56 (col. 1490): 'sapientiores 
sunt omnibus gentibus el ipsa (sc. Graeca) sonorior aliis Unguis'. Wimpheling 
rühmt von ihm: 'Ad exemplaria greca lectorem remittil vocesque graecas dilucide 
explanat '. 

'- ('. 1 (col. 1266): 'Vidi tarnen Ubrum evangeUi Graece scriptum, qui dicebatur 
sancti Hilarii i'uisse. in quii primi crant Mathacus et Icihaiincs et |irius alii duo. 
Interrogavi vero Eufemium Graecum, cur hoc iia esset, ilixit mihi: In simüitudinem 
boni agricolae, qui quos fortiores habet boves primos iungit'. 

3 ('. 11 (col. 13 13): 'Eleemosyna Graecum nomen est et dicitur misericordia et 
eleemosyna dicere debemus, nun elimosi&a per e el non per i . . '. 'Hypocritae per 
unuiu |> (lebet scribi nun per duo'. 



Dümmler: Über Christian von Stavelol und seine Auslegung zum Matthäus. *)4 1 

Plutarch sind offenbar Zuthaten des zweiten Herausgebers, der die 
Auslegung des Wortes Evangelium umgearbeitet hat. 

Das Hebräische verstand Christian nicht. Sein Latein empfiehlt 
sieh durch Klarheit und Richtigkeit des sprachliehen Ausdrucks. 
Grammatische Bemerkungen sind natürlich nicht selten. Der Beiname 
des Grammatikers, der ihm öfter ertheilt wird, beruht nur auf der 
ältesten Ausgabe, könnte aber in dieser vielleicht handschriftlichen Grund 
haben: nach Christians eigener Erklärung- würde man darunter einen 
literarisch, d. h. wissenschaftlich gebildeten Mann zu verstehen haben.' 

Von den Kirchenvätern nennt Christian am häufigsten den h. 
Hieronymus, an den er sich ergänzend anschliesst, weil derselbe in 
seiner Erklärung vieles als zu unbedeutend übergangen habe," ferner 
Augustinus (col. 1306. 1369), Gregor den Gr. (col. 1304. 1341. 1455) 
und Beda, dessen Commentar zum Lucas er vergeblich gesucht hatte, 3 
sodann Orosius (col. 1454), Solinus (col. 1284), Origenes, Josephus (col. 
1402. 1407. 147 1) und die Kirchengeschichte des Eusebius, die letzteren 
beiden in lateinischer Übersetzung. 4 Die Gesta pontificum, auf die er 
für Silvester verweist (col. 1495), sind ihm bekannt und die Acten 
mehrerer Heiligen wie Sixtus, Celsus, Martinus, Julianus. Lampert und 
Leodegar, 5 die Passio S. Petri und anderer Apostel, vor Allem auch 
die seines Meisters Benedikt. 1 ' Von den Dichtern' werden Virgilius, 
Martialis, Juvencus, Sedulius angeführt, die Verse der Sibylle (col. 1427) 



1 ('. 28 (col. 1329): 'Scriba iste literatus etiam, 11t Graece dicitur, grammati- 
cus erat ". 

- Prolog. 'Et si aliquis requirit, quare post beatum Hieronimuin hoc ausus 
fuerim agere, respondeo, quia perspexi beatum Hieronimum multa verba quasi levia 
praeterisse et parvuli sciisus difficilia reddidisse'. Vergl. über Hieronymus col. 12711. 

I295. 130S. 1309. 1322. 1378. (391. l 4; ;;. 1484. 

3 Ibid.: -in Luca quoque audio post sanetum Ambrosium eundem Bedam 
manum misisse, seil non potui invenire adhuc in tota eins expositione nisi quasdam 
eins omelias'. Vergl. über 1 ><<l;i col. 1295. 1310- '366. 

4 Über Josephus s. col. 1287. 1288. 1337. 1366. 1380 und an andern Orten, wo 
er nicht genannt wird. Über Eusebius col. 1287. 1378. 1380. 1513. 

5 ('. 4 (col. 12114): -Tmlc quidam martyr, cum torquebatur, dicebat: Triticum 
dei sinn, molor dentibns bestiarum', welcher ist mir unbekannt. Vergl. col. 1 [0 
1316. 1344. 1352. 

i; ('. C, (col. 1298): -c«i modo quo et beatum Benedictum legimus vidisse'; 
C. 43 (col. 1420): -Nein enim beatns Benedictus alterius imitator i'uit nee plus quam 
dominus facere voluit'; c. 48 (cd. 1435): 'Shniliter de saneto Benedicto legimus, quod 
similia fecerit '. 

7 Über Vergil s. col. 1267. 1302. 1427. Aus Martial (Epigr. XIV, 73) findet sich 
folgendes ungenaue Citat: 'Unde est illud psittaci: A vobis aliorum nomina discam. 
Hoc didici per nie: Chaire Cesar' (c. 26, col. 1347). Unbekannt sind mir: c. 19 
(col. 1330) -ut quidam dixit de Octaviano : Divisum imperium cum Iove Caesar liabet', 
ferner c. 5 1 (col. 1458) 'Unde quidam sapiens: Conscius ipse sibi de sc putat omnia 
dici'. Juvencus (1. 2411 wird col. 1281 angeführt, Sedulius (carm. Pasch. V. 188 — 195. 
322 325) col. 1400. 1500. von Huemer nicht beachtet. 

79* 



942 Sitzung der phil.-hist. Classe v. 17. Juli. — Mittheilung v. 22 Mai. 

und ein Rhythmus des Beda (1464. 1465), sowie einige andere, deren 
Herkunft ich nicht kenne: den beliebten Vers 'Crescit amor nunimi 
quantum ipsa peeunia crescit' citiert er dreimal (col. 1373. 1404. 141 8), 
ferner die Grammatik Priscians (col. 1264). Zweimal wird auf Bestim- 
mungen einer lex Romana Bezug genommen. 1 Anekdoten aus der 
römischen Geschichte, namentlich von den römischen Kaisern, werden 
nicht selten berührt, zumal aus Eutropius und Victor. Als Seitenstück 
zu Herödes und seiner Tochter fuhrt er eine Geschichte von L. Quinctius 
Flamininus an. 2 Über Diocletian gehen diese geschichtlichen Beispiele 
nicht hinaus. Eine seiner wichtigsten Quellen sind die Etymologien 
(Origines) des Isidor von Sevilla, aus denen, obgleich sie niemals 
genannt werden, last alle Herleitungen von Worten entlehnt sind, 
namentlich auch die der meisten hebräischen Namen, ausserdem aber 
noch manche andere wissenswerthe Notizen, u. A. die Gliederung der 
Philosophie (col. 1266), Geschichte, Naturwissenschaftliches u. s. w., :i 
wie denn Isidor überhaupt eines der verbreitetsten und beliebtesten 
Hülfsbücher des Mittelalters war und von Hraban z. B. in noch viel 
grösserem Umfange ausgebeutet worden ist. 

Italien scheint Christian aus eigenem Besuche gekannt zu haben, 
denn er bezieht sich einmal auf die Gewohnheit der Langobarden, 
das Abpflücken von Ähren oder Trauben auf fremdem Gebiete für 
erlaubt zu halten, sobald es zu unmittelbarem Genüsse geschähe 4 und 
ein andermal theilt er mit, dass, wie der heidnische Gebrauch der 
Entmannung auch sonst öfter vorkäme, besonders in Benevent, die 
von ihren Eltern zum geistlichen Stande bestimmten Knaben in zartem 
Alter entmannt zu werden pflegten. 5 Über die Alpen spricht er 
jedoch von Hörensagen. 8 



1 ('. 56 (col. 1483): 'lex Romanorum est, ut qui in conventn alium perenssisset 
manum amitteret"; (col, 1488): 'Romana lex praeeipiebat, ut qui crueifigendus erat, 
ante Üagellaretur'. 

- Über die römische Kaisergeschichte s. col. 1271',. 1280. 1323. 1379- 1380. 1421. 
1448. 1456. An den beiden ersten Stellen lieg! Isidor m Grunde. 

:! Beispiele finden sich fast auf jeder Seite. 

I ('. 31 (col. 13(12): 'Nam et Langobardi eandem legem haben! de ipsa causa 
et phirimae aliae gentes, ut quando aliquis in messetn sive in vineam introierit, 111,-111- 
ducet quantum voluerit, foras 1 fferat'. 

5 ('. 62 (col. 1414): 'Ex antiquo usi1 gentilium adhuc permanet in multis gen- 
lilms atterere testicnlos infantinm in tenera aetate sive macerare vel etiam penitus au- 
ferre pro multis causis, sive ni assidue in servitio sint dominorum seu nl creditam 
sibi substantiam mm dispergant in mulieribus . . . Nunc vero in Benevento quoscum- 
que clericos facere disponunt, pater et mater in infantia atterunl testicnlos ei videntnr 
semper invenes esse nsque quo canescere ineipiunt. Nam in perfecta aetate si factum 
fuerit debilitantur statim et vires amittunt'. 

II ('. 3s (col. 1382): 'Abnnde solet crescere fenum in his excelsis montibus in 
aestate, sicut viderunt qui in nostris Alpibus conversati mihi'. 



Dümmler: Über Christian von Stavelot und seine Auslegung zum Matthäus. 943 

Über das gelobte Land, das Christian offenbar nicht selbst ge- 
sehen hatte, zog er öfter Erkundigungen von Wallfahrern ein zur 
Ergänzung der ans den Alten stammenden geographischen Angaben. 
Er forschte über die Heuschrecken und den wilden Honig, von dein 
Johannes der Täufer gelebt hatte, und bekämpft die Ansicht einiger, 
dass jene locustae kleine Vögel oder Fische gewesen seien. Honig 
von dort, der ihn in seinem Äusseren an Schnee oder Salz erinnerte, 
hatte er sich zeigen lassen. 1 In dem Commentare zum Johannes 
findet sich über beide Nahrungsmittel eine etwas abweichende Nach- 
richt. Er erwähnt den Reichthum an Rohr in Palästina wie in Italien 
(col. 1355. 1489) und das häufige Vorkommen der Pest in beiden Ländern 
(col. 1455). Von der Säule, an der Christus gegeissell worden, berichtet 
er, dass sie noch in Jerusalem vorhanden sei (col. 14S8), von der 
Gruft, in welcher er beigesetzt worden, gibt er eine ausführliche 
Beschreibung (col. 1495). Er spricht auch von den Gräbern des Simeon 
und Joseph, sowie der Maria im Thale Josaphat, indem er bemerkt, 
dass der Körper der letzteren in räthselhafter Weise aus der Kirche. 
in der er sich befand, verschwunden sei (col. 1520). Den Schätzen 
des Morgenlandes, die sich u. a. in prächtigen Grabmälern kundgeben, 
stellt er die abendländische Annutb gegenüber, denn im Gegensatze 
zu jenem erscheint ihm das fränkische Reich als ein unfruchtbares 
Waldland.' - ' 

Christian, der sich als einfacher Mönch nach dem Vorbilde des 
h. Benedikt fühlt, und sich selbst zur Demuth und Niedrigkeit be- 
kennt. 1 warnt dringend vor geistlicher Heuchelei im Fasten, Beten 
und anderen kirchlichen Werken, da jeder Lohn vor Gott verloren 
gehe, sobald Eitelkeit und Ruhmsucht sich einmische ' Massigen 



' ('.4 (001.1291): 'Vidimus et de Lpsa (sc. manna) afferentibus liis. qui de 
ill;i terra venere, Labet vero siinilitudinem nivis vel s.-ilis et dulcedinem uostri mellis', 
cf. col. 1 s-o. wo das 'mel silvestre in silvis repertuin' auf die zerriebenen Blätter 
eines Baumes zurückgeführt wird. 

2 ('. 35 (col. 1372): 'nostra terra in comparati illius terrae, in qua dominus 

haec loquebatur, sterilis est c|ii.'isi silvestris ' : c. 56 (col. 145 1 ): 'Apud n ni ii(ii< >s aliarum 
gentium grande Studium l'uil momraienta patrum ornare quod et in monuinentis Roma- 
norum adliuc apparet et in Machal um libro legimus. Sed occidentalis paupertas 

orientalibus divitiis comparata nihil est'. 

3 S. oben S.94] Anm.6; c. 56 (col. 1448): ' Eligo ego humiliari cum mitibus modo, 
quam dividere spoHa cum superbis'; c. 43 (col. 1419): 'Nam et monachi quamvis ali- 
quid plus videantur facere quam in evangelio scriptum est, tarnen eamdem noi'mam 
et ipsi tenere debent '. 

4 C. 12 (col. 1 3 1 5 ) : -Ne propter ieiunia tristitiam simnlemns ob favorem vulgi, 
sed hilariter deo serviamus, quia tunc cnanebit nos merces, si propter deum omnia 
faciamus' etc.: e. 44 (col. 142;): ' Quandocunque enim aliquid boni faeimus, si ceno- 
doxia si' immiseeat, mercede apud deum frustainur'. 



Ü-U Sitzung der phil.-hist. Classe v, 17. Juni. — Mittheilung v. 22. Mai. 

Genuss des Weines will er nicht vorwerfen. 1 Die Vornehmen dieser 
Welt betrachtet er mit einem gewissen Misstrauen und zwar nicht 
nur die Weltlichen, sondern auch die Geistlichen. Viele Tausende 
von Reichen gäbe es. die trotz ihres Vermögens nur mit unersätt- 
lichem Gelddurste nach mehr strebten. 2 Alle Reichen sieht er als 
Tyrannen an, der Schlemmerei und Trunksucht ergeben, achtlos für 
das Wort der Predigt, das sie wohl hörten, aber nicht mit ihren 
Gedanken begleiteten und nicht befolgten. 3 Er tadelt ihre Gering- 
schätzung im Verhehr mit dem gemeinen Manne. 4 Die Geistlichkeit, 
zumal die höhere, mahnt er zu ernstlicher Pflichterfüllung, zu einem 
vorbildlichen Lehen, zu eifriger Predigt über die Sünden des Volkes.'' 
Aber auch die Könige sollen ein gutes Vorbild geben, 8 denn die 
Menschen sind nur zu geneigt, liebedienerisch dem Willen ihrer 
Fürsten nachzuleben, ohne zu fragen, ob es das Rechte sei.' Sie 
sollen den Unterdrückten beistehen, die Unterdrücker bekämpfen. 



1 ('. 2g (col. 1358): 'Nee improperabant ei, quod vinum biberet, quod nun 
esl Vitium, si möderate potetur'. 

- ( '. 1 (col. 1277): 'per <li\ ites . . . qui solenl esse pleni vitiis'; <■. 10 (col. 1303): 
•Nun istam (sc. terrain), quae spinas et tribulos profert, quam crudelissimi et superbi 
magis possident'; c. 45 (col. 1421',): 'Qui maiores sunt in istu saeculo per tyrannideiri 
sunt; et per potestatein sunt super eos maiores , quia omnis dives aut iniquus aut in- 
qui lieres'; c. 43 (col. 1418. 1419): •Nun autem putandum, quod divites cum suis 
iniquitatibus intraturi sunt in regnnm caelorum, sed commutandi in melius adhuc dum 
vivunt, ut possinl cum pauperibus collocari'. 

3 ('. 35 (col. 1371): "Quando Ins praedicatur verbum, qui divites sunt, lunc 
cum gaudio suseipiunt verbum. Sed cum hora illa transierit et i|>si reversi fuerint ad 
ipsas ili\ itias . . faciunt quod delectationes suggeruni ei dimittunt quae in ecclesia 
audierunt'; (col. 1440): -inulti cum intrant in ecclesiam, lingua alterius verba cantant 
et animo de honoribus cogitant'. 

1 ('. 56 (col. 1494); 'Nostri enim, de quibus praeeeptum est pauperes colligere, 
ipsi despiciunl cos': c. 32 (col. 1363): 'Omnes praepositi, episcopi, abbates aut reliqui 

discere debent istum versiculum il ini: Misericordiam volo et scientiam dei plus 

quam holocaustum ' ; c. 41 (col. 14111: 'cum aliqui fortiores sunt aliquibus, si aliquid 
offenderinl minores, absque misericordia grassantur super eos, quia vident sc aliquid 
maius posse. Et nun solum suffocanl eos, seil etiam oeeidunt aut annihilant eos'. 

■"■ C. 56 (col. 1450): 'Videant magistri ecclesiarum, qui haben) simile niini- 
sterium in populis et tenenl praedia ecclesiarum, oe similes Ulis ßant, si tacuerinl 
l»i|nilis vitia su.i': c. j5 (col. ii74): 'Quod cavere debenl episcopi el prepositi eccle- 
siarum ne de eis similiter dicatur, sed debent instare et per se suosque . . ut ad- 
1 ieni populo peccata eorum'. 

6 C. 25 (col. 1343); c. 47 (col. 1430): 'regis ministerium est regere el guber- 
nare populum, oppressos liberare. opprimentes debellare. Qui nun facit hoc, nun est 
rex, sei tyrannus, qui locum oecupat et forsitan el ipse eos vastal et alios deprae- 
dare sinit'; 0.56(001.1462): 'maxime de magistris aecclesiarum , regibus, episcopiSj 
comitibus, qui proponunt sil.i longa temppra vivendi et percutiunt vel alias in- 
iusticias faciunt christianis, vacant comessationibus et ebrietatibus el aliis virus ; 
c. 56 (col. 1447): 'Qui rector esl in ecclesia primum debet implere quae implenda 
praeeipif. 

7 C. 56 (col 1 1.87): 'Sed adhuc talis esl consuetudo apud plures, ul quiequid 



I>fi] mim;: Über Christian von Stavelot und seine Auslegung zum Matthäus. 945 

Wiederholt berührt er die Vergewaltigungen der Kleinen, die 
Beraubungen von Freiheit und Eigengut, die bald unter rechtlichen 
Vorwänden, bald ohne solche vor .sich zu gehen pflegten. Er ver- 
gleicht die Mächtigen, die solches Unrecht verübten, und die ihre 
Knechte dann schlimmer als Hunde behandelten, geistlichen wie 
weltlichen Standes, mit reissenden Wölfen. 1 Namentlich rügl er die 
heuchlerische Art, wie die Seelsorger, statt vor allem Beseitigung 
des Übels zu verlangen, den geständigen Missethätern nur eine ganz 
leichte Busse von 40 Tagen (d. h. Enthaltung von Wein und Fleisch) 
auferlegten, und ihnen so über ihre Gewissensbedenken hinweghülfen, 
während doch die Wirkungen ihrer Gewaltthaten durch Geschlechter 
fortbeständen. Denn am Ende der Welt würden 1000 Nachkommen 
der ungerecht in Knechtschaft gestossenen sie verklagen. Eine merk- 
würdige Erläuterung zu den Klagen, die seit Karl dem Gr. unablässig 
in der Gesetzgebung über derartige Bedrückungen uns begegnen! 



viderinl vcl audierint principes suos laudare, laudent absque examinatione, 11t \ i 1 1 1 1 >< ■ - 
rent omne quod viderint eos vituperare' . . "."sie es) consuetudo hodie. ni pro uno 
verbo principis veritatem deserant'; c. 35 (col. 1373): 'similes sunt modo tepidi chri- 
stiani, 1(111 propter iram alicuius potentis sive donum deserunl veritatem et conver- 
liinliii' ;itl iniustitiaiu '. 

1 C. 1 1 (c. 1308): 'El tarnen multi verbo veniam petunl ei maluin, quod ei 
intulerunt, nun etnendant, nun est lalis venia deo accepta . . Verbi gratia quidain 
adquisivil hominem iniuste vel tulit alodem alicuius et venit ad confessionem e1 dicit: 
Mea culpa, peccavi in tali facto, da mihi poenitentiam , et dicit illi: Abstine te tanto 

tempore a vino et carne. quam aperta seductio! Nepotes illius serviunt li die 

et in fine mundi am centum aut ducenti erunt servi de illo uno. Et iste seductor 
dicil illi: Salvus eris. Alodem et aurum, quod tulit, ipse habe! el abstinel a suo vino, 
undc accipiel cras solidos plures quam si bibisset'. <'. 14 (col. 1321): -Lupus., habel 
a moribus ethymologiam , eo quod rapacitati sil semper deditus et cruori (cf. Isid. 
Etyin. XII. 2, 23). Similes sunl qui semper alios christianos cupiunt depraedare aul 
per violentiam aut etiam quasi per legem mundanam. Si sunt de eins beneficio am 
etiam servi vel si habent ministerium super illos, quaerunt occasiones, ul quasi per 

legem possinI eos expoliare; nun cogitant, quod di a progenie sunt et de uno 

patre, sed peius quam suos canes eos tractant . . Multi christiani dicuntur, sed actione 

lupi sunt; Iii non solum laici sed et clerici lupi moribus sunt, qui in ovile domini 

inter oves videntur, sed lupi sunt etiam et rapaces . . Qui pauperum annonas pecu- 
nias prave devoranl lupi rapaces sunt.. Dicunt: In beneficio mei sunt, secundum 
legem accipio quod accipio. Peus dixit: 'Diliges proximum tuum sicut te ipsuiii . 
Imperator! et regi hoc dixit: 'Quicumque a christiano christianus dicitur, illi dixil 
(Diliges — dixit fehlt bei Migne). C. 56 (col. 1485): 'Ista nun cogitant qui aliis 
contra iustitiam libertatem auferunt aur alodem (übergeschr. videlicet censum). Ecce 
uniiin inseruit aut aufert alodem et nascuntur lilü illi et in fine saeculi mille erunt. 
qui contra ipsum clamabunt. quia, sicut crescunt progenies, sie crescit peccatum illius 
ei cum venit ad maluin confessorem, iubet abstinere ei a vino am a carne XL dies .. 
C.43 (eol. 1418): 'Qui (seil, divesi neu cogitat aliud, nisi ut possit.. in potentia sae- 
culari exaltari de die in diem. qüocunqne ingenio opprimit vicinos et subditos silii 
quoseunque potesl calumniatur, ut augeat divitias suas . . Mulla millia de istis ha- 
bentur in isto saeculo . 



946 Sitaung der pl.il.- Lisi, ('lasse v. 17. Juli. — Mittheilung v. 22. Mai. 

Nach irdischer Macht soll Niemand streben, der mit Christus 
leben will, denn sie ist stets mit Sünde befleckt, 1 noch soll Jemand 
aus Ehrgeiz und mit unlauteren Mitteln nach einem Bisthum trachten, 
das vielmehr auf göttlicher Verleihung beruhe.' 2 Die Prachtliebe der 
Reichen, die selbst in ihren Gräbern zu Tage tritt, werde durch die Ein- 
lachheit der Bestattung Christi beschämt. 3 Die Spaltungen des Reiches, 
durch den Ehrgeiz der Könige hervorgerufen, erscheinen ihm als Vor- 
huten des Untergangs, weil Zwietracht die Reiche zu Grunde richte. 4 
Vor Gericht soll man weder einen Geistlichen noch einen Laien ver- 
urtheilen, ohne ein Geständniss seiner Schuld von ihm erlangt zu haben. 5 

Gelegentlich erfahren wir aus Christian Einzelnes von den Sitten 
Anschauungen seiner Zeit; so spricht er davon, dass es nur nach und 
längerer Trennung üblich sei, sich zu küssen, 6 dass manche im 
Kriege sich Zweige als Erkennungszeichen anzustecken pflegten, 7 dass 
auf fürstlichen Reisen Pfeifer verwendet würden, s dass die Hofleute 
die Grösse auf der Strasse abgeschafft hätten.'' Er erwähnt erefloch- 



1 ('. 50 (col. 1437): 'Caveant ergo reges el episcopi istam damnationem agri- 
colarum, De forte et ipsi similia patiantur, si bene nmi exeoluerint vineam dotnini'; 
c. 35 (col. 1584): •iiiilliis potesl habere potestatem sine multis peccatis. Propterea 
< 1 1 1 i \ ult sublimiter cum Christo regnare, uon curet habere potestatem in hoc saeculo'. 

- C. 35 (col. 13S4): 'Similiter de episcopis credo, quod deus ordinatos habeal 
• 1 m 1 esse debeant in hoc saeculo episcopi.. Propterea mm eril necesse cuiquam labo- 
rare inaiiiter pro episcopatu et cum peccato introire'; e. 47 (col. 1432): -Si ergo 
Christus in ecclesia sua tales invenerit, qui per praemia verbum divinum, mysteria 
sacra id esl episcopatus, presbyteratus diaconatus vendant ve] emant, eiciuntur de 

eeelesia dei '. 

('. 56 (col. 1405): 'ex ista sepultura domini simplici ambitio divitum con- 
demnatur, qui nee in sepulcro volunl carere divitiis'. 

1 C. 35 (col. 1384): 'Neque reges de regno certare debent, quia pro certu 
dominus haliei ordinatum quieunque reges esse debent in hoc saeculo'; e. 25 (col. 1342): 
•sieni in isto terreno regno, si divisum fuerit deperil er adnihilatur, sie etiam inier 
diabolos; c. 34 (col. 1366): 'discordia multa regna deiecil et annihilavit, concordia 
vero de parvis magna fecil et exaltavit, sicut adhuc hodie videmus'. 

"■ ( '. 1 j (col. 1310): 'Enimvero in iudieiis aullus debet neque clerioum aeque 

laienni indieai'e. ilenee eonl'essiimem ipsiuS andial de pecealn linde agitui"'; e. 35 

(col. 1374): 'Hie debenl omnes reges, episcopi e( praepositi exemplum capere, ne de 
ineeitis eansis indieimn promant, antequam veraciter crimen agnoscant'. 

6 ('.56 (col. 1480): 'Quod ntme apud nos neu fit nisi posl plures dies'. 

7 C. 56 (col. 1447): 'Fuerunt ergo i 1 1 i ßmbriae convenientes in hello, quia.. 
nun deeidebant sicut ramusculi, quos solenl portare in hello, quod ob Signum de 
nostris faciunt'. Vergl. auch <•. tt (col. 131 1): 'Pallium., nun esl in usu apud dos. 
Nam illud, quod fibula infrenante induimus, clamis vocatum esl apud antiquos'. 

N ('. 23 (col. 133M): ' Adhibebantur (sc. tibicines) autem antiquitus funeribus 
mortuoruin, nunc itineribus prineipum'. Im Anschluss an eine Stelle Isidor's (Etym. III, 
20. 4) lieisst es von den tibiae: 'modo hth <'t de gruibus ßunl et de metallis'. 

'■' ('. 2b (oiil. 1347): ' . . sanitäre debemus christianos, quia sie l'nit consuetudn 
;i|iu(l antiquos oostros . . Sed ex mala consuejudine et doctrina adolevil apud Pala- 
tinos, 11t nullus conparein suuin obvianti bona inprecetur'. 



Dümmler: Über Christian von Stavelot und seine Auslegung zum Matthäus. 94 1 

tene Körbe, in denen Opfergaben in den Kirchen dargebracht zu 

werden pflegten. 1 Er räth zur Vorsicht bei der Wahl der Frauen, 
bei der am meisten Werth auf den Charakter und auf die Gesundheit 
gelegt werden müsse. Den Weibern im Allgemeinen, die er nicht 
ganz so tief herabsetzt, wie etwa Petrus Damiani und andere Asketen 
des Mittelalters, wirft er brennende Neugier. Wankelmuth und Furcht- 
samkeit vor. 2 Durch ausschweifenden Wandel seien zu seiner Zeit 
selbst Frauen vornehmen Standes bis an den Bettelstab gebracht 
worden. Vielleicht eine Anspielung auf die berüchtigte Gräfin 
Engeltrüd, die Tochter Matfrids und Gemahlin des Grafen Boso. 
Sogar vor dem Seil istmorde zu warnen, was man in jener Zeit kaum 
erwarten würde, findet Christian für nöthig. 3 Mörder, die nicht 
genügend Busse gethan. träfe gewöhnlich schon hier der verdiente 
Tod (col. i486). Alle blossen Geldgeschäfte, mit denen keine wirkliche 
Arbeit verbunden ist, erscheinen ihm sündhaft, wenn Jemand z. B. 
an einem Orte Gold oder Silber erwirbt und es dann für doppelten 
Preis verkauft. 4 Beiläufig erwähnt Christian, dass es noch Leute gäbe, 
die den Gott Neptun verehrten," wiewohl er doch gleich den anderen 
Heidengöttem der Hölle angehöre. Die bösen Geister denkt er sich 
gleich Vögeln durch die Luft fliegend und von schwarzer Farbe." 
Auch für medicinische Dinge verräth er hier und da ein gewisses 
Verständniss : er meint, dass manche Krankheiten in einem Monat 
schlimmer seien, als in dem andern, weil der aus den vier Elementen 
gebildete Leib mit ihnen wüchse oder abnehme (col. 1302). Fieber- 
kranke befanden sich am elendesten , wenn das Fieber aufgehört 
habe (col. 1328). Die Ansicht der Arzte, dass Lähmungen durch 



1 C. 35 (col. 1393): 'Fiunt autem et ipsae sportae et parvae, quas videmus in 
basilicis cum oblationibus ferri '. 

2 C. 42 (col. 1413): 'Vidimus enim quasdam et nobiliter natas et ditatas ad 
tantam inopiam pervenisse propter incontinentiam morum, ut mendicando vitam fini- 
rent. Multas vero audivimus ob fornicationis malum occisas. Et e contrario alias ' etc. ; 
c. 56 (col. 1483): 'Curiosum animal est femina et ardens novitate'; cf. col. 1353. 1499. 

3 C. 43 (col. 1416): 'Sed quod dici dolor est. adhuc hodie nomine tenus 
christiani hoc iaciunt: cuius periculi malum ad episcopos respicit, qui eis nun annun- 
tiant, quia non finiunt tristicias et tribulationes , sed multiplicant, dum de istis tor- 
mentis ad atrociora transeunt'. 

4 C. 22 (col. 1335): 'Sunt denk[ue negotia, quae nun exercentur absque pec- 
cato' etc. (vergl. col. 1439). Über die Münzer heissl es (col. 1468): solent monetarii 
aeeipere argentum ab aliquibus et solent denarios formare et |n>st annum integrum 
reddere quod aeeeperunt et medietatem de ingenio suo super aeeeptum. 

: C. 35 (col. 1385): ' . . maxime his qui credunt errorem paganorum, quod 
Neptunus aliquam potestatem habeat in aquis, qui tenetur in inierno ut alii iniqui'. 
Vergl. Ermenrici epist. p. 29. 

6 C. 35 (col. 1400): 'excepti a nigerrimis daemonibus ' ; (col. 1371): 'Quod 
daemones volucres vocantur, <|iiia discurrunt per aera in morem volucrum '. 

Sitzungsberichte 1890. 80 



948 Sitzung der phil.-hist. Classe v. 17. Juli. — Mittheilung v. 22. Mai. 

Überfälle an Blut entständen, hält er für falsch, weil sie nur in 
höherem Alter einträten, in dem das Blut schon zu schwinden an- 
finge (col. 1332). Die Lähmung auf der rechten Seite sei minder 
gefährlich als die auf der linken. Über die Entstehung des Donners 
trägt er zwei verschiedene Ansichten vor: nach der einen erfolgte 
er durch den Zusammenstoss von Regenwolken mit solchen, die 
keinen Regen enthielten , nach der andern durch den in der Wolke 
eingeschlossenen Wind, der einen Ausweg suchte (col. 1 369. 1 393). 

Christian zeichnet sich durch einen nüchternen geschichtlichen 
Sinn aus, er erklärt es für eine Pflicht der Geschieh tschreiber ebenso 
wie in den Urkunden genaue Zeitbestimmungen zu geben und gemäss 
den Anschauungen ihrer Zeit zu berichten. 1 Zum Verständniss des bibli- 
schen Textes verweist er oft auf die besonderen Sitten und Gebräuche 
der Hebräer. So wirft er z. B. die Frage auf, wie es komme, dass 
in dem Stammbaume Christi sich mehrere Sünderinnen befänden und 
er beantwortet sie dahin, .einerseits solle dadurch angedeutet werden, 
dass Christus nicht gekommen sei. die Gerechten zu suchen, sondern 
die Sünder, andererseits aber hätten die Frauen in jener alten Zeit 
mehr nach Nachkommenschaft getrachtet, um die Erde zu bevölkern. 
als nach der Erhaltung der Keuschheit im Jungfrauen- oder Wittweh- 
stande, die ihnen noch gar nicht auferlegt worden sei (col. 1269). 
Zu dem Vergleiche der Lilien auf dem Felde mit Salomon bemerkt 
er, es habe noch reichere Könige gegeben als diesen, z. B. Nebukad- 
nezar, Ahasver, Octavian und ihre Nachfolger, aber keiner sei den 
Juden so bekannt gewesen wie Salomon (col. 131 8). Über den Stern 
der drei Weisen oder Könige aus dem Morgenlande, den er sich der 
Erde näher denkt, weist er unbegründete Fabeleien zurück und hält 
die Taube, die bei der Taufe Jesu den heiligen Geist vertrat, nach 
der Ansicht seiner Lehrer für eine wirkliche Taube. 2 Er verwirft 
jede Anbetung der Heiligen, weil diese nur als unsere Fürsprecher 
zu betrachten seien und Gott allein wirkliche Verehrung gebühre.' 
Bei der Auslegung der Worte, mit denen das Abendmahl eingesetzt 



1 C. 1 (col. 1274): 'etiam consuetudo historiographorum esl historiam sie scri- 
bere sicut eo tempore putatur, quando res agitur'; c. 35 (col. 1380): ' . . sicut eo tem- 
pore a praesentibns putata est'; c. 2 (col. 1280): -Usus fuit historiographorum ui. 
quando historiam scriberent, tempus regis adnotarent. sicut etiam nunc fit, non solura 
in gestis sed etiam in cartis'. 

2 C. 2 (col. 1282): 'Et multa dieunt aliqui de Stella hac, qui quia non habent 
fontem veritatis praetermittere malui'; c. 5 (col. 1295): 'Sic audivi tradere eum, qui 
mihi priinus evangelium exposuit (sed nee Hieronimus neque Beda de hoc quidquam 
dieunt) quod vera columba fuerit et veram carnem habuerit et verum corpus'. 

3 C. 6 (col. 1300): -a nullo saneto petamus remissionem peccatorum sed per 
eos studeamus impetrare, ut detur nohis ä deo. neque credamus in aliquem nisi in 
deum, quia credimus sanetos. sed non credimus in sanetos'. 



Dümmler: I ber Christian von Stavelot und seine Auslegung zum Matthäus. 949 

wurde, denkt er offenbar nur an einen geistigen Genuss (spiritaliter) 
des Leibes und Blutes, an ein Erinnerungsmahl, nicht an eine leib- 
liche Wandlung. 1 Man hat dalier in seinen etwas unbestimmten 
Wendungen die evangelische Auffassung wieder gefunden und von 
katholischer Seite deshalb auf Grund einer angeblich neu entdeckten 
Bandschrift eine Änderung der entscheidenden Worte versucht, die 
gerade so in der ersten Ausgabe aus katholischer Zeit gedruckl sind. 
Christian weiss, dass erst nach der apostolischen Zeil durch eine 
Synode vorgeschrieben worden sei. das Abendmahl stets nüchtern 
zu gemessen. 2 Die von vielen getheilte Ansicht, dass das jüngste 
Gericht im Thale Josephat stattfinden würde, verwirft er: vielmehr 
sei es im Himmel zu erwarten. 11 Die Ehelosigkeit der Priester und Dia- 
konen betrachtet er nur als kirchliche Gewohnheit. 4 Von dem heiligen 
Petrus bemerkt er, dass derselbe zwar 25 Jahre Bisehof in Rom ge- 
wesen, aber nicht über fünf Fuss breit Landes verfügt habe, nunmehr 
aber verfüge er über ein grosses Reich an Landgütern und Knechten 
durch die ganze Welt und ähnlich wie er andere Heilige um der 
Liebe Gottes willen. 5 

Dass nach der historischen auch die allegorische Erklärung zu 
ihrem Rechte kommt, lässt sich voraussetzen und in ihr spielt 
namentlich die beliebte Zahlensymbolik eine grosse Rolle. So wird 
die Heiligkeit der Vierzahl erhärtet durch die 4 Evangelien, 4 Himmels- 
gegenden, 4 Elemente, 4 Ströme des Paradieses, 4 Buchstaben des 
Namens Adam u. s. w. , die der Zwölfzahl durch die 12 Monde, 
12 Stunden des Tages und der Nacht, 12 Unzen im Pfunde, 12 Stern- 
bilder im Thierkreise, 12 Stämme Israel und 12 Apostel. Die 4 Kriegs- 
knechte theilten die übrigen Gewänder Christi und loosten um den 
ungenähten Rock: dies bedeutet, dass das Evangelium an allen 4 Enden 
der Welt verkündet werden soll, während die Kirche eine einige und 
ungetheilte für den ganzen Erdkreis ist. Solche und ähnliche Deu- 
tungen sind jedoch Christian nicht eigen thümlich , sondern von ihm 



1 C. 56 (col. 1476): 'Hoc est corpus meum: itl est in sacramento. . . non in- 
convenienter sanguis Christi per hoc (seil, vinum) figuratur . . transferens spiritaliter 
corpus in panem, vinum in sanguinem' etc. 

2 Ibid. col. 1477: 'Post vero cum venerunt Hebraei ad communicandum , tunc 
praeeeptum est in synodo., ut unusquisque homo . . prius reficiatur de eibo spiritali 
et postmodum de temporali'. 

3 Ib. col. 1469: -Multi autem putaverunt in valle Iosaphat . . futurum esse 
iudicium, sed nequaquam verum est' etc. 

4 C. 42 (col. 1415): 'Et ideo non est necesse per coniugatos ministeria dei 
administrare '. 

5 C. 26 (col. 1344): "nun tarnen vel quinque pedes de terra sibi in potestate 
habuit'; c. 43 (col. 1421): 'Nunc quoque magnum regnum habet (sc. beatus Petrus) 
de villis et servis per omnem mnndum et ipsi et omnes saneti propter amorem dei . 



950 Sitzung der phil.-hist. Gasse v. 17. Juli. — Mittheilung v. 22. Mai. 

nur entlehnt, wie er denn seine Quellen im Einzelnen nicht namhaft 
zu machen pflegt. 

In seiner Vorrede spricht Christian davon, dass er vielleicht auch 
noch Auslegungen zum Lucas und Johannes abfassen wolle, während 
es für Marcus nach Beda vollkommen überflüssig sei. Zum Lucas 
habe er vergeblich einen Commentar des Beda gesucht und nur IIo- 
milien gefunden und zum Johannes dein Adler nähme Augustinus als 
Ausleger einen zu hohen Flug, so dass er für die schwächeren als 
Erklärer nicht ausreiche. In der That sind uns nun unter dem 
Namen Christians Auslegungen zu jenen beiden andern Evangelisten 
überliefert, in ihrer Kürze aber erscheinen sie neben dem zum 
Matthäus nur wie dürftige und unzusammenhängende Auszüge. ' 
Wenn man daher auch nicht berechtigt ist, sie Christian abzu- 
sprechen, so können sie in dieser Gestalt schwerlich als fertige 
Werke gelten. Vielleicht handelt es sich um unvollständige Nach- 
schriften nach seinen Vorträgen. 

Die erste Ausgabe Christians veranstaltete zu Strassburg in Folio 
der bekannte Humanist Jakob Wimpheling aus Schlettstadt im J. 1514. 
Sie füllt mit der angehängten Schrift des Erzbischofs Martin von 
Braga an den König Miro 102 Blätter und umfasst auch die Com- 
mentare zum Lucas und Johannes. Diesen folgt eine nur dort vor- 
handene Homilie über das 13. Capitel des Matthäus, die wohl eben- 
falls von Christian herrührt. Über ihre handschriftliche Grundlage 
wissen wir nichts. Dem mit dem päpstlichen Wappen Leos X. ge- 
schmückten Titelblatte, auf dessen Rückseite ein Privilegium Maxi- 
milians steht, folgen 2 Widmungen, die erste an den Heidelberger 
Professor Georg Nigri ex lapide leonis. die andere an den Strass- 
burger Johannitercomthur Balthasar Gerhard. In der ersten rühmt 
der Herausgeber die Vorzüge Christians aufs lebhafteste und erklärt 
ihn für einen Schriftsteller, der eifrig gelesen zu werden verdiene. 
Das Werk ist bei ihm in 73 Capitel eingetheilt, deren Überschriften 
voranstehen. Ausser einem Register hat er nur einen Holzschnitt 
der Kreuzigung hinzugefügt. Diese jetzt ausserordentlich seltene 
editio prineeps ist die Grundlage aller weiteren Abdrücke in den 
Sammlungen der mittelalterlichen Kirchenschriftsteller, von denen 
die letzte sich in Mignes Patrologia. lat. t. 106 (a. 1851) findet. Es ist 
daher unrichtig, wenn sowohl Wetzers und Weltes Kirchenlexikon 



1 Vergl. oben S. 943 A. 1. Wie aber den Honig, so steht auch über die Heu- 
schrecken an beiden Orten Widersprechendes, eol. 1291: 'Sed tarnen in illa terra 
majores (sc. locustae) quam in nostra inveniuntur ' ; eol. 1520: ' Locus tae sunt in ipsa 
terra nhniinuin genus, quarum corpuscula in modum digiti manus exilia et lirevia 
sunt' etc. Vergl. Hist. liter, de la France V. 88. 



DüMmi.iit: Über Christian von Sta> elot und seine Auslegung zum Matthäus. 951 

(2. Aufl. III, 2089) als Herzogs Realencyklopädie fiir protestantische 

Theologie (2. Aull. III, 722;, die sich auf jenes zu stützen scheint, 
Sie für »verloren gegangen« oder »soviel wie verschwunden« er- 
klären, da ja ihr Inhalt sich sowohl unmittelbar wie mittelbar er- 
halten hat. 

Auf Wimpheling folgte 1530 der Protestant Menrad Molt her, der 
bei Johann Secerius zu Ilagenau Christians Commentar in klein 
Octav auf 343 Blättern abdrucken liess nach einer, wie er behauptet, 
unleserlich und fehlerhaft geschriebenen Hs., die er ex divi Andreae 
apud Vangionum Vormatiam bibliotheca entliehen hatte. Von der 
früheren Ausgabe, obgleich sie ebenfalls im Elsass erschienen war, 
wusste er nichts, glaubte vielmehr der erste Herausgeber zu sein. 
Voran geht bei ihm ein elegisches Gedicht an den Dr. med. Johann 
Locer aus Horb , den Leibarzt des Pfalzgrafen, und eine Widmung an 
den Probst Rudiger von Weissenburg. In der letzteren verbreitet er 
sieh über Christian, dem er ein ingenium mire dextrum candidumque 
nachrühmt, seine Auslegung zum Matthäus nennt er venustam eru- 
ditam perspicuam facilem atque in hoc genere piissimam und meint, 
scriptorem hunc plus in recessu quam fronte promittat habere. Die 
Capiteleinth eilung ist dieselbe wie bei Wimpheling, allein es fehlen 
nicht blos die Commentare zum Lucas und Johannes, sondern an 
dem zum Matthäus das letzte Stück des letzten Capitels, welches 
eine längere, eigentlich nicht zur Sache gehörige Erzählung über die 
Synode von Chalcedon (den Streit mit Eutyches) 1 enthält, so dass es 
sich nicht um eine unvollständige Hs., sondern um eine andere Re- 
daction zu handeln scheint. Molther hat am Rande seiner Ausgabe 
dem Texte eine Reihe von Verweisungen hinzugefügt," wodurch er 
die Herkunft einzelner Stellen aus Origenes, Chrysostomus , Gregor 
und Augustinus andeutet. Auch diese zweite Ausgabe Christians ist 
jedenfalls sehr selten und die Annahme, dass ihr Text in die Samm- 
lungen der Väter übergegangen sei, eine völlig irrige. Es ist be- 
merkenswerth , dass ein Humanist und ein Anhänger der Reformation 
mit gleich warmer Empfehlung unseren Christian zuerst durch den 
Druck vervielfältigten und beide ihm noch einen unmittelbaren Werth 
für ihre Zeit zuschreiben wollten. 



1 Molther schliesst 1'. 343 mit den Worten: 'Ecce ostendit duas silii messe 
aaturas, uuam quae recedebal corporis, alteram quam pollicebatur id esl divinitatis' 
(col. 1502 bei Migne). 

- S11 heisst es bei ihm f. 23' 'Ex Origenis Homelia', f. 25 und 25' 'Ex Ori- 
gine', f. 44, 52', 66' 'Verba divi Gregorii' oder bloss 'Gregorii', f. 89 'Ex Augu- 
stiiid'. 92 'Ex Origine', 133' 'Haec ex Chrysostomo ' , f.235' 'Haec apud Lactan- 
tium et Augustinum de civitate Dei', f. 239' 'Ex Chrysostomo haec sententia', 
286' -Yerba Gregorii'. An allen diesen Stellen nennt Christian selbst keine Quelle. 

Sitzungsberichte 1890. 81 



952 Sitzung der phil.-liist. Classe v. IT. Juli. — MittheiluDg v. 22. Mai. 

Über die Wiener Hs. Christians hat Denis (Cotld. manuscr. bibl. 
Vindobon. I, i, 297 — 303), ausführlich berichtet, die Münchener habe 
ich selbst eingesehen und stellenweise verglichen. 1 Beide enthalten 
auch die Commentare zum Lucas, nur die Wiener den zum Johannes, 
und ihr Text stimmt mit der editio princeps wesentlich überein. 
Über die von Sixtus von Siena entdeckte Hs. der Franziskaner zu 
Lyon ist Näheres nicht bekannt, da nur eine Stelle daraus angeführt 
wird. Man könnte an ihrer Existenz zweifeln. 



1 Jene, Nr. 724 (Theol. 122) saec. X fol., enthält auf 286 Blättern nur die Werke 
Christian's. Diese, bezeichnet 14066 (S. Emmerainmi) saec. XI. von mir hie und da 
verglichen, enthält auf 192 Blättern ebenfalls die Werke Christian's. Auf f. 1 lautet 
die Ueberschrift 'Incipit prologus Christiani', f. 2 'Incipiunt capitula de euuangelio 
secundum Matheum ' (sie reichen bis LX1 'De reddendo que dei sunt'), f. 2 ' 'Expli- 
ciunt capitula. Incipit euangeliiun secundum Matheum'-. f. 182' 'Explicit commentum 
Christian) super Matheum. Incipit alind super Lucam'; f. 192' 'Explicit commentum 
super Lucam', woran sich einige Worterklärungen schliessen. Die Capitel stimmen 
nicht ganz mit den Drucken üherein. SO werden vorn _s und 6 zusammengefasst anter 
der Ueberschrift: 'De baptizatione domini. De temptatione dumini'. dagegen auf 
f. 26 das letztere wieder als besonderes Capitel betrachtet, 



Ausgegeben am 24. Juli. 



...'.im 'ki in da Reicliidrucke 



953 

1890. 

XXXVIII. 

SITZUNGSBERICHTE 

DER 

KÖNIGLICH PREUSSISCHEN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN 

ZU BERLIN. 

'24. Juli. Gesammtsitzung. 

Vorsitzender Secretar: Hr. Curtius. 

PIr. Kundt sprach über das optische und elektrische Ver- 
halten dünner Metallschichten und legte, die folgenden im physi- 
kalischen Institut der hiesigen Universität ausgeführten Arbeiten vor: 

1. H. E. J. Gr. du Bois und II. Rubens, Brechung und Disper- 
sion des Lichts in einigen Metallen. 

2. L. Arons, Beobachtungen an elektrisch polarisirten 
Pia t inspiegeln. 

Beide Mittheilungen erfolgen umstehend. 



Von der physikalisch -mathematischen Classe sind bewilligt: 
3000 Mark dem Königl. Forstassessor Hrn. Dr. A. Möller in Berlin 
zu einer Reise nach Süd-Brasilien behufs Ausführung mykologischer 
Studien; 500 Mark dem Privatdocenten Hrn. Dr. J. Linck zu Strass- 
burg i. E. zur petrogenetischen Untersuchung einer Gesteinsinsel des 
obern Veltlins; iooo Mark dem Privatdocenten Hrn. Dr. 0, Hamann 
in Göttingen zur Fortsetzung seiner Untersuchungen über Echino- 
rhynchen; von der philosophisch -historischen Classe 500 Mark dem 
Oberlehrer Hrn. Dr. G. Bauch in Breslau für bibliothekarische For- 
schungen zur Geschichte des deutschen Humanismus. 



Sitzungsberichte 1890. 82 



955 



Brechung und Dispersion des Lichts in einigen 
Metallen. 

Von Dr. H. E. J. G. du Bois und Dr. II. Rubens 

z. Zt. in Berlin. 



( Vorgelegt von Hrn. Ki \i> r.i 



(Hierzu Tal'. VI.) 

i. üiinleitung. In zwei grundlegenden Abhandlungen 1 hat 
Hr. Kundt eine Methode beschrieben, mittels äusserst dünner Prismen 
die Gesetze der Lichtfortpflanzung in den Metallen zu erforschen. An 
der Hand dieser Methode ist es ihm gelungen , für eine grössere Reihe 
von Metallen den Brechungsindex für senkrecht durchgehendes Licht, 
den ungefähren Betrag der Dispersion, sowie den Einfluss der Tempe- 
ratur auf ersteren zu ermitteln. Um überflüssige Wiederholungen zu 
vermeiden, werden wir uns in dem Folgenden häufig mit Hinweisen 
auf jene überall zugänglichen Arbeiten begnügen. 

2. Wir haben, unter Beibehaltung der Methode, auch bei schiefem 
Durchgang des Lichts Beobachtungen angestellt, um daraus zunächst 
für einige wenige Metalle eine empirische Brechungsregel abzuleiten. 
Ferner haben wir es versucht die Dispersion unter Benutzung von 
vier spectral wohl definirten Lichtgattungen möglichst genau zu be- 
stimmen. Dabei beschränkten wir uns auf die experimentelle Unter- 
suchung von Eisen, Cobalt und Nickel, und zwar aus folgenden Gründen. 

Einmal haben Hr. Lobach 2 und der Line von uns 3 Werthe für 
die Dispersion des KüNDT'schen bez. KEKit'schen magnetooptischen 
Phaenomens in eben diesen drei Substanzen geliefert; diese Zahlen 
beziehen sich auf dieselben, nun auch von uns angewandten Licht- 
gattungen. Wir hoffen auf diese Weise zur experimentellen Beschaffung 
streng vergleichbarer metalloptischer Constanten einiges beizutragen. 

1 Kundt, diese Berichte Fein'. [888 S. 255 und Der. [888 S. [387; im Fol 
als (A) bez. (B) citirt. Abgedruckt in Wied. Ann. 34 S. 469, [888 und 
1889. Übersetzt in Phil. Mag. [5] 26 S. 1, 1888. 

- Lobach, [nauguraldiss. , Berlin 1890. Wied. Ann. S. 35 1 90 

: ' 1.1 Bois, Wied. Ann. 38 S. 38, 1890. Phil. Mag. [5] 29 S. 164, 1890. 

82" 



956 i res; itsitzung i om 2 1. Juli. 

Sodann gehören die genannten Metalle zu denen, deren elektro- 
Lytische Darstellung in keilförmigen Schichten bei hinreichender Übung 
ohne allzu grosse Schwierigkeiten gelingt. Wir glauben deshalb mit 
einiger Sicherheit annehmen zu dürfen, dass unsere Praeparate an Güte 
wenig zu wünschen übrig Hessen. 

Endlich trägt die erhebliche Brechung zur Genauigkeit der Mes- 
sungen sehr bei. Wir werden übrigens gelegentlich das Verhalten 
einiger Edelmetalle mit weit geringerem Brechungsindex zu discutiren 
haben; doch haben wir hierzu nur einige orientirende Versuche an- 
stellen können. 

3. Die Versuchsanordnung war wesentlich die von Hrn. Kundt 
bei seinen Versuchen in Berlin benutzte und von ihm beschriebene 
(B. S. 1389— 91). Die Heizvorrichtung wurde von uns nicht ange- 
wandt, dafür aber einige specielle Vorkehrungen getroffen, welche 
an geeigneter Stelle angegeben werden sollen. Zur Ablesung wurde 
nicht, wie früher, der Th eilkreis des Spectrometers benutzt, noch ein 
Ocular mit Fadenmikrometer. Die Einstellungen wurden statt dessen 
in allen Fällen durch drehen an der Alhidadenschraube des (zehnfach 
vergrössernden) Spectrometerfernrohrs bewirkt; dadurch wurde bei der 
Messung der Prismenwinkel das reflectirte Bild des Fadenkreuzes, bei 
Beobachtung der Ablenkungen das Spaltbild zwischen die Parallel- 
faden im Ocular eingestellt. Während der eine Beobachter diess aus- 
führte, wurde die Ablesung an der Trommeltheilung der Alhidaden- 
schraube vom Andern mittels eines Hülfsfernrohrs vorgenommen: es 
entsprach ein Trommeltheil einer Drehung der Fernrohraxe um 4'.'2o. 

Prismenwinkel und Ablenkungen sind im Folgenden stets in 
Bogensecunden angegeben, wie sie aus 20 Einstellungen erhalten 
wurden. Im allgemeinen wurde vor jedem solchen Satze die Güte 
der Collimirung geprüft, und zwar durch Beobachtungen an den 
seitlichen unbelegten Fenstern, in der von Hrn. Kundt (B. S. 1390) 
vorgeschriebenen Weise. 

4. Controlversuche sind von Hrn. Kundt in erheblicher An- 
zahl angestellt worden (A. S. 263 — 265). Wir haben daher nur zur 
Prüfung des Collimirverfahrens noch einige Messungen ausgeführt. Eine 
sehr vollkommene . planparallele Platte von Steinheil wurde derart 
mit schwarzem Lack überzogen, dass nur vier, 0T2 breite und i''."o 
hohe Fenster offen blieben, die ihrer gegenseitigen Lage nach ebenso 
gruppirt waren, wie die Fenster und Prismenöffnungen unserer Metall- 
praeparate (siehe Fig. 1). Nach der wie üblich ausgeführten Collimi- 
rung an den beiden äusseren Fenstern ergaben die beiden inneren 
nunmehr einen scheinbaren Winkel von o'.'2, eine scheinbare Ablen- 
kung von o'.'4. Eine ganz ähnlich behandelte platinirte Glasplatte 



Di Bois 11. Ri bi fs: Brechung u. Dispers des Lichts in einigen Metallen, vol 

gab anstatt dessen die Werthe 1.3 und i''8; dieselbe war als »mittel- 
mässig« bezeiclmet und weniger eben als irgend eine derjenigen, 
welche unsere Versuchsprismen trugen. Dass letztere Platten mit 
grosser Sorgfalt ausgesucht und mittelst des GAuss'schen Oculars 
geprüft wurden, bedarf kaum der Erwähnung. 

Da die Winkel der untersuchten Prismen zwischen 15" und 25" 
lagen, 1 die Ablenkung aber in weitaus den meisten Fällen über 20" 
(bis zu 200", vergl. § i 1) betrug, so war nach den oben angeführten 
Zahlen die Collimirungsmethode für unsere Zwecke genügend. Was 
die Bestimmung der Ablenkungen betrifft, so bemerken wir noch, 
dass diese nicht durch wiederholte innere Reflexion getrübt sein kann. 
Waren doch die Prismen stets so dick, dass eine dreifach stärkere 
Schicht undurchsichtig gewesen wäre. 2 

5. Eine allgemeine Schätzung der erreichten Genauigkeit ist 
undurchführbar; denn es hat ein jedes Prisma seine besondere Indi- 
vidualität, welche darauf den grössten Einfluss übt. Wir haben da- 
her ausser den endgültigen Werthen auch detaillirtes Beobachtungs- 
material mitgetheilt (Tab. 1 und 3), welches für die Beurtheilung 
unserer Messungen einen Anhaltspunkt bieten soll. 

Unsere Prismen wurden stets in Exsiccatoren verwahrt. Bei 
dieser Behandlung lässt ihre Haltbarkeit nichts zu wünschen übrig. 
Beispielsweise fanden wir Prismenwinkel und Ablenkung eines Cobalt- 
prismas (Co 111). welches sechs Monate unberührt gelegen hatte, inner- 
halb der Fehlergrenzen unverändert. Dasselbe, war nach vier Monaten 
der Fall bei einem Eisenprisma (Fe III). dessen Lackblendung über- 
diess entfernt und durch eine neue ersetzt worden war : nebenbei ein Be- 
weis für die Ebenheit der Flächen, da bei der neuen Blendung sicher- 
lich nicht genau dieselben Flächenstücke blosslagen wie bei der alten. 

Noch sei erwähnt, dass gelegentlich an unseren Prismen auf 
einem Spectrometer von Schmidt und FIaenscii von Hrn. Shea im 
hiesigen Institute Versuche angestelll sind: dieselben ergaben dann 
immer eine sehr befriedigende Bestätigung unserer Resultate. 

I. Die Brechung. 

6. Messungen der Ablenkung bei schiefem Durchgang des Lichts 
durch die Prismen würden an sich wenig Interesse geboten haben. 



1 Eine einfache Rechnung /.eint, dass die Benutzung von Prismen mit erheblich 
grösserm Winkel ausgeschlossen ist. wenn man die dünnste Stelle 3 • io — "cm, die 
dickste < 13 • io — ß cm halten will; die mittlere Prismenbreite kann dabei auf "." 1 5 ge- 
schätzt werden. 

- Vergl. Wernicke , Pogg. Ann. 155 S. 88, 1875, auch Rathenau, Inauguraldiss. 
Berlin iSyo. 



9öS Gesammtsitzung vom "24. Juli. 

Es lag uns daher zunächst oh. aus dem Gange dieser Messungen 
in unbefangener Weise zu der Beziehung zu gelangen, welche zwischen 
den Neigungen der Wellenfront im Metall bez. in der Luft zur Grenz- 
ebene beider Medien stattfinden muss. Dabei sollte jegliche Neben- 
hypothese vermieden und auch eine Stütze an einer der gegenwärtig 
bestehenden optischen Theorien nicht gesucht werden. Inwiefern wir 
auf dem so vorgeschriebenen Wege zum Ziele gelangt sind, wird die 
folgende Behandlung des gestellten Problems zeigen müssen. 

7. Bezeichnungen. Zunächst sei bemerkt, dass immer mit 
genau parallelem Licht beobachtet wurde, wir es mithin stets mit 
ebener Wellenfront zu thun haben, deren Normale wir in Bezug auf 
ihre Richtung in's Auge zu fassen haben. Die Winkel dieser Rich- 
tungen mit den Normalen auf den die Luftseite begrenzenden Prismen- 
tlächen seien im Metalle mit /,„ . in Luft mit i bezeichnet. Es sind 
diess auch die Neigungen der Wellenfronten zu beiden Seiten der Grenz- 
ebene Metall-Luft. Für den Brechungsindex wählen wir das übliche 
Symbol n\ derselbe hat einen strengen physikalischen Sinn nur dann, 
wenn das SNELLics'sche Sinusgesetz genau oder mit unendlicher An- 
näherung gilt (vergl. 1 2). 

Den mittels GAtiss'schen Oculars direct gemessenen Normalen- 
winkel heider Prismenflächen nennen wir in Anlehnung an Hrn. Kundt 
den »Prismen winkel« ß; derselbe ist die Summe der Winkel beider 
Prismen. Der Winkel zwischen zwei, durch je ein Prisma gegangenen, 
ursprünglich parallelen Lichtbündeln ist die Ablenkung a. Sowohl 
a. als /3 können für unsern vorliegenden Zweck als unendlich klein 
betrachtet werden, eine die mathematische Behandlung sehr verein- 
fachende Eigenschaft. 

8. Rechenverfahren. In Fig. 1 ist ein Horizontalschnitt unserer 
Praeparate Schema tisch dargestellt. Die Prismenflächen sind 1 und 2 
numerirt und diese Zahlen den betreffenden Grössen als Indices an- 
gehängt. Betrachten wir nun zwei, einander parallele, unendlich dünne 
Lichtbündel 1 und 2, so ist klar, dass dieselben bis in das Metall M 
hinein einander parallel bleiben werden: und zwar etwa bis zu den 
Punkten A, und A 2 , welche den Flächen 1 und 2 unendlich nahe liegen. 
Es bleibt diess offenbar auch dann der Fall, wenn die Glasplatte (resp. 
auch die Platinschicht) keilförmig ist. Auch die Vorgänge an den 
Grenzflächen a, b, c können den Parallelismus beider Bündel in keiner 
Weise beeinträchtigen. Vielmehr geht dieser erst durch die Brechung 
an der vierten Grenze Metall-Luft verloren. Daher ist es dieser letzt«» 
Grenzvorgang und kein anderer, den wir durch unsere Versuche näher 
kennen lernen werden. Durch ihn muss i eindeutig bestimmt sein, 
wenn i m gegeben ist. Für unsern Zweck empfiehlt es sich jedoch 



dv Bois ii. Ri bens: Brechung u. Dispersion des Lichts in einigen Metallen. 959 

eher i als unabhängige Variabele zu betrachten, da letzterer Winkel 
der direct gemessene ist. 

Wir setzen daher i m =f(i), eine /.war vorläufig unbekannte, aber 
offenbar einwerthige ungerade Function. Ans der einfachen Betrach- 
tung der Fig. i folgt jetzt sofort: 

/,„. di m = ß 



>„ 



Daher 



und i 2 /, dl = a. -\- ß. 

</< M .... 

./ (*) 



und 

(i) /(«•) 



' 0<ft' 



* + /3 



y. Aus unseren Messungen kennen wir nun die Werthe von a, 
daher auch von ß [ (ot, -\- ß) für eine Reihe von Werthen von i. Wir 
erhalten somit in gewissem Sinne eine experimentelle Differential- 
gleichung einfachster Art, die wir nur zu integriren brauchen um 
zu der gewünschten Beziehung zwischen i m und i zu gelangen. Das 
halten wir in der That ausgeführt. Zu den Abscissen i wurden Werthe 
von ßj(a.-\-ß) als Ordinaten aufgetragen, durch diese Punkte eine 
glatt verlaufende Curve gezogen, und durch graphische Quadratur die 
Werthe des Integrals /(t) ermittelt: und zwar davon ausgehend, dass 
f(o) = o ist, was schon aus Gründen der Symmetrie zutreffen muss. 

10. Wenn die Prismen aus gewöhnlicher, durchsichtiger Substanz 
vom Brechungsindex n gebildet wären, so gälte das SNEmus'sche 
Gesetz: es wäre 

(2) /„, =/(/) = aresinf- - 

Daraus erhielte man dann durch Differentiation die beiden expli- 
citen Gleichungen 



(3) n =■■ 1/ ]l -p + 1 J cos i \ + sin 2 i 



ß 



und 



n { Vn 2 — sin" i 
(4) * = ß — —^~ ~ ! 



welche im Folgenden wiederholt zur Rechnung benutzt werden, je 
nachdem ausser i und ß entweder a. oder 11 als bekannt angenom- 
men werden. Die Discussion der Gleichung (3) ergibl noch, dass beim 
Minimum der Ablenkung (für i = o) 



flfiO 



i resatnmtsiteuns vom 24. Juli. 



(5) 



a = ß(n — i) 



oilcr ii 



ß 



wird und sich daher in dessen Nähr wenig ändert (vergl. A. S. 259). 
Wenn i sich dem Werthe 90 nähert, so strebt a dem Werthe 00 
zu, wenigstens so lange « > 1 ist, also keine Totalreflexion eintritt 
(vergl. 1 5). 

11. Die Versuche wurden damit begonnen, dass das Prae- 
parat vertical auf dem Spectr'ometertischchen befestigt wurde. Mittels 
der vorhandenen Kreistheilung konnte der Prismennorinale jede be- 
liebige Neigung links (+) oder rechts (— ) von der Fernrohraxe er- 
theilt werden. Nach einigen orientirenden Vorversuchen haben wir 
regelmässige Messungen angestellt bei .i = o°, 30 , 40 °, 50 , 55 , 
60 °, 6 5 , weil in diesen Intervallen die Zunahmen der Ablenkung 
einigermaassen gleichmässig erfolgten. In einigen Fällen konnten 
wir noch bei 70 Neigung beobachten; die Ablenkungen sind dann 
schon sehr beträchtlich, so erhielten wir mit einem Cobaltprisma 
nahezu 200", also über drei Minuten. Jedoch wird dann die Pro- 
tection der Prismenfläche auf das Fernrohrobjectiv zu schmal und 
dalier das Spaltbild sehr durch Beugung verwaschen, so dass Messun- 
gen schwierig und trotz der erheblichen Ablenkung ungenau werden. 



Tabelle 1 , 
(Prisma Fe III.i 



Ablenkung a bei der Neigung i: 

jQ° j .+ 40° | .+ 50 | +. 55 I _± im 1 ' 









D U 


B 


I s 








n'<: i 


5 ' "4 


63-7 


747 




91 "6 


io5"3 


'-'-"5 


>4/'° 


25 


50.7 


°7-5 


72.2 




107.2 


105.7 


122.8 


'59-5 


2 5-5 


50.4 

12.0 
















2 5-7 


51.1 


65.6 


73-5 




99.4 


i°5-5 


122.7 


'53-3 



5 1 7 



I! U B K N S 



-7" s 


5 '"5 




74"9 


88T5 


"4"4 


1 i9-'S 


>55"5 


234 


51.2 


70.2 


7'-4 


io6.8 


'03-7 


'37-9 


'53-5 


26.4 


53-' 
















-1 


67.9 


73.2 


97-7 


1 09. 1 


128.7 


>54-5 



•" 



Mitte] w e r t h e 
73-'3 9 8 -5 



107:3 



153 g 



Die Lichtquelle zu diesen Beobachtungen war ein Zirkonbrenner 
mit vorgesetztem rothen Glase. Beispielshalber geben wir in Tabelle 1 



dc Unis ii. Rubens: Brechung u. Dispersion des Lichts in einigen Metallen. 96,1 

eine vollständige Beobachtungsreihe wieder. Wie ersichtlich, be- 
stimmte jeder Beobachter (aus 20 Ablesungen) eine Ablenkung bei + 
und eine bei Neigung, welche im allgemeinen wesentlich dieselben 
Werthe ergeben. Der Winkel /3 wurde von jedem von uns dreimal, 
die Ablenkung bei senkrechtem Durchgang viermal gemessen, wegen 
des vorwiegenden Einflusses dieser Werthe auf die Endresultate. Die 
Mittelwerthe beider Beobachter sind für die Rechnung verwert het. 

Wir haben uns hier für jedes Metall mit der Untersuchung eines 
einzigen Prismas begnügt, während wir zu den Dispersionsmessungen 
je drei Prismen benutzten. Ebensowenig wie bei letzteren eine Ab- 
hängigkeit vom Prismenwinkel hervortritt (§ 18), dürfte diess hei 
schiefem Durchgang der Eall sein; und zudem war es uns hier weniger 
als dort darum zu thun durch Häufung der Langwierigen Beobach- 
tungen möglichst genaue Constanten zu erhalten. 1 

Tabelle 2 . 

(»Rothes" Licht.) 







Prisma 


Fe III: p-- 


-?":■ " 


3.06. 






u heult. 


5 1 "7 




73-3 


Q8"5 


107-3 


125-7 




u (Snell.) 


53-o 


64.O 


74 -7 




106.4 


< 2 5-3 


152.0 


11. ber. 


\ 3-oi 


3-15 


3.02 J 


3.20 


3.08 


3.07 


3.09 


i m , integr. 


' 


9-3 


12.0 


14:4 


15 -l 


.6:3 


'7 1 


1 I^M 1 1 1 





9.4 


1 1.1 


14-5 


'5-5 


11 1.4 


'7 ' 


Diff. 


— 


— 0.1 


— 0.1 


— 0.1 


— 0.1 


— 0.1 


— 0. 1 







Prisma 


Co III; ß = 


23"6; 11 = 


3.10. 






a beob. 


47-o 


6iTa 


72.2 


95" 1 


1 1 3"o 


124:0 


1 5-4 


a (SSELL.) 


49.7 


59-9 


70.0 


86.9 


99.6 


117.2 


142.11 


//. ber. 


1 3-o° 


3->5 


3-'7 ! 


3-3 2 


3.42 


3.24 


3.28 


i m . iutegr. 





9 - 


n?8 


i4?o 


i4°9 


'5 7 


i6? 4 


i m (Snell.) 





9-3 


11.9 


i+3 


'5-3 


[6.2 


17.0 


Diff. 


— 


— 0.1 


— 0.1 


— 0.3 


— 0.4 


— 0.5 


— 0.6 







Prisma 


Ni III; ß = 


277 : n = 


'•93- 






u, beob. 


-7"5 


3>-3 


3 £8 


51:0 


61 "2 


■S4'4 


"44 


a (Snell.) 


25.8 


3'-9 . 


38.2 


48.6 


56.7 


67.9 


83.9 


n , ber. 


! '-98 


1.91 


1.90 j 


1 .98 


2.02 


2.20 


2.35 


',„ • integr. 


0° 


■47 


ei - 


23?] 


2 4 ?8 






i m (Sm 1 i,-| 





15.0 


.9.5 


23.4 


25.1 


26.6 


28.O 


Diff. 


— 


— 0-3 


— 0-3 


— o-3 


— 0.3 


— 0.4 


— 0.7 



12. Die Resultate sind für alle drei Metalle in Tabelle 2 nieder- 
gelegt. Aus den beobachteten a (erste Horizontalzeile eines jeden 



Vergl. übrigens die im letzten Absätze des § 5 erwähnte, hier geübte', Controle. 



'.)()2 Gesammtsitzung v 24. Juli. 

Tabellenabschnitts) sind zuerst nach Gleichung (3) Werthe für n be- 
rechnet (Z.3); und zwar geschah diess nur. um zu entscheiden, ob 
etwa das Gesetz von Snelliüs Geltung habe. Für Nickel nehmen nun 
die n bei wachsendem i zuletzt unzweifelhaft zu: dasselbe tritt bei 
Cobalt ebenfalls hervor, wenn auch weit weniger ausgeprägt. Bei 
Eisen liegen die beobachteten Abweichungen vom SNELLius'schen Ge- 
setze sämmtlich innerhalb der Fehlergrenze. Indessen ist, anzunehmen, 
dass letzteres Metall sich in dieser Hinsicht nur quantitativ, nicht 
qualitativ, von den beiden verwandten Substanzen unterscheidet. 

Zugleich mit der Constanz verliert nun aber// auch seinen physi- 
kalischen Sinn (7.): auch haben wir die variabelen Werthe nur des- 
halb angeführt, um ihre weitere Ausserachtlassung zu motiviren. Die 
nunmehr nachgewiesene Abweichung der Metalle vom Sinusgesetz be- 
ginnt erst bei Neigungen über 40° schärfer hervorzutreten. Wir 
glauben den Gang dieser Abweichung klarer darstellen zu können, 
wenn wir das Verhalten eines jeden Metalls mit demjenigen einer, zu 
diesem Zweck eingeführten, idealen durchsichtigen Substanz vergleichen. 
Und zwar soll letztere durch den Brechungsindex charakterisirt sein, 
welchen man als Mittel aus den bei o°, 30° und \o { Neigung für 
das Metall gefundenen, innerhalb der Fehlergrenze gleichen n erhält. 

Wir haben nun für diese fietiven Substanzen a und /',„ nach den 
Gleichungen (4) und (2), d. h. also nach dem SNELtius'schen Gesetze 
berechnet (Horizontalzeile 2 und 5). Endlich sind die durch die 
graphische Integration gewonnenen Werthe von /„, für das Metall in 
Z. 4 verzeichnet. 

Der besseren Übersicht wegen haben wir den Inhalt der Tabelle 2 
auch graphisch dargestellt (Fig. 2 und 3). In ersterer sind die a als 
Function von 1 aufgetragen ; und zwar beziehen sich die gestrichelten 
Curven auf die idealen Substanzen, die gebrochenen Geraden auf die 
Metalle. 1 Bei Eisen tritt eine Abweichung beider Linien kaum hervor. 
bei (bbalt und besonders bei Nickel dagegen sehr deutlich. 

Ebenso gibt Fi-;-. 3 die Beziehung zwischen /',„ (Ordinate) und i 
(Abscisse); die gestrichelten Curven betreffen wieder die ideale Sub- 
stanz. Die Punkte O. welche sich auf die Metalle beziehen, liegen 
alle etwas mehr nach der Seite der Abscissenaxe , was nur in der 
kleinen Zeichnung nichl sehr deutlich hervortritt. 

13. Zusammenfassung. Folgendes glauben wir nun als fest- 
gestellt hervorheben zu können. 



Wegen des nahe gleichen Verhaltens von Co und Fe, mussten in sämmtlichen 
Fig. 2 1 die Ordinaten der Eisencnrven von der höher gelegenen Hülfsabscissenaxe 
:il> gezählt werden, um einer Verwirrung mit den Cobaltcurven vorzubeugen. 



Di Bois ii. Ri im ns: Brechung u. Dispersion des Lichts in einigen Metallen. 963 

I. Bei dem Austritt aus Fe, Co und Ni (und voraussichtlich 
einer Reihe anderer Metalle) in Luft folgt das Licht bei geringen A.us- 
trittswinkeln zunächst inst genau dem Snemji s'schen Sinusgesetz. 1 

Es ist daher durchaus statthaft aus Beobachtungen bei nahe 
senkrechtem Durchgang, aber auch nur aus solchen, einen Index ab- 
zuleiten, wie Hr. Kundt es zuerst gethan hat. Auf dieses Verhalten 
»rundet sich : 

II. die mathematische Definition des Brechungsindex solcher 
Metalle als lim (sin/ sin /„,). 

i 

Der Ausdruck in Klammern unterscheidet sich aber für die von 
uns untersuchten Metalle seihst bei beträchtlichen Werthen von i nur 
wenig von seinem Grenzwerthe. 

III. Von den durch diesen Brechungsindex charakterisirten idealen 
Substanzen weichen nun die Metalle bei zunehmender Neigung in dem 
Sinne ab, dass einem gegebenen i m ein grösseres i, bez. einem ge- 
gebenen i ein kleineres l m entspricht. 

Die Werthe der übrigens geringen Abweichungen gibt unsere 
Tabelle empirisch (Z. 6); sie nehmen für die drei Metalle in der 
Reihenfolge Ni, Co, Fe ab. 

14. Die Beobachtungsmethode. Für die Genauigkeit des 
unseren Messungen zu Grunde liegenden Beobachtungsverfahrens ist 
der Umstand sehr günstig, dass sich aus den starken Abweichungen 
in der beobachteten Ablenkung schliesslich nur geringe Änderungen 
in der endgültig auf dem Integrationswege erreichten Beziehung er- 
geben. 

Für viele Zwecke mehr qualitativer Art dürfte es sich empfehlen, 
überhaupt nur bei grosser Neigung zu beobachten; und zwar ist der 
geeignetste Winkel etwa. 6o°; die Ablenkung beträgt dann etwa das 
dreifache derjenigen bei senkrechtem Durchgang. Die scheinbare 
Breite der Prismen dagegen ist nur halbirt (cos <io° = 0.500). sodass 
noch keine allzu störende Beugung auftritt. Wie gesagt, lassen 
sich alter Brechungsindioes in aller Strenge nur aus Messungen bei 
senkrechtem Durchgang berechnen; diese Beobachtungsmethode h'aben 
wir denn auch für unsere Messungen der Dispersion beibehalten. 

15. Andere Metalle. Obige allgemeine Schlüsse gelten vor- 
aussichtlich nur für solche Metalle, welche, wie die untersuchten, 
einen relativ hohen Brechungsindex haben. Denn ein wesentliches 
Erforderniss für die Gültigkeit des oben ausgeführten scheint uns 
darin zu hegen, dass die. Werthe von /,„, kaum 30 überschreiten, ein 



1 Eine einfache Überlegung zeigt, dass dann dieses Gesetz innerhalb derselben 
Grenzen auch den Austritt in jedes andere durchsichtige Medium beherrschen muss. 



( .l(')4 Gesammtsitzung vom 24. Juli. 

Winkel, dessen Cosinus von der Einheit noch wenig abweicht. 1 Bei 
Fe und Co bleibt /„, sogar unter 20 ; dementsprechend sind auch die 
Abweichungen vom Snellius ' sehen Gesetze bei Ni am grössten. 

Wir haben nun auch theoretische Curven für Silber und Gold 
gezeichnet; zunächst unter der Annahme, dass für diese das Sinus- 
gesetz durchweg gilt; und zwar unter Zugrundelegung der Brechungs- 
indices, welche Hr. Kundt (A. S. 266) angibt: Ag (weiss) 0.27; 
An (weiss) 0.58; An (blau) 1.00. Zu letzterm Werth ist zu be- 
merken, dass ein solches Material überhaupt nie eine Ablenkung 
gibt, folglich immer i m = i bleibt. 

Aus jenen theoretischen, (bis Verhalten von Silber und Gold 
darstellenden Curven (Fig. 3) folgt, dass bei i > 1 5?66 bez. l~> 35?45 
totale Reflexion eintreten müsste; grössere Austrittswinkel in Luft 
wären daher unmöglich. Die Ablenkungscurven der Fig. 2 sind für 
Prismen vom Winkel 25" berechnet: sie sollten eigentlich unter der 
Abscissenaxe liegen, da die Ablenkungen alle negativ werden. Die 
Curven zeigen, dass auch bei diesen Metallen die numerischen Werthe 
von cl mit i zunehmen müsston, um schliesslich bei den oben ange- 
gebenen kritischen Werthen derAbscisse genau den Werth des Prismen- 
winkels ß zu erreichen [vergl. Gl. (4) 1 oj und dort ihren Endpunkt zu 
linden. 

[6. Nun lehrt aber die oberflächlichste Betrachtung, dass man 
durch Silber- oder Goldschichten unter jeder Neigung hindurchsehen 
kann. Es folgt, dass die oben behufs Discussion gemachte Annahme 
des Snellius ' sehen Gesetzes in diesem Falle durchaus unzulässig ist, 
selbst als rohe Annäherung. 

Eine weitere Verfolgung dieser Versuche erschien aus verschie- 
denen Gründen zunächst unthunlich. Es liess sich vorhersehen, dass 
die überaus günstigen Bedingungen, welche unserer Methode bei der 
Untersuchung von Fe, Co und Ni erwuchsen (14), hier in das gerade 
Gegentheil übergehen müssen. Würde es sich doch nunmehr darum 
handeln, aus schwachen Änderungen der ohnediess geringen Ab- 
lenkungen die grossen Abweichungen vom Sinusgesetz, welche ja 
zweifellos bestellen müssen, zu bestimmen. Ohne erhebliche Ver- 
feinerung der Beobachtungen hätten dahin gerichtete Versuche wenig 
Aussicht auf Erfolg geboten. 

Indessen lässt sich über den muthinasslichen Verlauf der beiden 
Silber- und Goldcurven (Fig. 3) einiges vorhersagen. Zunächst tan- 
giren sie die gezeichneten Curven im Anfangspunkte, biegen sich aber 



1 Wie aus Fig. 3 ersichtlich wuchst /,„ nur unbedeutend, wenn i noch von 65° 
bis 90 zunimmt. Wir hätten daher auch kaum etwas Neues erfahren, wenn die 
Neigung über 65 hinaus untersuch! wurden wäre. 



in Bois ii. I; ii js: Brechung u. Dispersion des Lichts in einigen Metallen. !)(!.> 

immer mehr der Abscissenaxe zu und schneiden unter keinen Um- 
ständen die der Letzteren parallele Gerade, welche dem Werthe i m 0,0 
entspricht; denn diess würde die totale Reflexion bedeuten, welche 
eben offenbar nicht eintritt. 



II. Die Dispersion. 

17. Die Versuche mussten, wie bereits bemerkt, beim Minimum 
der Ablenkung ausgeführt werden. In der Spaltebene des Spectro- 
meters wurde ein kleines lichtstarkes Spectrum einer Bogenlampe 
entworfen. Durch geringe Drehung des Collimatorrohrs konnte ,1er 
Spalt auf beliebig vorgeschriebene Spectralgebiete eingestellt werden. 
Zu diesem Zwecke war der Spectrometerkreis durch Beobachtung der 
Spectrallinien von I^i, Na und II so ausgewerthel worden, dass die 
den Wellenlängen von IA-a, 1). F und (i entsprechenden Einstellungen 
ein für allemal bekannt waren. Der Brechungsindex wurde nach 
Gleichung (5) berechnet. 



Tabelle 



II I I! I N 



I,' I II -.. 



Ablenkung «. 

Li a I D 1'' 



Lia 



A Ii I e n k u 11 g 
D I F 









r 


1 i S III 


a Co III 










48-2 


40.'o 




25"! 


2 3 "8 


5 ' "4 


1« 


334 


20"0 


2 1 .8 


46.2 


4' -7 


3(1.4 


29.0 


24.7 


52.0 


45-5 


37-7 


28.4 


19.5 










21.6 










21.2 


47.2 


40.8 


■ 


27. 1 


234 


5'-7 


47.1 


35-6 


24.2 




3- 2 3 


2.92 


2.50 


2.27 


« = 


3.21 


3.02 


2.52 


2.04 










Mit 


cl /( = 


3.22 


2.97 


2.54 


2. Ili 



p [■ i 



Ni II 



<7 r ' 


1 b"7 


11, s 


10'.' 1 


2 3"3 


'9"7 


21:3 




ih" 4 


22.0 


|S.,| 


'5-7 


11.4 


21.8 




14.2 


[6.0 


9.1 


[9.8 


' ' ■ ; 


16.2 


10.7 


Zl.\ 


21.5 


■7-8 




•12.8 


1.8g 


'•77 


1.72 


1.4N 






'•79 


i-75 


'-57 








Mn 


el n = 




'•78 


'■74 


1.52 



Wir geben hier zunächst wieder zwei vollständige Beobachtungs- 
reihen; sie sind in Tabelle 3 eingetragen, welche keiner weiteren 
Erklärung bedarf. Wir untersuchten von jedem Metall drei Prismen. 
um durch Häufung von Beobachtungsmaterial die Resultate von der 
Individualität der Praeparate und sonstigen Fehlern möglichst frei 
zu machen. 



966 



Gesammtsitzung vom 24. Juli. 
Tabelle 4. 



Nr. 


Brechungsind e x n 


Farbe 

I. i 11 i e 


r t ]i 
Li-a 


»rot Ii » 


g elh 
D 


lilau 
F 


\ iolett 
G 


>. X JO'l-lll 


67.1 


64.4 


58.9 48.6 


43-' 



IV 


ß 


3-34 
3.0 1 

3.00 


E i s C 1 


3-03 
2.84 

2.59 


2. Öl 

2 -''3 
2.08 




I 

II 
III 


1 j'.'o 
20.11 
2Ö.0 


2.23 
2.15 
1.78 


Mi 
Mi 


tel -1 

tri B 


3-12 

3.02 


3-o6 


2.72 
2.71 


2-43 
2.40 


2.05 
2.01 



Co 




ß 


3.02 


Inhalt 


2.42 


2.23 




1 




1 3"5 


2.01 


II 




14.5 


3.42 


— 


2.88 


2.41 


2.14 


III 




22.3 


3.22 




2.97 


2.54 


2.[h 


Mittel 


.4. 


3-22 


3-10 


2.76 


2.39 


2.10 


Mi 


tri 


B 


3.22 


— 


2.86 


2.41 


2.1 I 



Ni 


ß 


2.12 


Nick e 


1.89 


1.71 




I 


iC 5 


1 .46 


11 


22.4 


1-93 


— 


1.78 


'•74 


1.52 


III 


27.7 


2.08 




1.85 


1.68 


1.63 


Mittel A 


2.04 


i-93 


1.84 


1.71 


1-54 


Mi 


tel B 


2.02 


— 


1.83 


1.72 


..56 



18. Die Resultate sind in Tabelle 4 niedergelegt; die fettge- 
druckten Werthe bedeuten die arithmetischen Mittel der für die drei 
Prismen erhaltenen Brechungsindices. Darunter haben wir noch Zählen 
angeführt und als Mittel B bezeichnet, welche berechnet wurden in- 
dem wir den an verschiedenen Prismen beobachteten Werthen nach 
Maassgabe der Grösse des Prismenwinkels verschiedenes Gewicht bei- 
legten. Da die Mittel B gegen die Mittel A im allgemeinen keine 
gesetzmässigen U